Monat: Juli 2026

Lachen nach Zahlen

Die Komikerin, die dem hellen Deutschland gefällt, ist Carolin Kebekus. Bei ihr ist jeder Witz vom Humor-TÜV geprüft und freigegeben, ganz anders als bei Dieter Nuhr. Deshalb wird Nuhr auch durch die Mangel gedreht

Dieter Nuhr hat Ferien in Frankreich verbracht. Hätte er sich doch für Italien entschieden. Oder Holland. Oder Belgien. Dann hätte man gesagt: okay. Aber Frankreich?

„Der Kabarettist befindet sich derzeit in Frankreich – ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot“, stand in einem Kommentar bei n-tv.

Belgien wäre beim zweiten Nachdenken auch nicht besser gewesen. Wofür ist das Land bekannt? Pommes, Pralinen und Päderasten, in der Reihenfolge. In Italien steht nach landläufiger Medienmeinung eine Faschistin an der Spitze. Am besten bleibt man zu Hause, wenn die Humorpolizei einen in ihrer Verdächtigenkartei führt. Dann ist nicht einmal die Wahl des Urlaubsortes eine harmlose Sache.

Nuhr steht sein Längerem unter Beobachtung. Wer sich über Grüne lustig macht, lebt gefährlich. Jetzt heißt es, er habe den Bogen endgültig überspannt. Angeblich hat er einen Witz über Femizide gemacht. Das ist der Vorwurf, so steht es im „Spiegel“, dem „Stern“, der „Zeit“. Sogar die „FAZ“ schrieb, Nuhr sei unterste Schublade, nur, wie bei der „FAZ“ üblich, mit mehr Worten. Ich habe dem entnommen, dass man auch im Feuilleton in Frankfurt „Nuhr im Ersten“ schaut. Hätte ich nicht gedacht.

Tatsächlich hat sich Nuhr darüber ausgelassen, dass jeder Mann im grünen Milieu als Täter gilt. Ich würde sagen: kein ganz unbedeutender Unterschied. Aber so leicht will man ihn nicht davonkommen lassen. Jeder Witz über das Geschlechterverhältnis ist ein Witz zu viel. Außerdem hat Nuhr Frauen geraten, sich den Mann anzusehen, mit dem sie in die Kiste steigen. „Vielleicht auch einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist“, lautete seine Empfehlung. Das war erkennbar ein Gag, möglicherweise ein schlechter Gag, aber es war dennoch ein Gag. In seinem Fall war es halt der Gag zu viel.

Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Sagt der Volksmund. Schon das ist eine Auffassung, die einen in die Bredouille, um nicht zu sagen in Teufels Küche bringen kann. Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als es als erstrebenswert galt, die Grenzen des Humors zu testen. Auch vor ausgesprochenen Geschmacklosigkeiten und Tabuverletzungen schreckte man nicht zurück. Heute darf erst gelacht werden, wenn der Humor-TÜV die Freigabe zum Lachen erteilt hat.

Die Komikerin, die dem hellen Deutschland gefällt, ist Carolin Kebekus. Alles, was Nuhr falsch macht, macht sie richtig.

© Silke Werzinger

Robin Williams hat einmal auf die Frage, warum die Deutschen nicht lustig seien, geantwortet, das sei halt die Folge, wenn man alle lustigen Menschen umbringe. Kebekus ist der Beweis, dass Williams im Prinzip recht hat.

Wenn ich nicht schlafen kann, schaue ich mir manchmal alte Folgen in der ARD-Mediathek an. Meine Lieblingsfolge, um runterzukommen: Carolin Kebekus begeht die Trump-Wahl.

Die Comedienne steht mit einem Cowboyhut auf der Bühne und singt: „Ich hoffe, Deutschland macht es besser und wird nicht braun, braun, braun. Denn ich lass mir meine Zukunft nicht versaun, saun, saun.“ Dann werden alle aufgefordert mitzumachen. Weil ihr Publikum vornehmlich aus Leuten besteht, für die der Gipfel der Komik erreicht ist, wenn der Hund in den Garten des Nachbarn pinkelt, klatschen alle brav mit.

Im letzten Jahr war Annalena Baerbock zu Gast. Erst ging es um Essen mit Markus Söder, dann um Tampons von Alice Weidel. Als Kebekus „Tampon“ sagte, fegte ein Lachorkan über die Studioreihen. Okay, dachte ich, Blut-und-Boden-Humor hat doch wieder eine Zukunft.

