Monat: Juni 2026

Jubel und Genozid

Dass »Die Linke« eine Partei von Demokratieverächtern, Antisemiten und Russlandgroupies ist, liegt jetzt offen zutage. Die Frage ist: Ziehen die Grünen daraus Konsequenzen oder tun sie einfach so, als sei nichts geschehen?

Vor zwei Monaten saßen die Grünen-Politikerin Ricarda Lang, die SPD-Abgeordnete Rasha Nasr und die Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek zusammen, um die Weltlage zu besprechen. Es war wie so oft, wenn man im linken Lager die Köpfe zusammensteckt: nach großem Hallo („yay“) viel Gegiggel und generelles Einverständnis, weil man sich gemeinsam auf der richtigen Seite sieht.

So geht es auch zu, wenn Reichinnek auf Journalisten trifft. Neulich war sie zum Interview beim „Spiegel“. Die Zeiten, als man sich als Redakteur fiese Fragen zurechtlegte, um den Gesprächspartner ins Schlingern zu bringen, sind vorbei. Aber in dem Fall war das Interview von besonderer Harmlosigkeit. Alles, was sie sage, basiere auf Fakten, erklärte Reichinnek unwidersprochen.

Dass sie an anderer Stelle bekannt hatte, nicht mehr zu „Markus Lanz“ gehen zu wollen, weil dessen Fragen so tendenziös seien – Schwamm drüber. Reichinnek gilt als starke Frau, womit sich kritische Nachfragen schon aus Prinzip verbieten. Man möchte ja nicht erleben, dass sich die starke Frau inhaltlich als eher schwach auf der Brust erweist.

Dass die Linkspartei eine etwas punkigere, aber letztlich harmlose Variante der SPD sei, gilt in großen Teilen des Mediengeschäfts als ausgemachte Sache. Entsprechend wohlwollend wird alles kommentiert und aufgenommen, was von dort stammt. Wenn jemand über die Stränge schlägt wie der niedersächsische Landesverband, der im Überschwang der Pali-Solidarität mal eben das Existenzrecht Israels zur Disposition stellte: nicht schön. Aber es lohnt doch nicht, deswegen ein großes Fass aufzumachen, nicht wahr?

Der große Vorteil von Parteitagen ist: Man sieht den Unterbauch einer Partei, der normalerweise der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Nach den drei tollen Tagen von Potsdam, in dem die Linke zusammenkam, um eine neue Parteispitze zu wählen, ist der Blick auf die sogenannte Basis frei. Es ist im Kern eine Partei von Demokratieverächtern und Freiheitsfeinden, die dem Kapitalismus den Kampf erklären, dem parlamentarischen System und der EU – in der Reihenfolge.

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Vieles von dem, was rechts der Mitte Anklang findet, wärmt auch die Mitglieder der Linkspartei. Die Anbiederung an Russland als antiwestliches Bollwerk. Der Hass auf den Westen und die offene Gesellschaft. Die Feindschaft gegenüber einem unabhängigen Journalismus. Der einzige Unterschied ist, dass alles noch etwas schräger und schriller vorgetragen wird.

Bei ZDF und ARD arbeiten nicht „Systemschranzen“, wie das bei AfD-Parteitagen heißt, nein, dort sitzen „Verbrecher“. Die Abgeordneten in den Parlamenten? „Kriminelle“, Punkt. Und es ist auch nicht irgendeine Hintersassin, die so etwas unter tosendem Applaus ins Mikrofon ruft, es ist eine Funktionärin, die dafür umgehend in den Parteivorstand gehievt wird.

Bei der AfD erfreut man sich am Spaß, SA-Parolen zu recyceln. Bei der Linken hält man sich nicht lange mit solchen Kindereien auf. Dort werden Massenmörder wie Mao und Stalin umstandslos zu Vorbildern erklärt. Der Bayerische Rundfunk hat in einer verdienstvollen Recherche offengelegt, was in der Jugendorganisation der Linkspartei inzwischen zum guten Ton gehört. Stalin habe die „Modernisierung vorangebracht“ und „Kapitalisten bestraft“, heißt es in einer Mail an den BR. Da bleibt nicht viel Raum für Interpretation.

