Sensible Sprache: Roma sein oder Roma nicht sein

Soll man bei Straftätern oder Verdächtigen die ethnische Zugehörigkeit nennen? Die Polizei in Bayern will darauf verzichten. Maßgeblich ist künftig eine Weisung zum „sensiblen“ Sprachgebrauch, die auch für Fahndung und Personalienfeststellung gilt. 

Der Inspekteur der Bayerischen Polizei, Harald Pickert, hat seine Beamten angewiesen, nicht länger von „Sinti“ und „Roma“ zu sprechen. Auch Ersatzbegriffe wie „mobile ethnische Minderheit“ seien im Dienstgebrauch zu meiden, heißt es in dem Erlass, mit dem der Inspekteur seine Polizisten zum „sensiblen Umgang mit diskriminierenden Bezeichnungen“ anhalten will.

Wie die Beamten reden, wenn sie dienstfrei haben, bleibt weiterhin ihnen überlassen. Da kann man nicht viel machen. Aber sobald sie in Uniform sind, gilt die neue Weisung zum sensiblen Sprachgebrauch. Das heißt, auch bei der Fahndung oder der Personalienfeststellung müssen die Polizisten jetzt über die Herkunft von Verdächtigen hinweg sehen.

Dass man heute nicht mehr von Zigeunern redet, ist klar. Ein Mensch, der nicht auf Krawall aus ist, vermeidet Begriffe, die als abwertend empfunden werden. Auch Ableitungen wie „Zigeunerschnitzel“ oder „Zigeunerbaron“ scheiden aus. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wie es so schön heißt.

Aber Sinti und Roma? Es war mir neu, dass dies eine diskriminierende Bezeichnung sein könnte, schließlich nennt sich der entsprechende Interessenverband in Heidelberg ganz offiziell „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“. Zu den Erfolgen des Zentralrats gehört, dass nahe dem Holocaust-Mahnmal eine Gedenkstätte für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma errichtet wurde. Die Gedenkstätte heißt genauso: „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“.

Ich vermute, es geht der bayerischen Polizeiführung darum, Vorurteile zu bekämpfen. Das ist löblich, auch wenn ich unsicher bin, ob man wirklich so weit gehen sollte, deshalb die Fahndung umzustellen. Meiner Meinung nach würde es reichen, wenn man nach außen Zurückhaltung übt.

Ethnische Zugehörigkeit bei Straftätern

Ob man bei Straftätern die ethnische Zugehörigkeit nennen darf, wird seit Längerem diskutiert. In Presseartikeln soll die Herkunft nur dann auftauchen, wenn ein „begründetes öffentliches Interesse“ besteht. So steht es im Kodex des Presserats, den alle großen Redaktionen unterschrieben haben.

Die Richtlinie wird zunehmend strenger ausgelegt, was dazu führt, dass viele Redakteure bei Gesetzesübertretungen den Hinweis, woher einer stammt, unter den Tisch fallen lassen. Die Leser machen sich natürlich trotzdem ihren Reim auf die Geschichte.

Wenn in einem Artikel davon die Rede ist, dass die Gäste einer Hochzeitsfeierdie A3 blockiert haben, um auf der Autobahn zu feiern, weiß der kundige Leser schon, dass es sich hierbei nicht um eine normale deutsche Hochzeitsgesellschaft gehandelt haben dürfte. Das Entzünden von Feuerwerkskörpern aus dem Wagen heraus ist hierzulande als Hochzeitsbrauch eher unüblich. Auch gewagte Bremsmanöver oder qualmende Reifen als demonstrative Freudenbekundung haben sich in Deutschland noch nicht wirklich durchgesetzt.

Einige Argumente, die für eine Anonymisierung sprechen, sind nicht so leicht von der Hand zu weisen. Was nützt es mir, lässt sich fragen, wenn ich erfahre, dass der auf frischer Tat gestellte Ladendieb kein Landsmann, sondern, sagen wir, Syrer ist? Im Zweifel wird es meine Einstellungen gegenüber Syrern im Allgemeinen ändern. Das wäre allerdings sehr ungerecht gegenüber jedem unbescholtenen Flüchtling, der sich eher einen Arm ausreißen würde, als bei Edeka mopsen zu gehen.

