Apokalyptisches Denken: Die Diktatur der Klimaretter

Klimaexperten wie Prinz Charles geben der Politik nur noch wenige Monate, um die Welt vor der Katastrophe zu retten. Das stellt uns vor eine unangenehme Wahl: Demokratie oder Überleben. Denn wer will Parlamentariern zutrauen, dass sie rechtzeitig die Kehrtwende schaffen?

Prinz Charles gibt der Politik noch 18 Monate, um die Welt zu retten. Das sei die Zeitspanne, die der Menschheit bleibe, wenn sie die Klimakatastrophe abwenden wolle, sagte er bei einem Empfang in seiner Residenz in London. Man könnte einwenden, dass der britische Thronfolger erst einmal zu Hause nach dem Rechten sehen sollte, bevor er der Staatengemeinschaft ins Gewissen redet. Andererseits: Gegen den Klimakollaps verliert sogar die Brexit-Hölle ihren Schrecken.

Dass uns nur radikales Umsteuern vor dem Hitzetod bewahren kann, ist ein Grundthema der Klimadebatte. Es ist das Drängende und Unbedingte, das den Protesten ihre Überzeugungskraft verleiht.

18 Monate bis zum Ende sind noch großzügig bemessen. Glaubt man Greta Thunberg, der Initiatorin der aktuellen Klimabewegung, dann entscheidet sich das Schicksal der Welt quasi stündlich. „Unser Haus steht in Flammen“, lautet der Satz, mit dem sie bekannt wurde. Wo es lichterloh brennt, ist jede Minute, die man untätig bleibt, ein Verbrechen.

Ich gebe zu, ich bin für die apokalyptische Weltsicht ungeeignet. Wahrscheinlich habe ich zu viel überlebt. Wer wie ich in den siebziger Jahren groß wurde, hat das Waldsterben und das Ozonloch überstanden, die Aids-Katastrophe, die nach ersten Berechnungen große Teile der Weltbevölkerung hinwegraffen sollte, diverse Vogel- und Schweinegrippen und natürlich BSE, den Killer im Fleischklops. Aus der Tatsache, dass sich eine Prophezeiung nicht bewahrheitet hat, folgt nicht, dass es einen beim nächsten Mal nicht doch erwischen kann, ich weiß. Trotzdem bin ich für Endzeitprognosen verloren. Nennen Sie es einen Generationendefekt.

Obwohl ich gegen Untergangsstimmungen immun bin, nehme ich kollektive Gefühlsausbrüche ernst. Dass Emotionen im politischen Geschäft großen Einfluss haben können, scheint mir hinreichend bewiesen. Ohne die Untergangsangst der Siebziger wären die Grünennicht entstanden und ohne die Angst vor dem Ende der Deutschen nicht die AfD.

Man sollte Menschen beim Wort nehmen. Ich kann nicht beurteilen, wie viel Zeit der Menschheit noch bleibt, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Ich fürchte nur, dass wir auf eine ziemlich unangenehme Wahl zusteuern. Wenn Greta Thunberg und Prinz Charles Recht haben, müssen wir uns entscheiden, was uns wichtiger ist: die Demokratie oder unser Überleben.

Parlamentarismus ist zu langsam, um die Klimakehrtwende einzuleiten

Dass wir uns Demokratie nicht länger leisten können, wenn wir davon überzeugt sind, dass die Klimakatastrophe unmittelbar bevorsteht, liegt meines Erachtens auf der Hand. Der Parlamentarismus ist einfach zu langsam, um die Kehrtwende einzuleiten. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass sich die Führer Europasauf einen radikalen Klimaplan verständigen? Es hat Jahrzehnte gedauert, bis man sich in Brüsselzu einem Ende der Subventionen für den Tabakanbau durchringen konnte, obwohl vor Tabak auf jeder Zigarettenpackung gewarnt wird. Wie soll da binnen 18 Monaten ein Kompromiss zum Ausstieg aus dem Kohlestrom stehen?

