Schlagwort: Donald Trump

Das Plaudertäschchen

Merz hat das Image des knorrigen Konservativen, der sagt, was Sache ist. In Wahrheit ist er ein äußerst harmoniebedürftiger Mensch, der Konflikten nach Möglichkeit aus dem Wege geht. So regiert er leider auch

Ein Kanzlertag mit Friedrich Merz. Auftritt beim Katholikentag in Würzburg. Der Kanzler sitzt auf der Bühne, umgeben von lauter Jugendlichen.

Er würde seine Kinder nicht in die USA zum Studieren schicken, sagt er. Das gesellschaftliche Klima habe sich so geändert, dass er einen längeren Aufenthalt dort nicht mehr empfehlen könnte. Reisewarnung von Schalter eins sozusagen.

Alle im Publikum nicken, man weiß ja, was von den USA zu halten ist. Donald Trump kommt hier gleich nach dem Beelzebub.

Zwei Stunden später ist ein Telefonat mit dem US-Präsidenten vereinbart. Die Polizei hat einen Raum in einer Polizeistation freigeräumt, damit der Kanzler ungestört sprechen kann. Merz hat um das Telefonat gebeten, seit Tagen bereiten seine Leute den Termin vor. Er will den Eindruck korrigieren, er wolle sich mit Trump anlegen.

Ende April saß er in einer Schule. Da fiel es ihm ein, über Trump als Kriegsherren herzuziehen. Der Verlauf des Iran-Krieges sei eine Demütigung für die Vereinigten Staaten. Abzug von amerikanischen Truppen aus Deutschland, höhere Strafzölle für deutsche Autos – das war die Antwort aus Washington.

So ist Trump: Wenn er den Eindruck hat, dass ihm jemand das Messer in den Rücken stößt, kann er sehr nachtragend sein.

So ist Merz: Morgens mal eben im Nebensatz über die USA herziehen – und am Mittag dann versuchen, gut Wetter zu machen.

Vielleicht dachte er, dass Trump kein Deutsch kann. Oder dass niemand mitbekommt, wenn er beim Katholikentag die USA disst, weil Würzburg von Mar-a-Lago aus so weit entfernt liegt wie Accra oder Lagos. Die Amis haben es bekanntlich ja nicht so mit Erdkunde. Wer weiß in der Trump-Entourage schon, wo Franken liegt, nicht wahr?

Wenn das die Erwartung war, kann man nur sagen: Das ging daneben. „Germany’s Friedrich Merz says he would not want his children to move to US“, lautete am Nachmittag die „Top Story“ der „Financial Times“. Die „Financial Times“ lesen sie auch im Weißen Haus. Da brauchen sie nicht einmal einen Übersetzungsdienst.

Es stimmt, wir wollen Politiker, die sich nicht bei jedem Satz auf die Zunge beißen oder alles so glatt schleifen, dass man denkt, man höre einem Automaten zu. Aber das heißt nicht, dass man vom Kanzler erwartet, dass er einfach vor sich hin plappert. Wenn man nicht wüsste, dass Merz noch nicht an Alzheimer leidet, müsste man denken, das seien die ersten Anzeichen, sagte meine Schwägerin, als sie von Würzburg las.

Jetzt im Handel, das neue Buch von Jan Fleischhauer: „Du bist nicht allein. Das Mehrheitsparadox oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat, am Rand zu stehen“. DVA, 304 Seiten, 25 Euro

Meine Schwägerin kommt aus der Wirtschaftswelt. Niemand könnte sich dort einen solchen Auftritt erlauben. Ein Mittelständler, der über ein Unternehmen herzieht, mit dem er ins Geschäft kommen will? Wenn es eines gibt, was man schon in der Probezeit lernt: dass man tunlichst nicht Leute beleidigt, die man später noch mal braucht. „Aber Trump redet doch auch nicht anders!“ Der Einwand ist berechtigt. Leider sind wir nach Lage der Dinge sehr viel abhängiger von den USA als die USA von uns (Dank und Gruß an dieser Stelle an Angela Merkel, die alles sabotiert hat, was Deutschland hätte unabhängiger machen können).

Wie sind die Aussetzer zu erklären? Was geht in Merz vor? Ich glaube, das richtige Wort für jemanden wie ihn ist „Pleaser“. Kaum sitzt er im Kreis von Menschen, die er für sich einnehmen will, sagt er etwas, von dem er meint, dass es ihm die Herzen gewinnt. Anschließend tut es ihm oft furchtbar leid, wenn das, was für den kleinen Kreis bestimmt war, in den Zeitungen steht. Aber da ist es dann zu spät.

