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Das Mehrheitsparadox

Das kannten wir: Wenn die Bürger mit ihrer Regierung nicht mehr zufrieden sind, suchen sie sich eine neue. Das kannten wir nicht: Die Mehrheit wählt die Regierung ab – und alles bleibt beim Alten. Eine Buchempfehlung aus gegebenem Anlass

Elections have consequences, Wahlen haben Folgen, mit diesem berühmten Satz reagierte Barack Obama auf die Empörung der Gegner über seine Gesundheitsreform. Wer die Mehrheit einbüßt, muss damit leben, dass er nicht mehr das Sagen hat. Aber genau das Prinzip ist in Deutschland auf den Kopf gestellt.

Die Mehrheit sagt, dass sie sich eine andere Politik wünscht – doch es geht einfach so weiter wie gehabt. Nur die Geschwindigkeit hat sich geändert. Das Geld für den deutschen Sozialstaat fließt jetzt einfach doppelt so schnell.

Mir schreiben oft Leute: „Wie gut, dass es Sie gibt.“ Das freut mich natürlich. Mich erreicht ja nicht nur Lob. Ich erwähne das allerdings nicht, weil ich vorsorglich etwaigen Vorbehalten begegnen will (obwohl auch das nicht schaden kann). Ich erwähne es, weil ich glaube, dass die Zuschriften auf etwas Grundsätzlicheres hindeuten. Viele Menschen haben erkennbar das Gefühl, dass das, was sie so denken und wie sie die Dinge sehen, in der Politik und in den Medien deutlich unterrepräsentiert ist.

Ich kann ihnen da nicht widersprechen. Mein Eindruck ist auch, dass die Welt, wie sie in den Medien abgebildet wird, und die Welt, die eine Mehrheit nach wie vor als ihr Zuhause begreift, immer weiter auseinanderfallen.

Im Land da draußen leben jede Menge Menschen, die weder Winnetou für eine rassistische Figur halten noch Layla für einen Song, den man unter Aufführungsverbot stellen muss. Wäre es anders, müssten sich die Grünen keine Sorgen machen, ob sie jemals ins Kanzleramt einziehen.

Aber in dieses normale Deutschland setzen die meisten Journalisten (und offensichtlich auch Politiker) selten einen Fuß. Es kommt auf den Stehempfängen und Dinnerpartys, auf denen die meinungsbildenden Leute zusammenstehen, praktisch nicht vor.

Das normale Deutschland sind Orte wie Tuttlingen, Bitburg oder Wetzlar, jene als Provinz verspottete Welt, in der man zum Muttertag noch Blumen schenkt, Gendern für eine exotische Form der Fitness hält und nichts Verwerfliches an Gardinen und Häkeldeckchen findet. In dieser Welt sagt übrigens auch niemand: „Patchwork, ja, das ist mein Traum vom Glück. Das habe ich mir für meine Beziehung immer gewünscht.“

Friedrich Merz hat das Thema vor seiner Wahl zum Bundeskanzler aufgenommen und gesagt, Kreuzberg sei nicht Deutschland. Riesenaufregung im besorgten Teil der Republik. Im „Spiegel“ stand eine lange Philippika, warum sich Merz damit endgültig unmöglich gemacht habe. Merz betreibe das Geschäft der Ausgrenzung, so ein Mann dürfe nie Kanzler werden.

Kreuzberg ist nicht Deutschland? Na gottlob, würde ich sagen. Die Aussichten sind ohnehin düster. Alle in Europa legen beim Wachstum zu, nur wir werden ärmer. Wenn Deutschland wie Kreuzberg wäre, könnten wir komplett einpacken.

Was passiert, wenn die Mehrheit das Gefühl hat, am Rand zu stehen? Das ist das Thema, dem sich mein neues Buch widmet. Es heißt „Du bist nicht allein“. Es ist eine Art Trostbuch für alle, die sich gerade etwas heimatlos fühlen.

