Schlagwort: Berlin

Öl auf ihrer Haut

51 Prozent der jungen Frauen haben in Berlin die Linkspartei gewählt. Warum begeistern sich Frauen für eine Partei, die insbesondere auch Männer attraktiv finden, die meinen, Frauen sollten vor allem gehorchen?

Meine Frau hat mich mit der Nachricht überrascht, dass im Kindergarten eine Betreuerin gekündigt wurde. „Die Hilke muss gehen“, sagte sie. „Oh nein, was ist passiert?“, fragte ich. Alle seien schrecklich niedergeschlagen, antwortete sie. Es gebe einfach nicht mehr genug Kinder.

Ich wusste das nicht, aber überall in München herrscht Kindermangel. Andernorts müssen ganze Kitas schließen. Ich dachte immer, Erzieher wäre ein Job mit Beschäftigungsgarantie. Wie sich zeigt, ist der Beruf nicht nur sehr anspruchsvoll, sondern auch noch von den Launen der Demografie abhängig.

Die Geburtenrate ist auf 1,3 Kinder pro Frau gesunken. Das schlägt jetzt voll durch. Wenn es so weitergeht, werden nicht nur Kitas reihenweise schließen. „Children of Men“, das droht auch Deutschland.

Warum bekommen die Deutschen keine Kinder mehr? Einige sagen, der Klimawandel sei schuld. Andere machen die Kriegsangst verantwortlich. Auch die Dating-Apps, die den Kunden suggerieren, um die Ecke gäbe es immer noch jemand Besseren, stehen in Verdacht.

Der „Spiegel“ hat vor zwei Wochen eine überraschende Erklärung für den Kinderschwund präsentiert: Es ist die Politik, die Frauen und Männer auseinandertreibt. Wenn sich Paare nicht mehr finden, weil die politischen Unterschiede sie trennen, dann gibt es auch keinen Nachwuchs, das ist logisch. Noch immer ist eine stabile Partnerschaft die beste Voraussetzung für die Familiengründung.

Vor allem Frauen haben Vorbehalte. Ein Partner, der politisch nicht auf Wellenlänge ist, kommt ihnen nicht ins Haus. Männer scheinen da etwas toleranter. Wenn die Frau ein bisschen nach links tendiert, schauen sie darüber hinweg. Ja mei, die Annika ist halt etwas grün, dafür hat sie andere Qualitäten, sagen sie sich. So können Frauen nicht denken. Entweder der Kerl ist auch so fortschrittlich wie sie, oder das war’s.

Die Frauen werden auch immer linker. Inzwischen beträgt der Abstand 23 Punkte. Das ist eine gewaltige Kluft. Männer waren immer etwas konservativer, das hat sich nicht geändert. Es sind die Frauen, die sich politisch immer weiter entfernen. 51 Prozent der unter 25-Jährigen haben in Berlin die Linkspartei gewählt. Wenn es nach den weiblichen Stimmen ginge, wäre Heidi Reichinnek längst Bundeskanzlerin.

Auch in den Vereinigten Staaten gibt es das Phänomen. In einem Text, den ich dazu gelesen haben, stellten die Autoren auf die Einführung des Smartphones ab. Bis 2010 betrug das politische Gendergap zwischen Frauen und Männern nur zwölf Punkte. Erst danach lief es plötzlich auseinander.

Frauen neigten eher dazu, sich ihrem Meinungsumfeld anzupassen, lautete die Erklärung. Lange dominierten auf Social Media vor allem linke Stimmen, das Smartphone dient so gesehen als große linke Konsensmaschine. Auch Heidi Reichinnek verdankt ihren Aufstieg den sozialen Medien. Vielleicht ist an der Theorie etwas dran.

Noch rätselhafter ist der Schulterschluss von Feminismus und Islamismus, wie wir ihn in Berlin sehen. Wenn es eine Paarung gibt, die wie ein Match aus der Datinghölle wirkt, dann diese, sollte man meinen. Doch eigenartig: Die Scharia scheint vielen Linksparteiwählerinnen weniger bedrohlich als der Siegeszug der Tradwifes. Lieber Seit an Seit mit Salafisten, die ihre Frauen von Kopf bis Fuß verschleiern, als auch nur einen Händedruck mit jemanden wechseln, der Philipp Amthor schätzt.Der „Bild“-Kolumnist Harald Martenstein hat sich mächtig Ärger eingefangen, weil er in seiner Kolumne gefragt hatte, warum so viele junge Frauen für arabische Machomänner schwärmten. Palästinasolidarität biete die Chance, eine verbotene Leidenschaft politisch korrekt auszuleben, lautete seine These. In der „Süddeutschen“ wurde Martensteins Text als Beispiel genannt, wie der Wahlsieg der Linken Journalisten um den Verstand bringe.

Ich war ein wenig enttäuscht. Ich hatte eine Woche zuvor in der „Zeit“ eine ganz ähnliche Beobachtung geteilt. Es ging dabei um die Liebe migrantischer Männer zu schnellen Autos, die sich ein grüner Mann nie trauen würde. Entweder lesen weniger Menschen die „Zeit“, als man meinen sollte, oder sie denken bei der „Süddeutschen“: Wenn es in der „Zeit“ steht, dann geht das in Ordnung.

