Monat: Mai 2026

Das Mehrheitsparadox

Das kannten wir: Wenn die Bürger mit ihrer Regierung nicht mehr zufrieden sind, suchen sie sich eine neue. Das kannten wir nicht: Die Mehrheit wählt die Regierung ab – und alles bleibt beim Alten. Eine Buchempfehlung aus gegebenem Anlass

Elections have consequences, Wahlen haben Folgen, mit diesem berühmten Satz reagierte Barack Obama auf die Empörung der Gegner über seine Gesundheitsreform. Wer die Mehrheit einbüßt, muss damit leben, dass er nicht mehr das Sagen hat. Aber genau das Prinzip ist in Deutschland auf den Kopf gestellt.

Die Mehrheit sagt, dass sie sich eine andere Politik wünscht – doch es geht einfach so weiter wie gehabt. Nur die Geschwindigkeit hat sich geändert. Das Geld für den deutschen Sozialstaat fließt jetzt einfach doppelt so schnell.

Mir schreiben oft Leute: „Wie gut, dass es Sie gibt.“ Das freut mich natürlich. Mich erreicht ja nicht nur Lob. Ich erwähne das allerdings nicht, weil ich vorsorglich etwaigen Vorbehalten begegnen will (obwohl auch das nicht schaden kann). Ich erwähne es, weil ich glaube, dass die Zuschriften auf etwas Grundsätzlicheres hindeuten. Viele Menschen haben erkennbar das Gefühl, dass das, was sie so denken und wie sie die Dinge sehen, in der Politik und in den Medien deutlich unterrepräsentiert ist.

Ich kann ihnen da nicht widersprechen. Mein Eindruck ist auch, dass die Welt, wie sie in den Medien abgebildet wird, und die Welt, die eine Mehrheit nach wie vor als ihr Zuhause begreift, immer weiter auseinanderfallen.

Im Land da draußen leben jede Menge Menschen, die weder Winnetou für eine rassistische Figur halten noch Layla für einen Song, den man unter Aufführungsverbot stellen muss. Wäre es anders, müssten sich die Grünen keine Sorgen machen, ob sie jemals ins Kanzleramt einziehen.

Aber in dieses normale Deutschland setzen die meisten Journalisten (und offensichtlich auch Politiker) selten einen Fuß. Es kommt auf den Stehempfängen und Dinnerpartys, auf denen die meinungsbildenden Leute zusammenstehen, praktisch nicht vor.

Das normale Deutschland sind Orte wie Tuttlingen, Bitburg oder Wetzlar, jene als Provinz verspottete Welt, in der man zum Muttertag noch Blumen schenkt, Gendern für eine exotische Form der Fitness hält und nichts Verwerfliches an Gardinen und Häkeldeckchen findet. In dieser Welt sagt übrigens auch niemand: „Patchwork, ja, das ist mein Traum vom Glück. Das habe ich mir für meine Beziehung immer gewünscht.“

Friedrich Merz hat das Thema vor seiner Wahl zum Bundeskanzler aufgenommen und gesagt, Kreuzberg sei nicht Deutschland. Riesenaufregung im besorgten Teil der Republik. Im „Spiegel“ stand eine lange Philippika, warum sich Merz damit endgültig unmöglich gemacht habe. Merz betreibe das Geschäft der Ausgrenzung, so ein Mann dürfe nie Kanzler werden.

Kreuzberg ist nicht Deutschland? Na gottlob, würde ich sagen. Die Aussichten sind ohnehin düster. Alle in Europa legen beim Wachstum zu, nur wir werden ärmer. Wenn Deutschland wie Kreuzberg wäre, könnten wir komplett einpacken.

Was passiert, wenn die Mehrheit das Gefühl hat, am Rand zu stehen? Das ist das Thema, dem sich mein neues Buch widmet. Es heißt „Du bist nicht allein“. Es ist eine Art Trostbuch für alle, die sich gerade etwas heimatlos fühlen.

Der Mehrheitswille war noch nie so gut erforscht wie heute. Jede Woche fühlen Meinungsforschungsinstitute dem Wähler den Puls, fragen nach seinen Vorlieben, Abneigungen, Sorgen und Befürchtungen. Kein Politiker, der sich nicht auf den Bürger beruft. Sogar die Grünen führen bei der Durchsetzung ihrer Projekte gerne den Mehrheitswillen an. Und doch fühlt sich die Mehrheit ungehört. Mehr noch: Sie fühlt sich im Stich gelassen.

