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Sieg des Sentimentalismus

Harry und Meghan als Hoffnungsträger aller Opfer von Diskriminierung? Die politische Bewertung des Rückzugs des britischen Adelspaars zeigt, dass es mit den richtigen Sätzen selbst der Multimillionär zum linken Emanzipationssymbol bringen kann.

Eine feste Größe in der Berichterstattung der bunten Blätter ist die reiche, aber unglückliche Frau, die unter den Umständen leidet. Sie mag Millionen auf dem Konto haben und mehr Adelstitel besitzen als andere Leute Unterhemden: Wenn es ums Lebensglück beziehungsweise -unglück geht, ist sie nicht besser dran als du und ich, also ganz nah bei den Lesern.

Das ist selbstredend Quatsch, wie alles, was auf Sentimentalität beruht. Aber es ist tröstlicher Quatsch, deshalb verkauft er sich. Meine linken Professoren hätten gesagt, dass die Regenbogenpresse den Leuten ihre bunten Geschichten unterjubele, damit sie die Machtverhältnisse nicht infrage stellten. Das war vielleicht etwas zu marxistisch gedacht. Sie können sich trotzdem mein Erstaunen vorstellen, als ich jetzt ausgerechnet beim „Spiegel“ auf die linke Version der Herzblatt-Geschichte stieß.

Für jeden klarsichtigen Menschen ist der Privatisierungsentschluss des Herzogs und der Herzogin von Sussex die Folge einer Fehlkalkulation bei der Eheschließung. Für den „Spiegel“-Redakteur Jonas Schaible ist der Rückzug der beiden nach Kanada eine „Botschaft der Selbstfindung, Emanzipation, aber auch der nicht-weißen Vielfalt“, wie es im schönsten Proseminar-Jargon in einer „Analyse“ hieß, die vergangene Woche online ging.

Bündnispartner bei dem Ausbruchsversuch seien nicht die traditionellen Fans des Königshauses, von denen wenig Verständnis zu erwarten sei, ließ der Autor seine Leser wissen. Alliierte seien vielmehr alle, „die nicht in die alten Strukturen der britischen Gesellschaft passen“: Schwarze, Muslime, Frauen, Einwanderer, kurzum diejenigen, die „die Selbstermächtigung eines jeden und einer jeden über das Anspruchsdenken der anderen stellen, die sich von den auferlegten Lebenswelten emanzipieren wollen, die für Antirassismus und Feminismus eintreten“.

Ich bin vor Lachen fast vom Stuhl gekippt, als ich das las. Harry und Meghan als Hoffnungsträger aller Diskriminie- rungsopfer? Wenn es jemanden gibt, der sich vor Bewun- derung nicht retten kann, dann das britische Adelspaar. Es gibt auch nicht viel, was Meghan und Harry mit, sagen wir, einer polnischen Putzfrau oder einem rumänischen Klemp- ner verbindet, außer dass die einen die Steuern zahlen, von denen die andern ihre Häuser renovieren lassen. Aber so nüchtern können selbst linke Journalisten die Dinge im Meghan-Rausch nicht sehen.

In Wahrheit ist der Megxit die Geschichte eines Missverständnisses. Eine junge Frau aus Hollywood verliebt sich in einen Prinzen. Als er ihr die Ehe anträgt, glaubt sie, Disney würde wahr. Dass das Leben als Royal eine endlose Abfolge von Repräsentationsterminen bedeutet, das hat ihr keiner gesagt – oder sie wollte es nicht hören. Morgens Altenheim, mittags Veteranenverband, danach Besuch im Krankenhaus, um den Moribunden Zuspruch zu spenden: So zieht es sich dahin. Dazu eine Presse, die jeden Protokollverstoß hämisch kommentiert. Kein Wunder, dass man da als Hollywood-Aktrice schlecht drauf kommt.

Der Text im „Spiegel“ weist auf ein grundsätzliches Problem hin, deshalb habe ich ihn ausführlicher zitiert. Ich habe die Linke immer für ihren klaren ökonomischen Blick auf die Welt geschätzt. Wer in Interessenlagen denkt, ist relativ immun gegen Sentimentalismus und falsche Solidarität. Leider gibt es die marxistisch geschulte Linke, die in Interessengegensätzen zu denken vermochte, kaum noch. An ihre Stelle ist eine akademische Linke getreten, der die Frage nach der Zugehörigkeit wichtiger ist als jede Klassenfrage.

Was heute unter dem Begriff „Identitätspolitik“ läuft, ist die Aufgabe ökonomischer Kategorien zugunsten von psychologischen. Statt danach zu fragen, wie man für materiellen Ausgleich sorgen kann, kümmert man sich lieber darum, dass jeder sich wertgeschätzt und anerkannt fühlt. Das hat kurzfristig politisch durchaus Vorteile. Anerkennung ist leichter zu organisieren als materieller Aufstieg. Es reicht, dass man die richtigen Worte findet oder Anteilnahme zeigt, wenn jemand es schwer im Leben hat. Billiger ist Fortschritt nicht zu haben, würde ich sagen. Mit den entsprechenden Postings bei Facebook oder Instagram wird selbst die millionenschwere Glamour-Amsel zum Emanzipationssymbol – oder wie es heute heißt: zu einer Botschafterin der „Selbstermächtigung“ und „Selbstverortung“.

Der Nachteil des Strategiewechsels ist allerdings ebenfalls evident. Den Erfolg klassischer Sozialpolitik konnte man am Haushaltseinkommen ablesen und, wenn es gut lief, an den Studienabschlüssen der Kinder. Kultureller Fortschritt ist sehr viel schwerer zu ermessen. Wann kann die schwarze, lesbische Frau muslimischen Glaubens von sich sagen, dass sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist? Wenn niemand sie mehr fragt, wo sie herkommt? Oder wenn die Zahl schwarzer, lesbischer Musliminnen in Vorstandsetagen dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht.

Gleichberechtigung ist als politisches Programm unendlich, deshalb wächst der Bedarf ja auch mit dem Bemühen um mehr Gerechtigkeit. Es ist kein Zufall, dass noch nie so viel über Benachteiligung geklagt wurde, obwohl sich die Lage von Minderheiten über die letzten 30 Jahre entscheidend verbessert hat.

Vermutlich ist die Vernachlässigung der Klassenfrage der zentrale strategische Fehler der Linken, weil Identitätspolitik ein Gefühl der Solidarität annimmt, das so nicht existiert. Die traditionelle Klientel mag in Wahrheit nicht einsehen, warum sie Mitleid mit Leuten haben soll, deren Lebenswirklichkeit himmelweit von der eigenen entfernt ist.

Nicht jede Verkäuferin zerfließt in Tränen, wenn sie vom Schicksal einer migrantisch bewegten Soziologiestudentin hört, deren größtes Problem im Leben es ist, dass sie öfter danach gefragt wird, woher sie denn stamme. Manche würde gerne mal auf ihren Namen oder ihre vermutete Herkunft angesprochen. Es wäre eine nette Abwechslung in einem ansonsten relativ monotonen Arbeitsalltag.

Ich bin erklärtermaßen Fan des britischen Komikers Ricky Gervais. Bei einer seiner Golden-Globe- Moderationen hat er die Schauspielerin Jennifer Lawrence aufs Korn genommen, die gerade mit der Forderung nach „Equal Pay“ die Herzen der Presse erobert hatte. „Sie bekam Unterstützung von Leuten von überallher“, sagte Gervais. „Es gab Demonstrationen von Krankenschwestern und Fabrikarbeitern, die sich fragten: Wie, in Gottes Namen, kann eine 25-Jährige nur von 52 Millionen Dollar im Jahr leben?“

Als er Anfang des Monats wieder an der Reihe war, endete Gervais seine Moderation mit der Bitte an die Gäste, sich ihre Preise abzuholen und dem Fernsehpublikum ansonsten Kommentare oder politische Statements zu ersparen. „Ich mache mich nicht über Hollywoods Millionäre her, weil sie ein Haufen Linker sind. Ich bin selbst ein Linker“, erklärte er im Anschluss. „Ich habe sie mir vorgenommen, weil sie ihre linken Überzeugungen wie Orden vor sich hertragen.“

Wie rechts darf man als Schriftsteller sein?

Der Schriftsteller als Mahner und kritische Instanz hat in Deutschland eine lange Tradition. Heinrich Böll und Günter Grass haben diese Rolle in Vollzeit bekleidet. Warum reagiert das Feuilleton also so allergisch, wenn der Erfolgsautor Uwe Tellkamp die Tradition wiederbelebt?

Das Lingnerschloss am Dresdner Elbhang ist eine der prachtvollsten Villen in der an Villenpracht reichen Stadt. Von der Terrasse hat man einen imposanten Blick über das Elbtal, entsprechend beliebt ist das zwischen 1850 und 1853 errichtete Palais bei Hochzeitspaaren und Festgesellschaften.

Im Januar sollte hier eine neue, von der Kulturzeitschrift „Tumult“ ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe beginnen. Für die Auftaktveranstaltung hatte man den Autor Uwe Tellkamp verpflichten können, mit einer Lesung aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Roman. Doch daraus wurde nichts, und es wird auch nichts daraus werden. Überraschend zog das Lingnerschloss seine Zusage zurück. Die Veranstaltungsreihe und mithin der Auftritt Tellkamps widerspreche dem Neutralitätsgebot, dem man sich verpflichtet fühle, erklärte der zuständige Förderverein.

