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Wo der Feind steht

Das einzige Symbol, das auf dem Christopher Street Day nicht geduldet wird, ist der Davidstern. Wer nicht weiß, wer ihm Böses will, kann sich auch nicht wehren

Gehen wir noch einmal durch, wer am Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin eine Mitschuld trägt.

Friedrich Merz und Julia Klöckner, weil sie die Regenbogenflagge nur noch einmal im Jahr auf dem Bundestag zulassen und so die Sichtbarkeit queeren Lebens in Deutschland gefährden. Bildungsministerin Karin Prien mit ihrer Ankündigung, dem Programm „Demokratie leben“ die Mittel zu kürzen.

Alle natürlich, die falsche Männerbilder propagieren. Die Männer an sich, weil sie nun einmal Männer sind. Und nicht zu vergessen: konservative Kräfte. Verglichen mit der MAGA-Bewegung in Amerika und auch der CDU sind Islamisten nur die Unterabteilung eines viel größeren Problems. Letztere Erkenntnis verdanken wir dem Queerbeauftragten der Stadt Berlin, Alfonso Pantisano.

Das ist eine kleine Auswahl von Erklärungen, die an den Tagen nach dem Anschlag kursierten. Es sind auch nicht irgendwelche Versprengte und Verwirrte, deren Einschätzungen ich hier wiedergebe, sondern durchaus respektable Personen der linken Lebenswelt – ein Ressortleiter des „Spiegel“, ein Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, eine einflussreiche Influencerin.

Wie nennt man den Versuch, sich die Realität zurechtzubiegen, um das Offensichtliche nicht in den Blick nehmen zu müssen? In der klinischen Psychiatrie würde man von Wahnsystem sprechen. Das einzige Symbol, das auf dem CSD in Bonn verboten war, war der Davidstern. Auch die CDU ist unerwünscht.

Wer nicht weiß, wo der Feind steht, kann sich auch nicht wehren. Im Paradies mögen Schafe und Wölfe friedlich nebeneinanderliegen, weil der Herr es so befiehlt. Im irdischen Jammertal ziehen die Wölfe los, die Schafe zu reißen. Oder sie nehmen sich einen Minivan.

© Michael Szyszka

Es hat seinen Grund, weshalb sich selbstbewusste Schwule nie als „queer“ bezeichnen. Dass alle Kämpfe um Anerkennung miteinander verbunden seien und man deshalb an einem Strang ziehe, damit muss man ihnen nicht kommen.

Ein junger Afghane, der in den Bergen über Kabul unter dem Regime der Taliban aufgewachsen ist, sieht anders auf die Welt als ein junger Mann aus Detmold oder Ahaus, der von anderen Männern träumt. Im Zweifel fühlt sich der Migrant von dem Traum so bedroht, dass er meint, zur Machete greifen zu müssen, um seinem Gott treu zu bleiben.

Viele Schwule sind sehr viel konservativer, als ein Blick auf die linken Vögel in der ersten Reihe vermuten lässt. Queerbeauftragte wie Alfonso Pantisano wären schockiert, wenn sie wüssten, wie hoch der Anteil von CDU-Wählern ist.

Jeder schwule Mann weiß, wo es möglich ist, sich als solcher zu erkennen zu geben, und wo er es tunlichst lässt, weil der Staat seine Sicherheit nicht mehr garantieren kann. Es gibt zwei Gruppen von Menschen, für die sich das Leben in den letzten 20 Jahren deutlich verschlechtert hat: Schwule und Juden. Wenn die Berliner Polizeipräsidentin junge Männer dazu auffordert, in bestimmten Vierteln lieber keine Zärtlichkeiten auszutauschen, weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

Der Publizist Ali Utlu hat vor wenigen Tagen in der „Welt“ darüber berichtet, wie sich das Leben in Köln verändert hat. Aus einer offenen Metropole, in der man als schwuler Mann unbesorgt auf die Straße gehen konnte, ist eine segregierte Stadt mit No-go-Areas geworden, in denen es lebensgefährlich ist, Händchen zu halten.

„Wenn ich heute meine Wohnung verlasse, scrolle ich im Kopf automatisch durch die Gefahrenkarte der Stadt. Wo muss ich aufpassen? Wo lasse ich die Hand meines Partners lieber los?“, schreibt Utlu. Und es sind nicht irgendwelche Rechtsradikale, vor denen sich der Digitalaktivist fürchtet, es sind afghanische und arabische Muslime.

