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Die Republik Gilead

Ursprünglich waren es vor allem Linke, die von der egalitären Macht des Internets träumten. Heute erscheint ihnen das Netz als Sündenpfuhl, dem man nur durch harte Regulierung beikommen könne. Erste Pläne sind in Arbeit

Vor drei Wochen zogen die Parteivorstände von Grünen, SPD und Linkspartei in einer konzertierten Aktion bei X aus, wie Twitter seit der Übernahme durch Elon Musk heißt. Die Auswanderung war von langer Hand geplant. Man wolle ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzen, erklärte die grüne Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge. Subtext: Wer weiterhin in einem Sündenpfuhl wie X verkehrt, muss das künftig vor sich und den Grünen verantworten.

Die Alternative heißt Bluesky. „Je mehr Menschen sich dort tummeln, desto interessanter wird es“, sagte Frau Dröge im „Spiegel“-Interview. „Bluesky bietet Austausch zu anderen Bedingungen.“

Ich habe mich bei Bluesky angemeldet, um einen Eindruck von der garantiert rücksichtsvollen und hassfreien Welt zu bekommen, die man bei den Grünen als gesundes Umfeld empfiehlt. Hier einige Einträge:

Über den Influencer Ali Utlu, einen schwulen Ex-Muslim und Überzeugungs-Liberalen, heißt es, er sei „ein mit Scheiße werfender Troll der untersten Schublade“ („Ali fucking Utlu treibt hier sein Unwesen?“).

Der Ökonom Rudi Bachmann wiederum wurde als „extrem verfetteter Populist“ begrüßt, der seinen Weg in den blauen Himmel nur gefunden habe, weil er die „intellektuelle Leere“ auf X nicht mehr ertrage („Eigentlich sind wir hier, damit wir uns ohne Nulpen deines Kalibers unterhalten können. So, wie man auf den eigenen Geburtstag nicht die Bahnhofspenner einlädt“).

Keine Ahnung, womit sich Bachmann derlei Beschimpfungen verdient hat. Aber das ist der Umgangston. Ich hatte mir den Himmel irgendwie anders vorgestellt, glücklicher und entspannter. „Wir wollten diesen Schmutz nicht länger legitimieren“, hatte Frau Dröge schließlich als Grund für den X-odus genannt. Und nun sind die Zentralworte „Scheiße“ und „fucking“?

Die X-Alternativen sind als Studienobjekt unbedingt empfehlenswert. Man bekommt einen Eindruck, wie eine Welt aussieht, in der nur noch Linke das Sagen haben. Freundlicher und rücksichtsvoller wird es jedenfalls nicht, zumal wenn man eine andere Meinung vertritt. Andere Meinungen gelten hier als Ausdruck von Gewalt. Deshalb wird auch auf Teufel komm raus geblockt. Er habe händisch 8000 Neuanmeldungen gesperrt, verkündete ein Bluesky-Veteran erschöpft nach dem ersten Ansturm.

Jetzt im Handel, das neue Buch von Jan Fleischhauer: „Du bist nicht allein. Das Mehrheitsparadox oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat, am Rand zu stehen“. DVA, 304 Seiten, 25 Euro

Ich musste unwillkürlich an eine dieser Puritaner-Gemeinden denken, die Nathaniel Hawthorne in seinem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ mustergültig beschrieben hat und die in der Republik Gilead im „Report der Magd“ ihre bislang letzte große Inkarnation fand. Der einzige Unterschied ist, dass bei Bluesky nicht die biologische Unfruchtbarkeit das Problem ist, sondern intellektuelle Sterilität.

Einmal im Jahr trifft sich die Szene in Berlin, das ist dann jedes Mal ein großes Hallo. Aus nah und fern kommt man zusammen, um auf der „Re:publica“ drei Tage eine Art Kirchentag der Bluesky-Gemeinde zu feiern.

Der Reporter René Pfister hat im aktuellen „Spiegel“ Zeugnis von der Veranstaltung gegeben, wie man dort sagen würde. Kein Witz, das ist der Sound. Sie sehe es als ihre Aufgabe, als „schreibende Person“ „Zeugnis abzulegen“, erklärte die Antirassismusexpertin Alice Hasters auf einem der Eröffnungspanels. Dass viele der Protagonisten kaum in der Lage sind, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen, geschweige denn zu äußern – wird ihnen großmütig verziehen. Hier zählt der Gestus.

