Abschied beim SPIEGEL: Jetzt ist Schluss!

Nach achteinhalb Jahren, 438 Kolumnen und unzähligen Aufforderungen an die Chefredaktion, dem Autor zu kündigen, endet heute „Der schwarze Kanal“ auf SPIEGEL ONLINE.

Seit ich diese Kolumne schreibe, also seit achteinhalb Jahren, verlangen Leser meine Kündigung. Im Wochentakt gehen in der Redaktion Zuschriften ein, in denen gefordert wird, mir das Handwerk zu legen.

Einige Leser drohen mit Abokündigung. Andere legen feierlich einen Schwur ab, dass sie keinen SPIEGEL mehr kaufen werden, solange ich dort beschäftigt bin. Letzte Woche erfreute sich ein Tweet einer gewissen Beliebtheit, in dem ein politisch aufrechter IT-Spezialist aus Norderstedt darüber nachsann, ob man nicht eine Browser-Erweiterung entwickeln könne, die es ermögliche, dass meine Texte nicht mehr angezeigt würden.

Ich kann den IT-Mann und alle ihm Seelenverwandten trösten. Dies ist mein letzter Text im SPIEGEL. Nachdem ich mich am Wochenende schon von den Lesern im Heft verabschiedet habe, nun auch allen SPIEGEL-ONLINE-Lesern ein herzliches Farewell.

Bevor sich allerdings alle, die auf diesen Tag hingefiebert haben, zu sehr freuen, vielleicht ein Wort der Ernüchterung. Ich werde weiter schreiben, ab August nur an einem anderen Ort, nämlich beim „Focus“. Wer in den sozialen Netzen unterwegs ist, bleibt also auch in Zukunft nicht verschont. So leicht entkommt man einem Kolumnisten nicht, jedenfalls nicht, wenn er über eine ausreichende Zahl an Followern verfügt. Das Internet kann in dieser Hinsicht brutal sein.

Die Eingaben an die Redaktion haben nichts mit meiner Demission zu tun, auch das muss ich anfügen. Wenn ich den Beteuerungen der Chefredaktion Glauben schenken darf, wird mein Ausscheiden sogar ausdrücklich bedauert. Den Leuten, die mit Abokündigung drohten, standen zum Glück mindestens so viele Leser entgegen, die meine Texte schätzten, und sei es nur, weil ich ihnen damit verlässlicher als jeder Espresso den Blutdruck hochtrieb. 13 Millionen Klicks pro Jahr ist eine Zahl, die auch den hartgesottensten Chefredakteur nachdenklich stimmt.

Man will sich nicht langweilen

Da dies meine letzte SPIEGEL-Kolumne ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Dinge klarzustellen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat mich neulich den „Chefprovokateur des SPIEGEL“ genannt. Das war sicher schmeichelhaft gemeint. Trotzdem fühlte ich mich nicht ganz richtig beschrieben. Provokateur klingt so, als wäre es mir in erster Linie darum gegangen, dass sich andere über mich aufregen. Aber darum ging es mir gar nicht, ich habe es in Wahrheit selten auf Provokation angelegt.

Ich glaube, dass viele Menschen in Deutschland über vieles so denken wie ich. Wenn das, was ich schreibe, eine Provokation darstellt, dann vor allem in dem Milieu, in dem ich mich bewege, also unter Journalisten und Journalistinnen beziehungsweise unter Menschen, die dort zu Hause sind, wo auch viele Journalist*innen leben, also in den deutschen Großstadtvierteln, in denen der Anteil von Grünen-Wählern seit Jahren verlässlich bei 40 Prozent liegt.

Im Januar 2011 ist der „Schwarze Kanal“ erstmals online gegangen. Da der Kolumnist, Gott sei’s geklagt, keinen Urlaub und keinen Feiertag kennt, sind seitdem 438 Kolumnen erschienen. Am Anfang dachte ich, mir würde irgendwann der Stoff ausgehen. Man will sich und seine Leser ja nicht langweilen, also gab ich mir zwei bis drei Jahre. Aber dann fand sich doch Woche für Woche etwas, von dem ich fand, dass es noch nicht ausreichend gewürdigt worden war. Die Politik ist ein verlässlicher Lieferant von gloriosem Unsinn.

