Monat: August 2026

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Rassismus bekämpfen, indem man auf Rassentrennung setzt und sauber zwischen weißen und schwarzen Menschen unterscheidet? In Berlin ist alles möglich, auch das

Am Ende hatte auch noch Stefanie Remlinger ihren Auftritt, die grüne Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Mitte. Am Freitag, als der Badetag für schwarze Menschen wieder abgesagt worden war, stand sie in einem rosa Plüschzweiteiler vor der Volksbühne in Berlin und verteidigte das Recht auf Rassentrennung.

Als Mensch und Frau sei sie entsetzt und erschüttert, dass die Idee so viel Hass und Hetze erfahren habe, sagte sie mit trauerumflorter Stimme. Sie werde nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, „und wenn ich persönlich die schützende Menschenkette dafür organisieren muss“.

Es gab einmal einen Konsens in Deutschland. Niemand wird wegen seiner Hautfarbe oder Herkunft ausgeschlossen oder bevorzugt, lautete er. Alles, worauf es ankommen sollte, war, wie sich jemand anderen gegenüber verhält, das sollte das entscheidende Kriterium sein. Multikulti nannten die linken Anhänger dieses Ideals das friedliche Zusammenleben unterschiedlichster Menschen.

Vielleicht war Multikulti einfach eine blöde Idee. Rechts der Mitte hatte man immer schon seine Zweifel. Da hat man noch nie viel davon gehalten, alle Menschen gleich zu behandeln, unabhängig davon, wie sie aussehen oder wo sie herkommen. Aber dass die Idee von links infrage gestellt wird, das ist einigermaßen überraschend.

Exklusiv geöffnet nur für Angehörige der schwarzen Community, lautete die Bekanntmachung für einen Badetag im Schwimmbad vor der Berliner Volksbühne, die dem zuletzt etwas ausgelaugt wirkenden Theaterhaus schlagartig einen Logenplatz in den Feuilletons verschaffte. Die Volksbühne ist der ewige Darling der Kulturwelt – antikapitalistisch, antirassistisch und antikolonial, so versteht man sich hier.

© Michael Szyszka

Ach, hieß es von linker Seite, warum gönnt man den armen Kindern nicht ein wenig Spaß? „Sechs Stunden. Sechs Stunden für schwarze Kinder und Jugendliche“, barmte der „Zeit“-Redakteur Christian Bangel. „Nein, es ist nicht möglich. Diese Kälte. Dieses Nichtgebenwollen. So ist das Deutschland der AfD.“

Manchmal hilft es, die Sache umzudrehen, um das Grundsätzliche zu erkennen. Ob Herr Bangel auch so verständnisvoll geurteilt hätte, wenn auf dem Schild gestanden hätte: „Exklusiv für Weiße“? Oder: „Heute nur für Steuerbürger, Bürgergeldempfänger müssen leider draußen bleiben“?

Auf X fragte ein Vater, ob er seine minderjährigen Töchter begleiten dürfe. Er sei weiß, die beiden Mädchen kämen nach ihrer kenianischen Mutter. Oder ob die beiden als zu hellhäutig gelten würden, um als Angehörige der schwarzen Community durchzugehen? Er wolle keine Probleme machen. Zugang kalibriert nach Viertel-, Halb- und Voll-Abstammung: Man konnte das Quietschen der Verrenkungen, um die Sache irgendwie als fortschrittlich erscheinen zu lassen, bis zu den Alpen hören.

Es gibt sogar Gesetze, die Gleichstellung garantieren sollen. Das sogenannte Antidiskriminierungsgesetz verbietet ausdrücklich, jemanden wegen seiner Hautfarbe anders zu behandeln. Wir haben einen riesigen Apparat geschaffen, der die Einhaltung sicherstellen soll. Allein die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, beschäftigt 45 Angestellte. Doch eigenartig, auch von Ferda Ataman war in dieser Angelegenheit nichts zu hören.

Es gehe nur darum, einen Safe Space zu errichten, sagen die Befürworter, einen Schutzraum für eine Minderheit. Man dreht das Argument also um. Nicht derjenige ist Rassist, der Menschen nach Rassen und Hautfarben unterteilt, sondern derjenige, der darauf besteht, keine Unterschiede zu machen.

