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Die Verachtung des Wählers

Der Finanzminister wurde gefragt, wer in Deutschland alles Staatsgeld bekommt, weil er sich angeblich für die Demokratie einsetzt. Seine Antwort: Dazu könne man von ihm keine Auskunft erwarten. Nennen wir ihn jetzt König Lars I.?

Wählermissachtung, das kannten wir. Dass Politiker den Wählerwillen ignorieren und denken: „Was ich im Wahlkampf versprochen habe, das muss ich nicht so ernst nehmen“ – daran haben wir uns gewöhnt.

Diese Regierung ist einen Schritt weiter: Sie verachtet die Menschen, die ihr die Stimme gegeben haben. Und sie zeigt es ganz offen. Das ist neu. Wenn Politiker das Wahlvolk gering schätzen, geben sie sich normalerweise Mühe, die Geringschätzung zu verbergen. Aber unverhohlene Herablassung? Das kannten wir bislang nur aus Fürstentümern und Schurkenstaaten.

Der Finanzminister wurde gefragt, welche Empfänger in den vergangenen sechs Jahren alles Staatsgeld bekamen, weil sie versprachen, sich für die Demokratie einzusetzen. Das ist eine naheliegende Frage. Es vergeht schließlich kaum ein Tag, an dem nicht ein Vertreter der Regierung erklärt, dass der Staat so unterfinanziert sei, dass man das Undenkbare denken müsse. Von „Haushaltsnotlage“ spricht der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch.

Man wüsste also gerne, wo sich eventuell sparen ließe. Nicht jeder, der vorgibt, die Demokratie zu verteidigen, ist möglicherweise so unentbehrlich, dass an eine Kürzung der Gelder nicht zu denken wäre.

Und wir reden nicht von Peanuts. Es sind substanzielle Summen, die der Staat in die Förderung der sogenannten Zivilgesellschaft steckt, wie sich die NGO-Szene nennt. 187 Millionen Euro verwaltet allein die Familienministerin über ihr Programm „Demokratie leben!“, und das ist nur eines von vielen solcher Programme. Nahezu jedes Ministerium hat seine Lieblingsprojekte, die es mit Steuergeld pampert.

Also erging an den Finanzminister aus den Reihen des Parlaments die Aufforderung, für Klarheit zu sorgen. Wer bekommt was? Eine vollständige Liste der Subventionsempfänger sollte er liefern. Seine Antwort: Dazu sehe er sich leider nicht in der Lage.

„In den zahlreichen Geschäftsbereichsbehörden der Bundesregierung wären verschiedene Listen, Datenbanken und Papierakten zu recherchieren, sodass pro Einzelzuwendung von einem Zeitaufwand von durchschnittlich mindestens 20 Minuten auszugehen ist“, heißt es zur Begründung. Allein bei den rund 7000 Einzelzuwendungen der stichprobenhaft befragten Behörden des Bundesinnenministeriums ergäbe dies einen Arbeitsaufwand von über 2300 Arbeitsstunden. Und da sei der Koordinierungsaufwand innerhalb der Ressorts noch gar nicht berücksichtigt. Das heißt: keine Auskunft aus dem Hause Klingbeil.

Das ist ein in jeder Hinsicht beispielloser Vorgang. Das Haushaltsrecht ist das vornehmste Recht des Parlaments. Als Regierung jederzeit Rede und Antwort stehen zu müssen über die Verwendung der ihr anvertrauten Gelder, damit beginnt die parlamentarische Demokratie. Es ist auch bis heute geltende Gesetzeslage. „Alle Einnahmen und Ausgaben des Bundes sind in den Haushaltsplan einzustellen“, heißt es in Artikel 110 Grundgesetz.

Es handelt sich ja nicht um Geld aus der Privatschatulle von Lars Klingbeil oder um Parteivermögen. Es handelt sich um Geld, das die Politik unter Zwangsandrohung einsammeln lässt, um es in ihrem Sinne zu verwenden. Wer der Zahlungsaufforderung nicht nachkommt, muss mit empfindlichen Geldstrafen rechnen, bei Säumigkeit drohen hohe Haftstrafen.