Das ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Vorgang. Tellkamp ist nicht irgendein Autor, sondern der bekannteste Autor der Stadt. Was Günter Grass für Lübeck und Heinrich Böll für Köln, das ist der ausgebildete Chirurg für Dresden. Große Teile seines Erfolgsromans „Der Turm“, der es nach seinem Erscheinen 2008 zu einer schwindelerregenden Auflage brachte, spielen hier. Tellkamp selbst hat von den Tantiemen im Stadtteil Weißer Hirsch eine Souterrainwohnung gekauft, in der er seitdem am Nachfolgebuch arbeitet.

Der Verweis auf ein Neutralitätsgebot, das es zu achten gelte, ist auch deshalb eigenartig, weil der Veranstalter nicht eine politische Veranstaltung, sondern eine Lesung angekündigt hatte. Die Rolle, in der Tellkamp seinem Publikum gegenübertritt, ist die des Schriftstellers, dafür wird er verehrt; dass er sich hin und wieder politisch äußert, ist eher der Gelegenheit geschuldet. Seine politischen Einlassungen sind auch nicht außergewöhnlich. Ausweislich der Umfragen (und der Wahlergebnisse der AfD) teilen über 25 Prozent der Bürger in Sachsen seine Meinung. Außergewöhnlich ist, dass ein Suhrkamp-Autor sich kritisch zur Flüchtlings- oder Europapolitik der Regierung äußert.

Ich habe Tellkamp in den vergangenen zwei Jahren mehrfach getroffen. Das erste Mal sahen wir uns anlässlich einer Lesung in Weimar. Es war Tellkamps erster öffentlicher Auftritt, nachdem er ein paar Monate zuvor bei einer Diskussionsveranstaltung im Dresdner Kulturpalast sein Debüt als Kritiker des Zeitgeschehens gegeben hatte. Tellkamp hatte bei einer Diskussion mit dem Schriftstellerkollegen Durs Grünbein unvorsichtigerweise seine Sympathie für den Teil des ostdeutschen Publikums zu erkennen gegeben, der grundsätzlich mit der Regierungspolitik hadert. Ich meine mich an einen Artikel in einer führenden Zeitung zu erinnern, in dem stand, dass man von nun an keine Tellkamp-Bücher mehr lesen könne.

Der Schriftsteller als Seismograf und gesellschaftlicher Mahner hat in der Bundesrepublik Tradition, so ist es nicht. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob Autoren notwendigerweise auch politisch weitsichtige Menschen sind. Nur weil jemand großartig über innere Vorgänge oder menschliche Verwicklungen schreiben kann, ist er nicht automatisch ein besonders scharfsinniger Denker. Doch die Öffentlichkeit billigt dem Autoren eine besondere moralische Kompetenz zu. Vielleicht ist es die Sensibilität, die man Künstlern unterstellt, oder die Leser denken, dass der eher meditative Lebensstil tiefere Einsicht begünstigt.

Im Grunde knüpft Tellkamp also nur an eine Rolle an, die Leute wie Grass und Böll als Vollzeitstelle bekleidet haben. Aber so einfach lässt man ihn nicht davonkommen. Es macht eben einen gewaltigen Unterschied, ob der kritische Geist von links oder rechts weht.

Ich würde auch immer einwenden, dass es das Privileg des Schriftstellers sei, Unsinn zu verzapfen. Böll hat als Kommentator hanebüchenes Zeug von sich gegeben, ohne dass dieses seinem Ruf als moralischer Instanz Abbruch getan hätte. Unvergessen ist der „Spiegel“-Essay, in dem Böll die erste Generation von RAF-Terroristen als fehlgeleitete Idealisten gezeichnet hatte, die vom Staat in den Untergrund getrieben worden seien. Auch Grass war von erstaunlicher Eigenwilligkeit im Umgang mit Fakten. Erst als er auf seine alten Tage sein Engagement bei der Waffen-SS allzu salopp der eigenen Biografie einzugliedern versuchte, merkten diejenigen im Feuilleton auf, die bis dato jede seiner Einlassungen als gottgleich hingenommen hatten.

Tellkamp ist ein scheuer Mensch. Ihm fehlen das Selbstbewusstsein und die Robustheit des von einer politischen Mission überzeugten Großschriftstellers. Wenn er sich zu Fragen der Einwanderung äußert, dann eher aus Verbitterung über die Hochnäsigkeit, mit der im Westen über die Landsleute geurteilt wird, denen er sich zugehörig fühlt. Dass man den Menschen aus Sachsen and Thüringen den politischen Verstand abspricht, weil sie sich anders äußern, als man es in München oder Hamburg erwartet, erzeugt bei ihm eine Gereiztheit, die sich in impulsiven Gelegenheitsauftritten entlädt.

Als wir im Herbst das letzte Mal sprachen, saß er an der Endfassung seines neues Romans. Die Arbeit sei im Wesentlichen abgeschlossen, sagte er, aber das muss bei ihm nichts heißen. Wer seine Arbeitsweise mit dem von Dombaumeistern vergleicht, denkt in anderen Zeiträumen. Tellkamp las dann aus einem Kapitel, das in einer Außenstelle der „Tausendundeine Nacht“-Abteilung des Verkehrsministeriums spielte, dem der Held zugeordnet ist. Von der Leyen tauchte auf, camoufliert als „Flintenbrigitte“, die Kanzlerin sowie eine Reihe ihrer Vasallen. Wenn man nach den Seiten, die er vortrug, auf das Buch schließen müsste, das dem „Turm“ folgen soll, erwartet den Leser eine ins Dystopische gewendete Vision der Merkel-Jahre.

Bei Suhrkamp lebt man in banger Erwartung des Buchs. Tellkamp gehört zu den wenigen Schriftstellern, die man nicht ins Weihnachtsgeschäft hieven muss, um Auflage zu machen. Die Wahrheit ist, dass viele der Suhrkamp-Autoren Tellkamp ihre Vorschüsse verdanken. Die Geschäftsgrundlage von Buchverlagen beruht auf einer Mischkalkulation, wo die Einnahmen des einen die Honorare der anderen subventionieren. Jemand wie Durs Grünbein, der Tellkamp als „Heimatautor“ verhöhnt, könnte ohne dessen Heimatschriftstellerei niemals von seinen eigenen anämischen Auflagen leben.

Selbstverständlich schlägt der Erfolg nicht zugunsten des Mannes aus Dresden aus. Tellkamp berichtete mir von der Begegnung mit einem Kollegen, der ihm nach dem Auftritt im Kulturpalast damit drohte, man werde dafür sorgen, dass Suhrkamp nichts mehr von ihm drucke, wenn sich so ein Vorgang wiederhole. Eine Art Orwell von rechts ist nicht das, was in der Suhrkamp-Welt geschätzt würde. Man darf vermuten, dass es da noch einen Tanz geben wird.

Der Förderverein des Lingnerschlosses hat jetzt angekündigt, selbstverständlich könne Tellkamp auftreten. Die Ausladung habe sich gegen die Zeitschrift „Tumult“ gerichtet, die die Veranstaltungsreihe ersonnen hatte, nicht gegen den Schriftsteller selbst. Der „Tumult“-Herausgeber Frank Böckelmann kommt übrigens von ganz links. Er hat mit Leuten wie Rudi Dutschke die Studentenrevolte angeführt, bevor er in die Kommunikationswissenschaft abbog. Böckelmann würde vermutlich sagen, dass er sich in seinem politischen Engagement treu geblieben sei. 

Kann uns nur noch die Kernenergie retten?

Die Strahlenangst gehört zur deutschen Identität. So wie die Liebe zum Auto. Leider gibt es nach Lage der Dinge nur eine Energiequelle, die verlässlich ist und gleichzeitig klimaneutral, und das ist die Atomenergie

Bei einem Besuch in London habe ich vor einigen Jahren ein Buch mit dem schönen Titel „Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia“ erstanden. Der Autor Francis Wheen beschreibt darin die seltsam fiebrige Stimmungslage Mitte der siebziger Jahre, als die eine Hälfte im Westen den Untergang der Zivilisation wegen der Hippie-Kultur für unausweichlich hielt und die andere Hälfte die Menschheit den Atomtod sterben sah. Auf dem Rückumschlag ist ein Mann abgebildet, der an einem Strand an lauter Badenden mit einem Schild vorbeiläuft, auf dem „The End Is Near“ steht.

Die Untergangsangst ist zurück. Selbst kluge Köpfe sind von der Überzeugung befallen, dass das Ende der Menschheit kurz bevorstehe, diesmal nicht wegen der Atom-, sondern wegen der Klimakatastrophe. Sie könne weinen, wenn sie daran denke, wie gering die Chancen ihrer Tochter seien, anno 2076 60 Jahre alt zu werden, schrieb neulich Marina Weisband, eine durchaus nachdenkliche Frau, die sich nach ihrem Ausscheiden bei den Piraten als Digitalexpertin einen Namen gemacht hat.