Was macht eine gute Kolumne? Man muss sich, zumindest kurzzeitig, aufregen können. Wer alles mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs betrachtet, wird niemals einen Satz schreiben, der Schwung und Kraft hat. Was die Opfer angeht, habe ich mich an einen Satz von Harald Schmidt gehalten: „Keine Witze über Leute, die weniger als 10.000 Euro im Monat verdienen.“ Ich kann nicht garantieren, dass ich dem immer gerecht geworden bin (Sorry Kevin!), aber ich habe mich immerhin bemüht.

Die drückende Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft

Manche Kritiker haben mir vorgeworfen, ich sei im Laufe der Zeit immer weiter nach außen gerutscht. Ich finde, das Gegenteil ist wahr. Zuletzt habe ich wie Frank-Walter Steinmeier geredet, der die Deutschen ermahnt, es sich im eigenen Meinungswinkel nicht zu gemütlich zu machen. Nichts ist so drückend wie die Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft. Wenn es einen Grund gibt, warum ich bei der Linken Reißaus genommen habe, dann dieser Hang, sich ständig gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, wie widerständig man doch denke.

Haben mich alle im SPIEGEL geliebt? Ganz sicher nicht, aber darauf kommt es auch nicht an. Meine Chefs haben alles gedruckt, was ich am Kolumnentag an sie geliefert habe, selbst wenn ich damit quer zur Mehrheit der Redaktion lag. Mehr kann man als Journalist nicht erwarten.

Wer als Kolumnist von seinen Kollegen geliebt werden will, hat nach meiner Meinung ohnehin den Beruf verfehlt. Entscheidend ist nicht, ob man gemocht, sondern ob man gelesen wird. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Mir bleibt einstweilen nur, mich bei meinen Lesern zu bedanken: bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten. Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten.

Falls es Sie beruhigt: Sie werden weiter von mir hören.

13 Kommentare

  1. Jörg Kuschezki

    Lieber Herr Fleischhauer,

    ich habe Ihre Denkanstöße beim Spiegel immer geschätzt und werde Sie dort vermissen. Aber auf Ihrer eigenen Seite haben Sie nun einen Stammleser mehr. Ihnen alles Gute für den Wechsel.

  2. Iris von der Fecht

    Ihre Kolumnen sind der einzige Grund für mich gewesen, ab und zu die Spiegel-Webseite aufzurufen. Tja, schade – für den Spiegel!

  3. Bernd Wollmann

    Lieber Herr Fleischhauer!
    Wo wäre der Spiegel auch hingekommen, wenn außer Ihnen evtl. noch andere Redakteure mit Fakten argumentieren würden-wahrscheinlich dahin wo das Blatt vor ca. 30-40 Jahren mal war. Die Älteren werden sich vielleicht erinnern. Freue mich auf Ihren ersten Kommentar im Focus…
    Nette Grüße aus dem Hochwald
    Bernd Wollmann

  4. Ich kann auf focus.de keine Ihrer Kolumnen finden. Das muss dort sehr gut versteckt sein. Unter Gastautoren stehen Sie nicht. Die Suchfunktion greift offenbar auf Google zurück und liefert keine Ihrer Beiträge auf focus, sondern als erster Treffer ein Artikel „F. verharmlost Verkehrstote“.

  5. Gerhard Groeger

    Focus….Echt jetzt? Ursprünglich mal als ideologiefreies Gegenstück zum Spiegel gestartet ist das Magazin doch schnell im Boulevard angekommen
    Gerade durchgescrollt: Zuviele Artikel über Abnehmen, Erektionsstörungen, Tolle Taschenmesser (??) und Heidis was auch immer….

    Da gehören Sie nicht hin. Und ich kann im Geiste ihre ehemaligen Kollegen jetzt schon genau das Gegenteil feixen hören.

    Sie beim Spiegel: Das war eine wundervolle Spitze im Betrieb.
    Beide Marken haben sich gegenseitig aufgewertet.
    Das stand für etwas, das (gerade heute) wichtig ist:
    Das Sich immer mit den unbequemen Artikeln des Andersdenkenden auseinandersetzen.
    Und jetzt… Hab den Focus schon lange nicht mehr ausprobiert. Vor allem weil die Website bis vor kurzen eine einzige Spam-Werbe-Hölle war.

