Kategorie: 2021

Eine Frage der Herkunft

Eine Studie sagt, dass Ungeimpfte eher weiblich sind, eher Kinder sowie ausländische Wurzeln haben. Auch wenn es tabu ist: Wer die Impf- bereitschaft steigern will, kommt nicht umhin, nach dem Migrationshintergrund zu fragen.

Warum lassen sich so viele Menschen nicht impfen? Mich beschäftigt die Frage. Viele Argumente sprechen fürs Impfen. Die Zahl der Infektionen steigt wieder, auch die Krankenstationen füllen sich. Auf den Intensivstationen liegen jetzt 1500 Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind. Über 90 Prozent der Patienten sind ungeimpft. Die Impfung verhindert eine Ansteckung nicht vollständig. Aber dass man so erkrankt, dass man beatmet werden muss, ist extrem unwahrscheinlich.

Ich gehöre zu den Menschen, denen es schon Anfang des Jahres nicht schnell genug gehen konnte. Kaum hatte in Bayern das erste Impfzentrum eröffnet, stand ich auf der Warteliste. Mein Impfpass hat keine freie Seite mehr. Tetanus, Typhus, Tollwut, Gelbfieber, japanische Enzephalitis – bei mir ist alles abgedeckt. Wenn mir der Arzt sagt, er würde eine Impfung empfehlen, rolle ich schon den Ärmel hoch.

Vielleicht bin ich zu sorglos. Ich komme aus einer Generation, die noch die Schluckimpfung kannte. Von einem Kind in der Nachbarschaft hieß es, es sitze seit der Polio-Prophylaxe im Rollstuhl. Ein sogenannter Impfschaden. Immer wenn der Junge an uns vorbeifuhr, schlugen wir ein Kreuz, dass dieses Schicksal an uns vorbeigegangen war. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, dass jemals davon die Rede gewesen wäre, dass man Impfungen misstrauen müsse. Wenn es in den siebziger Jahren schon Impfgegner gab, dann kann ihre Zahl nicht größer gewesen sein als die der Zeugen Jehovas.

Letzte Woche kam ich vor der Kita mit einem Vater ins Gespräch, der gerade aus dem Frankreichurlaub zurückgekehrt war. Wir unterhielten uns über die Quarantäne-Bestimmungen. Wie sich herausstellte, hat er sich bis heute nicht impfen lassen. Ich glaube, es ist der Widerwille, bei einer Sache Anordnungen Folge zu leisten, von der er findet, dass sie Privatsache sei. Eigentlich ist mir die Haltung sympathisch. Ich mag es auch nicht, wenn man mich bedrängt. Andererseits: Lieber einen Stich in den Arm als künstlich beatmet, denke ich mir.

Ab Oktober muss er jetzt jeden Test selbst bezahlen. Es wird ein Ringen. Je schwerer es ihm die Regierung macht, desto größer sein Widerwille. Ich vermute, dass er am Ende nachgeben wird, weil er es leid ist, jedes Mal einen Test zu machen, wenn er zum Friseur oder ins Restaurant will. Aber sicher bin ich mir nicht. Bayern können sehr stur sein.

Ich glaube, die Zahl der echten Impfgegner wird überschätzt. Die meisten denken wie der Vater aus meiner Kita. Oder sie sind sich unsicher, was die Nebenwirkungen angeht. Interessanterweise scheint die Zahl der Impfskep-tiker unter Krankenschwestern besonders hoch zu sein. Hier hat sich hier das Gerücht verbreitet, die Impfung mache unfruchtbar. Schwer zu sagen, wer das aufgebracht hat, aber es ist unter den Pflegekräften wie ein Lauffeuer herumgegangen.

Es gibt offenbar auch eine Menge Leute, die einfach die Dringlichkeit nicht sehen. Ich habe dazu ein aufschlussreiches Interview mit einem Lungenarzt gelesen, auf dessen Station viele Covid-Fälle liegen. Wenn er die Patienten bei der Aufnahme fragt, warum sie sich nicht rechtzeitig haben impfen lassen, sagen viele, sie seien organisatorisch noch nicht dazu gekommen. Oder: Sie hätten gedacht, mit einem guten Immunsystem sei man geschützt. Der Arzt spricht es nicht direkt aus, aber die Impfbereitschaft scheint auch eine Frage des sozialen Hintergrunds zu sein. Zu dem gleichen Schluss kommt auch eine diese Woche veröffentlichte Studie der Uni Erfurt, wonach Ungeimpfte eher weiblich sind, eher Kinder großziehen sowie öfter einen niedrigen Bildungsstand und ausländische Wurzeln haben.

Ich fühlte mich an ein Gespräch erinnert, das ich auf dem Höhepunkt der dritten Welle mit einem Bekannten hatte, der ein großes Klinikum in Deutschland leitet und der erzählte, dass eine erstaunlich hohe Zahl von Menschen auf der Intensivstation über einen Migrationshintergrund verfügten. Es sei in der Ärzteschaft ein offenes Geheimnis, dass die Zahl der Patienten mit ausländischen Wurzeln viel höher sei, als das ihrem Anteil an der Bevölkerung entspreche. Sollte man darüber nicht berichten, fragte ich. Wird schwierig, sagte mein Bekannter. Wenn du offiziell bei der Klinik anfragst, werden sie dir sagen, dass man keine Daten zu sozialer Herkunft oder ethnischem Hintergrund erhebt.

Herkunft ist ein Tabu, weshalb man ja auch nicht mehr sagen soll, ob der Handtaschenräuber aus Deutschland oder Rumänien stammt. Ich halte das für einen Fehler. Die Leute machen sich auch ohne Hilfestellung der Medien ihren Reim auf die Dinge. Wenn von einer Großhochzeit die Rede ist, die außer Kontrolle geraten sei, gehen die meisten stillschweigend davon aus, dass es sich nicht um eine typisch deutsche Festgemeinschaft gehandelt haben wird.

Es macht es auch schwerer gegenzusteuern. Wenn man wüsste, dass die Zahl von Menschen, die noch nicht geimpft sind, in migrantischen Vierteln besonders hoch ist, könnte man gezielt dort hingehen und für die Impfung werben. In Berlin boten sie Impfwilligen diese Woche einen Döner dazu an. Ich habe sonst wenig Vertrauen in die politischen Künste des Berliner Senats, aber das halte ich ausnahmsweise für eine gute Idee. Man kann sich darüber lustig machen, dass man Menschen mit Gutscheinen zum Impfen lockt. Aber wenn es hilft, Schwankende zu überzeugen, warum nicht?

Wir neigen dazu, von uns auf andere zu schließen. Das lässt sich durch die ganze Pandemie beobachten. Wenn die Politik den Bürgern Homeschooling empfiehlt, scheitern nicht wenige Bürger schon am Wort. Jetzt hat die Regierung eine Impfwoche ausgerufen. Dass es Menschen gibt, die keinen Hausarzt haben, weil ihnen ihre Gesundheit mehr oder weniger egal ist, können sich viele Politiker schlechterdings nicht vorstellen. So wie sie sich ja auch nicht vorstellen können, dass es Leute gibt, die sich morgens nicht einmal in der Lage sehen, ihren Kindern die Zähne zu putzen, geschweige denn ihnen ein vernünftiges Frühstück zuzubereiten.

Wir haben uns abgewöhnt, genauer hinzusehen, weil es nicht als opportun gilt. Wenn vom Leben am anderen Ende der Gesellschaft die Rede ist, dann in merkwürdiger verklärter Form. Wo jemand scheitert, sind immer die Verhältnisse schuld oder das System oder irgendeine höhere Macht, die man verantwortlich machen kann. Deshalb gibt es ja heute im Prinzip auch keine soziale Frage mehr, die sich nicht mit finanziellen Zuwendungen oder gutem Zureden lösen ließe.

In der „New York Times“ fand sich neulich ein langes Stück über die geringe Impfquote unter Schwarzen. Normalerweise lässt die „Times“ kein gutes Haar an den Hillbillys auf dem Lande, die auf Maske und Impfen pfeifen. In dem Fall war die Redaktion voller Verständnis. Die lange Geschichte der Diskriminierung lasse Schwarze skeptisch auf das Gesundheitssystem blicken, lautete der Tenor. Dass sich viele nicht impfen lassen wollen, sei so gesehen eine Bestätigung des latenten Rassismus der Gesellschaft.

Ich warte auf den Tag, wo auch in Deutschland jemand behauptet, dass die geringe Impfquote unter Migranten auf ihre Stigmatisierung zurückzuführen sei. Da ist mir der normale Impfgegner lieber, muss ich sagen. Der glaubt vielleicht an Quark. Aber er macht wenigstens andere nicht für seinen Quark verantwortlich.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin auch in der Frage des Impfens ganz liberal eingestellt. Wenn sich jemand nicht impfen lassen will, sollte man ihn nicht dazu zwingen. Zu einer freiheitlichen Gesellschaft gehört das Recht, Risiken einzugehen, die Leute wie ich unbedingt vermeiden wollen. Ich sehe auch nicht, dass die Gefahr, dass Kinder ernsthaft erkranken, so groß ist, dass sie einen Impfzwang rechtfertigen würde.

Es sollte nur niemand erwarten können, dass wir alles noch einmal abschließen, wenn die Krankenhäuser wieder überlaufen. Wer dann keinen Platz auf der Intensivstation bekommt, weil das Immunsystem doch nicht stärker als das Virus war, hat Pech gehabt. Bislang drücken sich Politiker um eine klare Aussage herum, aber ich denke, es ist an der Zeit, dass sie sich auch hier deutlich äußern.

©Michael Szyszka (mit Christianie Biniek)

Jetzt wird es ernst

Während in den Zeitungen steht, dass Rot-Grün-Rot ein Schreckgespenst aus der Mottenkiste sei, bereiten sie bei der Linkspartei schon ein Sofortprogramm für den Tag nach der Wahl vor. Bürger, bringt euer Geld in Sicherheit!

Erinnern Sie sich noch an den Auftritt von Gerhard Schröder in der Wahlnacht 2005? Wie er im Fernsehstudio saß und die Öffentlichkeit im Schröder-Brummton wissen ließ, dass ja eigentlich er die Wahl gewonnen habe?

„Herr Bundeskanzler“, setzte der Moderator an, worauf Schröder ihn sogleich unterbrach: „Is’ ja schön, dass Sie mich so ansprechen.“ „Sind Sie jetzt schon zurückgetreten?“ Schröder: „Nein, überhaupt nicht. Ich wundere mich nur.“ „Also ich sage noch mal, Herr Bundeskanzler, das sind Sie ja noch.“ „Das bleibe ich auch, auch wenn Sie dagegenarbeiten.“ Damit war der Ton gesetzt.

Die 45 Minuten in der sogenannten Elefantenrunde gingen als Krawallauftritt in die Geschichte ein. Schröder selbst nannte sein Auftreten später suboptimal. Das Verrückte dabei ist: Er hatte recht. Wenn er gewollt hätte, hätte er Kanzler bleiben können.

Ein Bekannter hat mich neulich darauf hingewiesen, dass die Sitzverteilung locker für eine dritte Amtszeit gereicht hätte. Ich wollte es zunächst nicht glauben, aber es stimmt: Hätte Schröder die Linkspartei ins Boot genommen, wäre Angela Merkel nie zum Zug gekommen. Rot-Grün-Rot verfügte nach Auszählung aller Stimmen über eine Mehrheit von 20 Abgeordneten.

Wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Franz Müntefering führte die SPD als Juniorpartner in die Große Koalition. Gemeinsam regieren mit den Irren von der Linken? Dann lieber den Vizekanzler als den Kanzler stellen. In der Hinsicht war auf die alte SPD Verlass. Deshalb holte ja Schröder auch noch in seiner schlechtesten Verfassung mehr Stimmen als jeder Bewerber nach ihm.

Der Vernunftgrad der Linkspartei hat sich nicht verbessert. Die Zahl der Irren in ihren Reihen ist eher größer als kleiner geworden. Aber die SPD ist heute eine andere. Was für Leute wie Schröder und Müntefering ein Verrat an der Sozialdemokratie gewesen wäre, ist jetzt Teil von Planspielen und Sondierungen im Parteivorstand.

Uns wird versichert, dass es nach dem 26. September niemals zu einem Bündnis mit der Linken kommen werde. Das sei ein Schreckgespenst aus der Mottenkiste. Außerdem: Wer habe schon Angst vor Rot-Grün-Rot? Also: alles total unrealistisch und der Aufregung nicht wert. Im Netz werden Bildchen herumgereicht, die Olaf Scholz an Bord eines eleganten Motorboots im Golf von Venedig zeigen. Hahaha, so sehen also Linksradikale aus, heißt es dazu.

Je mehr ich lese, dass ich mich vor etwas fürchte, was ich mir nur einbilde, das aber ganz und gar ungefährlich ist, desto misstrauischer werde ich. Ich gehöre zu den Leuten, die gerne wissen, wen sie eigentlich wählen, wenn sie ihre Stimme abgeben. Nennen Sie mich old fashioned. Für mich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob neben Olaf Scholz und Annalena Baerbock auch Gregor Gysi und Janine Wissler am Kabinettstisch sitzen oder Christian Lindner und Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Die Linkspartei ist nicht der nette Mann aus Thüringen, der jeden Morgen mit seinem kleinen Hund Gassi geht und auf dem Schreibtisch die Bibel liegen hat. Den stellen sie immer ins Schaufenster, wenn sie die Welt von ihrer Harmlosigkeit überzeugen wollen. Die Linkspartei, das sind neben Altkadern und Jungtrotzkisten wie Frau Wissler die Versprengten diverser Weltrevolutionen, die bis heute davon träumen, das System aus den Angeln zu heben.

Es ist eine Partei, in der man sitzen bleibt, wenn der israelische Staatspräsident im Bundestag spricht, weil man findet, dass sich die Juden ohnehin seit Langem wieder zu mopsig machen. In der man der Meinung ist, dass jeder, der an der Mauer erschossen wurde, im Grunde selbst schuld ist, da er ja nicht über die Mauer hätte flüchten müssen. In der man den Taliban gratuliert, dass sie dem afghanischen Volk „seine Freiheit und Souveränität“ zurückgegeben hätten, und Glückwunschtelegramme an die letzten verbliebenen Diktatoren des ehemaligen sozialistischen Weltreichs schickt.

Vor einem Jahr tauchten im Netz versehentlich Videoausschnitte aus einer Strategiekonferenz auf, zu der die Parteiführung geladen hatte. Wer wissen will, mit wem er es bei der Linken zu tun hat, sollte die Clips ansehen, in denen Witzchen darüber gerissen werden, ob man die Reichen nach dem Machtwechsel gleich erschießt oder erst mal ins Lager steckt. Wo man sich an der Enteignung der deutschen Industrie berauscht und darüber feixt, dass man ja nur im Bundestag sei, um Staatskohle abzugreifen. Das sind die Leute, die uns jetzt als ganz normale Partei verkauft werden.

Ich habe die Woche mit jemandem zu Abend ge- gessen, der sein Ohr auf den Fluren der politischen Macht hat. Erst wird man in einem Linksbündnis die Schuldenbremse aussetzen, sagte er, Klimaschutz ist das neue Sesam-öffne-Dich, das alle Finanztüren aufschließt. Dann wird die große Umverteilungsmaschine angeworfen – Vermögensabgabe, Steuererhöhungen, Erbschaftssteuer, das volle Programm. Dann werde man sich Gedanken machen, wie man ans Eigenheim herankomme, die größte Quelle des Reichtums in Deutschland.

Immobilienbesitz gilt links der Mitte ohnehin als suspekt. Der Panda des deutschen Sozialstaats ist der Mieter. Warum also nicht über eine Vermögens- oder Hypothekenabgabe abschöpfen, was sich bei den Privathaushalten über die letzten Jahren an Vermögen angesammelt habe? Bevor Politiker eingestehen, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind, finden sie immer einen Weg, das Geld fremder Leute einzusammeln, sagte mein Gewährsmann lächelnd.

Will Scholz eine Koalition mit der Linkspartei? Das glaube ich nicht. Der Mann ist Realist. Er weiß genau, welchen Höllenritt ein Bündnis mit den Genossen am linken Rand bedeuten würde. Aber ohne Fraktion, die ihn stützt, kann kein Kanzler auf Dauer regieren.

Soll Scholz damit drohen, die Brocken hinzuschmeißen, wenn ihm Kevin Kühnert erklärt, dass Rot-Grün-Rot das Bündnis der Erneuerung sei, auf das Deutschland gewartet habe? Wie schwer es ein Kanzler hat, wenn er gegen seine eigene Partei regiert, hat Helmut Schmidt erlebt. Und der hatte immerhin noch Haudegen wie Hans Apel oder Hans-Jürgen Wischnewski an seiner Seite.

Die SPD von heute ist nicht mehr die SPD, in die meine Mutter 1963 eingetreten ist. Es ist auch nicht mehr die SPD von Leuten wie Klaus von Dohnanyi, Franz Müntefering oder Helmut Schmidt. Jeder der drei würde einen Brief von Saskia Esken wegen Rechtsabweichlertum erhalten. In der SPD von heute reicht es, dass man einen nichtbinären Schauspieler namens Heinrich arglos als Mann anspricht, um knapp an einem Parteiausschlussverfahren vorbeizuschrammen.

Es scheint über die Olaf-Euphorie irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein: Aber vor anderthalb Jahren wurde er von seiner eigenen Partei als Vorsitzender abgelehnt, weil er ihr zu mittig war. Gewählt wurde stattdessen ein Pärchen, das den Mitgliedern versprach, aus der Großen Koalition auszutreten, um sie in eine rote Zukunft zu führen.

Und das soll alles nicht mehr gelten, weil die SPD jetzt auf die Plakate schreibt: „Wer Olaf will, muss SPD wählen“? Nun ja, es soll auch Menschen geben, die an Wunderheilung glauben. Oder daran, dass ein gutes Immunsystem ausreicht, um Covid in Schach zu halten.

Bei der Linkspartei entwerfen sie bereits fleißig ein „Sofortprogramm“ für die Machtübernahme. „Klar haben wir ein Problem mit der Person Olaf Scholz“, zitierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ einen Parteivorstand der Linken. „Wir er-leben aber, dass es in der SPD ganz andere Ausrichtungen gibt.“

Was die Wahrscheinlichkeit einer Bundesregierung mit sozialistischem Einschlag angeht, glaube ich mehr den Funk-tionären als den Journalistenkollegen, die beteuern, sie würden eine Zeitungsseite aufessen, wenn es nach dem 26. September zu einem rot-grün-roten Bündnis komme. Was die Vorhersage von Wahlergebnissen angeht, liegt man in meiner Branche oft erstaunlich weit daneben.

©Silke Werzinger

Einer von uns?

Beliebter Ministerpräsident der CDU will Kanzler werden und auf den Redaktionsetagen biegen sie sich vor Lachen? Wir hatten das Stück schon mal auf der politischen Bühne. Der Kandidat hieß damals Helmut Kohl.

Armin Laschet sieht nicht so aus, wie die Leute sich einen Kanzler vorstellen. Das ist sein größter Nachteil. Das Gesicht ist zu verwaschen, der Mund zu weich. Die Gesichtszüge werden mit dem Alter auch nicht härter und kantiger, sondern allenfalls knittriger.

Die Deutschen sind, wenn es um Männer an der Macht geht, an klar geschnittene Gesichter gewöhnt, die Führung und Entschlossenheit ausstrahlen. Der ideale Kanzler war in der Hinsicht Helmut Schmidt mit dem akkuraten Seitenscheitel über dem Offiziersgesicht. Er war nicht von ungefähr für viele der Überkanzler, der dann einen einzigartigen Spätruhm genoss.

Helmut Kohl, der gerade in den Anfangsjahren ebenfalls zu sehr nach dem Genuss von Riesling und Siedewürstchen und zu wenig nach Arbeit aussah, konnte den Nachteil durch seine imposante Größe wettmachen. Laschet ist auch noch ziemlich klein. Er misst 1,72 Meter, wie ich Google entnommen habe.

Der andere Nachteil des Kanzlerkandidaten: Er ist ein fröhlicher Mensch. Bei Begegnungen lockert er die Atmosphäre oft mit einer ironischen oder selbstironischen Bemerkung auf. Ironie ist in der Politik ganz schlecht. Der fröhliche Mensch steht immer im Verdacht der Unernsthaftigkeit.

Besser ist es, man verkneift sich jedes Lachen. Wie weit man damit kommen kann, wenn man keine Miene verzieht, hat Olaf Scholz bewiesen. „Kompetenz für Deutschland“, steht auf den Plakaten. Man hätte auch draufschreiben können: Olaf Scholz, der Kanzler, der nie lacht. Was Leute wie ich als Drohung empfinden, gilt im politischen Establishment als Empfehlung.

Ich habe Armin Laschet zwei Mal getroffen. Einmal am Rande einer Veranstaltung in Berlin und einmal in einem Flieger nach München. Das Erste, was mir auffiel: Er ist wirklich nicht sehr groß. Das andere: Er hat wache, listig funkelnde Augen. Man sieht förmlich, wie er die Umgebung mustert und sich dann seinen Reim darauf macht. Beim Skat würde man ihn zu den Spielern zählen, bei denen man auf der Hut sein muss, weil sie oft noch ein Ass im Ärmel haben.

Glaubt man den Umfragen, dann ist der Wahlkampf praktisch gelaufen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Umfrageinstitut Zahlen verkündet, wonach die CDU noch tiefer gefallen ist. Es ist ein Wettbewerb. Bis vor Kurzem war es schick, die SPD herunterzuprügeln, jetzt die Union.

Laschet kann machen, was er will, es wird ins Lächerliche gezogen. Er wird als Karnevalsprinz und Funkenmariechen verspottet. Wenn er im Flutgebiet mit Halbschuhen unterwegs ist, heißt es: Warum trägt er keine Gummistiefel? Trägt er Gummistiefel, lautet der Vorwurf, er wolle sich in Szene setzen. Halbschuhe hätten es auch getan.

Vor drei Wochen stand er neben Elon Musk, dem Tesla-Milliardär aus Amerika. Als er eine Journalistenfrage zum Wasserstoff als Energieträger der Zukunft vom Deutschen ins Englische übersetzte, damit Musk darauf antworten konnte, lachte Musk.

Wie ich einem Text in der „Süddeutschen Zeitung“ zu dem Auftritt entnommen habe, ist Musk offenbar schwer verhaltensauffällig. Es gab praktisch keinen Augenblick, in dem er nicht das Gesicht verzog und herumhampelte. Anschließend hieß es dann, Musk habe Laschet wegen seiner Frage zum Wasserstoff ausgelacht. Der Kandidat habe sich vor aller Welt zum Gespött gemacht.

Mir kommt das seltsam bekannt vor. Wir haben das bereits einmal erlebt, als schon mal ein beliebter Ministerpräsident der CDU Kanzler werden wollte. Der Bewerber hieß damals Helmut Kohl.

Was haben sie sich auf den Redaktionsetagen nicht vor Lachen gebogen, als Kohl für die CDU als Kandidat antrat. Er war die Birne, der Tor, das Trampel – ein Politiker ohne jedes wirkliche Format, beachtlich nur wegen seiner Körpergröße. Einen „Gimpel“ nannte ihn Gerhard Schröder, da war der noch Juso-Vorsitzender und Kohl lag gerade mit Strauß im Clinch.

Auch die Rivalität mit dem großen Kurfürsten in München ist nicht ganz neu. Im Konrad- Adenauer-Haus echauffiert man sich sehr über die Querschläge aus dem Süden. Dazu kann ich nur sagen: Verglichen mit Franz Josef Strauß befleißigt sich Markus Söder geradezu vorbildlicher Zurückhaltung. Charakterlich und geistig ungeeignet, das war das Verdikt von Strauß über Kohl. Dagegen ist jede heutige Stichelei aus der CSU eine Umarmung.

