Monat: Januar 2026

Das Hufeisen der Ängste

Wer Vorräte anlegt, gilt als rechts. Dabei stammen die Pioniere der Survival-Szene aus der grünen Bewegung. Und Hand aufs Herz: Wenn der nächste Blackout kommt, ist man froh, trotzdem ein paar Suppendosen gebunkert zu haben

Ich möchte heute über den Prepper schreiben. Es wird ein hartes Jahr, da sollte man gewappnet sein.

Prepper kommt vom englischen Wort „prepared“, also vorbereitet. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wusste schon meine Großmutter. Aber Prepper haben keinen guten Leumund. Wer Vorräte anlegt, gilt als rechts.

In der „taz“, der linken Tageszeitung aus Berlin, stand neulich, weshalb größere Vorratshaltung nicht nur unsinnig, sondern auch politisch zweifelhaft sei. Die NDR-Journalistin Anja Reschke hat dem Prepper sogar ein eigenes Segment in ihrer Sendung gewidmet.

Ein paar Lebensmittel oder Batterien auf Vorrat seien okay, das empfehle sogar die Bundesregierung. Aber ein ganzes Warenlager im Keller? „Ein ähnliches Misstrauen gegenüber Staat, Politik und Eliten findet man auch bei Anhängern von Verschwörungsmythen, Menschen der Querdenkerbewegung, Reichsbürgern und, genau, dem rechtsextremen Milieu.“

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, da war der Prepper gesellschaftlich durchaus gelitten. Das Wort Prepper kannte man noch nicht. Der Prepper hieß damals Überlebenskünstler. Aber es lief auf das Gleiche hinaus: sich beizeiten mit dem Lebensnotwendigen eindecken, damit man auch eine Katastrophe übersteht.

Es ist kein Zufall, dass der Überlebenskünstler mit der Friedensbewegung auf den Plan trat. Dass die Welt auf der Kippe stehe, weil man mit der Aufrüstung im Westen zu sehr die russische Atommacht reize, war ein Lebensgefühl, das Hunderttausende auf die Straße brachte. Damals galt das allerdings als links und nicht als rechts.

Einen festen Platz in meiner Bibliothek hatte „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ von John Seymour, in dem man lernte, wie man fachgerecht ein Schwein zerteilt und sein Sommergetreide so einlagert, dass es den Winter übersteht. Ich weiß nicht, ob aus mir ein guter Selbstversorger geworden wäre. Aber in jedem Fall gab einem die Lektüre das beruhigende Gefühl, sich schon mal mental auf das Undenkbare vorbereitet zu haben.

Der Held der jungen Bewegung war der Hamburger Konditormeister Rüdiger Nehberg, der seinen Fans vormachte, wie man jeden Kollaps überlebt, indem er sich mit Sandalen und Badeshorts am Amazonas aussetzen ließ. Seine kleine Insektenküche („Wer sich vor Heuschrecken, Maden oder Termiten ekelt, der ist lediglich Opfer gesellschaftlicher Gepflogenheiten“) war nicht nach jedermanns Geschmack.

Doch damals wie heute gilt: Wer den Zusammenbruch jeder zivilen Ordnung meistern will, darf nicht zu zimperlich sein. Was sich geändert hat: An den Schalthebeln der Macht sitzen heute die Leute, die wie ich in ihrer Jugend John Seymour gelesen haben. Ich vermute, das ist der entscheidende Grund, weshalb Survival heute als rechts gilt.

Angst ist ein mächtiges Gefühl. Es ist so mächtig, dass es mühelos die Lagergrenze überwindet.

Es gibt zwei Gruppen, die die Angst besonders fest im Griff hat: Menschen ganz links und ganz rechts der Mitte. Je weiter man politisch nach außen tendiert, desto größer die Untergangsangst. Ganz links ist es der Klimatod, der uns unweigerlich das Lebenslicht ausblasen wird. Ganz rechts ist es, neben dem Raketensturm auf Berlin, der messerschwingende Migrant, der einen bis in den Schlaf verfolgt.