Es ist auffällig, dass ausgerechnet Frauen, die normalerweise schon einen Schreikrampf bekommen, wenn jemand an der falschen Stelle lacht, bei arabischen Machos dahinschmelzen. Dann wird über alles hinweggesehen, sogar über ein Faible für die Hamas.

© Silke Werzinger

Wohlgemerkt, wir reden über Männer, die auch Vergewaltigung okay finden, jedenfalls, wenn es die richtigen Frauen trifft. Mehr Frauenverachtung geht eigentlich nicht. Aber solange der Mann als Mitglied einer verfolgten Minderheit gilt, ist das irgendwie okay. Dann ist die Hamas-Liebe nicht Ausdruck toxischer Männlichkeit, sondern der Beweis von Widerstandsgeist.

„Salz auf unserer Haut“ hieß in meiner Jugend ein Bestseller, der sich insbesondere unter aufgeklärten Frauen großer Beliebtheit erfreute. Im Zentrum des Romans stand eine junge Intellektuelle aus Paris, die sich mit einem bretonischen Fischer einließ und dabei die Freuden erlebte, die sich in ihrem öden Mittelschichtsleben nicht mehr einstellen wollten. Vielleicht ist die Pali-Begeisterung eine Art Neuauflage, also gewissermaßen das Öl auf ihrer Haut. Frauen neigen dazu, Männer als Erziehungsprojekt zu betrachten. Sie denken, wenn sie nur hartnäckig genug bleiben, dann schleifen sich die rauen Ecken schon ab. Ich halte das für einen Trugschluss. Wenn ich mich in den Vierteln umsehe, wo arabische Männer das Straßenbild bestimmen, habe ich nicht den Eindruck, dass in Wahrheit die Frauen das Sagen haben.

Ich kann auch nicht erkennen, dass das Leben in Deutschland zu mehr Liberalität führt. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Als die muslimische Hochschulgruppe an der Kieler Uni im vergangenen Jahr zu einer muslimischen Woche einlud, wurden die Teilnehmer gebeten, die Veranstaltungen durch getrennte Eingänge zu betreten, links die Frauen, rechts die Männer. Selbstverständlich saß man dann auch nach Geschlechtern getrennt, die Männer vorn, die Frauen hinten.

Als Mann kann ich damit leben. Wenn man mich zwingen würde, den Koran anzuerkennen, bin ich der Erste, der Ja sagt. Ich habe auch kein Problem damit, wenn es künftig zwei Eingänge für Männer und Frauen gibt. Ich akzeptiere das Kopftuch. Und wenn demnächst in Talkshows alle weiblichen Teilnehmer ehrfürchtig schweigen, sobald ich das Wort ergreife? Einen Tod muss man sterben. Dass Frauen wieder gezeigt wird, wo ihr Platz ist: Wenn die Mehrheit der Linken entsprechend wählt, wer bin ich, mich dem entgegenzustellen?

Für meine beiden Töchter sähe es finsterer aus, aber da finde ich ebenfalls eine Lösung. Notfalls buchen wir rechtzeitig ein Ticket in ein Land, in dem die neuen Machos noch nichts zu sagen haben. Uruguay soll sehr schön sein. Auslandseinkommen sind sogar steuerfrei.

Ich fürchte nur, für viele, die jetzt an den Hochschulen die Hamas anbeten, kommt jede Hilfe zu spät, wenn es so weit ist. Die müssen dann leider ihr Leben als Super-Tradwife fristen. Wie heißt es so schön? Elections have consequences, Wahlen haben Folgen.

Drop dead

Gefängnis nur noch im Ausnahmefall, keine Ausweiskontrollen mehr und Sozialarbeit statt Polizei: Berlin wird zum großen Labor. Nur beim Geld soll alles so bleiben, wie es ist. Bei der Finanzierung setzt man auf den Süden

Ich zitiere aus dem Programm, mit dem die Linkspartei in Berlin regieren will. Mein Eindruck ist, die meisten Berliner haben es nicht wirklich gelesen – auch viele der Medienleute nicht, die Elif Eralp und ihren Leuten nun die Daumen drücken.

Hier einige der Punkte, die Frau Eralp durchsetzen will, wenn sie mithilfe der Grünen und der SPD endlich regiert.

  •  Polizeiarbeit soll durch Sozialarbeit ersetzt werden.
  •  Wer ein Jahr ein Haus besetzt hat, dem gehört es faktisch.
  •  Gefängnisaufenthalt wird die absolute Ausnahme, Häftlinge bekommen Mindestlohn.
  •  Niemand wird abgeschoben. Weil: Jede Abschiebung ist eine Abschiebung zu viel.
  •  Ausweiskontrollen werden abgeschafft, weil sie Menschen ohne sichere Dokumente ausschließen. Diskriminierungstatbestand Ausweiskontrolle.
  •  Keine Noten bis einschließlich neunter Klasse. Hausaufgaben werden abgebaut, weil sie Kinder aus ärmeren Verhältnissen benachteiligen.
  •  Bauen mit Beton nur noch, wo er zwingend vorgeschrieben ist (an der Stelle habe ich mich gefragt, was stattdessen infrage kommt, Bambus vielleicht).
  •  Kein Baurecht mehr für Ein- und Zweifamilienhäuser.
  •  Bundesinitiative gegen die Neuzulassung von SUV.
  •  Und, mein absolutes Highlight, ein Landesaufnahmeprogramm insbesondere für Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, dem Sudan, Gaza und dem Libanon. Betroffene sollen die Möglichkeit erhalten, über einen sicheren Fluchtweg nach Berlin einzureisen, wie es im Wahlprogramm heißt.

