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Die Republik Gilead

Ursprünglich waren es vor allem Linke, die von der egalitären Macht des Internets träumten. Heute erscheint ihnen das Netz als Sündenpfuhl, dem man nur durch harte Regulierung beikommen könne. Erste Pläne sind in Arbeit

Vor drei Wochen zogen die Parteivorstände von Grünen, SPD und Linkspartei in einer konzertierten Aktion bei X aus, wie Twitter seit der Übernahme durch Elon Musk heißt. Die Auswanderung war von langer Hand geplant. Man wolle ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzen, erklärte die grüne Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge. Subtext: Wer weiterhin in einem Sündenpfuhl wie X verkehrt, muss das künftig vor sich und den Grünen verantworten.

Die Alternative heißt Bluesky. „Je mehr Menschen sich dort tummeln, desto interessanter wird es“, sagte Frau Dröge im „Spiegel“-Interview. „Bluesky bietet Austausch zu anderen Bedingungen.“

Ich habe mich bei Bluesky angemeldet, um einen Eindruck von der garantiert rücksichtsvollen und hassfreien Welt zu bekommen, die man bei den Grünen als gesundes Umfeld empfiehlt. Hier einige Einträge:

Über den Influencer Ali Utlu, einen schwulen Ex-Muslim und Überzeugungs-Liberalen, heißt es, er sei „ein mit Scheiße werfender Troll der untersten Schublade“ („Ali fucking Utlu treibt hier sein Unwesen?“).

Der Ökonom Rudi Bachmann wiederum wurde als „extrem verfetteter Populist“ begrüßt, der seinen Weg in den blauen Himmel nur gefunden habe, weil er die „intellektuelle Leere“ auf X nicht mehr ertrage („Eigentlich sind wir hier, damit wir uns ohne Nulpen deines Kalibers unterhalten können. So, wie man auf den eigenen Geburtstag nicht die Bahnhofspenner einlädt“).

Keine Ahnung, womit sich Bachmann derlei Beschimpfungen verdient hat. Aber das ist der Umgangston. Ich hatte mir den Himmel irgendwie anders vorgestellt, glücklicher und entspannter. „Wir wollten diesen Schmutz nicht länger legitimieren“, hatte Frau Dröge schließlich als Grund für den X-odus genannt. Und nun sind die Zentralworte „Scheiße“ und „fucking“?

Die X-Alternativen sind als Studienobjekt unbedingt empfehlenswert. Man bekommt einen Eindruck, wie eine Welt aussieht, in der nur noch Linke das Sagen haben. Freundlicher und rücksichtsvoller wird es jedenfalls nicht, zumal wenn man eine andere Meinung vertritt. Andere Meinungen gelten hier als Ausdruck von Gewalt. Deshalb wird auch auf Teufel komm raus geblockt. Er habe händisch 8000 Neuanmeldungen gesperrt, verkündete ein Bluesky-Veteran erschöpft nach dem ersten Ansturm.

Jetzt im Handel, das neue Buch von Jan Fleischhauer: „Du bist nicht allein. Das Mehrheitsparadox oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat, am Rand zu stehen“. DVA, 304 Seiten, 25 Euro

Ich musste unwillkürlich an eine dieser Puritaner-Gemeinden denken, die Nathaniel Hawthorne in seinem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ mustergültig beschrieben hat und die in der Republik Gilead im „Report der Magd“ ihre bislang letzte große Inkarnation fand. Der einzige Unterschied ist, dass bei Bluesky nicht die biologische Unfruchtbarkeit das Problem ist, sondern intellektuelle Sterilität.

Einmal im Jahr trifft sich die Szene in Berlin, das ist dann jedes Mal ein großes Hallo. Aus nah und fern kommt man zusammen, um auf der „Re:publica“ drei Tage eine Art Kirchentag der Bluesky-Gemeinde zu feiern.

Der Reporter René Pfister hat im aktuellen „Spiegel“ Zeugnis von der Veranstaltung gegeben, wie man dort sagen würde. Kein Witz, das ist der Sound. Sie sehe es als ihre Aufgabe, als „schreibende Person“ „Zeugnis abzulegen“, erklärte die Antirassismusexpertin Alice Hasters auf einem der Eröffnungspanels. Dass viele der Protagonisten kaum in der Lage sind, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen, geschweige denn zu äußern – wird ihnen großmütig verziehen. Hier zählt der Gestus.