Lassen Sie uns nicht darüber diskutieren, wie berechtigt oder unberechtigt Ängste sind. Ich selbst halte es für extrem unwahrscheinlich, dass die menschliche Rasse ab dem Jahr 2076 nicht mehr existieren wird. Menschen neigen nun einmal zu Zwangsvorstellungen. Eine Freundin von mir kann über keine Brücke fahren. Sie ist von der Angst geplagt, dass die Brücke in dem Moment, in dem sie darüberfahren würde, einstürzen könnte, deshalb nimmt sie bei Reisen entsprechende Umwege in Kauf. Es ist völlig sinnlos, sie auf die Unwahrscheinlichkeit des von ihr befürchteten Ereignisses hinzuweisen.

Nehmen wir also an, wir alle seien dem Hitzetod geweiht. Wäre es dann nicht an der Zeit, über die einzige Maßnahme nachzudenken, die geeignet ist, das Schicksal abzuwenden? Nach Lage der Dinge gibt es nur eine Energiequelle, die verlässlich ist und gleichzeitig klimaneutral, und das ist die Atomenergie. Was die CO2-Bilanz angeht, ist die Kernkraft sogar der Solarenergie überlegen. Nur Windenergie und Wasserkraft können klimapolitisch mithalten.

Wo ich mit den Apokalyptikern übereinstimme, ist der Pessimismus, die Erderwärmung ließe sich durch Selbstdisziplin begrenzen. Ich glaube, Leute wie Marina Weisband haben zu 100 Prozent Recht, wenn sie der Politik die Fähigkeit absprechen, das Ruder noch rechtzeitig herumzureißen. Bis wir so weit sind, dass wir den Laden mit Sonne und Wind am Laufen halten, sind die Eisberge längst geschmolzen.

Ich kenne alle Argumente gegen die Nutzung der Kernenergie. Die Frage der Müllentsorgung ist nicht hinreichend geklärt. Es gab in der Vergangenheit mehrere schwere Unfälle. Aber wenn ich davon ausgehe, dass nur wenige Monate bleiben, um zu verhindern, dass die Erde unbewohnbar wird, ist es dann nicht klüger, auf eine Technologie zu setzen, bei der nur ein theoretisches Risiko besteht, dass sie uns im Stich lässt?

Bislang hieß es: Ja, sicher, dass sich Tschernobyl oder Fukushima wiederholen, ist extrem unwahrscheinlich – aber ein Atomunfall reicht, um einen ganzen Landstrich zu verwüsten. Dieses Argument hat sich erledigt. Wenn wir weitermachen wie bisher, so sagen uns die CO2-Experten, dann ist nicht nur ein Landstrich verwüstet, sondern der ganze Globus.

Auch an der Kernkraft ist der Fortschritt nicht vorbeigegangen, das kommt hinzu. Die neuen Meiler haben mit den alten AKWs, von denen bei uns die letzten 2022 außer Betrieb gehen, kaum etwas gemein. Moderne Reaktoren, die auf flüssiges Natrium als Kühlmittel setzen, wären in der Lage, aus abgebrannten Brennelementen Energie zu gewinnen, was auch den Blick auf das Problem mit dem Atommüll schlagartig ändert.

Tatsächlich kommt eine ganze Reihe von Experten zu dem Schluss, dass nur eine Renaissance der Atomenergie uns vor einem globalen Anstieg der Temperaturen bewahren kann. Selbst Greta Thunberg hat in einem unbedachten Moment zu erkennen gegeben, dass sie in der Kernkraft einen positiven Beitrag sieht. „Atomkraft kann laut Weltklimarat IPCC ein kleiner Teil einer großen neuen, kohlenstofffreien Energielösung sein“, postete sie auf Facebook. Sie hat das dann mit Rücksicht auf die Befindlichkeit der „Fridays for Future“-Aktivisten relativiert, indem sie ein paar Tage später hinzusetzte, sie persönlich sei natürlich gegen die Kernkraft. Aber das war eher ein taktisches Manöver.

Es ist mitnichten so, dass die Kernenergie tot ist. Sie spielt nur in Deutschland keine Rolle mehr. Schon ein paar Kilometer jenseits der deutschen Grenze, in Frankreich, stehen die ersten von insgesamt 58 Reaktorblöcken, von deren Stromerzeugung wir übrigens unmittelbar abhängen, wenn bei uns der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Auf der anderen Seite, in Tschechien, verrichten insgesamt sechs Atommeiler ihren Dienst, ohne dass jemand daran denkt, sie abzuschalten.

So kann man fortfahren: Schweiz fünf Meiler, Belgien und Spanien je sieben. Selbst das wegen seiner Klimaneutralität gelobte Schweden mag nicht auf die Kernenergie verzichten. In Finnland, das bereits über vier Reaktoren verfügt, wird gerade um einen Neubau gerungen.

Ich habe Angela Merkel vor ein paar Jahren einmal gefragt, was sie dazu bewogen habe, über Nacht die deutsche Energiepolitik umzustoßen. Im Nachhinein ist die Entscheidung, das Land vom Atomstrom abzukoppeln, möglicherweise der schwerwiegendste Fehler ihrer Regierungszeit.

Auch sie habe es mit der Angst zu tun bekommen, als sie die Bilder aus Fukushima gesehen habe, gab die Kanzlerin als Antwort. Das fand ich für eine Frau, der man nachsagt, kühl kalkulierend auf die Welt zu sehen, eine bemerkenswerte Aussage. Es wurde dann im weiteren Verlauf der Diskussion noch etwas hitzig, weil ich erwiderte, dass ich nicht gedacht hätte, dass eine CDU-Kanzlerin einmal wie Claudia Roth reden würde.

Vielleicht hat Angela Merkel mit ihrer Entscheidung auch einfach der deutschen Gemütslage Rechnung getragen. Die Wahrheit ist ja, dass von den Unionsanhängern unter dem Eindruck von Fukushima ebenfalls eine Mehrheit für die Sofortabschaltung aller hiesigen Kernkraftwerke war. Es ist in Japan kein Anwohner wegen Strahlen gestorben, die Toten waren alle Opfer des Tsunamis. Aber was zählen schon Zahlen, wenn das Gefühl regiert?

Die Strahlenangst gehört zur deutschen Identität. So wie die Liebe zum Auto, der Widerwille gegen das Tempolimit und die besondere Wertschätzung von schön dicht schließenden Fenstern. Man kann das auch politisch einordnen. Je weiter jemand nach links tendiert, desto größer seine Strahlenangst, weshalb schon die Anschaffung einer Mikrowelle in jedem sozialdemokratischen Haushalt eine große Sache war, wie ich aus eigenem Erleben weiß.

Vielleicht sollten wir die Klimakrise nutzen, an uns selbst zu arbeiten. Manchmal führt eine Krise ja dazu, dass man über sich selbst hinauswächst. Das gilt auch für Nationen.

Das Ende der Biologie

Wie viele Geschlechter gibt es? Sind es drei, fünf oder sogar 60? In jedem Fall haben Mann und Frau als Kategorien ausgedient. Wer heute noch an die Biologie glaubt, ist ein Hinterweltler, Düber den man nur den Kopf schütteln kann 

Die Kinderbuchautorin Joanne K. Rowling hat sich zu Fragen der Biologie geäußert. Rowling ist Mutter dreier Kinder, außerdem die Erfinderin der Harry-Potter-Welt. Dass sie drei Kinder großgezogen hat, erwähne ich, weil niemand, der Kinder hat, an den Grundfragen des Lebens vorbeikommt, wie erfolgreich er oder sie auch sein mag. Rowling hat geschrieben, dass sie nach wie vor davon ausgehe, dass es Männer und Frauen gebe und dass für sie das biologische Geschlecht nichts Erfundenes sei, sondern real.

Ich wurde darauf aufmerksam, weil sich augenblicklich ein Sturm der Entrüstung erhob. Wer wie die britische Autorin behaupte, dass es nur zwei Geschlechter gebe, werte Transmenschen ab, hieß es. Ihre Äußerung sei diskriminierend und perfide. Es folgte der Aufruf zum Boykott ihrer Bücher.

Frau Rowling wird den Aufruf, ihre Bücher zu meiden, verschmerzen können. Ich finde den Fall bemerkenswert, weil er zeigt, wie selbstverständlich in einem Teil der akademischen Linken die Vorstellung geworden ist, die Unterscheidung in Mann und Frau sei eine rückständige, um nicht zu sagen repressive Idee, die kein aufgeklärter Mensch mehr vertreten könne.

Die Frage, ob es mehr als Mann und Frau gibt, beschäftigt die akademische Öffentlichkeit schon seit Längerem. Der Theorie zufolge, die Einzug in die Seminarräume gehalten hat, ist Geschlecht nichts, was man vorfindet, so wie Gene oder Hormone, sondern Definitionssache und damit eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft. Wie viele Geschlechter es gibt – ob es drei sind, fünf oder wie bei Facebook 60 –, das ist Teil der akademischen Debatte. Aber dass die sogenannte binäre Ordnung der Vergangenheit angehöre, darüber besteht Einigkeit.

Man darf sich nicht täuschen: Nur weil etwas absonderlich wirkt, heißt das nicht, dass es nicht Wirkung entfalten kann. Tatsächlich hat kaum eine Disziplin eine solche Karriere hingelegt wie die Gender-Wissenschaften, wobei man von Wissenschaften im engeren Sinne eigentlich nicht sprechen kann. Keine der vorgetragenen Thesen hält einer Überprüfung durch die Biologie oder die Neurowissenschaften stand.