Es gibt in der Umgebung des Kanzlers eine Reihe von Beratern, die sagen, man dürfte Merz nicht mehr unbegleitet auf Podien lassen. Am besten nur noch Interviews mit Presseorganen, die man anschließend notfalls umschreiben kann. Aber das geht natürlich nicht. Einen Kanzler, den man verstecken muss, weil er seine Zunge nicht im Zaum hat?

Ich glaube, die Disziplinlosigkeit bei seinen öffentlichen Auftritten weist auf ein tieferes Problem hin. Sein Leben lang hat sich Merz danach gesehnt, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Dass er es besser könne als alle Konkurrenten, diese Überzeugung trieb ihn an. Nun sitzt er im Kanzleramt und weiß mit seiner Macht nichts anzufangen.

Alles verschwimmt, alles löst sich auf. Keine seiner Ankündigungen hat Bestand. Er werde die AfD halbieren, das ist sein Anspruch, das war sein Versprechen. Tatsächlich hat er sich selbst halbiert.

Der Staat habe kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem, auch das ist so ein Merz-Satz.

Wenn es bei den Plänen bis 2029 bleibt, wird seine Regierung zum Ende der Legislaturperiode 850 Milliarden Euro an neuen Schulden auftürmen. Das ist nahezu die Hälfte dessen, was der Bund seit Bestehen der Bundesrepublik an Schulden angehäuft hat. In nur vier Jahren durchbringen, wozu die Vorgänger Jahrzehnte brauchten, auch das ist eine Leistung.

Merz hat das Image des Straight Talkers, der sagt, was Sache ist. Der knorrige Konservative, etwas unsensibel und ruppig im Auftritt, das ist das Bild, das bis heute von ihm gezeichnet wird.

Im Wahrheit ist Merz im persönlichen Umgang erstaunlich freundlich und rücksichtsvoll. Er blafft seine Mitarbeiter nicht an und überzieht sie auch nicht mit Vorwürfen, wenn etwas schiefgeht. Im Gegensatz zu dem Image, das von ihm verbreitet wird, ist Merz ein ausgesprochen harmoniebedürftiger Mensch, der Konflikten nach Möglichkeit aus dem Weg geht.

Im Podcast „Machtmenschen“ meiner Kollegin Franziska Reich hat der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch neulich über Merz gesagt, er habe ein warmes Herz. Das war nicht nur positiv gemeint. Was Miersch damit andeuten wollte: Der Kanzler versucht, es allen recht zu machen. Nur wie heißt es so schön: Everybody’s darling ist everybody’s Depp. Das Ergebnis kann man in den Umfragen ablesen. Ich habe eine Vorstellung davon, wie es weitergeht. Als Nächstes kommt die Steuererhöhung. Weil Merz nicht willens oder in der Lage ist, seinem Vizekanzler etwas entgegenzusetzen, wird er auch das abnicken.

Es wird dann heißen, starke Schultern müssten mehr tragen als schwache. Die Wohlhabenden hätten ebenfalls ihren Beitrag zu leisten. Reichtum sei Verpflichtung. Der gesamte Psalmenkranz der SPD-Liturgie eben, den Sozialdemokraten rauf und runter beten können – auch vor sich rapide leerendem Haus und ungeachtet der Tatsache, dass die Wohlhabenden schon heute über 50 Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer tragen.

Am Wochenende konnte man in mehreren Publikationen lesen, wie es an der Technischen Universität Berlin aussieht, einem der deutschen Gegenstücke zu den US-Ausbildungsstätten, vor denen der Kanzler warnt.

Die Toiletten sind in einem Zustand, dass der Geruch durchs ganze Haus zieht. Die meisten Fahrstühle sind defekt, die Heizung war im Winter ausgefallen, im Keller steht das Wasser. Die Unileitung überlegt jetzt, vor dem Hauptgebäude Zelte aufzustellen, um den Vorlesungsbetrieb wenigstens ansatzweise aufrechtzuerhalten. Wohlgemerkt: Wir reden hier von einer der Vorzeigeuniversitäten des Landes.

Wenn ich die Wahl hätte zwischen Washington und Berlin als Ausbildungsort, ich glaube, ich würde Washington vorziehen. Aber ich bin ja auch weder katholisch noch bei der Merz-CDU. Da traut man sich dann auch nach Amerika.

