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Hitlers Wiedergänger

„Putin hat uns alle getäuscht“, heißt es jetzt von Steinmeier bis Schwesig. Aber stimmt das? Putin hat wieder und wieder erklärt, wie er die Welt sieht und was er vorhat. Man wollte es nur nicht hören

„Faschismus, eine Warnung“ heißt ein Buch, mit dem die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright so etwas wie ein außenpolitisches Vermächtnis hinterließ. Mussolini wird darin ausführlich gewürdigt, der Aufstieg Hitlers vom Desperado zum Diktator. Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit Wladimir Putin.

Albright, die im März starb, beschreibt darin, welchen Eindruck der Mann in Moskau bei ihr hinterließ. Putin sei klein und blass und so kalt, dass er an eine Echse erinnere, hielt sie nach ihrer ersten Begegnung fest. „Ungeniert tischt er die gröbsten Lügen auf, und wirft man ihm einen Übergriff vor, beschuldigt er das Opfer.“

Was sahen deutsche Politiker, wenn sie Putin in die Augen sahen? Erblickten sie die viel beschworene russische Seele? Erkannten sie, anders als Madeleine Albright, das Gute im russischen Herrscher?

Er habe sich in Putin geirrt, wie andere auch, hat Frank-Walter Steinmeier auf die Frage geantwortet, wie er sich so in dem Mann irren konnte, dem er eben noch Brücken bauen wollte. Putin habe viele getäuscht, erfahren wir von Michael Kretschmer, dem sächsischen Ministerpräsidenten. Auch Manuela Schwesig fühlt sich betrogen: „Putin hat alle getäuscht.“ Selbst Wolfgang Schäuble, nach 45 Jahren im Bundestag eigentlich nicht in dem Alter, in dem man sich noch etwas vormachen lässt, sieht sich hinters Licht geführt: „Ich lag falsch, wir alle lagen falsch.“

„Putin hat uns alle getäuscht“, ist das neue: „Hätten wir das gewusst.“ Wenn alle sich getäuscht haben, wiegt der eigene Irrtum gleich weniger. Wir kennen das aus der Geschichte. Auch von Hitler und den Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, waren die Deutschen anschließend maßlos enttäuscht. Wie der Mann aus Braunau an die Macht kommen konnte, vermochte sich keiner mehr so recht zu erklären.

Ich kenne eine Reihe von Leuten, die einen sehr klaren Blick auf Putin hatten. Man wollte sie nur nicht hören. Es ist auch nicht so, dass Putin mit seinen Absichten hinter dem Berg gehalten hätte. Er hat wieder und wieder erklärt, wie er die Welt sieht und was er vorhat.

Es heißt jetzt, man müsse die Umstände bedenken. Im Nachhinein sei man immer klüger. Was den Überfall auf die Ukraine angeht, mag das stimmen. Dass der Kreml-Herrscher gleich nach Kiew vorrücken würde, haben selbst die scharfsinnigsten Putin-Beobachter nicht vorausgesehen. Aber der Weg dahin, der lag in gleißend klarem Licht.

Dies ist ein Auszug aus einer alten Kolumne, die 2014 unter der Überschrift „Ideologie vom überlegenen Volk“ erschien.

„Wer sich in den Echokammern und Metaphernräumen bewegt, in denen Putin unterwegs ist, erkennt eine ganze Reihe von Topoi wieder, die auch bei der Geburt des Faschismus Pate standen. Da ist der Körperkult, die pathetische Rhetorik der Selbstbehauptung, die Abwertung des Gegners als verkommen und degeneriert, die Verachtung der Demokratie und des westlichen Parlamentarismus, der übersteigerte Nationalismus.

Wenn Putin den Mythos von Moskau als dem ,dritten Rom‘ aufgreift, wird klar, dass er dem russischen Volk eine historische Mission zuweist. Russland fällt nicht nur die Rolle zu, an seinen Grenzen der westlichen Dekadenz Einhalt zu gebieten, es wird für alle zur letzten Bastion, die in diesem Ringen schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Damit ist aber auch gesagt, dass Russland niemals nachgeben darf.

‚Der Tod ist schrecklich, nicht wahr?‘, fragt Putin seine Zuschauer. ‚Aber nein, es scheint, er kann sehr schön sein, wenn er anderen dient: der Tod für einen Freund, für ein Volk oder für das Heimatland, um ein modernes Wort zu nutzen.‘ Das ist nicht nur ein wenig, das ist lupenreiner Faschismus.“

Ich zitiere mich selbst an dieser Stelle so ausführlich, weil sich aus meiner Sicht die Frage anschließt, warum einem Journalisten möglich war zu sehen, was einem Mann wie Steinmeier mit all seinen Stabsstellen und Mitarbeitern nicht zu erkennen möglich war.