Selbstverständlich soll auch endlich mit dem Schuldkult Schluss sein. „Ende mit dem Schuldkult“ heißt nur anders. Bei der Linken spricht man von „Palästinasolidarität“, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Dass die Vergangenheit nicht den Blick verstellen dürfe, dass die Täter von heute den Davidstern tragen, ist Common Ground. Von „Entlastungsantisemitismus“ spricht die Wissenschaft. Gemeint ist das Bedürfnis, sich von der Last der Geschichte zu befreien, indem man den Spieß einfach umdreht.

Tatsächlich ist die Israelobsession das dunkle Herz der Partei. Kaum ein Auftritt, bei dem der Redner nicht auf das kleine Land zu sprechen kam. Sogar in der Kritik am Berliner Bürgermeister Kai Wegner brachte man noch Israel unter. Ein Reporter der „Jungle World“ bemerkte mit Erstaunen, dass Jubel aufbrandete, als von „Genozid“ die Rede war. „Jubel und Genozid, das, dachte man, passt nicht zusammen, egal in welchem Zusammenhang. Aber Gaza und Linkspartei machen es möglich.“

Selbstverständlich wird jeder Auftritt mit dem Zusatz versehen, dass Antisemitismus in der Linken keinen Platz habe. Schade, dass es keine Strafe auf Jewfacing gibt. Bei jedem Weißen, der über Schwarze herziehen würde, um dann zu sagen, dass er der entschiedenste Gegner von jeder Form des Rassismus sei, würde man zu Recht sagen: Da sind ein paar Schrauben locker.

So gesehen ist nur folgerichtig, dass man sich mit Vorliebe auf NS-Verfolgte wie Anne Frank oder Erich Fried bezieht. Wenn die Juden die neuen Nazis sind, dann ist man selbst der neue Jude. Die offene Frage ist nur, ob der Faschismus schon die gesamte Gesellschaft im Griff hat, wie der neue Vorsitzende Luigi Pantisano in seinen Ausführungen zum Thema nahelegte – oder man erst am Beginn der „Faschisierung“ stehe.

Warum der Verfassungsschutz mit großem Aufwand den Nachweis zu führen versucht, dass die AfD gesichert rechtsextrem sei, die Linke aber links liegen lässt, gehört zu den Geheimnissen des politischen Geschäfts. Wobei, ein so großes Geheimnis ist es nicht. Es ist gewollt. In der SPD wird die Linkspartei bis heute als natürlicher Verbündeter betrachtet, allen Transgressionen zum Trotz.

Irgendwie gelten die Leichenberge, die der Sozialismus hinterließ, als bedauerlicher, aber entschuldbarer Betriebsunfall auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Dass die Leichenberge systemimmanent sind, ja dass der Kommunismus gar nicht anders kann, als Andersdenkende zu eliminieren, ist ein Gedanke, dem sich die Sympathisanten bis heute verweigern. Deshalb rufen auch Überlegungen, wie man nach der Machtübernahme mit den Reichen verfahren solle, ob man sie gleich erschießen oder doch erst einmal ins Umerziehungslager stecken lasse, nicht Protest, sondern Achselzucken hervor.

Wer von der Linkspartei nicht reden will, soll von der Brandmauer schweigen, wie der gebildete Antifaschist sagen würde. Mit welcher Berechtigung will man in Zukunft noch eine Brandmauer nach rechts verlangen, wenn man nach links offen ist wie eine Hose? Anderseits: Wenn der Faschismus schon rechts von der Linken beginnt, braucht es auch keine Brandmauer mehr. Dann kann es ja nicht mehr viel schlimmer werden, nicht wahr?

Ricarda Lang hat sich mit der Mahnung zu Wort gemeldet, die CDU eine faschistische Partei zu nennen, sei geschichtsvergessen und gefährlich. Aber hat die Distanzierung Konsequenzen?

Wir werden es bald wissen. Eine der Delegierten, die in Potsdam das große Wort führten, tritt in Berlin als Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters an. Elif Eralp ist ihr Name. Aber für den Einzug ins Rote Rathaus braucht es die Unterstützung der grünen Partei. Ohne die wird es nicht gehen.

Schenkt euch eure mahnenden Worte, wäre meine Antwort an die Grünen. Wer mit Judenfeinden und Demokratieverächtern gemeinsame Sache macht, hat jeden moralischen Anspruch verwirkt. Ich habe eine Ahnung, wie es im Herbst ausgeht, wenn es zum Schwur kommt. Aber wer weiß, vielleicht liege ich ja falsch.