Auch so löst man den Konsens auf, indem man im Namen einer höheren Moral zum Gesetz erklärt, was man eben noch in Grund und Boden verdammt hat. Am Ende landet man dann dabei, dass man wie der WDR-Sender „Cosmo“ die Trennung in Weiße und Schwarze als „aktiv gelebte Vielfalt“ feiert.

Dass es Rassen streng genommen gar nicht gibt, ist auch den Verfechtern bewusst. Deshalb setzten sie das Wort „schwarz“ in Anführungsstriche. Oder schreiben das „s“ am Anfang konsequent groß, also „Schwarze Menschen“. Das ist der Irrsinn auf die Spitze getrieben: Man fordert den Schutz von etwas, von dem man gleichzeitig sagt, dass es eine fixe Idee sei, an die nur Rassisten glauben würden.

Aus Erfahrung weiß man, dass am Ende selten die Leute, die man auf den Schild hebt, um in ihrem Namen neue Rechte einzufordern, die Nutznießer sind. Die eigentlichen Profiteure sind die Anstifter solcher Debatten.

Ich habe mich vor Jahren anlässlich eines Sommerfestes länger mit dem heutigen Intendanten der Volksbühne, Matthias Lilienthal, unterhalten. Damals stand Lilienthal noch den Münchner Kammerspielen vor, um die Abonnenten mit antikapitalistischen Abrechnungen zu schocken. Blöderweise war das Theaterpublikum durch die Ströme von Blut und Sperma, durch das es in den Jahren des Regietheaters hatte waten müssen, so abgehärtet, dass es Lilienthals Provokationen mit einem Achselzucken quittierte.

Schon damals pflegte Lilienthal den Clochard-Look, bei dem jedes Barthaar dem System entgegenschreit, dass man seine Konventionen verachte. Auch das lässt sich immer weitertreiben, wie man sieht. Nach den Fotos zu urteilen, die den Regisseur an seiner neuen Wirkungsstätte zeigen, wäre ihm in jedem Obdachlosenasyl ein Ehrenplatz sicher. Dass Lilienthal von der Stadt Berlin fürstlich entlohnt wird, ist kein Widerspruch. Auch das konsequente Clochard-Outfit muss man sich leisten können.

Man kann die Sache auch umdrehen. Warum nicht ganz Deutschland nach den Berliner Baderegeln organisieren? Homogene Gesellschaften sind stressfreiere Gesellschaften, wie Thilo Sarrazin gerade noch einmal in einem langen „Zeit“-Interview angemerkt hat.

Man würde sich viel Ärger ersparen. Zum Beispiel dass einem nach Berlin gezogene Schwaben erklären, was gute und was schlechte Rassentrennung ist. Frau Remlinger, die Bezirksbürgermeisterin aus Berlin-Mitte, wäre heute noch in Ellwangen, wo sie den Ellwangern dann ihre Idee einer vorbildlichen Gesellschaft nahebringen könnte.

Auch sonst wäre das Leben leichter. Im Tennisverein träfe man ausschließlich Menschen, die so aussehen wie man selbst. Es gäbe Restaurants, Bars und Hotels exklusiv für Araber, Asiaten, Russen oder Deutsche. Auch der Zugang zum Sozialstaat wäre streng geregelt. Bürgergeld für Menschen, die nicht einmal in Deutschland geboren sind? Das wäre ab sofort Vergangenheit.

Es gibt, Gottlob, sehr viele Menschen in Deutschland, die Rassentrennung nicht gut finden, auch nicht für ein paar Stunden. Ich sehe das als Beweis des Fortschritts. Diese Menschen lehnen es übrigens auch ab, dass man ihnen Ungleichbehandlung als besondere Form der Gleichheit verkaufen will. Wenn man einen Badetag organisiert, sollte man aus ihrer Sicht dafür sorgen, dass sich alle wohlfühlen, egal welche Hautfarbe sie haben.

Was für ein radikales Konzept: eine Gesellschaft, in der niemand einen extra Safe Space braucht, weil der Staat seine Regeln durchsetzt. Oder wie ein Follower schrieb, mit dem ich über X in Kontakt stehe: „Wer jemanden rassisch beleidigt, bedroht oder beleidigt, fliegt raus. Wer Straftaten begeht, bekommt es mit der Polizei zu tun. Wer sich nicht benehmen kann, verliert den Zugang. So funktioniert eine offene Gesellschaft.“ Exakt so ist es.