Im Feindesland

Jetzt zeigt sich, was für eine verheerende Idee es war, die Bildungseinrichtungen zum Safe Space umzubauen. Wenn der Safe Space auf Debattenprofis wie den Influencer Charlie Kirk trifft, gewinnt nicht der Safe Space. Auch daher war er so verhasst

Ich habe mir stundenlang Charlie-Kirk-Videos angesehen. Sie wissen schon, das ist dieser amerikanische Influencer, der vor einer Woche auf dem Campus der Universität Utah von einem 22-Jährigen erschossen wurde. Ich konnte nicht mehr aufhören, es war wie ein Sog.

Das Setting ist in den Videos immer das gleiche. Kirk sitzt in einer Art Zelt, das ihn vor der Sonne schützt, neben sich ein Glas Yogitee, an dem er hin und wieder nippt. Gegenüber steht ein sogenanntes Open Mic, an das jeder treten kann, der es mit ihm aufnehmen will. „Prove me wrong“, lautete der Titel der Veranstaltungen, die Tausende anlockten: Zeig mir, dass ich falschliege.

Es gibt einen jungen Mann, der sagt, dass er schwul sei und wissen wolle, was Kirk davon hält. Man sieht eine Feministin, die mit ihm über Abtreibung sprechen will, einen älteren, schwarzen Herren, der ihn zu Rassismus befragt, eine Frau im Regenbogen-Shirt, die für Transrechte streitet.

Vor den ohnehin Überzeugten auftreten, das kann jeder. Da reichen ein paar Klopfer, wie man bei uns in Bayern sagt, und die Leute sind glücklich. Aber sich in Feindesland begeben, mit nichts anderem ausgestattet als einem Mikrofon, das erfordert mehr Fähigkeiten.

Und die Universitäten, an denen Kirk auftrat, waren Feindesland. Wenn es einen Ort gibt, der noch fest in der Hand der Linken ist, dann ist es die akademische Welt. Halten Sie mich meinetwegen für einen Extremisten der Meinungsfreiheit: Aber so ein Kampfgeist beeindruckt mich.

Viele Linke fragen sich, wie es passieren konnte, dass der Zeitgeist nach rechts kippt. Ich glaube, der Grund liegt genau hier. Links der Mitte ist man schlicht nicht mehr in der Lage, der anderen Seite etwas entgegenzusetzen. Nicht weil es keine Argumente gäbe. Argumente lassen sich für nahezu jeden Standpunkt finden. Die Linke verliert, weil sie sich zu sehr daran gewöhnt hat, nur noch auf Leute zu treffen, die zustimmen.

Jetzt zeigt sich, was für eine verheerende Idee es war, die Bildungseinrichtungen zum Safe Space umzubauen. Wer eine ganze Generation darauf trainiert, schon die Verwendung eines falschen Pronomens als Gewaltakt zu betrachten, muss sich nicht wundern, dass sie zu keiner Gegenwehr in der Lage ist, wenn plötzlich der Leibhaftige in der Tür steht.

Man kann auch sagen: Wenn der Safe Space gegen Charlie Kirk antritt, gewinnt nicht der Safe Space. Diese Jugend ist nur lebensfähig, wenn man sie in Watte packt. Ein zu lautes Wort, ein unkorrekter Gag, und sie erleidet einen Schwächeanfall.

Kirk war auch die Antwort auf das Bedürfnis nach Coolness. Er war der Beweis, dass die Rechten nicht alle so dumm und einfältig sind, wie immer behauptet wird. Ein Hillbilly, der ein
Collegekid nach dem anderen vermöbelt: Kann man sich eine grausamere Demütigung vorstellen? Auch deshalb hassen sie ihn über den Tod hinaus.

Als ich die Videos sah, habe ich mich unwillkürlich gefragt: Wer wäre bei uns heute links der Mitte in der Lage, in den politischen Nahkampf zu gehen? Die Helden der Bewegung sind Leute wie die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, hochdekoriert und bewundert, die zuletzt inständig darum bat, sich jedem Diskurs zu entziehen. Das war ihr Petitum: Geht nicht in die Talkshows, meidet Podien, auf denen die bösen Leute sitzen, bleibt unter euch.

Oder man hält sich an Komikern wie Jan Böhmermann fest, der seinen Letztkontakt mit der anderen Seite als Praktikant bei Harald Schmidt hatte. Als der Moderator vor vier Jahren im Gespräch mit dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf offener Bühne über sein Verständnis als Satiriker Auskunft geben sollte, galt das als Sensation. Wahnsinn, Böhmermann stellt sich kritischen Fragen!

