Kategorie: Texte

Unsere Puritaner von links

Die Linke war immer stolz auf ihre Aufmüpfigkeit. Heute richtet die Bewegung ihre ganze Energie darauf, dass Menschen nicht das Falsche sagen. Oder die falschen Witze reißen. Oder die falschen Kostüme zu Halloween tragen. Was ist bloß schiefgelaufen?

Zu den Büchern, die mich durch das Studium begleiteten, gehörte ein schmaler Band mit schwarzem Wachsumschlag, von dem sich in roten Buchstaben der Titel abhob: „Schumann’s Barbuch: Drinks & Stories“.

Das Buch leistete mir wertvolle Dienste. Ich hatte neben dem Literaturstudium einen Job als Barkeeper angenommen, eine Nebenbeschäftigung, die mich viel über das Leben und seine Abgründe lehrte. Als ich mich an der Journalistenschule bewarb, fragte mich einer der Prüfer, wie denn ein Negroni beschaffen sei. Als ich es ihm, auch dank Schumanns Barbuch, erklären konnte, lehnte er sich zurück und sagte: „Wenn das hier nichts wird, haben Sie ja noch einen anderen Beruf in Aussicht.“ Es ist dann zum Glück doch etwas mit dem Journalismus geworden.

Charles Schumann ist heute 78 Jahre alt und wahrscheinlich der berühmteste Barkeeper der Welt. Weil er nichts davon hält, zu Hause seine Zeit zu vertrödeln, steht er nach wie vor in seiner Bar am Münchner Odeonsplatz und kümmert sich um die Gäste. Vor zweieinhalb Wochen habe ich ihn am Flughafen getroffen, er kam gerade aus London, wo er wieder einen Preis entgegengenommen hatte, den Industry Icon Award, verliehen von der Vereinigung „The World’s 50 Best Bars“. Wir teilten uns ein Taxi in die Stadt.

Er habe ein Problem, sagte er, ob ich ihm einen Rat geben könne. Seit dem Morgen gebe es im Netz eine Kampagne, dass man ihm keine Preise mehr verleihen dürfe. Ein paar Aktivisten hatten ein Interview mit der „Japan Times“ aus dem Jahr 2009 ausgegraben, in dem er gesagt hatte, dass Frauen abends nicht hinter die Bar gehörten.

Es war klar, dass der Satz nicht ganz ernst gemeint war, aber das war egal. Charles Schumann hindere Frauen, Geld in der Gastronomie zu verdienen, hieß es jetzt in dem Aufruf. Zwei Tage später veröffentlichte „The World’s 50 Best Bars“ eine „Entschuldigung“: Die Organisation bedaure die „Verletzungen“, die durch die Auszeichnung an Schumann entstanden seien. Man verurteile jegliche Form von „Frauenfeindlichkeit“ und „Sexismus“.

Vor zehn Jahren hat der Münchner Gastronom Charles Schumann also einmal gesagt, dass er Frauen nicht raten würde, ins Bargewerbe zu gehen. Das reicht, um ihn als Feind zu markieren, den man boykottieren muss. Wenn man einen Barmenschen wie Schumann zu einem Symbol im politischen Kampf machen kann, dann kann es jeden treffen, würde ich sagen. Aber das zu demonstrieren ist ja vielleicht auch das Ziel.

Wann ist die linke Bewegung auf den Weg des Pietismus eingeschwenkt? Die Linke, mit der ich aufgewachsen bin, war stolz auf ihre Aufmüpfigkeit und ihren Widerspruchsgeist. Bei den sogenannten K-Gruppen gab es schon damals nichts zu lachen. Wer gläubiger Marxist ist, hält Ironie für ein Zeichen von Dekadenz.

Aber die eigentliche Anziehungskraft der Bewegung beruhte auf dem Regelbruch, der Unangepasstheit, der Aussicht auf ein wildes, ungebärdiges Leben, das sich den Moralvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft verweigerte. Jimi Hendrix, „Easy Rider“ und der ewige Sommer der Liebe: Das waren die Versprechen der Counterculture, nicht eine besonders strenge Befolgung der Sittengesetze. Alles, was vom wilden Leben geblieben ist, ist ein bisschen Haschisch am Abend, und auch das nur, wenn keiner zuguckt.

Die moderne Linke, jedenfalls in ihrem akademischen Teil, scheint vor allem mit der Frage beschäftigt, wie sie dafür sorgen kann, dass niemand vom rechten, also linken Weg abkommt. Ihre ganze Energie ist darauf gerichtet, dass die Menschen nicht das Falsche sagen. Oder die falschen Witze reißen. Oder die falschen Kostüme zu Halloween tragen.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau wurde mit 18 Jahren Verspätung dabei erwischt, dass er während seiner Studentenzeit einmal mit Turban und dunkler Schminke als Aladdin verkleidet bei einem Kostümfest aufgetaucht war. Er hat sich jetzt tausendmal entschuldigt, trotzdem hätte ihn der Vorgang fast die Wiederwahl gekostet.

Der neue Puritanismus stellt besondere Anforderungen an den Menschen, erst recht, wenn er als einflussreich gilt. Als vor einem Jahr Philip Roth starb, der Mann, der mit den Sexszenen in „Portnoys Beschwerden“ 1969 das amerikanische Establishment in Schockstarre versetzte, hieß es in einem Nachruf auf Spiegel Online: Philip Roth, ein bewunderter Schreiber, gut und schön, aber diese Form der Literatur, in der ein alter weißer Mann Frauen als Objekt der Begierde darstelle, gehöre doch der Vergangenheit an.

Ich frage mich manchmal, was im Buchregal einer aufrechten Feministin steht. Jojo Moyes wahrscheinlich oder Nicholas Sparks. Wenn man die heutigen Maßstäbe an die geforderte Harmlosigkeit anlegt, muss vieles raus, angefangen bei Goethe (er 73, sie 17), Thomas Mann (hat ständig den Kellnern auf den Hosenstall gestarrt), Bertolt Brecht natürlich (räkelte sich beim Sex gelangweilt auf dem Sofa, während ihm Helene Weigel zu Diensten war). Leider gehen Genialität und mustergültige Lebensführung selten Hand in Hand, tatsächlich ist die Zahl der Scheusale unter Künstlern sogar relativ hoch.

Weil theoretisch alles verstörend sein kann, was sich auf dem Terrain zwischen Mann und Frau abspielt, gehen Museen dazu über, vor Räumen mit anstößigen Bildern Warntafeln anzubringen. Studenten erhalten vor der Lektüre von Textpassagen, die sie belasten könnten, sogenannte Trigger-Warnungen. Die Rechte habe ein Problem mit freier, selbstbestimmter Sexualität, hat die Feministin Margarete Stokowski dieser Tage geschrieben. Mag sein, ließe sich einwenden, aber zumindest muss man als Rechter vor dem Beischlaf nicht lange Verträge unterschreiben, um mögliche Klagen abzuwenden, wenn einer oder eine anschließend enttäuscht ist.

Manchmal frage ich mich, was dieses freudlose Leben so reizvoll macht, dass ihm eine ganze Generation von Studenten folgt. Anderseits fühlten sich auch jahrhundertelang junge Mädchen vom Klosterleben angezogen.

Wir reden viel über den Wert der Freiheit, aber in Wahrheit ist Freiheit für ängstliche Naturen eher Drohung denn Verheißung. Der Nachteil des Glücksversprechens der siebziger Jahre war, dass es jedem Einzelnen die Verantwortung aufbürdete, sein Glück zu finden. Wer einsam zu Hause saß, weil er keinen Anschluss fand, musste es sich selbst zuschreiben, wenn das wilde Leben an ihm vorbeizog. Von dieser Last ist die nachfolgende Generation befreit. Die Freuden der Selbstkasteiung stehen jedem offen. Wer sich bei den linken Flagellanten einschreibt, muss nie fürchten, dass andernorts die bessere Party stattfindet.

Charles Schumann hat jetzt übrigens den Icon Award zurückgegeben. „Ich will ihn nicht mehr“, schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Wenn man 78 Jahre alt ist, können einem bestimmte Dinge einfach egal sein. Das ist ein Vorteil des Alters.

Lass niemals eine Krise ungenutzt

Die Juden in Deutschland hatten lange nicht mehr so viele Freunde wie derzeit. Sie waren seit Langem auch nicht mehr so nützlich. Wer dem politischen Gegner am Zeug flicken will, muss nur laut „Nie wieder“ rufen

Jeder nutzt die Gunst der Stunde, so gut er kann. Der Attentäter von Halle war noch nicht dem Haftrichter vorgeführt, da erinnerte die Amadeu Antonio Stiftung aus Berlin bereits daran, dass ihr Projektgelder gekürzt worden seien.

„Statt Mittel zu kürzen, muss Arbeit gegen Rechtsextremismus endlich konsequent unterstützt werden. Wenn die Politik das nicht leistet, bleiben alle Bekundungen rund um Halle leere Worte“, schrieb die Initiative, die noch zwei Tage vor dem Anschlag hatte bekannt geben müssen, dass sie ein Büro in Hannover schließen werde. „Never let a good crisis go to waste“, hat Winston Churchill einmal gesagt: Lass niemals eine Krise ungenutzt verstreichen.

Die Juden in Deutschland hatten lange nicht mehr so viele Freunde wie derzeit. Sie waren seit Langem auch nicht mehr so nützlich. Wenn man es einigermaßen clever anstellt, fällt ein wenig von der Anteilnahme für einen selbst ab. Oder man kann einen Feind, dem man schon lange einen verpassen wollte, mit einem flotten „Nie wieder“ ein Bein stellen.

„Einen Angriff auf uns alle“ hat der Bundespräsident den Anschlag genannt, dabei ist er genau das nicht. Es macht nämlich einen Riesenunterschied, ob man sich mit einem Kreuz oder dem Davidstern um den Hals in der Öffentlichkeit bewegt (so wie es übrigens auch im Alltag einen großen Unterschied macht, ob man schwarze oder weiße Hautfarbe hat).