Er hoffe, den linken Islamfreunden in der schwulen Community werde jetzt klar, wen sie da eigentlich unterstützten, schrieb mir ein Freund aus Berlin, der kurz vor dem Attentat an der Stelle gestanden hatte, an der dann Abdul Ballout seinen Kleintransporter in die Menge steuerte. Die Hoffnung stirbt zuletzt, schrieb ich zurück.

Einen Tag nach dem Anschlag stand schon wieder eine junge Frau im Tanktop auf der Bühne neben dem Brandenburger Tor, um die „Intersektionalität“ zu beschwören, wie die Solidarität über alle religiösen und kulturellen Grenzen hinweg bei Linken heißt. Nyya, so ihr Name, sagte dann noch, dass sie sich gewünscht hätte, der Täter wäre eine „weiße, christliche Person“ gewesen. Das verbindet sie mit vielen in ihrer Welt.

Der Islamismus ist der blinde Fleck der Queer-Bewegung. Wer ihn benennt, macht sich unbeliebt. Vor ein paar Jahren sollte die Linksikone Judith Butler einmal einen Preis auf dem CSD in Berlin entgegennehmen. Für alle, die mit Butlers Werk nicht so vertraut sind: Das ist die Begründerin der Gendertheorie, die unter der Flagge der Intersektionalität auch die Hamas unter den großen Widerstandsbewegungen der Gegenwart einsortierte, also eine Organisation, die die Verstümmelung und Vergewaltigung von Frauen zum Volkssport erklärt hat.

Der Veranstalter hatte wunschgemäß Businessclass-Flug und Übernachtung im Adlon sichergestellt, aber dann trat Butler auf die Bühne und erklärte, dass sie den Preis nicht annehmen könne, weil der CSD zu kommerziell und zu rassistisch geworden sei. Was genau sie damit meinte, blieb ein wenig im Unklaren. Offensichtlich bezog sie sich auf Äußerungen, dass es unter Migranten ein verstärktes Problem mit Homophobie gebe.

Der „Spiegel“-Korrespondent René Pfister hat vor Längerem ein aufschlussreiches Zoom-Gespräch mit Butler geführt. Pfister kam dabei auch auf die Lebensumstände in Gaza zu sprechen. Woher sie ihre Zuversicht beziehe, dass in Gaza-Stadt ein Fest der Liebe und Queerness ausbrechen werde, wenn die Kontrolle durch Israel beendet sei? In Wahrheit seien Muslime sehr tolerant, lautete Butlers Antwort. Wenn das nach außen nicht immer so deutlich werde, liege dies an der Unterdrückung, die sie erfahren müssten.

Darauf kann man sich links der Mitte immer einigen: Es ist das Patriarchat, das die Menschen niederhält. Auch der Islamist ist ein Opfer der Umstände, in diesem Fall der Diskriminierung durch die weiße Mehrheitsgesellschaft. Wenn dereinst alle Menschen frei sind, wird auch der Hamas-Krieger erkennen, dass ein Leben in Liebe und Toleranz das bessere Leben ist.

Einen Tag nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin meldete sich der Parteivorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, mit folgendem Statement zu Wort: „Der Islamismus ist eine faschistische, barbarische Ideologie, ein zersetzendes Gift, von Hass erfüllt und von immenser Gefahr.“ Damit ist die Ordnung wieder hergestellt: Hier die fragile Welt der Menschen, die an einer besseren Welt arbeiten, dort der Faschismus.

Es kann nur noch eine Frage von Tagen sein, bis an die Bundesregierung der dringende Appell ergeht, die Gelder für all die NGOs freizugeben, deren Mittel auf Eis liegen. Wer ist schließlich besser geeignet, gegen das Gift einer faschistischen Ideologie zu kämpfen, als die tapferen Streiter bei HateAid, Campact und der Amadeu Antonio Stiftung?

Das Einzige, was sie links der Mitte noch klären müssen: wann der Islamismus nun rechts ist und wann doch eher links. Rechts ist er, wie man jetzt gelernt hat, wenn er die eigenen Leute trifft. Wenn es hingegen gegen Israel oder das kapitalistische System geht, dann ist er irgendwie doch okay. Dann malt man Hamas-Dreiecke an die Wand und drückt der Hisbollah die Daumen. Bis zum nächsten Anschlag.