Im Grunde funktionieren die „Gender Studies“ wie Homöopathie. Es existiert eine Reihe von Hypothesen und Annahmen, die nicht durch das Prinzip von Bestätigung oder Falsifikation, sondern allein durch Wiederholung Wahrheitskraft erlangen. Dennoch gibt es inzwischen in Deutschland über 150 Lehrstühle.

Wie bei allen Theorien, die lange genug im Umlauf sind, verselbstständigt sich die Sache irgendwann. Aus Lübeck erreicht uns zum Jahreswechsel die Nachricht, dass die Stadtverwaltung einen Leitfaden zur „gendersensiblen Sprache“ verfasst hat, damit sich alle Bürger angesprochen fühlen, auch jene, „die sich nicht als Frau oder Mann beschreiben“. Bevor Mitarbeiter der Stadt in näheren Kontakt mit einem Lübecker treten, sollen sie zuerst ermitteln, welches Geschlecht der oder diejenige bevorzugt. Die Empfehlung zur Ansprache lautet: „Guten Tag Name Vorname, wie darf ich Sie in Zukunft ansprechen?“

Selbst in bayerischen Gemeinden wird inzwischen überlegt, ob man in Grundschulen nicht Toiletten für das dritte Geschlecht einführen sollte, also für Kinder, die angeblich nicht genau sagen können, ob sie nun Jungen oder Mädchen sind oder das nicht sagen wollen.

Wenn ich im Gemeinderat von Taufkirchen säße, würde ich mir die Frage stellen, ob es ein einziges Kind gibt, das durch den Toilettengang dokumentieren will, dass es grundsätzlich anders ist als alle anderen. Der sicherste Weg, zum Mobbing-Opfer zu werden, besteht doch darin, sich als Außenseiter zu outen. Aber solche Überlegungen spielen keine Rolle, wenn es darum geht, sich als aufgeschlossen und aufgeklärt zu beweisen. Vermutlich kämen die Gemeindemitglieder arg ins Schwimmen, wenn sie sagen sollten, was genau sie unter dem drittem Geschlecht verstehen. Sind Intersexuelle gemeint, also Menschen, die beide Geschlechtsmerkmale besitzen und deshalb wirklich nicht sagen können, ob sie Mädchen oder Junge beziehungsweise Frau oder Mann sind? Die Zahl ist allerdings sehr gering. Der Prozentsatz von Kindern, die als Zwitter geboren werden, liegt deutlich unter 0,1 Prozent.

Oder sind vielmehr Transsexuelle das Ziel der Baumaßnahme? Dann allerdings wäre die Investition in gesonderte Toiletten für die Katz. Der Transsexuelle besteht ja gerade darauf, ein Mann oder eine Frau zu sein, nur unglücklicherweise im falschen Körper beheimatet. Dass die Krankenkasse die Kosten für eine Geschlechtsumwandlung übernimmt, lässt sich nur damit begründen, dass Geschlecht eben keine Frage der Definition, sondern eine der Hormone ist. Wäre es anders, könnte man sich die Kosten für die Behandlung sparen. Dann müsste man dem Transsexuellen lediglich sagen, dass die binäre Ordnung ohnehin passé sei.

Je ausführlicher man sich mit der Materie beschäftigt, desto verwirrender wird es. In Kanada ist eine Gender-Aktivistin vor Gericht gezogen, weil sich die Mitarbeiterinnen mehrerer Schönheitsstudios geweigert hatten, ihr die Hoden zu wachsen. Die Aktivistin machte geltend, die Weigerung stelle eine Diskriminierung als Frau dar. Der Komiker Ricky Gervais hat die Geschichte zum Teil seines Stand-up-Programms gemacht, womit er sich augenblicklich den Vorwurf der Minderheitenfeindlichkeit einhandelte.

Manchmal lohnt es sich, ein wenig Abstand zu gewinnen. Ich bin seit zwei Wochen in Kenia und Tansania unterwegs. Ich kann natürlich nicht genau einschätzen, wie viele Menschen hier der Meinung sind, dass eine Romanautorin verdammt gehört, weil sie nach wie vor an die Biologie glaubt. Meine Vermutung wäre: Es sind weniger als 0,1 Prozent. Die meisten Menschen, die in Afrika leben, wissen noch nicht mal, was ein Gender-Stern ist. Würde man ihnen sagen, dass sich Frau und Mann als Geschlechter überholt haben, würden sie nur den Kopf über den verrückten Weißen schütteln.

In Wahrheit lassen sich die Zentren der neuen Geschlechtertheorie auf einer Weltkarte relativ gut eingrenzen. Es sind die amerikanischen Hochschulen an den beiden Küsten der USA sowie die europäischen Universitätsstädte, wobei Deutschland als Verbreitungsgebiet besonders hervorsticht. Was zu einer interessanten Frage führt: Wenn die Gender-Theorie den Anspruch erhebt, für alle Menschen zu gelten, muss man dann nicht unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass die Bewohner Afrikas besonders rückständig sind?

Vielleicht sollten die Vertreter der „Gender Studies“ mal mit den Kollegen von den „Kolonialismusstudien“ reden. Eine Tür weiter könnte man ihnen sagen, warum die Zeiten, als man im Westen glaubte, dem Rest der Welt überlegen zu sein, eigentlich vorbei sind.

Die Stunde der Amateure

Wenn es etwas gibt, was Populisten links und rechts verbindet, dann ist es der Kampf gegen „die da oben“.Die Verächtlichmachung des Establishments ist das Gewinnerthema der neuen SPD-Spitze, der Triumph des Unbedarften ihr Versprechen

Meine Mutter ist 1969 in die SPD eingetreten aus Begeisterung für Willy Brandt. Mein Vater, der beim NDR arbeitete, war zwar nicht offiziell Parteimitglied, aber wie viele in seiner Generation Sozialdemokrat im Herzen. Alle Bekannten und Freunde meiner Eltern wählten SPD, und wenn sie es nicht taten, dann behielten sie das für sich. Der langjährige SPD-Bürgermeister Henning Voscherau wohnte gleich um die Ecke. Mit Klaus von Dohnanyi, heute so etwas wie der Grandseigneur der SPD, bin ich seit Langem per Du.

 

Man sieht, es gibt bei mir zur SPD starke familiäre Bindungen, deshalb war es mir auch nie egal, was aus ihr wird. Man kann seiner Heimat entfliehen, weil man sie irgendwann für zu eng oder zu spießig hält. Ganz entkommt man ihr nicht, das gilt für die politische Heimat ebenso. Es bleibt immer etwas, was man nicht loswird, sosehr man sich später auch bemühen mag. Im Zweifel nimmt die emotionale Bindung im Alter sogar wieder zu.

 

Vielen Menschen, die in den goldenen Jahren der Sozialdemokratie aufgewachsen sind, geht es so wie mir. Ich war am Samstag zu einem Abendessen in größerer Runde bei dem „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe, als die Nachricht von der Entscheidung über die neue SPD-Spitze eintraf. Erst herrschte Ungläubigkeit, dann setzte ein Gefühl von Trauer ein, so wie man es empfindet, wenn man vom Ableben eines Menschen erfährt, der einem einmal viel bedeutet hat. Schmerz bleibt den Angehörigen vorbehalten, für echtes Leid darf man sich nicht zu weit entfernt haben. Aber es lässt niemandem mit historischem Bewusstsein kalt, wenn etwas Großes zu Ende geht.

 

Mit der Wahl ihrer neuen Vorsitzenden hat sich die SPD aus dem Kreis der ernst zu nehmenden Parteien verabschiedet. Wer zwei Menschen an die Spitze stellt, deren wesentliches Eignungskriterium ihre Nichtkenntnis und ihr Nichtwissen ist, der kann nicht mehr, und der will auch nichts mehr.

 

Sie finden das Urteil zu harsch? 46 Prozent der SPD-Mitglieder ist die Zukunft ihrer Partei so egal, dass sie nicht mal ihre Stimme abgegeben haben, wie man am Samstag beiläufig erfuhr. Das sagt mehr über den Zustand der SPD als jeder Parteitagsbeschluss. Noch nie hat die Parteiführung es ihren Leuten so leicht gemacht, sich bei einer Wahl zu beteiligen. Man musste nicht mal das Haus verlassen, um abzustimmen, es reichte die Online-Abgabe der Stimme. Aber selbst dafür war die Hälfte der Sozialdemokraten entweder zu müde oder zu alt oder zu desinteressiert.

 

Darf man Politiker nach ihrem Aussehen beurteilen? Ich finde, ja. Ich halte es in dieser Hinsicht mit dem langjährigen „Merkur“-Herausgeber Karl Heinz Bohrer, der in einem Aufsatz über Helmut Kohl das Ästhetische als Beurteilungskategorie in die politische Publizistik einführte.

 

Ich kann mir nicht helfen, mich erinnert Saskia Esken an eine sadistisch veranlagte Gemeinschaftskundelehrerin, die ständig davon redet, dass sie es ja nur gut meine, um einem dann beim Abitur eine Fünf ins Zeugnis zu drücken. Alles an ihr strahlt die passiv-aggressive Kontrollsucht einer Frau aus, die es schon immer einen Skandal fand, wenn andere zu viel können, zu viel haben oder zu viel ausgeben. Der baden-württembergische Pietismus ist eine Heimsuchung. Die sozialdemokratische Variante des schwäbischen Pietismus ist ein Fluch.