Ich war zwei Tage vor dem Anschlag in Halle bei der jüdischen Gemeinde in Duisburg. Der Gemeindevorstand hatte mich eingeladen, die Festrede zum Neujahrsempfang zu halten. Für die jüdische Welt hat am 1. Oktober das Jahr 5780 begonnen. Vor mir sprach die Bürgermeisterin, eine brave Sozialdemokratin, die daran erinnerte, wie wichtig der Kampf gegen rechts und jede Form der Ausgrenzung sei. Man applaudierte höflich.

Das Thema meiner Rede war die Meinungsfreiheit, also was man sagen darf und was tabu ist und tabu bleiben sollte. Dabei kam ich auch auf den Aufstieg der neuen Rechten und die Reaktion darauf zu sprechen. Mir erschiene das Engagement gegen rechts noch glaubwürdiger, sagte ich, wenn es auf der Linken nicht ausgerechnet beim Antisemitismus eine seltsame Übereinstimmung mit dem politischen Gegner gäbe.

Linker Antisemitismus sei unmöglich, hat der Schriftsteller Gerhard Zwerenz einmal gesagt. Mit diesem selbst ausgestellten Persilschein segelt man seitdem durch die Debatten. Aber schon ein Blick in führende linksliberale Zeitungen und Zeitschriften zeigt, dass auch Leute, die sich für aufgeklärt halten, stärkere Vorbehalte gegen Juden haben, als sie je zugeben könnten.

Anschließend gab es einen Empfang, bei dem die Gäste noch etwas beisammenstanden. Was ich bemerkenswert fand, war, dass viele Zuhörer die Passage zu der unheiligen Allianz zwischen links und rechts als besonders gelungen lobten. Die Leute wissen, so muss man daraus schließen, auf wen sie sich verlassen können und auf wen nicht. Sie wissen auch, vor wem sie sich in Acht nehmen müssen, wenn sie auf die Straße gehen.

Was die AfD angeht, ist man gespalten, so mein Eindruck. Alle Transgressionen, die sich die Partei leistet, werden aufmerksam registriert. Dass viele AfD-Anhänger es gerne hätten, wenn nicht mehr vom Holocaust die Rede wäre, darüber machen sie sich in der jüdischen Gemeinde keine Illusionen. Andererseits sind es nicht Leute wie Gauland und Höcke, die ihnen die Kippa vom Kopf schlagen, sondern in der Regel junge arabische Männer, die nur die Schwulen noch mehr hassen als die Juden.

Gibt es in der AfD Antisemiten? Aber ja! Ist die Zahl größer als in anderen Parteien? Auch das. 55 Prozent der Anhänger dieser Partei stimmen in Umfragen der Aussage zu, dass Juden in der Welt zu viel Einfluss hätten, ein Wert, der mehr als doppelt so hoch ist wie bei anderen Parteien.

Der Antisemitismus zieht sich bis in die Spitze. Der Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner, immerhin Vorsitzender des Rechtsausschusses, vermochte nach dem Anschlag in Halle nicht einmal zwei Tage stillzuhalten. Dann musste er per Twitter die Frage weiterleiten, warum Politiker in Synagogen „lungern“ würden, wenn doch die wahren Opfer ein „Bio-Deutscher“ und eine Deutsche mit Vorliebe für Volksmusik seien.

Eine ganz andere Frage ist, inwieweit die neue Rechte für eine Tat wie den Angriff auf die Synagoge in Haftung genommen werden kann. So etwas kommt von so etwas, lautet, kurz gesagt, die Verdächtigungsthese. Man kennt das Muster: Wenn ein Syrer messerschwingend durch eine Einkaufspassage rennt, kann man die Uhr danach stellen, bis Alice Weidel den Islam anklagt. Jetzt wendet man diese Form der geistigen Inhaftnahme eben auf die andere Seite an.

Auch verwirrte Köpfe entnehmen ihre Stichworte aus der aktuellen Debatte. Nur, was folgt daraus? Dass man bei allem, was man sagt oder schreibt, bedenken sollte, was jemand in seiner Wahnwelt daraus macht? Der Terrorist bringt den Gedanken an sein ultimatives Ende, das führt ihn ja zum Terrorismus. Dieser Radikalitätsschub gilt theoretisch allerdings für alles, was einen ideologischen Kern besitzt: die Islamkritik, den Tierschutz oder den Kampf gegen genveränderten Mais.

Der nächste Attentäter ist möglicherweise ein ÖkoTerrorist, der sich auf die grünen Untergangsprophezeiungen bezieht. Wer kann ausschließen, dass nicht morgen ein verwirrter 17-Jähriger eine Drohne in das Triebwerk eines startenden Jumbos lenkt, weil er ein Zeichen gegen das massenhafte Artensterben setzen will, von dem er in der Zeitung gelesen hat? Wollen wir dann auch, analog zum Umgang mit rechts, ein Auftrittsverbot für Robert Habeck und Annalena Baerbock im ZDF-„Morgenmagazin“ fordern, weil wir sie für die geistigen Brandstifter halten?

Verantwortung ist konkret, oder sie ist gar nicht, das ist jedenfalls meine Erfahrung. Ich finde, man kann zum Beispiel von einem Parteiführer wie Alexander Gauland erwarten, dass er eine Wahlkampfrede unterbricht, wenn er unter seinen Zuhörern Leute sieht, die Plakate hochhalten, auf denen die Mitglieder des Bundeskabinetts an Galgen baumeln. Es würde sich für mich auch gehören, dass jemand Herrn Brandner zur Seite nimmt und mit ihm über seine Twitter-Aktivitäten redet. Oder dass man im Parlament seinem Fraktionskollegen auf die Schulter tippt, wenn er beim Totengedenken an einen ermordeten Politiker wie den Regierungspräsidenten Walter Lübcke als Einziger sitzen bleibt.

Am Sonntag retweetete der Grünen-Politiker Volker Beck ein Foto von einem Aufzug der Jugendorganisation der Linkspartei in Köln, auf dem für Palästina, die Intifada und damit den Tod von Juden demonstriert wurde. „Hallo, die Linke, könnt ihr das bitte erklären“, schrieb er darunter: „Antisemitismus im Alltag bekämpfen, wo wir ihn treffen, das ist eine Lehre von Halle.“

Ich sehe es genauso wie Volker Beck, in diesem Punkt sind wir uns 100 Prozent einig. Auch Anti-Antisemitismus ist unteilbar. 

Wenn sich Kleingeister groß fühlen

Was muss man sich zuschulden kommen lassen, um seinen Job zu verlieren? Wenn man in der deutschen Film- und Theaterwelt arbeitet: ein Mittagessen mit dem falschen Politiker. Das reicht dort

Ein Mann trifft einen Politiker. Der Mann steht einer Kulturorganisation vor, die staatliche Gelder an Künstler verteilt. Der Politiker ist Vorsitzender der größten Oppositionspartei des Landes. Die beiden sind in einem italienischen Restaurant verabredet, sie essen zu Mittag. Kurz darauf veröffentlicht der Politiker ein Foto des Treffens auf seiner Instagram-Seite. „Sehr angeregter und konstruktiver politischer Gedankenaustausch heute“, schreibt er dazu.

Kaum ist das Bild in der Welt, setzen Verdächtigungen ein. Eine Reihe von Künstlern, die der Regierung zugetan sind, äußert ihr Missfallen. Sie sagen, dass sie nicht länger mit dem Kulturmanager zusammenarbeiten könnten, weil er durch das Mittagessen kompromittiert sei.

Man sammelt Unterschriften. Es gehen Petitionen heraus, die eine Entlassung fordern. Die Ministerin für Wissenschaft und Kunst beruft eine Krisensitzung ein. Erst heißt es, man müsse die Lage prüfen. Dann steht in den Zeitungen, dass der Mann seinen Posten verloren habe. An seine Stelle soll eine Person rücken, die das Vertrauen der Kunstschaffenden genieße. Von dem Entlassenen hört man nichts mehr.

Die Geschichte liest sich, als würde sie in einem fernen Staat im Osten spielen, einer dieser Autokratien, in denen die Bürger gut beraten sind, bei allem, was sie sagen oder tun, vorsichtig zu sein. Aber ist keine Geschichte aus der Ferne. Es ist eine deutsche Geschichte.

Der Mann, der seinen Job verlor, heißt Hans Joachim Mendig. Er war drei Jahre lang Geschäftsführer der hessischen Filmförderung – bis er sich auf einen Lunch mit dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen traf. Vor zwei Wochen wurde er seines Amtes enthoben. Man habe den Imageschaden begrenzen müssen, der durch das Treffen entstanden sei, erklärte die Kulturministerin Angela Dorn, die dem Aufsichtsrat der hessischen Filmförderung vorsteht und für die Grünen in der Landesregierung sitzt.

Ich beschreibe den Fall hier so ausführlich, weil ich ihn für außergewöhnlich halte, auch für außergewöhnlich hinterhältig. Es kommt nicht oft vor, dass Menschen ihren Job verlieren, weil sie mit den falschen Leuten zu Mittag gegessen haben. Ich kann mich, ehrlich gesagt, an keinen vergleichbaren Fall in den letzten 30 Jahren erinnern. Ich hätte deshalb erwartet, dass er größere Beachtung findet. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat berichtet, etwas ausführlicher die „Welt“. Aber in der Regel blieb der Fall eine Randnotiz im Feuilleton, eine dieser Personalien, über die man beim Lesen schnell hinwegliest.

Was ist da los? 600 Leute aus der deutschen Filmszene unterschreiben eine Erklärung, in der sie androhen, nicht mehr mit der Hessen-Film zusammenarbeiten zu wollen, wenn deren Geschäftsführer weiter im Amt bleibe. Ein Subventionsannahmeboykott als Druckmittel, das ist originell. Andererseits: Niemand ist gezwungen, Fördermittel entgegenzunehmen. Es gibt sogar Menschen, die meinen, dass der deutsche Film in einer deutlich besseren Verfassung wäre, wenn es keine staatliche Filmförderung gebe. Als förderwürdig gelten in Deutschland vor allem Filme, die viel Kunstwillen, aber wenig Aussicht auf Publikum haben. So sagt es natürlich keiner, aber das ist die Praxis.