Unter Opfern

Im fortschrittlichen Teil des Westens hat man sich darauf geeinigt, dass der Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft alle Minderheiten niederdrückt. Aber wenn der Rassismus allgegenwärtig ist, warum gelingt dann einigen der Aufstieg und anderen nicht?

Es gibt viele Volksgruppen, die es schwer haben. Die Rohingya in Burma, die Christen in Ägypten. Aber niemand erfährt eine vergleichbare Zuneigung und Aufmerksamkeit wie die Angehörigen des palästinensischen Volkes. Wenn es so etwas gibt wie den Pandabären der internationalen Politik, dann ist es der Palästinenser.

Der Palästinenser kann machen, was er will, ihm wird verziehen. Er kann seine Nachbarn mit Raketen überziehen. Oder im Kindergarten kleine Sprengstoffgürtel als Spielzeug auslegen. Oder sich beim Staatsbesuch schwer danebenbenehmen wie der palästinensische Staatspräsident Mahmud Abbas in Berlin.

Schon lange hat kein Besucher die Bundesregierung mehr so in Verlegenheit gebracht wie der Fatah-Führer. Man muss schon ziemlich neben sich stehen, um in Gegenwart des deutschen Bundeskanzlers zu erklären, dass die Juden nicht nur einen Holocaust, nein, dass sie 50 begangen hätten. Das bekommt nicht mal der verstockteste Neonazi hin.

Aber Schwamm drüber, alles vergeben und vergessen. Am Ende gibt’s trotzdem einen Scheck. 340 Millionen Euro für den Gast, so war es auch dieses Mal. Ich hätte eigentlich erwartet, dass jemand sagt: Der liebe Herr Abbas soll sich sein Geld woanders zusammensuchen. Aber an der Hilfe für Palästina wird nicht gerüttelt, unpassende Holocaust-Vergleiche hin oder her.

Es gibt eine merkwürdige Obsession mit der palästinensischen Sache. Keine Demo, bei der nicht der Block der Unterstützer Palästinas mitlatscht. Selbst bei Schwulendemos ist inzwischen regelmäßig eine Abteilung dabei, die für „Free Palestine from the River to the Sea“ und das Ende Israels die Flagge schwenkt.

Ich wünsche mir manchmal insgeheim, dass die Freunde der LGBTQIA-Szene, die so wahnsinnig erpicht darauf sind, dass endlich die Araber zu ihrem Recht kommen, einmal, nur ein einziges Mal, im Fummel durch Ramallah laufen. Wenn sie nicht gleich am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft werden, haben sie Glück gehabt, würde ich sagen.

Als „Mode-Accessoire für junge Männer und Frauen jeden Alters“ ist das Palästinensertuch bei Amazon für 12,99 Euro zu haben. Zu meiner Schulzeit gab es noch kein Amazon. Trotzdem war der Pali-Schal plötzlich da und komplettierte fortan die Schuluniform aus Jeans und Parka. Selbstverständlich fieberten wir auch beim Befreiungskampf des palästinensischen Volkes mit. Dass sie hin und wieder ein Flugzeug kaperten und alle Passagiere jüdischen Glaubens aussonderten – Schwamm drüber.

Ich habe mir vor Jahren während der Recherche für mein Buch „Unter Linken“ die Mühe gemacht, die Fördersummen zusammenzustellen. Drei Milliarden Euro flossen allein zwischen 2000 und 2007 aus EU-Mitteln in die Autonomiegebiete. Bei einer Geberkonferenz in Paris wurden weitere fünf Milliarden beschlossen. Im März 2009, kurz vor Erscheinen des Buches, kamen noch einmal 4,5 Milliarden dazu. Und das sind nur die Zahlungen im Zeitraum von 2000 bis 2010. Wenn es den Titel der meistsubventionierten Volksgruppe der Welt gäbe, die Palästinenser wären ein heißer Anwärter.