Für die Linke war es immer ein Rätsel, wie Kohl so weit kommen konnte. Aus Sicht der Intellektuellen fehlte ihm alles, was einen Kanzler ausmacht: zu provinziell, zu bieder, ein Mann ohne Welt- und Weitsicht. Was die Kritiker übersahen, war, dass sich viele in dem Spott über die vermeintliche Borniertheit mitverspottet sahen. Die meisten Menschen haben nichts gegen Häkeldeckchen oder Zierfische oder Tassen mit lustigen Aufschriften, über die man in den vornehmeren Kreisen nur den Kopf schütteln kann. Die Mehrheit hält die Begonie auch nicht für eine verachtenswerte Pflanze.

Wir werden sehen, wie es dieses Mal ausgeht. Historische Vergleiche tragen immer nur begrenzt. Aber wenn man aus der Vergangenheit eines lernen kann, dann, dass eine Mehrheit der Bürger anders denkt als die Experten mit ihrem Faible für große Pläne. Hahaha, hieß es, als Laschet am Sonntag Standfestigkeit versprach gegen den Wind der Veränderung, der vielen ins Gesicht blase. Welcher Mensch sei denn gegen Veränderungen, hieß es hohnlachend. Wie gestrig, wie unfreiwillig komisch!

Auf der Linken ist ständig vom Politwechsel die Rede, dem Neustart, den es brauche, dem entschiedenen Neuanfang. Dass dies für viele keine Verheißung bedeutet, sondern eine Heimsuchung, kommt ihnen nicht in den Sinn. Es ist halt ein Unterschied, ob ich als Germanistikstudent den sozialökologischen Umbau der Gesellschaft erwarte oder als Facharbeiter, dessen Job unter die Räder kommt.

Auch Scholz verkörpert das normale Deutschland, das ist seine Stärke – allerdings in seiner protestantischen Version. Während Laschet etwas dezidiert Anti-Asketisches hat, einen Hang zur Gemütlichkeit, wo das nächste Glas Wein nie weit entfernt steht, ist bei Scholz alles Arbeit.

Scholz erinnert an den Abteilungsleiter, der einen noch nachts um eins auf der Betriebsfeier zur Seite nimmt, dass man ja nicht vergessen solle, die Hard Plugs aus dem Excelsheet zu entfernen, bevor es morgen an den Kunden geht. Dieser Mann geht erst schlafen, wenn die Vorgangsmappe abgearbeitet ist. Merkel, aber in männlich. Wenn er mit der Raute posiert, ist das keine ironische Geste, sondern ein Versprechen.

Das Problem am SPD-Kandidaten sind die Leute um ihn herum. Scholz als Kanzler, das können sich viele vorstellen. Aber der ewige Juso Kevin Kühnert als Fraktionschef und Saskia Esken, die selbsterklärte Alterspräsidentin der Antifa, als Innenministerin? Da nehmen viele lieber wieder Abstand.

Annalena Baerbock wiederum würde gerne volkstümlich wirken, es will ihr einfach nicht gelingen. Sie bemüht sich wahnsinnig, ganz normal und geerdet zu erscheinen, weshalb sie ständig auf ihre Mutterschaft und ihre Kinder zu sprechen kommt. Doch die Beispiele, die sie aus ihrem Alltag nennt, wirken seltsam konstruiert und zurechtgebogen.

Soll man wirklich annehmen, dass in Potsdam, also dort, wo sie lebt, jedes fünfte Kind so arm ist, dass es morgens kein Frühstück gibt? So hat sie es berichtet, am Sonntag während des ersten Triells: Wie sie auf dem Spielplatz sitzt und die Kinder durchzählt. Eins, zwei, drei, vier – und dann jedes Mal bei einem Kind ankommt, das sich keinen Schulranzen leisten kann und kein Knäckebrot.

Ihr Wohnort, das zur Ergänzung, zählt zu den wohlhabendsten Orten Deutschlands. Wenn es stimmt, was sie berichtet, sollte vielleicht Günther Jauch, der gleich nebenan wohnt, ein paar Millionen für die Armenspeisung in die Hand nehmen, statt mit seinem Geld ständig irgendwelche Gebäude und Kirchen zu sanieren.

Ich habe die These vom Kanzlergesicht einmal bei „Maischberger“ vertreten, zum großen Gelächter der Runde. Das zeige, wie oberflächlich ich Politik betrachten würde, hieß es. Aber ich bin überzeugt, die meisten Wähler denken so wie ich. Sie schauen auf den Mann oder die Frau an der Spitze und fragen sich: Ist das jemand von uns? Versteht dieser Mensch mich und meine Welt? Dann machen sie ihr Kreuz.

©Michael Szyszka

Der Fluch der Phrase

Die Taliban haben eine „inklusive Regierung“ angekündigt. Wenn es sein muss, gendern sie sogar. Das Bekenntnis zu Vielfalt und Inklusion bedeutet ja nicht, dass man auf Auspeitschungen und Enthauptungen verzichten muss

Fangen wir mit den guten Nachrichten an. Auch die Taliban möchten jetzt zur Weltgemeinschaft gehören.

Wenn nicht noch etwas Überraschendes passiert, werden sie den Sitz in der Unesco einnehmen, der UN-Organisation, die für die Bewahrung des Weltkulturerbes zuständig ist. Die Aufnahme in den Sozial- und Wirtschaftsrat der Vereinten Nationen steht ebenfalls kurz bevor. Der Sozial- und Wirtschaftsrat ist das UN-Gremium, das „Menschen und Themen zusammenbringt, um gemeinsames Handeln für eine nachhaltige Welt zu fördern“, wie es auf dessen Webseite heißt.

Sie schütteln den Kopf? Ausgerechnet die Leute, die tausend Jahre alte Buddhastatuen in die Luft sprengen, als Unesco-Mitglied? Die größten Frauenfeinde als Hüter von Menschen- und Kinderrechten? Wir wollen nicht vorschnell urteilen! Der koloniale Blick auf die islamische Welt zeugt von Hochmut, wie wir wissen. Außerdem: In einer der ersten Erklärungen haben die neuen Machthaber in Kabul die Bildung einer „inklusiven Regierung“ angekündigt. Und ist es nicht das, was uns besonders am Herzen liegt: die Inklusion?

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die Taliban den Bogen raushaben und so reden, als hätten sie vor der Erstürmung des Präsidentenpalastes schnell noch ein Diversity-Training belegt. Ich bin sicher: Wenn es sein muss, gendern sie sogar. Dass sich dadurch an ihren Praktiken nichts ändert, steht auf einem anderen Blatt. Das Bekenntnis zu Vielfalt und Inklusion bedeutet ja nicht, dass man auf Auspeitschungen und Enthauptungen verzichten muss. Genderstern und Scharia gehen wunderbar Hand in Hand, wie wir möglicherweise schon bald sehen werden.

Allenthalben herrscht nun Händeringen, wie man sich bei der Einschätzung der Lage in Afghanistan so vertun konnte. Die Erklärung ist relativ einfach, würde ich sagen: Wer den lieben langen Tag von der Stärkung der Zivilgesellschaft redet, von nachhaltigen Entwicklungszielen, vernetzten Ansätzen und gendersensiblen Konzeptionen, der hält Fortschritt für etwas Unausweichliches. Das ist der Fluch der Phrase: Irgendwann verwechselt man das, was man daher- und dahinplappert, mit der Wirklichkeit.

Wenn man heute liest, wie Heiko Maas den Taliban erklärt, dass sie verstehen müssten, dass die Konflikte in Afghanistan nur politisch und nicht militärisch gelöst werden könnten, lacht man sich tot. Aber noch lachhafter ist es ja, dass dieser Quatsch verkündet werden konnte, ohne dass sich die Zuhörer (oder die Redakteurin, die Maas das Mikrofon hinhielt) vor Lachen bogen.

Ich gebe zu, es hat einen perversen Reiz, sich noch einmal die Statements des Außenministers aus diesem Jahr anzusehen. „Menschenrechte sind heute in der afghanischen Verfassung fest verankert, und daran darf auch niemand rütteln“, liest man dort. Oder, eine andere Perle der Weisheit: „Die Taliban müssen zur Kenntnis nehmen, dass es kein Zurück ins Jahr 2001 geben wird.“ Die Rhetorik des Dürfens und Müssens kommt dummerweise schnell an ihr Ende, wenn auf der anderen Seite jemand mit einer AK-47 steht.

Großes Gelächter herrschte vergangene Woche über das ZDF, weil es von den „Islamist*innen“ schrieb, die Kabul eingenommen hätten. Dass die Redaktion von „ZDF heute“ auch bei Nachrichten über die Taliban eisern daran denkt, Transmenschen und Queerpersonen einzubeziehen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Andererseits: Was nach einer Petitesse klingt, ist alles andere als das. Wäre es eine Petitesse, wären nicht so viele Leute so versessen, auch im Angesicht des Schreckens ja die richtige Ausdrucksform zu wählen.

In der Sondersendung bei „NDR Info“ zum Fall von Kabul ist selbstverständlich noch im größten Trubel von „Ausländern und Ausländerinnen“ die Rede. Und auch der Bundespräsident findet, trotz aller bestürzenden Nachrichten, die Zeit, „Afghanen und Afghaninnen“ gesondert zu adressieren. Ich warte auf den Tag, an dem das Bundespräsidialamt von „Deutschen und Deutschinnen“ spricht. Denken Sie an meine Worte: Der Tag ist nicht mehr fern.

Die Vorstellung, dass man anders über die Wirklichkeit reden müsse, damit sie eine andere werde, durchzieht auch das diplomatische Geschäft. Wer meint, es sei ein Zufall, wenn im Haushaltstitel zur Afghanistanhilfe mehrere Millionen Euro für „Gender Mainstreaming“ auftauchen, um endlich auch am Hindukusch zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft vorzustoßen, kennt die Mentalität des Entwicklungshelfers nicht.

Die Rückkehr der Taliban ist die unangenehme Erinnerung daran, dass es da draußen eine Welt gibt, der man nicht mit Sprachregelungen und rhetorischen Verrenkungen beikommt. Deshalb ist die Erschütterung in der Szene nun auch so groß.

Vielleicht muss man wieder zur Sprachkritik zurück. Nicht weil Sprache Wirklichkeit konstruiert, wie es heute heißt, sondern weil der Sprachgebrauch Auskunft über die Zurechnungsfähigkeit des Sprechenden gibt. Man muss dabei ja nicht gleich so weit gehen wie der Autor Maxim Biller, der sich bei dem Wokeness-Vokabular an die Sprache des Dritten Reichs erinnert fühlt. Aber als Gradmesser der Verblödung funktioniert es allemal.

Wer durchgängig gendert, macht sich zum Trottel. Auf diese knappe Formel lässt sich die Sache bringen. Der besinnungs- und planlose Gebrauch von „Kämpfenden“ statt „Kämpfern“ respektive „Studierenden“ statt „Studenten“ oder „Zufußgehenden“ statt „Fußgängern“ ist ein nahezu hundertprozentig zuverlässiges Mittel, um Einfaltspinsel und -pinselinnen zu erkennen.

„Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“? Ich bin sicher, wenn man die ZDF-Redaktion fragen würde, warum sie in einem Bericht über Demonstrationen für die Aufnahme von mehr Afghanen die Partizipkonstruktion wählt, könnte sie es nicht sagen. Falsch ist es obendrein. Wer geflüchtet ist, den muss man streng genommen nicht mehr aufnehmen, denn er befindet sich, anders als der Flüchtling, ja nicht länger auf der Flucht.

Wobei: Was heißt hier schon falsch? Mit dem Gendern verhält es sich wie mit dem sogenannten Deppenapostroph: Was „Lisa’s Friseurstübchen“ das Trennungszeichen, das ist dem Rundfunkredakteur die kleine Pause zwischen Hauptwort und „innen“.

Wie selbst die eifrigsten Adepten ins Schleudern kommen, kann man nahezu täglich beobachten. Annalena Baerbock spricht brav vom „Kanzlerinnenamt“, wenn sie bei Maybrit Illner ihre Vorstellungen zur Lösung der Afghanistan-Krise darlegen soll – aber schon bei Staatsbürgerinnen, Amerikanerinnen, Botschafterinnen und Französinnen versagt sie kläglich. „Spitzenkandidatin macht Frauen unsichtbar. Shame!“, merkte ein Spötter zu Recht an. Ganz so einfach, wie immer behauptet wird, scheint das diskriminierungsfreie Sprechen doch nicht zu sein.

Erst kommt die richtige Sprache, dann das Geld. So funktioniert es auch jetzt wieder. Die ersten 100 Millionen Euro hat die Bundesregierung dem neuen Regime vergangene Woche in Aussicht gestellt. Die Zusage über weitere 500 Millionen folgte Mitte dieser Woche. Das Geld ist selbstverständlich ausschließlich für humanitäre Projekte bestimmt.

Auch beim Umgang mit Entwicklungshilfe wird sich der Taliban als lernwillig erweisen. Die neue Regierung ist klamm bei Kasse. Die Hälfte des afghanischen Staatshaushalts stammt aus dem Ausland. Großzügigster Einzelspender sind, wie sollte es anders sein, die Deutschen. Wenn es die Bedingung für die Fortzahlung sein sollte, akzeptiert der Islamist auch eine Neuauflage des Gendermainstreaming-Programms. In der Hinsicht ist er ganz zeitgemäß.

©Sören Kunz

Merkels Lachen

„Sie kennen mich“, lautet der Satz von Angela Merkel, mit dem sie viele Jahre erfolgreich regierte. Aber stimmt das? Beziehungsweise: Gibt es ein Stadium der Kanzlerschaft, in dem einem alles egal ist?

Unter den vielen Bildern dieser aufwühlenden, schrecklichen, traurigen Woche gibt es ein Bild, das so rätselhaft ist, dass ich mich bis heute frage, was es uns sagt.

Das Bild ist am Montagabend aufgenommen, 24 Stunden nach dem Fall von Kabul, am Ende eines Tages, an dem sich zwei A400M der Bundeswehr auf dem Weg nach Afghanistan befanden, um das hastig zusammengezogene Botschaftspersonal zu evakuieren. An dem sich Menschen an startende Flugzeuge klammerten, um dann aus 100 Meter Höhe zu Boden fallen. An dem kein Zweifel mehr bestand, dass die Rückkehr der Taliban für Tausende den Tod bedeuten wird und für Millionen das Ende jeder Hoffnung auf ein freies Leben.

Man sieht auf dem Foto die Bundeskanzlerin in einem dottergelben Blazer, leicht gebräunt nach dem Sommerurlaub, in der Hand hält sie eine schwarze Atemmaske. Sie blickt direkt in die Kamera und lacht. Sie wirkt so entspannt und gut gelaunt, dass man denken könnte, hinter ihr läge ein Wellness-Wochenende am Tegernsee und nicht ein Tag der Krisendiplomatie im Kanzleramt.

Wie man dem Begleittext entnehmen konnte, zeigt das Bild die Kanzlerin anlässlich der Premiere von „Die Unbeugsamen“, einem Film über die ersten Politikerinnen der Bundesrepublik. Die Kanzlerin hat im Kinosaal ein paar Worte dazu gesagt, wie man ebenfalls erfuhr. Dass auch in Deutschland bei der Gleichstellung von Frauen und Männern noch einiges zu tun sei und viele Politikerinnen bis heute Drohungen und Angriffen ausgesetzt seien.

„Sie kennen mich“, hat Angela Merkel im Wahlkampf 2013 erklärt. Das war das Versprechen, auf dessen Grundlage sie viele Jahre erfolgreich regierte. So wird sie uns auch in den Biografien und Sonderausgaben präsentiert, die anlässlich ihres Abschieds in den Zeitschriftenregalen liegen. Eine Frau wie das Land, dem sie vorsteht – unprätentiös, umsichtig, fleißig, stets darum bemüht, dem Vernünftigen zum Durchbruch zu verhelfen.

„Sie kennen mich“, das hieß auch: keine Überraschungen, keine Kapriolen, keine emotionalen Aussetzer. Einmal ist sie über sich hinausgewachsen, das war 2015 während der Flüchtlingskrise. Da verkörperte sie so sehr das helle Deutschland, dass man im rot-grünen Lager bis heute jede Kritik an der Kanzlerin als Kritik an sich selbst versteht.

Die „Bild“-Zeitung hatte das Bild der lachenden Merkel am Dienstag auf der Titelseite. Ich habe nachgesehen, ob es noch ein anderes Medium abgedruckt hat. Aber ich habe nichts finden können. Auch in den sozialen Medien, die normalerweise jeden Fehltritt und jede missverständliche Äußerung unnachsichtig ahnden, herrschte Schweigen.

An Laschets Lachen konnte man sich tagelang delektieren. Möglicherweise ist es verwerflicher, im Angesicht der Flutkatastrophe zu lachen als im Angesicht des Talibanterrors. Vielleicht zählen deutsche Opfer einfach mehr als ausländische. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, ich bin hier auf Vermutungen angewiesen.

Allenthalben ist jetzt vom Versagen der Bundesregierung die Rede. Aber das finde ich etwas arg allgemein. In der Welt, in der ich lebe, führt immer noch die Kanzlerin die Regierung an. Es ist auch die Bundeskanzlerin, die die Richtlinien der Außenpolitik bestimmt.

Kennen wir sie? Sie habe zweimal die zuständigen Minister zusammengeholt, um über die Situation der afghanischen Ortskräfte zu beraten, konnte man lesen, einmal im Juni und einmal im Juli. Der Hinweis war als Entlastung gemeint, in Wahrheit ist es das Eingeständnis der Untätigkeit.

Das Grundgesetz räumt dem Bundeskanzler nicht von ungefähr eine Richtlinienkompetenz ein. Jeder Minister leitet seinen Geschäftsbereich nach dem Ressortprinzip selbstständig und eigenverantwortlich – es sei denn, der Kanzler sieht es anders. Dann bleiben dem Minister zwei Möglichkeiten: sich zu fügen oder sein Amt niederzulegen.

Niemand wird daran Anstoß nehmen können, dass man nicht weiterkämpfte, nachdem die Amerikaner die Segel strichen. Aber dass man nicht wenigstens die Übersetzer rettete, die einem in all den Jahren treu dienten, die Fahrer, die Köche, die Zuarbeiter? War das zu viel verlangt? Am Wochenende richtete auch ein Bündnis großer Medienhäuser eine flehentliche Bitte an die Regierung, alles zu tun, um die Helfer aus dem Land zu schaffen, aber da war es zu spät.

Angeblich gab es Unstimmigkeiten zwischen Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium, wie man mit den Ortskräften verfahren sollte. Was hat die Kanzlerin davon abgehalten, die Sache zu entscheiden? Die Zeitungen waren seit Anfang Juli voll mit Berichten, welchen absurden Bürokratieparcours man aufgebaut hatte, um afghanische Vertragskräfte an der Passage nach Deutschland zu hindern. Im „heute-journal“ berichtete ein Bundeswehroffizier Anfang der Woche in beklemmender Nüchternheit, wie alle Hilferufe in Berlin verhallten. 80 Prozent würden zurückgelassen, denen könnte man nicht mehr helfen, sagte er.

Man habe die Entwicklung der Ereignisse falsch eingeschätzt, hat die Kanzlerin erklärt, so, als würde es sich bei der Einnahme von Kabul um einen Schicksalsschlag handeln, den man nicht habe vorhersehen können. Irgendwann rächt es sich halt, wenn man den Leuten beim Geheimdienst immer misstraut und sich dort Beamte wünscht, die ihren Auftrag vor allem darin sehen, so zu handeln, dass alles, was sie tun, morgen in der „Süddeutschen“ stehen könnte.

Es gab auch Warnungen direkt aus dem Apparat. Über Wochen richtete die Botschaft in Kabul eindringliche Appelle an das Auswärtige Amt, zu handeln. In einem Lagebericht zwei Tage vor dem Sieg der Taliban beklagte sich der stellvertretende Botschafter bitterlich über die Untätigkeit. Wer das Außenministerium kennt, der weiß, dass der Mann damit seine Karriere aufs Spiel setzte.

Wenn wir in einem halbem Jahr nachschauen, wo er gelandet ist, werden wir ihn in einer zugigen Botschaft in irgendeiner ehemaligen Sowjetrepublik wiederentdecken, wo diejenigen landen, die zu große Unbotmäßigkeit an den Tag legen. Offenbar war das Entsetzen über die Unfähigkeit seiner Vorgesetzten so groß, dass er das in Kauf nahm.

Als Kanzlerin kann man sich sein Kabinett nicht aussuchen, das ist der Preis einer Koalition. Dass Heiko Maas ein Würstchen ist, wussten in Berlin immer schon alle. Jetzt wissen wir: Er ist für Menschen, deren Wohlergehen von seinen Entscheidungen abhängt, ein tödliches Würstchen. Aber warum Merkel auch hier die Dinge einfach schleifen ließ, statt ihren Kanzleramtschef anzuweisen, die Sache in die Hand zu nehmen, wird auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Möglicherweise gibt es ein Stadium der Kanzlerschaft, in dem einem alles egal ist.

Die Kanzlerin selbst agiert inzwischen so, als sei sie die Beobachterin ihres eigenen Handelns. Wenn sie vor das CDU-Präsidium oder die Presse tritt, redet sie, als bereite sie sich auf einen Kommentar in den „Tagesthemen“ vor. Es seien bittere Stunden in Afghanistan. Es habe nach dem Abzug der Truppen einen Dominoeffekt gegeben. Man müsse so viele Menschen wie möglich in Sicherheit bringen. Das ist der Auftritt einer besorgten Zeitzeugin, nicht einer Kanzlerin, die es in der Hand gehabt hätte, das Leid zu lindern.

Vielleicht mag ich es mir nur nicht eingestehen, und die lachende Merkel ist den Deutschen viel näher, als ich dachte. Vielleicht bietet eine Regierungschefin, die bei jeder Gelegenheit betont, wie sehr sie mit sich im Reinen sei, die Selbstentlastung, nach der eine Mehrheit der Wähler sucht.

Haben wir in Afghanistan nicht alles unternommen? Haben wir nicht Milliarden ausgegeben für Mädchenschulen und Straßen? Und können wir etwas dafür, wenn die Armee nicht in der Lage ist, sich gegen die Taliban zur Wehr zu setzen? Was ist das überhaupt für eine Idee, seine Werte in die Welt exportieren zu wollen?

Man konnte alle diese Argumente schon vor dem Fall von Kabul hören. Man konnte sie zum Beispiel hören, als die Verlängerungen des Bundeswehrmandats anstanden, bei denen dann die gleichen Leute dagegen stimmten, die nun militärisch abgesicherte Luftbrücken fordern.

Der Mensch ist ein abgründiges Wesen. Das gilt, wie man sieht, in ganz besonderer Weise für die Kanzlerin.

©Silke Werzinger

Weisheit der Straße

Nicht mal ein Prozent der Wähler hat einen Blick ins Wahlprogramm geworfen, bevor sie die Wahlkabine betreten. Wonach entscheiden die Leute also, wenn sie sich für einen Kandidaten entscheiden?

Anfang der Woche kündigte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Live-Gespräche mit den Spitzenkandidaten der Parteien an. „Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich vor der Wahl eine umfassende Meinung bilden können, hat die F.A.Z. ein neues Format ins Leben gerufen“, hieß es in einem Schreiben an die Abonnenten. „In vier Veranstaltungen stellen wir den Kandidaten Fragen zu Programmen, Auftreten und aktuellen Entwicklungen, die Sie gerne vorab einreichen können.“

Den Auftakt machte am Mittwoch Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union. In den nächsten Wochen folgen FDP-Chef Christian Lindner, der SPD-Kandidat Olaf Scholz und für die Grünen der Parteivorsitzende Robert Habeck. Moment, wird sich jetzt der eine oder andere sagen: Was ist denn das für eine Auswahl? Das geht ja gar nicht: eine reine Männerrunde. Die Grünen haben doch extra eine Spitzenkandidatin benannt, um sicherzustellen, dass auf Angela Merkel wieder eine Frau im Kanzleramt folgt.