Die Kultur ist ein eigenes Milieu, mit eigenen Gesetzen und Regeln. Es ist schon schwer, in der Medienwelt jemanden zu finden, dessen Herz nicht für die linke Sache pocht. In der Kulturwelt ist dies nahezu unmöglich. Was wäre das deutsche Petitionswesen ohne die „Filmschaffenden“, wie sie sich bei der Gelegenheit gern nennen. Keine Unterschriftenliste, auf der sich nicht der Name von Schauspielern, Bühnenbildnern oder Regisseuren findet, die im hohen Maße empört oder besorgt sind.

Mit der Bereitschaft zur Empörung korrespondiert ein ausgeprägtes Kuschelbedürfnis, das in interessantem Widerspruch zum Widerstandsgestus steht. Früher war man stolz darauf, die Bürger aus der Fassung gebracht zu haben. Wenn es im Parkett zum Aufstand kam, galt das als Gütesiegel. Heute lassen sich deutsche Bühnen beraten, wie sie mit Unmutsbekundungen und Störungen umgehen sollen. „Viele Theater fühlen sich auf solche Anfeindungen nicht hinreichend vorbereitet“, berichtete die Geschäftsführerin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus neulich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie schwer sich Menschen, die ansonsten bei jeder Gelegenheit betonen, wie bereichernd das Fremde sei, in dem Moment tun, in dem sie tatsächlich mit dem Fremden konfrontiert sind. Die Künstler, denen man in der Theater- und Filmwelt begegnet, gleichen einander auf verblüffende Weise. Sie sehen vielleicht unterschiedlich aus, sie mögen aus exotischen Gegenden kommen oder fremd klingende Namen tragen: Aber was die Überzeugungen und Wertvorstellungen angeht, könnten sie nicht homogener sein.

In Wahrheit ist der im Kulturbetrieb vorherrschende Fremdheitsbegriff sehr oberflächlich, ja man könnte sagen: kolonialistisch. Er macht sich allein am Aussehen fest, also an Hautfarbe, Geschlecht oder ethnischer Herkunft. Der wahre Fremde hingegen wäre jemand, der radikal anders denkt. In dem Sinne ist ein Meuthen tausendmal fremder als jeder senegalesische Regisseur, der auf Festivals herumgereicht wird.

Regelmäßige Leser meiner Kolumne wissen, wie wenig ich mit der AfD am Hut habe. Ich käme im Leben nicht auf die Idee, diese Partei zu wählen. Aber es stört mich, wenn sich alle gegen einen zusammenrotten. Auf einer Unterschriftenliste gegen jemanden Stimmung zu machen ist für mich kein Zeichen von Mut, sondern eher ein Ausdruck von Niedertracht.

Mich erinnert das Ganze an die unselige Zeit in den siebziger Jahren, als man sich daranmachte, Leute auszuheben, die angeblich mit der RAF und ihren Zielen sympathisierten. Wobei man sagen muss: Bei der RAF handelte es sich immerhin um eine Terrororganisation. Die AfD hingehen mag man verachten, aber sie ist weder verfassungsfeindlich noch kriminell.

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Schon jetzt sitzen die ersten AfD-Vertreter in den Rundfunkräten. Demnächst werden sie in die Kulturförderung und in die Aufsichtsgremien staatlicher Kulturinstitutionen einziehen. Will man dann im Ernst nach jedem verfänglichen Mittagessen, bei dem sich ein Kulturfunktionär erwischen lässt, mit Boykott drohen? Wer weiß, vielleicht werden die Kulturetats in Deutschland schon bald nicht mehr ausgeschöpft, weil niemand das Geld haben will. Das wäre dann allerdings eine wirklich radikale Entwicklung.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

Es ist der reine Wahnsinn, was im Internet an Verleumdung und Bedrohung möglich ist, ohne dass jemand einschreitet. Dabei ist die Lösung zur Beendigung der Facebook-Anarchie viel einfacher, als viele denken

 Wer sich für Deutschland und das Internet interessiert, der stößt unweigerlich auf Sascha Lobo. Es gibt Leute, die meinen, das sage schon alles über den Stand der Digitalisierung in Deutschland. In jedem Fall gehört Lobo zu den Menschen, die einträglich davon leben, anderen zu erklären, warum sie nichts vom Netz verstehen.

Die Deutung des Digitalen ist ein prosperierender Geschäftszweig. Um auf diesem Feld als Experte zu gelten, muss man nicht einmal im Gelobten Land gewesen sein oder mit einer entsprechenden Firma Erfolg gehabt haben. Es reicht, dass man jemanden kennt, der mal im Silicon Valley war. Was einem an Originalität fehlt, macht man mit Pathos wett. Im Kreis der Kolumnisten bei Spiegel Online haben wir uns an trüben Tagen gerne mit verteilten Rollen Lobo-Kolumnen vorgelesen, womit regelmäßig für Heiterkeit gesorgt war.

Ich gebe zu, ich habe nie ganz verstanden, weshalb selbst gestandene Manager sich die Welt von einem Mann erklären lassen, der seinen Morgen damit verbringt, seine Haare in die Form eines Besens zu toupieren. Wer als über 40-Jähriger so tun muss, als sei er die jüngere Ausgabe von Rezo, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, würde ich sagen. Aber sobald es ums Netz geht, setzen normale Bewertungsmaßstäbe aus. Da bekommen die meisten weiche Knie.

Lobos Paraderolle ist die des unerschrockenen Freiheitskämpfers. Wann immer ein Politiker auf die Idee kommt, Regeln zu fordern, um das Netz zu einem zivileren Platz zu machen, steigt der Mann mit dem gefärbten Besenhaar auf die Barrikade und ruft: „Zensur!“ Gleichzeitig ist Lobo unter den Ersten, wenn es darum geht, die Verrohung von Umgangsformen im Netz zu beklagen. Das ist ein interessanter Widerspruch. Wenn Sie mich fragen, führt genau diese Doppelmoral zum Kern des Problems.

Seit die Grünen-Politikerin Renate Künast vor dem Landgericht Berlin mit einer Klage auf Herausgabe der Namen von Leuten gescheitert ist, die sie auf Facebook wüst beleidigt hatten, ist wieder viel über Hass im Netz die Rede. Ich bin fest davon überzeugt, dass es für eine Gesellschaft schädlich ist, wenn sich jedermann nach Lust und Laune austoben darf.

Die bürgerliche Gesellschaft hat aus gutem Grund Gesetze erlassen, die Beleidigung, Verleumdung oder üble Nachrede unter Strafe stellen. Aus weniger einsichtigen Gründen sind diese Regeln im digitalen Raum suspendiert. Wer einen Leserbrief veröffentlicht, in dem eine Politikerin als „Drecksfotze“ bezeichnet wird, hat den Staatsanwalt in der Tür. Wer einen solchen Ausfall im Netz postet, bei dem zuckt die Justiz mit den Achseln und erklärt die Entgleisung für eine Meinungsäußerung, die man nicht beanstanden könne.

Was ist da los? Eine Erklärung wäre: Auch viele Richter sehen das Internet als fremde Welt, in der die etablierten Regeln des Zusammenlebens ihre Gültigkeit verloren haben. Man kann es den Lobo-Effekt nennen. So wie Unternehmer dem Urteil eines Mannes mit roten Haaren trauen, weil ihnen alles, wovon er redet, neu vorkommt, haben auch deutsche Richter das Gefühl, beim Digitalen höre ihr Verständnis und damit ihre Zuständigkeit auf.

Es ist Wahnsinn, was möglich ist, ohne dass man belangt wird. Man kann einer Frau ungestraft androhen, sie zu vergewaltigen. Man kann sie als Kinderschänderin verleumden oder als Prostituierte. Es gibt keine Grenze mehr, es schreitet niemand ein. Die Verunsicherung der Justiz ist dabei ein Problem, ein noch größeres ist die unklare Rechtslage. Dass der Mensch von sich aus gut sei, glauben nur linke Träumer. Der Realist weiß, dass zwischen der Anarchie und dem Rechtsstaat allein die harte Hand des Gesetzes steht.

Nehmen wir Facebook, das größte soziale Netzwerk der Welt. Dass man es bei Facebook mit keinem normalen Unternehmen zu tun hat, merkt man als Journalist zum Beispiel, wenn man eine Frage nach dem Umgang mit Rechtsverstößen stellt und einen Smiley als Antwort erhält. Die Pressesprecherin ist eine lustige Person, die sicher auf jedem Firmen-Event für Bombenstimmung sorgt. Nur mit Öffentlichkeitsarbeit hat sie nicht viel am Hut.

Aber warum sollte sie auch? Facebook betrachtet deutsche Gesetze als lästiges Ärgernis. Es vertraut lieber seinen eigenen Gesetzen und seiner eigenen Gerichtsbarkeit. Versuchen Sie mal, eine Klage zuzustellen! Alles, was es dafür von Facebook in Deutschland gibt, ist ein sogenannter Zustellungsbevollmächtigter. Das ist in dem Fall die Anwaltskanzlei Freshfields in Berlin, bei der Sie gerne Ihr Schreiben abgeben dürfen.

Wirklich zuständig ist aber immer irgendjemand weit weg in Irland oder besser noch den USA. Denken Sie bitte auch daran, Ihr Anliegen in Englisch abzufassen. Deutsch spricht man bei Facebook nur, wenn man Anzeigen akquiriert beziehungsweise Werbekunden das Blaue vom Himmel verspricht.