Die Feigheit der Politik

Überall mischt sich der Staat ein, selbst die erlaubte Arbeitszeit ist auf die Minute genau geregelt. Aber da, wo man ihn wirklich brauchen könnte, gegen die Schokoladenonkel aus dem Silicon Valley, lässt er einen im Stich

Deutschland wehrt sich gegen Mark Zuckerberg und seine Freunde, die Tech-Milliardäre, die Herzen und Hirne unserer Kinder vergiften. Die Bildungsminister haben sich auf ihrer Konferenz auf eine Leitlinie zur „Stärkung der Medienkompetenz“ verständigt. Kein Verbot wie in anderen Ländern, sondern die Erziehung zu „digitaler Resilienz“, so hat es die Konferenz beschlossen.

„Unser Ziel ist es, Kinder und Jugendliche zu einem reflektierten, kritischen und sicheren Umgang mit Social Media zu befähigen“, erläuterte die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, die bayerische Kultusministerin Anna Stolz, einer „Tagesschau“-Meldung zufolge. Es gehe um einen Dreiklang aus sensibilisieren, stärken und schützen. „Wir wollen junge Menschen stark machen für die digitale Welt voller Chancen, aber auch voller Herausforderungen“, sagte Stolz laut „Tagesschau“.

Abgesehen von dem klebrigen Phrasenglibber, der so klingt, als habe Frau Stolz die KI angeworfen: Ob die Ministerin weiß, was sie da redet? Kennt sie die Studienlage? Weiß sie, welche Spur der Verwüstung die ausufernde Nutzung von Social Media bei Heranwachsenden hinterlässt? Ich fürchte: nein. Wer solche Erklärungen abgibt, kann sich mit der Materie, über die er spricht, nicht wirklich beschäftigt haben.

Chancen und Herausforderungen? Wo soll der Vorteil für eine 14-Jährige liegen, wenn ihr die App empfiehlt, sich beizeiten die Nase richten zu lassen? Was hilft es ihr, wenn sie lernt, sich an Influencerinnen zu orientieren, die so dünn sind, dass das Wort Hungerhaken eine ganz neue Bedeutung bekommt? Welche Chance soll darin liegen, den Tag zwischen Twitch und TikTok zu verbringen?

Die Herausforderungen hingegen sind bekannt. Es ist alles dokumentiert und nachlesbar. Die Zahl der Jugendlichen mit Essstörungen, Depressionen und anderen psychischen Auffälligkeiten hat über die letzten Jahre dramatisch zugenommen – und man weiß, warum. 32 Prozent der weiblichen Teenager gaben in Umfragen an, dass sich ihr Körpergefühl verschlechtert hat, nachdem sie Instagram nutzten. 13 Prozent der befragten Jugendlichen in England berichteten, dass sie danach Suizidgedanken entwickelt hätten.

Man sieht die Folgen auch in den Noten und Abschlüssen. Ein Viertel der Schüler ist nach Ende der achten Klasse nicht in der Lage, einen deutschen Satz korrekt zu erfassen, ein Drittel scheitert an einfachen Matheaufgaben. Eine Erklärung wäre, dass die Intelligenzverteilung über die letzten Jahre merklich abgenommen hat. Die andere, sehr viel plausiblere These lautet, dass die Kinder sich nicht mehr konzentrieren können, weil sie ständig abgelenkt sind.

Tatsächlich fällt der Einbruch bei den Pisa-Ergebnissen ziemlich exakt mit der Allgegenwart des Handys zusammen. Die Apps sind wie ein Staubsauger, der alle Aufmerksamkeit absorbiert. Deshalb geht eine Reihe von Schulen inzwischen dazu über, Handys vom Schulgelände zu verbannen. Aber das ist eine Notwehrmaßnahme, die an dem Grundproblem nichts ändert. Die Zeit ohne Handy wird dann nach Schulschluss nachgeholt. Fast 72 Stunden pro Woche sind Jugendliche im Schnitt online. Dass dies nicht ohne Auswirkung auf die schulische Leistung bleiben kann, liegt auf der Hand.

Die Eltern sollen es jetzt richten, darauf läuft es hinaus. Abgesehen davon, dass ein Teil der Eltern das Wort „Medienkompetenz“ nicht einmal buchstabieren kann – wie soll das funktionieren? Klar, wenn ein Elternteil zu Hause ist, mag es hinhauen. Aber heißt es nicht gleichzeitig, Frauen sollten mehr arbeiten? Nur wer soll dann die Kontrolle durchsetzen? Die Oma, die schon ein bisschen tüdelig ist? Das Au-pair-Mädchen, das im Zweifel selbst den halben Tag am Handy hängt? Man kann sich auf den Standpunkt stellen, der Staat solle sich aus dem Familienleben heraushalten. Es gebe ohnehin zu viel Aufsicht und wenig Freiheit. Fair enough. Kurioserweise kommt das Argument allerdings von den gleichen Leuten, die einem im selben Atemzug erklären, weshalb es auf keinen Fall möglich sei, den Achtstundentag freizugeben.