Im Fall Steinmeier ist das besonders rätselhaft, weil wir mit dem heutigen Bundespräsidenten einen Menschen vor uns haben, der nie um das politisch korrekte Wort verlegen war. Was fand so jemand an einem Killer, der seine Mordkommandos schon in Tschetschenien und Syrien so vergewaltigen und brandschatzen ließ, wie sie jetzt in Butscha vergewaltigten und brandschatzten?

Hieß es nicht eben noch, dass man ja nur „Mein Kampf“ hätte lesen müssen, um zu wissen, was auf Deutschland und die Welt zukomme? Ist „Nie wieder“ nicht eine stehende Redewendung? Und da redet jemand wie Hitlers Wiedergänger und niemand nimmt das ernst?

Die „New York Times“ hat in einer langen Geschichte über den Aufstieg Putins einen hohen Steinmeier-Berater mit dem Satz zitiert: „Wir haben nicht realisiert, dass Putin sich in eine historischen Mythologie eingesponnen und in den Kategorien eines 1000-jährigen Reiches zu denken begonnen hatte.“ Das ist so niederschmetternd, dass es schon wieder komisch ist. Gibt es im Auswärtigen Amt niemanden, der mitliest, was einer der gefährlichsten Menschen der Welt in Reden an sein Volk verkündet?

Wir stehen erst am Anfang der Aufarbeitung. Je genauer man sich mit den Details beschäftigt, desto abstruser wird es. Ich habe eine gewisse Obsession mit dem Thema Gasspeicher entwickelt, seit ich las, dass der größte Speicher im niedersächsischen Rehden 2015 ausgerechnet an Gazprom verkauft wurde, also ein Jahr nach dem russischen Einmarsch auf die Krim.

Ich habe mir eine Liste mit den Füllständen kommen lassen. 2018, 2019, 2020: Jedes Jahr lag die Menge des gesicherten Gases bei über 80 Prozent. Dann, 2021, fällt der Füllstand auf 3,6 Prozent. Und keinem in der Regierung oder im Wirtschaftsministerium ist das aufgefallen? Niemand hat sich gefragt, was da los ist, und mal bei Gazprom Germania angerufen? Ich prophezeie Ihnen: Der Füllstand wird das werden, was bis gestern die Inzidenzzahl war. Jeden Morgen werden wir aufwachen und in den Nachrichten hören, wie viel Gas noch da ist.

Auch Angela Merkel hat ihren Weg gefunden, mit sich ins Reine zu kommen. Sie tut einfach so, als gehe sie alles nichts mehr an. Vergangene Woche erreichten uns Bilder aus Florenz, wo sie mit ihrer Freundin, der ehemaligen Bildungsministerin Annette Schavan, zum Bildungsurlaub weilt. Es gab die Einladung des ukrainischen Präsidenten nach Butscha, um sich das praktische Ergebnis der deutschen Russland-Politik anzuschauen. Da wäre ich auch lieber in Florenz.

Man wüsste gerne, was die Kanzlerin denkt. Wie sie ihre Hinterlassenschaft sieht. Aber alles, was es gibt, ist das dürre Statement einer Sprecherin: Bundeskanzlerin a.D. Dr. Angela Merkel stehe zu ihren Entscheidungen.

Ich musste an einen Chefarzt denken, der sich unter Applaus in den Ruhestand verabschiedet, bis dann sechs Monate später klar wird, welches Chaos er im Krankenhaus hinterlassen hat. Würde man da nicht auch ein Wort der Erklärung erwarten? Aber so hat Merkel 16 Jahre lang regiert: Wenn etwas schieflief, war sie darüber so betrübt wie alle anderen. Im Zweifel ließ sich immer ein Satz finden, dass sie rechtzeitig gewarnt hatte. Nur leider war den Warnungen dann nichts gefolgt.

Auch zu Merkel habe ich eine alte Kolumne gefunden, sie stammt aus dem Jahr 2013.

„Merkel hat nicht nur gut Russisch gesprochen. Sie lernte mit Begeisterung Russisch. Als sie einmal durch die Sowjetunion fuhr, musste sie unbedingt nach Gori, in die Geburtsstadt Stalins. Wenn Sie ‚Homeland‘ gesehen haben, wissen Sie, worauf es hinausläuft. Man muss die Puzzleteile nur richtig zusammenfügen, dann ergibt sich ein Bild: ‚She has been turned.‘“

Der Text war als Satire gemeint. Man müsste heute ausdrücklich dazusagen, dass man ihn nicht ernst nehmen darf.

©Sören Kunz

War es ihr Fehler?