24 Prozent der Deutschen sagen, sie nutzten Facebook als Nachrichtenquelle, in den USA sind es 39 Prozent. Das Unternehmen wertet und gewichtet Beiträge, es entscheidet, wem was wo gezeigt wird. Dennoch behauptet die Firmenspitze bis heute, der Konzern sei kein Medienunternehmen, sondern lediglich eine Art Super-Server, auf dem sich die Nutzer selbstständig frei bewegen und vergnügen würden.

Das ist wichtig für das Geschäftsmodell, denn an der Behauptung, kein Medienunternehmen zu sein, hängt das Privileg, auf alles verzichten zu dürfen, was ein Medienunternehmen beschwert – also Presserat, Jugendschutz oder das Gegendarstellungsrecht, das wir ansonsten für selbstverständlich halten.

Warum wir uns das gefallen lassen? Weil Netzaktivisten wie Sascha Lobo einen Riesenzauber veranstalten, wenn jemand Hand an „ihr“ Netz legt. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie erwachsene Menschen glauben können, ihnen gehöre etwas, nur weil sie es benutzen. Leider lassen sich auch viele Politiker vom Netzprotest beeindrucken. Wer das Internet reguliere, verärgere die jungen Menschen, heißt es, und wer will als Politiker schon die Jugend gegen sich aufbringen?

Man kann den Internet-Giganten beikommen. Das ist weniger schwer, als viele denken. Der erste Schritt wäre, dass man dafür sorgt, dass für soziale Medien die gleichen Regeln zum Schutz des Persönlichkeitsrechts gelten wie für alle anderen Unternehmen, die mit Inhalten handeln. Der zweite Schritt wäre, dass man gesetzlich verankert, dass jedes Internet-Unternehmen, das in Deutschland tätig ist, einen Verantwortlichen mit Wohnsitz in Deutschland benennen muss. Also nicht mehr Dublin oder Palo Alto, sondern Hamburg oder Stuttgart.

Ich garantiere Ihnen: So viel können sie dem armen Menschen, der dann im Zweifel den Kopf hinhalten muss, gar nicht zahlen. In kürzester Zeit würde Mark Zuckerberg persönlich dafür sorgen, dass in Deutschland niemand mehr über sein Netzwerk verleumdet oder bedroht wird. Das Klagerisiko wäre einfach zu hoch.

Den Autor dieser Kolumne erreichen Sie unter: j.fleischhauer@focus-magazin.de, Twitter: @janfleischhauer

 

Bürger, schaut auf diese Stadt

Allen, die von einem Bundeskanzler Robert Habeck träumen, kann man nur empfehlen, sich im grünen Ideenlabor Berlin umzusehen. Gegen die Grünen sind selbst die Nostalgiker von der AfD Modernitätsapostel

 Auch in Berlin kann man streng sein. Von wegen Party-Hauptstadt!

Anfang des Monats erhielt der Bäckermeister Karsten Greve ein Schreiben des Landesamtes für Mess- und Eichwesen, in dem ihm eine Strafzahlung in Höhe von 25000 Euro in Aussicht gestellt wurde. Der Mann, der im Bezirk Prenzlauer Berg die Bäckerei „100 Brote“ betreibt, hatte bei den Mengenangaben die falsche Schriftgröße verwendet.

Statt Kilogramm mit „kg“ abzukürzen, hatte er auf die Preistafel „KG“ geschrieben. Dies eröffne die Möglichkeit zu Fehldeutungen, schrieb ihm das Amt. Kunden könnten die Gewichtsangabe mit Kelvin und Gauß verwechseln oder mit der Abkürzung für „Kommanditgesellschaft“, was in jedem Fall eine Irreführung sei.

Da sage noch jemand, in Berlin würden sie nicht auf Recht und Ordnung achten. Zwei Buchstaben falsch, und schon steht man mit einem Bein im Gefängnis. So streng sind sie nicht mal in Bayern, das sich einiges darauf einbildet, die Bürger zur Gesetzestreue anzuhalten.

Die neue Null-Toleranz-Politik gilt allerdings nicht gegenüber jedermann, so grün ist Berlin dann doch. Wer seinen Unterhalt als Drogenhändler bestreitet, darf weiterhin mit Nachsicht rechnen. In einem Bericht des ARD-Polit-Magazins „Kontraste“ über den Görlitzer Park, den mutmaßlich größten Open-air-Drogenumschlagplatz Europas, erklärte die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, warum Drogenhandel in Berlin zu einer inklusiven Stadtkultur gehöre.

Man wolle niemanden ausgrenzen, sagte die Grünen-Politikerin vor laufender Kamera. Wenn man erst einmal damit anfange, dann fragten sich die Leute, wer als Nächstes dran sei: „Heute ist es die Dealergruppe, die rausgeschickt wird, und wer ist es morgen?“

Es kommt eben ganz darauf an, womit man in Berlin sein Geld verdient. Immobilienhandel oder Vermietung und Verpachtung gehen gar nicht. Selbst als normaler Gewerbetreibender ist man bestenfalls geduldet. Schwarzarbeit hingegen erfreut sich der Förderung durch die Politik, schon weil sie im Ruf steht, auch irregulären Arbeitskräften eine Erwerbschance zu bieten.

Die Grünen sind so etwas wie der Pandabär der deutschen Politik. Grüne gelten als süß und flauschig, so wie ihr Chef, der Oberpanda Robert Habeck. Dass Habeck selbst bei Kernanliegen nicht sattelfest ist und von der Pendlerpauschale offenbar so viel versteht wie einst der unglückliche Rudolf Scharping von brutto und netto – geschenkt. Er meint das Richtige, deshalb wird ihm verziehen.

Einer der Gründe, sich für die Grünen auszusprechen, liegt gerade in ihrer Unbestimmtheit. Wo die Leute an der Spitze so ungemein freundlich und entspannt wirken, erscheint das Bekenntnis zu ihnen als ungefährlich. Grün wählen funktioniert aus Sicht vieler Wähler wie Rosenkranzbeten am Sonntag: Man bereut seine Sünden, verspricht Buße und Einkehr und macht dann ab Montag so weiter wie gewohnt.

Wenn es Kritik an den Grünen gibt, dann setzt sie genau hier an: In Wahrheit würde sich gar nichts ändern, wenn sie an die Regierung kämen. „Der Schein trägt“ war neulich ein Artikel in der „Zeit“ überschrieben, in dem den Grünen vorgehalten wurde, sie würden nur so tun, als seien sie radikal.

Ich wäre mir, was die Folgenlosigkeit des Grünwählens angeht, nicht so sicher. Allen, die von einem Bundeskanzler Robert Habeck träumen, kann ich nur empfehlen, sich im Ideenlabor Berlin umzusehen. Wenn es einen Ort gibt, an dem der Grüne zu sich selbst kommt, dann ist es die deutsche Hauptstadt. Hier holt die Partei seit Jahren verlässlich ihr einziges Direktmandat für den Bundestag; hier hat sie eine Parallelwelt errichtet, in der sich alle Vorlieben und Abneigungen beobachten lassen, über die man in Stuttgart und Esslingen nur den Kopf schüttelt.

Als Feinde gelten in dieser Welt schon mal alle Leute, die von außen kommen und Geld mitbringen. Was dem AfDler der syrische Flüchtling, das ist dem Grünen der ausländische Investor. In jeder anderen Stadt würde man sich freuen, wenn der Karstadt-Eigentümer auf die Idee käme, eine innerstädtische Kaufhaus-Ruine im Glanz der 20er-Jahre auferstehen zu lassen. In Kreuzberg erklärt der grüne Baustadtrat kühl, die Fassadenrekonstruktion sei „eine Replik, die befürchten lässt, dass sie in ihrer Wirkung nicht authentisch ist“. Dann doch lieber der Steinklotz aus den 50er-Jahren, der ist in seiner Hässlichkeit wenigstens echt.

Tatsächlich legen die Grünen für eine Partei, die sich viel auf ihre Weltgewandtheit zugutehält, eine erstaunliche Provinzialität an den Tag. Ich folge auf Twitter fasziniert den Versuchen der Senatsverwaltung, die Bergmannstraße in Kreuzberg in eine „Begegnungszone“ umzuwandeln. Nachdem es mit grünen Punkten, die sie für 145000 Euro aufs Pflaster malen ließ, nicht klappte, versuchte sie es mit sogenannten Parklets, einer Kombination aus Pflanze und Sitzmöbel. Weil auch dies nicht den gewünschten Effekt hatte, sollen nun riesige Felsbrocken die Straße in eine Art verkehrstechnische Paläo-Zone verwandeln.

Selbst der „taz“, die in der grünen Szene so verankert ist wie keine andere Zeitung, geht die Musealisierung ganzer Stadtviertel zu weit. Schon ein Kinderzirkus reicht heute aus, um die Fußtruppen der Bewegung auf den Plan zu rufen, wie das Blatt vermeldete. Als der Wanderzirkus Cabuwazi auf dem Tempelhofer Feld, einer riesigen Brache in der Mitte der Stadt, sein gelb-rotes Zelt errichtete, hieß es, das Zelt könne nicht stehen bleiben, da es der weiteren Bebauung Vorschub leiste. Bei Cabuwazi lernen Jugendliche und Kinder aus allen Schichten und Herkünften, wie man jongliert und seiltanzt, eine urlinke Idee. Leider gilt das Tempelhofer Feld als heiliger Ort, auf dem nur die Kornblume und der Klatschmohn frei sprießen dürfen. Also Schluss mit Cabuwazi!

Solange es lediglich um die Stilllegung eines Stadtteils geht, muss einen das außerhalb nicht weiter bekümmern. Problematisch wird es, wenn eine Industrienation Leute in die Bundesregierung wählt, die mit der Moderne hadern.

Gegen die Grünen sind selbst die Nostalgiker von der AfD Modernitätsapostel. Der AfD wird vorgeworfen, sie wolle zurück in die 50er-Jahre. Wenn das wahr ist, dann liegt das Sehnsuchtsjahrzehnt der grünen Partei vor 1810, als die Dinge des täglichen Lebens noch handgeklöppelt wurden, jedes Tier einen Namen hatte und der Bauer das Pferd anspannte, statt den Trecker zu besteigen.