Immerhin, ökonomisch ist die Veranstaltung ein Erfolg. Vier Bundesministerien, die Bundesbank, die Europäische Kommission und die Berliner Senatskanzlei finden sich auf der Liste der Unterstützer. Dass die Veranstaltung großzügig mit Staatsgeld gefördert wird, tut dem Widerstandsgeist keinen Abbruch. Durchgesponsert bis zur Halskrause, aber im Brustton des Aufrührers erklären, wie man die Verhältnisse zum Tanzen bringe: Den Trick hatte das Milieu immer schon raus.

Sitzt ausnahmsweise einmal jemand von der anderen Seite auf einem Podium, dann um ihn als warnendes Beispiel vorzuführen. „Wir brauchen einen Wertekompass, mit dem wir uns verbinden können. Und innerhalb dieses Wertekompasses dürfen wir auch anderer Meinung sein“, fasst eine Moderatorin das Verständnis von Meinungsfreiheit zusammen. Wenn schon ein umgänglicher CSU-Mann wie der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume als Figur des rechten Randes gilt, ahnt man, wie streng der Wertekompass ist.

Der Aufstieg der AfD ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil er einer ausgelaugten Bewegung noch einmal Sinn und Elan verleiht. Selbst in den lendenlahmsten Prediger fährt der Heilige Geist, wenn er vor der Ankunft des Bösen warnen kann. Aber am Ende sind es doch nur Abwehrhandlungen, müde Reflexe, um noch einmal die Gemeinschaft der Gläubigen zu beschwören.

Weshalb weltweit rechte Parteien im Aufwind sind, dafür gibt es nicht mal im Ansatz eine Erklärung. Weil ihnen analytische Begriffe und Vorstellungen fehlen, erscheint der Aufstieg am Ende wie eine Naturgewalt. Aber gegen Naturgewalten gibt es keine wirkliche Abhilfe. Alles, was man tun kann, ist, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Dass der Siegeszug der AfD auch etwas mit der Rigidität zu tun haben könnte, mit der man jedem hinterhersteigt, der nicht hundertprozentig auf Linie ist, liegt völlig außerhalb des Erkenntnishorizonts. Pfister erinnerte in seinem Text daran, dass es ja ursprünglich Linke waren, die von der egalitären Macht des Internets schwärmten. Die davon sprachen, dass der Dialog desto freier werde, je unkontrollierter er sei und je mehr Nutzer sich daran beteiligten.

Die Grünen haben die Zahl ihrer Follower radikal reduziert. Auf X hatte die Partei 592 000 Follower, auf Bluesky bringt man es gerade mal auf 39 000. Dafür träumt man jetzt von einer neuen digitalen Ordnung.

Angela Merkel hat den Ton gesetzt, als sie anregte, die sozialen Netzwerke wirksam zu regulieren. Merkel hatte immer ein Faible für autokratische Lösungen. Der autoritäre Kern war bei ihr durch die ihr eigene Bonhomie verdeckt. Aber unter der freundlichen Oberfläche gab es immer die eiserne Kanzlerin, die Wahlen annullieren lassen wollte, wenn sie ihr nicht passten.

Auch auf EU-Ebene und in den Landesmedienanstalten arbeitet man an Plänen zur Neuordnung des digitalen Raums. Das ist der nächste Schritt.

Sozialen Netzwerken soll künftig vorgeschrieben werden, Inhalte von Medien mit „öffentlichem Mehrwert“ („public value“) bevorzugt anzuzeigen. Es sei eine „demokratische Kernfrage“, den Einfluss „desinformierender“ und „polarisierender“ Inhalte auf Social Media zurückzudrängen, heißt es in einem Papier, das in der bayerischen Landesmedienanstalt in Vorbereitung des neuen Medienstaatsvertrags erarbeitet wurde und von dem „Apollo News“ diese Woche als Erste berichteten.

Das wäre der Traum: Bluesky für alle. Nur noch politisch garantiert unbedenkliche Nachrichten und an der Spitze eine Wahrheitskommission, die darüber wacht, dass niemand aus der Reihe tanzt. Wer sich bei einem unkeuschen Gedanken erwischen lässt, wird erst an den Netzpranger gestellt und dann, bei Wiederholung, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Republik Gilead lebt.

Die Erlöserin?