Deshalb sind sie ganz links und ganz rechts auch so schlecht am Zahn zu haben. Wer von seinen Ängsten dominiert wird, neigt zu Hysterie. Das Theatralische und Exaltierte ist immer in Griffnähe, auch das Verspannte und Verstörte. Ich will jetzt keine Namen nennen. Ich glaube, jeder weiß auch so, wovon ich rede.

Meine Kollegin Carolin Blüchel, mit der ich zusammen den Podcast aufnehme, überraschte mich vorletzte Woche mit dem Geständnis, dass sie zu Weihnachten einen Survival-Kit geschenkt bekommen habe. „Grubenlampe, kurbelgetriebenes Radio, Feuchttücher – alles drin“, sagte sie mit einem triumphierenden Lächeln. Das Preppen ist gesellschaftlich offensichtlich doch weiter akzeptiert, als Frau Reschke sich das vorstellen kann.

Meine eigenen Erfahrungen beschränken sich auf das Horten von Tee und Keksen. Wenn man ernsthaft daran denkt, mehr als zwei Wochen ohne Leitungswasser durchzustehen, braucht man enorme Wassermengen. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu werden, aber dann vor der Anzahl der einzulagernden Wasserflaschen kapituliert.

Die Ravioli, die ich während der Corona-Krise besorgt hatte, habe ich letztes Jahr auf Drängen meiner Frau entsorgt. Ich dachte, die könne man gefahrlos über das Verfallsdatum verspeisen. Aber nichts da. In jeder Dose lauert das gefürchtete Botulinumtoxin, wie mir ein Zuhörer unseres Podcasts jetzt mitteilte. Dank an dieser Stelle nach Leipzig für den Hinweis!

Sogar in der Redaktion der „taz“ hat ein Umdenken eingesetzt. Nach dem Blackout in Berlin veröffentlichte die Zeitung den Link zu einer Liste, was man auf jeden Fall im Haus haben sollte, um die ersten kritischen Tage zu überstehen.

Ich glaube, viele Menschen kommen gerade ins Grübeln. Wie einem die Experten erklären können, sind nicht nur in der Hauptstadt die Stromleitungen so leicht zugänglich, dass jeder Depp sich daran zu schaffen machen kann. Anderswo stellen sie sich dann anschließend beim Krisenmanagement nicht so ungeschickt an. Aber der Strom ist trotzdem weg.

Ich habe aufgehört zu zählen, was alles in Deutschland als Hinweis auf eine rechte Gesinnung gilt. Tracht. Zöpfe bei kleinen Mädchen. Seitenscheitel. Rüdes Verhalten. Zu höfliches Verhalten (Sie lachen, aber das war original die Antwort der Linkspartei-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow auf die Frage, woran man Nazis erkennt: übertriebene Freundlichkeit). Wandern. Dickmilch statt Kefir. Okay, das Letzte habe ich mir ausgedacht. Aber es liegt auf der gleichen Linie.

Der einfachste Weg, sich dem Preppen in den Weg zu stellen, wäre, den Leuten die Angst zu nehmen, sie wären im Notfall allein. Wer den Eindruck hat, er kann sich auf den Staat verlassen, denkt nicht über Dosensuppen in Palettenmenge nach. Eine handlungsfähige Regierung, das wär’s. Dann könnte man auch den Stauraum im Keller wieder für andere Dinge nutzen.

Aber das ist vermutlich zu einfach gedacht. Deshalb braucht es weitere Sendungen, warum die eigentliche Gefahr nicht vom Blackout droht, sondern von denjenigen, die sich darauf vorbereiten.

Weil sich diese Kolumne auch als Serviceplattform versteht, zum Schluss für alle, die wissen wollen, wie man ohne Supermarkt und fließend Wasser überlebt, noch ein paar Tipps, die ich dem unentbehrlichen Überlebensratgeber „Was Oma und Opa noch wussten“ entnommen habe.

Tauwasser lässt sich gewinnen, indem man sich möglichst saugfähigen Stoff um die Knöchel bindet und damit durch hohes Gras geht. Brennnesselspinat übertrifft mit seinem hohen Vitamin-C-Gehalt sogar die vitaminreichen Paprika. Und falls man am Abend zu tief ins Glas geschaut hat, als man in Ermangelung anderer Getränke den Weinkeller leerte: Birkenblätter entgiften die Körpergefäße, ohne Leber und Nieren zu belasten.