Mir ist es ein Rätsel, wie Leute zwei Stunden jemanden frenetisch beklatschen können, der es für einen Granatenwitz hält, wenn man „Trump“ auf „Horror-Clown“ reimt. Dagegen ist jede „Mainz bleibt Mainz“-Sitzung eine intellektuelle Gipfelleistung. Im Feuilleton wird Kebekus dennoch auf Händen getragen. Dort ist Lachen nach Zahlen nach wie vor ein Hit.

Jetzt ist Deutschlands Antwort auf Robin Williams auch noch Mutter geworden. Also Frau plus Humor plus Baby – da schmelzen die letzten Vorbehalte. Was fällt Frau Kebekus zur Kindererziehung ein: Sie hätte es sich nicht vorstellen können, dass es so anstrengend wird. Tja, willkommen in meiner Welt, kann ich nur sagen.

Wir sind an einem Punkt, wo man mit einem schlechten Scherz seine Karriere beenden kann. Wir waren da schon einmal, aber ich hatte die Hoffnung, wir hätten das überwunden.

Der Kebekus-Kollege Luke Mockridge hat im vergangenen Jahr einen Witz über Behinderte gemacht. Er stand bereits wegen Me-Too-Vorwürfen unter Beobachtung. Dann saß der arme Tropf in einem Podcast und machte sich über Schwimmer bei den Paralympics lustig.

Hey, es war ein blöder Witz, würde ich sagen. Aber das gilt heute nicht mehr als Entschuldigung. Eigentlich sollte Mockridge bei Sat.1 eine neue Chance erhalten. Die Show war schon im Kasten. Aber nachdem eine Radsportlerin Einspruch erhob, zog Sat.1 den Stecker, wie man bei der „FAZ“ sagt. Keine Show, kein Mockridge mehr. Wie gut, dass Mario Barth sich auf humoristische Kaffeefahrten verlegt hat. Wer seit zwanzig Jahren denselben Witz recycelt, fällt irgendwann unter das Klimaneutralitätsgesetz.

Das Gegenkonzept zu Humor heißt Betroffenheit. Wo der Betroffene sein Haupt erhebt, muss der Humor schweigen. Weil die Zahl der Betroffenen mit jedem Jahr wächst, wird das Feld, das der Humorist beackern kann, immer kleiner.

Tabu sind schon mal Behinderte, Alte und Kranke, klar. Dazu kommen die Angehörigen diverser Minderheiten wie Türken, Araber und selbstverständlich alle osteuropäischen Völker und Volksgruppen. Der beliebte Polenwitz, mit dem Harald Schmidt Erfolge feierte, steht schon seit Jahren auf dem Index. Auch von Witzen über Italiener, Franzosen und andere Mittelmeerbewohner ist dringend abzuraten.

Unterschätze nie die Kränkungsbereitschaft des Südländers, wäre mein Rat. Als ich mich anlässlich des Unglücks der Costa Concordia am Beispiel des Schiffskapitäns Francesco Schettino über die „Bella Figura“-Attitüde der Italiener lustig machte, brachte mir das erst einen empörten Brief des italienischen Botschafters an meine Chefredaktion ein und dann die Verwünschungen der gesamten Berlusconi-Presse.

Zwischenzeitlich war plötzlich der Britenwitz wieder möglich. Der Brexit lüftete kurzzeitig das Witz-Embargo. Aber auch damit ist es wieder vorbei, seit a) Labour regiert und b) die Insel den Anschluss zurück ans Festland sucht.

Kompliziert wird es, weil inzwischen auch Frauen im Generellen dem humoristischen Zugriff entzogen sind, plus alle, die sich für Frauen halten beziehungsweise als Frauen lesen und gelesen werden. Witze über Mütter, Schwangere und grüne Politikerinnen sind aus grundsätzlichen Erwägungen außen vor. Womit eigentlich nur eine Gruppe bleibt, über die man gefahrlos herziehen kann: Männer ab 40, vorausgesetzt natürlich, sie sind heterosexuell und weiß. Scherze über Schwule oder Schwarze? Da kann man sich gleich die Karten legen.

Tote weiße Männer gehen auch. In dem Fall dürfen sie sogar jünger als 40 sein. Besonders komisch ist es, wenn sie ans Kreuz genagelt wurden. Dann findet selbst Carolin Kebekus nicht mehr aus dem Lachen heraus.

Mehr Kinderarbeit wagen?