© Michael Szyszka

Das Projekt Tunnelbau, mit dem man sich in Berlin seit den Mauertagen auskennt, bekommt damit eine neue Bedeutung. Dieses Mal nicht sicheres Geleit von Ost nach West, sondern vom Mittelmeer in die Hauptstadt. Wenn das kein Fortschritt ist! Und vom Tunnelbau versteht man bei den Freunden Palästinas bekanntlich etwas.

Ich gebe zu, in meiner Brust schlagen zwei Herzen. Als Freund der Freiheit bin ich gegen Sozialismus jeder Art. Insbesondere für Menschen jüdischen Glaubens brechen harte Zeiten an. Anderseits wäre für einen endlosen Strom an Kolumnenmaterial gesorgt.

Im „Spiegel“ konnte man in einer Verteidigungsschrift lesen, Berlin sei unbezahlbar geworden. Die Einzige, die versprochen habe, sich darum zu kümmern, sei die Elif. Komm mal nach München, hätte ich der Autorin am liebsten zugerufen. Madrid, Paris und Rom sind ebenfalls nicht gerade das, was man günstig nennt. Das hat das Hauptstadt-Sein so an sich, dass man sich nach der Decke strecken muss.

Jetzt soll im großen Stil enteignet werden. Die Befürworter beziehen sich auf einen Volksentscheid, in dem 42 Prozent der Wahlberechtigten für eine Verstaatlichung großer Wohnungsbaugesellschaften votierten. Die Berliner haben jetzt auch dafür gestimmt, dass man die Gefängnisse öffnet und die Polizei abbaut. Vielleicht liegt es am Grundwasser. Ich würde es mal untersuchen lassen. Oder sie sind generell einfach sehr abenteuerlustig. Aber gut, rechnen wir den großen Enteignungsplan einmal durch.

Ein gewisse Verwirrung beginnt schon bei der Frage, wie teuer das Ganze wird. Der ehemalige Parteichef Jan van Aken hat bei „Markus Lanz“ 8 bis 12 Milliarden Euro in den Raum gestellt. Die Bürgermeisterkandidatin selbst spricht davon, dass man zu 40 Prozent des Verkehrswertes verstaatlichen wolle, das würde 20 bis 25 Milliarden an zusätzlichen Schulden bedeuten. Der Berliner Rechnungshof wiederum hat in einem Gutachten 40 Milliarden als Größenordnung genannt.

Gehen wir, ganz konservativ, von 25 Milliarden Euro aus. Lassen wir auch den gigantischen Rechtsstreit außer Acht, den die Verstaatlichung unweigerlich nach sich ziehen und der das Land Berlin Millionen und Abermillionen an Verfahrensgebühren kosten wird. Selbst wenn die Verstaatlichung gelingen sollte, was wäre gewonnen?

Der durchschnittliche Mietpreis liegt bei der Vonovia, dem größten Wohnungsunternehmen der Stadt, derzeit bei 8,30 Euro. Nehmen wir an, Frau Eralp würde, wie angekündigt, zu 40 Prozent des Verkehrswertes enteignen. Das Geld müsste sie am Kapitalmarkt aufnehmen. Bei einem Zinssatz von 3,5 Prozent wären das umgelegt auf alle 240 000 Wohnungen 5 Euro pro Quadratmeter.

Hinzu kämen etwa 2 Euro für Sanierungen und Instandhaltungen, die Immobilien gehören ja jetzt der Stadt. Nimmt man die üblichen Miet-ausfälle und Verwaltungskosten hinzu, liefe es auf eine Durchschnittsmiete von 8 Euro heraus, wie der Berliner Investor Filip Dames vom Risikokapitalfonds Cherry Ventures vorgerechnet hat.

8 Euro im Stadtbesitz versus 8 Euro 30 bei der Vonovia, und da hat man noch keinen einzigen Cent getilgt. Ob das den Minnesängern des neuen Mietsozialismus bewusst ist?

Ich habe ein großes Herz, auch für jeden Irrsinn. Sollen sie machen. Wird für die verbliebenen Bewohner kein Zuckerschlecken. Schon jetzt ist die Stadt so fertig und verdreckt und vermüllt, dass die „SZ“-Redakteurin Johanna Adorján im März ein Stoßgebet zum Himmel sandte: „Mit Berlin ist es vorbei. Wer hier noch lebt, hat den Absprung verpasst.“

Ich will anschließend auch keine Klagen über die Zunahme an Gewalt hören, wenn demnächst die Polizei nur noch tagsüber ausrückt. Oder wie unsicher es insbesondere für Frauen geworden ist. Aber ansonsten: Jeder ist seines Glückes Schmied, wie der Philosoph sagt.

Ich möchte nur eines nicht erleben: dass die linken Recken ihre Sause weiter mit Geld aus dem Süden finanzieren. Das wäre die Antwort aus Bayern, Hessen und Baden-Württemberg, die ich erwarte: Schluss mit der Finanzierung des Berliner Sozialexperiments.

