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Grenzen des Erlaubten

Reicht eine Büroaffäre, um die Karriere zu ruinieren? Oder braucht es dazu mehrere? Und was macht der „Spiegel“ mit einem Herausgeber, der zum Vorstellungsgespräch im Bademantel empfing? Fragen der Woche

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, sammelt weibliche Akte. Über die Jahre hat er eine Auswahl an Bildern nackter Frauen zusammengetragen, die ihresgleichen sucht. Ich habe die Sammlung nie in Augenschein genommen, aber dem Vernehmen nach befinden sich in ihr auch einige explizite Darstellungen des weiblichen Geschlechtsorgans. Ein Besucher berichtete mir von einer Party im Hause des Verlegers, bei der ein Blick auf die Bilder bei einer Reihe älterer Damen deutliches Erröten hervorgerufen habe.

Ziemt sich eine solche Sammlung für den Vorsitzenden eines der größten Medienkonzerne der Welt? Das ist eine ernste, auch ernst gemeinte Frage. Man kann ihr nach diesen Tagen, in denen die Standards der Sexualmoral im Mediengewerbe neu justiert werden, nicht mehr ausweichen.

Springer hat sich wegen ungebührlichen Verhaltens vom Chefredakteur der „Bild“ getrennt. Unter Medienleuten ist der Abgang beherrschendes Thema. Da nicht alle Menschen an Branchengeschichten einen solchen Anteil nehmen wie die Angehörigen der Branche selbst, erwähne ich es hier lieber noch einmal. Es gibt mehr Leser, die nicht wissen, wer Mathias Döpfner oder Julian Reichelt ist, als viele in meinem Gewerbe sich das vorstellen können.

Ich habe alle Geschichten zur Entlassung von Julian Reichelt, dem „Bild“-Chefredakteur, gelesen. Wie in solchen Fällen üblich, gehen die Darstellungen auseinander. Folgendes scheint unstreitig: Reichelt hatte über die Jahre eine Reihe wechselnder Beziehungen, darunter zu Volontärinnen und Redakteurinnen des von ihm geleiteten Blattes. Die Frauen waren jünger als er. Sie standen zumeist am Beginn ihrer Karriere, und sie befanden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, das heißt, Reichelt konnte über ihr Fortkommen entscheiden und tat das auch.

Keine der Frauen wirft ihm vor, sie bedrängt oder genötigt zu haben, das unterscheidet den Fall von den bekannten MeToo-Geschichten. Die Mitarbeiterinnen, die anlässlich einer internen Untersuchung befragt wurden, bestätigten, dass der Sex einvernehmlich war. Die junge Frau, die in der Berichterstattung als Hauptbelastungszeugin fungiert, spricht davon, dass sie sich in Reichelt verknallt habe, weil sie ihn charmant und vertrauenswürdig fand.

Jede Geschichte über moralische Verfehlungen dient dazu, die Grenzen des Erlaubten neu zu verhandeln, wie das so schön heißt. Das Wort ist nicht von ungefähr aus der Gerichtssprache entlehnt. Alle Berichte fußen auf der Annahme, dass es sich nicht gehöre, mit Untergebenen sexuelle Beziehungen einzugehen. Reichelt selbst hat angeblich zu einer Kollegin, mit der er eine Affäre hatte, gesagt, sie würden beide „großen Ärger“ bekommen, wenn herauskäme, dass sie zusammen seien.

Ist das so? Reicht eine Büroaffäre, um eine Karriere zu ruinieren? Das wäre wichtig zu wissen. Dann müssten viele Leute in Deutschland um ihren Job bangen, auch beim „Spiegel“, der die Vorgänge in den Chefetagen bei Springer mit besonderer Obsession verfolgt. Oder ist man erst in Schwierigkeiten, wenn man Affären in Serie eingeht und sich damit der „Zügellosigkeit“ schuldig macht, wie der Vorwurf der Sittenwächter aus dem Norden lautet.

Ich will Reichelt nicht verteidigen. Damit käme ich ohnehin zu spät. Wie man hört, sind die Emissäre aus der Springer-Zentrale mit Geldkoffern unterwegs, um einen Rechtsstreit abzuwenden. Ich bin allerdings stets dafür, klar zu benennen, was man jemandem vorwirft, den man für untragbar hält.

Je unbestimmter die Vorhaltungen, desto misstrauischer werde ich. „Kultur der Angst“ oder „schmierige Unternehmenskultur“ sind Tatbestände des Innuendos, die den Vorteil haben, dass man sie nicht widerlegen kann, deshalb sind sie ja auch schnell hingeschrieben. Bei jedem regulären Arbeitsgerichtsprozess flögen sie allerdings zum Fenster raus.