Wie sich herausstellte, hatten die Grünen in letzter Minute Robert Habeck als Spitzenkandidaten benannt. Auf Angela Merkel geht die Erfindung der asymmetrischen Demobilisierung zurück, also der Langeweile als Wahlkampf-Mittel, um die Leute so zu ermüden, dass sie ihr Kreuz da setzen, wo sie es immer gesetzt haben. Die Grünen sind jetzt noch einen Schritt weiter: Sie machen ihre Kanzlerkandidatin einfach unsichtbar. Wer nicht mehr auftaucht, kann auch nichts Falsches mehr sagen.

Allenthalben wird über den Wahlkampf geklagt: zu wenig Inhalt, zu wenig Debatte, statt den großen Zukunftsfragen nur Nicklichkeiten und Klein-Klein. Täglich bombardieren einen die Medien mit neuen Hiobsbotschaften von der Klima- front. Und worüber streiten die Wahlkämpfer? Die religiöse Überzeugung von Laschets Spindoktor und die Irregularitäten bei Baerbocks Stipendium!

Als vorläufiger Tiefpunkt gilt ein ZDF-Sommerinterview mit Habeck. Einige besonders enthusiastische Beobachter maßen mit Stoppuhr in der Hand, wie lange die ZDF-Redakteurin den Parteivorsitzenden zu den Problemen des grünen Wahlkampfs befragte, statt zu den wirklich drängenden Fragen vorzustoßen (den Klimawandel und, nun ja, den Klimawandel). Die Uhr hielt bei 9:20 Minuten.

„Aktivismus für das Weiter-So“ beziehungsweise „Parteilichkeit für die Verdrängung“, nannte der stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“, Bernd Ulrich, die kritische Befragung, worauf sich die angegriffene Redakteurin genötigt sah, ihre Interviewführung in einer Selbsterklärung zu rechtfertigen.

Was Aktivismus angeht, kennt sich Ulrich aus, sollte man vielleicht dazu sagen. Der Mann hat gerade gemeinsam mit Deutschlands führender Klimaaktivistin, der Grünen Luisa Neubauer, ein Buch in den Handel gebracht. Dass Journalisten den Drang verspüren, sich der guten Sache zu verschreiben, kennt man. Dass ein leitender Redakteur der „Zeit“ im Wahlkampf mit einer von ihm favorisierten Lobbyistin über die ideelle auch eine finanzielle Verwertungsgemeinschaft begründet, darf man als Neuerung sehen. So gesehen hält der Wahlkampf doch Überraschungen bereit.

Ich muss an dieser Stelle ein Geständnis machen. Es mag furchtbar oberflächlich erscheinen, aber mich interessiert die Frage, weshalb man bei den Grünen nicht Indianerhäuptling sagen darf, wie es sich mit Annalena Baerbocks Ausbildung verhält oder warum Armin Laschet auf Fotos immer eine so unglückliche Figur macht, mindestens so sehr wie die Vorschläge zur Lösung der Klimakrise.

Die Lösung kenne ich ja im Zweifel. Nach den Kernkraftwerken werden alle Kohle- und Gaskraftwerke abgeschaltet sowie ein Großteil der deutschen Autokonzerne lahmgelegt, damit Deutschland zum Klimaschutzstar aufsteigt. Vor dem dann wiederum die Chinesen bewundernd den Hut ziehen und sich sagen: „Wir lassen uns doch von den Deutschen bei der Energiewende nicht den Schneid abkaufen. Wenn die ihre Kohlekraft- werke ab 2030 stilllegen, dann ma-chen wir das schon nächstes Jahr!“

Nur weil sich Journalisten rasend für Politik interessieren, heißt das noch nicht, dass auch die normalen Leute das tun. Viele haben gar nicht die Zeit dafür. Nicht mal ein Prozent der Wähler hat einen Blick ins Wahlprogramm geworfen, bevor sie die Wahlkabine betreten. Die Zahl habe ich von Paul Ziemiak, dem Generalsekretär der CDU, und der muss es wissen.

Auch die Bekanntheit von Politikern wird gnadenlos überschätzt. Der „Spiegel“ hat einmal für einen Wissenstest nach den Namen der deutschen Ministerpräsidenten gefragt. Über 40 Prozent der Hessen konnten nicht sagen, wie ihr Regierungschef heißt. In Hamburg waren 50 Prozent ahnungslos, was den Namen des Stadtoberhauptes angeht. Am besten schnitt Horst Seehofer ab. Den konnte eine deutliche Mehrheit der Bayern auf Nachfrage als den Mann benennen, der sie regiert. Da war er allerdings schon als Bundesinnenminister nach Berlin gewechselt.

Normalerweise fällt es nicht so auf, wie unbekannt viele Politiker sind, weil man den Befragten am Telefon Namen und Funktion nennt, wenn man ihre Meinung in Erfahrung bringen will. Man nennt das „gestützte Umfragen“. Trotz der Hilfestellung (und der menschlichen Eigenschaft, Wissenslücken nicht freiwillig zu offenbaren) ist auch hier der Anteil der Unwissenden erstaunlich hoch.

Bei der berühmten „Spiegel“-Treppe, auf der Politiker nach Beliebtheit aufgereiht sind, sagten zum Jahreswechsel bei Heiko Maas 14 Prozent der Befragten, dieser Politiker sei ihnen unbekannt. Bei Olaf Scholz waren es 11 Prozent, bei Annalena Baerbock: 39 Prozent. Es dauert halt wahnsinnig lange, bis man sich als Politiker einen Namen gemacht hat. Deshalb hänge ich als Kolumnist ja auch so an bekannten Gesichtern. Der Tag, als Claudia Roth in die zweite Reihe verschwand, war für mich Karfreitag und Volkstrauertag in einem.

Wenn über ein Drittel der Wähler zu Beginn des Wahlkampfs keinen Schimmer hat, wen die Grünen da als Spitzenkandidatin ins Rennen geschickt haben, ahnt man, wie viel bis September noch in Bewegung ist. Erfolg und Misserfolg in den Umfragen sind zum Gutteil eine Frage des Timings, deshalb liegen sie auch so oft daneben.

Wonach entscheiden die Leute also, wenn sie sich für eine Partei oder einen Kandidaten entscheiden? Die großen Themen sind es jedenfalls nicht, auch wenn in den Zeitungen gerne das Gegenteil behauptet wird. Wofür Parteien wie die CDU oder die Grünen stehen, ist den meisten mehr oder weniger bekannt. Das ist der Vorteil an eingeführten Marken. Der Blick richtet sich auf den Mann oder die Frau an der Spitze. Das ist die große Unbekannte.

Wäre ich bei den Grünen, würde ich mir auch wün-schen, die Journalisten würden endlich aufhören, nach den Flunkereien oder Pannen im Wahlkampf zu fragen. Ich gehöre allerdings zu den Menschen, die wissen möchten, was für eine Person das ist, die sagt, dass sie das Land regieren will.

Für die großen politischen Fragen mag es unerheblich sein, ob Annalena Baerbock ihren Lebenslauf geschönt hat oder Armin Laschet im falschen Moment lacht. Aber um sich ein Bild von den Menschen zu machen, die sich anschicken, das Kanzleramt zu übernehmen, können solche scheinbar nebensächlichen Begebenheiten durchaus hilfreich sein. Es sind manchmal die kleinen Gesten, die einen Blick hinter die sorgfältig kultivierte Fassade erlauben.

Ist es ungerecht, jemanden nach einem Fehlgriff oder einer unbedachten Äußerung zu beurteilen? Natürlich ist es das. Aber ist es besser, den Strategen und Beratern zu vertrauen, die ein möglichst perfektes Bild von ihrem Kandidaten zu zeichnen versuchen? Gegen die Welt der Plakate und hehren Versprechungen hilft manchmal nur der genaue Blick auf die Abweichung. Man kann das die Weisheit der Straße nennen.

©MICHAEL SZYSZKA

Plage unserer Zeit

Was sind das für Menschen, die Datenschützer werden wollen? Welche Mutter wünscht sich, dass ihr Sohn oder ihre Tochter einmal zu den Leuten gehört, die anderen das Leben schwer machen?

Ich habe etwas Waghalsiges getan. Ich habe mich beim Besuch der Eisdiele über die Luca- App angemeldet.

Es ging erstaunlich einfach, muss ich sagen. App runtergeladen, Barcode des Cafés eingescannt und schon ist man als Gast registriert.

Keine lästige Zettelwirtschaft mehr, keine Telefonnummer, die man umständlich auf ein Blatt Papier kritzeln muss. Wenn man den automatischen Check-out aktiviert, entfällt sogar die Aufgabe, sich nach dem Besuch wieder abzumelden.

Wie gesagt: supereinfach. Aber natürlich hatte ich bei der Nutzung ein schlechtes Gewissen. Was konnte man nicht alles über Luca lesen! Weil die App Daten zentral speichert, sei es jemandem mit Zugang zum System jederzeit möglich, Einzelne zu überwachen: Wohin sie gingen. Wie lange sie blieben. Wer sich mit ihnen im Restaurant oder auf einer Veranstaltung befunden habe. Zu Deutsch: Nur der Trottel, der keine Ahnung von den Fallstricken der digitalen Welt hat, vertraut so einer Technik.

Die Grünen im Bayerischen Landtag haben die Staatsregierung im Juni in einem Dringlichkeitsantrag dazu aufgefordert, die Luca-App einer Sicherheitsanalyse zu unterziehen. „Bei einer mehrere Millionen Euro teuren Software, die noch dazu mit höchst sensiblen persönlichen Daten arbeitet, muss ein hoher Datensicherheitsstandard sichergestellt sein“, teilte Benjamin Adjei, Sprecher für Digitalisierung, mit.

Höchst sensible persönliche Daten: Das ist das Stichwort, bei dem jeder Politiker in die Knie geht. Wer will sich schon vorwerfen lassen, er nehme Datensicherheit nicht ernst? Das ist so, als würde man seine Kinder bei 120 Stundenkilometern unangeschnallt auf dem Vordersitz herumturnen lassen.

Die Schule meines Sohnes hat mich informiert, dass im neuen Schuljahr Microsoft Teams nicht mehr verwendet werden darf. Die Schule sucht jetzt händeringend nach einer Lösung für den Fall, dass im Herbst doch wieder Distanzunterricht angeordnet wird. Deutschen Lehrern drohen rückwirkend sogar Strafzahlungen, wenn sie beim Homeschooling mit Zoom oder Microsoft gearbeitet haben.

Die Daten würden auf amerikanischen Servern landen, und dort sei die Datensicherheit nicht gewährleistet, heißt es. Bei Zuwiderhandlungen sei ein Bußgeld gerechtfertigt, verkündete der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber im „Handelsblatt“. Ich dachte, das sei ein Scherz. Erst appelliert man an die Lehrer, die Schüler im Lockdown nicht im Stich zu lassen, und dann bedroht man diejenigen, die dem Appell folgen?

Wie naiv von mir, das für einen Scherz zu halten. Datenschützer scherzen nicht. Ironie und Selbstironie sind in dem Beruf grundsätzlich verboten. Wenn Datenschützer lachen wollen, schauen sie sich die Knollenmännchen von Mordillo an. Das befriedigt ihr Bedürfnis nach einer heiteren Abwechslung vollständig.

Die Politik hat in der Pandemie nahezu jedes Grundrecht außer Kraft gesetzt. Versammlungsfreiheit, Berufsfreiheit, Bildungsfreiheit, Bewegungsfreiheit – alles war eingeschränkt oder ganz suspendiert. Nur der Datenschutz ist heilig, da darf keiner ran. Da kann das Virus wüten, wie es will, und die Intensivstation noch so voll sein. Ich habe mich auf dem Höhepunkt der Krise mit der Aussicht getröstet, dass auf meinem Grabstein immerhin stehen wird: „Aber seine Daten waren sicher“.

 

Verstehen Sie die deutsche Obsession mit dem Datenschutz? Ich nicht. Wir setzen uns ungerührt nackt mit einem Dutzend Fremder in die Hotelsauna. Aber wenn das Google-Auto um die Ecke biegt, um unseren leeren Vorgarten zu fotografieren, rufen wir panisch nach sofortiger Verpixelung.

Vor zwei Wochen traf ich auf einer Sommerparty einen Kollegen von Burda. Der Mann berichtete, dass in der Kita seines Sohnes bis Anfang des Monats ein großes Willkommensplakat am Eingang gehangen habe, auf dem jedes Kind mit Namen und einem kleinen Foto abgebildet war.

Dann war das große, liebevoll dekorierte Plakat plötzlich verschwunden. Was ist passiert, fragte mein Kollege die Kitaleitung. Man habe das Plakat entfernen müssen. Ein Vater habe darauf aufmerksam gemacht, dass die Kombination von Name und Bild eklatant gegen die geltenden Datenschutzrichtlinien verstoße. Lieber morgens namenlos und ungegrüßt als den Datenschützer unglücklich gemacht.

Es ist wie eine biblische Plage. „Sie wissen schon, der Datenschutz“, sagt die freundliche Sachbearbeiterin in der Personalabteilung, wenn man sie bittet, einem per Mail den Gehaltsnachweis zu schicken, den man für die Steuer braucht. Sie kennt einen seit Jahren, sie hat einen sofort an der Stimme erkannt, aber in dem Fall ist sie machtlos.

Früher ließ der strafende Gott Heuschrecken und Frösche vom Himmel regnen, heute lässt er Leute wie Ulrich Kelber auf die Menschheit los.

In Wahrheit sind den meisten Menschen die Bedenken der Datenschützer herzlich egal. Niemand fürchtet sich vor der Cloud. Oder dass sie in Amerika von einem die Bewegungsprofile durchstöbern. Wäre es anders, würden die Leute ja nicht wie verrückt im Internet herumgurken.

Seit einem Jahr muss jedes Unternehmen auf seiner Webseite um Einverständnis fragen, wenn es etwas speichern will. Jetzt drücken die Leute eben überall „akzeptieren!“. Praktischerweise leuchtet der „Akzeptieren“- Knopf immer blau oder grün, sodass man ihn nicht verfehlen kann.

Kennen Sie jemanden, der die Belehrungen durchliest, bevor er zustimmt? So etwas nennt man wohl einen Pyrrhus-Sieg.

Vorher hat man sich immerhin darauf hinausreden können, dass man nicht ausreichend informiert wurde. Jetzt haben es die Konzerne schwarz auf weiß, dass man alles akzeptiert hat, was sie mit den Daten anstellen.

Was sind das für Menschen, die Datenschützer werden wollen? Das frage ich mich. Ich nehme an, auch ihre Mutter hatte Pläne und Hoffnungen. Welche Mutter wünscht sich, dass ihr Sohn oder ihre Tochter einmal zu den Leuten gehört, die anderen das Leben schwer machen?

„Mama, heute habe ich wieder dafür gesorgt, dass unsere Daten sicher sind!“ Gut, es soll auch Eltern geben, die stolz darauf sind, wenn ihre Kinder Geldeintreiber werden. Oder Parkticketkontrolleure. Ein Glück für Herrn Kelber und seine Kollegen, dass der Kinderbuchautor Michael Ende noch nicht die Datenschützer kannte, als er für seinen Klassiker „Momo“ die grauen Herren ersann, die der Menschheit die Zeit stehlen. Das hätte das Image nachhaltig geprägt.

Die Einzigen, die wirklich glücklich über den Datenschutz sind, sind die Internetkonzerne. Lässt sich eine bessere Ausrede ersinnen, warum man niemanden hinter die Fassade blicken lässt?

Ab Februar nächsten Jahres sollen Unternehmen wie YouTube oder Facebook strafbare Inhalte dem Bundeskriminalamt melden, damit dieses dagegen tätig werden kann. So hat es die Bundesregierung in einem „Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität“ beschlossen. Jetzt hat YouTube Klage gegen das Gesetz eingereicht – mit Verweis auf den Datenschutz.

„Für uns ist der Schutz der Daten unserer Nutzer:innen ein zentrales Anliegen“, schreibt die Leiterin Government Affairs und Public Policy, Sabine Frank, auf dem Unternehmensblog des Konzerns. Deshalb werde man sich vor Gericht gegen „diesen massiven Eingriff in die Rechte unserer Nutzer:innen“ zur Wehr setzen.

Um welche Delikte es sich handelt, die künftig beim BKA angezeigt werden müssen? Androhung von Mord, Kinderpornografie, Volksverhetzung, Aufforderung zur Vergewaltigung und Massenvergewaltigung – was man eben so bei YouTube unter „Rechte der Nutzer:innen“ subsumiert.

Wie gesagt: Der Datenschutz ist heilig. Das wird auch die Bundesregierung einsehen müssen.

©Sören Kunz

Die Kirche der Erwachten

Würden Rockstars wie Jim Morrison von den Doors heute auftreten, würden sie sofort von der Bühne geholt werden, und zwar von links. Weißer Cisgender-Mann retraumatisiert Opfer von MeToo! Ewiges Auftrittsverbot wäre das Mindeste

Reden wir zur Abwechslung mal über Latex. Latex wird aus dem Saft des Gummibaums gewonnen und lässt sich zu eng anliegenden Kleidungsstücken verarbeiten, die sich in Fetischkreisen großer Beliebtheit erfreuen.

Es gibt eine nicht unbedeutende Szene, die über eigene Zeitschriften, Treffpunkte und Idole verfügt. Ich will hier nicht in die Einzelheiten gehen, schließlich ist dies eine Familienzeitschrift. Aber die Freunde des Latex attestieren dem Werkstoff wundersame Wirkungen auf das Liebesleben.

Wie jede Subkultur sucht auch die Latexszene Sichtbarkeit und Anerkennung. Wer auf den Kontakt mit Gummi schwört, hat schließlich genauso ein Anrecht darauf, von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden, wie, sagen wir, die Freunde der Taxidermie oder der Philatelie. Lange übrigens nichts mehr von Philatelisten gehört. Gibt es die überhaupt noch?

Am vorletzten Wochenende sollte eine große Latexparty im Strandbad am Berliner Plötzensee stattfinden. Alles war vorbereitet. Auch die Anwohner der anliegenden Kleingartenkolonie hatten ihre Einwilligung gegeben. Man ist schließlich in Berlin und nicht in Kleinwummersdorf.

Wobei genau das nach dem Wochenende infrage steht. Die Parade musste in letzter Sekunde abgesagt werden. Die grüne Umweltstadträtin Sabine Weißler äußerte Bedenken. Lärmschutz und Landschaftsschutz gingen vor. Es sei nicht auszuschließen, dass die Grünflächen Schaden erlitten. Also aus für die „Tropicalia“.

Im „Tagesspiegel“ habe ich ein Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Senioren-Union, Wolfram Wickert, zu dem Thema gelesen. Herr Wickert ist nicht nur der Bruder des bekannten Fernsehmoderators Ulrich Wickert, sondern erkennbar auch ein Mann, dem die Freiheitsrechte des Bürgers am Herzen liegen.

Der Berliner sei fröhlich und witzig, befand Herr Wickert von der Berliner CDU, aber das, was die rot-grüne Regierung politisch mache, habe damit nichts tun: „Kein Witz, keine Schlagfertigkeit, nur Verwalterei. Alles wird verboten, quotiert, unmöglich gemacht. Das schränkt einen so ein, das schränkt diese Stadt ein, auch geistig und kulturell.“

Kann man sich ein besseres Sinnbild für die Verdrehtheit der politischen Verhältnisse denken? Die Senioren in der CDU machen sich für das Recht auf Fetischparty stark – gegen die Grünen, die meinen: Unser Strandbad muss sauber bleiben!

Wann sind sie links der Mitte so falsch abgebogen, dass sie heute so weit rechts rauskommen, dass selbst ihre erzkonservativen Eltern dagegen wie liberale Freigeister wirken? Ich stehe da wirklich vor einem Rätsel. Vielleicht waren die Eltern von Leuten wie Frau Weißler Achtundsechziger, und sie zahlen es ihnen jetzt heim, indem sie extraverkniffen auftreten.

Es bleibt ja nicht beim Partymachen. Grundsätzlich steht jede Lebensäußerung, die zu laut oder zu grell oder überhaupt zu unbedacht ist, unter Beobachtung.

Vor einigen Tagen war der 50. Todestag von Jim Morrison, dem Sänger der Doors. Sowohl in der „FAZ“ als auch in der „SZ“ erschienen seitenlange Huldigungen. In dem Text in der „Süddeutschen Zeitung“ wurde an einen Auftritt erinnert, bei dem sich Morrison vor dem Publikum entblößt und sein Geschlechtsteil präsentiert haben soll.

Stellen Sie sich das heute mal vor. Den Skandal kann man gar nicht ermessen. Weißer Cisgender-Mann retraumatisiert Opfer der MeToo-Kampagne! Ewiges Auftrittsverbot wäre das Mindeste.

Man könnte Beispiel an Beispiel reihen. In der „Welt“ hat die Redakteurin Anna Schneider eine ganze Liste von Vorfällen erstellt, bei denen sich Musiker entschuldigen mussten, weil sie a: die falschen Worte wählten. Oder b: einer Handlung bezichtigt wurden, die heute als unangemessen gilt.

Billie Eilish musste sich bei den Fans entschuldigen, weil sie als 13-Jährige mal die Lippen zu einem Lied bewegt hat, in dem sich über Asiaten lustig gemacht wurde. Justin Bieber musste sich erklären, weil er als Weißer Dreadlocks trägt. Winston Marshall, Mitglied der Folkband Mumford & Sons, musste sich rechtfertigen, weil er das Buch eines konservativen Autors gelobt hatte. Er hat dann die Band verlassen. Eminem musste sich dafür erklären, dass in seinen Liedern so oft Gewalt gegen Frauen vorkommt. Und so weiter und so fort.

Eines steht schon mal fest: Musikagent ist auch kein Job mit Glamour mehr. Früher musste man im schlimmsten Fall die Rechnung begleichen, wenn die Rockband das Hotelzimmer zerlegt hatte. Aber bei jedem Satz darauf achten, dass sich der Schützling nicht um Kopf und Kragen redet? Da wird man besser Gouvernante. Oder Sittenwächter.

Ich glaube, das Ganze ist nur psychologisch zu erklären. Viele Leute, die bei der neuen Linken heute den Ton angeben, laborieren an Problemen, für die man früher einen Therapeuten aufgesucht hätte. Man soll nicht pathologisieren, schon klar. Aber in dem Fall sagen es die Betroffenen ja selbst: Bereits ein Begriff könne ausreichen, alte Wunden aufzureißen und überwundene Traumata wiederzubeleben. Wenn das nicht pathologisch ist, dann weiß ich auch nicht.

Im Englischen hat sich für die Anhänger der neuen Linken der Begriff „Woke“ eingebürgert. „Woke“ heißt so viel wie „wach“ oder „erleuchtet“. Das klingt nicht von ungefähr nach Sekte.

Warum sich Menschen einer Sekte anschließen, ist gut erforscht. Die neue Glaubensgemeinschaft gibt ihnen Halt und endlich Antworten auf unbeantwortete Fragen. Dazu kommt ein Gefühl des Auserwähltseins. Kritik von außen bestätigt die Anhänger nur in ihrer Überzeugung. Wer gegen die Regeln der Gemeinschaft verstößt, verdient es, bestraft zu werden.

Das eigentliche Rätsel ist, wie es solchen Leuten gelingen konnte, ganze Parteien zu kapern. Welche Tür in die Dunkelheit man aufstößt, wenn man sich mit den Truppen der Wokeness einlässt, hat gerade die Kanzlerkandidatin der Grünen erfahren. Acht Tweets brauchte Annalena Baerbock, um zu erklären, warum sie in einem Interview ein Wort benutzt hatte, das man in dieser Welt nicht mehr benutzen darf.

Frau Baerbock hatte das N-Wort verwendet. Beziehungsweise: Sie hatte es, in Anführungszeichen gesetzt, ausgesprochen, um auf einen Fall von Rassismus aufmerksam zu machen. Sie hatte weder das Wort einfach gedankenlos genannt noch jemanden beleidigen wollen. Sie hatte nur einen aus ihrer Sicht empörenden Vorfall geschildert, in dem jemand den Begriff „Neger“ benutzte.

