Monat: Juni 2021

Die Verachtung des Wählers

Auch die Wähler der Linken sind nicht blöd. Tatsächlich sind sie weniger blöd, als viele Politiker annehmen. Auf den linken Führungsetagen fragt man sich händeringend, warum der Erfolg ausbleibt. Vielleicht liegt hier die Erklärung.

Zu den bewundernswerten Eigenschaften des Kapitalismus gehört die Fähigkeit, alles zu seinem Vorzug zu nutzen, jetzt eben den Kampf gegen den Rassismus. Mein Freund Jakob Augstein vertritt die These, dass dem Kapitalismus im Grunde gar nichts Besseres passieren könne als die Fixierung auf Minderheiten.

Wäre ich Konzernboss, würde er sagen, dann ist der Deal doch ganz einfach: Stellen wir halt in der Führungsetage ein paar Leute ein, die fremd klingende Namen haben, und reden von „Audianer_innen“ statt von Beschäftigten. Solange sich an den Produktionsbedingungen oder den sozialen Verhältnissen nichts wirklich ändert: alles im Lot.

Im neuen Buch von Sahra Wagenknecht findet sich eine Geschichte, die Augsteins These sehr schön illustriert. Als der Lebensmittelhersteller Knorr im vergangenen Sommer ankündigte, seinen Saucenklassiker von „Zigeunersauce“ in „Paprikasauce Ungarische Art“ umzubenennen, war die Erleichterung groß. Endlich ein Sieg über den Rassismus! Großes Lob für die Einsichtsfähigkeit des Unternehmens!

Dass die zum Konsumgüterkonzern Unilever gehörende Firma den Mitarbeitern im Stammwerk Heilbronn zeitgleich einen neuen Tarifvertrag aufgezwungen hatte, mit deutlich schlechteren Bedingungen, fand hingegen kaum Beachtung. Keine Schlagzeile dazu, keine Erwähnung auf den Hauptnachrichtenseiten. Die Einzigen, die schäumten, waren die Betriebsräte, aber die gelten ja ohnehin als Leute von gestern.

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt herrscht auf der linken Seite des politischen Spektrums Rätselraten, wie man so tief fallen konnte. „Das Wahlergebnis ist für die SPD wirklich furchtbar, obwohl wir wissen, dass wir genau auf die richtigen Themen gesetzt haben“, erklärte die SPD-Spitzenkandidatin Katja Pähle, ein Satz, der das händeringende Unverständnis perfekt zusammenfasst. Eine der beiden Vorsitzenden der Linkspartei ließ sich zu der Einschätzung hinreißen, die Partei habe keine Fehler gemacht, die „gesellschaftliche Verfasstheit“ in Sachsen-Anhalt sei eben falsch.

Das Problem der Linken ist, dass sie Wählerstimmen mit Likes verwechseln. Wenn ein Thema auf Twitter oder Instagram besonders trendet, denken sie in der Parteizentrale, dass es auch im Wahlkampf zünden wird. Oder wie ein kluger Kopf neulich schrieb: „Die ganze Wahlkampfstrategie der SPD ist aus der Erfahrung entstanden, dass zustimmende Tweets und Postings zu Gender, Feminismus und Identitätspolitik gut geklickt werden.“

Auch die Wähler der Linken sind nicht blöd. Tatsächlich sind sie weniger blöd, als viele Politiker annehmen, dass sie es seien. Die Verkäuferin bei dm kann sehr wohl beurteilen, ob sich ihr Leben verbessert, wenn Olaf Scholz nach seiner Zeit als Bürgermeister und Bundesfinanzminister den Rollenwechsel zum „intersektionellen Feministen“ anstrebt. Im Zweifel sagt sie: Bleibt mir weg mit eurem komischen Feminismus. Mich interessiert, wann die Schulen wieder öffnen, damit die Blagen aus dem Haus sind, und weshalb meine Stromrechnung ständig steigt.

Die Verfechter der intersektionellen Theorie sagen, dass man das eine tun könne und das andere deshalb nicht lassen müsse. Das ist theoretisch richtig, aber so läuft es in der Praxis nicht. Eine politische Bewegung muss Schwerpunkte setzen. Für jedes Thema, das in den Vordergrund rückt, rutscht ein anderes aus dem Blickfeld.

Als ich groß wurde, war der hart arbeitende Mensch, der sich durch Fortbildung aus dem Sumpf seiner Unmündigkeit zieht, das Leitbild der Sozialdemokratie. Die romantische Idee, die man in Willy-wählen-Haushalten wie dem meinen von den sogenannten einfachen Menschen hatte, war zugegebenermaßen etwas kitschig.