Wer die medialen Anklageschriften liest, muss den Eindruck gewinnen, dass die politischen Verfehlungen als mindestens so gravierend empfunden werden wie die persönlichen. Seitenweise wird dort aufgelistet, welchem falschen Weltbild die leitenden Herren bei Springer anhängen (Zitat aus den Vorhaltungen: „…schrieb Fans der Grünenpolitikerin Annalena Baerbock nieder“, „…wettert in Kommentaren gegen die Linke“).

Es wäre interessant zu erfahren, wie man sich zum Beispiel beim „Spiegel“ die ideale „Bild“ vorstellt. Auf Seite eins: „Was wir Europa zu verdanken haben“. Auf Seite zwei dann das große Plädoyer, warum Robert Habeck unbedingt Finanzminister werden muss. Und im Sportteil die endgültige Abrechnung mit Impfskeptiker Joshua Kimmich und weshalb er uns alle betrogen hat. Vermutlich so.

Mich stimmt es auch skeptisch, wenn der Zeigefinger pfeilgerade in eine Richtung zeigt, ohne dass bedacht wird, dass drei Finger auf einen zurückweisen. Ich will hier nicht ins Detail gehen, Indiskretion im Privaten ist meine Sache nicht. Aber der Ressortleiter, der Sekretärinnen ins Hotel einlädt? Der Korrespondent, der der Assistentin nachstellt? Der Chefredakteur, der sich in eine Redakteurin verliebt? Der „zügellose Boys Club“, um bei der Formulierung zu bleiben, kennt mehr als eine Heimat.

Treue „Spiegel“-Leser werden sich die Augen reiben, wenn ab kommenden Samstag das Impressum um den Namen Rudolf Augstein bereinigt ist, aber daran führt jetzt wohl kein Weg mehr vorbei. Ein Mann, der zum Vorstellungsgespräch im Bademantel empfing? Der die Bewerberin fragte, ob sie nicht auch ficken wolle, ficken mit langem i gesprochen? Außerdem war Augstein nach den heutigen Maßstäben ein schlimmer Nationalist. Das allein müsste reichen, den Namen des Herausgebers aus der ersten Zeile des Impressums zu tilgen.

Zu Augsteins Verteidigung muss man sagen: Wenn die Bewerberin ablehnte, machte er den Bademantel wieder zu. Aber, bitt’ schön, wir haben schon aus geringerem Anlass Statuen geköpft, Universitäten umbenannt und Seminare gesprengt: Und da soll sich ein fortschrittlich gesinntes Magazin wie der „Spiegel“ nicht von einem Herausgeber trennen können, der für alles steht, was man heute verachtet? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Auch für die Gegenwart ergeben sich Fragen. Was machen wir mit dem Chefredakteur, der eine Affäre mit einer Kollegin aus dem Auslandsressort hat? Sehen wir darüber hinweg? Muss er seinen Posten niederlegen? Im Fall des Chefredakteurs, den ich vor Augen habe, mündete das ganze in einer Ehe. Vielleicht ist das die Lösung: Wer eine Büroaffäre beginnt, muss heiraten. Damit hätten wir den Kreis zu den 50er Jahren endgültig geschlossen.

In den USA sind sie schon weiter. Da werden ja auch vor Ausstellungen, die die Besucher verstören könnten, Warnhinweise verteilt. Der Redakteur der „New York Times“, der den Stein bei Springer ins Rollen brachte, empfiehlt die Versetzung eines der beiden Partner, sobald einer dem anderen vorgesetzt ist. Das klingt vernünftig. Aber je höher jemand aufgestiegen ist, desto schwerer wird es, sich an den Grundsatz zu halten. Im Zweifel muss dann einer der beiden die Firma verlassen. Im Zweifel ist es die Frau.

Wollen wir amerikanische Verhältnisse? Das sollten wir uns fragen. Der Chef von McDonald’s erhielt die Kündigung, als herauskam, dass er sich in eine Mitarbeiterin verliebt hatte. Mit der Beziehung habe er ein „schlechtes Urteilsvermögen“ an den Tag gelegt und gegen Vorschriften der Firma verstoßen, erklärte der Aufsichtsrat. Eine Liebesbeziehung als Verstoß gegen den Verhaltenskodex: Der Weg der Moral ist abschüssig. Man rutscht auf ihm schneller aus, als mancher denkt.

Die Kolumnistin Bettina Gaus hat vergangene Woche daran erinnert, dass es noch nicht so lange her ist, dass man es als unzulässige Einmischung des Arbeitgebers empfunden hätte, wenn der einen gefragt hätte, mit wem man was angefangen habe. Gaus war viele Jahre bei der „taz“, bevor sie im April zum „Spiegel“ wechselte. Sie gehört einer Generation an, die gegen den Muff der 50er Jahre kämpfte. Diese Generation hätte, im Gegensatz zu den Vertretern der neuen Sexualmoral, auch nichts gegen Aktbilder an der Wand einzuwenden gehabt.

©Michael Szyszka