 

Was den männlichen Vertreter im Führungsgespann, den ehemaligen Finanzminister Norbert Walter-Borjans, angeht, lässt sich nur sagen: Finanzminister aus Nordrhein-Westfalen, das ist in etwa so vertrauenerweckend wie Notenbankchef aus Italien. In der Rhetorik spricht man von einem Oxymoron, der Verbindung von zwei sich eigentlich ausschließenden Teilen.

 

Die SPD ist der AfD mit der Wahl ihrer Vorsitzenden näher gerückt, als vielen vermutlich bewusst ist. Wenn es etwas gibt, was Populisten links und rechts verbindet, dann ist es der Kampf gegen „die da oben“, womit wechselweise die Politiker, die Wirtschaftsbosse oder die Medienleute gemeint sind.

 

An Olaf Scholz gibt es vieles auszusetzen – seine Bräsigkeit, seine eigentümliche Selbstliebe, die enervierende Detailversessenheit –, aber zum eigentlichen Vorwurf wurde ihm gemacht, dass er zum Establishment gehört. Am Ende mochten ihm seine Herausforderer nicht einmal mehr zugestehen, dass er ein „standhafter Sozialdemokrat“ sei, wie er zu seiner Verteidigung vortrug. Leuten, die über Kabinettsposten und Dienstwagen verfügen, ist nicht zu trauen, das war die heimliche Botschaft der Gegenkampagne.

 

Wenn die Elite unter Verdacht steht, schlägt die Stunde des Amateurs. Der Neuanfang, von dem jetzt laufend die Rede ist, ist nichts anderes als eine Chiffre für das Lob des Unbedarften. Dass die einzige Führungserfahrung, über die Esken verfügt, die Arbeit als stellvertretende Vorsitzende des Landeselternbeirats in ihrer Heimat ist, schlägt nicht zu ihrem Nachteil aus: Der Mangel gilt im Gegenteil gerade als Argument, warum sie für den SPD-Vorsitz besonders geeignet sei. Die Partei wolle nicht mehr von oben geführt werden, lautete der Satz, mit dem Walter- Borjans bei „Anne Will“ ein ums andere Mal den Vorhalt konterte, er und seine Partnerin hätten von dem, was auf sie zukomme, keine Ahnung.

 

Ein Argument für die SPD war immer, dass sie durch ihre Verankerung in der Industriearbeiterschaft als einzige Kraft im linken Lager etwas von Wirtschaft versteht. Die Linkspartei hat keine Ahnung, was es braucht, um eine entwickelte Volkswirtschaft am Laufen zu halten: Sozialismus funktioniert am besten am Reißbrett. Auch die Grünen haben sich für ökonomische Dinge nie wirklich interessiert. Eine Partei, deren Rückgrat der öffentliche Dienst ist, muss sich nicht darum scheren, woher das Steuergeld kommt. Steuern gibt es immer, notfalls werden sie erhöht.

 

Der andere Grund, der für die SPD sprach, waren Leute an der Spitze, denen die Wähler zutrauten, das Schiff in schwerer See auf Kurs zu halten. Wenn beides zusammenkam, also Führungsstärke und ökonomischer Realitätssinn, geriet sogar das Kanzleramt in Reichweite. Walter-Borjans hat in einem Interview vorsorglich ausgeschlossen, dass die SPD in absehbarer Zeit wieder einen Kanzler stellen werde. Man kann das als Zeichen sympathischer Bescheidenheit werten – oder als einen Akt politischer Frühpensionierung.

 

Die beiden Neuen haben im ersten Überschwang angekündigt, die Regierung zu verlassen, wenn sich die CDU nicht bereit erklärt, auch noch die letzten offenen Punkte aus dem SPD-Programm zu übernehmen. Ich fürchte, sie überschätzen die Drohwirkung. Wenn sie die SPD ins AWO-Heim führen wollen, wo sie dann am Fernseher das Geschehen verfolgt, sollen sie es tun. Das Land wird dabei keinen Schaden nehmen, die Union auch nicht.

 

Niemand geht gern ins Heim. Wer einmal da ist, entdeckt allerdings auch Vorteile, das weiß ich aus der eigenen Familie. Das Essen kommt pünktlich. Wenn man vor die Tür will, ist jemand da und schiebt einen raus. Da sich die Mehrheit der SPD-Mitglieder offenbar längst am Rollator bewegt, wie die Wahlbeteiligung zeigt, ist der Wechsel aufs Altenteil vielleicht doch die richtige Entscheidung.

 

Im Twitter-Krieg

Immer mehr Menschen fällt es schwer, in der politischen Auseinandersetzung die Beherrschung zu behalten. Selbst Leute, die im Privaten die reizendsten Personen sind, werden plötzlich zu Furien. Was wir erleben, sind die Folgen einer Strategie, die man als Strategie des Maximums bezeichnen kann

 

Eine Meldung aus Leipzig. Eine junge Frau, 34 Jahre alt, leitende Angestellte bei einer stadtweit bekannten Immobilienfirma, verbringt den Abend zu Hause. Es klingelt an der Tür. Sie öffnet. Zwei Männer drängen sich in die Wohnung. Sie schlagen der Frau mehrfach mit der Faust ins Gesicht, dann flüchten sie. Die Frau bleibt verletzt zurück.

Wenige Stunden nach der Tat erscheint auf einer linken Plattform ein Text mit dem Titel „Hausbesuch in Leipzig“. „Wir haben uns entschieden, die Verantwortliche für den Bau eines problematischen Projekts im Leipziger Süden da zu treffen wo es ihr auch wirklich weh tut: in ihrem Gesicht“, heißt es darin. Den Stadtteil Connewitz, in dem die Immobilienfirma den Bau von drei Wohnhäusern vorantreibt, bezeichnen die Autoren als einen „Ort des Widerstandes gegen kapitalistische Verwertung, rassistische Ausgrenzung und staatlichen Terror“. In dem Beitrag stehen der vollständige Name und die Adresse des Opfers.

Der Vorfall liegt jetzt vier Wochen zurück. Das Landeskriminalamt hat wegen gefährlicher Körperverletzung Ermittlungen aufgenommen. Es wurden 100000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung der Täter führen können, bislang ergebnislos. Ich würde die Sache nicht weiter erwähnen, wenn ich nicht in den vergangenen Tagen verschiedentlich gelesen hätte, dass linke Gewalt ein Popanz sei, den sich die andere Seite ausgedacht hätte, um von eigenen Taten abzulenken.

„Das Märchen vom linken Mob“ war ein Beitrag bei Spiegel Online überschrieben. „Rechte suchen kontinuierlich nach Beispielen angeblich linker Bedrohung, um sich als Opfer darstellen zu können“, stand in dem Text. Hoffen wir für die Prokuristin aus Leipzig, dass sie nicht zu den regelmäßigen Spiegel-Online-Lesern gehört. Ich fürchte, dass sich die Faustschläge, die sie ins Gesicht trafen, nicht sehr angeblich anfühlten. Wer den Schaden hat, braucht nicht auch noch den Spott dazu.

Man soll nicht aufrechnen, ich weiß, das gilt als schlechter Stil. Ich bin auch sofort bereit einzuräumen, dass rechte Schläger oft noch hemmungsloser vorgehen als linke. Ich glaube halt nur, dass man es mit der Unschuldsvermutung in eigener Sache übertreiben kann.

Es gibt Zahlen für jede Seite. Die Bundesregierung hat gerade Auskunft über Straftaten gegen die im Bundestag vertreten Parteien gegeben. 52-mal wurden im dritten Quartal 2019 Angriffe auf Parteibüros gemeldet. In 26 Fällen traf es die AfD, danach kommen SPD und Linkspartei (je siebenmal). Auch bei Angriffen auf Personen führt die rechte Partei die Opferstatistik an. Bei 127 von insgesamt 278 registrierten Straftaten werden AfD-Mitglieder als Geschädigte aufgeführt. Bei der CDU gab es im selben Zeitraum 72 Attacken auf Parteienvertreter, gefolgt von der SPD (36) und den Grünen (28). Die Linkspartei traf es 15-mal, FDP und CSU acht- beziehungsweise zweimal.

Man wird mir entgegenhalten, dass bei Hasskriminalität im Netz das Verhältnis ganz anders aussehe. Das mag sein, aber ich führe die Zahlen der Bundesregierung ja auch nicht an, um zu sagen, dass Linke schlimmer seien. Ich nenne sie, um deutlich zu machen, dass man es sich bei der Schuldverteilung nicht zu einfach machen sollte.

Selbstgerechtigkeit ist eine menschliche Disposition, sie begleitet uns, seit unsere Vorfahren erstmals ums Höhlenfeuer saßen. Der Prozess der Zivilisation hat dafür gesorgt, dass der Mensch lernte, von der eigenen Befindlichkeit abzusehen und andere Perspektiven einzubeziehen. Angeblich sind wir die Spitze der Zivilisation, aber ich ertappe ich mich immer öfter bei dem Gedanken, dass der dauernde Blick aufs Handy den zivilisatorischen Prozess umzukehren droht.