Auch das lässt sich ja den Umfragen entnehmen. Eine wachsende Gruppe von Menschen hat den Eindruck, dass sie mit ihrer Meinung mehr oder weniger alleine steht. Sie denken, dass es zunehmend gefährlich ist, offen zu äußern, was man denkt. Wenn man sie fragt, ob man sich in der Öffentlichkeit besser vorsehen sollte, was man sagt und was nicht, stimmen sie dieser Aussage zu. Mehr als die Hälfte der Deutschen sieht das so. Dabei bilden sie in Wahrheit die Mehrheit.

Die Sozialwissenschaft hat einen Namen für dieses Phänomen. Sie nennt es das „Mehrheitsparadox“. Der Einzelne glaubt, er sei mit seiner Meinung allein, obwohl in Wirklichkeit die meisten so denken wie er.

Es ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Da man glaubt, mit der eigenen Ansicht in der Minderheit zu sein, behält man sie lieber für sich, aus Angst, sich lächerlich zu machen. Weil die anderen aus demselben Grund schweigen, entsteht der öffentliche Eindruck, die Mehrheit stünde hinter einer Meinung, die in Wahrheit nur wenige teilen. Das wiederum führt dazu, dass am Ende kaum noch jemand den Mund aufmacht – was wiederum die vermeintliche Mehrheit noch stärker erscheinen lässt. Es kommt zur „pluralistischen Ignoranz“.

In einer Demokratie gibt es Mechanismen, die der pluralistischen Ignoranz entgegenwirken. Der bekannteste Mechanismus sind Wahlen. Aber dieses Korrektiv ist außer Kraft gesetzt. Die Wähler geben ihr Votum ab, doch es interessiert nicht. Der Mehrheit wird gesagt, dass sie gar nicht die Mehrheit sei, weil ein Viertel der Stimmen aus übergeordneten Gründen beim Willensbildungsprozess nicht zähle. Das ist das Mehrheitsparadox auf die Spitze getrieben.

Man könnte auch sagen: Wir werden Zeuge eines unerhörten Experiments. Zum ersten Mal in der Geschichte der parlamentarischen Demokratie macht sich eine Minderheit daran, der Mehrheit nicht nur vorzuschreiben, wo es langgeht. Die Mehrheit wird auch noch dafür verspottet, dass sie nicht so weit ist wie die Minderheit, die den Ton angibt.

Wie das oft ist bei Experimenten: Es ist nicht auszuschließen, dass es schiefgeht. Das unterscheidet ja das Experiment von der erprobten Lage. Wenn man Pech hat, fliegt alles in die Luft.

Es lohnt, die Versuchsanordnung einmal genauer anzusehen, würde ich sagen. Und ich verspreche Ihnen, dass Sie auf Ihre Kosten kommen. Sie kennen mich: Bei mir werden keine Gefangenen gemacht.

Dabei kommt alles zur Sprache: die Abwertung der Provinz als Ort des Bösen („Das Böse sitzt im Speckgürtel“), die Politisierung der Justiz, der Opportunismus im Mediengewerbe, die neue Kontrolle des öffentlichen Raums, der ewige Kampf gegen rechts („Alles Nazis außer Oma“).

Und selbstverständlich tauchen auch alle auf, die finden, dass es schon seine Ordnung habe, wenn alles so weiterlaufe wie gehabt. Carolin Kebekus, Klimaheulbojen wie Luisa Neubauer oder Maja Göpel, Jan Böhmermann, logisch, Bärbel Bas, unser großer Finanzminister Lars I., der empfindsame Friedrich.

Das ist ja das Gute, wenn das Buch bereits im Handel ist. Bevor die Anwälte in Marsch gesetzt sind, ist die erste Auflage schon unter die Leute gebracht.

Es ist wieder so weit

In Berlin schließt ein jüdisches Restaurant, weil die Angestellten bedroht werden. Ein paar Kilometer weiter erklärt man die Hamas zur Befreiungsorganisation, gesponsert durch eine deutsche Millionärsfamilie. Das ist die Lage

Kristin Helberg ist ein gern gesehener Gast im deutschen Fernsehen. Vor zwei Wochen saß sie wieder bei „Markus Lanz“, um über die Lage am Persischen Golf zu beraten.