Über das Leben am unteren Ende der Gesellschaft hatte man in den aufgeklärten Milieus schon damals eher vage Vorstellungen. Aber niemals wäre es meiner Mutter in den Sinn gekommen, sich über ungebildete Menschen lustig zu machen oder sie zu verhöhnen, weil sie nicht ihren bildungsbürgerlichen Ansprüchen genügten. Also damals: working class hero statt white trash.

Wenn heute von der Unterschicht die Rede ist, dann allenfalls am Rande. Schon das Wort, mit dem man die Abwertung aufgrund der Klassenzugehörigkeit dem Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus beiordnet, ist seltsam sperrig. Man spricht jetzt von „Klassismus“. Für mich klingt das eher nach einer Krankheit als nach einer politischen Diagnose.

Man kann die Entfernung von der Basis interessanterweise auch im Journalismus beobachten. So, wie sich viele Politiker zu fein für ihre Wähler sind, so schreiben viele Journalisten über die Köpfe ihrer Leser hinweg.

Ich wollte immer möglichst viele Menschen erreichen. Wenn man mir die Wahl zwischen einer Kapelle und einer Großkirche lässt, entscheide ich mich automatisch für die große Bühne. Ich dachte am Anfang meiner journalistischen Laufbahn, alle würden so denken. Aber da habe ich mich geirrt. Den meisten meiner Kollegen ist der Applaus ihrer Umgebung wichtiger als der publikumswirksame Auftritt.

Der Leser spielt, anders als man vermuten sollte, auf Redaktionskonferenzen oft nur eine untergeordnete Rolle. Die erste Frage, die sich viele Journalisten stellen, lautet: Was werden die Kollegen über meinen Text denken? Der mit der SPD-Berichterstattung betraute Redakteur hat vor allem die anderen mit der SPD-Berichterstattung betrauten Redakteure im Blick, der für die Grünen zuständige Redakteur den Kreis der Grünen-Kenner.

Da den Experten andere Dinge interessieren als den Laien, verschiebt sich der Fokus der Berichterstattung: vom Allgemeinen aufs Spezielle und vom Außergewöhnlichen aufs Detail, mit dem man unter seinesgleichen glänzen kann. Im Prinzip gilt das für alle Themengebiete, bei denen sich ein Spezialistentum herausbildet: Die Feministin richtet sich mit ihren Texten vornehmlich an andere Feministinnen, die Klimawandelwarner*in an die anderen Klimawandelwarner*innen, der Nazijäger an die Gemeinde der Nazijäger.

Dummerweise ist der Kreis der Spezialisten deutlich kleiner als die Zahl der eher durchschnittlich interessierten Menschen. Der Effekt ist unmittelbar an der Auflage ablesbar. Im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dem es egal sein kann, was die Leute vom Programm halten, muss sich eine Zeitung oder ein Magazin an der Kasse bewähren. Wer an seinen Lesern vorbeischreibt oder ihnen das Gefühl gibt, dass er sich für klüger hält als sie, hat da auf Dauer einen schweren Stand.

Die spannende Frage ist: Warum fällt es vielen politisch bewegten Menschen so schwer, den eingeschlagenen Weg zu verlassen? Die Logik sollte einem sagen, dass man gut beraten ist, sich für die Leute zu interessieren, von deren Zustimmung man abhängt. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Statt von seinen fixen Ideen zu lassen, werden die Anstrengungen verdoppelt. Also hebt man noch mehr Aufrufe gegen Klimawandel und Rassismus ins Programm. Im Zweifel handelt man nach dem Motto: lieber weniger Leser oder Wähler, dafür aber die richtigen.

Wollen Sie noch einen Witz hören? Joe Kaeser, der ehemalige Siemens-Chef, unterstützt jetzt Annalena Baerbock. Er finde, sie gebe eine prima Kanzlerin ab, hat er erklärt.

Mich erinnert das an den Atheisten, der auf seine alten Tage zum Glauben findet. Klar kann man sagen: besser spät als nie. Ich finde es halt nur so furchtbar opportunistisch. Acht Jahre an der Spitze eines der größten Dax-Konzerne stehen, in dieser Zeit Millionen machen, und das nicht nur ökologisch bewusst, um dann, wenn einen der Ruhestand zwickt, den grünen Denker zu geben, damit man auf den Podien neben den Leuten sitzt, die einen eben noch angefeindet haben?

Aber so ist halt der Kapitalist. Wenn man ihm die Gelegenheit gibt, quasi kostenlos auf die richtige Seite zu rutschen, nimmt er sie dankbar wahr. Vielleicht sollten die Grünen Eintrittsgeld für ehemalige Dax- Chefs nehmen. Wer zum grünen Klub dazugehören will, muss sich von der Hälfte seines Vermögens trennen.