Als Anführerin der freien Welt wurde Angela Merkel zum Ende ihre Kanzlerschaft gerühmt, als Verteidigerin der liberalen Weltordnung. Die Wahrheit ist: Niemand hat Deutschland so abhängig von Russland gemacht wie sie

Über Angela Merkel hieß es, sie würde die Dinge vom Ende her denken. Wenn das wahr ist, was sagen dann die vergangenen Tage über die beliebteste Kanzlerin, die Deutschland je hatte? Die für sie vorteilhafteste Antwort wäre, dass sie bei dem, was sie tat, oft nicht das Ende bedacht hat. Oder muss man zu dem Schluss kommen, dass sie das Ende sah, es ihr aber egal war? Das wäre furchtbar.

Es gibt einen Elefanten im Raum. Der Elefant ist die Frage: Wie konnten wir in diesen Schlamassel geraten? Alle schauen jetzt nach vorne. Das ist die Aufgabe von Politikern in Krisenzeiten. Aber vielleicht sollte man bei Gelegenheit den Blick auch einmal nach hinten richten, und sei es nur, um zu verhindern, dass sich die gleichen Fehler wiederholen.

Als Anführerin der freien Welt ist Angela Merkel gerühmt worden, als Verteidigerin der liberalen Weltordnung. Man muss daran noch einmal erinnern. Es ist gerade mal sechs Monate her.

Und jetzt? Wohin man sieht, sieht man in ein schwarzes Loch.

Die Bundeswehr: in einem so beklagenswerten Zustand, dass der Inspekteur des Heeres nach dem Überfall auf die Ukraine melden musste, dass die Truppe im Verteidigungsfall kaum einsatzfähig sei. Die Soldaten haben nicht mal genug warme Unterwäsche, um einen längeren Aufenthalt im Freien unter Winterbedingungen durchzustehen. Wenn sie eine Bitte äußern dürften, dann, dass sie besser gegen Nässe und Kälte geschützt seien, gaben nach Litauen entsandte Kräfte der Wehrbeauftragten Eva Högl bei einem Besuch an der Ostflanke der Nato mit auf den Weg.

Die Energiepolitik? Ein Desaster. 50 Prozent an Kohle, Gas und Öl beziehen wir aus Russland, also von dem Staat, mit dem wir jetzt im Wirtschaftskrieg liegen. Selbst über den größten Gasspeicher im Land verfügt Deutschland nicht selbst, weil wir ihn an Gazprom übergeben haben. Und wenn es nach Angela Merkel gegangen wäre, dann kämen wir ohne russisches Gas jetzt nicht mal über den Frühling. Es liegt nur an Putins Einmarsch, dass Nord Stream 2, das Deutschland noch weiter von Russland abhängig gemacht hätte, nicht in Betrieb genommen wird.

Niemand konnte vorhersehen, dass der Neo-Zar in die Ukraine einrücken würde. Aber dass er nichts Gutes im Schilde führt, das wusste man. Der Einmarsch in Georgien, die Annexion der Krim, die Ermordung von Regimegegnern, der Giftanschlag auf Alexej Nawalny – all das hat sich in der Amtszeit der ewigen Kanzlerin zugetragen.

Das Verrückte ist: Angela Merkel hat sich nie Illusionen über die Welt gemacht. Sie hatte einen klaren Blick auf die Dinge. Auch auf Putin. Ich erinnere mich an ein Abendessen im kleinen Kreis, bei dem sie gefragt wurde, warum sie regelmäßig mit jemandem telefoniere, von dem sie wisse, dass er sie anlüge. Da rückte der Kreml-Herrscher gerade Richtung Tiflis vor.

Weil sie es aufschlussreich finde zu hören, wie man die Welt diametral anders sehen könne als sie, lautete ihre Antwort. Es war klar, dass sie kein Wort von dem glaubte, was Putin ihr am Telefon zusicherte.

Zu Recht haben Beobachter immer wieder Merkels Scharfsinn und ihre Auffassungsgabe gelobt. Kaum ein Politiker, den ich kenne, konnte so kenntnisreich die Lage analysieren wie Merkel. Vor dem Äthiopienbesuch wusste sie selbstverständlich alles über Äthiopien. Wenn man mit ihr über die Krim sprach, hatte sie noch die scheinbar nebensächlichsten Namen in der russischen Nomenklatura parat.

Mein langjähriger Kollege beim „Spiegel“, René Pfister, hat zum Abschied aus dem Kanzleramt einen hochinteressanten Text über Angela Merkel geschrieben. Pfister beschreibt darin eine Kanzlerin, die von düsteren Visionen heimgesucht wird. Sie ist geradezu besessen von der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, der Urkatastrophe der Deutschen. Immer wieder kommt sie darauf zu sprechen, wie Menschen durch Unbedachtheit oder Ignoranz ein Inferno auslösen, weil sie sich in trügerischer Sicherheit wiegen.