 

Brauchen wir mehr Polizeigewalt?

Ein ungemütlicher Gedanke: Vielleicht haben wir es mit der Toleranz übertrieben. Das hieße: mehr Härte gegenüber Krawallbuben. Und wer als Ausländer dreimal bei einer Straftat erwischt wird, muss das Land verlassen

Zu den amüsanteren Begleiterscheinungen des deutschen Jahresanfangs gehörte der Auftritt der Streamerin Kunshikitty, die ihren Fans beweisen wollte, wie gefahrlos man sich zehn Jahre nach der Kölner Silvesternacht durch die Innenstadt bewegen kann. In dem Live-Video, das von dem Experiment zeugt, sieht man, wie erst von links, dann von rechts ein Gegenstand fliegt. Die junge Frau zieht den Kopf ein und bringt sich in Deckung („Aua, ich hab irgendwas gegen den Kopf bekommen“).

In einem weiteren Video erklärte Kunshikitty anderntags, dass man die Szene nicht falsch verstehen dürfe. Das Problem seien nicht die jungen Männer, die sie bedrängt hätten, sondern die Leute auf X, die alles verzerren würden.

Zu den weniger amüsanten Begebenheiten des Jahreswechsels zählt die Bilanz der Silvesternacht aus polizeilicher Sicht. Hier sind die Zahlen aus Berlin: 640 Brandeinsätze, 400 Festnahmen, entglaste Fassaden, brennende Fahrzeuge, gezielte Angriffe auf Polizeikräfte. Insgesamt wurden 35 Polizisten verletzt, davon zwei so schwer, dass sie ins Krankenhaus mussten.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner zeigte sich zufrieden, dass die Nacht dieses Mal ruhiger verlaufen sei. Das war das Wort, das er benutzte: „ruhiger“. Das klang beim Sprecher der Polizeigewerkschaft dann doch etwas anders. „Das ist nicht normal, was in Berlin passiert“, erklärte der.

Man kann die Übergriffe routiniert unter Spaßgesellschaft abbuchen. Oder sie als das sehen, was sie sind: Ausdruck einer Verwahrlosung, die so gewöhnlich geworden ist, dass sich der Landeschef schon freut, wenn es bei 35 verletzten Polizeibeamten bleibt.

Man weiß auch ziemlich genau, wer die Übeltäter sind: junge Männer mit zumeist arabischem Hintergrund, die diesen Staat und seine Gesetze für einen Witz halten. So hat es auch die Berliner Polizeipräsidentin bei einem Ausblick auf den Jahresbericht 2025 gesagt: Erschreckend sei der Anstieg der Straftaten unter jungen Menschen, insbesondere die migrantisch geprägten Milieus ragten heraus.

Möglicherweise haben wir es mit der Toleranz übertrieben. Vielleicht brauchen die Krawallbuben eine Lektion, die sie so schell nicht vergessen. Ich weiß, das klingt furchtbar. Nicht Eskalation, sondern Deeskalation sei die Lösung, ist seit Langem das Mantra.

Ich habe vor Jahren einmal einen Zug Bereitschaftspolizisten in Hamburg begleitet. Ich musste versprechen, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Wir sind im Einsatz, sagte der Zugführer. Dann wies er mich an, mich dicht hinter ihm zu halten. Ich garantiere: Eine Hundertschaft in der Sonnenallee und am Hermannplatz, und die Heißsporne dort überlegen sich gut, ob sie weiter behaupten wollen, die Bullen hätten in ihrem Kiez nichts zu suchen.

So darf man nicht reden, heißt es. Das würde der Polizeigewalt Tür und Tor öffnen. Aber Nachsicht ist der falsche Ansatz. Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die meinen, die Straße gehöre ihnen, weil man seit Langem aufgehört hat, ihnen entgegenzutreten. Auf das Elternhaus kann man nicht setzen. Was immer diese Jungs zu Hause gelernt haben: Respekt vor der Ordnungsmacht gehört nicht dazu.