Wir sind nicht auf Vermutungen angewiesen, mit wem wir es zu tun haben. Ende März wurde Meta, der Mutterkonzern hinter Programmen wie Instagram und Facebook, in einem spektakulären Prozess in Los Angeles zu Schadensersatz verurteilt. Die Klägerin, die 20-jährige Kaley, hatte geltend gemacht, der Konzern habe sie süchtig gemacht. Dabei bezog sie sich nicht auf die Inhalte, die sie seit ihrem sechsten Lebensjahr konsumierte. Im Gegensatz zu nahezu jedem anderen Unternehmen sind die Techkonzerne von der Haftung für das, was sie anbieten, freigestellt. Das allein ist ein Witz, aber das ist die Rechtslage.

Die Klägerin machte geltend, dass die Algorithmen so raffiniert gestaltet seien, dass sie die Nutzer möglichst lange gefangen hielten. Ein Team des „Handelsblatt“ hat sich in einer verdienstvollen Recherche daran gemacht, die insgesamt 4881 Seiten zu sichten, die Kaleys Anwälte in das Verfahren einführten. Das Fazit: Die Konzerne wussten, wie ihre Produkte wirken. Sie untersuchten, welche Folgen sie bei Kindern und Jugendlichen hatten. Und sie entschieden sich dagegen, etwas zu ändern.

„Ich bin mir nicht sicher, was wir zu süchtig machendem Endlos-Scrollen sagen sollen“, heißt es beispielsweise in einer Mail einer Lobbyistin von Snapchat. „Wir haben bereits ein Endlos-Scroll-Design in Discover, und ich denke, wir wünschen uns, dass es noch stärker wirkt, noch stärker süchtig machend.“ Der Ausdruck „süchtig machend“ ist durchgestrichen und durch „überzeugend“ ersetzt. Der Kollege, der auf die Mail antwortet, schickt ein Lach-Emoji zurück.

Ein weiteres Beispiel aus der „Handelsblatt“-Recherche: Im Oktober 2019 verbot Meta bei seiner Plattform Instagram Beauty-Filter, die Schönheitsoperationen simulieren: Nasenverkleinerungen, Lippenvergrößerungen, Kiefermodellierungen. Experten hatten vor psychischen Schäden bei Minderjährigen gewarnt.

Ein halbes Jahr später, im Mai 2020, lag Konzernchef Mark Zuckerberg ein internes Entscheidungsdokument vor. Das Papier bot drei Optionen: Verbot beibehalten, Verbot modifizieren oder aufheben. Experten warnten vor den Folgen einer Freigabe: „Diese extremen kosmetischen Eingriffe per Filter können schwerwiegende Auswirkungen haben, sowohl auf die Personen, die diese Effekte nutzen, als auch auf diejenigen, die die Bilder sehen.“ Wie entschied Zuckerberg? Er schlug den Jugendschutz in den Wind und hob das Verbot auf.

© Michael Szyszka

Warum setzen die Bildungsminister wider besseren Wissens auf die Einsicht der jugendlichen Nutzer? Das Verrückte ist: Sie hätten 90 Prozent der Eltern für eine Sperre unter 16 auf ihrer Seite. Aber in den Zeitungen gäbe es Aufregung. In den Kommentarspalten würden ein paar (kinderlose) Tech-Nerds schreiben, weshalb ein Social-Media-Verbot gegen Kinderrechte verstoße. Das ist ihnen schon zu viel an Gegenwind.

Mark Zuckerberg hat auf die Frage, wie er es mit Social Media halte, geantwortet, dass seine Kinder ohne Zugang aufwachsen würden. Die meisten Tech-Milliardäre schicken ihren Nachwuchs auf eine Art Waldorfschule in Palo Alto, in der man seinen Namen tanzen lernt, statt auf TikTok herumzuhampeln.

Auch so kann man das Problem natürlich lösen: heidenteure Privatschule und anschließend Dauerüberwachung durch die Nanny. Ob es das ist, was die Bildungsminister eigentlich empfehlen wollten?

