Lachen nach Zahlen

Die Komikerin, die dem hellen Deutschland gefällt, ist Carolin Kebekus. Bei ihr ist jeder Witz vom Humor-TÜV geprüft und freigegeben, ganz anders als bei Dieter Nuhr. Deshalb wird Nuhr auch durch die Mangel gedreht

Dieter Nuhr hat Ferien in Frankreich verbracht. Hätte er sich doch für Italien entschieden. Oder Holland. Oder Belgien. Dann hätte man gesagt: okay. Aber Frankreich?

„Der Kabarettist befindet sich derzeit in Frankreich – ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot“, stand in einem Kommentar bei n-tv.

Belgien wäre beim zweiten Nachdenken auch nicht besser gewesen. Wofür ist das Land bekannt? Pommes, Pralinen und Päderasten, in der Reihenfolge. In Italien steht nach landläufiger Medienmeinung eine Faschistin an der Spitze. Am besten bleibt man zu Hause, wenn die Humorpolizei einen in ihrer Verdächtigenkartei führt. Dann ist nicht einmal die Wahl des Urlaubsortes eine harmlose Sache.

Nuhr steht sein Längerem unter Beobachtung. Wer sich über Grüne lustig macht, lebt gefährlich. Jetzt heißt es, er habe den Bogen endgültig überspannt. Angeblich hat er einen Witz über Femizide gemacht. Das ist der Vorwurf, so steht es im „Spiegel“, dem „Stern“, der „Zeit“. Sogar die „FAZ“ schrieb, Nuhr sei unterste Schublade, nur, wie bei der „FAZ“ üblich, mit mehr Worten. Ich habe dem entnommen, dass man auch im Feuilleton in Frankfurt „Nuhr im Ersten“ schaut. Hätte ich nicht gedacht.

Tatsächlich hat sich Nuhr darüber ausgelassen, dass jeder Mann im grünen Milieu als Täter gilt. Ich würde sagen: kein ganz unbedeutender Unterschied. Aber so leicht will man ihn nicht davonkommen lassen. Jeder Witz über das Geschlechterverhältnis ist ein Witz zu viel. Außerdem hat Nuhr Frauen geraten, sich den Mann anzusehen, mit dem sie in die Kiste steigen. „Vielleicht auch einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist“, lautete seine Empfehlung. Das war erkennbar ein Gag, möglicherweise ein schlechter Gag, aber es war dennoch ein Gag. In seinem Fall war es halt der Gag zu viel.

Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Sagt der Volksmund. Schon das ist eine Auffassung, die einen in die Bredouille, um nicht zu sagen in Teufels Küche bringen kann. Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als es als erstrebenswert galt, die Grenzen des Humors zu testen. Auch vor ausgesprochenen Geschmacklosigkeiten und Tabuverletzungen schreckte man nicht zurück. Heute darf erst gelacht werden, wenn der Humor-TÜV die Freigabe zum Lachen erteilt hat.

Die Komikerin, die dem hellen Deutschland gefällt, ist Carolin Kebekus. Alles, was Nuhr falsch macht, macht sie richtig.

© Silke Werzinger

Robin Williams hat einmal auf die Frage, warum die Deutschen nicht lustig seien, geantwortet, das sei halt die Folge, wenn man alle lustigen Menschen umbringe. Kebekus ist der Beweis, dass Williams im Prinzip recht hat.

Wenn ich nicht schlafen kann, schaue ich mir manchmal alte Folgen in der ARD-Mediathek an. Meine Lieblingsfolge, um runterzukommen: Carolin Kebekus begeht die Trump-Wahl.

Die Comedienne steht mit einem Cowboyhut auf der Bühne und singt: „Ich hoffe, Deutschland macht es besser und wird nicht braun, braun, braun. Denn ich lass mir meine Zukunft nicht versaun, saun, saun.“ Dann werden alle aufgefordert mitzumachen. Weil ihr Publikum vornehmlich aus Leuten besteht, für die der Gipfel der Komik erreicht ist, wenn der Hund in den Garten des Nachbarn pinkelt, klatschen alle brav mit.

Im letzten Jahr war Annalena Baerbock zu Gast. Erst ging es um Essen mit Markus Söder, dann um Tampons von Alice Weidel. Als Kebekus „Tampon“ sagte, fegte ein Lachorkan über die Studioreihen. Okay, dachte ich, Blut-und-Boden-Humor hat doch wieder eine Zukunft.