Folgt man Frau Baerbocks Selbsterklärung, gibt es also Wörter, deren negative Kraft so stark ist, dass sie selbst als Zitat verheerende Wirkung haben, weshalb man sie am besten ganz aus den Gedanken verbannt. Das stellt nicht nur die Geschichtswissenschaft vor neue Herausforderungen, sondern den politischen Diskurs insgesamt. Magisches Denken ist hier bislang nicht vorgesehen.

Auf LinkedIn ging diese Woche ein Text viral, in dem ein Nutzer daran erinnerte, dass man auch ein freundlicher, mitfühlender Mensch sein kann, ohne das ständig unter Beweis stellen zu müssen. „Ich komme aus einer Generation, die David Bowie, Lou Reed hörte und liebte und sich nie das Problem stellte, was für sexuelle Vorlieben sie hatten“, schrieb der Mann.„Es war uns egal, wir waren zufrieden und selig, weil ihre Musik uns berührte, Elton John, Freddie Mercury und George Michael. Und als Jimmy Somerville uns seine Geschichte als Kleinstadtjunge erzählte, waren wir gerührt und haben mitgesungen. Und es gab keine Gesetze, die uns zwingen sollten, solidarisch zu sein oder an einem ‚Zeichen gegen…‘ teilzunehmen.“

Offenbar hat der Autor einen Nerv getroffen. Der Text wurde vielfach geteilt. Aber ich fürchte, es beweist aus Sicht der Erwachten lediglich, wie rückschrittlich viele Menschen noch immer denken.

Am besten hören wir nur noch Meditationsmusik. Da kann nichts schiefgehen. Das Zirpen der Grillen, dazu ein sanftes „Om“. Ist auch lärm- und naturschutzverträglich. Da kann nicht einmal Frau Weißler aus Berlin-Mitte etwas dagegen einwenden.

©Silke Werzinger

Im Minus

Ist der ökologisch bewusst lebende Mensch ein besserer Mensch? Wenn man der Forschung glauben darf, trifft eher das Gegenteil zu. Wer sich für besonders vorbildlich hält, überzieht gerne das Moralkonto

E-Auto-Skandal in Potsdam. Die grüne Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher wurde dabei erwischt, wie sie heimlich den VW Passat ihres Staatssekretärs auslieh, weil sie dem E-Auto nicht traute. Die Frau ist eigentlich stolze Fahrerin eines Audi-e-tron-Dienstwagens. Nicht ganz billig der Spaß. Da muss eine alte Oma lange für stricken. Andererseits: Wenn’s der grünen Sache dient, ist dem Steuerzahler kein Opfer zu groß.

Dummerweise stand neulich eine Dienstfahrt nach Ravensbrück im Norden Brandenburgs an. Entfernung von der Landeshauptstadt: 113 Kilometer. Man habe auf den Benziner des Staatssekretärs zurückgegriffen, weil Erfahrungswerte mit dem E-Auto auf längeren Strecken gefehlt hätten, hieß es zur Begründung. Auf Deutsch: Man weiß ja nicht, ob man mit einem Audi e-tron hin- und zurückkommt oder auf halber Strecke liegen bleibt.

Ist nicht ganz die Werbung, die man sich für die Elektromobilität wünscht. Ich kann Frau Nonnemacher gut verstehen. Einmal bei der Elektrokarre das Gaspedal durchgedrückt und statt nach 350 Kilometern, wie vom Hersteller angeben, ist schon nach 100 Kilometern Schluss.

Ein Kollege von mir ist mal mit dem Tesla über die Autobahn gebrettert. Scheinwerfer an, Klimaanlage aufgedreht, Radio auf volle Lautstärke – das ganze Programm. Er kam genau 96 Kilometer weit. Auch E-Auto-Fahren will gelernt sein. Immer nur sanft beschleunigen, nie über 110 Stundenkilometer, Licht nur sparsam verwenden und selbst im Hitzesommer lieber offenes Fenster als Kühlung: Dann klappt’s auch mit dem E-Wagen.

Die EU-Kommission will Verbrenner ab 2035 grundsätzlich verbieten, wie sie jetzt verkündete. Wenn es bis dahin nicht eine Revolution beim Batterieantrieb gibt, werden wir uns bei längeren Fahrten vom Auto verabschieden müssen. Ab 2035 dann nur noch Bahn oder Flugzeug, wenn es in den Urlaub gehen soll. Möglicherweise sind bis dahin ja auch die berühmten Flugtaxis in Betrieb, die unsere Digitalstaatsministerin Dorothee Bär unermüdlich anpreist. Auto ist dann jedenfalls out.

Es ist nicht immer ganz leicht, politisches Programm mit persönlichem Verhalten in Einklang zu bringen, wie der Fall aus Potsdam zeigt. Bevor sie bei Fridays for Future dazu übergingen, ihre Social-Media-Accounts zu säubern, präsentierte man sich noch stolz als weit gereister Weltbürger.

Bei Luisa Neubauer verzeichnete der Instagram-Account eine Reisetätigkeit, die jeden Reisebüroagenten stolz gemacht hätte. Auch Katharina Schulze, die sympathische Grünen-Fraktionsvorsitzende aus Bayern, hat über die Jahre so viele Flugmeilen angesammelt, dass man mit einem rechtzeitigen Flugstopp eine ganze Startbahn hätte überflüssig machen können. Als der Bundestag 2019 eine Auswertung der Flugreisen seiner Abgeordneten vorlegte, lagen die Grünen deutlich vorne.

Darf man als grüner Politiker fliegen? Selbstverständlich. Aus der Tatsache, dass jemand den Klimawandel für ein drängendes Thema hält, folgt noch nicht notwendigerweise, dass er seinen politischen Überzeugungen alles unterordnen muss. Das ist wie bei der AfD. So nett ein AfD-Anhänger im Einzelnen zu Flüchtlingen sein mag, so knallhart kann er dennoch für das Ziel streiten, möglichst viele Fremde außer Landes zu schaffen.

Schwierig wird es immer dann, wenn man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Vom Übermenschen erwartet man auch übermenschliche Disziplin.

Der Sünder ist mir allemal lieber als der Tugendbold. Manchen mag es erstrebenswert erscheinen, nur von Menschen umgeben zu sein, die keinen bösen Gedanken mehr hegen. Schreiben Sie es meinem Charakter zu, aber ich stelle es mir grauenhaft langweilig vor. Worüber soll man noch reden, wenn sich alle ständig am Riemen reißen? Auch für Spott oder üble Nachrede wäre dann kein Platz mehr. Als Kolumnist könnte ich einpacken.

Mir ist auch diese merkwürdige Wendung ins Provinzielle suspekt. War man nicht gerade bei den Linken immer stolz darauf, wie weltgewandt und kosmopolitisch man ist? Und nun soll es über die heimische Scholle nicht mehr hinausgehen. Im Frühjahr auf den Brocken, im Sommer ins Watt und im Herbst dann Elbsandsteingebirge: Verglichen mit den Aposteln der CO2-Vermeidung sind selbst die Heimatfreunde am rechten Rand Waisenknaben. Das ist die touristische Variante der Hufeisentheorie: Deutschland, Deutschland über alles, diese Mal dem Klima zuliebe.

Vor einigen Wochen haben die Grünen ein Wahlplakat veröffentlicht, auf dem dargestellt war, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Es zeigte eine glückliche Familie im Lastenfahrrad, im Sattel der Vater, der, ein fröhliches Liedchen auf den Lippen, in die Pedale trat, vorne auf der Bank die strohblonde Mutter, die lächelnd auf die Köpfe ihrer Kinder blickt. Wenn man mir nicht dazugesagt hätte, dass das Plakat von den Grünen stammte, hätte ich es für ein Bild eines Arno-Breker-Epigonen aus dem Haus der Deutschen Kunst gehalten.

Die Frage ist ohnehin, ob der grün lebende Mensch der bessere Mensch ist. Wenn man der Forschung glauben darf, trifft eher das Gegenteil zu. Die Psychologie spricht von „Moral Licensing“: Wer sich moralisch in die Brust wirft, weil er sich besonders vorbildlich verhält, wie er meint, leitet daraus das Recht ab, es an anderer Stelle nicht so genau zu nehmen.

Die Forscher vergleichen das mit einem Konto, auf dem man sich jede gute Tat gutschreibt. Dummerweise überschätzen viele Menschen auch auf dem Moralkonto ihre Solvenz, sodass sie regelmäßig ihren Dispo überziehen.

Chinesische Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, weil sie glauben, damit ihre Gesundheit zu fördern, ansonsten weniger auf ihre Ernährung achten. Im „Journal of Behavioral Decision Making“ wurde von einem Experiment berichtet, wonach Geschenke dazu führen, dass sich der Schenkende nach Übergabe etwas weniger höflich, etwas weniger treu und etwas weniger altruistisch benimmt als vorher.

Auch in den sozialen Medien lässt sich der Effekt beobachten, wie ich einem Artikel im Wissenschaftsteil der „Süddeutschen“ entnommen habe. Wer öffentlich gegen Rassismus oder Sexismus streite, trete anderen gegenüber selbst oft ziemlich garstig auf: Man kämpft ja schon für die gute Sache, da gibt es eben auch Verluste und Opfer, scheint die Devise zu sein.

Vorletzte Woche wurde Frau Nonnemacher bei einer neuen Missetat erwischt. Wie sich herausstellte, hatte sie dieses Mal den Dienstwagen ihrer Staatssekretärin zweckentfremdet. Weil sie ihre Jacke im Bundesrat hatte liegen lassen, wurde der Wagen in die Stadt zurückbeordert, um die liegen gebliebene Jacke holen zu lassen.

60 Kilometer Leerfahrt wegen eines Kleidungsstücks, und das wieder nicht elektrisch, sondern mit Super im Tank? Die Fraktionen von Linken und Freien Wählern forderten eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses. „Es stehen schwere politische Vorwürfe im Raum“, erklärte Sebastian Walter, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei.

Gut, dass ich nicht links wähle. Ich könnte sogar meinen Kanarienvogel spazieren fahren lassen, ohne dass ich mich vor einem Untersuchungsausschuss verantworten müsste. Dafür gebe ich jedem Bettler, an dem ich vorbeikomme, einen Euro.

Ich erwähne das, damit hier kein falscher Eindruck entsteht. Falls jemand bei der Moral-Schufa fragt: Mein Konto ist derzeit nur leicht im Minus.

©Sören Kunz

Faktenfindungsstörung

Der Absturz der grünen Kanzlerkandidatin ist auch ein Debakel für den begleitenden Journalismus. Kaum etwas wurde an Annalena Baerbock so gerühmt wie ihr Detailwissen und ihre Sachkenntnis. Was ist da schiefgelaufen?

Annalena Baerbock hat sich für ihren Umgang mit der Plagiatsaffäre entschuldigt. Sie sei in die alten Schützengräben gerutscht, hat sie der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt.

Bittere Pille für ihren Rechtsanwalt, Prof. Dr. Christian Schertz beziehungsweise die Prominentenkanzlei Schertz Bergmann, die Baerbock auf dem Weg nach unten engagiert hatte. Als alter weißer Mann bezeichnet zu werden ist bitter. Aber als alter Schützengraben? Das wünscht man niemandem.

Es war ohnehin nie ganz klar, was der berühmte Anwalt aus Berlin ausrichten sollte. Angeblich ging es darum, die Kanzlerkandidatin gegen den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung zu verteidigen. Aber bis heute ist von einer Klage gegen die sogenannten Plagiatsjäger nichts bekannt.

Stattdessen strengte Schertz in eigener Sache eine Gegendarstellung gegen „Focus Online“ an, weil dort in einem Halbsatz seine Zeit bei dem ebenfalls sehr berühmten Urheberrechtsanwalt Paul W. Hertin fälschlicherweise von acht auf zwei Jahre verkürzt worden war. Unterschätze nie die Eitelkeit von Medienanwälten!

Andererseits: Mit der Beauftragung von Professor Schertz sind die Grünen endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, also dort, wo man das „Goldene Blatt“ liest, die arme Meghan Markle in ihrem Millionärselend bemitleidet und sich für die Ehekabalen im Hause Wulff interessiert. Zu den Mandanten gehören oder gehörten Bettina Wulff, Boris Becker, Karl-Theodor zu Guttenberg.

Apropos Becker: War Christian Schertz nicht der Mann, der aller Welt versicherte, wie solvent sein Mandant sei, als ein englisches Gericht den Tennischampion für zahlungsunfähig erklärt hatte? Gestern Ehrensolvenzbescheinigung für Becker, heute urheberrechtlicher Persilschein für Annalena Baerbock: Das Leben als Anwalt bringt immer neue Herausforderungen.

Wobei: Ich sollte aufpassen, was ich sage. Schertz gilt als klagefreudig. Der „Super Illu“ hat er mal eine Gegendarstellung reingedrückt, weil die geschrieben hatte, dass Schertz es gernhabe, wenn man ihn als Promianwalt bezeichne. Dazu stellte er fest: „Ich mag es nicht, als ‚Prominentenanwalt‘ bezeichnet zu werden.“ Ich nehme vorsorglich schon mal alles zurück, auch die Bezeichnung Promianwalt. Nur, wenn man Christian Schertz nicht als Promianwalt bezeichnen kann, als was denn dann?

Das gleiche Problem hat man jetzt mit seiner berühmten Mandantin von der grünen Partei. Das Letzte, was sie den Journalisten zurief, bevor sie sich in den Urlaub verabschiedete: Erstens seien an einem Buch immer mehrere Autoren beteiligt, und zweitens handele es sich in ihrem Fall gar nicht um ein Sachbuch.

Andere kommen von Tolstoi und Cervantes, Annalena Baerbock kommt von Joschka Fischer und Jürgen Trittin, wie man nun weiß. Aber: Kein Sachbuch? Was ist es denn stattdessen? Abenteuerroman? Befreiungsliteratur? Oder etwas ganz anderes? Dokufiction heißt die Gattung im Fernsehen, wo man Erlebtes und Erfundenes mischt. Vielleicht ist Annalena Baerbock die Begründerin eines ganz neuen Genres. Was den Verkauf angeht, muss man sagen: Die Quote stimmt. Das, immerhin, steht auf der Habenseite.

Am Montag haben die Grünen ihre Wahlkampagne vorgestellt. Jetzt soll es endlich um die großen Themen gehen: den Klimawandel, die soziale Gerechtigkeit, die Digitalisierung des ländlichen Raums. Die Leute hätten einen Hunger nach inhaltlicher Auseinandersetzung, erklärte der Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner. Ich verstehe nicht so viel von inhaltlicher Auseinandersetzung wie Herr Kellner, aber als ich das mit dem Hunger las, war mein erster Gedanke: Wenn er sich da mal nicht täuscht. Das eine ist, was die Leute sagen, was sie für wichtig halten, das andere, was sie tatsächlich interessiert.

Ich finde, die eigentliche Pointe der Nominierung wurde bislang nicht richtig gewürdigt. Jede Stimme für die Grünen sei eine Stimme gegen den Klimawandel, heißt es doch. Da das Überleben der Menschheit auf dem Spiel stehe, müssten sie das Kanzleramt übernehmen. Noch wichtiger als der Kampf gegen den Hitzetod ist den Grünen allerdings der Einsatz für die Quote. Dahinter muss alles andere zurücktreten, wie sich jetzt zeigt.

Die Grünen hatten einen Kandidaten, der das mitbrachte, was Annalena Baerbock fehlt: langjährige Regierungsverantwortung (Umweltminister und Vizeministerpräsident in Schleswig-Holstein), ein solider Lebenslauf (Doktor der Philosophie) – dazu gesegnet mit der Gabe der freien Rede und einer Reihe unzweifelhaft selbst geschriebener Bücher. Dummerweise hat Habeck das falsche Geschlecht. Deshalb liegt das Kanzleramt jetzt wieder in weiter Ferne.

Der Absturz der grünen Kanzlerkandidatin ist auch ein Debakel für den begleitenden Journalismus, das ist die andere Lehre aus den zurückliegenden Wochen. Was hat man in führenden Blättern nicht alles über Annalena Baerbock gelesen. Ihre Reden: Rockkonzerte. Ihr Aufstieg: ganz ohne die üblichen Machtspiele und Intrigen. Ihr Detailwissen und ihre Sachkenntnis: stupend.

Als Frau, „die noch im Halbschlaf das Kleingedruckte des Kohlekompromisses aufsagen könnte“, stellte sie der „Stern“ vor, der dann auch nur eine wirkliche Schwäche ausmachen konnte: „ihre Detailverliebtheit“. Ich weiß nicht, in wie vielen Geschichten über Annalena Baerbock ich das Zitat einer Parteifreundin gefunden habe, dass die Parteivorsitzende noch nachts um drei anrufe, weil sie einen völkerrechtlichen Vertrag gelesen und eine Detailfrage habe.

Und nun? Nun sieht es so aus, als ob die Vielbesungene und -gelobte nicht mal in der Lage ist, den Namen Walter Lübcke richtig zu schreiben oder die brandenburgische Kleinstadt Ludwigsfelde geografisch korrekt zuzuordnen. Die „taz“ hat ihr Buch „Jetzt“ am Wochenende einem Faktencheck unterzogen. Die Zahl der Fehler und Ungenauigkeiten füllte eine ganze Seite.

Auch im mündlichen Vortrag unterlaufen ihr ständig erstaunliche Verwechslungen und Versprecher. Ich habe neulich mal nachgezählt. Ich bin allein im ersten Anlauf auf über 20 Fehlleistungen gekommen.

Dass sie die UN-Charta für ein Gremium hält, Willy Brandt zum Begründer der sozialen Marktwirtschaft kürt und meint, das Stromnetz lasse sich auch als Stromspeicher nutzen: geschenkt. Aber wenn sie ihre Begeisterung für Europa damit begründet, dass ihr Großvater im Winter 1945 an der Oder gegen die Russen gekämpft habe, wird es ein wenig bizarr. Es soll ja auf Pazifikinseln japanische Soldaten gegeben haben, denen man zu sagen vergessen hatte, dass der Krieg aus war. Aber an der Oder?

Der CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber litt bekanntlich an Wortfindungsstörungen. Bei Annalena Baerbock muss man möglicherweise von einer Faktenfindungsstörung reden.

Viel ist in den vergangenen Wochen über die Unfähigkeit der grünen Kampagnenmanager geschrieben worden, die es versäumt hätten, sich auf vorhersehbare Nachfragen vorzubereiten. Habt ihr eure Kandidatin denn gar keinem Check-up unterzogen, lautete der händeringende Vorwurf von der „taz“ bis zum „Spiegel“. Eine Frage wurde interessanterweise ganz selten gestellt: Warum Annalena Baerbock glaubte, mit den Mogeleien durchkommen zu können?

Ein Grund für die Sorglosigkeit liegt in der Kumpanei zwischen Teilen der Presse und grüner Partei. Wer zu lange auf Händen getragen wird, dessen Reflexe erlahmen. Dazu zählt auch der Gefahrensinn. Zu viel Lob verdirbt außerdem den Charakter. Wenn man ständig über sich liest, wie gut man sich mit den Fakten auskenne, beginnt man, es irgendwann zu glauben.

©Sören Kunz

Wir schieben die Falschen ab

Das ist derzeit die Lage in der Ausländerpolitik: Wer sich Mühe gibt, fliegt raus – wer sich danebenbenimmt, darf bleiben. Leuchtet ein: Der brave Flüchtling hat nie seinen Pass weggeworfen, hat keine Anwälte, ist nie untergetaucht

Wenige Autoren haben sich so sehr mit dem Wesen der Bürokratie beschäftigt wie der Schriftsteller Franz Kafka. Der Mann kannte sich von Berufs wegen aus, das half. Als Angestellter der halbstaatlichen Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt in Prag oblag es ihm, Vorschriften zur Unfallverhütung zu ersinnen und Betriebe in Gefahrenklassen einzustufen. Wehe dem, der in den bürokratischen Apparat gerät: Das ist, wenn man so will, eine Quintessenz aus Kafkas Romanen.

Anfang Juni fuhr in einem Wohnhaus in Pirna zur nächtlichen Schlafenszeit ein Trupp Polizisten vor, um die Familie Imerlishvili, beide Eltern sowie sieben Kinder, in Gewahrsam zu nehmen. Die Imerlishvilis waren vor acht Jahren aus Georgien in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen. Der Vater arbeitete bei einem Pflegedienst, die Mutter hatte als Haushaltshilfe Arbeit gefunden.

Die Nachbarn und alle, die sie näher kannten, beschreiben das Ehepaar Imerlishvili als fleißig und hilfsbereit. Wenn es jemand brauchte, der für den Kuchenbasar backte – Mutter Imerlishvili war zur Stelle. Im Hort war in der Ferienzeit die Küche knapp besetzt – der Vater sprang ein.

Das Vergehen der Familie bestand darin, in Deutschland Asyl beantragt zu haben, der nahezu einzige Weg, den das Ausländerrecht bietet, um aus einem fernen Land nach Deutschland zu gelangen. Georgien ist keine Musterdemokratie, aber auch kein Unrechtsstaat, in dem man politischer Verfolgung ausgesetzt wäre. Die Asylgründe sind für Georgier also notwendigerweise etwas schwammig. Probleme mit der Korruption, Angst vor Blutrache: nichts, was vor den strengen Augen eines erfahrenen Asylbeamten Bestand hätte.

Der Familie blieb eine Stunde, das Nötigste zu packen, dann brachte sie der Polizeibus an den Flughafen. Die Kinder sprechen kaum ein Wort Georgisch, weil die Eltern wollten, dass sie gute Deutsche werden. Es gibt im Netz ein Video, in dem die älteste Tochter erzählt, wie sie sich auf das Abitur vorbereitet und welche Angst sie davor hat, das Land verlassen zu müssen, das ihre Heimat ist.

Die Korrespondentin der „Sächsischen Zeitung“, die den Fall publik machte, hat mit der Familie telefoniert, die jetzt durch Tiflis irrt. Die Verzweiflung ist groß. Die Freunde und Nachbarn in Pirna sammeln für eine Petition, aber es gibt wenig Hoffnung auf eine Rückkehr.

Das ist also die Lage an der vordersten Front der deutschen Ausländerpolitik: Wer sich Mühe gibt, fliegt raus – wer sich danebenbenimmt, darf bleiben. Denn auch das gehört ja zur Wahrheit: So unbarmherzig sich der Staat bei der Abschiebung von Menschen zeigt, die alles unternommen haben, um sich als gute Bürger zu erweisen, so nachlässig, ja nachsichtig ist er bei Straftätern.

Drei Wochen nach der Abschiebung in Sachsen griff in Würzburg ein Somalier zum Messer und attackierte eine Reihe von Frauen. Sechs Monate zuvor hatte er schon einmal andere Menschen mit einem Messer bedroht, ohne dass dies für seinen Aufenthalt in Deutschland Konsequenzen gehabt hätte. Wer in die Polizeiakten von Missetätern schaut, bei denen sich jeder vernünftige Mensch fragt, warum ist der noch hier, entdeckt oft ein Vorstrafenregister so dick wie der Oberarm eines bosnischen Eisenbiegers.

Was geschieht hier? Weshalb sind wir in dem einen Fall so herzlos und in dem anderen nachsichtig bis über die Grenze der Fahrlässigkeit hinaus?

Ein Grund ist ganz profan: Die Angepassten und Gutwilligen lassen sich leichter abschieben. Man muss sich nur morgens ans Tor zur Werkstatt stellen, in der der brave Flüchtling zur Schicht erscheint, und schon hat man seinen Abschiebekandidaten vor der Nase. Keine lästige Fahndung, keine umständliche Suche nach Papieren, auch keine psychologischen Gutachten, die einer Außerlandesschaffung entgegenstehen würden.

Der fleißige Afghane, der jeden Deutschkurs besucht hat, hat nie irgendwo seinen Pass verloren, bei ihm liegt der Pass ordentlich in der Schublade. Er hat nicht einmal Anwälte, weil er nie mit dem Gesetz in Konflikt kam. Also weiß er jetzt auch nicht, wen er in letzter Minute anrufen soll, um sein Schicksal abzuwenden.