Auf Selbstdisziplin kann man erst recht nicht setzen. Sogar Menschen, die sich die Rettung der Welt auf die Fahnen geschrieben haben, versagen kläglich, wenn es darum geht, den guten Vorsätzen Folge zu leisten. Bei „Maischberger“ wurde ich neulich ausgelacht, als ich die Vermutung äußerte, dass einen das ökologische Bewusstsein nicht von der Buchung des nächsten Tansania-Urlaubs abhält. Jetzt las ich in der Zeitung, dass die Anhänger der Grünen die Vielflieger unter den Deutschen sind. Niemand benutzt so gern und so ausgiebig das Flugzeug wie die Anhänger der Öko-Partei.

Flirt mit der Öko-Diktatur

Der Flirt mit der Öko-Diktatur ist die dunkle Seite der Klimadebatte. Wer davon überzeugt ist, dass der Welt nur noch wenige Monate bis zum Tag des Jüngsten Gerichts bleiben, muss den Politikern das Mandat entziehen. Ich weiß, das hört niemand gern, am wenigsten die Klimaschützer, die am Freitag auf die Straße gehen. Wer will schon zugeben, dass er die Demokratie für eine Regierungsform hält, die leider aus der Zeit gefallen ist? Aber das ist die Konsequenz des apokalyptischen Denkens.

Hans Joachim Schellnhuber, Direktor emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, spricht von einer „großen Transformation“, ein Begriff, der nicht von ungefähr an den „großen Sprung“ von Mao Tsetung erinnert. Als Einstieg sollten zehn Prozent der Sitze im Bundestag für Ombudsleute reserviert werden, die „ausschließlich die Interessen künftiger Generationen vertreten“, wie Schellnhuber vorschlägt.

Die Australier David Shearman und Joseph Wayne Smith fordern, die Idee der Demokratie ganz aufzugeben. „Wir benötigen eine autoritäre Regierungsform, um den Konsens der Wissenschaft zu Treibhausgasemissionen zu implementieren“, schrieben sie schon vor zwölf Jahren in ihrem Buch „The Climate Change Challenge and the Failure of Democracy“.

Vielleicht ist die Demokratie doch keine so schlechte Idee

Der Nachteil jeder radikalen Lösung: Man hat nur einen Versuch. Wenn sich anschließend herausstellen sollte, dass man Nebenwirkungen nicht bedacht hat, ist es zu spät. Interessanterweise ist gerade die Bilanz der Grünen, was die Weitsichtigkeit ihrer Entscheidungen angeht, durchwachsen. Von der Einführung des Dosenpfands hat sich die Mehrwegflasche bis heute nicht erholt. Die Förderung des Biosprits hat gigantische Maiswüsten hervorgebracht, in denen keine Biene und kein Schmetterling mehr existieren.

In einem Fachaufsatz habe ich gelesen, dass man sich noch nicht einmal sicher sein kann, ob die Sofortabschaltung aller Kohlekraftwerke nicht mehr Schaden anrichtet als dass es nützt. Die Schwefelpartikel reflektieren Sonnenlicht. Eine schlagartige Reduktion würde möglicherweise dazu führen, dass es auf der Erde zunächst noch einmal deutlich heißer wird.

Vielleicht ist die Demokratie doch keine so schlechte Idee. Kompromisse haben den Vorteil, dass sie weniger Unheil anrichten. Redundanz bedeutet Sicherheit. Das sollten eigentlich vor allem Leute wissen, die ansonsten bei jedem Großprojekt das Schlimmste befürchten.

10 Kommentare

  1. Robert Herrmann

    Lieber Herr Fleischhauer,

    leider ist der Spiegel für mich unlesbar geworden. Ich vertrockne in der deutschen Medienlandschaft. Ihre Sprache und Zuversicht erfrischt.

    LG

    Robert Herrmann

  2. “ wie ich in den siebziger Jahren groß wurde, hat das Waldsterben und das Ozonloch überstanden, die Aids-Katastrophe, die nach ersten Berechnungen große Teile der Weltbevölkerung hinwegraffen sollte, diverse Vogel- und Schweinegrippen und natürlich BSE”

    Ich bin ungefähr selber Jahrgang, mir fällt noch ein: das Ende der Rohstoffe in 2000 (Club of Rome), die zwingende Einführung von Elektroautos zwischen 2000 – 2020, Öl Peak (Das Öl geht aus und der Preis explodiert bis 2020), den Zusammenbruch der weltweiten IT Systeme aufgrund des Jahr 2000 Umstellungsproblems…