„Drop dead“, lautete der berühmte Satz des republikanischen Präsidenten Gerald Ford, als das chronisch klamme New York 1975 mit dem Bettelbeutel in der Hand in Washington anklopfte. Das wäre auch meine Antwort: Schleicht euch. Sollen Sie ImmoScout24 verbieten und im Gegenzug das Crackrauchen erlauben – aber nicht mit meinem Steuergeld.

Ich habe gehört, dass sich Markus Söder Hoffnung auf die Kanzlerschaft macht. Hier könnte er schon mal zeigen, was in ihm steckt.

Tränen der Verlogenheit

Die Grünen sehen sich als Hüter des politischen Anstands. In Berlin denken sie jetzt darüber nach, einer Partei an die Macht zu verhelfen, die alles verachtet, was die alte Bundesrepublik ausmacht

Es gibt diese Szene aus dem Berliner Wahlkampf, die so viel über die Linkspartei sagt. Der Grünenpolitiker Daniel Eliasson steht neben einem Lautsprecher, er hat ein Mikrofon in der Hand. Es geht um das Bibliotheksprogramm der Stadt. Die Bildungsstadträtin von der CDU hat sich gegen Drag-Lesungen in öffentlichen Bibliotheken ausgesprochen. Leute von der Linksjugend haben darauf zu einer Demo vor dem Rathaus in Steglitz aufgerufen.

Nachdem Eliasson, der als Direktkandidat in Berlin-Steglitz antritt, sich für mehr „queere Sichtbarkeit“ ausgesprochen hat, sagt er, er wolle noch etwas Persönliches anfügen. Es gehe bei Diskriminierung immer auch um Rassismus und Antisemitismus. „Wenn ‚Yallah, Yallah Intifada‘ gerufen wird auf einer Veranstaltung der Linkspartei, dann habe ich damit ein Problem.“

Auf einem Video, das den Auftritt festhält, sieht man, wie sich eine Frau eilig auf den Lautsprecher zubewegt und den Ton abdreht. Man hört noch, wie Eliasson ruft, er lasse sich nicht den Mund verbieten. Aber dann wird ihm auch schon das Mikrofon aus der Hand gewunden. An der Stelle bricht das Video ab. Wer an Dinge erinnert, die bis gestern in Deutschland noch als selbstverständlich galten, zum Beispiel die Selbstverständlichkeit, dass man nicht zum Mord an Juden aufruft, wird mundtot gemacht – das ist die Linkspartei in Berlin.

Alle reden über Sachsen-Anhalt. Er sei schockiert über den Wahlsieg der AfD, hat der Kanzler zu Protokoll gegeben. Wenn die Umfragen recht behalten, könnte auch die Hauptstadt an eine Partei fallen, die von dem, was die alte Bundesrepublik ausgemacht hat, nicht viel hält. In mancher Hinsicht ist diese Partei sogar deutlich radikaler. Doch dieses Mal ruft kein Campact zu Demonstrationen auf, und es gibt keinen Appell von Sandra Hüller, das Land nicht den Falschen zu überlassen.

Man kann auch nicht behaupten, dass man nicht wüsste, mit wem man es zu tun hat. Es vergeht keine Woche, in der nicht irgendwelche Hintersassen erklären, mit wem sie im Falle eines Wahlsiegs aufräumen wollen. „Stellen Sie sich vor, dass eine extreme Partei in den Umfragen immer stärker wird“ – so begann ein Kommentar von Filipp Piatov, stellvertretender Politikchef der „Bild“.

„Anstatt sich zu mäßigen, wird sie radikaler. Sie provoziert Skandale in Parlamenten, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie macht Gedankengut aus den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte wieder salonfähig. Die Parteiführung schreitet nicht ein, obwohl ihre Mitglieder und Funktionäre Massenmörder verherrlichen und Gewalt feiern.“ Sie ahnen es, mit dieser Beschreibung ist ausnahmsweise nicht die AfD gemeint, sondern die Partei, die sich „Die Linke“ nennt.

Man kann sich natürlich an die Erklärung der Spitzenkandidatin Elif Eralp klammern, dass sie klar gegen Antisemitismus stehe. Mit dem Antisemitismus verhält es sich wie mit dem Nazitum. Man trifft nie jemanden, der sagt: Ja, finde ich super, absolut meine Meinung. Wie der Sonnenwendgast mit den SS-Runen auf dem Oberarm empört von sich weist, ein Nazi zu sein, so beteuert auch der Anhänger der Linkspartei, nichts gegen Juden zu haben. Er kann halt nur Israel nicht leiden und alle Orte, an denen Juden leben, ohne Angst haben zu müssen.

© Michael Szyszka

Der Unterschied zwischen Berlin und Sachsen-Anhalt ist: Die Linkspartei steht bei 23 Prozent, nicht bei 43. Ohne die Hilfe der Grünen wird es nicht gehen. Die Grünen sind in Berlin das, was die CDU für die AfD wäre, wenn es die Brandmauer nicht gäbe: das Ticket zur Macht. Praktischerweise existiert die Brandmauer nur nach rechts.