Sie meinen, es sei unfair, die grüne Partei für ihren Berliner Landesverband in Haftung zu nehmen? Ich würde sagen, das ist so gerecht oder ungerecht, wie es fair oder unfair ist, von ihrem Thüringer Landesverband auf die gesamte AfD zu schließen. Manchmal ist der Blick auf die erste Reihe in der Politik trügerisch, denn die Entscheidungsgewalt liegt hier bei den Mitgliedern.

 

Hier bleibt man lieber unter sich

Viele Linke haben sich entschieden, nur noch mit Leuten zu verkehren, die so denken wie sie selbst. Dafür gratuliert  man sich gegenseitig zum Mut, Dinge auszusprechen, mit denen alle einverstanden sind.

Der Verleger Jakob Augstein hat einen Film über Empörung gedreht. Der Film heißt, nach seinem Thema, „Die empörte Republik“ und ist in der Mediathek von 3sat zu sehen. Im Kern geht es um die Frage, warum sich so wenig bewegt, obwohl so viele Menschen so schrecklich aufgeregt sind. „Wie kann es sein, dass die Kraft der Empörung, die am Anfang jeder gesellschaftlichen Veränderung steht, bei uns dermaßen ins Nichts läuft?“, wundert sich der Autor.

Augstein ist für seinen Film durch die Republik gereist und hat mit Menschen gesprochen, die Debatten anzetteln oder beobachten, wie diese angezettelt werden. Der Journalist Stefan Aust ist dabei (früher „Spiegel“, heute „Welt“), die Europapolitikerin Julia Reda, die den Widerstand gegen das digitale Urheberrecht anführte, eine Google-Managerin.

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Augstein verfügt in der linken Szene über beste Referenzen

Noch interessanter als die Namen der Menschen, die zu sehen sind, sind allerdings die Namen der Leute, die in dem Film fehlen. Augstein hatte auch die Publizistin Carolin Emcke gefragt, ob sie mit ihm reden würde, die „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski, den Theaterregisseur Falk Richter, allesamt Repräsentanten des besseren Deutschland, die normalerweise nie um eine Antwort verlegen sind. Aber keiner wollte in seinem Film auftauchen. Alle sagten eine Teilnahme ab oder ließen seine Anfrage unbeantwortet.

Augstein verfügt in der linken Szene über beste Referenzen, sollte man meinen. Er trommelt seit Jahren verlässlich für die gute Sache. Er gibt mit großem Engagement die Wochenzeitung „Der Freitag“ heraus, gegen die selbst die „taz“ ein rechtslastiges Mainstream-Blatt ist. Mit einer Reihe der von ihm Angefragten ist er persönlich bekannt. Was also hat er falsch gemacht, was ist sein Vergehen?

Augstein gilt als unsicherer Kantonist, das ist sein Vergehen. Er kennt die falschen Leute, Leute wie mich zum Beispiel. Außerdem ist er ein neugieriger Mensch. Neugier gilt in diesen Kreisen, in denen Augstein verkehrt, nicht als Tugend, sondern als Ausdruck mangelnder Standfestigkeit.

Vor ein paar Monaten hat er auf Schloss Ettersburg bei Weimar mit Karlheinz Weißmann diskutiert, einem der Vordenker der Neuen Rechten. Anderthalb Stunden stritten die beiden über Deutschland, den Islamund das Fremde. Das reichte, um Augstein auf die Liste derjenigen zu befördern, mit denen man besser keinen Kontakt mehr pflegt.

Aber sobald es ernst wird, kneifen die meisten Kombattanten

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie illustriert, wo wir stehen. Alle reden davon, wie wichtig Debatte sei. Kaum eine Veranstaltung, auf der nicht beteuert wird, dass Streit die Demokratie lebendig halte. Die „Zeit“ hat ein eigenes Ressort ins Leben gerufen, das so heißt. Aber sobald es ernst wird, kneifen die meisten Kombattanten. Wenn selbst ein Projekt des Herausgebers des „Freitag“ als politisch so zweifelhaft gilt, dass man zweimal überlegen muss, ob man daran teilnimmt, lässt das erahnen, wie sich die Dinge verschoben haben.

„The Closing of the American Mind“ hieß ein berühmtes Buch, in dem der Philosoph Allan Bloom in den achtziger Jahren die Verödung der amerikanischen Hochschulwelt beschrieb. Wir sind Zeugen einer Entwicklung, die man als Selbstabschließung eines geistigen Milieus bezeichnen könnte, das für das intellektuelle Klima in Deutschland seit Langem bestimmend ist. Eine ganze Generation hat sich entschieden, nur noch mit Leuten zu verkehren, die so denken wie sie selbst.

Was ist der politische Einsatz wert, der sich der Konfrontation entzieht?

Das entscheidende Merkmal der Kultur des Einverständnisses ist, dass man unter sich bleibt. Man trifft sich auf den immer gleichen Podien, man verleiht sich gegenseitig Preise für den Mut, Dinge auszusprechen, mit denen alle einverstanden sind. Emcke hat für ihren unbestechlichen Einsatz im Rahmen des Akzeptierten den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen, Stokowski gerade den Kurt-Tucholsky-Preis.

Was ist der politische Einsatz wert, der sich der Konfrontation entzieht und stattdessen auf den Applaus der ohnehin Überzeugten setzt? Er ist jedenfalls nicht sehr politisch, würde ich sagen. Am Wochenende machte ein Videoclip die Runde, in dem der Sänger Herbert Grönemeyer seine Fangemeinde auf den Kampf gegen Rechts einschwor.

Nach Eklat bei Interview: ZDF-Chef reagiert in „Mittagsmagazin“ auf Höcke-Drohung

FOCUS Online/WochitNach Eklat bei Interview: ZDF-Chef reagiert in „Mittagsmagazin“ auf Höcke-Drohung

Was die Vielfalt angeht, ist auf einem Helene-Fischer-Konzert mehr los

Grönemeyer ist kein Goebbels, wie ihm wegen der leichten Sportpalast-Atmosphäre vorgehalten wurde. Er ist nicht mal ein Fegelein, sondern lediglich ein um seinen Spätruhm besorgter Gesangskünstler, der die alten Hits mit dem Pfeffer des Polit-Rebellentums aufzupeppen sucht. Selbstverständlich kommt der Antifaschismus keinen Millimeter voran, nur weil sich 14000 Grönemeyer-Fans im Gefühl, es dem Gegner mal richtig gezeigt zu haben, von Song zu Song schunkeln. Was die viel beschworene Vielfalt angeht, ist auf jedem Helene-Fischer-Konzert mehr los.

Früher waren es die Helmut-Kohl-Getreuen, die sich ständig versichern mussten, dass sie die Mehrheit stellen, heute sind es die Vertreter des progressiven Juste Milieu. Über dem Eingang der Berliner Volksbühne, einem der Inspirationsorte der Szene, hängt ein Transparent, auf dem in riesigen Lettern das Wort „unteilbar“ steht. Wenn man die Misere der Linkenauf einen Nenner bringen sollte, dann reicht dieses Wort.

Wo alles zum Gesinnungstest wird, gerät jeder Auftritt zur Geste

Solidarität war immer ein wichtiger Wert der Bewegung, aber ihre Kraft und ihren Elan bezog sie eben nicht aus dem Betonen der Zugehörigkeit, sondern aus dem Dissens, dem Aufbegehren. Die Leitfigur der neuen Linken ist nicht länger der Außenseiter, es ist der Gefolgsmensch. An die Stelle des Dissidenten ist der Mitläufer getreten, der die Fahne aufnimmt und sich in den Demonstrationszug einreiht.

Wo alles zum Gesinnungstest wird, gerät jeder Auftritt zur Geste. Ich habe mir das Gespräch angesehen, das das ZDFmit Björn Höcke geführt hat, ein anderer Höhepunkt der Woche. An keiner Stelle geht es darum, etwas herauszufinden, was man nicht schon weiß, oder Antwort auf eine Frage zu erhalten, die eine echte Frage wäre. Was als Interview angekündigt war, ist in Wahrheit ein Segment, wie man es aus der „heute-show“ kennt. Demonstrative Feindseligkeit kann sehr unterhaltsam sein. Aber davon abgesehen, dass man sich wünschen würde, auch Robert Habeck würde einmal so einvernommen, bleibt die Frage, wohin diese Form des journalistischen Posing führen soll.

Dem Poser geht es vor allem um sich selbst. Weil er die meiste Zeit vor dem Spiegel verbringt, ist seine Wirkung naturgemäß begrenzt.

Angst und Größenwahn

Einen Gutteil ihres Nimbus verdankt die AfD den Leuten, die sie bekämpfen. Jede Großmäuligkeit wird für bare Münze genommen, anstatt sie als das zu sehen, was sie ist: die Angeberei von Leuten, die zumindest rhetorisch über ihre Verhältnisse leben.

Ein Freund von mir saß in der DDR zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Er war beim Versuch, das Land über die tschechische Grenze zu verlassen, verhaftet worden. Ein Bekannter hatte ihn bei der Stasi verpfiffen. Er war 17 Jahre alt, als sie ihm den Prozess machten.

Wer als Jugendlicher mit Totschlägern, Raubmördern und Gewohnheitskriminellen im Knast sitzt, entwickelt bestimmte Überlebenstechniken. Sobald sich die Zellentür öffnete, um einen Neuzugang einzulassen, musste blitzschnell entschieden werden, ob es sich bei dem Neuen um einen Spitzel handelte oder jemanden, dem man vertrauen konnte. Diese Technik der Menschenbeurteilung hat mein Freund bis heute nicht abgelegt: Wenn ihm jemand vorgestellt wird, fragt er sich unwillkürlich, wie sich derjenige in einer Umgebung verhalten würde, in der die Gesetze der bürgerlichen Welt suspendiert sind.