Der andere Grund ist, dass wir unser Ausländerrecht so konstruiert haben, dass sich eine gewisse Verschlagenheit auszahlt. Bis heute ist im Prinzip jeder Zuwanderer gezwungen, sich durch die enge Pforte des Asylrechts zu klemmen. Seit Jahren reden wir davon, dass wir das Ausländerrecht reformieren wollen. Dass es eine legale Möglichkeit geben muss, sich hier niederzulassen, ohne Illusionstheater, dass man in seiner Heimat verfolgt sei.

Aber es tut sich nichts. Die einen erklären einfach, dass jeder willkommen sei. Den anderen ist es offenbar ganz recht, wenn die Tür nicht weiter aufgeht.

Was muten wir Menschen zu, die hier im guten Glauben ihre Kinder erziehen, die ihnen Deutsch beibringen, die deutschen Sitten und Gebräuche und Loyalität zum Land? Was für eine erlesene Bosheit, über ihrem Kopf die Drohung schweben zu lassen, man könnte sie jeden Tag wieder über die Grenze schaffen.

Auch die Geburt in Deutschland schützt ja nicht. Oder die Heirat. Der Pakistaner Faisal Jahangir, Katholik, Küchenkraft in einem Landgasthof in Meißen, seit 2019 mit einer Deutschen verheiratet, wurde im März in Abschiebehaft genommen. Den Asylantrag hatte die Behörde abgelehnt, da sie die Verfolgung als Christ für vorgeschoben hielt, eine weitere Duldung wollte man nicht aussprechen.

Um weiterhin mit seiner Ehefrau zusammenzuleben, bleibt Jahangir nur eine Möglichkeit: Er muss zurück nach Pakistan, um bei der deutschen Botschaft in Islamabad einen Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Kafka hätte an dem Fall seine Freude gehabt.

Schon die ökonomische Vernunft sollte uns sagen, dass dies ein System ist, das mehr Kosten als Nutzen stiftet. Wie soll man sich etwas aufbauen, wenn alles, was man sich aufgebaut hat, morgen zunichtegemacht sein kann, weil ein Beamter in einem Ausländeramt findet, man habe in diesem Land nicht länger etwas verloren? Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Ressourcen wir brachliegen lassen, welche Ideen und welche Erfindungsgabe, weil wir Hunderttausende Menschen zum Leben im Wartestand verurteilen.

Aufenthaltsrecht gegen Wohlverhalten, das wäre doch ein Deal. Wer nicht gewillt ist, sich an die Regeln zu halten, muss das Land verlassen, und zwar egal, wie es in seiner Heimat aussieht. Wer sich hingegen anstrengt, erhält eine Art Greencard. Theoretisch gibt es das bereits. Paragraf 25b im Aufenthaltsgesetz sieht vor, dass Menschen eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten können, wenn sie sich „nachhaltig in die Lebensverhältnisse der Bundesrepublik Deutschland integriert“ haben. Aber wie die Fälle aus Sachsen zeigen, ist der Paragraf eher als Gnadenakt angelegt.

Ich habe vor Jahren ein Gespräch mit dem niederländischen Soziologen Paul Scheffer geführt. Es seien oft die Schlausten und Agilsten, die sich in die Fremde aufmachen würden, nicht die Nichtskönner und Drückeberger, sagte er. Um aus Afghanistan oder Sambia nach Europa zu gelangen, braucht es Erfindungsgabe, Mut, Entschlusskraft – alles Eigenschaften, die eine saturierte Gesellschaft wie die unsere gut brauchen könnte.

Und was machen wir mit den Menschen, rief Scheffer in dem Gespräch und warf die Hände in die Höhe: Wir legen sie lahm, indem wir ihnen in der Regel eine normale Form der Beschäftigung untersagen und sie stattdessen zu einem Leben auf Sozialschecks verdammen.

Vielleicht sollten wir es einmal damit probieren: keine Sozialhilfe, keine staatlichen Subsidien, auch kein Geld für Anwälte oder Prozesskosten – dafür die Möglichkeit, sich sofort einen Job zu suchen und auf eigenen Beinen zu stehen. Klingt unbarmherzig? Ich bin fast sicher, die meisten Flüchtlinge, die bei uns leben, würden sofort einschlagen.

©Silke Werzinger

Die Schummelliese

Ein Ghostwriter, der keinen Strich am Text macht. Eine Autorin, die bis 23 Uhr in Terminen feststeckt. Die Version, die Annalena Baerbock zur Entstehung ihres Buches präsentiert, ist erkennbar Kokolores.

Ich habe am Wochenende etwas ganz Verrücktes getan. Ich habe das Buch von Annalena Baerbock gelesen. Es heißt „Jetzt“ und beschreibt dem Klappentext zufolge, was die Parteichefin der Grünen „persönlich als Politikerin antreibt, wie sie regieren will und wie wir gemeinsam die Erneuerung schaffen“.

Alle Welt sagt, dass die Grünen der nächsten Regierung angehören werden. Da will man als Journalist vorbereitet sein. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob ich gemeinsam mit Frau Baerbock die Erneuerung schaffen will, die sie mir in Aussicht stellt. Aber im Zweifel werde ich ja ohnehin nicht gefragt.

Was habe ich von der Lektüre behalten? Führung gelingt nur im Team. Demokratische Macht wird auf Zeit verliehen. Wir tragen Verantwortung für das Ganze. Um unsere Ziele zu erreichen, müssen Alt und Jung zusammenarbeiten. Ach so, und ganz wichtig: Neben dem Klima immer an die Kinder denken, denn die Kinder sind unsere Zukunft!

Vom Vernünftigen zur Plattitüde ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Das Interessanteste an dem Buch ist seine Entstehungsgeschichte. In der Verlagsankündigung steht, Annalena Baerbock habe es selbst geschrieben. So findet es sich auch in der Autorenangabe bei Amazon.

Hut ab, dachte ich. Viele Leute glauben, so ein Buch schreibe sich quasi nebenbei. Weit gefehlt. Wenn Sie nicht ein Sabbatical eingereicht haben, geht jeder Abend am Schreibtisch drauf, jedes Wochenende und jeder Urlaub. Ich spreche aus Erfahrung.

Annalena Baerbock kommt um 23 Uhr nach Hause, wie man in „Jetzt“ erfährt. Eine endlose Folge von Besprechungen und Terminen, abends eine Podiumsdiskussion – so schildert sie ihren Tag. Und danach noch an den Schreibtisch? Meinen allergrößten Respekt. Das schafft nicht mal Angela Merkel, und die löst bekanntlich vor dem Frühstück drei Weltkrisen.

Ganz so auf sich allein gestellt war die Autorin dann zum Glück doch nicht, wie man im Kleingedruckten erfährt. „In Zusammenarbeit mit Michael Ebmeyer“, steht etwas verschämt auf Seite vier des Buchs, gleich unter dem Versprechen des Verlags, dass man sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühle. Das hat verständlicherweise meine Neugier geweckt. Da bei der grünen Kanzlerkandidatin zuletzt immer wieder Fragen zu ihrem Lebenslauf auftauchten, habe ich mich gefragt, was mit „Zusammenarbeit“ gemeint sein könnte.

Zum Schreibprozess gibt es unterschiedliche Angaben. Der Wikipedia-Eintrag von Ebmeyer führt ihn als „Co-Autor“ auf. Im „Tagesspiegel“ wiederum heißt es mit Verweis auf den Ullstein-Verlag, Baerbock habe das Buch allein geschrieben. Frau Baerbock selbst hat die Zusammenarbeit zwischenzeitlich so erklärt: Im Dezember und Januar habe sie mit Ebmeyer lange Gespräche geführt. Auf Grundlage der wörtlichen Transkripte habe sie dann das Buch verfasst.

Das ist so ziemlich die verrückteste Autoren-Konstruktion, von der ich je gehört habe. Ein Ghostwriter, den man dafür bezahlt, dass er einem das Mikrofon hinhält, ohne anschließend einen Strich am Text zu tun? Dafür braucht es eigentlich keinen hoch bezahlten Spezialisten, der schon Klienten wie Außenminister Heiko Maas betreut hat. Das schafft, mit Verlaub, auch eine Mitarbeiterin in der grünen Parteizentrale.

Hätte Annalena Baerbock den Ghostwriter bloß seinen Job machen lassen, muss man im Nachhinein sagen. Sie hätte sich nicht nur endlose Stunden am Schreibtisch erspart. Sie hätte jetzt auch jemanden, den sie bitten könnte, doch einmal zu erklären, warum ganze Passagen des Buches nahezu wörtlich aus anderen Quellen abgekupfert wurden.

Möglicherweise wäre es zu der Abschreiberei mit Ebmeyer an ihrer Seite gar nicht gekommen. Der Vorteil eines Ghostwriters ist ja, dass er über die Zeit und die Erfahrung verfügt, die ein Spitzenpolitiker nicht hat.

Warum versucht sich jemand größer und weltläufiger zu machen, als er ist? Weil er das, was er bislang geleistet hat, als ungenügend empfindet, wäre die naheliegende Antwort.

Annalena Baerbock ist das Produkt eines Milieus, das auf geradezu rührende Weise selbstbezogen und selbstgenügsam ist. Seit der frühesten Kindheit spielt sich ihr Leben in der grünen Welt ab: aufgewachsen auf einem Bauernhof in der Nähe von Hannover, als Kind zusammen mit den Eltern in der Menschenkette gegen Wettrüsten und Atomkraft, mit 24 Jahren dann Mitglied bei den Grünen.

Auch ihr Berufsaufstieg hat sich nahezu ausschließlich in der grünen Welt vollzogen. Soweit ich das sehe, hat es noch nie einen Kanzlerkandidaten gegeben, der so wenig Berührung mit der Außenwelt hatte wie Annalena Baerbock. Alles, was sie ist, verdankt sie der grünen Partei.

Ich meine das nicht als Vorwurf. Viele Politiker gelangen nach oben, weil sie besser als andere den Apparat kennen beziehungsweise wissen, wie man sich in den Gremien, auf die es ankommt, Freunde macht. Die Probleme setzen oft dann ein, wenn der Parteipolitiker auf ein Publikum trifft, dem die Versiertheit im Gremienkampf nicht so imponiert wie dem Profi.

Der Wähler hat naturgemäß andere Fragen als das Parteimitglied. Der Wähler fragt sich: Wende zum klimagerechten Wohlstand, meinetwegen, aber vorher hätte ich gerne gewusst, ob ich zu den Gewinnern oder zu den Verlierern gehöre. Ob jemand seinen Lebenslauf etwas aufgemotzt hat, ist für viele zweitrangig, das ist die tröstliche Nachricht. Nur weil die Plagiatsjäger bei jedem geklauten Satz kopfstehen, folgt daraus nicht notwendigerweise, dass auch die Wähler das so verdammenswert finden. Was die Leute allerdings nach meiner Beobachtung definitiv nicht mögen, ist, wenn jemand versucht, ihnen ein X für ein U vorzumachen.

Dass ihr Lebenslauf etwas dünne geraten ist, den Eindruck hatte offenbar auch Annalena Baerbock. Wie soll man sonst das Bemühen erklären, die Ausbildungsstationen ein wenig aufzuhübschen, indem man Mitgliedschaften bei Organisationen erfindet, bei denen man gar nicht Mitglied werden kann, oder eine juristische Ausbildung vorgaukelt, die es nie gegeben hat?

Warum ausgerechnet auch noch ein Buch sein muss, wenn man ohnehin kaum weiß, wo einem vor lauter Terminen der Kopf steht: Das lässt sich nur aus der Konkurrenz mit Robert Habeck erklären. Bei Habeck käme allerdings niemand auf die Idee, er hätte seine Bücher nicht selbst geschrieben. Manche Dinge kann man sich nicht kaufen, die kann man sich nur erarbeiten. An dieser Erkenntnis führt kein Klappentext und kein Bestsellerrang vorbei.

Ich würde mich auf Übermüdung herausreden.Wer nach einem 16-Stunden-Tag noch die Nachtlampe anschaltet, um den Menschen draußen im Lande einen Weg zur Erneuerung aufzuzeigen, hat ein wenig Nachsicht verdient. Es ist doch kein Wunder, wenn um ein Uhr morgens Fehler passieren. Der Mensch ist schließlich kein Roboter. Ich glaube, das steht auch irgendwo in „Jetzt“.

Michael Ebmeyer, der Mann, der angeblich nur das Mikrofon hielt, ist übrigens wieder zum Schreibhelfer aufgerückt. Als „Co-Autor“ bezeichnete ihn der Grünen-Berichterstatter des „Spiegel“, Jonas Schaible, in einem Text darüber, wie sich die Grünen gegen die Plagiatsvorwürfe wehren. Als „Mitautor“ firmierte er am Mittwoch in einem Kommentar der „Süddeutschen“.

So kann es manchmal in der Verlagsbranche gehen: eben noch ein kleines Licht, das es nicht mal aufs Cover schafft – dann unversehens der Mann, der irgendwie mitverantwortlich ist für jedes Wort und jeden Fehler.

©MICHAEL SZYSZKA

Spinnt Spahn?

Der Kolumnist hat nie zu denen gehört, die den Gesundheitsminister für jeden Fehler in der Krise verantwortlich machten. Aber jetzt reicht es ihm. Solange Jens Spahn dabei ist, wird er im September alles wählen, aber nicht die Union

Führt die Regierung einen heimlichen Feldzug gegen Kinder? Haben die Kinder irgendetwas getan, wofür man sich in Berlin meint rächen zu müssen? Das frage ich mich inzwischen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn war am Wochenende bei der Evangelischen Akademie Tutzing zu Gast. Das Thema lautete „Nach Corona?“. Erst sprach Wolfgang Thierse, früher Bundestagspräsident und heute Leiter des Politischen Clubs der Akademie, ein paar Einleitungssätze. Danach war Spahn an der Reihe.

Der Minister zog zunächst eine positive Bilanz. Nie sei das Gesundheitssystem so überlastet gewesen, dass man Patienten hätte abweisen müssen. Die Wissenschaft habe eine wichtige Rolle gespielt. Auch der Zusammenhalt der Gesellschaft sei etwas, worauf man stolz sein könne.

Dann kam er auf die Delta-Variante zu sprechen. Schulen seien Drehscheiben des Virus in die Haushalte hinein, sagte Spahn. Da man unter 12-Jährige nicht impfen könne, werde man nach den Sommerferien wieder Schutzmaßnahmen brauchen: Masken, Abstand, Wechselunterricht.

Als ich das erste Mal von dem Auftritt hörte, dachte ich, das sei ein Scherz. Rückkehr zum Wechselunterricht? Weiß der Minister, wovon er redet? Kennt er die Wirklichkeit in den Schulen?

Meine Schwiegermutter war bis vor Kurzem Lehrerin an einer Grundschule in Bayern. Ihre beste Freundin hat noch zwei Jahre bis zur Pensionierung. Sie hat ihre Schüler jetzt zum ersten Mal seit einem Jahr in der Klasse ohne Maske gesehen. Es war für alle ein bewegender Moment. Einige Kinder wussten gar nicht, dass es Unterricht ohne Maske gibt.

Und das soll jetzt wieder alles von vorne beginnen?

Man muss in der Zeitung nur umblättern, um von der Ankündigung über die Wiedereinführung des Wechselunterrichts zu dem Bericht über die psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen zu gelangen. Die Zahl der psychisch auffälligen Kinder ist inzwischen so groß, dass nur wer akut in Not ist, einen Therapieplatz bekommt. „Akut in Not“ heißt: selbstmordgefährdet.

Auch Kinder, die nicht an Depressionen leiden, haben es schwer, in den Schulalltag zurückzufinden. Am Wochenende wurde eine Studie publik, wonach die Qualität des Distanzunterrichtes dem von Sommerferien entsprach. Jeder weiß, wie viel in den Sommerferien gelernt wird.

Es ist nicht so, dass die Regierung kein Verständnis für die Sorgen und Nöte der Menschen in der Pandemie hätte. Fußballfans liegen ihr sehr am Herzen. In München lagen sich 14000 Menschen nach dem Sieg über Portugal in den Armen. Das Stadion ist keine Drehscheibe des Virus, es ist ein Drehkreuz. Aber man will ja kein Spielverderber sein. Außerdem gibt es Wichtigeres zu diskutieren als den Infektionsschutz, die Frage der angemessenen Stadionbeleuchtung zum Beispiel.

Man kann sogar nach London reisen, um dort der Siegermannschaft zuzujubeln. England steht wegen der Delta-Mutante auf der Skala der Risikogebiete als Virusvariantengebiet auf der höchsten Stufe. Die Bundesregierung rät von Reisen nach London ab. Aber es ist auch nicht so, dass man den Reiseverkehr unterbinden würde oder die Schlachtenbummler anschließend in Quarantäne nähme. Mit der UEFA will es sich niemand verscherzen. Deshalb fragt man auch vorsichtshalber um Genehmigung, bevor man das Stadion in den Farben des Regenbogens erstrahlen lässt.

Politik diene den Menschen, heißt es gern. Vor allem dient sie den Gruppen, die sich besonders lautstark in Erinnerung bringen. Ganz oben in der Gunst stehen Friseure, wie man jetzt weiß. Auch die Besitzer von Baumärkten haben mächtige Fürsprecher. Ziemlich weit hinten finden sich Künstler, Autoren, Freischaffende. Ganz unten rangieren Familien.

Am Ende ist Politik ein Rechenspiel. Es gibt 22 Millionen Rentner, das ist der mit Abstand wichtigste Wählerblock. Wer die Rentner auf seiner Seite hat, der sitzt praktisch schon im Kanzleramt. Wenn ich als Politiker vor der Wahl stünde, was ich als Erstes öffne, Kreuzfahrtschiffe oder Klassenräume, ich wüsste auch, wofür ich mich entscheiden würde.

Ich habe nie zu denen gehört, die alles, was schiefläuft, an Spahn aufhängen. Als man ihm aus den Maskendeals einen Strick drehen wollte, war ich im Lager derjenigen, die Verständnis für die Eile beim Einkauf hatten. Ich fand auch den Vorwurf überzogen, er habe an Obdachlose minderwertige Masken abgeben lassen, weil die nicht ausreichend darauf getestet wurden, ob sie bei 70 Grad noch einwandfrei funktionieren.

Selbst als herauskam, dass sein Ministerium Millionen mit Schnelltests in den Sand gesetzt hat, da man bei der Erstattung der Kosten die einfachsten Plausibilitätchecks unterließ, dachte ich: Okay, nicht schön, aber für jeden ist das die erste Pandemie, auch für die Beamten im Gesundheitsministerium. Inzwischen denke ich, dass Spahn als Minister einfach heillos überfordert ist.

Was soll das heißen: die Schulen seien Drehscheibe des Virus in die Haushalte hinein? Wollen wir erst dann über eine Rückkehr zur Normalität reden, wenn sich niemand mehr ansteckt? Was wäre der richtige Zeitpunkt? Wenn sich die sogenannte Herdenimmunität einstellt? Ob die je erreicht werden kann, daran haben die Virologen große Zweifel.

Am Montag hat Spahn seine Ankündigung relativiert. Er findet jetzt auch, dass es wichtig sei, die Schulen offen zu halten. Ich glaube, er sagt das nur, weil er weiteren Ärger vermeiden will. Die Zahl der Infektionen hat sich über das Wochenende ja nicht geändert. Auch die Voraussagen über die Verbreitung der indischen Mutante sind die gleichen geblieben.

Was mich rasend macht, ist die Mischung aus Fatalismus und Nonchalance. Wann habe ich das erste Mal einen Artikel über die segensreiche Wirkung von Luftfiltern gelesen? Im Sommer 2020? 3500 Euro kostet ein Gerät, das alle Schadstoffe so verlässlich aus der Luft filtert, dass 99 Prozent der Viren hängen bleiben. Selbst das „Cafe Luitpold“ am Münchner Odeonsplatz hat sich so einen Kasten angeschafft, damit die Kundschaft unbehelligt von Aerosolen den Kuchen genießen kann. Aber für unsere Kinder ist uns die Anschaffung zu kostspielig?

Vor ein paar Monaten stand in der Zeitung die Geschichte eines Unternehmers, der die Untätigkeit nicht mehr ertrug und deshalb der Schule seines Sohnes ein Dutzend Geräte schenkte. Kaum waren die Filteranlagen geliefert, trat die Schulverwaltung auf den Plan und verbot die Aufstellung. Man könne nicht ausschließen, dass die Stromleitungen überlastet würden. Vor dem Kampf gegen das Virus steht in Deutschland immer noch die Brandschutzverordnung.

Man kann sagen: Gut, Spahn, der ist Gesundheitsminister, was hat der schon bei den Schulen zu entscheiden? Auch mein Zutrauen in die Kultusminister geht gegen null. Alle behaupten, das Schicksal der Schulkinder sei ihnen wichtig, man wolle die Schulen auf keinen Fall wieder schließen. Aber ich glaube, genau so wird es kommen. So wie ich die Kultusminister kenne, werden sie sich jetzt in die Sommerferien verabschieden, um mit Beginn des neuen Schuljahres dann erstaunt festzustellen, dass die Infektionszahlen im Herbst ja wieder steigen.

Meine Frau hat eigentlich immer die Union gewählt. „Solange Spahn dabei ist, wähle ich sie nicht mehr“, erklärte sie am Wochenende. Ich habe ihr beigepflichtet. Es ist ungerecht, den angesammelten Ärger an einer Person festzumachen, aber das ist nun einmal das Privileg des Wählers. Auf die Stimmen der Familie Fleischhauer wird die Union im September verzichten müssen.

©Sören Kunz

Knüpft sie auf am falschen Wort!

Unter Autoren und Intellektuellen macht sich eine neue Form der Legasthenie breit. Die Fähigkeit, Sätze im Kontext zu lesen, ist stark vermindert. Alles wird nach Möglichkeit so verstanden, dass es als Waffe verwendet werden kann

Vor ein paar Jahren habe ich einmal Jürgen Trittin verteidigt. Die Bundestagswahl 2013 stand an, damals war Trittin der Spitzenkandidat der Grünen. Irgendjemand hatte einen Text ausgegraben, den er als Student unterschrieben hatte und in dem die Straffreiheit von Sex mit Minderjährigen gefordert wurde. Kinderschänder Trittin, hieß es darauf: So einen kann man doch nicht wählen!

Ich bin sofort dabei, wenn es gegen die Grünen geht. Die Mischung aus Sonntagspredigt, Moralekstase und Magenbitter verursacht mir regelmäßig Unwohlsein, insofern betrachte ich meine Kolumne als Therapeutikum aus Notwehr. Aber einen Politiker an einem 32 Jahre alten Zitat aufknüpfen zu wollen, das noch nicht einmal von ihm selbst stammt, sondern das er nur presserechtlich verantwortet hat, weil jemand im Impressum stehen musste?

Man fragt sich, ob ein Politiker des Jahres 2045 mit einem Tweet des Jahres 2013 zu Fall gebracht werden wird, schrieb ich. Was kommt als Nächstes?

Heute wissen wir, was als Nächstes kommt. Vor drei Monaten musste die Chefredakteurin der „Teen Vogue“, Alexi McCammond, ihren Posten räumen. Eben noch schien sie die ideale Besetzung: eine afroamerikanische Frau an der Spitze einer Modezeitschrift. Dann wurde ihr ein Eintrag auf Twitter zum Verhängnis, in dem sie als 17-Jährige nach einer Partynacht geschrieben hatte, sie sei am Morgen mit asiatisch geschwollenen Augen aufgewacht.

Asiatische Augen? Wie rassistisch! Hinfort mit ihr! Dass sich die arme Frau tausendmal entschuldigt hatte für die Unbedachtheit, mit der sich eine 17-jährige Version ihres heutigen Ich geäußert hatte? Dass sie den Tweet längst gelöscht hatte? Half alles nichts. Die neue Tugendwelt kennt kein Vergessen und keine Gnade. Irgendwo existiert immer ein Screenshot.

