Merz hat das Image des knorrigen Konservativen, der sagt, was Sache ist. In Wahrheit ist er ein äußerst harmoniebedürftiger Mensch, der Konflikten nach Möglichkeit aus dem Wege geht. So regiert er leider auch
Ein Kanzlertag mit Friedrich Merz. Auftritt beim Katholikentag in Würzburg. Der Kanzler sitzt auf der Bühne, umgeben von lauter Jugendlichen.
Er würde seine Kinder nicht in die USA zum Studieren schicken, sagt er. Das gesellschaftliche Klima habe sich so geändert, dass er einen längeren Aufenthalt dort nicht mehr empfehlen könnte. Reisewarnung von Schalter eins sozusagen.
Alle im Publikum nicken, man weiß ja, was von den USA zu halten ist. Donald Trump kommt hier gleich nach dem Beelzebub.
Zwei Stunden später ist ein Telefonat mit dem US-Präsidenten vereinbart. Die Polizei hat einen Raum in einer Polizeistation freigeräumt, damit der Kanzler ungestört sprechen kann. Merz hat um das Telefonat gebeten, seit Tagen bereiten seine Leute den Termin vor. Er will den Eindruck korrigieren, er wolle sich mit Trump anlegen.
Ende April saß er in einer Schule. Da fiel es ihm ein, über Trump als Kriegsherren herzuziehen. Der Verlauf des Iran-Krieges sei eine Demütigung für die Vereinigten Staaten. Abzug von amerikanischen Truppen aus Deutschland, höhere Strafzölle für deutsche Autos – das war die Antwort aus Washington.
So ist Trump: Wenn er den Eindruck hat, dass ihm jemand das Messer in den Rücken stößt, kann er sehr nachtragend sein.
So ist Merz: Morgens mal eben im Nebensatz über die USA herziehen – und am Mittag dann versuchen, gut Wetter zu machen.
Vielleicht dachte er, dass Trump kein Deutsch kann. Oder dass niemand mitbekommt, wenn er beim Katholikentag die USA disst, weil Würzburg von Mar-a-Lago aus so weit entfernt liegt wie Accra oder Lagos. Die Amis haben es bekanntlich ja nicht so mit Erdkunde. Wer weiß in der Trump-Entourage schon, wo Franken liegt, nicht wahr?
Wenn das die Erwartung war, kann man nur sagen: Das ging daneben. „Germany’s Friedrich Merz says he would not want his children to move to US“, lautete am Nachmittag die „Top Story“ der „Financial Times“. Die „Financial Times“ lesen sie auch im Weißen Haus. Da brauchen sie nicht einmal einen Übersetzungsdienst.
Es stimmt, wir wollen Politiker, die sich nicht bei jedem Satz auf die Zunge beißen oder alles so glatt schleifen, dass man denkt, man höre einem Automaten zu. Aber das heißt nicht, dass man vom Kanzler erwartet, dass er einfach vor sich hin plappert. Wenn man nicht wüsste, dass Merz noch nicht an Alzheimer leidet, müsste man denken, das seien die ersten Anzeichen, sagte meine Schwägerin, als sie von Würzburg las.

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Meine Schwägerin kommt aus der Wirtschaftswelt. Niemand könnte sich dort einen solchen Auftritt erlauben. Ein Mittelständler, der über ein Unternehmen herzieht, mit dem er ins Geschäft kommen will? Wenn es eines gibt, was man schon in der Probezeit lernt: dass man tunlichst nicht Leute beleidigt, die man später noch mal braucht. „Aber Trump redet doch auch nicht anders!“ Der Einwand ist berechtigt. Leider sind wir nach Lage der Dinge sehr viel abhängiger von den USA als die USA von uns (Dank und Gruß an dieser Stelle an Angela Merkel, die alles sabotiert hat, was Deutschland hätte unabhängiger machen können).
Wie sind die Aussetzer zu erklären? Was geht in Merz vor? Ich glaube, das richtige Wort für jemanden wie ihn ist „Pleaser“. Kaum sitzt er im Kreis von Menschen, die er für sich einnehmen will, sagt er etwas, von dem er meint, dass es ihm die Herzen gewinnt. Anschließend tut es ihm oft furchtbar leid, wenn das, was für den kleinen Kreis bestimmt war, in den Zeitungen steht. Aber da ist es dann zu spät.