Ein Finanzminister, der nicht willens oder in der Lage ist, den Verbleib der von ihm eingetriebenen Steuern zu klären, ist alles mögliche, aber jedenfalls nicht im modernen Sinne aufgeklärt. Er handelt eher wie ein Potentat, der es sich verbittet, dass der Plebs Fragen stellt. Das Volk soll dankbar sein für das, was man ihm an Erklärungen hinwirft, und ansonsten schweigen. So stellt man sich das in Berlin in der Regierung Merz-Klingbeil offenbar vor.

© Silke Werzinger

Umgekehrt darf man selbstverständlich nicht mit Nachsicht rechnen. Ein Leser erinnerte auf X daran, dass das Lieferkettengesetz Unternehmen verpflichtet, bis zur letzten Schraube die Herkunft zu klären. Wehe dem, der nicht lückenlos nachweisen kann, woher sein Stoff, sein Metall oder sein Schrot stammt. Aber zu klären, welche NGO wie viel Steuergeld erhalten hat, dazu ist der Aufwand zu groß!

Der Verdacht liegt nahe, dass Klingbeil über die Subventionsempfänger nicht Auskunft geben will. Dass er fürchtet, dass es ihm wie der Entwicklungshilfeministerin ergeht, die in Erklärungsnot steckt, seitdem sich herumgesprochen hat, wer alles auf Hilfe aus ihrem Haus vertrauen kann. Entwicklungshilfe klingt vornehm – die Finanzierung von Fahrradwegen in Peru und Gendertraining in Afghanistan schon deutlich weniger.

So verhält es sich auch mit der Demokratieförderung. Die Quersubventionierung von Meldestellen gegen Antifeminismus, in der jeder zur Anzeige gebracht wird, der nicht korrekt gendert; die Förderung von Beratungsangeboten, in denen „Dünnsein“ als patriarchales Unterdrückungsinstrument entlarvt wird; die Versorgung von Neuntklässlern mit Pornoheftchen zwecks „künstlerischer Bildungsarbeit“, um Rechtsextremismus und Rassismus entgegenzuwirken? Da sagt sich die Mehrheit der Bürger:Das muss eher nicht sein, jedenfalls nicht mit unserem Geld.

Wird es unter den geförderten Organisationen Einrichtungen geben, die jeden Euro wert sind, den man ihnen zuweist? Mit Sicherheit. Aber man wüsste es halt gern genauer, um sich selbst ein Urteil bilden zu können. So muss man sich auf die Versicherung der Regierenden verlassen, dass alles seine Ordnung habe.

Wir erinnern uns: Schon die Aufnahme der Koalitionsverhandlungen wurde davon abhängig gemacht, dass niemand lästige Fragen stellt. Entweder die CDU ziehe umgehend ihren Fragenkatalog zur NGO-Förderung zurück, oder die Verhandlungen seienbeendet, bevor sie begonnen hätten – so lautete das Ultimatum.

Die CDU hält sich seitdem strikt an das Frageverbot. Aber wie das so ist in einer Demokratie, da gibt es auch eine Opposition. In dem Fall ist es die AfD, die nicht lockerlässt. Daher die Anfrage an Klingbeil.

Dass seine Frau selbst eine Nichtregierungsorganisation leitet, der Finanzminister also schon familiär dem NGO-Komplex nahesteht, kann als Erklärung nicht reichen. Wenn es eine Welt gibt, die ganz und gar in grüner Hand ist, dann diese. Warum also hält der SPD-Parteichef die Hand über die Szene?

Es handelt sich um eine Verwechslung. Klingbeil denkt, es seien seine Leute, die er schütze. Die wenigen Traditionswähler, die der SPD geblieben sind, wissen es besser als der Vizekanzler. Sie sehen Vereine wie HateAid oder die Amadeu Antonio Stiftung und erkennen instinktiv: Mit diesen Leuten haben sie nichts, aber auch gar nichts zu schaffen.

Eine Partei, die ihre Wähler nicht mehr erreicht, ist ein tragischer Fall. Eine Partei, die nicht einmal mehr weiß, wer sie wählt und wer nicht, ist hoffnungslos verloren.

Ich halte das Verhalten der SPD für suizidal. Wer soll in Zukunft noch für sie stimmen? Die progressive Akademikerelite, die Projekte wie den Kampf gegen patriarchale Strukturen für das Nonplusultra hält, ist längst bei den Grünen. Und in den Angestellten- und Arbeitermilieus, in denen die SPD lange stark war, hat man andere Probleme als die Auseinandersetzung mit falschen Körperbildern und falscher Sprache.