Vergangene Woche hat es Carolin Emcke erwischt. Falls Ihnen der Name nicht auf Anhieb etwas sagt: Frau Emcke ist Autorin mehrerer Bücher, in denen dargelegt wird, warum die Linken nicht nur die besseren Argumente auf ihrer Seite hätten, sondern auch die lauteren Motive. Dafür ist sie mit Preisen überhäuft worden, unter anderem dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Brücken-Preis der Stadt Regensburg, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, um nur ein paar zu nennen.

Am Wochenende war sie auf dem Parteitag der Grünen als Gastrednerin eingeladen. Ihr Thema war die Relativierung der Wahrheit, was sie zu der Feststellung veranlasste, dass nach Juden, Feministen und Virologen nun vermutlich die Klimaforscher ins Fadenkreuz der Wahrheitsverdreher gerieten. Als Parteitagsrednerin sah sich Frau Emcke in der Pflicht, etwas zur grünen Sache beizutragen. In dem Fall dachte sie wohl, ein zusätzlicher Moral-Boost könne nicht schaden. Die grüne Parteispitze schaute dann auch ganz ergriffen.

Ich bin kein Fan von Carolin Emcke, wie Sie sich denken können, so wie ich kein Fan von Jürgen Trittin war. Wo ständig der Nahtod der Demokratie besungen wird, nimmt einer wie ich Reißaus. Ich mochte Grunge schon als Musik nicht. Als ich die etwas merkwürdige Aufzählung sah, wer angeblich alles mit Verfolgung durch rechte Wahrheitsfeinde rechnen muss, dachte ich: Geht’s nicht ’ne Nummer kleiner? Die Klimaforscher als die neuen Juden?

Soweit ich das beurteilen kann, haben nicht diejenigen einen schweren Stand, die dem Kampf gegen den Klimawandel das Wort reden, sondern diejenigen, die im Verdacht stehen, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber ist das Ganze deshalb ein Skandal, der es wert ist, dass sich sogar der CDU-Generalsekretär einschaltet? Ist man gleich Antisemit, weil man einen etwas törichten Vergleich benutzt? Da habe ich dann doch meine Zweifel.

Wir haben es mit einer neuen Form der Legasthenie zu tun. Die Fähigkeit, Sätze im Kontext zu lesen, ist dabei stark vermindert. Jeder Satz wird so verstanden, dass er maximal gegen denjenigen spricht, der ihn äußert. Kein Wohlwollen mehr, kein Vertrauensvorschuss, kein Interpretationsraum – stattdessen nur die dunkelste und nachteiligste Lesart.

Das Kuriose ist, das diese neue Legasthenie vor allem unter Künstlern und Intellektuellen verbreitet zu sein scheint. Man sollte meinen, dass Leute, die sich der intellektuellen Welt zurechnen, besonders gut lesen und schreiben können, ja, dass sie sogar in der Lage sind, zwischen den Zeilen zu lesen. Aber das genaue Gegenteil scheint der Fall zu sein. Wo der normale Mensch sagt: „Ach, das hat er/sie sicher nicht so gemeint“, heißt es beim politischen Legastheniker: „Kein Zweifel, er ist Faschist/Rassist/Sexist, anders kann man den Satz gar nicht verstehen.“

Manche weigern sich sogar, den Text zur Kenntnis zu nehmen, über den sie urteilen. Ihnen reicht die Überschrift. Neulich las ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ in einem Artikel über die Literatursendung „Das Literarische Quartett“, ich hätte vor meinem Ausscheiden beim „Spiegel“ in meiner Kolumne die Überschrift „Nazis rein“ platziert. Der Autor, der Feuilleton-Redakteur Tobias Rüther, führte das als Beleg dafür auf, wie runtergekommen „Das Literarische Quartett“ sei. Jemand, der Überschriften wie „Nazis rein“ in den „Spiegel“ schmuggelt, als Gast einer Literatursendung: unerträglich!

In der angesprochenen Kolumne ging es darum, wie man es schaffen könnte, Rechtsradikale zu redemokratisieren. Ich dachte, das sei doch, was wir wollen. Aber so weit war Herr Rüther bei der Lektüre offenbar nicht gekommen. Es interessierte ihn auch nicht, dass es in Blättern wie dem „Spiegel“ oder dem FOCUS keine Überschrift gibt, die nicht vorher die Ressortleitung passiert hat, dann die Dokumentation und anschließend, nicht ganz unwichtig, die Chefredaktion. Wenn man also jemanden hätte in den Senkel stellen wollen, weil er „Nazis rein“ fordert, dann meinen damaligen Chefredakteur, aber das hätte ja nicht in die Geschichte gepasst.

Wann hat es angefangen, dass man andere bewusst missversteht, um im Meinungskampf die Oberhand zu gewinnen? Ich kann es nicht beweisen, aber mein Eindruck ist, dass es die Linke war, die dies als Kampfmittel einführte. Konservative oder Rechte sind naturgemäß weniger empfindlich, was die Verletzung von Sprachcodes angeht. Die korrekte Ausdrucksweise war nie ihr Steckenpferd. Aber das heißt nicht, dass man rechts der Mitte nicht in der Lage wäre zu adaptieren.

Was mich immer schon verblüfft hat, ist, dass vielen Matadoren offenbar die Fantasie fehlt, dass es sie selbst erwischen könnte, wenn sie anfangen, aus jedem unbedachten Wort einen Strick zu drehen. Es gibt kein Patentrecht auf politische Methoden. Nicht nur Greenpeace-Aktivisten können sich anketten, auch Identitäre beherrschen diese Protestform, wie man neulich bei der „taz“ feststellen musste. Heute ist es die Verwendung des Wortes „Globalist“, die angeblich eine verwerfliche Gesinnung beweist, morgen eben die falsche Opferreihung.

Einer der Kombattanten, die verlässlich auf der Zinne sind, wenn es gegen Rassismus, Sexismus oder ein anderes politisches Übel geht, ist der Journalist Malcolm Ohanwe. Neulich unterlief Ohanwe ein Missgeschick. Er postete das Bild eines dicken schwarzen Mannes, der von vier weißen Männern auf einer Sänfte getragen wird. „Mein feuchter Traum“, schrieb er dazu. Dummerweise hatte er übersehen, dass es sich bei dem dicken Mann um Idi Amin handelte, einem Hitler-Verehrer und Blutsäufer allerersten Ranges. Entsprechend unnachsichtig fielen die Reaktionen aus. Zwei Tage war Ohanwe damit beschäftigt, die Scherben seines missglückten Tweets wieder einzusammeln.

„Manchmal geht ein Witz daneben. Oder man postet etwas, was witzig gemeint war und dann doch nicht so witzig ist“, schrieb ich als Kommentar. „Wenn wir alle etwas gelassener wären, dann wäre auch schon was gewonnen.“

Er hat sich dafür bei mir bedankt. Wenn alle hinter einem her sind, ist man froh über jeden, der nicht nachtritt. „Sollte ich mal in Schwierigkeiten stecken, legen Sie ein gutes Wort für mich ein“, antwortete ich. Mal sehen, ob er sich daran erinnert.

©Silke Werzinger

Die Verachtung des Wählers

Auch die Wähler der Linken sind nicht blöd. Tatsächlich sind sie weniger blöd, als viele Politiker annehmen. Auf den linken Führungsetagen fragt man sich händeringend, warum der Erfolg ausbleibt. Vielleicht liegt hier die Erklärung

Zu den bewundernswerten Eigenschaften des Kapitalismus gehört die Fähigkeit, alles zu seinem Vorzug zu nutzen, jetzt eben den Kampf gegen den Rassismus. Mein Freund Jakob Augstein vertritt die These, dass dem Kapitalismus im Grunde gar nichts Besseres passieren könne als die Fixierung auf Minderheiten.

Wäre ich Konzernboss, würde er sagen, dann ist der Deal doch ganz einfach: Stellen wir halt in der Führungsetage ein paar Leute ein, die fremd klingende Namen haben, und reden von „Audianer_innen“ statt von Beschäftigten. Solange sich an den Produktionsbedingungen oder den sozialen Verhältnissen nichts wirklich ändert: alles im Lot.

Im neuen Buch von Sahra Wagenknecht findet sich eine Geschichte, die Augsteins These sehr schön illustriert. Als der Lebensmittelhersteller Knorr im vergangenen Sommer ankündigte, seinen Saucenklassiker von „Zigeunersauce“ in „Paprikasauce Ungarische Art“ umzubenennen, war die Erleichterung groß. Endlich ein Sieg über den Rassismus! Großes Lob für die Einsichtsfähigkeit des Unternehmens!

Dass die zum Konsumgüterkonzern Unilever gehörende Firma den Mitarbeitern im Stammwerk Heilbronn zeitgleich einen neuen Tarifvertrag aufgezwungen hatte, mit deutlich schlechteren Bedingungen, fand hingegen kaum Beachtung. Keine Schlagzeile dazu, keine Erwähnung auf den Hauptnachrichtenseiten. Die Einzigen, die schäumten, waren die Betriebsräte, aber die gelten ja ohnehin als Leute von gestern.

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt herrscht auf der linken Seite des politischen Spektrums Rätselraten, wie man so tief fallen konnte. „Das Wahlergebnis ist für die SPD wirklich furchtbar, obwohl wir wissen, dass wir genau auf die richtigen Themen gesetzt haben“, erklärte die SPD-Spitzenkandidatin Katja Pähle, ein Satz, der das händeringende Unverständnis perfekt zusammenfasst. Eine der beiden Vorsitzenden der Linkspartei ließ sich zu der Einschätzung hinreißen, die Partei habe keine Fehler gemacht, die „gesellschaftliche Verfasstheit“ in Sachsen-Anhalt sei eben falsch.

Das Problem der Linken ist, dass sie Wählerstimmen mit Likes verwechseln. Wenn ein Thema auf Twitter oder Instagram besonders trendet, denken sie in der Parteizentrale, dass es auch im Wahlkampf zünden wird. Oder wie ein kluger Kopf neulich schrieb: „Die ganze Wahlkampfstrategie der SPD ist aus der Erfahrung entstanden, dass zustimmende Tweets und Postings zu Gender, Feminismus und Identitätspolitik gut geklickt werden.“

Auch die Wähler der Linken sind nicht blöd. Tatsächlich sind sie weniger blöd, als viele Politiker annehmen, dass sie es seien. Die Verkäuferin bei dm kann sehr wohl beurteilen, ob sich ihr Leben verbessert, wenn Olaf Scholz nach seiner Zeit als Bürgermeister und Bundesfinanzminister den Rollenwechsel zum „intersektionellen Feministen“ anstrebt. Im Zweifel sagt sie: Bleibt mir weg mit eurem komischen Feminismus. Mich interessiert, wann die Schulen wieder öffnen, damit die Blagen aus dem Haus sind, und weshalb meine Stromrechnung ständig steigt.

Die Verfechter der intersektionellen Theorie sagen, dass man das eine tun könne und das andere deshalb nicht lassen müsse. Das ist theoretisch richtig, aber so läuft es in der Praxis nicht. Eine politische Bewegung muss Schwerpunkte setzen. Für jedes Thema, das in den Vordergrund rückt, rutscht ein anderes aus dem Blickfeld.

Als ich groß wurde, war der hart arbeitende Mensch, der sich durch Fortbildung aus dem Sumpf seiner Unmündigkeit zieht, das Leitbild der Sozialdemokratie. Die romantische Idee, die man in Willy-wählen-Haushalten wie dem meinen von den sogenannten einfachen Menschen hatte, war zugegebenermaßen etwas kitschig.

Über das Leben am unteren Ende der Gesellschaft hatte man in den aufgeklärten Milieus schon damals eher vage Vorstellungen. Aber niemals wäre es meiner Mutter in den Sinn gekommen, sich über ungebildete Menschen lustig zu machen oder sie zu verhöhnen, weil sie nicht ihren bildungsbürgerlichen Ansprüchen genügten. Also damals: working class hero statt white trash.

Wenn heute von der Unterschicht die Rede ist, dann allenfalls am Rande. Schon das Wort, mit dem man die Abwertung aufgrund der Klassenzugehörigkeit dem Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus beiordnet, ist seltsam sperrig. Man spricht jetzt von „Klassismus“. Für mich klingt das eher nach einer Krankheit als nach einer politischen Diagnose.

Man kann die Entfernung von der Basis interessanterweise auch im Journalismus beobachten. So, wie sich viele Politiker zu fein für ihre Wähler sind, so schreiben viele Journalisten über die Köpfe ihrer Leser hinweg.

Ich wollte immer möglichst viele Menschen erreichen. Wenn man mir die Wahl zwischen einer Kapelle und einer Großkirche lässt, entscheide ich mich automatisch für die große Bühne. Ich dachte am Anfang meiner journalistischen Laufbahn, alle würden so denken. Aber da habe ich mich geirrt. Den meisten meiner Kollegen ist der Applaus ihrer Umgebung wichtiger als der publikumswirksame Auftritt.

Der Leser spielt, anders als man vermuten sollte, auf Redaktionskonferenzen oft nur eine untergeordnete Rolle. Die erste Frage, die sich viele Journalisten stellen, lautet: Was werden die Kollegen über meinen Text denken? Der mit der SPD-Berichterstattung betraute Redakteur hat vor allem die anderen mit der SPD-Berichterstattung betrauten Redakteure im Blick, der für die Grünen zuständige Redakteur den Kreis der Grünen-Kenner.

Da den Experten andere Dinge interessieren als den Laien, verschiebt sich der Fokus der Berichterstattung: vom Allgemeinen aufs Spezielle und vom Außergewöhnlichen aufs Detail, mit dem man unter seinesgleichen glänzen kann. Im Prinzip gilt das für alle Themengebiete, bei denen sich ein Spezialistentum herausbildet: Die Feministin richtet sich mit ihren Texten vornehmlich an andere Feministinnen, die Klimawandelwarner*in an die anderen Klimawandelwarner*innen, der Nazijäger an die Gemeinde der Nazijäger.

Dummerweise ist der Kreis der Spezialisten deutlich kleiner als die Zahl der eher durchschnittlich interessierten Menschen. Der Effekt ist unmittelbar an der Auflage ablesbar. Im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dem es egal sein kann, was die Leute vom Programm halten, muss sich eine Zeitung oder ein Magazin an der Kasse bewähren. Wer an seinen Lesern vorbeischreibt oder ihnen das Gefühl gibt, dass er sich für klüger hält als sie, hat da auf Dauer einen schweren Stand.

Die spannende Frage ist: Warum fällt es vielen politisch bewegten Menschen so schwer, den eingeschlagenen Weg zu verlassen? Die Logik sollte einem sagen, dass man gut beraten ist, sich für die Leute zu interessieren, von deren Zustimmung man abhängt. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Statt von seinen fixen Ideen zu lassen, werden die Anstrengungen verdoppelt. Also hebt man noch mehr Aufrufe gegen Klimawandel und Rassismus ins Programm. Im Zweifel handelt man nach dem Motto: lieber weniger Leser oder Wähler, dafür aber die richtigen.

Wollen Sie noch einen Witz hören? Joe Kaeser, der ehemalige Siemens-Chef, unterstützt jetzt Annalena Baerbock. Er finde, sie gebe eine prima Kanzlerin ab, hat er erklärt.

Mich erinnert das an den Atheisten, der auf seine alten Tage zum Glauben findet. Klar kann man sagen: besser spät als nie. Ich finde es halt nur so furchtbar opportunistisch. Acht Jahre an der Spitze eines der größten Dax-Konzerne stehen, in dieser Zeit Millionen machen, und das nicht nur ökologisch bewusst, um dann, wenn einen der Ruhestand zwickt, den grünen Denker zu geben, damit man auf den Podien neben den Leuten sitzt, die einen eben noch angefeindet haben?

Aber so ist halt der Kapitalist. Wenn man ihm die Gelegenheit gibt, quasi kostenlos auf die richtige Seite zu rutschen, nimmt er sie dankbar wahr. Vielleicht sollten die Grünen Eintrittsgeld für ehemalige Dax- Chefs nehmen. Wer zum grünen Klub dazugehören will, muss sich von der Hälfte seines Vermögens trennen.

Es gibt im Englischen eine schöne Redewendung: Put your money where your mouth is, lautet sie. Ich glaube, ich kann mir eine Übersetzung ersparen.

©Michael Szyszka

Die verlorene Generation

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Aber die Folgen der Corona-Politik für Kinder und Jugendliche sind bis heute kein großes Thema. Dabei ist das Bild, das Entwicklungspsychologen zeichnen, düster

In Berlin wurde bis Montag gestritten, wann die Schulen öffnen dürfen. Die Inzidenz in der Hauptstadt liegt bei 35. Die Baumärkte sind offen, auch Cafés und Biergärten kehren zum Normalbetrieb zurück. Wer einen Kabelbinder oder eine Berliner Weiße braucht, kann sich wieder auf eine geregelte Versorgung verlassen. Nur beim Zugang zu Wissen und Bildung war man sich im Senat uneins, wann man die Restriktionen aufheben sollte. Noch vor den Sommerferien? Oder lieber erst danach?

Vor allem die Linkspartei, die in der Landesregierung mit drei Senatoren vertreten ist, stemmte sich gegen die Öffnung. Auch die Schulsenatorin war dagegen. Ein Regelschulbetrieb vor den Ferien sei organisatorisch nicht zu bewältigen. Die Vorkehrungen, die bei einer Öffnung nötig sind, wurden als „zu aufwendig“ empfunden, wie man lesen konnte.

Seit Montag ist klar: Die Schulen müssen aufmachen, dem Unwillen der Landesregierung zum Trotz. Zwei Grundschüler haben das vor dem Verwaltungsgericht erstritten. Schüler, die gegen die Stadt Unterricht einklagen? Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Wir sehen immer deutlicher, was wir den Schwächsten in dieser Gesellschaft in den vergangenen Monaten zugemutet haben. Wir sehen es in der Statistik der Patienten, die bei den Kinder- und Jugendpsychiatern vorstellig werden. Wir sehen es in den Studien der Experten, die damit beschäftigt sind, die seelische Gesundheit zu vermessen.

Es sind erschütternde Zahlen und Berichte. Depressionen, Ängste, Essstörungen – alles hat zugenommen, auch bei den Jüngsten. Und selbst wenn es nicht zu manifesten Störungen kommt, sind die Belastungen enorm.

In der „Berliner Zeitung“ schilderte eine alleinerziehende Mutter, wie sie schier verrückt wird vor Sorge, weil ihr an ADHS leidender Sohn auf der Strecke zu bleiben droht. Über Monate hatte er keinen Lehrer mehr gesehen. Ob ihm der Übergang in die gewünschte Schule nach der sechsten Klasse gelingt, ist ungewiss.

Wem das immer noch zu sehr nach Ausnahmefall klingt, der muss nur, wie ein Kollege der „Frankfurter Allgemeinen“, die Kinder befragen. Was habt ihr die letzten Monate gemacht? Fernsehen geschaut, lautet die Antwort.

Es heißt immer, die Kinder seien unsere Zukunft. Wenn das zutrifft, dann scheint uns die Zukunft nicht sehr zu interessieren. In der Krise tritt alles klarer hervor, dazu gehören auch die Prioritäten einer Gesellschaft. Nach einem Jahr Ausnahmezustand muss man sagen: Ausgerechnet auf die Jüngsten wurde am wenigsten Rücksicht genommen. Auch das ist ein Ergebnis der Corona-Maßnahmen, für die sich manche Politiker jetzt feiern lassen.

Je mehr man liest, desto mehr fragt man sich, warum das Schicksal der Kinder keine Rolle gespielt hat. Wie konnte es passieren, dass alle die Augen verschlossen? Sicher, es gab Stimmen, die sagten, vergesst die Kinder nicht. Die sich gegen Kita- und Schulschließung stemmten. Aber sie sind nicht wirklich durchgedrungen.

Bis heute sind die meisten Bundesländer nicht zum regulären Unterricht zurückgekehrt. „Wechselunterricht“ klingt so freundlich. In Wirklichkeit bedeutet es, dass man die Hälfte des Monats zu Hause bleibt, bevor man zu seinen Freunden und Klassenkameraden zurückgelassen wird. Im Strafvollzug würde man von Hofgang reden.

Ist es übertrieben, wenn man von einer verlorenen Generation spricht? Man macht sich keine Vorstellungen, was es für viele Kinder und Jugendliche bedeutet, ihrem sozialen Umfeld entrissen zu sein. Gerade Heranwachsende brauchen feste Strukturen, einen geordneten Tagesablauf, der ihnen Halt und Orientierung gibt. Kaum etwas ist schädlicher für die Entwicklung, als wenn die Zeit verschwimmt, weil ein Tag in den anderen übergeht.

Vieles wird nicht mehr aufzuholen sein. Es gibt Entwicklungsstufen, die man nicht einfach anhalten kann, um sie später erneut zu starten. Schule ist ja viel mehr als eine Einrichtung zur Wissensvermittlung. Es ist der Ort, wo sich Kinder beweisen und messen, wo sie lernen, Frustrationen auszuhalten, und soziales Verhalten einüben. In manchen Fällen ist es auch der einzige Fluchtraum, der sie vor einer alkoholumnebelten Mutter und einem prügelnden Vater trennt.

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Wie wichtig es sei, das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern, steht in jeder politischen Bewerbungsrede ganz oben, gleich nach dem Klimawandel. Eigenartigerweise waren die sozialen Folgen des Lockdowns kaum ein Thema, auch nicht bei den Leuten, die sonst keine Gelegenheit auslassen, vor der Spaltung der Gesellschaft zu warnen.

In den sozialen Netzwerken machte neulich ein Schaubild die Runde, das die Inzidenz im Kölner Villenviertel Hahnwald (null) dem in der Hochhaussiedlung Chorweiler gegenüberstellte (520). Den Verfechtern eines strengen Lockdowns galt das als Beweis, wie wichtig eine Fortsetzung der Freiheitsbeschränkungen sei. „In wessen Interesse ist es jetzt, über ‚Lockerungen‘ nachzudenken“, lautete ein höhnischer Kommentar.

Tatsächlich verhält es sich genau andersherum: Ein Bundesminister oder auch ein FOCUS-Kolumnist können auf ihren 140 Quadratmetern im Vorort problemlos jeden Lockdown durchstehen. Wenn das Gesetz einen nicht mehr auf die Straße lässt, tritt man eben in den Garten statt auf die Straße. Bei einer fünfköpfigen Familie im Hochhaus sieht die Sache schon ganz anders aus.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt auch für die Frage, welche Einschränkungen man akzeptabel findet und welche nicht. Lediglich zwei Mitglieder des Bundeskabinetts haben kleine Kinder im schulpflichtigen Alter. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Ich bin sicher, dass Angela Merkel das Schicksal der Kinder, die sie der Einsamkeit ihres Zimmers überantwortete, nicht gleichgültig ist. Aber es ist eine Sache, ob man liest, wie Familien zu kämpfen haben, und eine andere, ob man es aus eigener Anschauung kennt.

Selbstkontrolle, Konzentrationsfähigkeit, die Gabe, sich auch ohne Aufsicht sinnvoll zu beschäftigen, sind stark mit Bildungsstand und sozialem Hintergrund des Elternhauses gekoppelt. Wer als Politiker den ganzen Tag mit Leuten zu tun hat, die von Kindheit an gelernt haben, sich diszipliniert zu verhalten, ist versucht, diese Fähigkeit zu überschätzen.

Eine andere Erklärung für das seltsame Desinteresse an der Not der Kinder liegt im Vertrauen auf die segensreiche Wirkung des Staates, das gerade in der linken Bewegung stark ausgeprägt ist. Für einen Linken gibt es im Grunde kein Problem, das man nicht mit Geld und der ausreichenden Anzahl von Sozialarbeitern in den Griff bekommen kann. Wenn sich die Probleme wider Erwarten halten sollten, dann hat man halt nicht genügend Geld in die Hand genommen beziehungsweise Sozialarbeiter in Bewegung gesetzt.