Ihr Erkennungszeichen ist eine mit den Fingern geformte Raute, ihre Anführerin eine Frau, die sagt, dass sie alles immer schon vorausgesehen habe. Sie dachten, Scientology sei verrückt? Sie kennen die Anhänger des Merkel-Kults nicht

Es ist von einem neuen Kult zu berichten. Die Anführerin ist eine 71 Jahre alte Frau mit einem Faible für bonbonfarbene Jacken und einer Frisur, die so aussieht, als ob jemand die Haare mit Beton in Fassung gebracht hätte.

Wer nicht weiß, wen er vor sich hat, könnte sie für die Leiterin eines Pflegeheims oder die Vorsitzende des örtlichen Kirchenvorstands halten. Aber das hieße, ihre Bedeutung sträflich zu verkennen. Wenn die Frau mit ruhiger Stimme davon spricht, wie sie alles schon immer vorhergesehen habe, das Schicksal Deutschlands und den Lauf der Welt, entzündet sie in den Augen ihrer Zuhörer ein Leuchten.

Noch ist die Zahl der Anhänger überschaubar. Aber sie sind einflussreich, einige verfügen über beträchtliches Vermögen, und nichts kann ihren Glauben erschüttern. Ihr Erkennungszeichen ist eine mit den Daumen und den Zeigefingern geformte Raute. Die Zentrale des neuen Kults befindet sich an der Hamburger Ericusspitze, einem modernen Glasbau nahe der Speicherstadt, wo die „Spiegel“-Redaktion ihren Sitz hat. „Der Merkel-Kult – warum die Altkanzlerin auf einmal gefeiert wird“, lautet die in rotem Rahmen erschienene Bekenntnisschrift, die dieser Tage in einer Auflage von 650.000 Exemplaren unters Volk gebracht wurde.

Man sieht die Anführerin selten in der Öffentlichkeit. Meist lebt sie zurückgezogen in Berlin hinter dicken Mauern und Scheiben aus Panzerglas, rund um die Uhr bewacht von Sicherheitskräften. Aber hin und wieder zeigt sie sich ihren Anhängern. Dann sitzt sie in einem Sessel auf einer abgedunkelten Bühne und liest aus ihren Schriften, die wie alle heiligen Bücher für Außenstehende von bestürzender Langeweile sind, für die nach Erleuchtung Strebenden aber ein Quell der Offenbarung. Manchmal beantwortet sie auch Fragen. Dann lösen selbst Sätze, die scheinbar banal sind, im Publikum spontan Juchzer und begeistertes Klatschen aus.

Ich habe in meiner journalistischen Karriere über viele Kulte berichtet. Ich habe über die Zeugen Jehovas geschrieben und über die Mun-Sekte. Ich habe Sexsüchtige in Hannover und Autonome in Berlin interviewt. Eine meiner aufwendigsten Recherchen führte mich in die bizarre Welt von Scientology. Der Merkel-Kult ist mit Abstand das Abgefahrenste, was mir begegnet ist. Menschen, die Erlösung von einer Frau erwarten, die ihrem Land nachweislich so geschadet hat wie keiner ihrer Vorgänger? Dagegen ist selbst Scientology grundvernünftig.

Die meisten in Deutschland sehen klar, wohin uns Angela Merkel geführt hat. Aber mit Gegenargumenten sind die Menschen, die sie verehren, nicht zu erreichen. Jede Kritik an ihrer spirituellen Führerin nehmen sie als Beleg, dass sie etwas wissen, was die anderen nur noch nicht erkannt haben.

Als Kanzlerin ist Angela Merkel 16 Jahre lang auf Verschleiß gefahren. Wenn sich ein Problem auftat, nahm sie einfach die große Subventionskanne in die Hand und schüttete das Problem mit Steuergeld zu. Oder sie tat so, als ob das Problem nicht existiere.

Deutschland ist ein reiches Land. Der Wohlstand ist so groß, dass man auch 16 Jahre von der Substanz leben kann. Aber irgendwann ist selbst in einem so reichen Land wie Deutschland die Substanz aufgezehrt. Dann zeigen sich die Folgen.

Nicht einmal auf die Post ist mehr Verlass. Ich spreche aus Erfahrung als Postkunde. Irgendwann im Sommer kamen bei uns in der Straße keine Briefe mehr an. Ich lebe nicht auf einer Insel im Wald, sondern in einem Vorort von München, also einer Gegend, die gemeinhin noch nicht dem globalen Süden zugeschlagen wird.