Es gibt in der Umgebung des Kanzlers eine Reihe von Beratern, die sagen, man dürfte Merz nicht mehr unbegleitet auf Podien lassen. Am besten nur noch Interviews mit Presseorganen, die man anschließend notfalls umschreiben kann. Aber das geht natürlich nicht. Einen Kanzler, den man verstecken muss, weil er seine Zunge nicht im Zaum hat?
Ich glaube, die Disziplinlosigkeit bei seinen öffentlichen Auftritten weist auf ein tieferes Problem hin. Sein Leben lang hat sich Merz danach gesehnt, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Dass er es besser könne als alle Konkurrenten, diese Überzeugung trieb ihn an. Nun sitzt er im Kanzleramt und weiß mit seiner Macht nichts anzufangen.
Alles verschwimmt, alles löst sich auf. Keine seiner Ankündigungen hat Bestand. Er werde die AfD halbieren, das ist sein Anspruch, das war sein Versprechen. Tatsächlich hat er sich selbst halbiert.
Der Staat habe kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem, auch das ist so ein Merz-Satz.
Wenn es bei den Plänen bis 2029 bleibt, wird seine Regierung zum Ende der Legislaturperiode 850 Milliarden Euro an neuen Schulden auftürmen. Das ist nahezu die Hälfte dessen, was der Bund seit Bestehen der Bundesrepublik an Schulden angehäuft hat. In nur vier Jahren durchbringen, wozu die Vorgänger Jahrzehnte brauchten, auch das ist eine Leistung.
Merz hat das Image des Straight Talkers, der sagt, was Sache ist. Der knorrige Konservative, etwas unsensibel und ruppig im Auftritt, das ist das Bild, das bis heute von ihm gezeichnet wird.
Im Wahrheit ist Merz im persönlichen Umgang erstaunlich freundlich und rücksichtsvoll. Er blafft seine Mitarbeiter nicht an und überzieht sie auch nicht mit Vorwürfen, wenn etwas schiefgeht. Im Gegensatz zu dem Image, das von ihm verbreitet wird, ist Merz ein ausgesprochen harmoniebedürftiger Mensch, der Konflikten nach Möglichkeit aus dem Weg geht.
Im Podcast „Machtmenschen“ meiner Kollegin Franziska Reich hat der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch neulich über Merz gesagt, er habe ein warmes Herz. Das war nicht nur positiv gemeint. Was Miersch damit andeuten wollte: Der Kanzler versucht, es allen recht zu machen. Nur wie heißt es so schön: Everybody’s darling ist everybody’s Depp. Das Ergebnis kann man in den Umfragen ablesen. Ich habe eine Vorstellung davon, wie es weitergeht. Als Nächstes kommt die Steuererhöhung. Weil Merz nicht willens oder in der Lage ist, seinem Vizekanzler etwas entgegenzusetzen, wird er auch das abnicken.
Es wird dann heißen, starke Schultern müssten mehr tragen als schwache. Die Wohlhabenden hätten ebenfalls ihren Beitrag zu leisten. Reichtum sei Verpflichtung. Der gesamte Psalmenkranz der SPD-Liturgie eben, den Sozialdemokraten rauf und runter beten können – auch vor sich rapide leerendem Haus und ungeachtet der Tatsache, dass die Wohlhabenden schon heute über 50 Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer tragen.
Am Wochenende konnte man in mehreren Publikationen lesen, wie es an der Technischen Universität Berlin aussieht, einem der deutschen Gegenstücke zu den US-Ausbildungsstätten, vor denen der Kanzler warnt.
Die Toiletten sind in einem Zustand, dass der Geruch durchs ganze Haus zieht. Die meisten Fahrstühle sind defekt, die Heizung war im Winter ausgefallen, im Keller steht das Wasser. Die Unileitung überlegt jetzt, vor dem Hauptgebäude Zelte aufzustellen, um den Vorlesungsbetrieb wenigstens ansatzweise aufrechtzuerhalten. Wohlgemerkt: Wir reden hier von einer der Vorzeigeuniversitäten des Landes.
Wenn ich die Wahl hätte zwischen Washington und Berlin als Ausbildungsort, ich glaube, ich würde Washington vorziehen. Aber ich bin ja auch weder katholisch noch bei der Merz-CDU. Da traut man sich dann auch nach Amerika.