Es gibt im Englischen eine schöne Redewendung: Put your money where your mouth is, lautet sie. Ich glaube, ich kann mir eine Übersetzung ersparen.

©Michael Szyszka

Die verlorene Generation

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Aber die Folgen der Corona-Politik für Kinder und Jugendliche sind bis heute kein großes Thema. Dabei ist das Bild, das Entwicklungspsychologen zeichnen, düster.

In Berlin wurde bis Montag gestritten, wann die Schulen öffnen dürfen. Die Inzidenz in der Hauptstadt liegt bei 35. Die Baumärkte sind offen, auch Cafés und Biergärten kehren zum Normalbetrieb zurück. Wer einen Kabelbinder oder eine Berliner Weiße braucht, kann sich wieder auf eine geregelte Versorgung verlassen. Nur beim Zugang zu Wissen und Bildung war man sich im Senat uneins, wann man die Restriktionen aufheben sollte. Noch vor den Sommerferien? Oder lieber erst danach?

Vor allem die Linkspartei, die in der Landesregierung mit drei Senatoren vertreten ist, stemmte sich gegen die Öffnung. Auch die Schulsenatorin war dagegen. Ein Regelschulbetrieb vor den Ferien sei organisatorisch nicht zu bewältigen. Die Vorkehrungen, die bei einer Öffnung nötig sind, wurden als „zu aufwendig“ empfunden, wie man lesen konnte.

Seit Montag ist klar: Die Schulen müssen aufmachen, dem Unwillen der Landesregierung zum Trotz. Zwei Grundschüler haben das vor dem Verwaltungsgericht erstritten. Schüler, die gegen die Stadt Unterricht einklagen? Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Wir sehen immer deutlicher, was wir den Schwächsten in dieser Gesellschaft in den vergangenen Monaten zugemutet haben. Wir sehen es in der Statistik der Patienten, die bei den Kinder- und Jugendpsychiatern vorstellig werden. Wir sehen es in den Studien der Experten, die damit beschäftigt sind, die seelische Gesundheit zu vermessen.

Es sind erschütternde Zahlen und Berichte. Depressionen, Ängste, Essstörungen – alles hat zugenommen, auch bei den Jüngsten. Und selbst wenn es nicht zu manifesten Störungen kommt, sind die Belastungen enorm.

In der „Berliner Zeitung“ schilderte eine alleinerziehende Mutter, wie sie schier verrückt wird vor Sorge, weil ihr an ADHS leidender Sohn auf der Strecke zu bleiben droht. Über Monate hatte er keinen Lehrer mehr gesehen. Ob ihm der Übergang in die gewünschte Schule nach der sechsten Klasse gelingt, ist ungewiss.

Wem das immer noch zu sehr nach Ausnahmefall klingt, der muss nur, wie ein Kollege der „Frankfurter Allgemeinen“, die Kinder befragen. Was habt ihr die letzten Monate gemacht? Fernsehen geschaut, lautet die Antwort.

Es heißt immer, die Kinder seien unsere Zukunft. Wenn das zutrifft, dann scheint uns die Zukunft nicht sehr zu interessieren. In der Krise tritt alles klarer hervor, dazu gehören auch die Prioritäten einer Gesellschaft. Nach einem Jahr Ausnahmezustand muss man sagen: Ausgerechnet auf die Jüngsten wurde am wenigsten Rücksicht genommen. Auch das ist ein Ergebnis der Corona-Maßnahmen, für die sich manche Politiker jetzt feiern lassen.

Je mehr man liest, desto mehr fragt man sich, warum das Schicksal der Kinder keine Rolle gespielt hat. Wie konnte es passieren, dass alle die Augen verschlossen? Sicher, es gab Stimmen, die sagten, vergesst die Kinder nicht. Die sich gegen Kita- und Schulschließung stemmten. Aber sie sind nicht wirklich durchgedrungen.

Bis heute sind die meisten Bundesländer nicht zum regulären Unterricht zurückgekehrt. „Wechselunterricht“ klingt so freundlich. In Wirklichkeit bedeutet es, dass man die Hälfte des Monats zu Hause bleibt, bevor man zu seinen Freunden und Klassenkameraden zurückgelassen wird. Im Strafvollzug würde man von Hofgang reden.

Ist es übertrieben, wenn man von einer verlorenen Generation spricht? Man macht sich keine Vorstellungen, was es für viele Kinder und Jugendliche bedeutet, ihrem sozialen Umfeld entrissen zu sein. Gerade Heranwachsende brauchen feste Strukturen, einen geordneten Tagesablauf, der ihnen Halt und Orientierung gibt. Kaum etwas ist schädlicher für die Entwicklung, als wenn die Zeit verschwimmt, weil ein Tag in den anderen übergeht.