Die apokalyptische Sicht steht in eigentümlichem Kontrast zu den beruhigenden Auftritten, für die sie ihr Volk so liebte. Noch eigenartiger ist, dass aus der dunklen Weltsicht nichts folgte.

Ich habe über Brandt und Adenauer geschrieben, über Helmut Kohl und Helmut Schmidt. Vier Kanzler habe ich persönlich kennengelernt. Bei keinem klafften Erkenntnis und Handeln so weit auseinander wie bei Angela Merkel. Wäre sie weniger scharfsinnig oder klarsichtig, hätte man ihre Untätigkeit mit Unwissen entschuldigen können. Niemand wäre auf die Idee gekommen, einem Kurt Georg Kiesinger mangelnde Weitsicht zum Vorwurf zu machen. Aber nicht einmal das lässt sich zu ihren Gunsten anführen.

In den Heldenerzählungen über Angela Merkel ist untergegangen, wie sehr sie vor politischen Entscheidungen die Zustimmung kalkulierte. Als ich noch Büroleiter beim „Spiegel“ in Berlin war, schleppte einer der Redakteure eines Tages einen Berg Meinungsumfragen an, die das Kanzleramt in Auftrag gegeben hatte. Der Grünen-Politiker Malte Spitz hatte auf Herausgabe geklagt und sie dann dem Kollegen von mir zur Auswertung überlassen.

Das geheim gehaltene Material umfasste 600 Befragungen, erhoben im Zeitraum zwischen 2009 und 2013. Sie zeichneten das Bild einer Kanzlerin, die sich bis in die Wortwahl hinein an dem orientierte, was die Meinungsforscher als Mehrheitsmeinung etabliert hatten. Alles wurde abgefragt: welche Themen die Bürger beschäftigten; was sie von der Regierung hielten und was sie sich von ihr wünschten; wer bei der Konkurrenz gerade im Aufstieg und wer im Abstieg war.

Wir nannten den Artikel dazu „Regieren nach Zahlen“. Regierungssprecher Steffen Seibert war sehr unglücklich über die Geschichte, weil sie nicht zum Bild der unbestechlichen Kanzlerin passte. „Ich tue das, was ich für richtig und wichtig halte. Sich nach Umfragen zu richten wäre vollkommen falsch“, hatte sie zu Beginn ihrer Kanzlerschaft versprochen.

Hier liegt aus meiner Sicht auch eine Erklärung für die im Nachhinein verhängnisvollste Entscheidung der 16 Jahre Merkel, den Ausstieg aus der Kernenergie. Wenige Wochen nach dem Unglück in Fukushima saßen wir in kleiner Runde bei einem Italiener in Berlin. Auf die Frage, warum ausgerechnet sie, die Naturwissenschaftlerin, deutsche Atomkraftwerke abschalte, obwohl dafür weder wissenschaftlich noch technisch etwas spreche, antwortete die Kanzlerin: Auch in meiner Partei wollen die Leute den Ausstieg.

In einem Newsletter wurde vor ein paar Tagen die Frage gestellt, was geschehen wäre, wenn Angela Merkel noch regieren würde. Ich fürchte, nichts von dem, was Olaf Scholz in einem bravourösen Akt der Selbstüberwindung auf den Weg gebracht hat, wäre passiert.

Wir würden heute noch den europäischen Nachbarn erklären, warum man die Abkopplung der russischen Banken vom internationalen Zahlungssystem nicht überstürzen dürfe. Wir würden weiterhin betonen, wie nahe uns das Schicksal der tapferen Menschen in der Ukraine gehe, aber dass wir leider, leider keine Waffen in Krisengebiete liefern könnten. Natürlich gäbe es auch keine Wiederbewaffnung der Bundeswehr.

Merkel hatte verstanden, dass man als Politiker besser fährt, wenn man die Bürger nicht überfordert. Sie zog daraus den Schluss, ihnen nach Möglichkeit nur das zuzumuten, was sie ohnehin für richtig hielten. 16 Jahre ging das gut, weil der Wohlstand und das Glück der Umstände Deutschland friedvolle Jahre schenkten.

Ich bin froh, dass Olaf Scholz im Kanzleramt sitzt und nicht Angela Merkel.

©Sören Kunz

Merkels Lachen

„Sie kennen mich“, lautet der Satz von Angela Merkel, mit dem sie viele Jahre erfolgreich regierte. Aber stimmt das? Beziehungsweise: Gibt es ein Stadium der Kanzlerschaft, in dem einem alles egal ist?