Was sagen die Grünen? Eigentlich ist es ganz einfach, sollte man meinen. „Wir machen nicht gemeinsame Sache mit Leuten, die am liebsten Israel von der Landkarte fegen würden, so wie wir auch nicht mit Sexisten und Rassisten paktieren.“ Das wäre die Antwort, die man von einer Partei erwarten sollte, die normalerweise immer das ganz hohe C anstimmt.

Aber das sagen sie nicht. Ich habe den Parteichef Felix Banaszak im Podcast bei Paul Ronzheimer gehört. Was war das für eine Eierei! Man stehe zu grünen Grundsätzen, aber man wolle den Parteifreunden in Berlin auch nicht reinreden.

Ob Herr Banaszak weiß, wer Daniel Eliasson ist, übrigens einer der linkesten Vögel, die seine Partei zu bieten hat? Ist ihm der Name Klaus Lederer ein Begriff?

Ich habe Lederer vor anderthalb Jahren in Wien getroffen. Wie man sich denken kann, gibt es vieles, was uns trennt. Aber was mir Respekt abnötigte, ist die klare Haltung, die er zur deutschen Geschichte hat.

Lederer war in der Linkspartei nicht irgendjemand, sondern einer der erfolgreichsten Politiker seiner Partei. Sieben Jahre lang führte er das Kulturressort in Berlin, viele schwärmen noch heute von dieser Zeit. 2024 trat er mit vier Gleichgesinnten aus, weil er den offenen Antisemitismus nicht mehr ertrug. Lederer gehört zu einer Generation, für die Vergangenheitsbewältigung nicht bedeutet, dass man zu bestimmten Jahrestagen betroffen in eine Kamera guckt, sondern dass man dafür sorgt, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen.

Von dem Schriftsteller und späteren PDS-Abgeordneten Gerhard Zwerenz stammt der Satz, wer links sei, könne nicht gleichzeitig Antisemit sein. Dass das Gegenteil wahr ist, ist hinreichend erwiesen. Tatsächlich sitzen die vernehmlichsten Antisemiten heute in den Reihen der Linkspartei. Was sie selbstredend nicht davon abhält, bei jeder sich bietenden Gelegenheit „Nie wieder“ zu rufen und alle, die einem nicht passen, als Nazis zu bezeichnen.

Selbst die „SZ“ kam anlässlich des Parteitags in Potsdam nicht umhin von „Dog-Whistling bei der Linken“ zu sprechen. So nennt man den Kniff, Begriffe zu benutzen, deren Bedeutung die Anhänger sofort verstehen, die aber allgemein genug klingen, dass man sich darauf hinausreden kann, missverstanden worden zu sein. Wobei, in Berlin sind sie über das Dog-Whistling erkennbar hinaus. Wer palästinensische Terroristen, die es darauf anlegten, möglichst viele Feinde umzubringen, als Vorbild nennt, hat alle Hemmungen abgelegt.

Irgendwann muss man sich entscheiden, das gilt auch für die Grünen. Jedenfalls wenn man sich seinen Anstand bewahren möchte. Aber vielleicht ist ja den Grünen inzwischen alles egal. Möglicherweise sind sie bereit, selbst über die größten Ekelhaftigkeiten hinwegzusehen, um das nächste linke Projekt zu verwirklichen, was immer das dann sein soll.

Sollten Felix Banaszak und die Seinen die Hand reichen, um Elif Eralp von der Linkspartei zur Regierenden Bürgermeisterin zu machen, hätte ich nur eine bescheidene Bitte: Wenn das nächste Mal der Schrecken des Dritten Reichs gedacht wird, schleicht euch. Habt wenigstens den Anstand, nicht so zu tun, als ob euch das naheginge. Weitaus schlimmer als keine Tränen sind falsche Tränen.

Ach so, eines noch. Wer denkt, die Antisemiten würden bei den Juden stehen bleiben, der irrt. Für Leute, die „Yallah, Yallah Intifada“ schreien, ist Jude nur die Chiffre für alles, was von Übel ist. Dazu gehören in weiterer Abfolge Schwule, Lesben, Frauen insgesamt, jedenfalls wenn sie zu selbstbewusst auftreten, Liberale, Libertäre und überhaupt die Demokratie mit ihren Vorstellungen von Gleichheit und Freiheit. Viel Spaß in Berlin!

Wo der Feind steht

Das einzige Symbol, das auf dem Christopher Street Day nicht geduldet wird, ist der Davidstern. Wer nicht weiß, wer ihm Böses will, kann sich auch nicht wehren

Gehen wir noch einmal durch, wer am Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin eine Mitschuld trägt.

Friedrich Merz und Julia Klöckner, weil sie die Regenbogenflagge nur noch einmal im Jahr auf dem Bundestag zulassen und so die Sichtbarkeit queeren Lebens in Deutschland gefährden. Bildungsministerin Karin Prien mit ihrer Ankündigung, dem Programm „Demokratie leben“ die Mittel zu kürzen.

Alle natürlich, die falsche Männerbilder propagieren. Die Männer an sich, weil sie nun einmal Männer sind. Und nicht zu vergessen: konservative Kräfte. Verglichen mit der MAGA-Bewegung in Amerika und auch der CDU sind Islamisten nur die Unterabteilung eines viel größeren Problems. Letztere Erkenntnis verdanken wir dem Queerbeauftragten der Stadt Berlin, Alfonso Pantisano.