    Hinzukommt, Klimawandel findet anscheinend nicht in Indien China und USA statt, der Energieaufwand wird sich verdoppeln und zahlreiche Atom und Kohlekraftwerke sind geplant . Aber wenn wir alle fleißig mit Greta und den Grünen hüpfen, werden diese Länder sofort das machen was wir auch tun, ihre effizienten Energiesysteme und Automobilindustrie kaputt machen (Ha,ha). Ich befürchte, so dumm sind diese Länder nicht. Deswegen werden die deutschen arbeitslosen bei Weiterführung dieser Politik dann mit den 2 mio arbeitslosen Migranten um Hartz IV konkurrieren, dass die verbleibenden Industriearbeiter bald leider nicht mehr erwirtschaften können.

    • Peter Wollweber

      Das Ozonloch ist deshalb verschwunden, weil das FCKW verboten wurde und das Waldsterben war real, insbesondere im Fichtelgebirge. Mit der Einheit und der Abschaltung der Dreckschleudern im DDR-Chemiedreieck hatte das vorerst ein Ende.
      Kennen Sie noch die Diskussion um die Einführung des Katalysators und das bleifreie Benzin?
      Sollten laut den Herstellern alle Motoren kaputt gehen, obwohl die selben Hersteller mit Katalysatoren bestückte Autos in die USA exportierten?
      Es ist schon einiges gemacht worden, nur die Menge der Autos hat sich seither fast verdoppelt und das was an Spritverbrauch eigentlich eingespart wurde, ging für höhere PS-Zahlen, etc. drauf.
      Und der Klimawandel findet auch in China statt und Sie können sich sein, dass man dort, wenn es so weit ist, radikale Maßnahmen ergreifen wird.

      Ebenso kam es nicht zum Zusammenbruch der weltweiten IT-Systeme, WEIL man sich entsprechend gewappnet hat – die Sache wäre wohl nicht so ausgegangen, hätte man nichts gemacht.

      Wenn man zurzeit pro Jahr an fossilen Brennstoffen ungefähr das verfeuert wird, was die Natur irgendwann einmal in einer Mio. Jahren geschaffen hat, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Ob man dabei Kohlekraftwerke sofort oder der Reihe nach abschaltet, das wird sich klären lassen, ist aber eher ein Detail auf dem Weg dahin, keine Kohle mehr zu verbrennen.

      • Ja, das bestreite ich nicht, dass Maßnahmen ergriffen wurden, die auch wirksam waren . Deutschland hat einen Anteil von nur 2 % CO2 weltweit. Das holt China und Indien in einem Jahr auf, selbst wenn wir Deutschland „komplett abschalten“.
        Es ist ja durchaus sinnvoll etwas gegen fossilen Energieverbrauch zu machen, aber nicht mittels eines Kamikazeeinsatzes…

  3. Alex Mayer

    Er ist zurück. Und selten zuvor war ich so von der Wahrheit des Gesagten überzeugt. Die Unvereinbarkeit zwischen der dringenden Klimarettung und der Beibehaltung eines demokratischen Zusammenlebens wird von Woche zu Woche evidenter. Ist dies national schon offenkundig, möchte man auf der Ebene der supranationalen EU und erst recht der G-irgendwas – Gipfeln nur noch schreiend das Weite suchen.
    Dennoch bin ich nicht bereit, der Demokratie auf Wiedersehen zu sagen, komme was wolle. Dazu ist diese zu wichtig. Selbst wenn die Heerscharen der diktatorischen Revolte dieses mal nicht mit Kampfstiefel und Maschinengewehr, sondern mit Strickpullover und Regenbogenfahnen aufmaschieren.

