Die verlorene Generation

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Aber die Folgen der Corona-Politik für Kinder und Jugendliche sind bis heute kein großes Thema. Dabei ist das Bild, das Entwicklungspsychologen zeichnen, düster

In Berlin wurde bis Montag gestritten, wann die Schulen öffnen dürfen. Die Inzidenz in der Hauptstadt liegt bei 35. Die Baumärkte sind offen, auch Cafés und Biergärten kehren zum Normalbetrieb zurück. Wer einen Kabelbinder oder eine Berliner Weiße braucht, kann sich wieder auf eine geregelte Versorgung verlassen. Nur beim Zugang zu Wissen und Bildung war man sich im Senat uneins, wann man die Restriktionen aufheben sollte. Noch vor den Sommerferien? Oder lieber erst danach?

Vor allem die Linkspartei, die in der Landesregierung mit drei Senatoren vertreten ist, stemmte sich gegen die Öffnung. Auch die Schulsenatorin war dagegen. Ein Regelschulbetrieb vor den Ferien sei organisatorisch nicht zu bewältigen. Die Vorkehrungen, die bei einer Öffnung nötig sind, wurden als „zu aufwendig“ empfunden, wie man lesen konnte.

Seit Montag ist klar: Die Schulen müssen aufmachen, dem Unwillen der Landesregierung zum Trotz. Zwei Grundschüler haben das vor dem Verwaltungsgericht erstritten. Schüler, die gegen die Stadt Unterricht einklagen? Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Wir sehen immer deutlicher, was wir den Schwächsten in dieser Gesellschaft in den vergangenen Monaten zugemutet haben. Wir sehen es in der Statistik der Patienten, die bei den Kinder- und Jugendpsychiatern vorstellig werden. Wir sehen es in den Studien der Experten, die damit beschäftigt sind, die seelische Gesundheit zu vermessen.

Es sind erschütternde Zahlen und Berichte. Depressionen, Ängste, Essstörungen – alles hat zugenommen, auch bei den Jüngsten. Und selbst wenn es nicht zu manifesten Störungen kommt, sind die Belastungen enorm.

In der „Berliner Zeitung“ schilderte eine alleinerziehende Mutter, wie sie schier verrückt wird vor Sorge, weil ihr an ADHS leidender Sohn auf der Strecke zu bleiben droht. Über Monate hatte er keinen Lehrer mehr gesehen. Ob ihm der Übergang in die gewünschte Schule nach der sechsten Klasse gelingt, ist ungewiss.

Wem das immer noch zu sehr nach Ausnahmefall klingt, der muss nur, wie ein Kollege der „Frankfurter Allgemeinen“, die Kinder befragen. Was habt ihr die letzten Monate gemacht? Fernsehen geschaut, lautet die Antwort.

Es heißt immer, die Kinder seien unsere Zukunft. Wenn das zutrifft, dann scheint uns die Zukunft nicht sehr zu interessieren. In der Krise tritt alles klarer hervor, dazu gehören auch die Prioritäten einer Gesellschaft. Nach einem Jahr Ausnahmezustand muss man sagen: Ausgerechnet auf die Jüngsten wurde am wenigsten Rücksicht genommen. Auch das ist ein Ergebnis der Corona-Maßnahmen, für die sich manche Politiker jetzt feiern lassen.

Je mehr man liest, desto mehr fragt man sich, warum das Schicksal der Kinder keine Rolle gespielt hat. Wie konnte es passieren, dass alle die Augen verschlossen? Sicher, es gab Stimmen, die sagten, vergesst die Kinder nicht. Die sich gegen Kita- und Schulschließung stemmten. Aber sie sind nicht wirklich durchgedrungen.

Bis heute sind die meisten Bundesländer nicht zum regulären Unterricht zurückgekehrt. „Wechselunterricht“ klingt so freundlich. In Wirklichkeit bedeutet es, dass man die Hälfte des Monats zu Hause bleibt, bevor man zu seinen Freunden und Klassenkameraden zurückgelassen wird. Im Strafvollzug würde man von Hofgang reden.

Ist es übertrieben, wenn man von einer verlorenen Generation spricht? Man macht sich keine Vorstellungen, was es für viele Kinder und Jugendliche bedeutet, ihrem sozialen Umfeld entrissen zu sein. Gerade Heranwachsende brauchen feste Strukturen, einen geordneten Tagesablauf, der ihnen Halt und Orientierung gibt. Kaum etwas ist schädlicher für die Entwicklung, als wenn die Zeit verschwimmt, weil ein Tag in den anderen übergeht.