Das ist eine kleine Auswahl von Erklärungen, die an den Tagen nach dem Anschlag kursierten. Es sind auch nicht irgendwelche Versprengte und Verwirrte, deren Einschätzungen ich hier wiedergebe, sondern durchaus respektable Personen der linken Lebenswelt – ein Ressortleiter des „Spiegel“, ein Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, eine einflussreiche Influencerin.

Wie nennt man den Versuch, sich die Realität zurechtzubiegen, um das Offensichtliche nicht in den Blick nehmen zu müssen? In der klinischen Psychiatrie würde man von Wahnsystem sprechen. Das einzige Symbol, das auf dem CSD in Bonn verboten war, war der Davidstern. Auch die CDU ist unerwünscht.

Wer nicht weiß, wo der Feind steht, kann sich auch nicht wehren. Im Paradies mögen Schafe und Wölfe friedlich nebeneinanderliegen, weil der Herr es so befiehlt. Im irdischen Jammertal ziehen die Wölfe los, die Schafe zu reißen. Oder sie nehmen sich einen Minivan.

© Michael Szyszka

Es hat seinen Grund, weshalb sich selbstbewusste Schwule nie als „queer“ bezeichnen. Dass alle Kämpfe um Anerkennung miteinander verbunden seien und man deshalb an einem Strang ziehe, damit muss man ihnen nicht kommen.

Ein junger Afghane, der in den Bergen über Kabul unter dem Regime der Taliban aufgewachsen ist, sieht anders auf die Welt als ein junger Mann aus Detmold oder Ahaus, der von anderen Männern träumt. Im Zweifel fühlt sich der Migrant von dem Traum so bedroht, dass er meint, zur Machete greifen zu müssen, um seinem Gott treu zu bleiben.

Viele Schwule sind sehr viel konservativer, als ein Blick auf die linken Vögel in der ersten Reihe vermuten lässt. Queerbeauftragte wie Alfonso Pantisano wären schockiert, wenn sie wüssten, wie hoch der Anteil von CDU-Wählern ist.

Jeder schwule Mann weiß, wo es möglich ist, sich als solcher zu erkennen zu geben, und wo er es tunlichst lässt, weil der Staat seine Sicherheit nicht mehr garantieren kann. Es gibt zwei Gruppen von Menschen, für die sich das Leben in den letzten 20 Jahren deutlich verschlechtert hat: Schwule und Juden. Wenn die Berliner Polizeipräsidentin junge Männer dazu auffordert, in bestimmten Vierteln lieber keine Zärtlichkeiten auszutauschen, weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

Der Publizist Ali Utlu hat vor wenigen Tagen in der „Welt“ darüber berichtet, wie sich das Leben in Köln verändert hat. Aus einer offenen Metropole, in der man als schwuler Mann unbesorgt auf die Straße gehen konnte, ist eine segregierte Stadt mit No-go-Areas geworden, in denen es lebensgefährlich ist, Händchen zu halten.

„Wenn ich heute meine Wohnung verlasse, scrolle ich im Kopf automatisch durch die Gefahrenkarte der Stadt. Wo muss ich aufpassen? Wo lasse ich die Hand meines Partners lieber los?“, schreibt Utlu. Und es sind nicht irgendwelche Rechtsradikale, vor denen sich der Digitalaktivist fürchtet, es sind afghanische und arabische Muslime.

Er hoffe, den linken Islamfreunden in der schwulen Community werde jetzt klar, wen sie da eigentlich unterstützten, schrieb mir ein Freund aus Berlin, der kurz vor dem Attentat an der Stelle gestanden hatte, an der dann Abdul Ballout seinen Kleintransporter in die Menge steuerte. Die Hoffnung stirbt zuletzt, schrieb ich zurück.

Einen Tag nach dem Anschlag stand schon wieder eine junge Frau im Tanktop auf der Bühne neben dem Brandenburger Tor, um die „Intersektionalität“ zu beschwören, wie die Solidarität über alle religiösen und kulturellen Grenzen hinweg bei Linken heißt. Nyya, so ihr Name, sagte dann noch, dass sie sich gewünscht hätte, der Täter wäre eine „weiße, christliche Person“ gewesen. Das verbindet sie mit vielen in ihrer Welt.

Der Islamismus ist der blinde Fleck der Queer-Bewegung. Wer ihn benennt, macht sich unbeliebt. Vor ein paar Jahren sollte die Linksikone Judith Butler einmal einen Preis auf dem CSD in Berlin entgegennehmen. Für alle, die mit Butlers Werk nicht so vertraut sind: Das ist die Begründerin der Gendertheorie, die unter der Flagge der Intersektionalität auch die Hamas unter den großen Widerstandsbewegungen der Gegenwart einsortierte, also eine Organisation, die die Verstümmelung und Vergewaltigung von Frauen zum Volkssport erklärt hat.

Der Veranstalter hatte wunschgemäß Businessclass-Flug und Übernachtung im Adlon sichergestellt, aber dann trat Butler auf die Bühne und erklärte, dass sie den Preis nicht annehmen könne, weil der CSD zu kommerziell und zu rassistisch geworden sei. Was genau sie damit meinte, blieb ein wenig im Unklaren. Offensichtlich bezog sie sich auf Äußerungen, dass es unter Migranten ein verstärktes Problem mit Homophobie gebe.

