Schlagwort: Mark Zuckerberg

Die Feigheit der Politik

Überall mischt sich der Staat ein, selbst die erlaubte Arbeitszeit ist auf die Minute genau geregelt. Aber da, wo man ihn wirklich brauchen könnte, gegen die Schokoladenonkel aus dem Silicon Valley, lässt er einen im Stich

Deutschland wehrt sich gegen Mark Zuckerberg und seine Freunde, die Tech-Milliardäre, die Herzen und Hirne unserer Kinder vergiften. Die Bildungsminister haben sich auf ihrer Konferenz auf eine Leitlinie zur „Stärkung der Medienkompetenz“ verständigt. Kein Verbot wie in anderen Ländern, sondern die Erziehung zu „digitaler Resilienz“, so hat es die Konferenz beschlossen.

„Unser Ziel ist es, Kinder und Jugendliche zu einem reflektierten, kritischen und sicheren Umgang mit Social Media zu befähigen“, erläuterte die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, die bayerische Kultusministerin Anna Stolz, einer „Tagesschau“-Meldung zufolge. Es gehe um einen Dreiklang aus sensibilisieren, stärken und schützen. „Wir wollen junge Menschen stark machen für die digitale Welt voller Chancen, aber auch voller Herausforderungen“, sagte Stolz laut „Tagesschau“.

Abgesehen von dem klebrigen Phrasenglibber, der so klingt, als habe Frau Stolz die KI angeworfen: Ob die Ministerin weiß, was sie da redet? Kennt sie die Studienlage? Weiß sie, welche Spur der Verwüstung die ausufernde Nutzung von Social Media bei Heranwachsenden hinterlässt? Ich fürchte: nein. Wer solche Erklärungen abgibt, kann sich mit der Materie, über die er spricht, nicht wirklich beschäftigt haben.

Chancen und Herausforderungen? Wo soll der Vorteil für eine 14-Jährige liegen, wenn ihr die App empfiehlt, sich beizeiten die Nase richten zu lassen? Was hilft es ihr, wenn sie lernt, sich an Influencerinnen zu orientieren, die so dünn sind, dass das Wort Hungerhaken eine ganz neue Bedeutung bekommt? Welche Chance soll darin liegen, den Tag zwischen Twitch und TikTok zu verbringen?

Die Herausforderungen hingegen sind bekannt. Es ist alles dokumentiert und nachlesbar. Die Zahl der Jugendlichen mit Essstörungen, Depressionen und anderen psychischen Auffälligkeiten hat über die letzten Jahre dramatisch zugenommen – und man weiß, warum. 32 Prozent der weiblichen Teenager gaben in Umfragen an, dass sich ihr Körpergefühl verschlechtert hat, nachdem sie Instagram nutzten. 13 Prozent der befragten Jugendlichen in England berichteten, dass sie danach Suizidgedanken entwickelt hätten.

Man sieht die Folgen auch in den Noten und Abschlüssen. Ein Viertel der Schüler ist nach Ende der achten Klasse nicht in der Lage, einen deutschen Satz korrekt zu erfassen, ein Drittel scheitert an einfachen Matheaufgaben. Eine Erklärung wäre, dass die Intelligenzverteilung über die letzten Jahre merklich abgenommen hat. Die andere, sehr viel plausiblere These lautet, dass die Kinder sich nicht mehr konzentrieren können, weil sie ständig abgelenkt sind.

Tatsächlich fällt der Einbruch bei den Pisa-Ergebnissen ziemlich exakt mit der Allgegenwart des Handys zusammen. Die Apps sind wie ein Staubsauger, der alle Aufmerksamkeit absorbiert. Deshalb geht eine Reihe von Schulen inzwischen dazu über, Handys vom Schulgelände zu verbannen. Aber das ist eine Notwehrmaßnahme, die an dem Grundproblem nichts ändert. Die Zeit ohne Handy wird dann nach Schulschluss nachgeholt. Fast 72 Stunden pro Woche sind Jugendliche im Schnitt online. Dass dies nicht ohne Auswirkung auf die schulische Leistung bleiben kann, liegt auf der Hand.