Es sollte auch das vorerst letzte Mal bleiben. Seitdem hat er das Studio, wo er nur von Leuten umgeben ist, die garantiert auf seiner Seite stehen, nicht mehr verlassen. So sind ja auch die Sendungen: ein braves Abarbeiten der Stichworte, die ihm die Redaktion liefert. In diesem Setting gewinnt man immer. Notfalls wird so lange geprobt und geschnitten, bis man als Held vom Platz geht.

Es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, aber die Linke hat sich nicht durchgesetzt, indem sie sich der Auseinandersetzung verweigerte. Im Gegenteil: Ihren Siegeszug verdankt sie dem Talent zur Aufmüpfigkeit. All das, worüber man heute die Nase rümpft, die Provokation, die Zuspitzung, die Übertreibung, waren einmal die Stilmittel, derer man sich selbst befleißigte.

Die Verführungskraft der Achtundsechziger bestand nicht in Rücksichtnahme und Leisetreterei, sondern in der Krawalllust. Die Helden waren Berufsprovokateure wie Fritz Teufel oder Rainer Langhans. Ich weiß noch, wie ich als 16-Jähriger ein zerlesenes Exemplar von Fritz Teufels „Klau mich“ wie einen Schatz hütete. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ war für mich keine wegen ihrer offensichtlichen Gewaltverherrlichung fragwürdige Äußerung, sondern ein Versprechen.

Heute ist es genau umgekehrt. Die wahren Rebellen sind bei der Jungen Union zu finden. Der brave Teil sammelt sich bei den Jusos und der Grünen Jugend. Die linken Jugendorganisationen sind das, was früher die Pfadfinder oder die katholische Dorfjugend waren: Orte, an denen man lernt, wie man garantiert nicht aus der Reihe tanzt.

Damit nicht so auffällt, wie brav und angepasst man in Wahrheit ist, reißt man hin und wieder einen kessen Spruch. Dann beschimpft man Polizisten als Bastarde und die Reichen als Aasgeier. Aber in Wahrheit gibt es keine folgsamere Truppe als die Grüne Jugend. Das war schon bei den Klimaprotesten zu beobachten: Während Annika und Finn gegen den Klimatod protestierten, standen die stolzen Eltern am Rand und klatschten Beifall.

Mag sein, dass Kirk wirklich ein schlimmer Finger war. Gut möglich, dass es eine andere Seite gibt, die man auf den Videos nicht sieht. Dass sich irgendwo das frauenverachtende, rassistische Arschloch versteckt, von dem seine Verächter sprechen. Aber die meisten Zitate, die ich gesehen habe, erweisen sich bei genauerem Hinsehen als deutlich nuancierter und vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat.

Auch Fritz Teufel hat übrigens Sachen gesagt, bei denen einem heute die Haare zu Berge stehen. Man konnte in Deutschland zwischenzeitlich sogar in den Planungsstab des Auswärtigen Amts gelangen, nachdem man als Student ein paar der schlimmsten Massenmörder der Geschichte bejubelt hatte. Die Begeisterung für Pol Pot oder Mao zeigt jedenfalls einen größeren Mangel an Urteilskraft als ein fragwürdiger Satz zum Geschlechterverhältnis.

Wir können Kirk nicht mehr fragen, was er davon halten würde, dass nun auch die US-Regierung allen den Krieg erklärt, die angeblich Hassreden verbreiten. Oder dass dem Washington-Korrespondenten des ZDF mit Visa-Entzug gedroht wird, weil der in einem Beitrag etwas über das Ziel hinausgeschossen ist. Der Kirk, den ich gesehen habe, würde davon nicht viel halten. Wer andere ausschließt, hat schon verloren, das ist die Botschaft, die er für Freund und Feind bereithielt.

Aber so ist das im politischen Geschäft: Wer an der Macht ist, wird faul und bequem. Insofern muss man nur darauf warten, bis das Pendel wieder in die andere Richtung schwingt. Bis es so weit ist, wird nach dem Zustand der Linken zu urteilen, allerdings noch einige Zeit vergehen.

@ Michael Szyszka

Die Welt als Feind

Was soll man US-Bürgern raten, die 
einen Europabesuch planen? Vielleicht 
das: bei der Bestellung im Restaurant 
im Flüsterton reden. Oder besser noch: 
sich einen falschen Akzent zulegen, damit man als Brite durchgeht

Wir sind jetzt Feinde des amerikanischen Volkes. Vergewaltiger. Plünderer. Kriminelle. So hat uns Donald Trump am „Tag der Befreiung“, an dem er der Welt den Zollkrieg erklärte, genannt. Befreiung muss man dabei durchaus wörtlich nehmen: Befreiung von jeglicher Form der Rücksichtnahme. Ein jeder für sich und die USA gegen alle, das ist die Quintessenz der neuen Doktrin.