Allerdings, woher sollten sie es auch besser wissen, kann man fragen. Die Polizei, die sie sehen, tritt verlegen von einem Bein aufs andere, wenn sie beschimpft wird. Erst mal heißt es: klären, ob eine Straftat vorliegt. Dann wird überlegt, ob man einschreitet oder sich nicht des lieben Friedens willen zurückzieht. Der Polizei kann man keinen Vorwurf machen. Sie würde ja, wenn man sie ließe. Es sind in der Regel die politisch Verantwortlichen, die Zurückhaltung anmahnen, weil alles andere schlechte Presse nach sich zieht.

Zwei Tage vor dem Jahreswechsel kam es in Berlin zu einer Machtdemonstration des neuen Zusammenschlusses aus Antifa und palästinensischem Klüngel. „Ehre den Märtyrern und dem Widerstand“, stand auf den Plakaten, die mit Abu Obeida, dem getöteten Sprecher der Hamas, bebildert waren. Das ist der Stand in Berlin: Ein ironischer Tweet, in dem „Deutschland wird woke“ mit „Deutschland erwache“ übersetzt wird, und man hat die Polizei in der Tür – die Verherrlichung von Terrorismus auf offener Straße, und alle schauen zur Seite.

Die Demonstranten machen auch kein Hehl daraus, was sie von Deutschland halten. „Fuck you, Germany“, rufen sie, wenn sich die Polizei zeigt. Warum nehmen wir die Leute nicht beim Wort? Das hieße in dem Fall: Beweissicherung, Feststellung der Personalien. Wer keinen deutschen Pass hat, wird dem Haftrichter vorgeführt und in Abschiebearrest genommen.

Es ist Mode geworden, alles abzulehnen, was aus den USA kommt. Aber das eine oder andere könnte man sich abschauen. In einer Reihe von US-Bundesstaaten gilt die 3-Strikes-Regel: Wer dreimal einer schweren Straftat überführt wird, landet automatisch für lange Zeit hinter Gittern.

Das ließe sich übertragen. Wer als Ausländer dreimal dabei erwischt wird, dass er die Gesetze bricht, muss Deutschland verlassen. Man könnte darüber diskutieren, was unter die neue Regelung fällt. Schwarzfahren oder Diebstahl? Möglicherweise zu harsch. Aber Angriffe auf Leib und Leben sollten schon dazugehören. Auch Drogendelikte und Vergewaltigung.

Wäre ich im Polizeidienst, ich würde innerlich quittieren. Warum sich die Mühe machen, ein Früchtchen hopszunehmen, wenn es einem schon anderntags wieder feixend gegenübersteht?

Das Stuttgarter Justizministerium hat im Herbst stolz verkündet, dass es gelungen sei, die Familie H. nach Syrien abzuschieben. Den Stoßseufzer konnte man bis nach Aleppo hören.Die ersten Familienmitglieder kamen 2015 nach Deutschland. Leider sahen sich die meisten außerstande, einer geregelten Arbeit nachzugehen, weshalb sie großzügig von ihren neuen Mitbürgern mit Sozialhilfe versorgt wurden. Die Wohnung, die ihnen zugewiesen wurde, war auch nicht irgendein Mauseloch, sondern ein Haus am Stadtrand, das sie selbstredend mietfrei beziehen durften.

Hat das die Großfamilie dazu ermuntert, sich dankbar gegenüber den braven Deutschen zu zeigen? Faul waren sie in der Familie H. nicht, den Vorwurf kann man den Clanmitgliedern nicht machen. Nur leider ging die Energie in außergesetzliche Aktivitäten. Diebstahl, räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung: Auf 160 Straftaten summierte sich das Sündenregister am Ende. Die Straftäter wurden auch immer jünger, weil man schnell den Bogen heraushatte, dass die Justiz bei Jugendlichen besondere Nachsicht walten lässt.