Der „Spiegel“-Korrespondent René Pfister hat vor Längerem ein aufschlussreiches Zoom-Gespräch mit Butler geführt. Pfister kam dabei auch auf die Lebensumstände in Gaza zu sprechen. Woher sie ihre Zuversicht beziehe, dass in Gaza-Stadt ein Fest der Liebe und Queerness ausbrechen werde, wenn die Kontrolle durch Israel beendet sei? In Wahrheit seien Muslime sehr tolerant, lautete Butlers Antwort. Wenn das nach außen nicht immer so deutlich werde, liege dies an der Unterdrückung, die sie erfahren müssten.

Darauf kann man sich links der Mitte immer einigen: Es ist das Patriarchat, das die Menschen niederhält. Auch der Islamist ist ein Opfer der Umstände, in diesem Fall der Diskriminierung durch die weiße Mehrheitsgesellschaft. Wenn dereinst alle Menschen frei sind, wird auch der Hamas-Krieger erkennen, dass ein Leben in Liebe und Toleranz das bessere Leben ist.

Einen Tag nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin meldete sich der Parteivorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, mit folgendem Statement zu Wort: „Der Islamismus ist eine faschistische, barbarische Ideologie, ein zersetzendes Gift, von Hass erfüllt und von immenser Gefahr.“ Damit ist die Ordnung wieder hergestellt: Hier die fragile Welt der Menschen, die an einer besseren Welt arbeiten, dort der Faschismus.

Es kann nur noch eine Frage von Tagen sein, bis an die Bundesregierung der dringende Appell ergeht, die Gelder für all die NGOs freizugeben, deren Mittel auf Eis liegen. Wer ist schließlich besser geeignet, gegen das Gift einer faschistischen Ideologie zu kämpfen, als die tapferen Streiter bei HateAid, Campact und der Amadeu Antonio Stiftung?

Das Einzige, was sie links der Mitte noch klären müssen: wann der Islamismus nun rechts ist und wann doch eher links. Rechts ist er, wie man jetzt gelernt hat, wenn er die eigenen Leute trifft. Wenn es hingegen gegen Israel oder das kapitalistische System geht, dann ist er irgendwie doch okay. Dann malt man Hamas-Dreiecke an die Wand und drückt der Hisbollah die Daumen. Bis zum nächsten Anschlag.

Unter Opfern

Im fortschrittlichen Teil des Westens hat man sich darauf geeinigt, dass der Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft alle Minderheiten niederdrückt. Aber wenn der Rassismus allgegenwärtig ist, warum gelingt dann einigen der Aufstieg und anderen nicht?

Es gibt viele Volksgruppen, die es schwer haben. Die Rohingya in Burma, die Christen in Ägypten. Aber niemand erfährt eine vergleichbare Zuneigung und Aufmerksamkeit wie die Angehörigen des palästinensischen Volkes. Wenn es so etwas gibt wie den Pandabären der internationalen Politik, dann ist es der Palästinenser.

Der Palästinenser kann machen, was er will, ihm wird verziehen. Er kann seine Nachbarn mit Raketen überziehen. Oder im Kindergarten kleine Sprengstoffgürtel als Spielzeug auslegen. Oder sich beim Staatsbesuch schwer danebenbenehmen wie der palästinensische Staatspräsident Mahmud Abbas in Berlin.

Schon lange hat kein Besucher die Bundesregierung mehr so in Verlegenheit gebracht wie der Fatah-Führer. Man muss schon ziemlich neben sich stehen, um in Gegenwart des deutschen Bundeskanzlers zu erklären, dass die Juden nicht nur einen Holocaust, nein, dass sie 50 begangen hätten. Das bekommt nicht mal der verstockteste Neonazi hin.

Aber Schwamm drüber, alles vergeben und vergessen. Am Ende gibt’s trotzdem einen Scheck. 340 Millionen Euro für den Gast, so war es auch dieses Mal. Ich hätte eigentlich erwartet, dass jemand sagt: Der liebe Herr Abbas soll sich sein Geld woanders zusammensuchen. Aber an der Hilfe für Palästina wird nicht gerüttelt, unpassende Holocaust-Vergleiche hin oder her.

Es gibt eine merkwürdige Obsession mit der palästinensischen Sache. Keine Demo, bei der nicht der Block der Unterstützer Palästinas mitlatscht. Selbst bei Schwulendemos ist inzwischen regelmäßig eine Abteilung dabei, die für „Free Palestine from the River to the Sea“ und das Ende Israels die Flagge schwenkt.

Ich wünsche mir manchmal insgeheim, dass die Freunde der LGBTQIA-Szene, die so wahnsinnig erpicht darauf sind, dass endlich die Araber zu ihrem Recht kommen, einmal, nur ein einziges Mal, im Fummel durch Ramallah laufen. Wenn sie nicht gleich am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft werden, haben sie Glück gehabt, würde ich sagen.

Als „Mode-Accessoire für junge Männer und Frauen jeden Alters“ ist das Palästinensertuch bei Amazon für 12,99 Euro zu haben. Zu meiner Schulzeit gab es noch kein Amazon. Trotzdem war der Pali-Schal plötzlich da und komplettierte fortan die Schuluniform aus Jeans und Parka. Selbstverständlich fieberten wir auch beim Befreiungskampf des palästinensischen Volkes mit. Dass sie hin und wieder ein Flugzeug kaperten und alle Passagiere jüdischen Glaubens aussonderten – Schwamm drüber.