Ganz besonders hat es der Präsident dabei auf die Europäer abgesehen. Die sind unter allen, die das amerikanische Volk ausnehmen, die Schlimmsten. Hinterhältig, verschlagen, dabei nie um eine Ausflucht verlegen, wenn sie zur Rede gestellt werden. Zölle reichen da nicht, um sie für das erlittene Unrecht zur Verantwortung zu ziehen.

Am Montag hat Trump Reparationen verlangt. Für jeden VW, jeden BMW und jeden Mercedes, der auf amerikanischen Straßen rollt, müsse eine Wiedergutmachung her. „Europa hat uns sehr schlecht behandelt“, erklärte er nach einem Golfwochenende in Florida. „Sie wollen reden. Aber es wird keine Gespräche geben, solange sie uns nicht auf einer jährlichen Basis sehr viel Geld zahlen, für die Gegenwart, aber auch für die Vergangenheit.“

Wenn man die ganze Welt zum Feind erklärt, besitzt man allerdings überall auch nur noch ­Feinde. Das ist unausweichlich. Ich persönlich bin Kummer gewohnt. 
Ich bin schon alles Mögliche genannt worden. Aber ich fürchte, viele, die Trump nun als Wegelagerer und Gauner beschimpft, sehen das nicht so entspannt.

Wäre ich US-Amerikaner, würde ich beim nächsten Europabesuch etwas leiser auftreten. Mein Rat: bei der Bestellung im Restaurant am besten im Flüsterton reden. Und im Hotel so tun, als ob man sich in der Adresse vertan hat.

Oder man legt sich einen Akzent zu, der einen als Brite 
durchgehen lässt. Notfalls funktioniert auch Australier, wenn man das mit dem nasalen englischen Tonfall nicht hinbekommt. Bondi Beach statt Oxford, das sollte selbst der 20-Jährigen aus dem Mittleren Westen gelingen.

Wobei: Die meisten aus dem Mittleren Westen waren noch nicht mal in Washington. Die Hälfte der US-Bürger 
verfügt über gar keinen Reisepass, da nimmt man die Abneigung im Ausland gleich gelassener.

Wenn man in Rom, Wien oder Venedig auf einen Amerikaner trifft, ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Wähler der Demokraten. Hilft alles nichts – 
mitgehangen, mitgefangen. Nach dem Überfall auf die Ukraine haben wir bei den Russen auch keine großen Unterschiede gemacht. So ist das, wenn man jemanden wählt, 
der allen den Stinkefinger zeigt: Dann weisen drei Finger auf einen zurück.

Vielleicht helfen Buttons am Revers. „Ich habe nicht für Trump gestimmt und werde es auch nie tun“. So wie die Bumper-Sticker, mit denen man sich als Tesla-Käufer von Elon Musk distanzieren kann („I bought this car before Elon went crazy“). Ist zugegeben nicht besonders subtil, aber es käme auf den Versuch an.

Was ist schlimmer als ein Bully, der alle herumschubst? Ein Bully, der in Selbstmitleid zerfließt, wie gemein doch die anderen zu ihm seien. Die USA dominieren die Unterhaltungsindustrie, die Ölindustrie, die Finanzindustrie. In der Tech-Welt ist ihre Übermacht so erdrückend, dass praktisch kein Handy und kein Computer mehr ohne ihre Hilfe auskommt. Von den 25 wertvollsten Firmen der Welt stammen 23 aus den Vereinigten Staaten.

Aber im US-Fernsehen steht Trumps Heimatschutzberater Stephen Miller und erklärt mit vor Empörung bebender Stimme, dass auf deutschen Straßen kein amerikanisches Auto zu sehen sei. Amerikanische Steaks gibt es angeblich auch nirgends zu kaufen, weil das amerikanische Fleisch „beautiful“ ist und das europäische „weak“, weshalb man das schwache Fleisch durch Handelstricks vor dem schönen schützen müsse.

Diese Erkenntnis stammt von dem neuen Handelsminister Howard Lutnick. Keine Ahnung, wann der Mann das letzte Mal in Deutschland war. 
Ich lade Lutnick gerne ein, die Fleisch
theke beim Simmel, dem Edeka-Markt bei mir um die Ecke, zu inspizieren. US-Prime-Beef findet sich dort in nahezu jedem Reifegrad und jeder Schnittform, als Tomahawk, T-Bone oder Ribeye, ganz wie der Kunde aus München es wünscht.