 

Tritt in den Hintern

Wie wäre es, wir kürzten die Gelder für die Entwicklungshilfe und die UN? Gründe gäbe es genug. Man müsste sich nur trauen

Was die Leute am meisten gegen Friedrich Merz aufbringt? Dass es mit Deutschland nicht vorangeht, klar, keine Frage. Dass auf kaum eine seiner Ankündigungen bislang etwas Greifbares gefolgt ist? Auch das. Aber ich glaube, was die Menschen wirklich erbittert, ist, dass er sich als ein solcher Lauch entpuppt.

Sie hatten gedacht, sie bekommen einen Macher. Einen, der sich nicht darum schert, was sie im „Spiegel“ oder der „Süddeutschen“ schreiben. Den Klartext-Kanzler. Den Mann, der zum Entsetzen der Kommentatoren sagte, dass Deutschland nicht Kreuzberg sei, und links als überholt bezeichnete.

Und nun? Nun ist er der Kanzler, der sich noch artig bedankt, wenn man ihm in den Hintern tritt. Deutschland wolle sich für 2035 wieder bewerben, das war seine Antwort darauf, dass die UN-Generalversammlung in New York Deutschland mal so richtig abgewatscht hat. Keinen Sitz mehr im Sicherheitsrat, lautete die Entscheidung, die eine Schockwelle durch die diplomatische Community schickte. Dafür sitzen da jetzt Österreich und Portugal.

Die Deutschen sind wahrscheinlich die letzten echten UN-Fans. Nach den USA sind wir auch der größte Geldgeber. 5,4 Milliarden US-Dollar haben wir vorvergangenes Jahr nach New York überwiesen. 2022 waren es sogar 6,8 Milliarden Dollar. China gibt nicht mal die Hälfte. Dafür hören alle auf die Chinesen und niemand auf Deutschland.

Manchmal sehne ich mich nach Gerhard Schröder zurück. Oder Joschka Fischer. Kann man sich vorstellen, dass einer der beiden so mit sich hätte Schlitten fahren lassen? Eher nicht.

Schröder hätte sich anderntags vor die Presse gestellt und gesagt: „Vielleicht müssen wir unser Engagement doch einmal überdenken.“ Vorher hätte er in Paris und Warschau angerufen und mitgeteilt, was er vorhabe. Aber dann hätte er durchgezogen. Der Fischer-Nachfolger Johann David Walter Rudolph Wadephul erklärt hingegen eilfertig, dass es selbstverständlich bei den Milliardenzahlungen bleibe, um jeder Diskussion den Boden zu entziehen.

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Es gäbe eine Reihe von Gründen, unseren Anteil am UN-Haushalt zu halbieren – oder ganz zu streichen. Was ist das für eine merkwürdige Bude, die wir da mitfinanzieren?

Ein Grund für die Ablehnung ist angeblich, dass wir nicht in Bausch und Bogen Israel verdammen. Mag sein, dass dies einen Ausschlag gegeben hat. Freunde der freien Welt haben in New York einen schweren Stand. Den Ton geben Nationen wie China und Russland an, die haben es bekanntlich nicht so mit Freiheit.

Auf der Website der „Bild“ findet sich gerade eine außerordentliche Dokumentation über das UNRWA, das palästinensische Flüchtlingswerk der UN. Ich kann den Film nur empfehlen. Das UNRWA ist die einzige Hilfsorganisation der Welt, bei der sich die Zahl der Hilfsempfänger mit wachsendem Abstand zum Gründungszweck laufend vergrößert.

Aus 700 000 Flüchtlingen im Jahr 1949 sind inzwischen sechs Millionen geworden, weil der Flüchtlingsstatus von Generation zu Generation weitervererbt wird, unabhängig von den Lebensumständen. Auf den Trick hätte der Bund der Vertriebenen auch mal kommen sollen. Dann würde er heute nicht klapprige 85-Jährige vertreten, die von der Rückkehr nach Pommern träumen, sondern 20 Millionen Bundesbürger in der Blüte ihrer Jahre.

Niemand kann sagen, wie viel deutsches Steuergeld in das Flüchtlingswerk geflossen ist. Dafür weiß man, wo das Geld geblieben ist: in den Villen der Fatah-Funktionäre und den Tunneln der Hamas. Respekt für diese Ingenieurleistung. Als das israelische Militär auf der Suche nach den Geiseln die Tunnelanlagen in Gaza aushob, entdeckte es ein unterirdisches System, das von München nach Berlin reichen würde.