Der Mehrheitswille war noch nie so gut erforscht wie heute. Jede Woche fühlen Meinungsforschungsinstitute dem Wähler den Puls, fragen nach seinen Vorlieben, Abneigungen, Sorgen und Befürchtungen. Kein Politiker, der sich nicht auf den Bürger beruft. Sogar die Grünen führen bei der Durchsetzung ihrer Projekte gerne den Mehrheitswillen an. Und doch fühlt sich die Mehrheit ungehört. Mehr noch: Sie fühlt sich im Stich gelassen.

Auch das lässt sich ja den Umfragen entnehmen. Eine wachsende Gruppe von Menschen hat den Eindruck, dass sie mit ihrer Meinung mehr oder weniger alleine steht. Sie denken, dass es zunehmend gefährlich ist, offen zu äußern, was man denkt. Wenn man sie fragt, ob man sich in der Öffentlichkeit besser vorsehen sollte, was man sagt und was nicht, stimmen sie dieser Aussage zu. Mehr als die Hälfte der Deutschen sieht das so. Dabei bilden sie in Wahrheit die Mehrheit.

Die Sozialwissenschaft hat einen Namen für dieses Phänomen. Sie nennt es das „Mehrheitsparadox“. Der Einzelne glaubt, er sei mit seiner Meinung allein, obwohl in Wirklichkeit die meisten so denken wie er.

Es ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Da man glaubt, mit der eigenen Ansicht in der Minderheit zu sein, behält man sie lieber für sich, aus Angst, sich lächerlich zu machen. Weil die anderen aus demselben Grund schweigen, entsteht der öffentliche Eindruck, die Mehrheit stünde hinter einer Meinung, die in Wahrheit nur wenige teilen. Das wiederum führt dazu, dass am Ende kaum noch jemand den Mund aufmacht – was wiederum die vermeintliche Mehrheit noch stärker erscheinen lässt. Es kommt zur „pluralistischen Ignoranz“.

In einer Demokratie gibt es Mechanismen, die der pluralistischen Ignoranz entgegenwirken. Der bekannteste Mechanismus sind Wahlen. Aber dieses Korrektiv ist außer Kraft gesetzt. Die Wähler geben ihr Votum ab, doch es interessiert nicht. Der Mehrheit wird gesagt, dass sie gar nicht die Mehrheit sei, weil ein Viertel der Stimmen aus übergeordneten Gründen beim Willensbildungsprozess nicht zähle. Das ist das Mehrheitsparadox auf die Spitze getrieben.

Man könnte auch sagen: Wir werden Zeuge eines unerhörten Experiments. Zum ersten Mal in der Geschichte der parlamentarischen Demokratie macht sich eine Minderheit daran, der Mehrheit nicht nur vorzuschreiben, wo es langgeht. Die Mehrheit wird auch noch dafür verspottet, dass sie nicht so weit ist wie die Minderheit, die den Ton angibt.

Wie das oft ist bei Experimenten: Es ist nicht auszuschließen, dass es schiefgeht. Das unterscheidet ja das Experiment von der erprobten Lage. Wenn man Pech hat, fliegt alles in die Luft.

Es lohnt, die Versuchsanordnung einmal genauer anzusehen, würde ich sagen. Und ich verspreche Ihnen, dass Sie auf Ihre Kosten kommen. Sie kennen mich: Bei mir werden keine Gefangenen gemacht.

Dabei kommt alles zur Sprache: die Abwertung der Provinz als Ort des Bösen („Das Böse sitzt im Speckgürtel“), die Politisierung der Justiz, der Opportunismus im Mediengewerbe, die neue Kontrolle des öffentlichen Raums, der ewige Kampf gegen rechts („Alles Nazis außer Oma“).

Und selbstverständlich tauchen auch alle auf, die finden, dass es schon seine Ordnung habe, wenn alles so weiterlaufe wie gehabt. Carolin Kebekus, Klimaheulbojen wie Luisa Neubauer oder Maja Göpel, Jan Böhmermann, logisch, Bärbel Bas, unser großer Finanzminister Lars I., der empfindsame Friedrich.

Das ist ja das Gute, wenn das Buch bereits im Handel ist. Bevor die Anwälte in Marsch gesetzt sind, ist die erste Auflage schon unter die Leute gebracht.