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Auch ich mache gelegentlich den Gefängnis-Test. Er ist, zugegeben, ein spekulatives Mittel, um Menschen zu beurteilen. Aber beruhen nicht die meisten Charakterannahmen auf Spekulation?

Wenn ich zum Beispiel Herrn Kalbitz sehe, den Vorsitzenden der AfD in Brandenburg, habe ich eine ungefähre Vorstellung, wie sich dieser Mann an einem anderen Ort unter anderen Umständen verhalten würde. Ich weiß, das ist hochgradig ungerecht. Möglicherweise ist Herr Kalbitz ein herzensguter Mensch, der jede Spinne über die Schwelle trägt, damit sie keinen Schaden nimmt. Aber ich kann mir nicht helfen: Ich würde ihm aus dem Weg gehen, wenn wir zusammen eingesperrt wären.

Viele Debatten um die AfD tragen komische Züge

Es gibt derzeit eine rege Diskussion, ob die AfD eine bürgerliche Partei sei. Die AfD würde gerne so wahrgenommen werden – ihre Gegner auf der Linken schreiben lange Abhandlungen, warum schon die Idee absurd sei. Wie viele Debatten, die um die AfD kreisen, trägt auch diese komische Züge. Dass jetzt ausgerechnet Leute, die eben noch alles daransetzten, möglichst unangepasst zu erscheinen, die Definitionsmacht über das Bürgerliche reklamieren, bringt mich zum Schmunzeln.

Das Problem der AfD ist aus meiner Sicht, dass sie zu viele Politiker in ihren Reihen hat, die eine Mehrheit der Deutschen als seltsam empfindet. Einer wie Björn Höcke mag in der Partei eine große Nummer sein, die meisten Wähler verfolgen seine Auftritte mit einer Mischung aus Faszination und Befremden.

Manche Menschen verbringen ihr Leben damit, Elvis nachzueifern. Sie schmeißen sich in Glitzerklamotten, toupieren das Haupthaar zur Tolle und schmettern die großen Hits. Höcke hat sich für die Goebbels-Imitation entschieden. Das ist angesichts der historischen Umstände eine mutige Wahl. Als Elvis-Imitator hätte Höcke es deutlich leichter im Leben, insofern gebührt ihm Respekt, wie ich finde.

Ich halte die Leute der AfD nicht für gefährlich, ich halte sie für skurril. Wer ständig so redet, als er ob zu viel Leni Riefenstahl geguckt hätte, der wird es in Deutschland nicht zum Ministerpräsidenten bringen, allen Erlösungsfantasien zum Trotz. Das heißt nicht, dass ich das Rohheitspotenzial übersehen würde, das in dieser Partei auch steckt. Ich glaube nur nicht, dass man es in Deutschland damit ganz nach oben schafft. Wenn sogar ein beträchtlicher Teil der AfD-Wähler der Meinung ist, dass man die Vertreter dieser Partei nicht in die Nähe eines Regierungsamts lassen sollte, sagt uns das etwas über die realen Machtchancen.

Am normalsten ist noch Parteichef Jörg Meuthen. Aber der darf ja nicht einmal mehr als Delegierter zum nächsten Bundesparteitag fahren, weil sie in seinem Kreisverband finden, dass er zu lasch sei. Ein echter Professor hat es in der AfD derzeit schwerer als ein falscher Goebbels.

Die Wahlen in Brandenburg und Sachsen gelten als Zeichen, dass es mit der Partei unaufhaltsam vorangeht. Was Leute wie Kalbitz als „Sensationsergebnis“ feiern, ist für die Gegenseite ein Menetekel, wie nahe wir angeblich wieder dem Faschismus sind. Tatsächlich spricht sehr viel mehr für die Annahme, dass die AfD ihren Zenit überschritten hat, als für die These, dass dieser noch vor ihr liegt.

Der Wahlforscher Manfred Güllner hat verdienstvollerweise darauf hingewiesen, dass die AfD in beiden Bundesländern im Vergleich mit der Bundestagswahl 2017 nicht mehr, sondern weniger Wähler überzeugen konnte. In Brandenburg haben 14,2 Prozent der Wahlberechtigten für die AfD gestimmt, zwei Jahre zuvor waren es noch 14,7 Prozent gewesen. Das ist ein Schwund von 3,4 Prozent. In Sachsen betrug der Verlust sogar zehn Prozent (AfD-Ergebnis bei der Bundestagswahl 2017: 20,1 Prozent, AfD-Ergebnis bei der Landtagswahl 2019: 18,1). Die vergleichsweise geringe Wahlbeteiligung lässt Parteien größer aussehen, als sie in Wahrheit sind, eine Verzerrung, von der auch CDUund SPDregelmäßig profitieren.

Ein Gutteil ihres Nimbus verdankt die AfD den Leuten, die sie bekämpfen. Jede Großmäuligkeit wird umgehend für bare Münze genommen, anstatt sie als das zu sehen, was sie ist, nämlich die Angeberei von Leuten, die auf jeden Fall rhetorisch über ihre Verhältnisse leben.

Das ist wie in einer unglücklichen Sadomaso-Beziehung

Wenn ein AfD-Hintersasse herumposaunt, dass man mit dem Wahlergebnis in Brandenburg ein Drittel des Weges gegangen sei, gilt das der Gegenseite als Beweis für den totalitären Anspruch der Partei. So nährt die Aufregung den Größenwahn und der Größenwahn wiederum die Aufregung. Das ist wie in einer unglücklichen Sadomaso-Beziehung, in der sich die Akteure auf verquere Weise gegenseitig stützen.

Der „Spiegel“ hat in einem Leitartikel dazu aufgerufen, die AfD als Feind zu sehen und entsprechend zu bekämpfen. Es ist nicht ganz klar, ob das die Kollegen aus dem „Spiegel“ einschließt. Aber ich denke, so ist es gemeint. Wer mit einem AfD-Politiker spricht, tut als Journalist gut daran, sich vor jeder Frage dreimal öffentlich zu bekreuzigen. Wer auf diese Übung verzichtet, gilt als Sympathisant, wenn nicht gar als heimlicher Parteigänger.

Gefährlichste Waffe im Meinungskampf ist nicht Beschimpfung, sondern Spott

Viele Journalisten glauben, der AfD so maximal zu schaden. Sie fühlen sich dadurch bestätigt, dass die Parteiführer den Umgang mit ihnen als unfair beklagen. In Wahrheit sonnen sich Leute wie Höcke und Kalbitz in der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird. Es ist tausendmal besser, man ist berüchtigt und gefürchtet als ignoriert und verspottet.

Die gefährlichste Waffe im Meinungskampf ist nicht die Beschimpfung, sondern der Spott. Lange wusste das niemand besser als die Linke. Es gehört zu ihren tragischen Alterserscheinungen, dass ihr dieses Wissen abhandengekommen ist.

Öffentlich-grünroter Rundfunk

ARD und ZDF sind zur Ausgewogenheit verpflichtet, so steht es im Rundfunkstaatsvertrag. Warum ist es dann bloß so schwer, dort einen Journalisten zu finden, der in seinen Kommentaren nicht für die linke Sache trommelt?

Manchmal zeigt sich die Wahrheit in der Abweichung vom Gewohnten, der Panne, die kurz die Routine durchbricht.

Der erhellendste Moment am vergangenen Wahlabend, als die Ergebnisse aus Sachsen und Brandenburg einliefen, war der Auftritt von Robert Habeck im ZDF. Der Grünen-Chef war aus der Ferne zugeschaltet. Im Hauptstadtstudio saß Bettina Schausten, um ihn zum Abschneiden der grünen Partei zu befragen. Die Zuschauer konnten Schausten hören, aber Habeck konnte es nicht, da es offensichtlich ein Problem mit der Leitung gab.

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FOCUS

„Ich höre jetzt gar nichts“, sagte Habeck, während er an seinem Ohrstecker fingerte. „Ich kann aber trotzdem antworten, auch ohne die Frage gehört zu haben, wahrscheinlich.“ Worauf Frau Schausten geistesgegenwärtig den Daumen senkte: „Ich glaube, das machen wir mal nicht.“

Die Szene lässt zwei Deutungen zu. Entweder verfügt Habeck über telepathische Fähigkeiten. Oder er ist durch seine Fernseherfahrung so konditioniert, dass er davon ausgeht, dass es auf Fragen von Journalisten nicht wirklich ankommt, weil man ihm grundsätzlich wohlgesonnen ist. Ich tippe auf Letzteres.

Schon ein leichter Verstoß gegen den vereinbarten Sprachgebrauch hat Konsequenzen

ARD und ZDF sind, anders als der FOCUS oder der „Spiegel“, zur Unparteilichkeit verpflichtet. Bei der Abbildung von Meinungen sollen sie auf Ausgewogenheit achten, so steht es im Rundfunkstaatsvertrag. Das Gebot der Unparteilichkeit gilt insbesondere für Nachrichten und politische Sendungen.

Ich führe keine Strichliste, aber immer wenn ich den Fernseher einschalte, erklärt mir jemand, warum die fortschrittlichen Kräfte im Land unser ganzes Vertrauen verdienen. Entweder wird die Mietpreisbremse gelobt, die sie in Berlinausgeheckt haben, um mit 30 Jahren Verspätung dem Sozialismus zum Sieg zu verhelfen. Oder ein Kommentator ruft die Politik dazu auf, mehr Verbote zu erlassen, weil nur durch mehr Verbote ein ökologisch verträgliches Leben möglich sei. Oder jemand verkündet, weshalb man endlich aufhören solle, die Leute von der Linkspartei als SED-Erben zu bezeichnen.