In den Medien gilt die Trump-Bewegung als rechtspopulistisch. Das ist das Wort, das sich eingebürgert hat. Tatsächlich reden die Spitzenleute so, als ob sie mit 30 Jahren Verspätung den Weg aus der „Globalisierungsfalle“ finden wollen, wie der Bestseller der Antiglobalisierungsbewegung hieß.

Ständig ist vom ehrlichen Stahlkocher und tapferen ­Farmarbeiter die Rede, denen man ihre Jobs zurückbringen werde. Klingt super, alle Gewerkschafter nicken begeistert. Leider wird übersehen, was ein Paar Nike-Sneaker kosten, wenn man sie nicht mehr in China, sondern in New Jersey produzieren lässt. Auch die Bananen und Kaffeebohnen, die man demnächst in Florida und Mississippi anbaut, kommen mit einem ordentlichen Preisschild.

Das ganze Zollprogramm läuft auf die größte Steuererhöhung der jüngeren amerikanischen Geschichte hinaus. Es sind ja nicht irgendwelche ominösen Ausländer, die man zur Kasse bitten kann. Es sind die heimischen Konsumenten, die den Strafzoll zahlen, wenn sie sich für ein Produkt aus Übersee entscheiden.

Was ist die Idee? Das wird von Tag 
zu Tag unklarer. Peter Navarro, das Mastermind hinter Trumps Zollkrieg, sagt: die Globalisierung beenden und die Arbeitsplätze nach Amerika zurückbringen. Das wäre der Ausstieg 
der USA aus dem Welthandel.

Oder geht es darum, die anderen dazu zu bringen, die Zölle auf amerikanische Produkte zu senken? Aber dann müsste man über Zölle sprechen und nicht über Handelsdefizite. Die lassen sich nicht beseitigen, indem man einfach auf alles, was man ins Land lässt, 20 Prozent draufschlägt.

Das Urteil der Wall Street fällt brutal aus. Das Goldene Zeitalter, das Trump seinen Wählern versprochen hat, be­­ginnt mit der größten Vernichtung von Wohlstand, die ein US-Präsident je auf den Weg brachte. Den „weitreichendsten, unnötigsten und zerstörerischsten wirtschaftlichen 
Fehler in der Moderne“ nennt der „Economist“ Trumps 
Programm. Es fällt schwer zu widersprechen.

Wie es weitergeht? In diesem Ringen sitzen wir ausnahmsweise mal am längeren Hebel. Auch die Deutschen besitzen Aktien, aber lange nicht im gleichen Umfang wie die Amerikaner. 160 Millionen US-Bürger haben ihr Geld am Aktien­markt angelegt. Ein Freund aus Washington rechnete mir am Telefon vor, dass ihn die vergangenen Tage 50 000 Dollar gekostet hätten. Er ist mit seinem Verlust nicht alleine.

Wenn man in Echtzeit sieht, wie sich die Altersvorsorge auflöst, ist es mit dem Vertrauen in die Weisheit der ­Politik schnell vorbei. Da kann der Finanzminister im Fernsehen noch so oft erklären, dass sich alles wieder einpendeln werde und dass es doch toll sei, wie „smoothly“ die Finanzmärkte reagieren würden.

Es wird einsam werden. Um 70 Prozent sind die Buchungen aus Kanada eingebrochen. Auch andere werden sich überlegen, ob sie das Wagnis einer USA-Reise eingehen wollen. Man weiß ja nicht, ob man überhaupt reinkommt – oder wieder raus. Anderseits: Nach Yosemite und Yellowstone kann man 
im nächsten Sommer ohnehin nicht mehr. Die Ranger hat der Elon ja alle entlassen.

Die Einzigen, die hierzulande tapfer zu Trump halten, 
sind die Leute von der AfD. Bei der AfD glauben sie noch, Trump sei einer der ihren. Wie nennt man eine Partei, deren Funktionäre einem ausländischen Staatsmann die Daumen drücken, der Millionen deutscher Fabrik­arbeiter um ihre Jobs bringen und die Basis des deutschen Wohlstands zerstören will? Mir fällt gerade das richtige Wort nicht ein. Patriot ist es jedenfalls nicht.

© Silke Werzinger

Der Präsident als Schläger

Das ist die USA unter Donald Trump: ein Schurkenstaat, der zu Einschüchterung und Erpressung greift, um sich Schwächere gefügig zu machen. Und nun? Nun müssen wir uns halt zur Wehr setzen

Ich habe übers Wochenende den „Paten“ geschaut. Es heißt gelegentlich, Donald Trump verhalte sich wie ein Mafiaboss. Auch ich habe ihn schon als solchen bezeichnet. Aber das ist eine völlig unzutreffende Beschreibung.