  4. Max J. Rauch

    Lieber Herr Fleischhauer,
    Ihr Kommentar trifft den Kern, den Punkt, das Thema perfekt und ist dazu noch wie immer maximal klar formuliert. Ein echter „Fleischhauer“ halt. Es ist gut, dass Sie wieder da sind. Einzige Frage: wir können wir dafür ein größeres Auditorium schaffen? Alles Gute für Sie und mit der Bitte um viele weitere Kommentare…

  5. Ich liebe Jan Fleischhauer, schon deshalb, weil ich häufig NICHT seiner Meinung bin. Ich habe schon überlegt den „Focus“ zu abonnieren, aber soweit geht die Liebe dann doch nicht.
    M. E. sollten wir nicht von einem Extrem ins andere verfallen und v. a. nicht immer nur auf die anderen schauen. Wenn jeder tut was er kann, kann es besser werden.
    Ich fliege weniger bis nicht mehr, fahre weniger Auto, fahre mehr Fahrrad, esse viel weniger Fleisch (wenn dann Bio), kaufe mir ein Elektro Auto (weil ich es mir auch leisten kann) usw. Das heisst ich lebe bewusster. Ich werde aber weiter skifahren! Wenn viele ähnlich bewusster leben erreichen wir vielleicht ähnliches wie durch o.g. Massnahmen zum Waldsterben usw.

  6. Richard W. Johne

    Es ist kein Wunder, dass mir Ihre Schreibarbeiten so gefallen; haben wir beide doch in vielen Fällen so oft ähnliche Ansichten. Und doch, empfinde ich Ihr Wirken als zusätzlich sehr wertvoll, da ich, im Besonderen im Bezug auf sämtlichen Klimadebatten (bin kein Klimawandelleugner), mal wieder ein um das andere Mal feststelle, wie dünnhäutig und kritikunfähig meine Generation ist (ich bin 32 Jahre alt), da sie es nicht gelernt hat, sich mit Widerständen auseinanderzusetzen. Ein Leben in der Blase! Leider Gottes muss ich über meine Altersgenossen in Anlehnung an einen berühmten SPIEGEL-Titel bemerken: Bedingt demokratiefähig. Um so sehr freue ich mich über Ihre nüchternen Bestandsaufnahmen und Analysen, gewürzt mit dem nötigen Maß an Humor. Ich freue mich auch, dass sie für Nichtleser des FOCUS hier weiter Kolumnen verbreiten! Weiter so Herr Fleischhauer! [Auch wenn Sie, nimmt man Ihre medialen Auftritte als Grundlage, Lob ja scheinbar nicht vertragen können ;)]

  7. Andreas Nimptsch

    Hallo Herr Fleischhauer,
    besten Dank für diesen sehr interessanten und aufschlussreichen Artikel. Ich wäre sehr interessiert an dem von Ihnen zitierten Fachaufsatz, in dem Bedenken über eine Sofortabschaltung aller Kohlekraftwerke geäußert werden. Könnten Sie mir bitte den Link oder den Quellennachweis dazu schicken?

  8. Herbert Mayer

    Hallo Herr Fleischhauer,
    In meinen Ohren reden Sie die anstehenden Gefahren gefährlich herunter. Mir ist nicht in Erinnerung, dass die von Ihnen beschriebenen Problem damals jeweils mit dem Weltuntergang gleichgesetzt wurden und auch nicht, weil das Gedächtnis des Menschen sehr kurzfristig ausgelegt, völlig aus der Welt sind (siehe z. B. Waldsterben).
    Auch sollte man die aktuell anstehenden Auswirkungen nicht in ihrer Dramatik überschätzen. Ein Menschenalter dürfte wohl kaum ausreichen, um den Untergang zu erleben und man sollte sich bekanntlich nicht zu viel vom Untergang versprechen.
    Sehr wohl kann man aber bereits eine rasant sich beschleunigende Dysfunktionalität unserer sozialen politischen und finanzpolitischen Systeme feststellen, die unsere viel gepriesene Demokratie sehr schnell entarten lassen kann. Wie sie unter einem Donald Trump letztlich aussieht, mag ich mir nicht ausmalen. Ich darf daran erinnern, dass die Zustimmung für die NSDAP innerhalb von 2,5 Jahren! von 18,9% auf 43,9 % angestiegen war. Die Geschichte lehrt sehr wohl, dass Kulturen im begrenzten Rahmen (Osterinseln, Wikinger) gescheitert sind, weil sie unreflektiert und rücksichtslos mit den Ressourcen umgegangen sind. Die Gefahren sollten nicht klein geredet werden:
    https://www.3sat.de/wissen/tele-akademie/tele-akademie-jared-diamond-100.html

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