Ob das Auswärtige Amt das mit seiner Palästinahilfe im Sinn hatte? Die Tochter von Yassir Arafat hat es übrigens zu einer der reichsten Frauen der Welt gebracht. Sie lebt dem Vernehmen nach in Paris, wo sie ihr Vermögen verwaltet. Auch an dieser Stelle noch einmal Dank an den braven deutschen Steuerzahler, der das mit ermöglicht hat!

So geht es immer weiter. Als UN-Sonderberichterstatterin fungiert mit Francesca Albanese eine Frau, die bei einem Auftritt in Berlin gerade die Geschichte verbreitete, die Europäer würden spezielle Hunde ausbilden, die sie dann nach Israel verkauften, wo man sie auf palästinensische Gefangene hetze, um sie von den Tieren vergewaltigen zu lassen. Dagegen ist die alte Mär von der jüdischen Brunnenvergiftung ein lahmer Witz.

Frau Albanese postet unter Bildern von Angehörigen von Hamas-Opfern, die das Leid schildern, das ihnen zugefügt wurde, auch gerne Kommentare wie „Change medication“.

Führt das dazu, dass man im Auswärtigen Amt daran denkt, in New York mal nachzufragen, warum man eine solche Frau immer weiter gewähren lässt? Natürlich nicht. Dann müsste man sich ja von der Vorstellung verabschieden, es gehe bei den Vereinten Nationen um Völkerverständigung und Weltfrieden. Außerdem kommt Frau Albanese vom Völkerrecht. Wir wissen, welche Bedeutung das in Deutschland hat.

Deshalb drücken wir auch alle Augen zu, wenn Saudi-Arabien den Vorsitz in der UN-Kommission für Frauenrechte und Gleichstellung übernimmt. Oder der Iran den Vorsitz der Afrika-Pazifik-Gruppe des Menschenrechtsrats. Dass die iranische Führung im vergangenen Jahr, als ihr die Aufsicht angetragen wurde, 2159 Menschen hat hinrichten lassen? Schwamm drüber, es geht schließlich um Größeres.

Von Blamage und Desaster war nach dem Ausscheiden aus dem Sicherheitsrat die Rede. Deutschland habe in den diplomatischen Abgrund geblickt. Nun ja, wenn wir wenigstens ständiges Mitglied wären. Doch es ging immer nur um die Rolle am Katzentisch. Nichts gegen Portugal. Aber dass uns jetzt Portugal ersetzt, sagt alles über die Bedeutung des Ganzen.

Wo wir schon mal dabei sind, auch über die Höhe der Entwicklungshilfe könnte man nachdenken. Auch hier lohnt ein Blick auf die Zahlen. Nach vorläufigen Angaben der OECD lagen die deutschen Ausgaben 2025 bei 25,7 Milliarden Euro – das ist eine Menge Holz, wie meine Mutter gesagt hätte.

Würde sich etwas ändern, wenn wir die Entwicklungshilfe einstellten? Vermutlich nicht so viel. Für die Beamten im Ministerium und die Helfer vor Ort wäre es ein Desaster, keine Frage. Ich habe auf meinen Reisen immer den Lifestyle der Entwicklungshelfer bewundert. In meinem nächsten Leben komme ich als Mitarbeiter der GIZ zur Welt, habe ich gedacht, wenn ich sie in ihren Jeeps durch die Gegend brausen sah.

Aber für die Entwicklungsländer? Bei einer meiner Reisen lernte ich den langjährigen Afrika-Korrespondenten Thilo Thielke kennen. Thielke besaß eine Lodge unterhalb des Kilimandscharos, in der ich mit der Familie auf einem Tansania-Besuch ein paar Tage verbrachte. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden.

Thielke gehörte zu den Menschen, die ihre Augen und Ohren dazu nutzten, die Welt zu sehen und zu beschreiben, wie sie ist. Wenn man ihn auf die Milliarden ansprach, die wir jedes Jahr nach Afrika überweisen, lachte er nur. Entweder fließen sie gleich in die Taschen der Potentaten, sagte er. Oder sie dienen dazu, irgendwelche Clanchiefs und lokalen Warlords gefügig zu machen.

„Staaten haben keine Freunde, nur Interessen“, lautet ein Satz, der Charles de Gaulle zugeschrieben wird. Wir wären weiter, wenn wir weniger vom Völkerrecht reden würden und uns mehr an de Gaulle hielten.