Vieles wird nicht mehr aufzuholen sein. Es gibt Entwicklungsstufen, die man nicht einfach anhalten kann, um sie später erneut zu starten. Schule ist ja viel mehr als eine Einrichtung zur Wissensvermittlung. Es ist der Ort, wo sich Kinder beweisen und messen, wo sie lernen, Frustrationen auszuhalten, und soziales Verhalten einüben. In manchen Fällen ist es auch der einzige Fluchtraum, der sie vor einer alkoholumnebelten Mutter und einem prügelnden Vater trennt.

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Wie wichtig es sei, das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern, steht in jeder politischen Bewerbungsrede ganz oben, gleich nach dem Klimawandel. Eigenartigerweise waren die sozialen Folgen des Lockdowns kaum ein Thema, auch nicht bei den Leuten, die sonst keine Gelegenheit auslassen, vor der Spaltung der Gesellschaft zu warnen.

In den sozialen Netzwerken machte neulich ein Schaubild die Runde, das die Inzidenz im Kölner Villenviertel Hahnwald (null) dem in der Hochhaussiedlung Chorweiler gegenüberstellte (520). Den Verfechtern eines strengen Lockdowns galt das als Beweis, wie wichtig eine Fortsetzung der Freiheitsbeschränkungen sei. „In wessen Interesse ist es jetzt, über ‚Lockerungen‘ nachzudenken“, lautete ein höhnischer Kommentar.

Tatsächlich verhält es sich genau andersherum: Ein Bundesminister oder auch ein FOCUS-Kolumnist können auf ihren 140 Quadratmetern im Vorort problemlos jeden Lockdown durchstehen. Wenn das Gesetz einen nicht mehr auf die Straße lässt, tritt man eben in den Garten statt auf die Straße. Bei einer fünfköpfigen Familie im Hochhaus sieht die Sache schon ganz anders aus.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt auch für die Frage, welche Einschränkungen man akzeptabel findet und welche nicht. Lediglich zwei Mitglieder des Bundeskabinetts haben kleine Kinder im schulpflichtigen Alter. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Ich bin sicher, dass Angela Merkel das Schicksal der Kinder, die sie der Einsamkeit ihres Zimmers überantwortete, nicht gleichgültig ist. Aber es ist eine Sache, ob man liest, wie Familien zu kämpfen haben, und eine andere, ob man es aus eigener Anschauung kennt.

Selbstkontrolle, Konzentrationsfähigkeit, die Gabe, sich auch ohne Aufsicht sinnvoll zu beschäftigen, sind stark mit Bildungsstand und sozialem Hintergrund des Elternhauses gekoppelt. Wer als Politiker den ganzen Tag mit Leuten zu tun hat, die von Kindheit an gelernt haben, sich diszipliniert zu verhalten, ist versucht, diese Fähigkeit zu überschätzen.

Eine andere Erklärung für das seltsame Desinteresse an der Not der Kinder liegt im Vertrauen auf die segensreiche Wirkung des Staates, das gerade in der linken Bewegung stark ausgeprägt ist. Für einen Linken gibt es im Grunde kein Problem, das man nicht mit Geld und der ausreichenden Anzahl von Sozialarbeitern in den Griff bekommen kann. Wenn sich die Probleme wider Erwarten halten sollten, dann hat man halt nicht genügend Geld in die Hand genommen beziehungsweise Sozialarbeiter in Bewegung gesetzt.

So gesehen sind auch die sozialen Verwerfungen aufgrund des Lockdowns lediglich ein bedauerlicher Missstand, den man schon in der nächsten Legislaturperiode mit einem groß angelegten Umverteilungsprogramm korrigieren wird. Wenn eine Generation von Kindern ein Jahr vor dem Fernseher verbracht hat: eine unglückliche Entwicklung, sicher, aber nichts, was sich nicht mit der entsprechenden Für- und Nachsorge in den Griff bekommen ließe. Dass es Entwicklungsrückstände oder, ganz grundsätzlich, Herkunftsunterschiede geben könnte, die sich nicht beheben lassen, auch nicht mit dem besten Sozialprogramm, ist in dieser Welt nicht vorgesehen.

In Frankreich waren übrigens nur wenige Wochen die Schulen zu. Ab 19 Uhr durfte niemand vor die Tür. Tagsüber konnte man sich ohne triftigen Grund nicht weiter als zehn Kilometer von seiner Wohnung entfernen. Aber der Unterricht war selbst in der dritten Welle fast durchgängig gewährleistet. Jede Nation hat eben ihre eigenen Prioritäten.

Ein Jahr vor dem Fernseher ©Marie Wolf