Mir ist es ein Rätsel, wie Leute zwei Stunden jemanden frenetisch beklatschen können, der es für einen Granatenwitz hält, wenn man „Trump“ auf „Horror-Clown“ reimt. Dagegen ist jede „Mainz bleibt Mainz“-Sitzung eine intellektuelle Gipfelleistung. Im Feuilleton wird Kebekus dennoch auf Händen getragen. Dort ist Lachen nach Zahlen nach wie vor ein Hit.

Jetzt ist Deutschlands Antwort auf Robin Williams auch noch Mutter geworden. Also Frau plus Humor plus Baby – da schmelzen die letzten Vorbehalte. Was fällt Frau Kebekus zur Kindererziehung ein: Sie hätte es sich nicht vorstellen können, dass es so anstrengend wird. Tja, willkommen in meiner Welt, kann ich nur sagen.

Wir sind an einem Punkt, wo man mit einem schlechten Scherz seine Karriere beenden kann. Wir waren da schon einmal, aber ich hatte die Hoffnung, wir hätten das überwunden.

Der Kebekus-Kollege Luke Mockridge hat im vergangenen Jahr einen Witz über Behinderte gemacht. Er stand bereits wegen Me-Too-Vorwürfen unter Beobachtung. Dann saß der arme Tropf in einem Podcast und machte sich über Schwimmer bei den Paralympics lustig.

Hey, es war ein blöder Witz, würde ich sagen. Aber das gilt heute nicht mehr als Entschuldigung. Eigentlich sollte Mockridge bei Sat.1 eine neue Chance erhalten. Die Show war schon im Kasten. Aber nachdem eine Radsportlerin Einspruch erhob, zog Sat.1 den Stecker, wie man bei der „FAZ“ sagt. Keine Show, kein Mockridge mehr. Wie gut, dass Mario Barth sich auf humoristische Kaffeefahrten verlegt hat. Wer seit zwanzig Jahren denselben Witz recycelt, fällt irgendwann unter das Klimaneutralitätsgesetz.

Das Gegenkonzept zu Humor heißt Betroffenheit. Wo der Betroffene sein Haupt erhebt, muss der Humor schweigen. Weil die Zahl der Betroffenen mit jedem Jahr wächst, wird das Feld, das der Humorist beackern kann, immer kleiner.

Tabu sind schon mal Behinderte, Alte und Kranke, klar. Dazu kommen die Angehörigen diverser Minderheiten wie Türken, Araber und selbstverständlich alle osteuropäischen Völker und Volksgruppen. Der beliebte Polenwitz, mit dem Harald Schmidt Erfolge feierte, steht schon seit Jahren auf dem Index. Auch von Witzen über Italiener, Franzosen und andere Mittelmeerbewohner ist dringend abzuraten.

Unterschätze nie die Kränkungsbereitschaft des Südländers, wäre mein Rat. Als ich mich anlässlich des Unglücks der Costa Concordia am Beispiel des Schiffskapitäns Francesco Schettino über die „Bella Figura“-Attitüde der Italiener lustig machte, brachte mir das erst einen empörten Brief des italienischen Botschafters an meine Chefredaktion ein und dann die Verwünschungen der gesamten Berlusconi-Presse.

Zwischenzeitlich war plötzlich der Britenwitz wieder möglich. Der Brexit lüftete kurzzeitig das Witz-Embargo. Aber auch damit ist es wieder vorbei, seit a) Labour regiert und b) die Insel den Anschluss zurück ans Festland sucht.

Kompliziert wird es, weil inzwischen auch Frauen im Generellen dem humoristischen Zugriff entzogen sind, plus alle, die sich für Frauen halten beziehungsweise als Frauen lesen und gelesen werden. Witze über Mütter, Schwangere und grüne Politikerinnen sind aus grundsätzlichen Erwägungen außen vor. Womit eigentlich nur eine Gruppe bleibt, über die man gefahrlos herziehen kann: Männer ab 40, vorausgesetzt natürlich, sie sind heterosexuell und weiß. Scherze über Schwule oder Schwarze? Da kann man sich gleich die Karten legen.

Tote weiße Männer gehen auch. In dem Fall dürfen sie sogar jünger als 40 sein. Besonders komisch ist es, wenn sie ans Kreuz genagelt wurden. Dann findet selbst Carolin Kebekus nicht mehr aus dem Lachen heraus.

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