Darf man »Eierarsch« sagen?

Ein Parteichef, der bei Filmen entspannt, in denen die Welt explodiert? Wenn einer die Politikwelt aufmischen kann, dann Wolfgang Kubicki. Manchmal ist das fortgeschrittene Alter auch ein Riesenvorteil

Vor einigen Jahren hatte Wolfgang Kubicki einen Reporter der „Zeit“ bei sich zu Gast. Kubicki war damals Spitzenkandidat der FDP in Schleswig-Holstein. Andere Politiker hätten den Reporter in ein Restaurant eingeladen, um mit ihm über die Weltläufe zu parlieren. Kubicki lud den Mann von der „Zeit“ zu sich nach Haus ein, wo sie den Tag gemeinsam vor dem Fernseher ausklingen ließen.

Kubicki wäre nicht Kubicki, wenn er den Gast zum „Tatort“-Schauen animiert hätte. Ausweislich der „Zeit“-Geschichte legte er, kaum hatte man es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht, eine Folge von „Band of Brothers“ ein. 6. Juni 1944, D-Day, Landung amerikanischer Fallschirmjäger in der Normandie: Das war das Nachtprogramm.

Kubicki liebt Kriegsfilme. Er macht sich auch nicht die Mühe, vor Beginn umständlich zu erklären, dass er die Streifen selbstverständlich in streng pazifistischer Absicht schaue. Ihm gefällt’s, wenn es kracht und raucht. Dann kann er entspannen.

Ein Mann, der mit Begeisterung Filme sieht, in denen die Welt explodiert: Kann man so jemand in die Nähe der Führung einer Partei lassen, die seit ihrer Gründung immerhin acht Vizekanzler und 40 Bundesminister gestellt hat?

Seit dem vergangenen Wochenende ist die Frage entschieden: Kubicki ist der 16. und damit vielleicht letzte Parteichef der FDP. Er wird die Freidemokraten entweder zurück in den Bundestag führen. Oder die FDP wird in die Geschichtsbücher als eine Partei eingehen, die mal zum Kernbestand der Republik gehörte.

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Manche unterstellen dem neuen Parteivorsitzenden Geltungsdrang. Ich glaube, die FDP muss dankbar sein, dass sich Kubicki das noch mal antut. Er ist jetzt in einem Alter, in dem er zwischen seinem Haus an der Ostsee und dem Golfplatz auf Mallorca hin- und herpendeln könnte. Mit dem Parteivorsitz ist nicht viel zu gewinnen außer Ärger und Arbeit. Eigentlich erstaunlich, dass Bärbel Bas noch keinen Einspruch gegen diese flagrante Missachtung der eisern verteidigten Ruhestandsregelungen erhoben hat.

Kaum ein Bericht kommt ohne Hinweis aufs Alter aus. Kubicki ist im März 74 geworden. Zu alt, zu machohaft, dazu die Sprache und der Humor einer Generation, über die die Zeit hinweggegangen ist – das ist der Vorwurf. „Altherrenwitz“ ist das Wort, das der „Spiegel“ benutzt.

Es ist wie vieles eine Frage des Vergleichs. Auf mich macht Kubicki jedenfalls einen deutlich frischeren Eindruck als Franziska Brantner oder Felix Banaszak. Wenn ich die Anführer der Grünen sehe, frage ich mich, wie man schon mit Mitte 30 beziehungsweise Mitte 40 so frühvergreist sein kann, dass man sich unwillkürlich nach dem Betreuungspersonal umsieht.

„Frei sind wir nur als Wir“, wie Frau Brantner am Wochenende ins Publikum rief? Dann doch lieber mit dem Mann aus Strande bis nachts um zwei Uhr vor dem Fernseher abhängen und amerikanischen G. I. dabei zusehen, wie sie deutsche Stellungen auseinandernehmen.

Warum mögen viele Leute so einen wie Kubicki? Ganz einfach, würde ich sagen: Die meisten sind Politiker leid, die bei jeder Aufforderung zu einem klaren Satz verlegen von einem Bein auf das andere treten. Sie haben die Nase voll von Menschen, die von „strukturellen Problemen“ reden, wenn sie um eine unverblümte Einschätzung der Lage gebeten werden. Die Mehrheit hat übrigens auch nichts dagegen, wenn jemand Worte wie „Spacken“ oder „Eierarsch“ benutzt. Es muss halt stimmen.