Die Regierung will das Ende des Minijobs. Wenn sie Pech hat, bringt sie damit unwillentlich das größte Extremismusförderprogramm in der Geschichte des Landes auf den Weg

Was hält eine Gesellschaft zusammen? Was macht ein gutes Leben aus?

Eine bezahlbare Wohnung, klar, das ist etwas Feines. Auch ein ordentliches Auto ist nicht zu verachten. Ab und zu will man in den Urlaub, und anständig essen will man auch. Aber das allein macht noch kein gutes Leben. Das beginnt erst mit anderen, in der Familie und im Kreis der Freunde. Warum sehnen wir uns nach dem Süden? Weil das Leben auf der Straße stattfindet und nicht in den eigenen vier Wänden.

„Bowling Alone“ hieß der Bestseller des Politologen Robert Putnam, in dem der Harvard-Professor anschaulich beschrieb, was passiert, wenn das soziale Gewebe reißt, weil es immer weniger Orte der Begegnung gibt. Folgt man Leuten wie Putnam, ist nicht die viel gerühmte NGO, sondern der Stammtisch das wirksamste Anti-Radikalisierungs-Mittel.

Wenn nicht alles täuscht, ist die Regierung gerade dabei, das größte Extremismusförderprogramm in der Geschichte des Landes auf den Weg zu bringen. Der Sprengsatz versteckt sich in Empfehlung 26 der Rentenkommission, die ein Ende der Minijobs vorsieht. Was so harmlos klingt, ist in Wahrheit eine in ihrer Wirkung kaum zu überschätzende Reform.

Der Minijob hat einen schlechten Ruf. Wer ihn annimmt, steht nach Meinung von Politikern wie Bärbel Bas mit einem Bein im Manchesterkapitalismus. Ausgebeutet, recht- und schutzlos, von den Arbeitgebern als Verfügungsmasse missbraucht, so tritt der Minijobber uns in den Medien entgegen. So steht es auch im Papier der Rentenkommission. „Tatsächlich bergen Minijobs ein erhebliches Armutsrisiko, insbesondere für Frauen“, heißt es zur Begründung der Abschaffung.

Schauen wir uns die Fakten an. Die größte Gruppe unter den Minijobbern sind regulär beschäftigte Arbeitnehmer. Etwa 3,5 Millionen Minijobber haben einen normalen Beruf, für den sie Steuern und Sozialabgaben zahlen. Der Zusatzjob verschafft ihnen die Möglichkeit, ohne weitere Abzüge das Gehalt aufzubessern, deshalb ist er so beliebt. Der Minijob ist sozusagen die Steuerflucht des kleinen Mannes, das Bahamas des Balkoniers, wo Brutto gleich Netto ist.

Die zweitgrößte Gruppe sind Rentner, die mit dem Zusatzverdienst ihre Rente aufbessern. Dazu kommen noch einmal etwa 1,1 Millionen Studenten. Nicht jeder hat schließlich so vermögende Eltern, dass er sich um einen Nebenverdienst keine Gedanken machen muss. Und das BAföG wiederum ist nicht so üppig bemessen, dass man davon sorgenfrei leben könnte, jedenfalls nicht in einer Großstadt.

Für all diese Menschen gilt: 603 Euro im Monat sind erlaubt. Kein Ärger mit dem Finanzamt, kein Stress mit der Krankenversicherung. 31 Prozent Pauschalabgabe auf alles, das übernimmt der Arbeitgeber. So war der Deal.

Das soll sich nun ändern. „Die Kommission empfiehlt, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus abzuschaffen“, heißt es lapidar in den Empfehlungen.

Mit einem Schlag würden Steuern fällig. Das trifft insbesondere die Arbeitnehmer, die auf das Zubrot gesetzt hatten. Außerdem wäre nun der große Kanon der Sozialversicherungen aufgemacht, also 56 Euro Rente, 52 Euro Krankenversicherung, 14 Euro Pflegeversicherung, 7 Euro Arbeitslosenversicherung.

Das heißt, aus 603 Euro würden, je nach Berechnungsgrundlage, mal 470 Euro, mal auch nur 350. Sicher, man kann darauf setzen, dass der Arbeitgeber den Verlust ausgleicht. Aber selbst dann wäre der Minijob tot. Der große Vorteil lag ja gerade darin, dass man ohne den normalen arbeitsrechtlichen Wahnsinn jemand anstellen konnte, wenn man ihn brauchte.