Der Mafiaboss agiert in einem festen System von Regeln und Verbindlichkeiten. Die ersten 30 Minuten des „Paten“ vergehen mit der Schilderung einer Hochzeit. Es dauert so lang, weil sich vor dem Arbeitszimmer des Don eine Reihe von Besuchern gebildet hat, die ihm ihre Nöte und Sorge vortragen wollen. Am Hochzeitstag seiner Tochter könne ein Sizilianer keinen Wunsch abschlagen, heißt es an einer Stelle zur Erklärung.

Donald Trump ist kein Pate. Sein Arbeitszimmer steht nur Besuchern offen, die einen Umschlag mit Bestechungsgeld bei sich führen. Oder Lösegeld. In Wahrheit ist er nicht mehr als ein Straßenschläger, der die Verwundbarkeit seiner Opfer ausnutzt. Wenn jemand Schwäche zeigt, langt er zu. Wo er feststellt, dass einer sich zu wehren weiß, geht er auf Abstand.

Im „Wall Street Journal“ konnte man die Tage nachlesen, wie der neue amerikanische Finanzminister Scott Bessent nach Kiew reiste, um dem ukrainischen Präsidenten die Waffe an den Kopf zu setzen. Bei dem Treffen holte der Emissär ein Papier heraus, mit dem sich Selenskyj verpflichten sollte, auf Bodenschätze und seltene Erden im Wert von vielen Milliarden Euro zu verzichten. Als er sagte, er könne das nicht auf die Schnelle unterschreiben, antwortete Trumps Emissär, dann habe er ein Problem.

Wörtlich schreibt das „WSJ“ über die Begegnung: „Bessent schob das Papier über den Tisch. Selenskyj warf einen kurzen Blick darauf und erklärte, er würde es mit seinem Team besprechen. Bessent schob das Papier noch näher an Selenskyj heran. ‚Sie müssen das unterschreiben. Die Leute in Washington sind sonst sehr unglücklich.‘“ Als Selenskyj sich weiterhin weigerte, hieß es danach, er sei ein Diktator und habe den Krieg gegen Russland begonnen, weshalb man ihm keine weitere Hilfe gewähren werde.

Das ist die USA unter Donald Trump: ein Schurkenstaat, der zu Einschüchterung und Erpressung greift, um seinen Willen durchzusetzen. Wer sich den Forderungen widersetzt, wird mit Drohungen überzogen – oder gleich den russischen Horden ausgeliefert. Trump erledigt die Drecksarbeit ja nicht einmal selbst. Die überlässt er dem Sauron im Kreml. Dagegen sind selbst notorische Halsumdreher-Staaten wie Saudi-Arabien regelbasierte Gemeinwesen. Da kann man wenigstens mit einem gewissen Zutrauen in einmal getroffene Verabredungen darauf setzen, dass die Zusagen gelten, die gemacht wurden.

Ich glaube, die meisten haben noch nicht wirklich begriffen, was die zweite Amtszeit Trump für Deutschland bedeutet. Was wir erleben, ist mehr als das Ende der Nachkriegsordnung, in der wir uns darauf verlassen konnten, dass die USA bereit stand, wenn es ernst wurde. Dafür hätte ich sogar ein gewisses Verständnis. Dass die Amerikaner es leid sind, die Hauptlast der Verteidigungskosten zu tragen, um dann von den Europäern gesagt zu bekommen, was sie alles falsch machen – darauf hätte ich auch keine Lust. Aber der Bruch geht viel weiter. Europa ist nicht nur kein Verbündeter mehr. Wir sind jetzt selbst als Feind markiert.

Dass man nicht alles für bare Münzen nehmen sollte, was Trump so erklärt? Darauf sollten wir uns nicht verlassen. Wir können auch nicht mehr darauf setzen, dass es in der Nähe des Präsidenten Menschen gibt, die seine Impulse mäßigen. Um zur Entourage zu gehören, muss man alles nachplappern, was der Präsident vorgibt. Das ist die Voraussetzung. Es ist ein komplett geschlossener Kreis von Menschen, die sich gegenseitig retweeten.

Was also tun? Wie es der Zufall wollte, war ich vergangene Woche in Brüssel, als die Nachricht lief, dass die USA jetzt gemeinsame Sache mit den Russen machen. Am zweiten Tag meines Besuchs lud mich die „Vereinigung europäischer Journalisten“ zu einem „Working Lunch” ein, wie dort die Kombination aus Mittagessen und Arbeitssitzung heißt. Alles très français.