Die Politikwissenschaftlerin hat sich einen Namen als Nahostexpertin gemacht. Sie lebte sieben Jahre in Damaskus, wo sie auch ihren Mann, einen syrischen Arzt, traf. Außerdem ist sie eine engagierte Vertreterin der palästinensischen Sache. „Helberg ist Mitorganisatorin mehrerer Palästina-Solidarität-Events in Deutschland“, lautet dazu der lapidare Eintrag bei Wikipedia.

Über ihren journalistischen Ansatz hat Helberg neulich, abseits der Fernsehkameras, auf der Bühne des Berliner Kulturhauses „Spore“ Auskunft gegeben. Bei Interviews habe sie Palästinenser häufig gebeten, bestimmte Sätze zu wiederholen, aber dabei auf das Wort „Jude“ zu verzichten, berichtete sie. Sie habe nämlich den Eindruck gewonnen, dass die Interviewten eigentlich gar nicht die Juden an sich meinten.

Helberg kennt die Empfindlichkeit der deutschen TV-Zuschauer. Ein Palästinenser, der vor der Kamera erklärt, dass er Juden hasst, mag in linken Zirkeln ein Held sein – beim allgemeinen Publikum kommt das nicht so gut an. Also habe sie jeweils gefragt: „Können Sie das noch mal sagen?“ Worauf die Interviewgäste auf ihre Intervention hin eine gesäuberte Version des Gesagten lieferten.

Dem langjährigen „Welt“-Autor Alan Posener fiel zu diesem eigenwilligen Verständnis unvoreingenommener Berichterstattung folgende Regieanweisung ein: „Könnten Sie das wiederholen, Herr Hitler, und dabei ‚Bolschewisten‘ und ‚Kapitalisten‘ sagen, nicht ‚Juden‘? Das klingt so antisemitisch. Danke.“ Manchmal muss man die Dinge zur Kenntlichkeit verzerren.

Man sollte vielleicht hinzufügen, in welchem Rahmen Frau Helberg über ihre Arbeitsmethoden sprach. Das Spore, in dem die Journalistin regelmäßig als Moderatorin auftritt, gilt als Hotspot der radikalen Anti-Israel-Linken. Auf derselben Veranstaltung wurde beredt Klage darüber geführt, wie propalästinensische Proteste „drangsaliert“, „dämonisiert“ und „entmenschlicht“ worden seien. Bei anderer Gelegenheit äußerten Diskussionsteilnehmer ihr Unverständnis, dass die Hamas in Deutschland als Terrororganisation eingestuft sei. Die Gewalt der Hamas sei Selbstverteidigung und durch das Völkerrecht gedeckt. Man müsse vielmehr von der Hamas als „Befreiungsorganisation“ sprechen.

Der „Tagesspiegel“ hat jetzt den Scheinwerfer der Aufklärung auf dieses Amalgam aus Terrorverherrlichung und Israelhass gelenkt. Dem Blatt ist es auch zu verdanken, dass wir etwas genauer über die Pro-bono-PR-Beratung der Nahostexpertin Helberg im Bilde sind.

Ein zweites Ereignis dieser bewegten Tage – ebenfalls aus Berlin, ebenfalls im Zusammenhang mit der Frage, was in Deutschland inzwischen normal ist und was nicht. In dem Fall handelt es sich um die Schließung eines Restaurants, eine Kapitulation vor dem Hass und das im wörtlichen Sinne.

Vor wenigen Tagen gaben die Betreiber des Restaurants „Gila & Nancy“ bekannt, dass ihr hochgelobtes Speiselokal am Gendarmenmarkt aufgebe. Schon die Eröffnung im September hatte sich wegen gewaltsamer Störaktionen immer wieder verzögert. Nun ist nach nur acht Monaten Schluss. Die Angriffe auf Angestellte, die Nachstellungen, Bedrohungen und Beleidigungen ließen der Mannschaft keine andere Wahl.

© Sören Kunz

Das ist ein in jeder Hinsicht niederschmetternder und unendlich trauriger Vorgang. Der Spitzenkoch Eyal Shani brachte den Berlinern nicht nur bei, was man aus einer einzigen Tomate an Himmelsspeise zaubern kann, er stand mit seiner Crew für Vielfalt und Respekt. Aber vielleicht war genau das ja der Skandal. Ein Israeli, der jeden Tag in seiner Küche beweist, dass Juden auch gute Gastgeber sind.