Ich bin seit zehn Jahren auf Twitter. Ich versuche auch dort, andere weder zu beschimpfen noch mit haltlosen Verdächtigungen zu überziehen. Manchmal hilft es durchzuatmen, bevor man einen Kommentar ins Netz schießt. Außerdem halte ich mich an eine Regel, die lautet: Don’t drink and twitter. Ich habe mir dadurch schon viel Ärger erspart.

Mein Eindruck ist, dass es immer mehr Menschen schwerfällt, die Contenance zu wahren. Man kann in Echtzeit dabei zusehen, wie sie die Nerven verlieren. Selbst Leute, die im privaten Umgang die reizendsten Personen sind, werden plötzlich zu Furien. Manchmal frage ich mich, ob wir es mit einer neuen Form von BSE zu tun haben. Vielleicht ist Beyond Meat doch nicht so gesund, wie alle behaupten?

Eine Kollegin, die eben noch für ihre „frechen, aber nie verletzenden“ Texte ausgezeichnet wurde, empfiehlt der Chefredakteurin einer ihr verhassten Zeitung, sie solle sich um die „Scheiße“ in ihrem Blatt kümmern, statt darüber zu jammern, dass sie angefeindet werde. Eine Journalistin, die darüber Klage führt, wie sehr Hate Speech überhandnehme, bezeichnet im selben Atemzug alle libertär denkenden Menschen als „Abfall“. Ein freier Mitarbeiter des ZDF schreibt: „Adolf Hitler, für mich der Dieter Nuhr unter den Faschisten.“

Was wir erleben, sind die Folgen einer Strategie, die man als Strategie des Maximums bezeichnen könnte. Dem Gegenüber wird stets das Schlimmste unterstellt, die finstersten Absichten, die verabscheuungswürdigsten Pläne.

Ein Blogger der „Welt“ antwortet einer Frau, die er nicht leiden kann, sie werde irgendwann schon die Quittung für ihr Verhalten bekommen. Die Quittung bekommen? Ein Mordaufruf, ganz klar! Ich würde sagen, die Formulierung lässt alle möglichen Deutungen zu. Dies als Todesdrohung zu lesen wäre das Letzte, was mir in den Sinn käme, aber genau so wird es verstanden.

Dass man jemanden, der Auslöschungsfantasien hegt, nicht ungestraft davonkommen lassen darf, versteht sich von selbst. Also wird an die Vorgesetzten appelliert, den Mann aus dem Verkehr zu ziehen. Wenn die Vorgesetzten der Aufforderung nicht folgen, wird erst gegen die Zeitung Stimmung gemacht, die sich uneinsichtig zeigt, dann gegen den Verlag, in dem sie erscheint. Am Ende ist man gegen alle, die ein gutes Wort einlegen oder zur Mäßigung aufrufen.

Jeder drückt sich hin und wieder ungeschickt aus. Manchmal treten wir anderen unabsichtlich zu nahe oder sagen Dinge, die sie als verletzend empfinden. Kommunikation ist eine einzige Grauzone, deshalb kommt es ja auch laufend zu Missverständnissen. Wer wüsste aus dem eigenen Erleben nicht Beispiele zu nennen, in denen er anders verstanden wurde, als es gemeint war? Aber im Twitter-Krieg sind alle Graustufen getilgt, es existieren nur noch Schwarz und Weiß.

Das hat Folgen, die über das Medium hinausgehen. Wenn man dem anderen unterstellt, er wolle einen kleinmachen, beleidigen, diskriminieren, wird der Raum für Verständigung sehr eng. Mit einem vorsätzlichen Beleidiger und Diskriminierer kann es keine Verständigung geben. Jedes Gespräch wäre ein Verrat oder, schlimmer noch, eine Kapitulation. Hass ist keine Meinung, wie es so schön heißt.

Unsere Vorfahren haben die Keule in die Hand genommen, wenn sie die Höhle verließen. Ich fürchte, uns trennt weniger von ihnen, als wir denken.

Die Minderheit als Leitkultur

Tourette-Kranke fallen in der Öffentlichkeit durch einen unkontrollierbaren Beleidigungszwang auf. Ein schlimmes Leiden. Glaubt man Experten, tun allerdings immer mehr Menschen so, als ob sie Tourette hätten. Was treibt sie an?

 

Ich habe ein Interview mit einem Tourette-Forscher gelesen. Tourette ist diese eigenartige Krankheit, bei der die Betroffenen den unkontrollierbaren Zwang verspüren, Beleidigungen von sich zu geben oder anzügliche Gesten zu machen. Sie stehen im Supermarkt und rufen unvermittelt „Arschloch“ oder „Wichser“. Manche zucken auch mit dem Kopf oder mit den Armen, was ebenfalls sehr unangenehm sein kann.

In der Öffentlichkeit führten Tourette-Kranke lange eine Randexistenz, das hat sich geändert. Auf der Bühne, im Fernsehen und in den sozialen Medien begegnet man immer öfter Menschen, die an dieser Störung leiden. Oder das jedenfalls von sich behaupten. Der Tourette-Experte Professor Alexander Münchau von der Universität Lübeck berichtete in dem Interview, dass die öffentliche Präsenz auch deshalb zugenommen habe, weil es immer mehr Fälle von „Pseudo-Tourette“ gebe. Eine wachsende Zahl von Menschen würde so tun, als ob sie unter dem Syndrom litten.

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man Tourette vortäuschen könnte. Was bezwecken die Leute damit? Wenn man Mitleid erregen will, finden sich einfachere Wege, sollte man meinen. Man kann zum Beispiel so tun, als ob man an einem seltenen Gendefekt litte oder an einer Krebserkrankung. Falscher Krebs hat zumindest den Vorteil, dass man nicht dauernd in peinliche Situationen gerät. Ich stelle es mir auch furchtbar anstrengend vor, den ganzen Tag zwanghaft Beschimpfungen ausstoßen zu müssen. Das ist wie Tinnitus, nur dass ihn alle hören. Aber wenn man Professor Münchau glauben kann, finden es manche Menschen so attraktiv, dass sie sogar Videos davon drehen und auf YouTube stellen.

Ich glaube, der eigentliche Kick besteht darin, einer Minderheit anzugehören, in diesem Fall einer sehr exklusiven. Je ausgefallener die Krankheit, desto größer die Anteilnahme. Irgendein Leiden hat heute jeder. Aber eine Störung, bei der man von außergewöhnlichen Tics heimgesucht wird? Da ist einem die Aufmerksamkeit sicher.

Wir leben in minderheitsbewussten Zeiten. Oder sollte man besser sagen: minderheitsbesessenen?

Über Jahrhunderte strebten die Menschen danach, als möglichst normal zu gelten. Vorbei und vergessen. Kaum etwas gilt mittlerweile als so stigmatisierend wie die Zugehörigkeit zur Mehrheit. Wer Durchschnitt ist, also weiß, etwas älter und ohne Vorfahren, die aus fremden Ländern nach Deutschland gezogen sind, sitzt schnell auf der Anklagebank. Es heißt dann, man sei „privilegiert“. Als „privilegiert“ gilt im Prinzip jeder, der nicht mindestens ein Minderheitsmerkmal geltend machen kann. Zur Not geht das weibliche Geschlecht als Ausweis durch, auch wenn Frauen in der Bevölkerung rechnerisch immer noch die Mehrheit stellen. Darüber wird zum Glück hinweggesehen.

Schwer zu sagen, wann der Aufstieg der Minderheit von der Randgruppe zur kulturellen Leitinstanz begonnen hat. Ich erinnere mich noch gut, wie wir in meiner Schulzeit Anfang der achtziger Jahre rosa Winkel an den Parka steckten, um Solidarität mit der gerade erwachenden Schwulenbewegung zu zeigen. Schon als 17-Jährige hatten wir ein waches Gefühl, dass es nicht besonders heroisch ist, wenn man aus einem weißen Mittelschichtshaushalt aus Hamburg-Wellingsbüttel stammt. Da konnte ein Flirt mit dem Leben am Rande der Gesellschaft nicht schaden, auch wenn wir selbst nie auf die Idee gekommen wären, diesem Leben über die Koketterie hinaus näherzutreten.

Eine Minderheit, die heute besonders entschieden auftritt, sind junge, aktivistisch veranlagte Migrant*innen. Der Durchschnittsdeutsche firmiert in diesem Milieu als „Kartoffel“, was man als Kartoffeldeutscher aber nicht persönlich nehmen sollte. Wie bei allen sozialen Gruppen gibt es Unterschiede, auch die Minderheit hat ihre Aristokratie. Die Stellung innerhalb der Gruppenhierarchie bemisst sich nach dem Grad der Exotik. Wer aus Polen stammt, steht eher am unteren Ende der Minderheitenleiter. Polen ist migrationstechnisch das, was der Discounter im Handel ist: ehrlich, aber unsexy. Deutlich besser sieht es aus, wenn man auf einen türkischen oder arabischen Elternteil verweisen kann. Die Stars der Bewegung hingegen sind die POC.

Ich fürchte, nicht wenige Leser werden das für ein exotisches Gemüse halten, wie sie es in der asiatischen Küche verwenden. Da sich diese Kolumne der Aufklärung verpflichtet fühlt, deshalb der Hinweis: POC steht für „People of color“. Ich weiß, was der eine oder andere jetzt einwenden will: Der Verweis auf die „Farbe“ von Menschen klingt fragwürdig, nur sehr alte Menschen sprechen heute noch von „Farbigen“. Aber so ist es jetzt entschieden. Wer ganz korrekt ist, sagt übrigens POCI – People of color and indigenous origin, also Personen von Farbe und ursprünglicher Herkunft.

