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Darf man »Eierarsch« sagen?

Ein Parteichef, der bei Filmen entspannt, in denen die Welt explodiert? Wenn einer die Politikwelt aufmischen kann, dann Wolfgang Kubicki. Manchmal ist das fortgeschrittene Alter auch ein Riesenvorteil

Vor einigen Jahren hatte Wolfgang Kubicki einen Reporter der „Zeit“ bei sich zu Gast. Kubicki war damals Spitzenkandidat der FDP in Schleswig-Holstein. Andere Politiker hätten den Reporter in ein Restaurant eingeladen, um mit ihm über die Weltläufe zu parlieren. Kubicki lud den Mann von der „Zeit“ zu sich nach Haus ein, wo sie den Tag gemeinsam vor dem Fernseher ausklingen ließen.

Kubicki wäre nicht Kubicki, wenn er den Gast zum „Tatort“-Schauen animiert hätte. Ausweislich der „Zeit“-Geschichte legte er, kaum hatte man es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht, eine Folge von „Band of Brothers“ ein. 6. Juni 1944, D-Day, Landung amerikanischer Fallschirmjäger in der Normandie: Das war das Nachtprogramm.

Kubicki liebt Kriegsfilme. Er macht sich auch nicht die Mühe, vor Beginn umständlich zu erklären, dass er die Streifen selbstverständlich in streng pazifistischer Absicht schaue. Ihm gefällt’s, wenn es kracht und raucht. Dann kann er entspannen.

Ein Mann, der mit Begeisterung Filme sieht, in denen die Welt explodiert: Kann man so jemand in die Nähe der Führung einer Partei lassen, die seit ihrer Gründung immerhin acht Vizekanzler und 40 Bundesminister gestellt hat?

Seit dem vergangenen Wochenende ist die Frage entschieden: Kubicki ist der 16. und damit vielleicht letzte Parteichef der FDP. Er wird die Freidemokraten entweder zurück in den Bundestag führen. Oder die FDP wird in die Geschichtsbücher als eine Partei eingehen, die mal zum Kernbestand der Republik gehörte.

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Manche unterstellen dem neuen Parteivorsitzenden Geltungsdrang. Ich glaube, die FDP muss dankbar sein, dass sich Kubicki das noch mal antut. Er ist jetzt in einem Alter, in dem er zwischen seinem Haus an der Ostsee und dem Golfplatz auf Mallorca hin- und herpendeln könnte. Mit dem Parteivorsitz ist nicht viel zu gewinnen außer Ärger und Arbeit. Eigentlich erstaunlich, dass Bärbel Bas noch keinen Einspruch gegen diese flagrante Missachtung der eisern verteidigten Ruhestandsregelungen erhoben hat.

Kaum ein Bericht kommt ohne Hinweis aufs Alter aus. Kubicki ist im März 74 geworden. Zu alt, zu machohaft, dazu die Sprache und der Humor einer Generation, über die die Zeit hinweggegangen ist – das ist der Vorwurf. „Altherrenwitz“ ist das Wort, das der „Spiegel“ benutzt.

Es ist wie vieles eine Frage des Vergleichs. Auf mich macht Kubicki jedenfalls einen deutlich frischeren Eindruck als Franziska Brantner oder Felix Banaszak. Wenn ich die Anführer der Grünen sehe, frage ich mich, wie man schon mit Mitte 30 beziehungsweise Mitte 40 so frühvergreist sein kann, dass man sich unwillkürlich nach dem Betreuungspersonal umsieht.

„Frei sind wir nur als Wir“, wie Frau Brantner am Wochenende ins Publikum rief? Dann doch lieber mit dem Mann aus Strande bis nachts um zwei Uhr vor dem Fernseher abhängen und amerikanischen G. I. dabei zusehen, wie sie deutsche Stellungen auseinandernehmen.

Warum mögen viele Leute so einen wie Kubicki? Ganz einfach, würde ich sagen: Die meisten sind Politiker leid, die bei jeder Aufforderung zu einem klaren Satz verlegen von einem Bein auf das andere treten. Sie haben die Nase voll von Menschen, die von „strukturellen Problemen“ reden, wenn sie um eine unverblümte Einschätzung der Lage gebeten werden. Die Mehrheit hat übrigens auch nichts dagegen, wenn jemand Worte wie „Spacken“ oder „Eierarsch“ benutzt. Es muss halt stimmen.