Man muss die beiden Ereignisse zusammendenken. Also die auftrumpfende Hamas-Verharmlosung, für die Frau Helberg ihr Gesicht leiht. Und den stillen Rückzug von in Deutschland lebenden Juden, weil man ihnen das Leben unerträglich macht.

Ich habe vor zweieinhalb Jahren die Pro-Pali-Umzüge zum Anlass für eine Kolumne genommen, in der ich schrieb, wir müssten uns entscheiden, wen wir in Deutschland behalten wollen: die Aggro-Araber, die auf den Aufmärschen ihren Hass auf den Westen und seine Werte herausschrien – oder die jüdischen Mitbürger.

Die Entscheidung ist gefallen. Wir ziehen es nur vor, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der laute, aggressive Teil der Pali-Bewegung hat gewonnen. Die strebsamen, fleißigen Leute gehen. So ist es ja meist: Es verschwinden nicht die Low Performer, die dem Staat auf der Tasche liegen, sondern diejenigen, die woanders gerne gesehen sind.

Natürlich hat es Folgen, wenn in einem Teil der Szene jeder als Zionist beschimpft wird, der sich nicht wiederholt und ausdrücklich von Israel distanziert. Und es bleibt oft nicht bei Beschimpfungen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat eine lange Liste von Anschlägen, Morddrohungen und Absagen von Veranstaltungen veröffentlicht, die alle eines gemeinsam haben: Die Opfer sind Opfer, weil sie Juden sind.

Selbstverständlich weisen Aktivisten wie Kristin Helberg den Verdacht, sie hätten etwas gegen Juden, entschieden zurück. Auch das gehört ja zu der neuen Menschenfeindlichkeit. Man hat nichts gegen Juden, man ist im Gegenteil ihr größter Freund. Sie dürfen halt nur nicht als Juden zu sehr in Erscheinung treten, dann wird’s ungemütlich. So wie auch die Linkspartei selbstredend nichts gegen die jüdischen Bürger hat. Sie will halt nur den Staat Israel von der Landkarte streichen.

Es gibt sogar Geld für diese Form des unverstellten Judenhasses. Hinter der Spore Initiative steht die Familie Schöpflin, die mit Versandhandel und Risikokapital reich wurde und nun Veranstaltungen finanziert, auf denen die Hamas zur Befreiungsbewegung umgedeutet wird.

Zitieren wir zum Schluss noch einmal aus dem Bericht des „Tagesspiegel“ über den mit Geld von Hans und Lisl Schöpflin geförderten Hamas-Werbeverein Spore:

„Im Februar 2025 stört sich eine Podiumsteilnehmerin daran, dass Deutsche zwar die aktuelle israelische Regierung kritisieren, aber nicht den Staat. Man unterscheide ja auch nicht zwischen amerikanischem Staat und amerikanischer Regierung. ‚Damit müssen wir aufhören‘, fordert die Teilnehmerin.“

„Moderatorin Helberg übernimmt: ‚Und das ist genau das große Problem in Deutschland, wirklich, das ist die knifflige Frage für Deutschland. Weil wir uns mit der Staatsräson wirklich klar aussprechen für das Existenzrecht des Staates Israel als jüdischer und demokratischer Staat. Das ist das große Problem in Deutschland …‘“

Wenn ich es mir recht überlege: Vielleicht hat Frau Helberg recht. Warum nicht aus gegebenem Anlass über Deutschland in den Grenzen von 1938 nachdenken? Ich bin gegen das Existenzrecht Österreichs. Und das Existenzrecht Polens ist vielen Leuten ebenfalls seit Langem ein Dorn im Auge. Das wäre doch ein gutes Thema für den nächsten TV-Auftritt!

Die Verachtung des Wählers

Der Finanzminister wurde gefragt, wer in Deutschland alles Staatsgeld bekommt, weil er sich angeblich für die Demokratie einsetzt. Seine Antwort: Dazu könne man von ihm keine Auskunft erwarten. Nennen wir ihn jetzt König Lars I.?

