Schlagwort: Antidiskriminierungsgesetz

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Rassismus bekämpfen, indem man auf Rassentrennung setzt und sauber zwischen weißen und schwarzen Menschen unterscheidet? In Berlin ist alles möglich, auch das

Am Ende hatte auch noch Stefanie Remlinger ihren Auftritt, die grüne Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Mitte. Am Freitag, als der Badetag für schwarze Menschen wieder abgesagt worden war, stand sie in einem rosa Plüschzweiteiler vor der Volksbühne in Berlin und verteidigte das Recht auf Rassentrennung.

Als Mensch und Frau sei sie entsetzt und erschüttert, dass die Idee so viel Hass und Hetze erfahren habe, sagte sie mit trauerumflorter Stimme. Sie werde nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, „und wenn ich persönlich die schützende Menschenkette dafür organisieren muss“.

Es gab einmal einen Konsens in Deutschland. Niemand wird wegen seiner Hautfarbe oder Herkunft ausgeschlossen oder bevorzugt, lautete er. Alles, worauf es ankommen sollte, war, wie sich jemand anderen gegenüber verhält, das sollte das entscheidende Kriterium sein. Multikulti nannten die linken Anhänger dieses Ideals das friedliche Zusammenleben unterschiedlichster Menschen.

Vielleicht war Multikulti einfach eine blöde Idee. Rechts der Mitte hatte man immer schon seine Zweifel. Da hat man noch nie viel davon gehalten, alle Menschen gleich zu behandeln, unabhängig davon, wie sie aussehen oder wo sie herkommen. Aber dass die Idee von links infrage gestellt wird, das ist einigermaßen überraschend.

Exklusiv geöffnet nur für Angehörige der schwarzen Community, lautete die Bekanntmachung für einen Badetag im Schwimmbad vor der Berliner Volksbühne, die dem zuletzt etwas ausgelaugt wirkenden Theaterhaus schlagartig einen Logenplatz in den Feuilletons verschaffte. Die Volksbühne ist der ewige Darling der Kulturwelt – antikapitalistisch, antirassistisch und antikolonial, so versteht man sich hier.

© Michael Szyszka

Ach, hieß es von linker Seite, warum gönnt man den armen Kindern nicht ein wenig Spaß? „Sechs Stunden. Sechs Stunden für schwarze Kinder und Jugendliche“, barmte der „Zeit“-Redakteur Christian Bangel. „Nein, es ist nicht möglich. Diese Kälte. Dieses Nichtgebenwollen. So ist das Deutschland der AfD.“

Manchmal hilft es, die Sache umzudrehen, um das Grundsätzliche zu erkennen. Ob Herr Bangel auch so verständnisvoll geurteilt hätte, wenn auf dem Schild gestanden hätte: „Exklusiv für Weiße“? Oder: „Heute nur für Steuerbürger, Bürgergeldempfänger müssen leider draußen bleiben“?

Auf X fragte ein Vater, ob er seine minderjährigen Töchter begleiten dürfe. Er sei weiß, die beiden Mädchen kämen nach ihrer kenianischen Mutter. Oder ob die beiden als zu hellhäutig gelten würden, um als Angehörige der schwarzen Community durchzugehen? Er wolle keine Probleme machen. Zugang kalibriert nach Viertel-, Halb- und Voll-Abstammung: Man konnte das Quietschen der Verrenkungen, um die Sache irgendwie als fortschrittlich erscheinen zu lassen, bis zu den Alpen hören.

Es gibt sogar Gesetze, die Gleichstellung garantieren sollen. Das sogenannte Antidiskriminierungsgesetz verbietet ausdrücklich, jemanden wegen seiner Hautfarbe anders zu behandeln. Wir haben einen riesigen Apparat geschaffen, der die Einhaltung sicherstellen soll. Allein die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, beschäftigt 45 Angestellte. Doch eigenartig, auch von Ferda Ataman war in dieser Angelegenheit nichts zu hören.

Es gehe nur darum, einen Safe Space zu errichten, sagen die Befürworter, einen Schutzraum für eine Minderheit. Man dreht das Argument also um. Nicht derjenige ist Rassist, der Menschen nach Rassen und Hautfarben unterteilt, sondern derjenige, der darauf besteht, keine Unterschiede zu machen.