Neben mir saß der neue Sprecher des Europäischen Parlaments. Die Gastgeber hatten vermutlich erwartet, dass wir einander beharken würden. Aber am Ende hatte ich den Eindruck, dass sie in der EU durchaus begriffen haben, dass diese Krise alles ändert. Statt den Bürgern das Leben schwer zu machen, indem man immer neue Regelungen ersinnt, Europa zum Verteidigungsbündnis umzubauen: Das wäre ja mal etwas, was viele unterstützen könnten. „Defend Europe“ klingt doch ganz anders als die nächste Inaussichtstellung einer weiteren Vertiefung des Lieferkettengesetzes.

Einige meiner Leser wird das überraschen: Ich denke, wir können froh sein, dass Ursula von der Leyen die Kommission anführt. Ich weiß, sie genießt nicht den besten Ruf. Aber sie verfügt über eine Reihe von Eigenschaften, die sie aus meiner Sicht zur richtigen Frau am richtigen Ort machen. Sie ist kampferfahren, sie ist relativ furchtlos und sie kennt sich mit komplexen Organisationsaufgaben aus.

Man darf nicht vergessen, sie hat schon Angela Merkel die Stirn geboten – und überlebt. Auch ihre Bilanz als Verteidigungsministerin ist im Nachhinein nicht so schlecht. Ich hatte die Gelegenheit, mit einigen Generälen über ihre Erfahrungen mit den diversen Amtsinhabern zu reden. Der absolute Tiefpunkt war Christine Lambrecht, da waren sich alle einig. Das Urteil über Ursula von der Leyen war erstaunlich differenziert. Sie habe sich in die Materie wirklich eingearbeitet, sie habe zuhören können und dann auch rasch entschieden.

Wir sind nicht wehrlos, das ist die gute Nachricht. Europa ist der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Wer uns zu drangsalieren versucht, lässt ebenfalls Federn. Angeblich erwägt Trump, auf alle deutschen Produkte 19 Prozent Strafzoll zu erheben, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, dass die Mehrwertsteuer amerikanische Produkte benachteilige. Hätte er Leute in seiner Nähe, die sich auskennen, könnten die ihm erklären, dass die Mehrwertsteuer auch für deutsche Produkte gilt. Aber er hat leider nur Elon Musk.

Als Trump beim letzten Mal mit Strafzöllen drohte, war die Antwort aus Brüssel, dass man dann eben Sonderabgaben auf Harley Davidson und Bourbon erheben müsse. Ich fürchte, das wird diesmal nicht ausreichen. Gerade die Tech-Giganten haben in Europa viel zu verlieren. Warum nicht Facebook das Leben schwer machen oder Google? Oder über Nacht plötzlich Arbeitsvorschriften entdecken, die Amazon leider nicht erfüllt? In Brüssel sitzen 30000 Beamte, die Meister darin sind, Dinge zu komplizieren. Man muss ihnen nur ein neues Ziel und eine neue Aufgabe geben.

Eine andere Frage wird sein, wie wir künftig unsere Verteidigung organisieren. Bislang haben wir uns ganz komfortabel im Schatten des Hegemons eingerichtet. Aber auch hier sind wir unserem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert. Europa hat 1,2 Millionen Menschen unter Waffen, das ist nicht Nichts. Die Rüstungsindustrie sendet Signale, dass sie durchaus in der Lage wäre, die Produktion schnell hochzufahren, wenn es denn verbindliche Zusagen gäbe.

Es schmerzt mich, das schreiben zu müssen, und das sage ich nicht einfach so dahin. Ich war immer ein Verfechter der transatlantischen Freundschaft. Der Antiamerikanismus gehörte zu den Dingen, die mich von der Linken dauerhaft entfremdeten. Ich habe vier Jahre in den USA als Wirtschaftskorrespondent verbracht, diese vier Jahre gehören zu den besten meines Lebens. Ich habe auf meinen Reisen dort so viele großzügige, hilfsbereite und freundliche Menschen kennengelernt. Aber es nützt nichts. Das sind sentimentale Erwägungen. Und aus Sentimentalität erwächst noch keine politische Strategie.

Auch in den Vereinigten Staaten werden wieder andere Zeiten kommen. Bis dahin sind wir gut beraten, uns der Realität zu stellen. Es ist die spezifische europäische Realitätsverleugnung, die uns in die vertrackte Lage gebracht hat, in der wir jetzt stecken.

© Silke Werzinger