Schon ein leichter Verstoß gegen den vereinbarten Sprachgebrauch, und sei es nur aus Tollpatschigkeit, hat Konsequenzen. Dass bereits die unbedarfte Verwendung des Begriffs „bürgerlich“ im Zusammenhang mit der AfDreicht, um einen Empörungssturm auszulösen (bis hin zu Forderungen nach Moderationsverbot für die arme MDR-Redakteurin, die den Begriff in ihrer Wahlsendung benutzte), beweist eben gerade nicht, wie weit die ARDnach rechts gerutscht ist: Es zeigt aus meiner Sicht das genaue Gegenteil.

Was den Zuschauer interessiert, spielt nur am Rande eine Rolle

Die Verantwortlichen finden, es gehe bei ihnen ausgewogen genug zu. „Gibt es eigentlich bei den Öffentlich-Rechtlichen einen Journalisten, der sich in seinen Kommentaren nicht auf die Seite der Grünen, der SPDoder der Linkspartei schlägt?“, wollte ich neulich in einer Diskussion im Netz wissen. Es gebe sogar mehrere, antwortete der ARD-Chefredakteur Rainald Becker. Ob er mir einen nennen könne, der über den engeren Kollegenkreis hinaus bekannt sei, fragte ich zurück, das würde mich wirklich interessieren. Leider zog es Herr Becker darauf vor, in Schweigen zu verfallen.

Ich kann es nicht beschwören, aber ich bilde mir ein, früher war mehr Kontroverse. Es gab „Panorama“ und „Monitor“. Aber es gab auch Gerhard Löwenthal und Bodo Hauser – oder Eduard Zimmermann mit seinem „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Der war zwar im engeren Sinn kein politischer Kopf, aber dennoch eine Figur, die für alles stand, was man auf der Linkenhasste.

Warum es heute weniger Vielfalt gibt? Ein Grund ist eine Tendenz, die für alle Medien gilt und die ein Soziologe die Regression zur Mitte nennen würde. Die meisten Journalisten interessieren sich zunächst dafür, was andere Journalisten über ihre Arbeit denken. Die Frage, was die Leser oder Zuschauer beschäftigen könnte, spielt auf Redaktionskonferenzen meiner Erfahrung nach lediglich am Rande eine Rolle.

Jede Gewerkschaftsnudel hat ihren Platz im Rundfunkrat

Die Neigung, dem Redaktions-Mainstream zu folgen, ist umso stärker, je mehr das Fortkommen von Aufsichtsgremien abhängt. Nirgendwo ist der Einfluss der sogenannten gesellschaftlich relevanten Gruppen so groß wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, deshalb ist auch die Tendenz zur Meinungsvereinheitlichung nirgendwo so ausgeprägt wie hier. Jede Gewerkschaftsnudel und jede Gleichstellungsbeauftragte hat ihren Platz im Rundfunkrat, weshalb schon die falsche Gästeauswahl bei einer Talkshow zu einer Vorladung führen kann.

Lange Zeit herrschte noch ein gewisser Proporz, weil die CDU dafür sorgte, dass auch Leute nach oben kamen, die Patchwork nicht für das ideale Familienmodell hielten und das Windrad nicht für das ultimative Sinnbild des Fortschritts. Aber das hat sich erledigt. Seit Angela Merkelregiert, gibt es so etwas wie eine konservative Medienpolitik nicht mehr.

Die Unbekannte in dem Spiel sind die Zuschauer

Warum auch? Das, was die Kanzlerin denkt, denken die meisten Journalisten ohnehin, da braucht es keine besondere Beförderungspolitik. Selbst der Bayerische Rundfunk ist in ihrer Ägide zu einer Anstalt geworden, in der man sich jeden scharfen Ton versagt. Ich kenne den Intendanten Ulrich Wilhelm noch aus seiner Zeit als Regierungssprecher in Berlin. Ich mag ihn, er ist ein feiner Kerl, aber er ist so wie alle, die für Merkel gearbeitet haben, ganz Sozialdemokrat im Herzen.

Die Unbekannte in dem Spiel sind die Zuschauer. „Britain makes a noise“, sagt der Vater der Brexit-Kampagne, Dominic Cummings, zum Auftakt des fabelhaften Historiendramas „Brexit – The Uncivil War“, in dem der britische Sender Channel 4 die Hintergründe dieses seltsamen Volksaufstands aufrollt.

Ein Grummeln des Unmuts grollt in der Ferne

Auch die Deutschen machen ein Geräusch. Es ist bislang nur ein Grollen in der Ferne, ein Grummeln des Unmuts, das man in den Fernsehanstalten glaubt, ignorieren zu können, weil Politik und Verfassungsgerichte ihre schützende Hand über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk halten. Es schlägt sich in den Umfragen nieder, in denen eine Mehrheit angibt, man könne bestimmte Wahrheiten nicht mehr offen aussprechen. Es zeigt sich auch in den Erfolgen der AfD, die dem Missmut über das Gebührenfernsehen den aggressivsten Ausdruck verleiht.

Wie die Sache beim Brexit ausgegangen ist, wissen wir. Hoffen wir, dass den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht ein ähnliches Schicksal ereilt. Wenn der Brexit eines gezeigt hat, dann dass man auf Dauer das Rauschen des Unmuts nicht überhören sollte.

Die Nackten und die Doofen

Humor ist ein Mittel der Aufklärung: Er schafft Distanz und damit Erkenntnisgewinn. Vielleicht reagieren die Anhänger der neuen Umweltbewegung deshalb so allergisch auf jeden Witz.

Ich habe einen Scherz über Greta Thunberg gemacht. Das hätte ich besser gelassen. Ich habe ein Foto von ihrem Besuch im Hambacher Forst über Twitter geteilt. Auf dem Bild war Thunberg im Kreis von mehreren Jugendlichen zu sehen. Die Gruppe stand im Wald, alle guckten sehr ernst, einer der Jugendlichen war vermummt.

Ich musste unwillkürlich an eine dieser amerikanischen Serien denken, in der die Kinder gegen das Böse kämpfen, das im Unterholz lauert. Also schrieb ich zu dem Foto: „Die Dreharbeiten zur 4. Staffel von ,Stranger Things‘ haben begonnen, wie Netflix mitteilte.“

Ein harmloser Spaß, dachte ich. Wie wenig ich doch von der Gemütslage der Thunberg-Anhänger verstehe! In dieser Welt ist nichts harmlos. Kaum war der Tweet in Umlauf, traf mich eine Kanonade der Verachtung.

„Wie abgestumpft kann man werden? Gute Nacht“, donnerte der Pianist Igor Levit, der für seine magischen Hände ebenso bekannt ist wie für sein politisches Engagement, und der mühelos aus jeder Beethoven-Sonate eine antifaschistische Ode macht. Andere waren noch direkter.

 

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Darf man über jemanden scherzen, bei dem schon die Frage, wie er oder sie die Nacht verbracht hat, eine Welt-Nachricht ist? Aber ja, würde ich sagen. Unbedingt sogar. Wer es nicht lustig findet, wenn eine 16-Jährige das Cover von Männermagazinen wie „GQ“ schmückt, die ansonsten genau den Lifestyle propagieren, der von der Titelheldin beklagt wird, dem ist nicht zu helfen.

Mir wird vorgehalten, ich würde das Engagement junger Menschen belächeln. Aber das beruht auf einem Missverständnis. Ich finde es super, wenn Leute etwas auf die Beine stellen. Was mich irritiert, ist der Hang zur Verkitschung, der mit dem Greta-Kult einhergeht. Anhimmelung und Anbetung gehören nach meinem Verständnis nicht zu den Hauptaufgaben des Journalisten, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass dies in meiner Journalistenschule anders gelehrt wurde. Aber mit dieser Einstellung gehöre ich heute wohl zur Minderheit.

Das Übermaß an Süße verleiht dem Kitsch seine betäubende Wirkung

Die Linkeund der Kitsch waren immer schon eine heikle Beziehung. Was dem klassischen Spießer der röhrende Hirsch, das ist dem Grünen der singende Wal, hat der Kulturkritiker Gerhard Henschel einmal sinngemäß angemerkt. Kitsch entsteht aus dem Bedürfnis, einer innigen Beziehung noch mehr Innigkeit zu verleihen beziehungsweise dem Weihevollen noch mehr Weihe. Es ist dieses Übermaß an Süße, das dem Kitsch seine betäubende Wirkung verleiht (und seine Erzeugnisse leider auch so schwer verdaulich macht).

Politischer Kitsch gedeiht besonders gut, wo Menschen sich an der Hand fassen, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen, also auf Kirchentagen, Demonstrationen und überhaupt allen Zusammenkünften, in denen es um den Weltfrieden, die globale Gerechtigkeit und das Überleben auf Erden geht. Es gilt die Faustformel: Wo der Baum umarmt und die Biene gerettet wird, da ist der Kitsch nicht fern.

Die Fledermaus schafft es nie auf ein Grünen-Plakat

Nicht alles ist gleichermaßen kitschfähig. Der Delfin und der Schmetterling eignen sich besser als Wappentiere als, sagen wir, die Spinne. Dabei sind Spinnen faszinierende Tiere, die zu wahren Wunderwerken in der Lage sind. Auch der Fledermaus gelingt es nicht, das grüne Herz zu erweichen, weshalb völlig ungerührt hingenommen wird, dass jedes Jahr etwa 25.0000 dieser intelligenten Säugetiere verenden, weil sie den Flug durch die Windanlage nicht verkraften.

Die arme Fledermaus erleidet ein Baro-Trauma. Hinter den Rotorblättern, die sie Dank des Echolots pfeilgerade durchsteuert, trifft sie auf ein Vakuum, das ihre kleine Lunge zerfetzt und sie tot zu Boden fallen lässt. Dennoch schafft es die Fledermaus nie auf ein Grünen-Plakat, und es findet sich auch kein Volksbegehren zu ihrer Rettung, das dann vom bayerischen Ministerpräsidenten adoptiert werden könnte.