Unter den vielen Bildern dieser aufwühlenden, schrecklichen, traurigen Woche gibt es ein Bild, das so rätselhaft ist, dass ich mich bis heute frage, was es uns sagt.

Das Bild ist am Montagabend aufgenommen, 24 Stunden nach dem Fall von Kabul, am Ende eines Tages, an dem sich zwei A400M der Bundeswehr auf dem Weg nach Afghanistan befanden, um das hastig zusammengezogene Botschaftspersonal zu evakuieren. An dem sich Menschen an startende Flugzeuge klammerten, um dann aus 100 Meter Höhe zu Boden fallen. An dem kein Zweifel mehr bestand, dass die Rückkehr der Taliban für Tausende den Tod bedeuten wird und für Millionen das Ende jeder Hoffnung auf ein freies Leben.

Man sieht auf dem Foto die Bundeskanzlerin in einem dottergelben Blazer, leicht gebräunt nach dem Sommerurlaub, in der Hand hält sie eine schwarze Atemmaske. Sie blickt direkt in die Kamera und lacht. Sie wirkt so entspannt und gut gelaunt, dass man denken könnte, hinter ihr läge ein Wellness-Wochenende am Tegernsee und nicht ein Tag der Krisendiplomatie im Kanzleramt.

Wie man dem Begleittext entnehmen konnte, zeigt das Bild die Kanzlerin anlässlich der Premiere von „Die Unbeugsamen“, einem Film über die ersten Politikerinnen der Bundesrepublik. Die Kanzlerin hat im Kinosaal ein paar Worte dazu gesagt, wie man ebenfalls erfuhr. Dass auch in Deutschland bei der Gleichstellung von Frauen und Männern noch einiges zu tun sei und viele Politikerinnen bis heute Drohungen und Angriffen ausgesetzt seien.

„Sie kennen mich“, hat Angela Merkel im Wahlkampf 2013 erklärt. Das war das Versprechen, auf dessen Grundlage sie viele Jahre erfolgreich regierte. So wird sie uns auch in den Biografien und Sonderausgaben präsentiert, die anlässlich ihres Abschieds in den Zeitschriftenregalen liegen. Eine Frau wie das Land, dem sie vorsteht – unprätentiös, umsichtig, fleißig, stets darum bemüht, dem Vernünftigen zum Durchbruch zu verhelfen.

„Sie kennen mich“, das hieß auch: keine Überraschungen, keine Kapriolen, keine emotionalen Aussetzer. Einmal ist sie über sich hinausgewachsen, das war 2015 während der Flüchtlingskrise. Da verkörperte sie so sehr das helle Deutschland, dass man im rot-grünen Lager bis heute jede Kritik an der Kanzlerin als Kritik an sich selbst versteht.

Die „Bild“-Zeitung hatte das Bild der lachenden Merkel am Dienstag auf der Titelseite. Ich habe nachgesehen, ob es noch ein anderes Medium abgedruckt hat. Aber ich habe nichts finden können. Auch in den sozialen Medien, die normalerweise jeden Fehltritt und jede missverständliche Äußerung unnachsichtig ahnden, herrschte Schweigen.

An Laschets Lachen konnte man sich tagelang delektieren. Möglicherweise ist es verwerflicher, im Angesicht der Flutkatastrophe zu lachen als im Angesicht des Talibanterrors. Vielleicht zählen deutsche Opfer einfach mehr als ausländische. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, ich bin hier auf Vermutungen angewiesen.

Allenthalben ist jetzt vom Versagen der Bundesregierung die Rede. Aber das finde ich etwas arg allgemein. In der Welt, in der ich lebe, führt immer noch die Kanzlerin die Regierung an. Es ist auch die Bundeskanzlerin, die die Richtlinien der Außenpolitik bestimmt.

Kennen wir sie? Sie habe zweimal die zuständigen Minister zusammengeholt, um über die Situation der afghanischen Ortskräfte zu beraten, konnte man lesen, einmal im Juni und einmal im Juli. Der Hinweis war als Entlastung gemeint, in Wahrheit ist es das Eingeständnis der Untätigkeit.

Das Grundgesetz räumt dem Bundeskanzler nicht von ungefähr eine Richtlinienkompetenz ein. Jeder Minister leitet seinen Geschäftsbereich nach dem Ressortprinzip selbstständig und eigenverantwortlich – es sei denn, der Kanzler sieht es anders. Dann bleiben dem Minister zwei Möglichkeiten: sich zu fügen oder sein Amt niederzulegen.

Niemand wird daran Anstoß nehmen können, dass man nicht weiterkämpfte, nachdem die Amerikaner die Segel strichen. Aber dass man nicht wenigstens die Übersetzer rettete, die einem in all den Jahren treu dienten, die Fahrer, die Köche, die Zuarbeiter? War das zu viel verlangt? Am Wochenende richtete auch ein Bündnis großer Medienhäuser eine flehentliche Bitte an die Regierung, alles zu tun, um die Helfer aus dem Land zu schaffen, aber da war es zu spät.