So gesehen sind auch die sozialen Verwerfungen aufgrund des Lockdowns lediglich ein bedauerlicher Missstand, den man schon in der nächsten Legislaturperiode mit einem groß angelegten Umverteilungsprogramm korrigieren wird. Wenn eine Generation von Kindern ein Jahr vor dem Fernseher verbracht hat: eine unglückliche Entwicklung, sicher, aber nichts, was sich nicht mit der entsprechenden Für- und Nachsorge in den Griff bekommen ließe. Dass es Entwicklungsrückstände oder, ganz grundsätzlich, Herkunftsunterschiede geben könnte, die sich nicht beheben lassen, auch nicht mit dem besten Sozialprogramm, ist in dieser Welt nicht vorgesehen.

In Frankreich waren übrigens nur wenige Wochen die Schulen zu. Ab 19 Uhr durfte niemand vor die Tür. Tagsüber konnte man sich ohne triftigen Grund nicht weiter als zehn Kilometer von seiner Wohnung entfernen. Aber der Unterricht war selbst in der dritten Welle fast durchgängig gewährleistet. Jede Nation hat eben ihre eigenen Prioritäten.

Ein Jahr vor dem Fernseher ©Marie Wolf

Mensch, ist das witzig ;-)

Was passiert, wenn man als Komiker ins politische Fach wechselt, kann man bei Jan Böhmermann sehen. Der Showmaster als Sozialkundelehrer ist nie wirklich lustig. Da kann er sich noch so anstrengen

Mich verbindet mit Jan Böhmermann eine wechselvolle, nicht ganz spannungsfreie Geschichte. Das sollte ich vielleicht vorwegschicken. Ich habe ihn in einer Kolumne mal als Reinhard Mey des ZDF bezeichnet. Er hat mir darauf den Besuch einer Geburtstagsparty vorgehalten, wo auch einige Leute mit zweifelhafter Gesinnung zugegen waren, was mich wiederum zu der Vermutung veranlasste, dass die gefährlichste Person, die Böhmermann kennt, Katrin Göring-Eckardt ist.

Andererseits: Ich bin kein nachtragender Mensch. Als sich seine Redaktion bei mir meldete, um anlässlich des Starts seiner neuen Show nach einer Videobotschaft zu fragen, habe ich mich nicht lange bitten lassen. Wir Unterhaltungskünstler müssen doch schließlich zusammenhalten!

Seit November ist das nun sein Platz: Freitagabend nach der „Heute-Show“, 30 Minuten „ZDF Magazin Royale“, ein Feuerwerk der guten Laune zum Wochenausklang. Ich habe mir die ersten Sendungen angesehen. Meine Überraschung war groß. Was ist denn jetzt passiert, habe ich mich gefragt. Arbeitet Böhmermann neuerdings in der Bundeszentrale für politische Bildung?

In der Auftaktsendung ging es um Verschwörungstheoretiker und warum man die nicht ernst nehmen darf. Wer hätte das gedacht! Ich ging wie die meisten in Deutschland selbstverständlich davon aus, dass Angela Merkel die Pandemie erfunden hat, damit die Gates-Ärzte uns im Impfzentrum heimlich den Viren-Chip einpflanzen können. Gut, dass dies endlich als verrückte Idee enttarnt wurde.

In der zweiten Folge war die düstere Vergangenheit von Volkswagen Thema (Drittes Reich! Hitler! Der unselige Einfluss der Familie Piëch!). In der dritten: die unheimliche Macht der Glücksspielindustrie. Was kommt als Nächstes, dachte ich. Die deutsche Kolonialgeschichte? Das Netzwerk der Pharmalobby und weshalb wir der Deutschen Bank nicht trauen dürfen? Es kam noch besser: Es folgten Hartz IV und das schwere Los der Arbeitslosen sowie das vergiftete Erbe des Atommülls.

Humor und politischer Bildungsauftrag vertragen sich schlecht. Wenn der Sozialkundelehrer komisch sein will, geht das meist schief. Da kann er noch so gut gelaunt sein und noch so hippe Anzüge tragen: Komik funktioniert nicht mit dem Lehrbuch in der Hand. Der Witz ist seinem Wesen nach anarchisch, deshalb tun sich Pädagogen ja auch so schwer mit ihm. Wenn vor jedem Gag erst der Humor-TÜV anrücken muss, damit die Humorgranate auch garantiert in die richtige Richtung explodiert, ist es mit der Komik meist vorbei.

Mein Verdacht ist: Böhmermann will gar nicht mehr komisch sein. Er strebt ins ernste Fach. Jemand, der nah dran ist, sagte mir, er wolle jetzt etwas bewirken. Das würde auch erklären, warum er in letzter Zeit so angestrengt wirkt.

Die Ausgangslage ist für linke Agitprop nicht einfach. Früher gab es noch richtige Gegner: Franz Josef Strauß, der dicke Kohl, Schreiber und die Waffenlobby. Aber heute? Seit 16 Jahren wird das Land von einer Frau regiert, für die sogar die Grünen jeden Abend ein Nachtgebet sprechen.

Weil die Redaktion nicht über genug Material aus dem Tagesgeschehen verfügt, muss sie Feinde erfinden oder noch einmal die Themen durchnudeln, von denen man dachte, dass sie längst erledigt seien. Also wird mit großem Aplomb Volkswagen der Prozess gemacht oder die Regenbogenpresse vorgeführt, weil sie es bei der Berichterstattung über die europäischen Königshäuser mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nimmt. Shocking!

Wo alles zum Skandal wird, verschwimmen zwangsläufig die Proportionen. „AFDP“, twitterte der Großmeister des ZDF-Humors, als es sich die Freidemokraten einfallen ließen, eine Reform des öffentlichen Rundfunks zu fordern. Einmal nicht pünktlich die Fernsehgebühren gezahlt und schon ist man Nazi.

Ich gebe zu, ich sehe das manchmal ganz gerne. Es erinnert mich an meine Jugend. So, wie man als 50-Jähriger Uriah-Heep- oder Slade-Konzerte besucht, um noch einmal die Aufregung der Teenagerzeit zu durchleben, so schaue ich Böhmermann und seine Antifashow. Mit einem Schlag bin ich zurück in der 12. Klasse, im Gemeinschaftskundeunterricht mit dem DKP-Lehrer, der uns geduldig erklärt, warum der Kapitalismus unweigerlich erst zu Imperialismus und dann zu Faschismus führt.

Das eigentliche Rätsel ist, weshalb Böhmermann auch in den Kreisen eine treue Anhängerschaft hat, bei denen man annehmen sollte, dass sie den Unterschied zwischen Christian Lindner und Alexander Gauland kennen. In den deutschen Feuilletons genießt er Kultstatus.

Frage: „Sie haben knapp 2,2 Millionen Follower auf Twitter. Wie spüren Sie diese Macht?“

Böhmermann: „Ich merke, wenn ich etwas retweete, dass Leute dann sehr darüber reden. Das ist mir aber auch unheimlich.“

Frage: „Man muss sagen, dass Sie wahnsinnig verantwortungsvoll mit dieser Macht umgehen. Niemand bezahlt sie dafür, gegen Demokratiefeindlichkeit anzuschreiben oder für Meinungsfreiheit.“ Habe ich mir nicht ausgedacht, stand so wörtlich in der „Süddeutschen Zeitung“. Das Interview als Andachtsübung.

Der PR-Berater Hasso Mansfeld hat vergangene Woche auf Twitter eine Hilfsaktion gestartet: Witze für Böhmermann. Es ist ja nicht so, dass die Zeiten schlecht für Satire wären.

Annalena Baerbock und ihre Probleme mit den Nebeneinnahmen: reinstes Comedy-Gold. Auch aus Franziska Giffey und ihrem verunglückten Doktortitel ließ sich einiges machen. Aber davon lässt man beim „ZDF Magazin Royale“ die Finger, dann müsste man ja die Zielrichtung ändern. Lieber dreht man noch eine Runde Österreich-Bashing oder vermöbelt zum x-ten Mal die Nazis im Osten.

Wie bei vielen, die für die gute Sache streiten, ist Böhmermann jede Form der Selbstironie fremd, das ist seine große Schwäche. Sich selbst auf die Schippe nehmen oder zumindest so tun können, als nehme man sich selbst nicht zu ernst, ist ihm nicht gegeben.

Der angelsächsische Humor lebte immer von der Leichtigkeit, die entsteht, wenn einem nichts heilig ist. Das deutsche Kabarett hat diese Leichtigkeit stets unter Frivolitätsverdacht gestellt. Was, du machst Witze über Carola Rackete und ihre Haare, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer sterben? In die Ecke mit dir, schäm dich!

Jedes Land hat die Komiker, die es verdient. England hat Ricky Gervais, wir haben Böhmermann. Dass er sich wie Gervais hinstellen würde und die Celebrities verspotten, die ihm zujubeln: undenkbar. Gervais arbeitet nach dem Motto: „Nur weil sich jemand beleidigt fühlt, heißt das noch nicht, dass er im Recht ist.“ Bei Böhmermann steht jedem, der meint, er sei benachteiligt, ein Ehrenplatz am Tische des Herrn zu.

Interessanterweise hatte Böhmermann seinen größten Erfolg mit einem Auftritt, der im Widerspruch zu allem steht, was er heute vertritt. Das Erdogan-Gedicht, das ihn über Nacht berühmt machte, ist grauenhaft inkorrekt. Einen Muslim als Ziegenficker verspotten? Dafür müsste man heute zur Strafe eine Baerbock-Rede in Dauerschleife sehen.

2015 geriet er mit den Musikern von K.I.Z in Streit, weil er bei einem Sketch unbedingt das N-Wort sagen wollte. Man habe das N-Wort von Böhmermann jetzt länger nicht mehr gehört, „der Herr geht mit der Zeit“, kommentierte der Rapper Nico Seyfrid süffisant in einem Gespräch mit der „Zeit“, in dem die Episode noch einmal in Erinnerung gerufen wurde.

Soll ich mich über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ärgern, der Böhmermann und seine Mannschaft finanziert? Ich habe noch nie zum Gebührenboykott aufgerufen. Ich habe brav das Hühnerstall-Video verteidigt, das dem WDR so viel Ärger eintrug. Aber kann nicht mal jemand beim ZDF den Mann zur Seite nehmen und ihm den Unterschied zwischen der FDP und der AfD erklären?

Wobei: Vorsicht! Böhmermann ist eine große Pussy. Als Erdogan wegen des „Ziegenficker“-Gedichts die Rechtsanwälte in Marsch setzte, flehte er Peter Altmaier an, ihm beizustehen. Ich hätte mir lieber die Hand abhacken lassen, als zum Kanzleramtsminister zu rennen, damit er mich rauspaukt. Aber ich bin ja auch nicht beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk angestellt.

Auch das kennt man von Lehrern: So unnachsichtig sie über andere urteilen, so empfindlich können sie sein, wenn es um sie selbst geht

©Silke Werzinger

Mein Haus, mein Rad, mein Volvo

Mit den Grünen ist es wie mit allem, was gut und teuer ist: Man muss sie sich leisten können. Die klimagerechte Gesellschaft ist nichts für arme Schlucker. Um dabei zu sein, braucht es auch die entsprechenden Mittel

Viele Leute in meinem Milieu verhalten sich nach dem Motto: links reden, rechts leben. Ich halte es andersherum. Also rechts reden, links leben.

Meine Kinder bringe ich morgens im Lastenfahrrad zum Kindergarten (Ganztagskita, da Dual Career Couple). Für den Weg ins Büro nehme ich die S-Bahn. Im Juni kommt die Solaranlage aufs Dach. Solardächer gibt es ja leider noch nicht, anders als die grüne Parteivorsitzende meint, wenn sie im „Bild am Sonntag“-Interview ankündigt, Solardächer bei Neubauten zur Pflicht machen zu wollen.

Bislang muss man sich noch mit Solarpanels behelfen. Aber auch so darf ich mich zu den Vorzeigebürgern zählen: 11 kWp, plus Energiespeicher. Wenn endlich die Sonne vom Himmel brennt, wie von Fridays for Future versprochen, bin ich ab Sommer autark. Der nächste Schritt ist dann der eigene Brunnen. Dann brauche ich auch die Stadtwerke nicht mehr.

Gut, der SUV trübt ein wenig die Ökobilanz. Aber erstens ist es ein Volvo, der geht irgendwie als grün durch. Und haben wir nicht außerdem gerade gelernt, dass der SUV unter Anhängern der Grünen besonders beliebt ist?

Die Marktforscher der Beratungsfirma „Puls“ haben bei Menschen, die in den vergangenen zwölf Monaten ein Auto erworben haben (oder daran denken, in den nächsten sechs Monaten eines zu erwerben), nachgefragt, welchen Typ sie bevorzugen. 16,3 Prozent der Grünen outeten sich als Geländewagen-Fans, so viele wie bei keiner anderen Partei. Am schlechtesten schnitten Sympathisanten der Linkspartei ab. Für die ist Klassenkampf noch ein Begriff: Die sind für die SUV-Industrie und ihre Verheißungen verloren.

Den grünen Lebensstil muss man sich leisten können. Die klimagerechte Gesellschaft ist nichts für arme Schlucker. Sorry, dass ich das so deutlich sage. Um mithalten zu können, braucht man nicht nur das richtige Bewusstsein, sondern auch die entsprechenden finanziellen Mittel.

Schon ein Blick auf die Stromrechnung zeigt, dass die Klassengesellschaft nicht verschwunden ist, nur weil keiner mehr darüber redet. Fragen Sie mal einen Möbelpacker, was er davon hält, dass wir in Deutschland heute die höchsten Strompreise in Europa haben. Ich bin sicher, er wird einem mit ruhiger Stimme auseinandersetzen, dass die Energiewende nun einmal ihren Preis habe.

„Aber die Förderung, die Förderung!“, höre ich jetzt einige rufen. Leider gilt auch hier: Wer hat, dem wird gegeben. Das ist wie mit dem Milliardär, der noch in der ärgsten Wirtschaftskrise sein Vermögen mehrt, weil er über Anlagemöglichkeiten verfügt, auf die kein normaler Bürger Zugriff hat. Die Solaranlage wird großzügig von der Gemeinde gesponsert. Auch für das Lastenfahrrad gibt es in München einen Zuschuss, vorausgesetzt, es ist elektrisch.

Ich habe mich im Netz umgesehen, was die aktuellen Ausführungen kosten. Das Einsteigermodell Babboe City-E schlägt mit 2749 Euro zu Buche. Beim Urban Arrow, einem unter trendbewussten Eltern derzeit sehr beliebten E-Bike, muss man 4750 Euro auf den Tisch legen. Das sind für viele Menschen drei Jahresurlaube. Aber mei, dafür gondelt man dann garantiert CO2-neutral durch die Gegend.

Auch über das eigene Dach für die Fotovoltaikanlage verfügt, Gott sei’s geklagt, nicht jeder. Dass die grünen Pläne den Traum von der eigenen Immobilie noch weiter in die Zukunft schieben werden, darf als ausgemacht gelten. In Berlin haben sie in einem Großexperiment erprobt, welche Auswirkungen die Mietpreisbremse hat, die jetzt ins grüne Wahlprogramm soll. Die Zahl der angebotenen Mietwohnungen hat sich binnen eines Jahres halbiert. Dafür stiegen die Preise für Eigentum um 12 Prozent.

Mir soll es recht sein. Ich habe schon gekauft. Als neulich in meiner Gemeinde Bürgermeisterwahlen waren, habe ich für die grüne Kandidatin gestimmt. „Mehr Radwege sind doch gut, das hebt den Wert unseres Hauses“, sagte meine Frau, die aus der Finanzindustrie kommt und der ich auch in politischen Dingen meist folge. Nur im Bund sollte man die Grünen besser nicht ranlassen, meinte sie: Da könne zu viel Unsinn passieren.

Wen die grüne Wende wie viel kosten wird, das ist die große Frage. Vor zwei Wochen war Annalena Baerbock beim ZDF zu Gast. Wie es denn in Zukunft mit dem Fliegen aussehe, wurde sie gefragt. Ihre dort geäußerte Position lässt sich so zusammenfassen: Wir müssen verzichten, aber nichts wird eingeschränkt. Jeder könne fliegen, wohin er wolle, aber natürlich dürfe es keinen Konsum auf Kosten künftiger Generationen geben. Als die Interviewer sich mit den Antworten unzufrieden zeigten, erreichte die Kanzlerkandidatin schließlich das rettende Ufer: Der globale Flugverkehr müsse eingeschränkt werden. Globale Lösungen sind immer gut, da kann niemand etwas dagegen haben.

Das Wolkige und Wohlklingende ist die Paradedisziplin der Grünen, da macht ihnen so schnell keiner etwas vor. Parteiprogramme bringen es mit sich, dass sie sich so lesen, als wäre die ideale Gesellschaft gleich um die Ecke, wenn sich nur alle endlich ein wenig am Riemen reißen würden. Die einzige Partei, die auf jeden Schmonzes verzichtet, ist die AfD, aber dort haben sie ja auch jeden Versuch aufgegeben, sympathisch zu wirken. Trotzdem bemühen sich die meisten Parteien wenigstens, hier und dort etwas Handfestes anzubieten.

Andererseits: Warum die Wähler vergraulen, wenn es auch ohne allzu Konkretes geht? Im Prinzip ist man sich ja einig, dafür sorgt schon die erstaunliche soziale Homogenität der Anhängerschaft.

Die Grünen waren immer ein Elitenprojekt. Keine andere Partei versammelt in ihren Reihen so viele akademisch gebildete oder zumindest anakademisierte Menschen. Nirgendwo ist der Anteil derjenigen, für die Wachstum schon deshalb keine Perspektive sein muss, weil sie auf die eine oder andere Weise vom Staat leben, ähnlich groß.

Lange haben sich die Grünen ihrer Herkunft geschämt. Bei der Wahl 2013 meinten sie noch, ein ambitioniertes Sozialprogramm auflegen zu müssen, um zu beweisen, dass sie auch etwas von Hartz IV verstehen. Inzwischen zeigen die Grünen ganz unverstellt, dass sie die Partei derer sind, die die Sorge ums Materielle weitgehend überwunden haben.

Auch die Grünen wissen, dass es da draußen Menschen gibt, die ihre Kinder nicht Jonas und Lena nennen, Montessori für einen Schaumwein halten und bei Fridays for Future bereits beim Buchstabieren ins Stolpern geraten. So wie man als gebildeter Mensch ja auch weiß, dass es im Regenwald Stämme gibt, die im Lendenschurz durch die Gegend streifen und noch mit Pfeil und Bogen jagen.

Man sieht sie halt nur nie. Jeder Grüne zählt mehr migrantisch bewegte LGBTQIA+-Aktivisten in seinem Bekanntenkreis als Abkömmlinge aus der Unterschicht. Schon das Wort ruft Unbehagen hervor. Deshalb ist auch ganz viel von klimagerechter Gesellschaft die Rede, das klingt irgendwie weitläufiger als die soziale Gerechtigkeit, für die man früher bei den Linken stritt. Zur Not erhöhte man halt die Hartz-IV-Sätze. Wenn es an etwas nie mangelt in der grünen Welt, dann an Geld. Das wächst dort auf den Bäumen.

Etwa 25 Prozent der Deutschen geben in Umfragen an, im September für die Grünen stimmen zu wollen. Weitere 25 Prozent sagen, dass sie sich theoretisch vorstellen könnten, grün zu wählen. Die Parteiführung wertet dies als Zeichen, dass die Grünen inzwischen Volkspartei seien. Für mich sind die Zahlen eher Ausdruck des Wohlstands dieser Gesellschaft.

Für 50 Prozent der Deutschen sind auch 200 Euro mehr für den Mallorcaflug kein Problem. Die Erhöhung der Ticketpreise hätte im Gegenteil sogar einen Vorteil. An Bord wäre man endlich wieder mehr unter sich: weniger Plebs, mehr Baedeker. Wenn das kein Versprechen an die Anhängerschaft ist!

Wer zählt als Opfer?

Die Mutter des Autors wurde am 26. April mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingewiesen. Seitdem ringen er und sein Bruder mit den Lockdown-Regeln, die jeden Kontakt verbieten

Eine Frau steht in der Küche und füttert die Katze. Es ist 10 Uhr morgens. Am Mittag wird sie ihren Mantel überziehen und sich auf den Weg in die kleine Stadt machen, um wie jeden Tag beim Italiener ihr Mittagessen abzuholen. Sie ist 84 Jahre alt. Sie hat Mühe, sich an Dinge zu erinnern, die man ihr erst vor Kurzem erzählt hat. Manchmal wird sie dann ärgerlich. Aber wenn man sie fragen würde, wie es ihr geht, würde sie sagen, dass sie sich nicht beklagen könne.

Plötzlich wird ihr unwohl, so als ziehe eine Wolke im Kopf auf. Das Telefon klingelt, einer der Söhne ist am Apparat. Du redest so komisch, Mama, sagt er, was ist los?

Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie in einem Krankenzimmer. Fremde Menschen treten an ihr Bett und machen sich an ihr zu schaffen. Sie fragt nach ihrem Zuhause, ihren Kindern. Die werde sie leider für längere Zeit nicht sehen können, sagt man ihr.

Die ältere Frau ist meine Mutter. Sie hat am 26. April einen Schlaganfall erlitten. Ich habe es in meiner letzten Kolumne erwähnt, als ich über die Unerbittlichkeit der Corona-Regeln schrieb. Wenn davon die Rede ist, dass man nicht voreilig öffnen dürfe, wird oft so getan, als gehe es darum, dass die Geburtstagsfeier pünktlich stattfinden kann oder der Jogger nach 22 Uhr wieder auf die Straße darf. Ich glaube, viele machen sich nicht bewusst, welche dramatischen Einschränkungen mit dem Lockdown verbunden sind, der nach wie vor in weiten Teilen Deutschlands gilt.

Ich dachte, das Kontaktverbot in der Klinik wäre temporär. Irgendjemand werde schon ein Einsehen haben, dass dies für eine alte Frau, die plötzlich aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurde, ein untragbarer Zustand ist. Aber es hatte niemand ein Einsehen. Alles, was wir zu hören bekamen, war, dass die Corona-Regeln grundsätzlich keine Besuche von Angehörigen erlauben würden. Ob man die Mutter nicht im Rollstuhl vor die Tür schieben könne, fragte mein Bruder. Nicht möglich, sagt die Stationsärztin. Sie wissen, die Ansteckungsgefahr! Aber die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus anzustecken, tendiert draußen doch gegen null. Es tut uns leid, keine Ausnahme möglich.

Mein Bruder ist einmal geimpft, meine Mutter hat bereits ebenfalls eine erste Impfung erhalten. Spielt keine Rolle. Könnte man die Mutter nicht ein zweites Mal impfen, damit sie in die Gruppe derjenigen aufrückt, für die gelockerte Regeln gelten? Für Impfungen ist das Krankenhaus nicht zuständig. Außerdem gibt es auch bei vollständig Geimpften ein Restrisiko. Daher weiterhin: strenges Besuchsverbot.

Wir versuchen, uns aus den Bruchstücken an Informationen, die wir erhalten, ein Bild zu machen. Erst heißt es: ein leichter Schlag, man müsse sich keine Sorgen machen. Dann ist plötzlich von Lähmungserscheinungen die Rede. Ach, das hat Ihnen niemand gesagt? Ja, Lähmung der rechten Seite, das Sprachzentrum ist ebenfalls betroffen. Damit entfällt auch die Möglichkeit zum Telefonat. Später heißt es, meine Mutter habe im Krankenhaus eine Hirnblutung erlitten, Folge einer dort erfolgten medikamentösen Behandlung.

Das ist also die Lage: eine 84-jährige Frau, mutmaßlich verwirrt und geschockt, ohne Aussicht auf ein tröstendes Gespräch oder die Chance, sich mit jemandem, den sie kennt, über die Risiken einer Behandlung zu beraten. Angeblich hat man ihr empfohlen, einen Herzschrittmacher einsetzen zu lassen, da man Herzrhythmusstörungen festgestellt hat. Es heißt, sie habe die Operation abgelehnt. Ob sie wusste, was sie ablehnt?