Wäre man in einer Comedy-Sendung, würde nun eine Stimme aus dem Off sagen, dass man das Wort Clankriminalität nicht verwenden solle, weil es stigmatisierend wirke. Besser sei die Bezeichnung „familienbasierte Betätigung außerhalb des gesetzlichen Rahmens“. Dummerweise befinden wir uns nicht in einer Comedy, sondern in der deutschen Wirklichkeit, und deshalb wird in Berlin-Neukölln der Bezirksbürgermeister in vollem Ernst aus dem Amt gemobbt, weil er nicht davon lassen wollte, von Clans zu sprechen.

Auch so lässt sich das Problem lösen: Man redet einfach nicht mehr darüber. Das wäre der Berliner Weg.

© Michael Szyszka

So wird 2026

Pizzasteuer, Gedenktag gegen Bodyshaming und Verbot des Multiplizierens – das erwartet uns im neuen Jahr (Spoiler: Allen Ereignissen liegt eine Meldung aus den vergangenen vier Wochen zugrunde)

Januar

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther drängt seine Kollegen, eine Steuer auf gezuckerte Lebensmittel einzuführen. Bremen und Hamburg zeigen sich bereit, die Bundesratsinitiative zu unterstützen, wenn gleichzeitig eine Abgabe auf Social-Media-Produkte erfolge. Zu starker App-Konsum verursache erhebliche soziale Probleme und damit enorme gesellschaftliche Kosten. Thüringen regt eine Pizzasteuer an. Übermäßiger Pizzakonsum sei erwiesenermaßen ungesund, außerdem verdränge Pizza heimische Wurstspeisen.

Februar

Nach dem Selbstouting der Linkspartei-Ikone Heidi Reichinnek als Migränepatientin macht die Linkspartei-Vorsitzende Ines Schwerdtner eine Long-Covid-Erkrankung öffentlich. Das politische Geschäft verlange, dass sie Termine wahrnehme, auch wenn sie dazu eigentlich nicht in der Lage sei. Sie nehme dann Medikamente, die leider ihre Fahrtüchtigkeit herabsetzten.

Schwerdtner war wegen eines Unfalls in die Kritik geraten. Bei einem Ausweichmanöver mir ihrem Kia hatte sie die Eingangstür zum ARD-Hauptstadtbüro durchbrochen und dann angegeben, sie habe einer schwangeren Radfahrerin ausweichen müssen. Der Schritt in die Öffentlichkeit verdiene Respekt, erklärt der Co-Vorsitzende Jan van Aken. Der Verband der Long-Covid-Opfer nimmt Schwerdtner als Ehrenmitglied auf.

März

Finanzminister Lars Klingbeil stellt auf Instagram eine Erhöhung der Umzugskostenpauschale für Alleinerziehende in Aussicht. „So machen wir den Alltag der Menschen in Deutschland leichter“, sagt Klingbeil. Die SPD veröffentlicht ein Video, auf dem sich Frauen zwischen Umzugskisten bei der SPD bedanken. „Alles wird teurer. Da ist es schön, dass man jetzt spürt, dass das Leben leichter wird“, erklärt eine Frau mit Kind im Arm.

April

DGB-Chefin Yasmin Fahimi kündigt Massenstreiks gegen die geplante Bürgergeldreform an. Es brauche ein machtvolles Zeichen gegen die Entsolidarisierung der Gesellschaft, sagt sie in einem Interview mit dem „Spiegel“. Nicht alle DGB-Mitglieder wollen allerdings einsehen, dass sie früher aufstehen müssen, damit andere sich morgens noch umdrehen können. Fahimi kündigt daraufhin einen „Tag der Solidarität“ gegen die Entsolidarisierung beim DGB an.

Mai

Über 100 Postkolonialismus-Professoren unterschreiben einen Aufruf, weibliche Genitalverstümmelung nicht länger unter Strafe zu stellen. Es sei „rassistisch und stigmatisierend“, die Praktik zu verbieten. Frauen und Mädchen würden damit zu „passiven Opfern“ gemacht, kritische Medienberichte schürten „das Misstrauen gegenüber migrantischen Gemeinschaften“. Überhaupt solle man nicht von Verstümmelung sprechen, sondern von „weiblichen Genitalpraktiken“, um der „kulturellen Komplexität“ gerecht zu werden.