    Irgendwie ist das als ob Harald Schmidt jetzt bei Super RTL weitermacht.

  6. Michael Ruffert

    Lieber Herr Fleischhauer,

    Ich denke natürlich nicht immer, aber oft so wie Sie. Auch wenn ich selber Journalist bin, allerdings schäme ich mich schon seit längerem für diese Zunft, die ihre handwerklichen Grundsätze immer mehr ignoriert oder bewusst verletzt.

    Ihren Abgang vom Spiegel finde ich konsequent, welche Gründe er auch immer hat. Ein Magazin, das mal eben einen ganze Region auf dem Titel in die rechtsradikale Ecke stellt und YouTuber zu neuen Rebellen kürt, konnte ich schon lange nicht mehr Ernst nehmen.

    Vielleicht wäre Cicero statt Focus die bessere Alternative gewesen, aber das ist natürlich ihre Entscheidung. Ich freue mich auf weitere treffende Kolumnen von Ihnen.

  7. Jürgen Flinn

    Erst der Broder…nun der Fleischhauer. Es gab zwei Gründe, weswegen ich den Spiegel ab und zu online angeschaut habe. Der erste war Fleischhauer, soweit so verständlich. Der zweite waren die Artikel, bei denen die zugelassenen Kommentare fast immer im großen Gegensatz zum Inhalt der Artikel standen. Ich war meist für die Kommentare, weil sie meist treffend und oft sehr klug waren. Das hat sich inzwischen mit der Zensur und dem oftmaligen Verbot der Kommentare auch erledigt. Der Spiegel geht dem Abgrund entgegen. Noch eine Bitte an J.F….bitte machen Sie es nicht wie der geschätzte Herr Broder, der in der Welt nur noch gegen Bezahlung (durch die Leser) schreibt.

  8. Nun ja, eigentlich ist es mir egal, wo Sie schreiben, Hauptsache, Sie tun es. Ich habe Ihre Kolumne beim Spiegel immer sehr geschätzt, am Ende war sie der einzige Grund, noch bei Spon hereinzuschauen. Ich habe dort irgendwann aufgehört, Leserkommentare zu schreiben und inzwischen meinen Account gelöscht. Inzwischen blogge ich lieber selber.
    Da ich Sie beim Focus nicht gefunden habe, bin ich hier auf Ihre persönliche Seite gestoßen. Sie können sicher sein, dass ich Sie in Zukunft wieder lesen werde. Und ich bin sicher, dass meine Bemerkungen dazu dann nicht im Papierkorb landen werden, wie so oft bei SPON. Ich bin ein Linksflüchter wie Sie.

    • Jan Fleischhauer

      Jeden Samstag im „Focus“ und auch auf Focus.de. Aber wenn Sie mir hier treu bleiben, freut mich das auch. Beste Grüße, Ihr JF

    • Frank Becher

      Ha, Herr Stamer, da haben Sie wohl noch nie einen post bei Focus geschrieben. Sie werden sich wundern, wie die erst mal zensiert wird. Aber wenigstens bekommen Sie eine Nachricht darüber. Vielleicht können Sie den post dann auf dieser Seite anbringen. Ich bin mal gespannt.

  9. Ihre Kolumne war für mich der einzige Grund, Spiegel Online überhaupt aufzurufen. Das hat sich jetzt also erledigt. Vielen Dank für Ihre bisherige Arbeit und viel Erfolg für alles, was noch kommt.

  10. Frank Becher

    Lieber Herr Fleischhauer, beim Spiegel haben Sie in sehr angenehmer Weise die Rolle des Hofnarren gespielt, der schon mal über die linksgrünen Stränge schlagen kann, und jetzt soll das beim Focus so weitergehen? Ob das wohl gut geht, in einer Redaktion, in der kaum noch jemand etwas machen darf, was den Burda – Oligarchen nicht gefällt?
    Eine kleine Anregung: Lesen Sie einfach mal die posts, die vom Focus wegzensiert worden sind. Wahrscheinlich fragen Sie sich dann, wo sie da hingeraten sind. Und machen Sie den Test – lassen Sie einen ihrer Freunde mal einen post abgeben, der aus ihrer Feder stammt. Immerhin – der Fokus gibt den Lesern Bescheid, wenn er zensiert hat. Das macht der Spiegel nicht.

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