Ich rief die Servicenummer an, die ich im Netz fand. Zwei Wochen später lag plötzlich ein großer Schwung Post im Briefkasten. Manches fehlte, aber immerhin. Dann versiegte der Briefstrom wieder. Wer braucht noch Briefe, wenn man alles per Mail erledigen kann, lässt sich einwenden, klar. Dummerweise vertrauen nach wie vor eine Reihe von Behörden auf die Post, vom Finanzamt angefangen. Auch das Rezept für das Kind oder die Rechnung der Wasserwerke kommt immer noch per Brief.

Sogar Italien hat uns abgehängt. Mit leichtem Schaudern blicken die Nachbarn auf der anderen Seite der Alpen auf uns. „Das ist also aus den Deutschen geworden“, sagen sie.

Ich erinnere mich noch an eine Zeit, als es andersherum war. Eine meiner erfolgreichsten Kolumnen hatte den Kapitän der „Costa Concordia“ zum Helden. Das war der Unglücksvogel, der sein Schiff auf Grund setzte, weil er seine Passagiere mit einem schneidigen Wendemanöver beeindrucken wollte. Ich nahm das Unglück zum Anlass, mich über den Italiener als „Bella Figura“-Mann der großen Gesten und sprechenden Finger lustig zu machen, was mir erst einen bösen Brief des italienischen Botschafters und dann die Verwünschungen der gesamten Berlusconi-Presse eintrug.

Heute würde mir das nicht mehr einfallen. Nicht weil ich geläutert wäre. Sondern weil jeder Gag eine Verankerung in der Realität braucht. Worüber sollte ich mich jetzt lustig machen? Dass die Italiener mit Giorgia Meloni eine Regierungschefin haben, gegen die Friedrich Merz wie ein bemitleidenswerter Amateur wirkt? Dass die Züge in Italien pünktlich verkehren und man an sieben Tagen der Woche bedient wird? Selbst auf die italienische Post ist inzwischen mehr Verlass als auf die deutsche. Die Postkarte, die wir in Sizilien einwarfen, war nach vier Tagen in Deutschland. Danach ging es dann leider nicht mehr weiter.

Die „Welt“ hat neulich einen Astrophysiker porträtiert, der vor neun Jahren aus Indien nach Deutschland kam, um hier zu promovieren. Damals erschien ihm Deutschland als ein Land der unendlichen Möglichkeiten. Mittlerweile lebt Mayukh Panja, wie der Wissenschaftler heißt, in Berlin und kann kaum fassen, wie man in so kurzer Zeit so auf den Hund kommen kann.

Ende Oktober setzte er auf X einen Tweet ab, der seine Beobachtung zusammenfasste. Der Tweet wurde 3,6 Millionen angezeigt und 45.000 Mal gelikt. „Ich hatte innerhalb von neun Jahren die unglaubliche Gelegenheit, mitzuerleben, wie ein Land der Ersten Welt, das kurz davor stand, eine Supermacht zu werden, sich durch eine Reihe politischer Entscheidungen systematisch selbst zerstörte“, schrieb er. „Es ist verrückt, wie der Narzissmus einiger weniger ein ganzes Land herunterwirtschaften kann. In gewisser Weise tun mir die fleißigen, ehrgeizigen Deutschen leid, die hart daran gearbeitet haben, das Land aufzubauen, und nun mit ansehen müssen, wie es von einer Bande selbstgerechter Idioten ruiniert wird.“

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Engelsgeduld die Deutschen den Niedergang ertragen. Es ist ja nicht so, dass sie einen Steuererlass bekämen. Rückerstattung wegen erwiesenermaßen schlechter Leistung – dann könnte man über das eine oder andere hinwegsehen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Je weniger funktioniert, desto höher fallen die Abgaben aus.

Vielleicht muss man den Merkel-Kult als Menetekel sehen. In Zeiten der Düsternis gedeihen Kulte am besten. Krisenzeiten sind Sektenzeiten. Wer weiß, möglicherweise ziehen schon morgen wieder die ersten Flagellanten übers Land. Dann kommen die Kinderkreuzzüge. Wenn sich die Himmel verdunkeln und die Wasser steigen, ist der Tag der Herrin nicht mehr fern, zu richten die Lebenden und die Klimatoten. So steht es geschrieben.

© Sören Kunz

Unter Belagerung

Hinter den Deutschen liegen zwei aufregende Wahlkampf-Wochen. Fünf Lehren – über alte weiße Frauen, die moralische Überlegenheit der Linken und ProSieben als Bastion der Anständigkeit

Noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl. Was lehrt uns der Wahlkampf? Vielleicht Folgendes:

  1. Das Alter macht leider auch böse

Im Konrad-Adenauer-Haus, der Bundesgeschäftsstelle der CDU, haben viele schon Angela Merkel mit Hingabe gedient. Ich erinnere mich an den Wahlabend 2005, als es so aussah, als könnte Merkel knapp die Wahl verloren haben. Nicht wenige waren damals den Tränen nahe.