Schon jetzt funktioniert kaum noch etwas. Wenn die Minijobs fallen, ist es ganz aus. Sie planen eine Hochzeit, eine Geburtstagsfeier oder Kommunion? Wenn Sie Glück haben, gibt es Buffet, wo sich dann jeder selbst bedienen kann. Aber darüber hinaus? Vergessen Sie’s.

Natürlich wird es auch allenthalben an Fahrern, Lieferanten und Zustellern fehlen sowie den vielen fleißigen Kräften, die in Stoßzeiten dafür sorgen, dass die Schlange nicht zu lang wird. Die freundliche Aushilfe beim Bäcker und an der Tankstelle: alle weg.

Die Sozialstaatsstrategen träumen davon, dass aus den Minijobs sogenannte reguläre Beschäftigungsverhältnisse werden. Natürlich, der Rabenwirt kann fünf Leute zusätzlich einstellen, um am Sonntag, wenn die Terrasse bumsvoll ist, mit den Bestellungen Schritt zu halten. Aber dann ist er halt binnen weniger Monate pleite, weil der Sonntag nicht so viel abwirft, dass man davon fünf Leute bezahlen könnte, die den Rest der Woche dumm rumstehen, wenn das Wetter nicht mitspielt oder normale Flaute herrscht.

© Michael Szyszka

Ich habe ein Déjà-vu. Drei Jahre ist es jetzt her, da ersannen sie im Wirtschaftsministerium den großen Wärmepumpenplan. Auch damals waren sie in Berlin fest davon überzeugt, dass sich die Realität ihren Vorstellungen beugen werde.

Ob die Leute, die mal eben 6,8 Millionen Jobs aufs Spiel setzen, wissen, was sie tun? Ich bezweifele es. Ich habe mir die Riege der Experten angesehen. Ich bin sicher, es sind alles großartige Fachleute für Rentenfragen. Aber ob sie sich Gedanken gemacht haben, was es für einen 68-Jährigen mit Minirente bedeutet, wenn er plötzlich auf 130 Euro verzichten soll, weil man in der Hauptstadt findet: besser 130 Euro weniger, als in der „Armutsfalle Minijob“ zu stecken?

Es ist wie so oft, es wird die kleinen Leute treffen. Also die Rentner, Geringverdiener und Studenten aus einkommensschwachen Haushalten, denen sich die SPD in ihren Sonntagsreden gerne als Schutzmacht andient. Es sind ja nicht die Wohlhabenden und Wohlsituierten, die zur Verstärkung an der Kasse sitzen und Geschirr abtragen.

Es werden auch die kleinen Leute sein, die es ausbaden, wenn nichts mehr richtig funktioniert. Wer genug Geld hat, findet immer einen Weg, sich Misshelligkeiten vom Leibe zu halten. Das ist wie beim Streik. Wenn der öffentliche Nahverkehr zusammenbricht, sind es nicht die Menschen, die eh am liebsten von zu Hause aus arbeiten, die gekniffen sind. Es sind die Working Poor, für die es leider kein Homeoffice gibt.

Dass Ver.di am lautesten über das Ende des Minijobs triumphiert, passt ins Bild. Es waren die Gewerkschaftsvertreter, die in der Rentenkommission auf ein Ende drängten. In der Gewerkschaftswelt ist nur der vom Betriebsrat abgesegnete Job ein akzeptabler Job. Besser gar keinen Arbeitsplatz als einen, wo der Gewerkschaftsboss nichts zu sagen hat – das war hier schon immer die Devise.

Ich mag mich irren, aber sieben Millionen Menschen mit einem Schlag das Leben schwer zu machen, wird das Ansehen der Regierung nicht heben. Wenn sie Pech hat, geht es aus wie mit dem Heizungsgesetz.

Schüler sind von der neuen Regelung übrigens ausgenommen, da sollen Minijobs weiter erlaubt sein. Vielleicht ist das der Ausweg: Mehr Kinderarbeit wagen!

Die Kleinen sind zu schwach zum Arbeiten? In Indien tragen Achtjährige Wackersteine! Da werden sie doch in der Lage sein, ein Tablett mit vier Bierkrügen zu balancieren. Außerdem, haben Sie mal einen Schulranzen hochgenommen? Ich habe neulich den Ranzen meines Sohnes auf die Waage gestellt. Der Zeiger blieb bei 7,6 Kilo stehen.

Gegen Kinderarbeit kann eigentlich auch Ver.di nichts haben. Kinder waren nie gewerkschaftlich organisiert.