Angeblich gab es Unstimmigkeiten zwischen Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium, wie man mit den Ortskräften verfahren sollte. Was hat die Kanzlerin davon abgehalten, die Sache zu entscheiden? Die Zeitungen waren seit Anfang Juli voll mit Berichten, welchen absurden Bürokratieparcours man aufgebaut hatte, um afghanische Vertragskräfte an der Passage nach Deutschland zu hindern. Im „heute-journal“ berichtete ein Bundeswehroffizier Anfang der Woche in beklemmender Nüchternheit, wie alle Hilferufe in Berlin verhallten. 80 Prozent würden zurückgelassen, denen könnte man nicht mehr helfen, sagte er.

Man habe die Entwicklung der Ereignisse falsch eingeschätzt, hat die Kanzlerin erklärt, so, als würde es sich bei der Einnahme von Kabul um einen Schicksalsschlag handeln, den man nicht habe vorhersehen können. Irgendwann rächt es sich halt, wenn man den Leuten beim Geheimdienst immer misstraut und sich dort Beamte wünscht, die ihren Auftrag vor allem darin sehen, so zu handeln, dass alles, was sie tun, morgen in der „Süddeutschen“ stehen könnte.

Es gab auch Warnungen direkt aus dem Apparat. Über Wochen richtete die Botschaft in Kabul eindringliche Appelle an das Auswärtige Amt, zu handeln. In einem Lagebericht zwei Tage vor dem Sieg der Taliban beklagte sich der stellvertretende Botschafter bitterlich über die Untätigkeit. Wer das Außenministerium kennt, der weiß, dass der Mann damit seine Karriere aufs Spiel setzte.

Wenn wir in einem halbem Jahr nachschauen, wo er gelandet ist, werden wir ihn in einer zugigen Botschaft in irgendeiner ehemaligen Sowjetrepublik wiederentdecken, wo diejenigen landen, die zu große Unbotmäßigkeit an den Tag legen. Offenbar war das Entsetzen über die Unfähigkeit seiner Vorgesetzten so groß, dass er das in Kauf nahm.

Als Kanzlerin kann man sich sein Kabinett nicht aussuchen, das ist der Preis einer Koalition. Dass Heiko Maas ein Würstchen ist, wussten in Berlin immer schon alle. Jetzt wissen wir: Er ist für Menschen, deren Wohlergehen von seinen Entscheidungen abhängt, ein tödliches Würstchen. Aber warum Merkel auch hier die Dinge einfach schleifen ließ, statt ihren Kanzleramtschef anzuweisen, die Sache in die Hand zu nehmen, wird auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Möglicherweise gibt es ein Stadium der Kanzlerschaft, in dem einem alles egal ist.

Die Kanzlerin selbst agiert inzwischen so, als sei sie die Beobachterin ihres eigenen Handelns. Wenn sie vor das CDU-Präsidium oder die Presse tritt, redet sie, als bereite sie sich auf einen Kommentar in den „Tagesthemen“ vor. Es seien bittere Stunden in Afghanistan. Es habe nach dem Abzug der Truppen einen Dominoeffekt gegeben. Man müsse so viele Menschen wie möglich in Sicherheit bringen. Das ist der Auftritt einer besorgten Zeitzeugin, nicht einer Kanzlerin, die es in der Hand gehabt hätte, das Leid zu lindern.

Vielleicht mag ich es mir nur nicht eingestehen, und die lachende Merkel ist den Deutschen viel näher, als ich dachte. Vielleicht bietet eine Regierungschefin, die bei jeder Gelegenheit betont, wie sehr sie mit sich im Reinen sei, die Selbstentlastung, nach der eine Mehrheit der Wähler sucht.

Haben wir in Afghanistan nicht alles unternommen? Haben wir nicht Milliarden ausgegeben für Mädchenschulen und Straßen? Und können wir etwas dafür, wenn die Armee nicht in der Lage ist, sich gegen die Taliban zur Wehr zu setzen? Was ist das überhaupt für eine Idee, seine Werte in die Welt exportieren zu wollen?

Man konnte alle diese Argumente schon vor dem Fall von Kabul hören. Man konnte sie zum Beispiel hören, als die Verlängerungen des Bundeswehrmandats anstanden, bei denen dann die gleichen Leute dagegen stimmten, die nun militärisch abgesicherte Luftbrücken fordern.

Der Mensch ist ein abgründiges Wesen. Das gilt, wie man sieht, in ganz besonderer Weise für die Kanzlerin.