Juni

Die gescheiterte Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf regt in der Sendung „Markus Lanz“ an, den Grundgesetz-Artikel 38 zu reformieren, wonach Abgeordnete vor allem ihren Gewissen unterworfen sind. Die Gewissensfreiheit passe nicht mehr in die Zeit. Gewissensfreiheit sei eine Chiffre für ein radikal individualistisches Konzept, das die Grundlagen des Gemeinwesens infrage stelle. Tatsächlich würden sich vor allem Abgeordnete, die an der Spaltung der Gesellschaft interessiert seien, auf das Gewissen berufen. Die Sozialdemokraten begrüßen den Vorstoß.

August

Das Potsdamer Museum Fluxus Plus veröffentlicht eine Installation, die Palästinenser in einem Miniaturnachbau des Konzentrationslagers Auschwitz zeigt. Zuvor hatte Fluxus Plus bereits Schlagzeilen gemacht, als es das Holocaust-Opfer Anne Frank mit Palästinensertuch ausstellte. „Wären die Nazis heute an der Macht, wären sie Juden“, erklärt die Museumsleitung. Die Juden hätten die Lektion aus der Geschichte nicht gelernt, deshalb brauche es Ausstellungen wie die in Potsdam.

September

Nach dem Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit, mit dem Berlin gegen die Diskriminierung von Muslimen vorgehen will, hat der Regierende Bürgermeister Kai Wegner eine Reihe weiterer Gedenktage angekündigt. Am 15. Mai soll jetzt ein Gedenktag gegen Bodyshaming an die Ausgrenzung übergewichtiger Menschen erinnern. Im August folgt ein Gedenktag gegen die Diskriminierung osteuropäischer Bürgergeldempfänger. Wegner erinnert bei der Gelegenheit daran, dass insbesondere Osteuropäer Abwertung erfahren, indem sie in Jobcentern vorschnell zur Aufnahme von Niedriglohnjobs gedrängt würden.

Oktober

Im Rahmen der Aktionswoche gegen Hasspostings hat die Staatsanwaltschaft Schwerin einer Rentnerin einen Strafbefehl zugeschickt, die eine moderne Stadtansicht mit dem Ausruf „Alte Hütte, das sieht nicht gut aus“ kommentiert hatte. Die Anfangsbuchstaben „A H“ seien Nazicode, der auf Adolf Hitler verweise. Die Landesregierung erklärt, die Aktionswoche würde die Meinungsfreiheit stärken. Nur eine Gesellschaft, in der jeder wisse, wo die Grenzen lägen, sei eine freie Gesellschaft.

November

Grüne und Linke wollen Feiertage doppelt nachholen, wenn sie auf ein Wochenende fallen. „Von gut erholten Arbeitnehmern profitieren auch die Arbeitgeber“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Arbeitgeberverbände machen geltend, dass die Wirtschaft noch mehr zurückfalle, wenn die Produktivität weiter sinke. „Wer eine Ministerin auslacht und damit sein zutiefst frauenfeindliches Frauenbild offenbart, hat jeden Anspruch auf politische Teilhabe verwirkt“, heißt es in einer Erklärung des grünen Parteivorstandes.

Dezember

Nachdem das niedersächsische Kultusministerium an Grundschulen das schriftliche Dividieren aus dem Lehrplan gestrichen hat, weil das Rechenverfahren zu komplex sei, zieht das Land Nordrhein-Westfalen nach und untersagt das schriftliche Multiplizieren. Auch das Rechnen mit Kommazahlen wird bis auf Weiteres ausgesetzt. Größere Zahlen, die über das Einmaleins hinausgehen, sind nur noch zugelassen, wenn sie in überschaubare Teilmengen zerlegt werden können.

„Der Erwerb mathematischer Kompetenzen ist eng verbunden mit übergreifenden Zielen zur Entwicklung der Persönlichkeit“, heißt es in einer Verfügung des Ministeriums. Der Mathematikunterricht solle sich deshalb „an den Lernergebnissen und Lernprozessen der Lernenden“ orientieren und individuelle Lernwege ermöglichen. Ein bloßes „Abrufen automatisierter Ergebnisse und die Ausführung vorgegebener Verfahren“ reiche dafür nicht aus.

© Sören Kunz