Wo der Feind steht

Das einzige Symbol, das auf dem Christopher Street Day nicht geduldet wird, ist der Davidstern. Wer nicht weiß, wer ihm Böses will, kann sich auch nicht wehren

Gehen wir noch einmal durch, wer am Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin eine Mitschuld trägt.

Friedrich Merz und Julia Klöckner, weil sie die Regenbogenflagge nur noch einmal im Jahr auf dem Bundestag zulassen und so die Sichtbarkeit queeren Lebens in Deutschland gefährden. Bildungsministerin Karin Prien mit ihrer Ankündigung, dem Programm „Demokratie leben“ die Mittel zu kürzen.

Alle natürlich, die falsche Männerbilder propagieren. Die Männer an sich, weil sie nun einmal Männer sind. Und nicht zu vergessen: konservative Kräfte. Verglichen mit der MAGA-Bewegung in Amerika und auch der CDU sind Islamisten nur die Unterabteilung eines viel größeren Problems. Letztere Erkenntnis verdanken wir dem Queerbeauftragten der Stadt Berlin, Alfonso Pantisano.

Das ist eine kleine Auswahl von Erklärungen, die an den Tagen nach dem Anschlag kursierten. Es sind auch nicht irgendwelche Versprengte und Verwirrte, deren Einschätzungen ich hier wiedergebe, sondern durchaus respektable Personen der linken Lebenswelt – ein Ressortleiter des „Spiegel“, ein Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, eine einflussreiche Influencerin.

Wie nennt man den Versuch, sich die Realität zurechtzubiegen, um das Offensichtliche nicht in den Blick nehmen zu müssen? In der klinischen Psychiatrie würde man von Wahnsystem sprechen. Das einzige Symbol, das auf dem CSD in Bonn verboten war, war der Davidstern. Auch die CDU ist unerwünscht.

Wer nicht weiß, wo der Feind steht, kann sich auch nicht wehren. Im Paradies mögen Schafe und Wölfe friedlich nebeneinanderliegen, weil der Herr es so befiehlt. Im irdischen Jammertal ziehen die Wölfe los, die Schafe zu reißen. Oder sie nehmen sich einen Minivan.

© Michael Szyszka

Es hat seinen Grund, weshalb sich selbstbewusste Schwule nie als „queer“ bezeichnen. Dass alle Kämpfe um Anerkennung miteinander verbunden seien und man deshalb an einem Strang ziehe, damit muss man ihnen nicht kommen.

Ein junger Afghane, der in den Bergen über Kabul unter dem Regime der Taliban aufgewachsen ist, sieht anders auf die Welt als ein junger Mann aus Detmold oder Ahaus, der von anderen Männern träumt. Im Zweifel fühlt sich der Migrant von dem Traum so bedroht, dass er meint, zur Machete greifen zu müssen, um seinem Gott treu zu bleiben.

Viele Schwule sind sehr viel konservativer, als ein Blick auf die linken Vögel in der ersten Reihe vermuten lässt. Queerbeauftragte wie Alfonso Pantisano wären schockiert, wenn sie wüssten, wie hoch der Anteil von CDU-Wählern ist.

Jeder schwule Mann weiß, wo es möglich ist, sich als solcher zu erkennen zu geben, und wo er es tunlichst lässt, weil der Staat seine Sicherheit nicht mehr garantieren kann. Es gibt zwei Gruppen von Menschen, für die sich das Leben in den letzten 20 Jahren deutlich verschlechtert hat: Schwule und Juden. Wenn die Berliner Polizeipräsidentin junge Männer dazu auffordert, in bestimmten Vierteln lieber keine Zärtlichkeiten auszutauschen, weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

Der Publizist Ali Utlu hat vor wenigen Tagen in der „Welt“ darüber berichtet, wie sich das Leben in Köln verändert hat. Aus einer offenen Metropole, in der man als schwuler Mann unbesorgt auf die Straße gehen konnte, ist eine segregierte Stadt mit No-go-Areas geworden, in denen es lebensgefährlich ist, Händchen zu halten.

„Wenn ich heute meine Wohnung verlasse, scrolle ich im Kopf automatisch durch die Gefahrenkarte der Stadt. Wo muss ich aufpassen? Wo lasse ich die Hand meines Partners lieber los?“, schreibt Utlu. Und es sind nicht irgendwelche Rechtsradikale, vor denen sich der Digitalaktivist fürchtet, es sind afghanische und arabische Muslime.