©Silke Werzinger

Merkel kaputt

Nichts geht voran, alles misslingt: Mittlerweile nimmt die Untätigkeit der Regierung Merkel groteske Züge an. Aber statt den Kurs zu ändern, schottet sich die Kanzlerin einfach gegen die Wirklichkeit ab

In den letzten Monaten seiner Kanzlerschaft war Helmut Kohl vor allem mit sich selbst beschäftigt. Gegen die Welt außer halb des Kanzleramts richtete sich der Kanzler der Einheit in einer heimeligen Gegenwirklichkeit ein, in der alle Störungen auf ein Minimum reduziert waren.

Besucher bekamen den guten Rat, ihr Anliegen in wenigen knappen Sätzen vorzutragen, weil sie danach nicht mehr zu Wort kämen. Am Abend versammelten sich die Getreuen im Kanzlerbungalow, wo sie dann den immer gleichen Geschichten und Anekdoten lauschten, bis der Chef endlich die Runde aufhob.

Es soll vorgekommen sein, dass sich der pflichtergebene Kanzleramtschef Friedrich Bohl unter dem Tisch eine Nadel in den Schenkel rammte, um sich vor dem Einschlafen zu bewahren. Vorzeitige Absentierungen waren möglich, wurden aber als Unartigkeit beziehungsweise charakterliche Unzuverlässigkeit vermerkt.

Je länger ich Angela Merkel beobachte, desto mehr fühle ich mich an die Endphase der Amtszeit Kohl erinnert. Größere Zusammenkünfte in trauter Runde müssen Coronabedingt unterbleiben. Merkel neigt auch nicht zum ausufernden Vortrag, in der Hinsicht ist sie bis heute diszipliniert. Aber was den Blick auf sich selbst angeht, hat sie die gleiche Rührung erfasst, die Kohl heimsuchte. Man muss nur eines der Interviews lesen, die sie in den letzten Wochen gegeben hat, um eine Ahnung zu bekommen, wie dankbar sie sich ist.

Leider verbindet Kohl und Merkel auch der Attentismus der Spätphase. Nichts geht voran, alles misslingt. Aber irgendwie ist das auch egal. Gerade wurde die Ausgabe von Selbsttests ein weiteres Mal verschoben. Der brave Jens Spahn hatte den Start für den 1. März verkündet. Endlich mal ein Erfolg, dachte er. Dann pfiff ihn die Kanzlerin zurück. Jetzt soll es nächste Woche losgehen. Oder Ende März. Das dafür aber ganz sicher. Also vielleicht.

Ich habe Angela Merkel immer gegen die Kritiker verteidigt, die glauben, dass die CDU zur alten Größe zurückfände, wenn sie nur endlich die Veränderungen rückgängig machen würde, die Merkel der Partei zugemutet hat. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es besser wäre, die Bundeskanzlerin würde möglichst bald ihren verdienten Ruhestand antreten. Jeder Tag mit ihr an der Spitze ist für das Land ein verlorener Tag.

Auch bei Kohl zählten die Beobachter am Ende die Tage bis zum Schluss. Der Unterschied ist allerdings: Bei Kohl steckte das Land nicht in seiner schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Reformstau, der ihm zur Last gelegt wurde, war eine verschleppte Steuerreform. Was wären wir froh, wir hätten es nur mit einer Flaute im Steuerrecht zu tun. Der Merkel Stillstand kostet Menschen buchstäblich die Existenzgrundlage.

Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht in Rage schreibe. Zu viel Emotion ist als Kolumnist nicht bekömmlich. Ich schalte den Fernseher aus, wenn Angela Merkel auftaucht. Ich ertrage es einfach nicht mehr: die tantenhafte Selbstzufriedenheit, mit der jede Nachfrage weggebügelt wird, die Nachlässigkeit in der Wortwahl, die ein fundamentales Desinteresse an den Folgen der eigenen Politik verrät.

Wenn Angela Merkel in einem Nebensatz fallen lässt, dass man Schulen, Theater und Sportvereine öffnen werde „und eines Tages die Hotels“, ist das für Menschen, deren Existenz an so einem Hotel hängt, ein Satz, der sie um den Schlaf bringt. Eines Tages? Auf FOCUS Online kam eine Hotelbesitzerin zu Wort, die berichtete, dass sie von diesem Satz jetzt nachts träume.

Vielleicht gibt es eine Altersgrenze, die man als Regierungschef nicht überschreiten sollte. Möglicherweise stumpft einen der Job auch einfach ab. Kanzler können nicht jeden Tag in Tränen zerfließen. Wer Entscheidungen treffen muss, die tief in das Leben anderer Leute eingreifen, braucht eine gewisse Härte und auch innere Kälte. Aber man sollte als Kanzler zumindest zu erkennen geben können, dass man weiß, was man den Bürgern zumutet.