Der Sozialdemokratie ist nicht mehr zu helfen. Die entscheidende Frage ist, ob die CDU mit ihr untergehen will. Oder ob sie sich lossagt. Die CDU hat noch eine Chance, die SPD nicht mehr.

Wann sind Frauen wirklich glücklich?

Warum bleiben auch gut gebildete Frauen zu Hause oder begeben sich freiwillig in die sogenannte Teilzeitfalle? Die SPD sagt, weil das Steuerrecht sie dazu ermuntert. Aber was, wenn Frauen einfach cleverer sind als Männer?

Die SPD will gegen überholte Rollenbilder vorgehen, so hat es die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Wiebke Esdar, angekündigt. Als überholt gilt der SPD eine Familie, in der ein Elternteil zu Hause bleibt, um sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Nur die Familie, in der beide Ehepartner voll arbeiten, lebt auf der Höhe der Zeit und damit konform mit den Werten der Sozialdemokratie, so muss man Frau Esdar verstehen.

Woran es liegt, dass die Ehe bei vielen Deutschen in der Vormoderne stecken geblieben ist? Auch darauf hat die SPD eine Antwort. Ihre Experten sagen, dass das Ehegattensplitting an der misslichen Lage schuld sei, weil es alte Rollenbilder zementiere. Wegen des Steuervorteils lohne es für Frauen oft nicht, mehr zu arbeiten. Weg mit dem Ehegattensplitting, lautet deshalb die Forderung der Stunde.

Um allen Verdächtigungen gleich die Spitze zu nehmen: Was die Zementierung überholter Rollenbilder angeht, habe ich mir ausnahmsweise nichts vorzuwerfen. Bei der häuslichen Verteilung der sogenannten Care-Arbeit bin ich klar in Führung.

Ich bin der Erste, der aufsteht, um das Frühstück für die Kinder zu machen. Ich setze sie in den Bus und hole sie von der Schule ab. Selbstverständlich liegen auch Arzttermine und die Fahrten zum Nachmittagssport in meiner Verantwortung. Meine Frau hasst es, wenn ich auf dem Thema herumreite. Sie sitzt, anders als ich, die meiste Zeit des Tages im Büro. An dieser Stelle muss ich allerdings aus Selbstschutz sagen, wie es ist.

Aber wer weiß, vielleicht sind sie bei der SPD längst weiter. Was heute noch à jour war, kann morgen schon überholt sein. Ich habe deshalb in Erfahrung zu bringen versucht, was man vom SPD-Parteivorsitzenden Lars Klingbeil als Rollenvorbild lernen kann. Es ist gar nicht so einfach zu sagen. Er macht ein großes Geheimnis um sein Privatleben. Im vergangenen Jahr ist er Vater geworden, das immerhin lässt sich in Erfahrung bringen.

Ich mag komplett falschliegen, aber wenn ich mir die Termine des SPD-Chefs anschaue, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Mann zu Hause seinen gerechten Anteil an der Care-Arbeit leistet. Ich wäre der Letzte, ihm das zum Vorwurf zu machen. Was die persönliche Lebensgestaltung angeht, bin ich ultraliberal. Aber sollte man nicht etwas bescheidener auftreten, wenn man so deutlich die Latte reißt? Just asking.

Lassen wir für einen Moment die Frage beiseite, ob die Regierung nicht schon genug damit zu tun hat, gegen den wirtschaftlichen Niedergang zu kämpfen. Das beste Rollenbild taugt nichts, wenn es niemanden mehr gibt, der die Familie ernähren kann. Dann müssen beide zu Hause bleiben, das ist dann doppelt veraltet. Oder kommt es nur darauf an, dass nicht einer mehr arbeitet als der andere? Dann würde auch die geteilte Arbeitslosigkeit als vorbildlich gelten, weil in dem Fall alle daheim sind. Man müsste mal Frau Esdar dazu befragen.

Die „Spiegel“-Redakteurin Laura Backes hat vor ein paar Wochen ausführlich mit Tradwives gesprochen, eine Wortschöpfung aus „traditionell“ und „Ehefrau“. Es handelt sich dabei um einen Trend aus den Vereinigten Staaten, der jetzt auch nach Deutschland schwappt. Genau genommen ist es eine uralte Sache: Die Frau kümmert sich um den Haushalt, der Mann schafft das Geld ran. Weil aber die Tradwives ihr Leben auf Instagram ausstellen, gilt die Sache als hip.