Ich hatte neulich in meiner ZDF-Sendung die ehemalige grüne Umweltministerin Bärbel Höhn zu Gast. Höhn ist über 70, also noch mehr Boomer als ich. Einschaltquote bei den Jüngeren: 15,9 Prozent. Das war in der sogenannten werberelevanten Zielgruppe zwischen 14 und 49 der beste Wert im Abendprogramm.

Nun gut, kann man einwenden: Um ein Uhr nachts sind auch nicht mehr so viele wach. Aber das spricht ja eher gegen eine gute Quote bei den Jüngeren. Die senile Bettflucht setzt in der Regel erst mit 60 ein. Offenbar kommt es für viele eher darauf an, wie sich jemand gibt und was er zu sagen hat, als auf das richtige Geburtsdatum.

Der neue FDP-Generalsekretär Martin Hagen hat auf dem Parteitag einen wichtigen Satz gesagt. „Mir ist lieber, wir begeistern die 20 bis 25 Prozent, die sich in Deutschland vorstellen können, die FDP zu wählen, als dass wir versuchen, es den anderen 75 bis 80 Prozent irgendwie recht zu machen, die uns am Ende sowieso doof finden.“

Interessanterweise verwechseln viele Politiker die Zustimmung in den Medien mit der Zustimmung im Wahlkreis. Vor allem konservative und liberale Politiker neigen dazu, ängstlich zu schielen, was wohl die Meinungsmacher denken könnten. Mein Kollege Ulf Poschardt würde von Bückbürger-Liberalismus sprechen.

Auch jetzt melden sich wieder lauter Leute zu Wort, die es vor allem denjenigen recht machen wollen, die nie im Leben FDP wählen würden. Die Helden dieses Flügels sind Parteitags-Riesen wie Johannes Vogel oder Konstantin Kuhle, die nicht nur nach Leitung im Awareness-Team aussehen, sondern auch so sprechen. Interessanterweise kommt das bei den Wählern eher mittelprächtig an.

Das gilt auch für die Kubicki-Gegenspielerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Beim gemeinen FDP-Wähler ist Frau Strack-Zimmermann rasend unbeliebt. Die Menschen sehen sie und sehen eine Frau, die vor allem eines im Blick hat: sich selbst.

Gibt es Platz neben der AfD? Jede Menge, würde ich sagen. Sein loses Mundwerk unterscheidet Wolfgang Kubicki ja nicht nur von den braven Funktionären bei der SPD und den Grünen, sondern auch von Alice Weidel. Der Gebrauch von Humor und Selbstironie ist bei Weidel nahezu ausgeschlossen. Ein Witz auf eigene Kosten? Undenkbar. Wenn sie sich lustig macht, immer nur über andere. Das macht es ja so anstrengend, ihr länger zuzuhören.

Kubicki ist nicht achtsam. Er wägt seine Worte nicht sorgfältig ab oder denkt vor jedem Satz darüber nach, ob sich jemand beleidigt fühlen könnte. Im Zweifel muss man anschließend ganze Talkshows wiederholen, weil er Sachen gesagt hat, die man andernorts hochbedenklich findet.

Im besorgten Teil der Republik rauft man sich die Haare. Aber mit dieser Angstfreiheit ist halt auch eine enorme Coolness verbunden. Ich glaube, es gibt ein riesiges Bedürfnis nach Politikern, die ohne diese taktische Rücksichtnahme sagen, wie sie die Dinge sehen.

Wie er denn Strack-Zimmermann und ihre Anhänger für sich gewinnen wolle, wollte die „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer nach der Wahl vom neuen Parteivorsitzenden wissen. Gar nicht, sagte Kubicki und grinste sein Wolfsgrinsen. Seine Aufgabe bestehe nicht darin, jemanden in der Partei für sich zu gewinnen. Seine Aufgabe sei es, dafür zu sorgen, dass die FDP wieder von den Wählerinnen und Wählern ernst genommen werde.

Da ist das Hauptproblem vieler Politiker: Sie sind so sehr damit beschäftigt, nach innen zu wirken, dass sie völlig aus den Augen verlieren, dass es nicht die Delegierten sind, die eine Partei groß machen, sondern die Bürger, die sie vor dem Wahlgang von sich überzeugen. Der Bruch mit der Binnenlogik des Parteiapparats ist der erste Schritt zurück in die Mitte.