Ich erzähle das nicht, weil ich Mitleid schinden will. Es gibt Menschen, die es noch schlimmer getroffen hat. Meine Schwägerin berichtet am Telefon von einer Freundin, die beide Eltern verloren hat, ohne dass sie Abschied hat nehmen können. Sie liege nachts manchmal wach und frage sich, wie die letzten Momente ihrer Eltern ausgesehen haben mögen, in der Isolation, ohne Gelegenheit, noch einmal die Hand eines vertrauten Menschen zu spüren.

Inzwischen sind immerhin die Palliativpatienten vom Kontaktverbot ausgenommen. So gesehen hat man Pech, wenn man zu langsam oder zu schnell stirbt. Was in den Krankenhäusern passiere, sei furchtbar, sagt die Schwägerin, und sie ist kein sentimentaler Mensch. Sie ist selbst Ärztin.

Ich erzähle das, weil ich es leid bin, dass so getan wird, als habe der Lockdown keine Opfer zur Folge. Ich bin immer wieder sprachlos, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen, die niemanden an die Pandemie verloren haben, im Namen der Corona-Opfer sprechen.

Ich habe in der erwähnten Kolumne beschrieben, was passiert, wenn man von der Berichterstattung in den Kampagnenmodus wechselt. Ich erwähnte dabei auch den „Spiegel“, der mit einer Reihe von Prognosen spektakulär danebenlag. Am Nachmittag der Veröffentlichung meldete sich der Ressortleiter der Wissenschaftsredaktion, Olaf Stampf, auf Twitter. „Wenn 70000 Tote seit Oktober keine furchtbare Zahl ist, weiß ich auch nicht“, schrieb er. Hat Olaf Stampf einen Angehörigen verloren, fragte ich mich, als ich das las. Weiß er, wie es sich anfühlt, wenn erst der Vater stirbt und dann die Mutter?

Mein Vater ist im April letzten Jahres gestorben. Er lebte in einem Pflegeheim. Er hat sich furchtbar gegen den Umzug gewehrt, wie viele alte Menschen, die wissen, dass der Schritt unumkehrbar ist. Fast ein Jahr lang hat er gebettelt, dass man ihn wieder nach Hause lasse. Irgendwann hat er sich gefügt. Was ihn aufrecht hielt, waren die Besuche meiner Mutter. Morgens um 10 Uhr kam sie, um ihm beim Frühstück zu helfen. Sie saß neben ihm, wenn er in der Zeitung las, und auch, wenn er in seinem Rollstuhl döste.

Als die erste Welle Deutschland heimsuchte, hieß es, niemand außer dem Pflegepersonal dürfe das Heim betreten. Man kann der Heimleitung keinen Vorwurf machen, sie hat alles getan, was in ihrer Macht stand. Als meine Mutter wieder zu meinem Vater durfte, gab es den Mann, den sie verlassen hatte, nicht mehr. Wäre ich pathetisch, würde ich sagen: Das Virus hat ihn ausgelöscht, wie eine Kerze, der man den Sauerstoff entzieht. Zehn Tage später war mein Vater tot.

Ist er ein Corona-Opfer? Gehört er zu denen, die der bayerische Ministerpräsident als die „wahren Opfer“ der Krise bezeichnet hat? Was ist das überhaupt, ein wahres Opfer?

Der Gesundheitsminister hat einen Intensivpfleger in die Bundespressekonferenz eingeladen, damit er aus seinem Alltag berichtet. Das Video des Auftritts wurde tausendfach geteilt. Ich bewundere Leute, die Leben retten. Andererseits: Ist es nicht die Aufgabe eines Intensivpflegers, schwer kranke Menschen zu versorgen, unabhängig von der Art der Erkrankung?

Man könnte sich auch fragen: Warum lädt Jens Spahn nicht einen Kinder- und Jugendpsychiater ein, der Auskunft geben könnte, wie es auf seiner Station aufgrund des Lockdowns aussieht? Oder einen Seelsorger, der berichtet, wie es ist, wenn die Menschen einsam sterben, weil die Regeln es so verlangen? Weil man dann plötzlich einen anderen Blick auf die verhängten Maßnahmen bekäme?

Ich fürchte, wenn ich noch einmal höre, dass den Leuten, die für Lockerungen sind, Menschenleben egal seien, muss ich speien. „80000 Menschen tot“, brüllte der ZDF-Moderator Jan Böhmermann im Streit um die Videos, mit denen eine Reihe von Schauspielern gegen die Corona-Maßnahmen protestierte, ins Netz. Nur das: „80000 Menschen tot“. So, als sei die Zahl der Menschen, die seit dem Beginn des Lockdowns an Covid gestorben sind, ein Argument, gegen das sich jeder Einwand erübrige.

Hat Jan Böhmermann einen geliebten Menschen verloren? Trauert er um den Verlust? Oder ist sein Auftritt nur ein Stunt, eine der Aktionen, mit denen er sich im Gespräch hält? Ein Ressortleiter des Redaktionsnetzwerkes RND schrieb, die Schauspieler würden die Angehörigen verhöhnen. Ich weiß nicht, welche Angehörigen der Mann kennt. Ich fühlte mich nicht verhöhnt.

Am Dienstag durfte mein Bruder meine Mutter nach 16 Tagen sehen. Die Oberärztin sagte, ihr Zustand sei so traurig, dass er nahe an dem einer Palliativpatientin sei, da könne man eine Ausnahme machen. Er durfte eine Stunde lang ihre Hand halten. Bei der Verabschiedung erinnerte man ihn daran, dass dies wirklich eine einmalige Ausnahme gewesen sei.

„80 000 Menschen tot“, brüllt Jan Böhmermann ins Netz ©Marie Wolf

Vernunft durch Panik

Nach den Prognosen vieler Corona-Experten müsste jetzt die dritte Welle durchs Land toben. Für April und Mai wurde mit Zigtausenden Toten und einer Inzidenz von 2000 gerechnet. Was ist da schiefgelaufen?

Vielleicht sollte ich für eine Zeit lang nicht mehr den Wissenschaftsteil des „Spiegel“ lesen. Ich neige nicht zur Leichtgläubigkeit, bilde ich mir ein. Aber wenn die Kollegen vom Wissenschaftsressort das Wort ergreifen, sehe ich keinen Grund, ihnen zu misstrauen. Hören wir nicht tagein, tagaus, dass man der Wissenschaft folgen solle? Mit Naturgesetzen spielt man nicht! Man könne mit ihnen auch nicht verhandeln, heißt es.

Anfang Februar las ich im „Spiegel“ einen Artikel zur Corona-Lage. Die britische Mutante mache alle bisherigen Eindämmungspläne zunichte, stand dort, die Infektionen würden schon bald bei über 50000 Fällen pro Tag liegen. Um auch dem Begriffsstutzigsten den Ernst der Lage vor Augen zu führen, hatte die Redaktion eine Grafik angefertigt, in der sich die Infektionen wie ein dunkle, alles verschlingende Welle aufbauten.

Jeder Tag, an dem man nicht entschieden gegensteuere, würde unweigerlich ins Chaos führen, lautete die Botschaft. Ach was, Chaos. Einen Zustand nahe an der Unregierbarkeit, mit überquellenden Intensivstationen, verzweifelt um das Leben der Eingelieferten kämpfenden Ärzten und Abertausenden von Toten.

Kinder, die um ihre Eltern trauern, Männer, die ihre Frauen beerdigen, Frauen, die ihre Männer bestatten. So stand es in einem Text, der unter der fatalistischen Überschrift „Passt gut auf euch und eure Kinder auf“ den „nächsten Akt“ beschrieb, der „unausweichlich“ folge. Ich neige nicht zu Schwarzseherei, aber das schlug selbst mir auf den Magen.

Und nun? Nun liegt die Inzidenz nicht bei 2000, wie für den Mai vorhergesagt, sondern bei 135. Das ist immer noch hoch, aber doch himmelweit entfernt von dem Schreckensszenario, das die Befürworter eines Ultra-Lockdowns an die Wand malten. Ich wäre der Letzte, sich darüber zu beklagen. Ein Glück, dass es so gekommen ist. Andererseits würde man schon gerne wissen, was schieflief.

An den Corona-Maßnahmen kann es nicht liegen, dass die Wirklichkeit hinter den Vorhersagen zurückbleibt. Die sogenannte Bundesnotbremse, um die wochenlang gerungen wurde, ist erst seit ein paar Tagen in Kraft. Bis sich neue Restriktionen bemerkbar machen, vergehen in der Regel zwei Wochen, das ist ja das Tückische an der epidemiologischen Entwicklung, wie die Pessimisten nicht müde werden zu betonen.

Wir reden bei der Abweichung auch nicht über eine Kleinigkeit, einen Zahlendreher, wie er mal vorkommen kann. Der Inzidenzwert ist der heilige Gral der Politik. An dieser Zahl hängt alles: Grundrechtseinschränkungen, wie man sie nicht einmal im Kaiserreich kannte. Die Schließung der Schulen, die eine ganze Generation von Kindern in ihrer Entwicklung zurückwerfen wird, die weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens und damit die Zerrüttung der Lebensgrundlage von Millionen.

Meine Mutter ist am Montag vor einer Woche mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Seit zehn Tagen darf niemand zu ihr. Telefonieren geht auch nicht, da der Schlag das Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen hat. Seit fast zwei Wochen ist sie allen Menschen entrissen, die sie kennt und die ihr Trost geben könnten. So seien nun einmal die Regeln, heißt es von der Klinik.

Ich will nicht auf die Tränendrüse drücken. Wer ist nicht bereit, Opfer zu bringen, wenn es darum geht, Zigtausende Tote abzuwenden? Aber wenn sich herausstellt, dass alles nicht so stimmt, wie vorhergesagt, dann fängt man an, ein paar Fragen zu stellen.

Ich war sicher, ich würde eine ausführliche Erklärung lesen, eine Entschuldigung, warum man mit den Prognosen weit danebengelegen hat. Das Einzige, was ich gefunden habe, war ein Text auf „Spiegel Online“, der in dem Satz gipfelte, Rechenmodelle seien immer vereinfachte Abbilder der Wirklichkeit. Niemand habe behauptet, dass es sich um präzise Prognosen handele. Das fand ich ein bisschen, wie soll ich sagen, nonchalant angesichts des Tons, den die Kollegen noch vor wenigen Wochen angeschlagen haben.

Ich will nicht ungerecht sein. Auch in anderen Medien wurde nach Kräften die Inzidenz-Trompete geblasen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hielt für Mai einen Inzidenzwert von 1000 und höher für wahrscheinlich, „Zeit Online“ veröffentlichte ein Schaubild, das in der Spitze sogar eine Inzidenz von 40000 als denkbar auswies.

Die Redakteure haben sich ihre Zahlen auch nicht aus den Fingern gesogen. Sie hatten die besten Quellen: das RKI, die Bundesbank der Virologie; die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihrem hochgelobten Obermodellierer Michael Meyer-Hermann; die Kanzlerberater Viola Priesemann und Melanie Brinkmann.

Die Forscher des Vertrauens waren sich einig: Es wird schlimm, und danach wird es noch schlimmer. Immer gibt es ein Virus, das noch furchtbarer und tödlicher ist als das letzte. Wenn es nicht der sogenannte Wildtyp ist, der uns hinmacht, dann die britische Mutante oder die brasilianische oder die indische. Jetzt ist es die Fluchtmutante, vor der man sich ängstigen muss.

Was also ist schiefgelaufen? Ganz einfach, würde ich sagen: Man ist von der Beschreibung in den Kampagnenmodus gewechselt. Ich habe nichts gegen Kampagnen. Der Journalismus verdankt der Kampagne einige seiner schönsten Stunden. Früher ging es für Willy Brandt und die Ostverträge, heute eben für„No Covid“ und mehr Lockdown. Man sollte allerdings nicht so tun, als verhielte man sich unparteiisch und würde nur die Fakten wiedergeben.

Wer ein Ziel verfolgt, neigt dazu, Tatsachen in seinem Sinne zu gewichten. Was die eigene Argumentation stützt, erscheint plausibler als das, was der Argumentation zuwiderläuft. Je länger und entschiedener man dabei für eine Sache streitet, desto verbissener wird es. Irgendwann findet man sich in einer Mannschaft wieder, in Team A oder Team B. Dann gibt es nur noch Freunde und Feinde.

Auch in dieser Disziplin ist der „Spiegel“ unübertroffen: Am 26. Februar veröffentlichte die Redaktion einen mehrseitigen Text, der genau das zum Ziel hatte: die seriösen Wissenschaftler (Christian Drosten, Brinkmann, Meyer-Hermann) von den aus ihrer Sicht unseriösen (Hendrik Streeck, Klaus Stöhr, Jonas Schmidt-Chanasit) zu trennen. Auch hier wäre man auf ein Update gespannt.

Es gibt ernst zu nehmende Stimmen, die analog zum Corona-Lockdown einen Klima-Lockdown fordern. Gerade hat der bayerische Ministerpräsident gewarnt, der Klimawandel sei die „nächste pandemische Herausforderung“. Schon deshalb ist es nicht ganz unerheblich, wie verlässlich die Modelle sind, die zur Begründung ins Felde geführt werden.

„Klimaprognose: Die Welt steuert bis 2100 auf 2,4 Grad Erderwärmung zu“, lautete am Dienstag eine Schlagzeile. Das Selbstbewusstsein der Beteiligten ist zumindest ungebrochen, darf man daraus schließen. Man ist zwar nicht in der Lage, die Inzidenz bei dem bestbeobachteten Virus der Welt über den Verlauf von acht Wochen zu berechnen, aber eine Vorhersage bei der Emission von Treibhausgasen bis zur Jahrhundertwende scheint problemlos möglich.

Für den „Spiegel“ ist Corona übrigens nicht die erste Pandemie, in der man von der Berichterstattung zum Aktivismus wechselte. Am Anfang der Aids-Epidemie konnte man in dem Blatt Zahlen lesen, wonach das neuartige Virus einen Gutteil der Bevölkerung auslösche, wenn nicht drakonische Maßnahmen ergriffen würden. Das Einzige, was helfe, sei eine repressive Politik gegen Menschen, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit ihrer Triebbefriedigung nachkämen und so zur Bedrohung für die Gesellschaft würden.

Das war der Redaktion später etwas peinlich. Der promiske Schwule als Gefahr für die Gesellschaft? Man habe Schlimmeres verhindert, indem man der noch ahnungslosen Öffentlichkeit die Dramatik vor Augen geführt habe, war die Entschuldigung.

Vernunft durch Panik: Das Argument kommt einem bekannt vor.

©Silke Werzinger

Bericht aus der Fankurve

Das ist die Ausgangslage für die Bundestagswahl 2021: Hier die Medien, die sich in Begeisterung für die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin überschlagen – dort das Wahlvolk. Mal sehen, wer am Ende gewinnt

Warum wählen Menschen grün? Die kurze Antwort lautet: weil die anderen auch grün wählen. Das ist wie mit der Frage, warum das eine Restaurant voll ist und das andere nicht. Es ist voll, weil es voll ist. Klingt simpel, enthält aber eine tiefe Wahrheit.

Bei politischen Entscheidungen spielt auch das Programm eine Rolle, sicher. Aber wichtiger als die programmatische Übereinstimmung ist für die meisten Wähler, dass man sich mit dem politischen Bekenntnis keine unangenehmen Fragen einhandelt. Wäre es anders, wären viele nicht so überrascht, wenn ihnen der Wahl-O-Mat eine ganz andere Partei empfiehlt als die, die zu wählen sie beabsichtigen. Die Grünen sind die perfekte Wahl für Leute, die gemocht werden wollen.

Was das Sympathischwirken angeht, kann Annalena Baerbock niemand das Wasser reichen. Alles an dieser Frau sagt: total nett. So wird sie auch in den Medien beschrieben: nett, patent, umsichtig, dabei bodenständig und humorvoll. Oder wie ein „Spiegel“-Redakteur schrieb, der mit ihr in Hamburg Politikwissenschaft studierte: Das Einzige, was man ihr vorwerfen könne, sei, dass der Humor gelegentlich vielleicht eine Spur zu derb ausfalle. Erinnert an den Manager, der auf die Frage nach seiner größten Schwäche antwortet: Ungeduld. Auch die Schwäche ist in Wahrheit eine Tugend. Perfekt.

Gut, es gibt ein paar Schwachstellen im Lebenslauf, darüber kommt selbst der liebevollste Blick nicht hinweg. Die einzige Berufserfahrung, über die Frau Baerbock verfügt, sind drei Jahre als freie Mitarbeiterin bei der „Hannoverschen Allgemeinen“, bevor sie entdeckte, was ihre eigentliche Berufung ist: „Jeden Tag über sich hinauswachsen.“

Kein Ministerpräsidentenamt, nicht ein einziger Monat als Ministerin, nicht mal der Vorsitz bei einer klitzekleinen Behörde: So wenig Berührung mit der praktischen Seite von Politik hatte noch nie jemand, der sich anschickte, das Land zu regieren. Andererseits: Liegt nicht gerade hier das Versprechen der Unverbrauchtheit und der Frische begründet, von dem jetzt so viel die Rede ist?

Vorsorglich steht außerdem in den Texten über die Kandidatin, dass es Fragen gibt, die man besser nicht stellt, wenn man sich nicht als Journalist disqualifizieren will. „Die richtigen Fragen, bitte“, lautete die Überschrift in einem Kommentar, dass man sich gefälligst mit den Inhalten der Grünen auseinandersetzen solle, nicht mit dem Persönlichen.

Ginge es nach den Medien, kann auf die Bundestagswahl getrost verzichtet werden. Ich glaube, viele Redakteure bedauern insgeheim, dass man auch Leute an die Wahlurne lässt, von denen man weiß, dass sie die völlig falschen Ansichten vertreten. Wäre das Wahlvolk doch nur so weitsichtig wie die Journalisten, dann müsste man ihm auch nicht ständig vorkauen, wie es zu wählen hat.

Dass Journalisten zum Fantum neigen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Das Praktische bei der medialen Befassung mit den Grünen ist, dass die Fans gleich die Berichterstattung übernehmen. Vergangene Woche setzte ein regelrechtes Wettrennen ein, wer die gefühlvollste Hymne anlässlich der Kanzlerkandidatur verfasst.

Der „Tagesspiegel“ ging mit der Zeile „Und wenn Deutschland noch nicht reif ist für Annalena Baerbock?“ ins Rennen. Dass sich der Reifegrad der Deutschen danach bemisst, mit welcher Prozentzahl sie die Kandidatin der Herzen ins Kanzleramt wählen, darauf wäre nicht mal der „Bayernkurier“ verfallen, und der hat sich einiges geleistet.

Die „Zeit“ trumpfte mit der Überschrift „Eine wie keine“ auf: „Mit Annalena Baerbock könnte erstmals eine Mutter Bundeskanzlerin werden. Schon ihre Kandidatur macht Millionen Eltern Hoffnung.“ Sie müssen zugeben, da hört man die Geigen im Hintergrund.

Den Vogel abzuschießen gelang allerdings dem „Stern“, der Baerbock auf dem Titel umstandslos zur Hoffnung per se kürte: „Endlich anders“. Dagegen wirkte der „Spiegel“ mit seinem Baerbock-Cover geradezu lahm, obwohl man sich bei der Auswahl des Titelfotos die größte Mühe gegeben hatte, die Kandidatin zupackend und optimistisch, gleichzeitig aber auch seriös und vertrauenswürdig erscheinen zu lassen.

Andererseits: Ein Wochenblatt, bei dem die Chefredakteurin mit Vornamen Anna-Beeke heißt, kann gar nicht anders, als sich hinter die Sache zu klemmen. Nach dem Kampf gegen den Klimawandel jetzt also das nächste Projekt: die Grünen ins Kanzleramt geleiten. Dass es exakt dieser Missionsgeist ist, der dem „Stern“ einen beispiellosen Auflagenschwund eingetragen und die Zeitschrift zur Dependance von RTL gemacht hat, einem Fernsehsender, der ab Mitternacht Menschen anhand ihres entblößten Geschlechtsteils übereinander abstimmen lässt: C’est la vie, wie der Franzose sagt.

Das ist also die Ausgangslage für die Bundestagswahl 2021: Hier die Hamburger und Berliner Medien, also „Spiegel“, „Stern“, „taz“, „Tagesspiegel“, die „Zeit“ natürlich – dort das Wahlvolk. Man wird sehen, wer am Ende gewinnt.

Ich bin noch unschlüssig, wen ich wählen soll. Annalena Baerbock als Kanzlerin hätte für mich einen unschätzbaren Vorteil: Ich hätte für die kommenden vier Jahre als Kolumnist ausgesorgt. Allenthalben wird jetzt ihre Sachkenntnis gelobt, ihre stupende Kenntnis der Fakten, ihre Vernarrtheit ins Detail.

Okay, okay, ich bin ja auch ein Riesenfan. Aber dass sich die Parteivorsitzende ständig verspricht? Dass sie Kobold für ein seltenes Mineral hält und dem Grundgesetz entnommen haben will, dass es Frauen einen Vorzug gegenüber männlichen Mitbewerbern bei der Kandidatenauswahl einräumt?

Gut, wenn man sein Leben lang in einer geschützten Welt verbringt, verschieben sich die Maßstäbe. Das ist wie bei den Amischen: Irgendwann hält man das, was in der Heiligen Schrift steht, für die Wirklichkeit.

Schon der Name ist ja in gewisser Weise Programm. Der Soziologe Pierre Bourdieu hätte anhand von „Annalena“ die genaue Position auf der kulturell-ökonomischen Matrix ableiten können, angefangen von dem Selbstversorgerbauernhof im Wendland über die Sitzblockade für den Frieden bis zum Faible für U2 und Konstantin Wecker.

Wobei man sich nicht täuschen darf: Vom scheinbar Verständnisvollen zum Passiv-Aggressiven ist es nur ein kleiner Schritt. Ein spöttischer Geist hat angemerkt, ihn erinnere die Kanzlerkandidatin an diese supersympathische Vermieterin, von der man immer dachte, dass man mit ihr befreundet sei, und die dann beim Auszug jeden Kratzer im Parkett moniert und bei der Kachel im Badezimmer, bei der man schwören könnte, dass der kleine Riss am Rand uralt ist, mit strengem Ton anmerkt: Das muss jetzt aber leider alles ersetzt werden.

Journalisten stellen ohne Frage einen bedeutenden Teil der Gesellschaft dar. So wie Studenten und Lehrer. Selbst in den Führungskreisen der Wirtschaft favorisiert angeblich eine Mehrheit die Kandidatin der Frische. Aber ob das reicht, das Kanzleramt zu erobern? Das ist ja die Crux der Grünen: Das Milieu, in dem es selbstverständlich ist, dass man sich zur Bewegung bekennt, reicht über die akademische Welt selten hinaus.

Dass es den Grünen gelungen ist, in das Wählerreservoir der über 60-Jährigen einzudringen, ist die demografische Veränderung, die sie über die 20-Prozent-Schwelle getragen hat. Jung und hip ist gut und schön, aber Wahlen werden in Deutschland bei den Rentnern gewonnen. Das ist der Wählerblock, der bislang treu zur CDU stand, weshalb die Christdemokraten auch in 50 von 70 Jahren den Kanzler beziehungsweise die Kanzlerin stellten.

Wenn es Annalena Baerbock ins Kanzleramt schaffen sollte, geht der Dank an die Angehörigen der Nachkriegsjahrgänge, die postmaterielle Werte schon deshalb toll finden, weil sie diese mit Entspannung gleichsetzen. Es sind dieselben Leute, die man in den Wellnesshotels trifft, wo sie dann die Kreuzfahrtprospekte studieren, die dem „Spiegel“ und der „Zeit“ beiliegen, in deren Kommentaren man wiederum lesen kann, warum die Grünen der politischen Konkurrenz weit überlegen sind.

Vom Verständnisvollen zum Passiv-Aggressiven ©Michael Szyszka