Wählermissachtung, das kannten wir. Dass Politiker den Wählerwillen ignorieren und denken: „Was ich im Wahlkampf versprochen habe, das muss ich nicht so ernst nehmen“ – daran haben wir uns gewöhnt.

Diese Regierung ist einen Schritt weiter: Sie verachtet die Menschen, die ihr die Stimme gegeben haben. Und sie zeigt es ganz offen. Das ist neu. Wenn Politiker das Wahlvolk gering schätzen, geben sie sich normalerweise Mühe, die Geringschätzung zu verbergen. Aber unverhohlene Herablassung? Das kannten wir bislang nur aus Fürstentümern und Schurkenstaaten.

Der Finanzminister wurde gefragt, welche Empfänger in den vergangenen sechs Jahren alles Staatsgeld bekamen, weil sie versprachen, sich für die Demokratie einzusetzen. Das ist eine naheliegende Frage. Es vergeht schließlich kaum ein Tag, an dem nicht ein Vertreter der Regierung erklärt, dass der Staat so unterfinanziert sei, dass man das Undenkbare denken müsse. Von „Haushaltsnotlage“ spricht der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch.

Man wüsste also gerne, wo sich eventuell sparen ließe. Nicht jeder, der vorgibt, die Demokratie zu verteidigen, ist möglicherweise so unentbehrlich, dass an eine Kürzung der Gelder nicht zu denken wäre.

Und wir reden nicht von Peanuts. Es sind substanzielle Summen, die der Staat in die Förderung der sogenannten Zivilgesellschaft steckt, wie sich die NGO-Szene nennt. 187 Millionen Euro verwaltet allein die Familienministerin über ihr Programm „Demokratie leben!“, und das ist nur eines von vielen solcher Programme. Nahezu jedes Ministerium hat seine Lieblingsprojekte, die es mit Steuergeld pampert.

Also erging an den Finanzminister aus den Reihen des Parlaments die Aufforderung, für Klarheit zu sorgen. Wer bekommt was? Eine vollständige Liste der Subventionsempfänger sollte er liefern. Seine Antwort: Dazu sehe er sich leider nicht in der Lage.

„In den zahlreichen Geschäftsbereichsbehörden der Bundesregierung wären verschiedene Listen, Datenbanken und Papierakten zu recherchieren, sodass pro Einzelzuwendung von einem Zeitaufwand von durchschnittlich mindestens 20 Minuten auszugehen ist“, heißt es zur Begründung. Allein bei den rund 7000 Einzelzuwendungen der stichprobenhaft befragten Behörden des Bundesinnenministeriums ergäbe dies einen Arbeitsaufwand von über 2300 Arbeitsstunden. Und da sei der Koordinierungsaufwand innerhalb der Ressorts noch gar nicht berücksichtigt. Das heißt: keine Auskunft aus dem Hause Klingbeil.

Das ist ein in jeder Hinsicht beispielloser Vorgang. Das Haushaltsrecht ist das vornehmste Recht des Parlaments. Als Regierung jederzeit Rede und Antwort stehen zu müssen über die Verwendung der ihr anvertrauten Gelder, damit beginnt die parlamentarische Demokratie. Es ist auch bis heute geltende Gesetzeslage. „Alle Einnahmen und Ausgaben des Bundes sind in den Haushaltsplan einzustellen“, heißt es in Artikel 110 Grundgesetz.

Es handelt sich ja nicht um Geld aus der Privatschatulle von Lars Klingbeil oder um Parteivermögen. Es handelt sich um Geld, das die Politik unter Zwangsandrohung einsammeln lässt, um es in ihrem Sinne zu verwenden. Wer der Zahlungsaufforderung nicht nachkommt, muss mit empfindlichen Geldstrafen rechnen, bei Säumigkeit drohen hohe Haftstrafen.

Ein Finanzminister, der nicht willens oder in der Lage ist, den Verbleib der von ihm eingetriebenen Steuern zu klären, ist alles mögliche, aber jedenfalls nicht im modernen Sinne aufgeklärt. Er handelt eher wie ein Potentat, der es sich verbittet, dass der Plebs Fragen stellt. Das Volk soll dankbar sein für das, was man ihm an Erklärungen hinwirft, und ansonsten schweigen. So stellt man sich das in Berlin in der Regierung Merz-Klingbeil offenbar vor.