Seit Tagen ist das Adenauer-Haus unter Belagerung. Tausende versammeln sich vor der Parteizentrale, um allen, die für die CDU einstehen, ihre Ablehnung zu zeigen. Am Donnerstag voriger Woche musste die Polizei den Mitarbeitern empfehlen, das Haus zu räumen, weil ernst zu nehmende Drohungen eingegangen waren. Und was macht Angela Merkel in dieser Situation? Veröffentlicht ein Statement, in dem sie sich von ihrer Partei distanziert und damit allen recht gibt, die vor der CDU-Zentrale aufmarschieren. Kein Wort zu den Drohungen und Beleidigungen, kein Wort zu den Einschüchterungen.

Manche denken, das Alter mache milder. Angela Merkel ist der Beweis, dass es auch böser und selbstsüchtiger machen kann. Eine selbstsüchtige Person war sie immer. Mutti war schon zu Amtszeiten ein in jeder Hinsicht unpassender Begriff. Tatsächlich hat kein anderer Regierungschef so sehr darauf geachtet, die Bürger gewogen zu stimmen. Deshalb ist das Land ja auch in dem Zustand, in dem es ist.

Es gehört schon eine besondere Form des Narzissmus dazu, ausgerechnet die Leute hängen zu lassen, die sich für einen ins Zeug gelegt haben. Gerhard Schröder hat nach Ausscheiden aus dem Kanzleramt ebenfalls nur noch auf eigene Rechnung gearbeitet. Aber er ist seiner Partei zumindest nicht öffentlich in den Rücken gefallen.

Was treibt Merkel? Sie erträgt die Vorstellung nicht, dass nach ihr wieder jemand von der CDU ins Kanzleramt einziehen könnte. Der ideale Kandidat war so gesehen Olaf Scholz, der sich als sozialdemokratischer Nachlassverwalter verstand. Schon bei Armin Laschet hat sie keine Hand gerührt. Sie hat das damit begründet, dass es ihrer Rolle als Ex-Kanzlerin nicht angemessen gewesen wäre, sich in den Wahlkampf einzumischen. Aber das war immer Mumpitz. Sie wollte einfach nicht helfen.

Einen Trost gibt es: In der politischen Hölle hält der Teufel einen speziellen Platz für Menschen frei, die alle verraten, die treu zu ihnen hielten.

  1. Nur tote Juden sind gute Juden

Vor wenigen Tagen am SPD-Wahlkampfstand. Das Kind greift nach den Gummibärchen, schon ist man im Gespräch. „Na, der Merz hat sich ja ganz schön verzockt“, sagt einer der Wahlkämpfer. „Ach“, sage ich, „schauen wir mal, wie es am 23. Februar ausgeht.“

Von der Seite nähert sich eine Frau mittleren Alters mit zwei Olaf-Scholz-Buttons am Revers: „Mit Nazis paktieren in der Woche des Holocaust-Gedenktags!“, ruft sie. Das ist das Argument, das jetzt nahezu unweigerlich kommt, wenn man mit Sozialdemokraten diskutiert: aber der Holocaust-Gedenktag!

Meine Antwort lautet: „Nie wieder“, finde ich super. Allerdings fände ich es noch besser, wenn es einem nicht nur zu Gedenktagen einfallen würde. Deutschland hat die höchste Zahl tätlicher Angriffe auf Juden gemessen an der Größe der jüdischen Bevölkerung, wie aus einer aktuellen Berechnung der Antidefamation League hervorgeht.

Was ich nicht gesagt habe, aber hätte sagen sollen: Der effektivste Schutz jüdischen Lebens ist die Abweisung von Menschen, denen von klein auf eingebimst wurde, Juden zu verachten. Es gibt unter den Flüchtlingen aus Afghanistan und Pakistan sicher viele anständige Kerle. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man jemand ins Land lässt, der üble Vorurteile hegt, ist halt ziemlich groß.

Ich glaube, die Wahrheit ist: Links der Mitte schert man sich nicht wirklich um Antisemitismus. Das fällt einem immer ein, wenn man die eigene Argumentation moralisch aufbrezeln will. „Nie wieder ist jetzt“, heißt es auch in dem Aufruf, den eine Reihe von Schauspielern veröffentlichte, um gegen den Bruch des „historischen Konsens“ zu protestieren, darunter bekannte Namen wie Daniel Brühl, Jella Haase und Karoline Herfurth.