Vieles wird nicht mehr aufzuholen sein. Es gibt Entwicklungsstufen, die man nicht einfach anhalten kann, um sie später erneut zu starten. Schule ist ja viel mehr als eine Einrichtung zur Wissensvermittlung. Es ist der Ort, wo sich Kinder beweisen und messen, wo sie lernen, Frustrationen auszuhalten, und soziales Verhalten einüben. In manchen Fällen ist es auch der einzige Fluchtraum, der sie vor einer alkoholumnebelten Mutter und einem prügelnden Vater trennt.

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Wie wichtig es sei, das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern, steht in jeder politischen Bewerbungsrede ganz oben, gleich nach dem Klimawandel. Eigenartigerweise waren die sozialen Folgen des Lockdowns kaum ein Thema, auch nicht bei den Leuten, die sonst keine Gelegenheit auslassen, vor der Spaltung der Gesellschaft zu warnen.

In den sozialen Netzwerken machte neulich ein Schaubild die Runde, das die Inzidenz im Kölner Villenviertel Hahnwald (null) dem in der Hochhaussiedlung Chorweiler gegenüberstellte (520). Den Verfechtern eines strengen Lockdowns galt das als Beweis, wie wichtig eine Fortsetzung der Freiheitsbeschränkungen sei. „In wessen Interesse ist es jetzt, über ‚Lockerungen‘ nachzudenken“, lautete ein höhnischer Kommentar.

Tatsächlich verhält es sich genau andersherum: Ein Bundesminister oder auch ein FOCUS-Kolumnist können auf ihren 140 Quadratmetern im Vorort problemlos jeden Lockdown durchstehen. Wenn das Gesetz einen nicht mehr auf die Straße lässt, tritt man eben in den Garten statt auf die Straße. Bei einer fünfköpfigen Familie im Hochhaus sieht die Sache schon ganz anders aus.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt auch für die Frage, welche Einschränkungen man akzeptabel findet und welche nicht. Lediglich zwei Mitglieder des Bundeskabinetts haben kleine Kinder im schulpflichtigen Alter. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Ich bin sicher, dass Angela Merkel das Schicksal der Kinder, die sie der Einsamkeit ihres Zimmers überantwortete, nicht gleichgültig ist. Aber es ist eine Sache, ob man liest, wie Familien zu kämpfen haben, und eine andere, ob man es aus eigener Anschauung kennt.

Selbstkontrolle, Konzentrationsfähigkeit, die Gabe, sich auch ohne Aufsicht sinnvoll zu beschäftigen, sind stark mit Bildungsstand und sozialem Hintergrund des Elternhauses gekoppelt. Wer als Politiker den ganzen Tag mit Leuten zu tun hat, die von Kindheit an gelernt haben, sich diszipliniert zu verhalten, ist versucht, diese Fähigkeit zu überschätzen.

Eine andere Erklärung für das seltsame Desinteresse an der Not der Kinder liegt im Vertrauen auf die segensreiche Wirkung des Staates, das gerade in der linken Bewegung stark ausgeprägt ist. Für einen Linken gibt es im Grunde kein Problem, das man nicht mit Geld und der ausreichenden Anzahl von Sozialarbeitern in den Griff bekommen kann. Wenn sich die Probleme wider Erwarten halten sollten, dann hat man halt nicht genügend Geld in die Hand genommen beziehungsweise Sozialarbeiter in Bewegung gesetzt.

So gesehen sind auch die sozialen Verwerfungen aufgrund des Lockdowns lediglich ein bedauerlicher Missstand, den man schon in der nächsten Legislaturperiode mit einem groß angelegten Umverteilungsprogramm korrigieren wird. Wenn eine Generation von Kindern ein Jahr vor dem Fernseher verbracht hat: eine unglückliche Entwicklung, sicher, aber nichts, was sich nicht mit der entsprechenden Für- und Nachsorge in den Griff bekommen ließe. Dass es Entwicklungsrückstände oder, ganz grundsätzlich, Herkunftsunterschiede geben könnte, die sich nicht beheben lassen, auch nicht mit dem besten Sozialprogramm, ist in dieser Welt nicht vorgesehen.

In Frankreich waren übrigens nur wenige Wochen die Schulen zu. Ab 19 Uhr durfte niemand vor die Tür. Tagsüber konnte man sich ohne triftigen Grund nicht weiter als zehn Kilometer von seiner Wohnung entfernen. Aber der Unterricht war selbst in der dritten Welle fast durchgängig gewährleistet. Jede Nation hat eben ihre eigenen Prioritäten.

Ein Jahr vor dem Fernseher ©Marie Wolf

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