Was mich bei der Lektüre überrascht hat: wie unentschieden die Autorin war. Ich hatte einen Verriss erwartet, eine harte Philippika gegen die Verräterinnen, die alles mit Füßen treten, wofür die Frauenbewegung auf die Straße gegangen ist. Aber nichts da. Zwischen den Zeilen schimmerte ein merkwürdiges Verständnis für die Rückkehr zum traditionellen Lebensstil durch. Man konnte geradezu eine Sehnsucht herauslesen, mal auszusteigen und den ganzen Büroalltag einfach hinter sich zu lassen.

Warum bleiben auch gut gebildete Frauen zu Hause oder begeben sich freiwillig in die Teilzeitfalle, wie das andere Lebensmodell heißt, das die SPD ablehnt? An mangelnden Bildungsabschlüssen kann es nicht liegen. Wir können eine Feminisierung ganzer Berufszweige beobachten. Die Mehrzahl der Mediziner, die die Uni verlassen, sind heute Frauen, auch die Mehrheit der Juraabgänger ist weiblich. Da sie in der Regel außerdem über die besseren Abschlüsse verfügen als ihre männlichen Mitbewerber, stehen ihnen alle Türen offen.

Ich glaube, viele Frauen treten beruflich kürzer, weil sie es wollen. Ich habe mich neulich mit einem Chefarzt einer Klinik in Essen unterhalten. Der Mann suchte händeringend nach Bewerberinnen für zwei offene Oberarztstellen. Aber niemand will den Job machen. Die meisten, die er anspricht, arbeiten gerne als Ärztin, wie sie sagen, aber eben nicht 40 oder 50 Stunden. Und die Verantwortung für eine Station, die wollen sie erst recht nicht.

Die Sache hat eine gesellschaftliche Dimension, nur ganz anders, als die SPD sich das vorstellt. Wenn ein Gutteil der Ärzte beschließt, nur noch 50 Prozent zu arbeiten, hat das unmittelbare Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung. Wäre ich bei der SPD, würde ich darüber mal nachdenken, schon unter dem Gerechtigkeitsgesichtspunkt. Das Medizinstudium ist ein relativ teures Studium, vom Steuerzahler mit überschlägig 200 000 Euro pro Studienplatz finanziert. Da muss die Frage erlaubt sein, was er dafür zurückbekommt.

Warum verspüren eher Frauen als Männer den Drang, es ruhiger angehen zu lassen? Möglicherweise sind Frauen
einfach schlauer. Ein Blick auf die Lebenserwartung zeigt, dass ihre Entscheidung der Gesundheit jedenfalls nicht abträglich ist. Fast fünf Jahre
mehr Lebenszeit als Männer – das ist ein halbes Jahrzehnt.

Der Soziologe Martin Schröder hat vor zwei Jahren unter dem Titel „Wann sind Frauen wirklich zufrieden?“ die Ergebnisse der Forschung vorgestellt. Entgegen der weitverbreiteten Annahme, dass viele Frauen sich ungerecht behandelt fühlen, zeigen die Befunde das Gegenteil. Was die Lebenszufriedenheit angeht, lagen Männer zuletzt bei 7,43 von 10 möglichen Punkten, Frauen bei 7,48.

Auch mit dem viel beschriebenen Pay-Gap hadern Frauen weniger, als man vermuten sollte. Ausweislich der Umfragen sahen Frauen beruflichen Erfolg als weniger wichtiger an, was den Gehaltsunterschied erklärt. Wer sich mehr reinhängt, verdient in der Regel auch mehr.

Ich glaube, der Effekt von Steueranreizen wird grundsätzlich überschätzt. Wo Steueranreize funktionieren, sind Abschreibungen. Die Bauherrenmodelle, die Leute eingingen, weil irgendein Steuerberater ihnen das aufgeschwatzt hatte, sind Legion. Aber dass Leute ihre Familienplanung danach ausrichten, ob der Staat einem steuerliche Vorteile gewährt? Da habe ich doch Zweifel.

Wir können ja den Versuch machen. Wir streichen probeweise alle Vergünstigungen und schauen, was passiert. Ich gehe jede Wette ein, dass kaum jemand deshalb darüber nachdenkt, sich an die Werkbank zu stellen, weil die Steuerklasse 5 entfällt. Auf so eine Idee können nur Politiker kommen, die alles für käuflich halten.

© Silke Werzinger