© Silke Werzinger

Umgekehrt darf man selbstverständlich nicht mit Nachsicht rechnen. Ein Leser erinnerte auf X daran, dass das Lieferkettengesetz Unternehmen verpflichtet, bis zur letzten Schraube die Herkunft zu klären. Wehe dem, der nicht lückenlos nachweisen kann, woher sein Stoff, sein Metall oder sein Schrot stammt. Aber zu klären, welche NGO wie viel Steuergeld erhalten hat, dazu ist der Aufwand zu groß!

Der Verdacht liegt nahe, dass Klingbeil über die Subventionsempfänger nicht Auskunft geben will. Dass er fürchtet, dass es ihm wie der Entwicklungshilfeministerin ergeht, die in Erklärungsnot steckt, seitdem sich herumgesprochen hat, wer alles auf Hilfe aus ihrem Haus vertrauen kann. Entwicklungshilfe klingt vornehm – die Finanzierung von Fahrradwegen in Peru und Gendertraining in Afghanistan schon deutlich weniger.

So verhält es sich auch mit der Demokratieförderung. Die Quersubventionierung von Meldestellen gegen Antifeminismus, in der jeder zur Anzeige gebracht wird, der nicht korrekt gendert; die Förderung von Beratungsangeboten, in denen „Dünnsein“ als patriarchales Unterdrückungsinstrument entlarvt wird; die Versorgung von Neuntklässlern mit Pornoheftchen zwecks „künstlerischer Bildungsarbeit“, um Rechtsextremismus und Rassismus entgegenzuwirken? Da sagt sich die Mehrheit der Bürger:Das muss eher nicht sein, jedenfalls nicht mit unserem Geld.

Wird es unter den geförderten Organisationen Einrichtungen geben, die jeden Euro wert sind, den man ihnen zuweist? Mit Sicherheit. Aber man wüsste es halt gern genauer, um sich selbst ein Urteil bilden zu können. So muss man sich auf die Versicherung der Regierenden verlassen, dass alles seine Ordnung habe.

Wir erinnern uns: Schon die Aufnahme der Koalitionsverhandlungen wurde davon abhängig gemacht, dass niemand lästige Fragen stellt. Entweder die CDU ziehe umgehend ihren Fragenkatalog zur NGO-Förderung zurück, oder die Verhandlungen seienbeendet, bevor sie begonnen hätten – so lautete das Ultimatum.

Die CDU hält sich seitdem strikt an das Frageverbot. Aber wie das so ist in einer Demokratie, da gibt es auch eine Opposition. In dem Fall ist es die AfD, die nicht lockerlässt. Daher die Anfrage an Klingbeil.

Dass seine Frau selbst eine Nichtregierungsorganisation leitet, der Finanzminister also schon familiär dem NGO-Komplex nahesteht, kann als Erklärung nicht reichen. Wenn es eine Welt gibt, die ganz und gar in grüner Hand ist, dann diese. Warum also hält der SPD-Parteichef die Hand über die Szene?

Es handelt sich um eine Verwechslung. Klingbeil denkt, es seien seine Leute, die er schütze. Die wenigen Traditionswähler, die der SPD geblieben sind, wissen es besser als der Vizekanzler. Sie sehen Vereine wie HateAid oder die Amadeu Antonio Stiftung und erkennen instinktiv: Mit diesen Leuten haben sie nichts, aber auch gar nichts zu schaffen.

Eine Partei, die ihre Wähler nicht mehr erreicht, ist ein tragischer Fall. Eine Partei, die nicht einmal mehr weiß, wer sie wählt und wer nicht, ist hoffnungslos verloren.

Ich halte das Verhalten der SPD für suizidal. Wer soll in Zukunft noch für sie stimmen? Die progressive Akademikerelite, die Projekte wie den Kampf gegen patriarchale Strukturen für das Nonplusultra hält, ist längst bei den Grünen. Und in den Angestellten- und Arbeitermilieus, in denen die SPD lange stark war, hat man andere Probleme als die Auseinandersetzung mit falschen Körperbildern und falscher Sprache.

Der Sozialdemokratie ist nicht mehr zu helfen. Die entscheidende Frage ist, ob die CDU mit ihr untergehen will. Oder ob sie sich lossagt. Die CDU hat noch eine Chance, die SPD nicht mehr.