Man darf nicht den Fehler machen, danach zu fragen, was aus der Förderung geworden ist. Dass ihre Bewohner mehr Geld bekommen haben als die Europäer während des gesamten Marshallplans, sieht man der Autonomieregion nur an, wenn man den Blick auf die Villen der Fatah-Funktionäre in ihren Luxusenklaven wirft. Aber wahrscheinlich geht auch die Korruption in der Autonomiebehörde auf das Konto Israels.

Der Opferdiskurs funktioniert immer, selbst auf internationaler Ebene. Dass man anderen die Schuld geben kann, wenn man hinter den Erwartungen zurückbleibt, hat zweifellos Vorteile. Kaum etwas ist so demoralisierend wie die Erkenntnis, dass man sich sein Unglück selbst zuzuschreiben hat, weil man zu träge, zu faul oder einfach zu blöd war, um vom Fleck zu kommen.

Wenn der Palästinenser Selbstmordattentäter losschickt, handelt er selbstverständlich aus Verzweiflung. Wenn es bis heute keine funktionierende Verwaltung, keine nennenswerte Wirtschaftstätigkeit, ja nicht mal ein Abwassersystem gibt, das den Namen verdient, liegt das an den Zionisten und der Mauer, die sie um den Gazastreifen gebaut haben.

Das Problem am Opferdenken ist allerdings: Es bringt einen keinen Schritt weiter. Wer immer höhere Mächte verantwortlich macht, neigt dazu, sich in seinem Elend einzurichten. Deshalb rät jeder Therapeut ja auch dazu, das Selbstmitleid zu überwinden und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Ich bin seit drei Wochen in den USA. Zu meiner Morgenlektüre zählt jetzt als Erstes die „New York Times“. Herkunft ist ein Riesenthema. Im Prinzip hat man sich darauf verständigt, dass es der Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft ist, der Minderheiten am Aufstieg hindert. Dass sich die Weißen bewegen müssen, damit sich etwas ändert, und nicht etwa die Nicht-Weißen, ist das unausgesprochene Mantra.

Aber offenbar gelingt es einigen Minoritäten trotz des allgegenwärtigen Rassismus aufzusteigen. Bei den Zulassungstests zu den Universitäten sind asiatischstämmige Amerikaner inzwischen führend. Bildungsabschluss ist ein guter Indikator für Teilhabe, weil alles Weitere aus ihm folgt: Einkommen, sozialer Status, gesellschaftliche Macht und Einfluss.

Auch asiatischstämmige Amerikaner wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Die Zahl der Vorurteile (und Schimpfwörter), die man mit ihnen verbindet, ist lang. Dennoch sind sie heute eine der erfolgreichsten Minderheiten.

Die Zahl der Universitätsabschlüsse läge noch höher, wenn nur Leistung zählen würde und nicht Herkunft. Eine Reihe von Elite-Colleges ist dazu übergangen, die Zahl von Asian Americans künstlich zu senken, um jungen Schwarzen Zugang zu ermöglichen. Einige asiatische Eltern haben daraufhin geklagt, weil sie es nicht länger hinnehmen wollen, dass ihre Kinder systematisch benachteiligt werden, damit die Quote stimmt. Der Fall liegt jetzt vor dem Supreme Court. Beobachter gehen davon aus, dass der Klage stattgegeben wird, was das Ende der sogenannten Affirmative Action bedeuten würde.

Auch die Mexikaner haben es relativ weit gebracht. Da niemand mit ihnen ihr hartes Los beklagt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Offenbar spielen Familienzusammenhalt und kulturelle Werte beim Aufstieg eine große Rolle. Ob Kinder in einer intakten Familie aufwachsen oder der Vater sich schon im Kleinkindalter verdrückt, hat für den weiteren Lebensverlauf enorme Folgen.

In Deutschland lassen sich ebenfalls Unterschiede bei Minderheiten beobachten. Es ist nicht das Gleiche, ob jemand, sagen wir, in einer jüdischen oder in einer arabischstämmigen Familie aufwächst. Das gilt nicht in jedem Einzelfall, aber doch im Generellen. Weshalb ja auch kein Mittelschichtspaar aus einem der grünen Innenstadtviertel auf die Idee käme, seine Kinder auf eine muslimische Schule zu schicken, aber sehr wohl auf eine jüdische.

Aber wie gesagt: Schwamm drüber. Man soll sich im Urlaub keine zu schwierigen Themen vornehmen.

©Sören Kunz