Ich habe mir die Liste der Unterzeichner angesehen. Es sind ziemlich genau die gleichen Leute, die nie die Zähne auseinanderbekamen, als jüdische Studenten bedroht und bespuckt wurden. Die eisern schwiegen, als an den Unis das Siegeszeichen der Hamas auftauchte und Vergewaltiger und Mörder als Widerstandskämpfer glorifiziert wurden. Aber wenn es gegen Friedrich Merz geht, entdecken sie plötzlich ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde in Deutschland.

  1. Die größten moralischen Knallchargen kommen von ProSieben

Apropos Zivilcourage. Natürlich finden sich auf der Liste auch wieder die Namen von Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt, den beiden politischen Schwergewichten von ProSieben. Da fiel mir ein: Als der umtriebige „Welt“-Reporter Frédéric Schwilden die beiden vor anderthalb Jahren kontaktierte, ob sie ein paar Sätze der Anteilnahme für die in Deutschland lebenden Juden hätten – nichts Politisches, nichts zum Nahost-Konflikt, einfach nur ein Zeichen der Solidarität – antworteten deren Agenten, dass man leider aus zeitlichen Gründen absagen müsse. Auch die Nachfrage, ob eventuell zu einem späteren Zeitpunkt, ging ins Leere: „Leider sehen wir in naher Zukunft generell keine Kapazitäten.“

So gesehen muss man sagen: Wie schön, dass die zwei Rassismusexperten ihre Sprache wiedergefunden haben.

  1. Hetzer sind immer die anderen

Um was es am Ende bei der Abstimmung am Freitag im Bundestag ging? Um das Wort „Begrenzung“. Das war der Begriff, den die SPD partout nicht in dem Gesetzesentwurf der CDU sehen wollte und weshalb sie ihre Zustimmung verweigerte. Wäre ja auch zu schade gewesen, wenn man die Gelegenheit, Merz als Faschistenhelferlein hinzuhängen, hätte ungenutzt verstreichen lassen.

Ein Freund von mir, SPD-Mitglied seit 38 Jahren, sagt, er schreie regelmäßig den Fernseher an, wenn dort Rolf Mützenich, der SPD-Fraktionschef, auftauche. So weit ist es bei mir noch nicht. Aber ich kann ihn verstehen.

Mützenich steht für alles, was die SPD heute unausstehlich macht: Nichts hinbekommen, das Land in drei Jahren so runtergerockt, dass buchstäblich gar nichts mehr funktioniert. Aber dafür den ganz hohen Ton anschlagen. Mich erinnert er in seiner verlogenen Rechtschaffenheit an einen dieser Evangelikalen, die von den Freuden der Treue predigen und dann beim Kaffeekränzchen mit der Gemeinde, den Frauen heimlich in den Ausschnitt starren.

  1. Die Mehrheit findet man nicht auf der Straße

Im Netz kursiert ein Augenzeugenbericht von der großen Brandmauer-Demo in Augsburg. Danach wurden folgende Forderungen erhoben: Aussetzung jeglicher Abschiebungen. Verbot der AfD. Und Befreiung von der Marktwirtschaft. Anschließend sangen alle im Chor: „Scheiß Friedrich Merz“.

Der Aufstand gegen Rechts wird gerne als Protest der Mitte verkauft. Aber in Wirklichkeit ist er zu einem Gutteil ein Gruppentreffen der Versprengten diverser Weltrevolutionen. Noch zwei Wochen solche Umzüge – und die CDU steht am Wahltag bei 35 Prozent.

In die Wahlkabine darf ja leider kein Vertreter des Anstands-Deutschlands. Das wäre natürlich der Traum: Wahlabgabe nur unter Aufsicht, damit niemand sein Kreuz an der falschen Stelle setzt. Aber bislang scheitert das an den Wahlgesetzen. Also ist man am 23. Februar auf die Einsicht der Wahlbürger angewiesen.

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass Hunderttausende auf die Straße gingen, um gegen die Remigrationspläne der AfD zu demonstrieren. Und dann? Dann landete die SPD bei der Europawahl auf dem schlechtesten Ergebnis seit 1887. Ich habe das extra nachgeschaut: 1887, da ging es bislang noch einmal tiefer hinab.

© Silke Werzinger