Auch so löst man den Konsens auf, indem man im Namen einer höheren Moral zum Gesetz erklärt, was man eben noch in Grund und Boden verdammt hat. Am Ende landet man dann dabei, dass man wie der WDR-Sender „Cosmo“ die Trennung in Weiße und Schwarze als „aktiv gelebte Vielfalt“ feiert.

Dass es Rassen streng genommen gar nicht gibt, ist auch den Verfechtern bewusst. Deshalb setzten sie das Wort „schwarz“ in Anführungsstriche. Oder schreiben das „s“ am Anfang konsequent groß, also „Schwarze Menschen“. Das ist der Irrsinn auf die Spitze getrieben: Man fordert den Schutz von etwas, von dem man gleichzeitig sagt, dass es eine fixe Idee sei, an die nur Rassisten glauben würden.

Aus Erfahrung weiß man, dass am Ende selten die Leute, die man auf den Schild hebt, um in ihrem Namen neue Rechte einzufordern, die Nutznießer sind. Die eigentlichen Profiteure sind die Anstifter solcher Debatten.

Ich habe mich vor Jahren anlässlich eines Sommerfestes länger mit dem heutigen Intendanten der Volksbühne, Matthias Lilienthal, unterhalten. Damals stand Lilienthal noch den Münchner Kammerspielen vor, um die Abonnenten mit antikapitalistischen Abrechnungen zu schocken. Blöderweise war das Theaterpublikum durch die Ströme von Blut und Sperma, durch das es in den Jahren des Regietheaters hatte waten müssen, so abgehärtet, dass es Lilienthals Provokationen mit einem Achselzucken quittierte.

Schon damals pflegte Lilienthal den Clochard-Look, bei dem jedes Barthaar dem System entgegenschreit, dass man seine Konventionen verachte. Auch das lässt sich immer weitertreiben, wie man sieht. Nach den Fotos zu urteilen, die den Regisseur an seiner neuen Wirkungsstätte zeigen, wäre ihm in jedem Obdachlosenasyl ein Ehrenplatz sicher. Dass Lilienthal von der Stadt Berlin fürstlich entlohnt wird, ist kein Widerspruch. Auch das konsequente Clochard-Outfit muss man sich leisten können.

Man kann die Sache auch umdrehen. Warum nicht ganz Deutschland nach den Berliner Baderegeln organisieren? Homogene Gesellschaften sind stressfreiere Gesellschaften, wie Thilo Sarrazin gerade noch einmal in einem langen „Zeit“-Interview angemerkt hat.

Man würde sich viel Ärger ersparen. Zum Beispiel dass einem nach Berlin gezogene Schwaben erklären, was gute und was schlechte Rassentrennung ist. Frau Remlinger, die Bezirksbürgermeisterin aus Berlin-Mitte, wäre heute noch in Ellwangen, wo sie den Ellwangern dann ihre Idee einer vorbildlichen Gesellschaft nahebringen könnte.

Auch sonst wäre das Leben leichter. Im Tennisverein träfe man ausschließlich Menschen, die so aussehen wie man selbst. Es gäbe Restaurants, Bars und Hotels exklusiv für Araber, Asiaten, Russen oder Deutsche. Auch der Zugang zum Sozialstaat wäre streng geregelt. Bürgergeld für Menschen, die nicht einmal in Deutschland geboren sind? Das wäre ab sofort Vergangenheit.

Es gibt, Gottlob, sehr viele Menschen in Deutschland, die Rassentrennung nicht gut finden, auch nicht für ein paar Stunden. Ich sehe das als Beweis des Fortschritts. Diese Menschen lehnen es übrigens auch ab, dass man ihnen Ungleichbehandlung als besondere Form der Gleichheit verkaufen will. Wenn man einen Badetag organisiert, sollte man aus ihrer Sicht dafür sorgen, dass sich alle wohlfühlen, egal welche Hautfarbe sie haben.

Was für ein radikales Konzept: eine Gesellschaft, in der niemand einen extra Safe Space braucht, weil der Staat seine Regeln durchsetzt. Oder wie ein Follower schrieb, mit dem ich über X in Kontakt stehe: „Wer jemanden rassisch beleidigt, bedroht oder beleidigt, fliegt raus. Wer Straftaten begeht, bekommt es mit der Polizei zu tun. Wer sich nicht benehmen kann, verliert den Zugang. So funktioniert eine offene Gesellschaft.“ Exakt so ist es.