Um als Minderheitenfeind zu gelten, ist es völlig unerheblich, für wie aufgeschlossen man sich selbst hält. Im Gegenteil: Wer seine rassistischen Einstellungen leugnet, zeigt dadurch nur, wie tief diese verankert sind. Als wegweisend kann hier ein Buch der Journalistin Alice Hasters gelten, das in der Szene gerade gefeiert wird und den Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ trägt. Die Lösung, die die Autorin darin anbietet, ist so einfach wie naheliegend: Erst wenn alle weißen Deutschen anerkennen, dass sie Teil eines rassistischen Systems sind, wird der Weg frei zu einer Welt ohne Rassismus.

Theoretisch strebt jede Minderheit danach, Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu finden. Der Grundgedanke der Emanzipation ist ja, dass man seine Sonderexistenz aufgibt und im wahrsten Sinne Mainstream wird. Leider verliert man damit auch die Vorteile, die der Minderheitenstatus mit sich bringt.

Ein Kollege von mir ist knallschwul. Er hat nie ein Hehl aus seiner sexuellen Orientierung gemacht. Trotzdem würde er nie sagen, er sei deshalb nicht Ressortleiter geworden, weil er schwul ist. Das ist für mich Emanzipation: Wer sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft empfindet, wird den Grund für Rückschläge oder Karriereenttäuschungen in der Gemeinheit seiner Vorgesetzten sehen, vielleicht auch in persönlichen Defiziten, aber jedenfalls nicht in der Vorurteilsstruktur des Systems, das ihn nicht hochkommen ließ, weil er anders ist.

Es ist sicher kein Zufall, dass sich das Bild der Schwulen in der linken Szene verändert hat. Viele Schwule sind wie mein Kollege: weiß, relativ gut verdienend, körperbewusst und, was die Masseneinwanderung junger Männer aus extrem schwulenfeindlichen Gesellschaften angeht, ziemlich skeptisch. Auf die Solidarität der linken Mitstreiter von einst kann mein Kollege nicht mehr setzen, tatsächlich gelten Leute wie er als Verräter.

Es gibt für Schwule wie ihn ein neues Schimpfwort, wie ich gelernt habe. Man spricht im progressiven Milieu vom „Homonationalismus“. Klingt noch schlimmer als Nationalismus. Wie gut, dass ich nur weiß und privilegiert bin.

In der Kältekammer

Sind Frauen in der Politik ihren männlichen Konkurrenten überlegen? Jedenfalls sind sie psychisch robuster, wie es scheint. Viele Politiker sind erstaunlich empfindlich, was gerade bei der Bewerbung ums Kanzleramt misslich ist

Wolfgang Schäuble hat im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ausführlich über das Leben als Politiker mit Behinderung gesprochen. Es ist jetzt 29 Jahre her, dass ihn ein verwirrter Mann bei einer Wahlkampfveranstaltung mit zwei Schüssen aus einer Pistole niederstreckte.

An einer Stelle des Interviews kommt einer seiner Gesprächspartner auf die Äußerung des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zu sprechen, ein Behinderter könne nicht Kanzler sein. Die unausgesprochene Frage ist, ob ihn das nicht furchtbar gekränkt habe. Aber Schäuble antwortet, dass er das für eine zulässige Frage gehalten habe: „Ich fand das legitim. Wer so ein hohes Amt hat, muss ertragen, dass diskutiert wird, ob er gesundheitlich, kräftemäßig dazu in der Lage ist.“

Es gilt als unfein, nach der Belastbarkeit eines Politikers zu fragen. Es heißt, das gehe niemanden etwas an, nur ihn und seine Familie, aber die meisten Wähler würden eben gern schon vor einer Wahl wissen, ob der Mann oder die Frau, der sie die Entscheidungsgewalt über ihre Zukunft anvertrauen sollen, der Aufgabe psychisch und physisch gewachsen ist. Bundeskanzler ist nicht nur der wichtigste Posten, den es in Deutschland zu vergeben gibt, er ist auch mit Abstand der härteste.

Kein Amt lässt einen schneller altern. Man sitzt und isst zu viel. Der dauernde Schlafentzug führt zu einer Müdigkeit, die auch nach zwei, drei guten Nächten nicht weichen will. Für Ausgleichssport fehlt die Zeit. Außerdem muss man sich ständig ärgern, über freche Journalisten, unbotmäßige Abgeordnete und Heckenschützen aus den eigenen Reihen.

Die einzig verlässliche Entspannung bietet der Alkohol, weshalb alle Kanzler am Abend kräftig dem Wein zusprachen. „Das Land muss mit der Leber regiert werden“, hat Gerhard Schröder einmal in schöner Offenheit bekannt. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, auch nach zwei Flaschen Barolo morgens ohne Ausfälle im Bundestag zu stehen, da konnte der Kopf noch so schmerzen.

Es mag herzlos klingen, aber der Spießrutenlauf, den Annegret Kramp-Karrenbauer durchlebt, ist auch ein Test auf ihre Belastungsfähigkeit. In der Zumutung liegt, wenn man so will, die Weisheit des Wahlkampfs. Wer die mörderischen Monate der Kandidatenschau hinter sich gebracht hat, der hat bewiesen, dass ihn so schnell weder kleinere noch größere Krisen aus der Bahn werfen können.

Bislang wurde der CDU-Vorsitzenden nichts geschenkt, das kann man, glaube ich, ohne Übertreibung sagen. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht etwas Abträgliches über sich in der Zeitung lesen muss. Nichts, was sie tut oder vorschlägt, genügt den Kritikern – alles, was sie anfasst, wird als voreilig, undurchdacht oder aussichtslos bewertet.

Wenn man sich mit ihren Leuten unterhält, spürt man die Erschöpfung. „Es gibt schlimme und es gibt sehr schlimme Tage“, sagt einer aus ihrem Team. Ein schlimmer Tag ist, wenn die Kanzlerin entscheidet, dass in ihrer Maschine kein Platz mehr ist, um gemeinsam nach New York zu fliegen. Wenn er mit dieser Meldung vom Deutschlandfunk auf den Morgen eingestimmt wird, weiß der Mitarbeiter im Adenauer-Haus, dass die Woche gelaufen ist. Nach den sehr schlimmen fragt man besser gar nicht.

Ich habe darauf gewettet, dass Annegret Kramp-Karrenbauer von ihrer Partei nicht als Kanzlerkandidatin aufgestellt wird. „Eine Frau will nach unten“, war eine Kolumne überschrieben. Aber ich merke, wie meine Sympathie wächst. Ich bin immer noch nicht überzeugt, dass sie die Richtige für das Kanzleramt ist, aber mir imponiert, wie sie kämpft.

Die meisten Politiker neigen bei anhaltender Kritik dazu, sich im Kreis der Vertrauten zu verschanzen. Wer das Gefühl hat, dass die ganze Welt nur auf den nächsten Fehler wartet, geht normalerweise dazu über, noch vorsichtiger zu sein. Am Ende klingt dann jede Rede so, als käme sie aus einem Sprechautomaten.

Annegret Kramp-Karrenbauer geht einen anderen Weg. Statt sich ins Unverbindliche zu flüchten, fordert sie ihre Kritiker mit Ideen heraus. Ihr Vorschlag zur Errichtung einer Sicherheitszone in Syrien war vielleicht nicht besonders durchdacht, in jedem Fall aber zeugte er von Kampfgeist.

Vielleicht sind Frauen in der Spitzenpolitik aus härterem Holz geschnitzt. Es gibt dazu keine verlässlichen Zahlen, wie auch? Die Gruppe, die man vergleichen könnte, ist zu klein. Aber mein Eindruck ist, dass Politikerinnen ihren männlichen Konkurrenten psychisch überlegen sind, jedenfalls diejenigen, die es nach ganz oben geschafft haben.

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Frauen in der Politik gefühlloser sind, aber sie lassen sich zumindest weniger anmerken. Angela Merkel hat ja auch deshalb viele Männer verrückt gemacht, weil sie immer die Gleichmut in Person war, egal, was um sie herum geschah. Die Kanzlerin käme auch nie auf die Idee, Journalisten aus dem Begleittross entfernen zu lassen, weil sie etwas Gemeines geschrieben haben. Eine solche Blöße würde sie sich nicht geben.

Männer auf der anderen Seite sind oft erstaunlich wehleidig. Die SPD zum Beispiel ist mit einer besonders hohen Anzahl an Mimosen geschlagen. Frank-Walter Steinmeier ließ einmal seine Teilnahme an einem „Spiegel“-Fest absagen, weil er sich über eine Kolumne von mir geärgert hatte. Ich hatte mich über eine Biografie lustig gemacht, die in der Festwoche über ihn erschienen war, das reichte, um tödlich beleidigt zu sein. Auch Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel sind enorm empfindlich. Ein falsches Wort, und sie reden nie wieder mit einem.