Die Eltern sollen es jetzt richten, darauf läuft es hinaus. Abgesehen davon, dass ein Teil der Eltern das Wort „Medienkompetenz“ nicht einmal buchstabieren kann – wie soll das funktionieren? Klar, wenn ein Elternteil zu Hause ist, mag es hinhauen. Aber heißt es nicht gleichzeitig, Frauen sollten mehr arbeiten? Nur wer soll dann die Kontrolle durchsetzen? Die Oma, die schon ein bisschen tüdelig ist? Das Au-pair-Mädchen, das im Zweifel selbst den halben Tag am Handy hängt? Man kann sich auf den Standpunkt stellen, der Staat solle sich aus dem Familienleben heraushalten. Es gebe ohnehin zu viel Aufsicht und wenig Freiheit. Fair enough. Kurioserweise kommt das Argument allerdings von den gleichen Leuten, die einem im selben Atemzug erklären, weshalb es auf keinen Fall möglich sei, den Achtstundentag freizugeben.

Wir sind nicht auf Vermutungen angewiesen, mit wem wir es zu tun haben. Ende März wurde Meta, der Mutterkonzern hinter Programmen wie Instagram und Facebook, in einem spektakulären Prozess in Los Angeles zu Schadensersatz verurteilt. Die Klägerin, die 20-jährige Kaley, hatte geltend gemacht, der Konzern habe sie süchtig gemacht. Dabei bezog sie sich nicht auf die Inhalte, die sie seit ihrem sechsten Lebensjahr konsumierte. Im Gegensatz zu nahezu jedem anderen Unternehmen sind die Techkonzerne von der Haftung für das, was sie anbieten, freigestellt. Das allein ist ein Witz, aber das ist die Rechtslage.

Die Klägerin machte geltend, dass die Algorithmen so raffiniert gestaltet seien, dass sie die Nutzer möglichst lange gefangen hielten. Ein Team des „Handelsblatt“ hat sich in einer verdienstvollen Recherche daran gemacht, die insgesamt 4881 Seiten zu sichten, die Kaleys Anwälte in das Verfahren einführten. Das Fazit: Die Konzerne wussten, wie ihre Produkte wirken. Sie untersuchten, welche Folgen sie bei Kindern und Jugendlichen hatten. Und sie entschieden sich dagegen, etwas zu ändern.

„Ich bin mir nicht sicher, was wir zu süchtig machendem Endlos-Scrollen sagen sollen“, heißt es beispielsweise in einer Mail einer Lobbyistin von Snapchat. „Wir haben bereits ein Endlos-Scroll-Design in Discover, und ich denke, wir wünschen uns, dass es noch stärker wirkt, noch stärker süchtig machend.“ Der Ausdruck „süchtig machend“ ist durchgestrichen und durch „überzeugend“ ersetzt. Der Kollege, der auf die Mail antwortet, schickt ein Lach-Emoji zurück.

Ein weiteres Beispiel aus der „Handelsblatt“-Recherche: Im Oktober 2019 verbot Meta bei seiner Plattform Instagram Beauty-Filter, die Schönheitsoperationen simulieren: Nasenverkleinerungen, Lippenvergrößerungen, Kiefermodellierungen. Experten hatten vor psychischen Schäden bei Minderjährigen gewarnt.

Ein halbes Jahr später, im Mai 2020, lag Konzernchef Mark Zuckerberg ein internes Entscheidungsdokument vor. Das Papier bot drei Optionen: Verbot beibehalten, Verbot modifizieren oder aufheben. Experten warnten vor den Folgen einer Freigabe: „Diese extremen kosmetischen Eingriffe per Filter können schwerwiegende Auswirkungen haben, sowohl auf die Personen, die diese Effekte nutzen, als auch auf diejenigen, die die Bilder sehen.“ Wie entschied Zuckerberg? Er schlug den Jugendschutz in den Wind und hob das Verbot auf.

© Michael Szyszka

Warum setzen die Bildungsminister wider besseren Wissens auf die Einsicht der jugendlichen Nutzer? Das Verrückte ist: Sie hätten 90 Prozent der Eltern für eine Sperre unter 16 auf ihrer Seite. Aber in den Zeitungen gäbe es Aufregung. In den Kommentarspalten würden ein paar (kinderlose) Tech-Nerds schreiben, weshalb ein Social-Media-Verbot gegen Kinderrechte verstoße. Das ist ihnen schon zu viel an Gegenwind.

Mark Zuckerberg hat auf die Frage, wie er es mit Social Media halte, geantwortet, dass seine Kinder ohne Zugang aufwachsen würden. Die meisten Tech-Milliardäre schicken ihren Nachwuchs auf eine Art Waldorfschule in Palo Alto, in der man seinen Namen tanzen lernt, statt auf TikTok herumzuhampeln.

Auch so kann man das Problem natürlich lösen: heidenteure Privatschule und anschließend Dauerüberwachung durch die Nanny. Ob es das ist, was die Bildungsminister eigentlich empfehlen wollten?