Mittlerweile nimmt die Untätigkeit groteske Züge an. Seit Wochen heißt es, der Inzidenzwert müsse stabil bei 35 liegen, weil alles an der Funktionstüchtigkeit der Gesundheitsämter hänge. Aber wenn es darum geht, die Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, ihrer Arbeit nachzugehen, fühlt sich niemand in der Regierung zuständig.

Die „Welt am Sonntag“ hat vorletzte Woche bei den Ämtern nachgefragt, wie viele die neue Software benutzen, damit es endlich bei der Kontaktverfolgung vorangeht. Antwort: 84 der insgesamt 375 Gesundheitsämter in Deutschland haben das Programm in Betrieb. Ein Drittel hat noch nicht einmal die notwendigen Verträge unterzeichnet.

Viele Behörden vertrauen lieber weiter auf das Papierverfahren, bei dem der Namen der Infizierten und ihrer Angehörigen auf 16 verschiedenen Formularen eingetragen werden muss. Ein Gesetz würde reichen, um diesen Irrsinn abzustellen. Aber niemand in Berlin kann sich dazu aufraffen, es auf den Weg zu bringen. Lieber wird der Stillstand verlängert.

Es gibt keine Idee, keinen Plan, wie es weitergehen soll. Um Fragen zu entgehen, schottet man sich ab. Mitte Februar waren die Vertreter von 40 Wirtschaftsverbänden in Berlin. Gerne hätten die Unternehmer ihre Kanzlerin gesprochen, um ihr zur schildern, wie die Welt außerhalb des Kanzleramts aussieht. Merkel fand leider keine Zeit für ein Treffen.

Statt ihrer musste der arme Peter Altmaier ran, von dem jeder weiß, dass er schon mit der Auszahlung der versprochenen Nothilfen überfordert ist. Der Mann gibt eine so traurige Figur ab, dass die nach Berlin gereisten Wirtschaftsvertreter jeden Rabbatz unterließen, aus Angst, der Minister würde unter dem Druck zusammenbrechen.

Es gibt auch eine bemerkenswerte Regression ins Nationale. Andere Länder sind entweder zu klein oder zu groß oder zu asiatisch, um sie mit Deutschland zu vergleichen. So sitzt die Kanzlerin in kleiner Runde und diskutiert statt Impfstrategien lieber hingebungsvoll Lockdown Szenarien. Soll man den Bürgern den Zugang zu Klobrillen und Kabelschneidern ermöglichen oder auch zu Büchern? Und was ist wichtiger für die Volkshygiene: Friseure oder Fußpfleger? Wenn es nicht so schrecklich wäre, man fände aus dem Lachen kaum heraus.

Mir ist unbegreiflich, dass über 60 Prozent der Deutschen in Umfragen immer noch Vertrauen in die Führungskraft der Regierung bekunden. Was ist mit den Menschen los? Muss man ihnen erst eine Fliegerbombe aufs Haus werfen, dass sie die viel gelobte Umsicht der Regierungschefin in Zweifel ziehen?

Andererseits: Einem Gutteil der Wähler geht es wie der Kanzlerin. Sie spüren von den verhängten Maßnahmen nicht viel. Wer älter als 60 Jahre ist, braucht keine Bars und Clubs. Er findet es im Gegenteil ganz angenehm, wenn das Leben ein wenig runtergedimmt ist. Das nimmt einem das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Mit der Stilllegung der Innenstädte geht auch eine spürbare Reduktion des Geräuschpegels einher. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie die grüne Idealstadt aussieht, der muss sich nur Berlin unter Corona Bedingungen ansehen. Mein Traum von Großstadt ist das nicht, aber ich komme ja auch nicht aus Baden-Württemberg oder der ostdeutschen Provinz.

Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel, das sollte nicht unerwähnt bleiben. Hinter Kohl waren in den Medien am Ende alle her. „Kohls Macht zerfällt“, „Wie lange noch?“, „Kohl kaputt“, lauteten typische „Spiegel“ Zeilen in den neunziger Jahren. An Angela Merkel traut sich kaum einer heran, auch der „Spiegel“ nicht.

Angeblich ist die Kanzlerin neulich einmal emotional geworden. Als ihr Manuela Schwesig vorhielt, sie würde nicht an die Kinder denken, soll sie geantwortet haben, sie lasse sich nicht anhängen, dass sie Kinder quäle. So rapportierten es jedenfalls die Zeitungen. Endlich einmal Merkel mit Herz! Man konnte förmlich den Seufzer der Erleichterung hören, der durch die Redaktionsstuben ging.