Bei Friedrich Merz, ich muss es gestehen, hätte ich ebenfalls Zweifel, ob er den psychischen Anforderungen an den Job des Kanzlers gewachsen ist. Ich schätze Merz wegen seines scharfen Verstands und der Fähigkeit zur unnachsichtigen Analyse. Aber er ist nach allem, was ich weiß, ein eher ehrpussliger Mensch, der Kritik an seiner Person nicht so leicht wegsteckt. Die Etagen der Wirtschaftswelt, in denen sich Merz seit Jahren bewegt, sind eine Teppichwelt, in der einen das offene Wort nur gedämpft erreicht. Das macht die Umstellung nicht leichter.

Auch das ist ja das Kanzlerleben: eine endlose Abfolge von Schmähungen, Abwertungen und bösartigen Artikeln, in denen im Detail ausgebreitet ist, warum man der Situation nicht gewachsen sei. Viele, die das Amt innehatten, retteten sich irgendwann in eine Ersatzwelt, in der sie nur noch das erreichte, was sie hören wollten oder von dem die Zuarbeiter befanden, dass der Kanzler es hören solle.

Wer nur noch hört, was ihm gefällt, glaubt auch nur noch, was er ohnehin schon weiß. Das mag hilfreich für die Stabilisierung der eigenen Psyche sein – für das Land, das man regiert, ist der Realitätsverlust misslich. Je früher dieser Verlust einsetzt, desto misslicher wird es.

Notstands-Rhetorik

Im linken Lager heißt es jetzt, man müsse AfD-Wähler „ausgrenzen, ächten, kleinhalten, ihnen das Leben schwer machen“. Was als Kampfansage gemeint ist, ist in Wahrheit eine Kapitulationserklärung

Vor ein paar Tagen setzte der „Spiegel“- Redakteur Hasnain Kazim auf Twitter eine Empfehlung zum Umgang mit AfD-Wählern ab. „Es geht nicht darum, AfD-Wählerinnen und AfD-Wähler zu, erreichen’“, schrieb er. „Es geht darum, sie auszugrenzen, zu ächten, sie kleinzuhalten, ihnen das Leben schwer zu machen, sie dafür, dass sie Neonazis und Rassisten den Weg zur Macht ebnen wollen, zur Verantwortung zu ziehen.“ 448 Menschen versahen den Beitrag spontan mit einem Herzen.

Am Tag zuvor hatte der Deutschlandfunk einen Kommentar gesendet, in dem der Kommentator seine Zuhörer aufforderte, mehr Hass auf AfD-Anhänger zu entwickeln. „Wir müssen wieder hassen lernen – und zwar richtig“, empfahl er. „Wer glaubt, dass Hass generell von gestern ist, der glaubt auch an die Unumkehrbarkeit der Geschichte und der demokratischen Zivilisierung. Dass dieser Glaube ein Irrglaube ist, wenigstens diese Einsicht sollte sich inzwischen durchgesetzt haben.“

Ich gebe die beiden Beiträge wieder, weil ich glaube, dass sie einen Wendepunkt markieren. Vor Kurzem bekam man für ein Buch mit dem Titel „Gegen den Hass“ noch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, heute gilt man damit in einem Teil der Szene als Verräter. Sicher, man kann jetzt einwenden: Wer sind schon Hasnain Kazim oder Jens Balzer, der Mann im Deutschlandfunk? Aber das hieße, die veränderte Stimmungslage zu unterschätzen. Wenn ich mich nicht sehr täusche, stehen die zitierten Texte für eine Haltung, die sich links der Mitte inzwischen großer Zustimmung erfreut.

In Wahrheit sind die Aufrufe zu mehr Hass ein Eingeständnis des Scheiterns. Wer davon träumt, sechs Millionen Wähler zu ächten, hat den politischen Kampf aufgegeben, wäre meine Schlussfolgerung. So jemandem bleibt nur, den „Nazi-Notstand“ auszurufen, so wie es die Stadt Dresden gerade getan hat. Wenn man die Rechte zu einer Art Naturgewalt erklärt, vergleichbar der Erderwärmung, kann am Ende nur noch eine höhere Macht helfen, nicht mehr die Politik. Ist für eine politische Bewegung eine größere Bankrotterklärung denkbar?

Seit es die neue Rechte gibt, ringt man links der Mitte mit der Frage, was man tun sollte, um ihren Aufstieg zu verhindern. Man hat jeden als Nazi oder Nazi-Sympathisanten bezeichnet, der nicht schnell genug „Antifa“ rufen konnte. Man hat auf Buchmessen Quarantänezonen eingerichtet, um unerwünschte Verlage zu isolieren. Man hat Podien boykottiert und fleißig Blocklisten angelegt.

Selbst der Kabarettist Dieter Nuhr gilt in bestimmten Kreisen inzwischen als so rechts, dass man sich mit ihm besser nicht mehr an einen Tisch setzt, wie ich neulich bei einer Veranstaltung erfahren habe. Was die Selbstvergewisserung angeht, mögen die Ächtungsversuche erfolgreich gewesen sein. Insofern sie aber darauf abgezielt haben sollten, die Rechte kleinzuhalten, muss die Strategie als spektakulär gescheitert gelten.

Die Unbeholfenheit der Linken im Umgang mit der Konkurrenz resultiert aus einem Missverständnis. Bis heute hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass es sich bei den Anhängern der neuen Bewegung um Menschen handeln würde, die mit der Globalisierung haderten, weshalb sie auf alles allergisch reagierten, was sie mit Globalisierung verbänden, Ausländer und Muslime zuallererst. Nur langsam setzt sich die Einsicht durch, dass es sich bei dem Aufstand von rechts nicht in erster Linie um einen sozialen Aufstand handelt, sondern um einen kulturellen.

Sollte man zusammenfassen, was die Wähler der AfD verbindet, dann ist es das Gefühl, gegen „die da oben“ zu stehen, wobei mit „die da oben“ nicht die wirtschaftliche Elite gemeint ist. Gemeint ist die Schicht von Leuten, die in den Medien, der Kultur und den Hochschulen dominierend sind, also genau dort, wo das rot-grüne Milieu besonders verankert ist. Das ist eine schmerzliche Erfahrung für die Linke, die sich ja bis heute als Anti-Establishment versteht. Dass man exakt zu den Leuten gezählt wird, gegen die man doch immer angekämpft hat, nämlich zu den Herrschenden, ist möglicherweise eine Erklärung, warum es so schwerfällt, die Natur des Protestes zu verstehen.

Kulturell abgehängt kann man sich auch mit 100000 Euro auf dem Konto fühlen. Die Zugehörigkeit zur Klasse derjenigen, die den Ton angeben, bemisst sich nicht am Einkommen, sondern daran, ob man die Codes beherrscht, die eine Zugangsberechtigung signalisieren. Was hat man sich nicht darüber lustig gemacht, dass sich Trump-Wähler aus den Redneck-Staaten ausgerechnet in einem Baulöwen aus New York wiedererkannten. Trump, ein Außenseiter, hahaha, hieß es: Schaut doch nur mal, wie der lebt. Tatsächlich ist Trump genau das, ein radikaler Außenseiter. Ich war lange genug in New York, um beurteilen zu können, wie tief die Verachtung der Elite für den Talmi-König schon vor seinem Umzug ins Weiße Haus reichte.

Von den sogenannten einfachen Menschen hat man links der Mitte eher romantische Vorstellungen, so nahe kommt man sich in der Wirklichkeit ja nicht. So wie sich die Intelligenz den einfachen Menschen vorstellt, ist er ein vielleicht etwas ungelenker, aber dafür mit einem Herz aus Gold gesegneter Vertreter, der sich nichts sehnlicher wünscht als Bildung, um seiner unverschuldeten Unmündigkeit zu entkommen. Groß ist der Schock, wenn man unter den Wohlmeinenden feststellen muss, dass die Leute, die man an die Sonne der Aufklärung heranführen möchte, daran gar nicht interessiert sind. „Deplorables“ hat Hillary Clinton die Zurückgebliebenen genannt, die Kläglichen. Gibt es ein besseres Wort, um die Verachtung zu beschreiben?

Ich habe neulich einen Bühnenabend mit Christian Ude bestritten, dem langjährigen Münchner SPD-Oberbürgermeister. Wir kamen dabei auch auf den Aderlass zu sprechen, den die Sozialdemokratie vor allem im Westen nach rechts erlitten hat. Er sei sich nicht sicher, ob die SPD die Leute, die sie an die AfD verloren habe, überhaupt zurückhaben wolle, sagte Ude. In Wahrheit habe man sich doch immer für diese Menschen geschämt, ihre als nicht fortschrittlich genug empfundenen Ansichten, ihr aus linker Sicht anstößiges Verhalten.

Ich fürchte, Ude hat Recht, wenn er glaubt, dass viele auf der Linken insgeheim ganz froh sind, die falschen Wähler los zu sein. In der SPD sind sie jetzt deutlich weniger, aber dafür sind die Verbliebenen alles anständige Menschen, die noch morgens um drei fehlerlos aufsagen können, wofür die Abkürzung LGBTQIA steht oder was ein CIS-Mann ist. Ude hat übrigens jedes Mal mit weitem Abstand vor seinem Herausforderer gewonnen, das letzte Mal mit 66,8 Prozent der Stimmen. Er gehörte noch zu den Linken, die sich nicht für ihre Wähler geschämt haben. Sie haben es ihm mit Mehrheiten gedankt.