Er hoffe, den linken Islamfreunden in der schwulen Community werde jetzt klar, wen sie da eigentlich unterstützten, schrieb mir ein Freund aus Berlin, der kurz vor dem Attentat an der Stelle gestanden hatte, an der dann Abdul Ballout seinen Kleintransporter in die Menge steuerte. Die Hoffnung stirbt zuletzt, schrieb ich zurück.

Einen Tag nach dem Anschlag stand schon wieder eine junge Frau im Tanktop auf der Bühne neben dem Brandenburger Tor, um die „Intersektionalität“ zu beschwören, wie die Solidarität über alle religiösen und kulturellen Grenzen hinweg bei Linken heißt. Nyya, so ihr Name, sagte dann noch, dass sie sich gewünscht hätte, der Täter wäre eine „weiße, christliche Person“ gewesen. Das verbindet sie mit vielen in ihrer Welt.

Der Islamismus ist der blinde Fleck der Queer-Bewegung. Wer ihn benennt, macht sich unbeliebt. Vor ein paar Jahren sollte die Linksikone Judith Butler einmal einen Preis auf dem CSD in Berlin entgegennehmen. Für alle, die mit Butlers Werk nicht so vertraut sind: Das ist die Begründerin der Gendertheorie, die unter der Flagge der Intersektionalität auch die Hamas unter den großen Widerstandsbewegungen der Gegenwart einsortierte, also eine Organisation, die die Verstümmelung und Vergewaltigung von Frauen zum Volkssport erklärt hat.

Der Veranstalter hatte wunschgemäß Businessclass-Flug und Übernachtung im Adlon sichergestellt, aber dann trat Butler auf die Bühne und erklärte, dass sie den Preis nicht annehmen könne, weil der CSD zu kommerziell und zu rassistisch geworden sei. Was genau sie damit meinte, blieb ein wenig im Unklaren. Offensichtlich bezog sie sich auf Äußerungen, dass es unter Migranten ein verstärktes Problem mit Homophobie gebe.

Der „Spiegel“-Korrespondent René Pfister hat vor Längerem ein aufschlussreiches Zoom-Gespräch mit Butler geführt. Pfister kam dabei auch auf die Lebensumstände in Gaza zu sprechen. Woher sie ihre Zuversicht beziehe, dass in Gaza-Stadt ein Fest der Liebe und Queerness ausbrechen werde, wenn die Kontrolle durch Israel beendet sei? In Wahrheit seien Muslime sehr tolerant, lautete Butlers Antwort. Wenn das nach außen nicht immer so deutlich werde, liege dies an der Unterdrückung, die sie erfahren müssten.

Darauf kann man sich links der Mitte immer einigen: Es ist das Patriarchat, das die Menschen niederhält. Auch der Islamist ist ein Opfer der Umstände, in diesem Fall der Diskriminierung durch die weiße Mehrheitsgesellschaft. Wenn dereinst alle Menschen frei sind, wird auch der Hamas-Krieger erkennen, dass ein Leben in Liebe und Toleranz das bessere Leben ist.

Einen Tag nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin meldete sich der Parteivorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, mit folgendem Statement zu Wort: „Der Islamismus ist eine faschistische, barbarische Ideologie, ein zersetzendes Gift, von Hass erfüllt und von immenser Gefahr.“ Damit ist die Ordnung wieder hergestellt: Hier die fragile Welt der Menschen, die an einer besseren Welt arbeiten, dort der Faschismus.

Es kann nur noch eine Frage von Tagen sein, bis an die Bundesregierung der dringende Appell ergeht, die Gelder für all die NGOs freizugeben, deren Mittel auf Eis liegen. Wer ist schließlich besser geeignet, gegen das Gift einer faschistischen Ideologie zu kämpfen, als die tapferen Streiter bei HateAid, Campact und der Amadeu Antonio Stiftung?

Das Einzige, was sie links der Mitte noch klären müssen: wann der Islamismus nun rechts ist und wann doch eher links. Rechts ist er, wie man jetzt gelernt hat, wenn er die eigenen Leute trifft. Wenn es hingegen gegen Israel oder das kapitalistische System geht, dann ist er irgendwie doch okay. Dann malt man Hamas-Dreiecke an die Wand und drückt der Hisbollah die Daumen. Bis zum nächsten Anschlag.