Ich habe mir vor Jahren während der Recherche für mein Buch „Unter Linken“ die Mühe gemacht, die Fördersummen zusammenzustellen. Drei Milliarden Euro flossen allein zwischen 2000 und 2007 aus EU-Mitteln in die Autonomiegebiete. Bei einer Geberkonferenz in Paris wurden weitere fünf Milliarden beschlossen. Im März 2009, kurz vor Erscheinen des Buches, kamen noch einmal 4,5 Milliarden dazu. Und das sind nur die Zahlungen im Zeitraum von 2000 bis 2010. Wenn es den Titel der meistsubventionierten Volksgruppe der Welt gäbe, die Palästinenser wären ein heißer Anwärter.

Man darf nicht den Fehler machen, danach zu fragen, was aus der Förderung geworden ist. Dass ihre Bewohner mehr Geld bekommen haben als die Europäer während des gesamten Marshallplans, sieht man der Autonomieregion nur an, wenn man den Blick auf die Villen der Fatah-Funktionäre in ihren Luxusenklaven wirft. Aber wahrscheinlich geht auch die Korruption in der Autonomiebehörde auf das Konto Israels.

Der Opferdiskurs funktioniert immer, selbst auf internationaler Ebene. Dass man anderen die Schuld geben kann, wenn man hinter den Erwartungen zurückbleibt, hat zweifellos Vorteile. Kaum etwas ist so demoralisierend wie die Erkenntnis, dass man sich sein Unglück selbst zuzuschreiben hat, weil man zu träge, zu faul oder einfach zu blöd war, um vom Fleck zu kommen.

Wenn der Palästinenser Selbstmordattentäter losschickt, handelt er selbstverständlich aus Verzweiflung. Wenn es bis heute keine funktionierende Verwaltung, keine nennenswerte Wirtschaftstätigkeit, ja nicht mal ein Abwassersystem gibt, das den Namen verdient, liegt das an den Zionisten und der Mauer, die sie um den Gazastreifen gebaut haben.

Das Problem am Opferdenken ist allerdings: Es bringt einen keinen Schritt weiter. Wer immer höhere Mächte verantwortlich macht, neigt dazu, sich in seinem Elend einzurichten. Deshalb rät jeder Therapeut ja auch dazu, das Selbstmitleid zu überwinden und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Ich bin seit drei Wochen in den USA. Zu meiner Morgenlektüre zählt jetzt als Erstes die „New York Times“. Herkunft ist ein Riesenthema. Im Prinzip hat man sich darauf verständigt, dass es der Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft ist, der Minderheiten am Aufstieg hindert. Dass sich die Weißen bewegen müssen, damit sich etwas ändert, und nicht etwa die Nicht-Weißen, ist das unausgesprochene Mantra.

Aber offenbar gelingt es einigen Minoritäten trotz des allgegenwärtigen Rassismus aufzusteigen. Bei den Zulassungstests zu den Universitäten sind asiatischstämmige Amerikaner inzwischen führend. Bildungsabschluss ist ein guter Indikator für Teilhabe, weil alles Weitere aus ihm folgt: Einkommen, sozialer Status, gesellschaftliche Macht und Einfluss.

Auch asiatischstämmige Amerikaner wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Die Zahl der Vorurteile (und Schimpfwörter), die man mit ihnen verbindet, ist lang. Dennoch sind sie heute eine der erfolgreichsten Minderheiten.

Die Zahl der Universitätsabschlüsse läge noch höher, wenn nur Leistung zählen würde und nicht Herkunft. Eine Reihe von Elite-Colleges ist dazu übergangen, die Zahl von Asian Americans künstlich zu senken, um jungen Schwarzen Zugang zu ermöglichen. Einige asiatische Eltern haben daraufhin geklagt, weil sie es nicht länger hinnehmen wollen, dass ihre Kinder systematisch benachteiligt werden, damit die Quote stimmt. Der Fall liegt jetzt vor dem Supreme Court. Beobachter gehen davon aus, dass der Klage stattgegeben wird, was das Ende der sogenannten Affirmative Action bedeuten würde.

Auch die Mexikaner haben es relativ weit gebracht. Da niemand mit ihnen ihr hartes Los beklagt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Offenbar spielen Familienzusammenhalt und kulturelle Werte beim Aufstieg eine große Rolle. Ob Kinder in einer intakten Familie aufwachsen oder der Vater sich schon im Kleinkindalter verdrückt, hat für den weiteren Lebensverlauf enorme Folgen.

In Deutschland lassen sich ebenfalls Unterschiede bei Minderheiten beobachten. Es ist nicht das Gleiche, ob jemand, sagen wir, in einer jüdischen oder in einer arabischstämmigen Familie aufwächst. Das gilt nicht in jedem Einzelfall, aber doch im Generellen. Weshalb ja auch kein Mittelschichtspaar aus einem der grünen Innenstadtviertel auf die Idee käme, seine Kinder auf eine muslimische Schule zu schicken, aber sehr wohl auf eine jüdische.

Aber wie gesagt: Schwamm drüber. Man soll sich im Urlaub keine zu schwierigen Themen vornehmen.

©Sören Kunz