Ich hatte neulich in meiner ZDF-Sendung die ehemalige grüne Umweltministerin Bärbel Höhn zu Gast. Höhn ist über 70, also noch mehr Boomer als ich. Einschaltquote bei den Jüngeren: 15,9 Prozent. Das war in der sogenannten werberelevanten Zielgruppe zwischen 14 und 49 der beste Wert im Abendprogramm.

Nun gut, kann man einwenden: Um ein Uhr nachts sind auch nicht mehr so viele wach. Aber das spricht ja eher gegen eine gute Quote bei den Jüngeren. Die senile Bettflucht setzt in der Regel erst mit 60 ein. Offenbar kommt es für viele eher darauf an, wie sich jemand gibt und was er zu sagen hat, als auf das richtige Geburtsdatum.

Der neue FDP-Generalsekretär Martin Hagen hat auf dem Parteitag einen wichtigen Satz gesagt. „Mir ist lieber, wir begeistern die 20 bis 25 Prozent, die sich in Deutschland vorstellen können, die FDP zu wählen, als dass wir versuchen, es den anderen 75 bis 80 Prozent irgendwie recht zu machen, die uns am Ende sowieso doof finden.“

Interessanterweise verwechseln viele Politiker die Zustimmung in den Medien mit der Zustimmung im Wahlkreis. Vor allem konservative und liberale Politiker neigen dazu, ängstlich zu schielen, was wohl die Meinungsmacher denken könnten. Mein Kollege Ulf Poschardt würde von Bückbürger-Liberalismus sprechen.

Auch jetzt melden sich wieder lauter Leute zu Wort, die es vor allem denjenigen recht machen wollen, die nie im Leben FDP wählen würden. Die Helden dieses Flügels sind Parteitags-Riesen wie Johannes Vogel oder Konstantin Kuhle, die nicht nur nach Leitung im Awareness-Team aussehen, sondern auch so sprechen. Interessanterweise kommt das bei den Wählern eher mittelprächtig an.

Das gilt auch für die Kubicki-Gegenspielerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Beim gemeinen FDP-Wähler ist Frau Strack-Zimmermann rasend unbeliebt. Die Menschen sehen sie und sehen eine Frau, die vor allem eines im Blick hat: sich selbst.

Gibt es Platz neben der AfD? Jede Menge, würde ich sagen. Sein loses Mundwerk unterscheidet Wolfgang Kubicki ja nicht nur von den braven Funktionären bei der SPD und den Grünen, sondern auch von Alice Weidel. Der Gebrauch von Humor und Selbstironie ist bei Weidel nahezu ausgeschlossen. Ein Witz auf eigene Kosten? Undenkbar. Wenn sie sich lustig macht, immer nur über andere. Das macht es ja so anstrengend, ihr länger zuzuhören.

Kubicki ist nicht achtsam. Er wägt seine Worte nicht sorgfältig ab oder denkt vor jedem Satz darüber nach, ob sich jemand beleidigt fühlen könnte. Im Zweifel muss man anschließend ganze Talkshows wiederholen, weil er Sachen gesagt hat, die man andernorts hochbedenklich findet.

Im besorgten Teil der Republik rauft man sich die Haare. Aber mit dieser Angstfreiheit ist halt auch eine enorme Coolness verbunden. Ich glaube, es gibt ein riesiges Bedürfnis nach Politikern, die ohne diese taktische Rücksichtnahme sagen, wie sie die Dinge sehen.

Wie er denn Strack-Zimmermann und ihre Anhänger für sich gewinnen wolle, wollte die „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer nach der Wahl vom neuen Parteivorsitzenden wissen. Gar nicht, sagte Kubicki und grinste sein Wolfsgrinsen. Seine Aufgabe bestehe nicht darin, jemanden in der Partei für sich zu gewinnen. Seine Aufgabe sei es, dafür zu sorgen, dass die FDP wieder von den Wählerinnen und Wählern ernst genommen werde.

Da ist das Hauptproblem vieler Politiker: Sie sind so sehr damit beschäftigt, nach innen zu wirken, dass sie völlig aus den Augen verlieren, dass es nicht die Delegierten sind, die eine Partei groß machen, sondern die Bürger, die sie vor dem Wahlgang von sich überzeugen. Der Bruch mit der Binnenlogik des Parteiapparats ist der erste Schritt zurück in die Mitte.