Immerhin, ökonomisch ist die Veranstaltung ein Erfolg. Vier Bundesministerien, die Bundesbank, die Europäische Kommission und die Berliner Senatskanzlei finden sich auf der Liste der Unterstützer. Dass die Veranstaltung großzügig mit Staatsgeld gefördert wird, tut dem Widerstandsgeist keinen Abbruch. Durchgesponsert bis zur Halskrause, aber im Brustton des Aufrührers erklären, wie man die Verhältnisse zum Tanzen bringe: Den Trick hatte das Milieu immer schon raus.

Sitzt ausnahmsweise einmal jemand von der anderen Seite auf einem Podium, dann um ihn als warnendes Beispiel vorzuführen. „Wir brauchen einen Wertekompass, mit dem wir uns verbinden können. Und innerhalb dieses Wertekompasses dürfen wir auch anderer Meinung sein“, fasst eine Moderatorin das Verständnis von Meinungsfreiheit zusammen. Wenn schon ein umgänglicher CSU-Mann wie der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume als Figur des rechten Randes gilt, ahnt man, wie streng der Wertekompass ist.

Der Aufstieg der AfD ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil er einer ausgelaugten Bewegung noch einmal Sinn und Elan verleiht. Selbst in den lendenlahmsten Prediger fährt der Heilige Geist, wenn er vor der Ankunft des Bösen warnen kann. Aber am Ende sind es doch nur Abwehrhandlungen, müde Reflexe, um noch einmal die Gemeinschaft der Gläubigen zu beschwören.

Weshalb weltweit rechte Parteien im Aufwind sind, dafür gibt es nicht mal im Ansatz eine Erklärung. Weil ihnen analytische Begriffe und Vorstellungen fehlen, erscheint der Aufstieg am Ende wie eine Naturgewalt. Aber gegen Naturgewalten gibt es keine wirkliche Abhilfe. Alles, was man tun kann, ist, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Dass der Siegeszug der AfD auch etwas mit der Rigidität zu tun haben könnte, mit der man jedem hinterhersteigt, der nicht hundertprozentig auf Linie ist, liegt völlig außerhalb des Erkenntnishorizonts. Pfister erinnerte in seinem Text daran, dass es ja ursprünglich Linke waren, die von der egalitären Macht des Internets schwärmten. Die davon sprachen, dass der Dialog desto freier werde, je unkontrollierter er sei und je mehr Nutzer sich daran beteiligten.

Die Grünen haben die Zahl ihrer Follower radikal reduziert. Auf X hatte die Partei 592 000 Follower, auf Bluesky bringt man es gerade mal auf 39 000. Dafür träumt man jetzt von einer neuen digitalen Ordnung.

Angela Merkel hat den Ton gesetzt, als sie anregte, die sozialen Netzwerke wirksam zu regulieren. Merkel hatte immer ein Faible für autokratische Lösungen. Der autoritäre Kern war bei ihr durch die ihr eigene Bonhomie verdeckt. Aber unter der freundlichen Oberfläche gab es immer die eiserne Kanzlerin, die Wahlen annullieren lassen wollte, wenn sie ihr nicht passten.

Auch auf EU-Ebene und in den Landesmedienanstalten arbeitet man an Plänen zur Neuordnung des digitalen Raums. Das ist der nächste Schritt.

Sozialen Netzwerken soll künftig vorgeschrieben werden, Inhalte von Medien mit „öffentlichem Mehrwert“ („public value“) bevorzugt anzuzeigen. Es sei eine „demokratische Kernfrage“, den Einfluss „desinformierender“ und „polarisierender“ Inhalte auf Social Media zurückzudrängen, heißt es in einem Papier, das in der bayerischen Landesmedienanstalt in Vorbereitung des neuen Medienstaatsvertrags erarbeitet wurde und von dem „Apollo News“ diese Woche als Erste berichteten.

Das wäre der Traum: Bluesky für alle. Nur noch politisch garantiert unbedenkliche Nachrichten und an der Spitze eine Wahrheitskommission, die darüber wacht, dass niemand aus der Reihe tanzt. Wer sich bei einem unkeuschen Gedanken erwischen lässt, wird erst an den Netzpranger gestellt und dann, bei Wiederholung, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Republik Gilead lebt.