Das Herz eignet sich nur bedingt zu Verstandeszwecken

Es waren bezeichnenderweise vor allem Linke wie Eckhard Henscheid, Klaus Bittermann und Gerhard Henschel, die unter Titeln wie „Die Nackten und die Doofen“ oder „Das Blöken der Lämmer“ eine Kritik von „Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch“ begründeten. Es ist kein Zufall, dass die Publikation vieler Bücher mit dem Auftritt der grünen Umweltbewegung zusammenfiel, bei der erstmals um die Wette geknetet, gebetet und gefastet wurde. Dass unverwüstliche Oberkitschproduzenten wie Konstantin Wecker („weiterhin verwundbar sein“) einem heute wieder von Plakaten entgegenlächeln, so als seien die siebziger Jahre nie zu Ende gegangen, ist ein Signum unserer Zeit.

Humor schafft Distanz und hilft damit bei der Erkenntnisgewinnung. Umgekehrt vernebelt der Sentimentalismus nicht nur die ästhetische Vernunft. Auch wenn von Konstantin Wecker die Empfehlung stammt, man solle mit dem Kopf fühlen und dem Herzen denken, so eignet sich das Herz leider nur bedingt zu Verstandeszwecken, wie sich schnell zeigen lässt. Aus der Tatsache, dass uns etwas besonders nahegeht, folgt noch nicht, dass es auch in der Realität besonders bedeutsam wäre.

Alle reden jetzt über Flugscham

Nehmen Sie die Aufregung über das Fliegen: Alle reden jetzt über Flugscham, dabei entspricht die CO2-Belastung durch das Internet schon heute dem des Flugverkehrs. Mit 20 Suchanfragen bei Google kann man eine Energiesparlampe eine Stunde brennen lassen! Wer 100 Prozent emissionsfrei über den Atlantik juckeln will, müsste also nicht nur auf Dieselaggregate, sondern auch aufs Posten bei Twitter verzichten.

Das war jetzt nicht ganz ernst gemeint. Aber an dem Beispiel kann man sehen, wohin der heilige Ernst führt. Dann werden selbst kleine Verfehlungen zur Staatsaffäre. Dass ein Segeltrip nach New York fürs Klima schädlicher ist als ein Transatlantikflug, weil die Crew, die das Schiff zurückbringen soll, ja irgendwie nach Amerika kommen muss, das ist nicht skandalös, sondern komisch, wie ich finde. Wo die Atlantiküberquerung zum Opfergang wird, bleibt allerdings kein Raum für Komik.

Vielleicht ist alles eine Frage des Abstands. Auch Jesus war nicht zu Scherzen aufgelegt, als er das Kreuz auf die Schulter nahm. Das haben mit Verspätung dann Monty Python besorgt. Geben wir der Thunberg-Bewegung also etwas Zeit. Möglicherweise entdecken auch ihre Anhänger irgendwann die segensreichen Wirkungen der Selbstironie.

Eine Frau will nach unten

Wenn es noch Zweifel an der Nichteignung von Annegret Kramp-Karrenbauer für das Kanzleramt gab, dann hat sie diese jetzt ausgeräumt. Wer nicht klar redet, der denkt in der Regel leider auch nicht klar.

Jeder Kanzler hält sich für unersetzlich. Alle, die das Amt innehatten, gaben zu Protokoll, nicht an ihrem Sessel zu kleben. Aber wenn es so weit war, die Macht abzugeben, konnte keiner so leicht loslassen.

Es liegt in der menschlichen Natur, dass es einem schwerfällt, sich vorzustellen, dass andere es genauso gut oder vielleicht sogar besser können als man selbst. Das gilt erst recht für Menschen, die Machtmenschen sind. Wer als Regierungschef an Selbstzweifeln leidet, wird schwermütig.

Der einzige Kanzler, der von sich aus hinwarf, war Willy Brandt. Allerdings geschah auch das nicht aus freien Stücken, sondern war Folge einer ins Behandlungsbedürftige sich verfestigenden Ermüdung. Adenauer brauchte vier Anläufe, um sich vom Kanzleramt zu verabschieden. Kohl hielt so lange an der Macht fest, bis selbst die engsten Weggefährten ein Ende herbeiwünschten.

Angela Merkel hat angekündigt, freiwillig das Feld zu räumen, das zeichnet sie aus. Aber auch sie hat einen Weg gefunden, der Welt zu beweisen, dass es ohne sie nicht einfach so weitergeht. Sie hat, wenn man so will, eine besonders raffinierte Form gewählt, die Deutschen an ihre Verdienste zu erinnern: Sie hat eine Frau zur Nachfolgerin auserkoren, von der sie genau weiß, dass ihr die Voraussetzungen für die Kanzlerschaft fehlen.

Wenn es noch Zweifel an der Nichteignung von Annegret Kramp-Karrenbauer für das höchste Regierungsamt gab, dann hat sie diese jetzt ausgeräumt. Zwei Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg hat die Parteivorsitzende der CDU ausgerechnet den Mann gemaßregelt, der wie kaum ein anderer in der Lage ist, CDU-Wähler vom Wechsel zur AfDabzuhalten. Wo der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen im Osten auftritt, ist der Saal voll. Aus Berliner Sicht ist das keine Empfehlung, sondern ein Grund zum Argwohn.

Im Adenauer-Haus misstraut man grundsätzlich Leuten, die sich eine Meinung erlauben, die nicht mit den Gremien abgestimmt ist, weshalb die CDU-Vorsitzende in einem Zeitungsinterview auch dem Gedanken nachging, ob man Maaßen nicht am besten ganz aus der Partei entfernen sollte. Es hieß dann anschließend, das sei alles nicht so gemeint gewesen, aber diese Erklärung ist Augenwischerei.

Wer überfordert ist, neigt dazu, abweichende Meinungen als Angriff zu verstehen

Stellen Sie sich vor, Ihr Vorgesetzter würde auf die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, Sie zu kündigen, antworten: Im Prinzip sei Ihr Unternehmen ein liberales Haus, die rechtlichen Hürden für eine Kündigungseien außerdem hoch. Aber in Ihrem Fall müsse man leider feststellen, dass der Bogen überspannt sei.

Ich bin sicher, Sie würden sich nicht beruhigt zurücklehnen und sagen: Na ja, mein Chef hat schließlich betont, dass er grundsätzlich für die Meinungsfreiheit ist. Wenn Sie Ihre fünf Sinne beisammenhaben, würden Sie schleunigst einen Anwalt aufsuchen, um sich arbeitsrechtlich beraten zu lassen.

„Welcher Typ Mensch setzt nach dem Satz, in dem das Recht auf Meinungsäußerung betont wird, freiwillig einen Satz mit ,aber‘?“, hat der „Welt am Sonntag“-Chefredakteur Johannes Boie geschrieben. Meine Antwort wäre: der Typ Mensch, der eine Partei mit einer Behörde verwechselt. Annegret Kramp-Karrenbauer leidet wie viele Menschen, die es in der Politik sehr schnell sehr weit nach oben getragen hat, an Überforderung. Wer überfordert ist, neigt dazu, abweichende Meinungen als Angriff zu verstehen.

Es herrscht Bedürfnis nach Politikern, die sagen, was ist

Ich dachte zwischenzeitlich, ich hätte mich in der CDU-Vorsitzenden getäuscht. Mir hat imponiert, wie sie ihren Karnevalsscherz über Berliner Gendertoiletten verteidigte, statt sich dafür, wie erwartet, zu entschuldigen. Nicht weil ich den Witz überragend fand. Sondern weil ich es immer etwas armselig finde, wenn konservative Politiker in die Knie gehen, sobald drei kritische Kommentare auf „Spiegel online“ erscheinen.

70 Prozent der Deutschen haben nichts gegen schlechte Witze zu Karneval, so wie 70 Prozent auch nicht finden, dass jemand Grund zur Entschuldigung hat, wenn er auf die Integrationsprobleme in deutschen Schulen hinweist. Ein Gutteil der Leute ist noch nicht einmal der Meinung, dass ein Fußballboss untragbar geworden ist, weil er sich über die Vorzüge einer Elektrifizierung des afrikanischen Kontinents ausgelassen hat. Im Zweifel denken sie sich: „Der Mann ist Schlachtermeister. So einer drückt sich nun einmal etwas ungelenk aus. In der Sache hat er doch gar nicht so Unrecht.“

Es herrscht ein großes Bedürfnis nach Politikern, die sagen, was ist, statt so zu reden, dass sie den Journalisten imponieren, die ihnen in Kommentaren dann Kopfnoten erteilen. Viele Menschen haben den Eindruck, dass es zwei Wirklichkeiten gibt, die sich immer weiter voneinander entfernen.

CDU wird nicht mit Kramp-Karrenbauer ins Rennen gehen

Es gibt ihre Lebenswirklichkeit mit handfesten Problemen, wo man schon dankbar wäre, wenn der Staat für das viele Geld, das er einzieht, seine Aufgaben ordentlich erledigen würde. Und es existiert eine mediale Wirklichkeit, in der es vor allem um das richtige Betragen geht und in der ein falsches Wort genügt, um in Teufels Küchezu kommen. Was einer Partei passiert, wenn sie die beiden Welten verwechselt, hat die SPDvorgeführt. Die CDU ist drauf und dran, der Sozialdemokratie auf ihrem Weg nach unten zu folgen.

Man soll sich als Journalist mit Prognosen zurückhalten. Aber in dem Fall gehe ich das Risiko ein: Ich glaube nicht mehr daran, dass die CDU mit Frau Kramp-Karrenbauer als Kanzlerkandidatin ins Rennen gehen wird. So viel Überlebenswillen steckt in der Partei dann doch, würde ich sagen.

Wer nicht klar redet, der denkt in der Regel auch nicht klar, das ist jedenfalls meine Erfahrung. Es ist ein groteskes Missverständnis zu glauben, weil die Dinge komplex sind, müsse man sich auch möglichst unverständlich ausdrücken. Das Gegenteil ist richtig.

Klares Denken steht noch vor klarem Sprechen. Von einem Kandidaten, der will, dass ihm die Menschen Entscheidungen über ihre Zukunft anvertrauen, wird beides erwartet.