Das Problem ist, dass nach dieser Logik streng genommen auch die Nennung von Geschlecht oder Alter unterbleiben müsste. Wenn ich immer wieder zu hören bekomme, was Männer so alles Frauen antun, führt das dazu, dass ich von Männern insgesamt ein schlechtes Bild entwickle.

Sich blind und taub stellen, weil das gerechter wirkt?

Man weiß, dass die Delinquenz im Alter zwischen 18 und 30 Jahren ihren Höhepunkt erreicht, um ein anderes Beispiel zu nennen. Rentner machen in der Kriminalitätsstatistik eine Minderheit aus. Weil bei jeder Straftat das Alter des Täters erhoben wird, sind ältere Menschen unwillkürlich alarmiert, wenn eine Gruppe lärmender Jugendlicher die U-Bahn betritt. Der klassische Fall, wo man aus der Gruppenzugehörigkeit auf den Einzelnen schließt, also genau der Mechanismus, den man außer Kraft setzen möchte.

Ich bin trotzdem dagegen, bei der Täterbeschreibung wichtige Angaben zu unterschlagen. Dass manche Delikte in bestimmten Gruppen gehäuft auftreten, halte ich für einen Umstand, über den sich nachzudenken lohnt. Man könnte daraus ja auch den Schluss ziehen, dass man hier mehr tun müsse, zum Beispiel durch gezielte Förderung oder Sozialprogramme.

Was die Integration angeht, gibt es zwischen Ausländern in Deutschland große Unterschiede. Ich habe gelesen, dass 90 Prozent der Libanesen, die sich in Deutschland aufhalten, Hartz IV beziehen, aber nur 18 Prozent der hier lebenden Nigerianer, obwohl man es als Nigerianer in Deutschland sicher auch nicht leicht hat. Was ist da schiefgelaufen? Das würde mich wirklich interessieren. Sich blind und taub zu stellen, nur weil das gerechter wirkt, scheint mir keine kluge Strategie zu sein.

Heikles Thema

Auch beim Zuzug ließen sich Konsequenzen ziehen. Ich weiß, das ist ein heikles Thema, ich begebe mich damit in gefährliche Nähe zu einem Shitstorm. Aber ich würde mir überlegen, ob ich jeden jungen Schweizer ins Land ließe, wenn sich herausstellen sollte, dass die Zahl der Schweizer, die anschließend beim Drogenhandel auffallen, den Rahmen des Üblichen sprengt.

Bevor jetzt alle aufschreien, das sei Rassismus, darf ich daran erinnern, dass bei der Visavergabe aus gutem Grund genau hingesehen wird, wer sich um Einreise bemüht. Wäre die Sozialprognose des Antragstellers unerheblich, bräuchte man keine Visa. Prognosen beruhen immer auf der Hochrechnung kollektiv erhobener Daten.

Das Beruhigende bei Vorurteilen ist, dass die meisten Menschen nach einer persönlichen Begegnung bereit sind, sie zu korrigieren. Sie sagen dann: Kolumnisten sind an sich grausliche Leute, die alles besser zu wissen glauben, aber es gibt auch Ausnahmen. Womit bewiesen wäre, dass man das, was man über eine Gruppe von Menschen liest, nicht überbewerten sollte.

1 Kommentare

  1. Thomas Seubert

    Noch steht der „Zigeunerbaron“ auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen

    Nicht, dass ich dieses Opus zum unverzichtbaren Kern oder einem Highlight der globalen Musik- oder Bühnengeschichte erkläre wollte, aber es gehört nun einmal dazu.
    Unabhängig davon, ob man es nun ästhetisch gut findet, oder, wie ich, es definitiv gar nicht mag, muss mann dem Stück jedenfalls zugute halten, dass es, beruhend auf der Novelle „Sáffi“ von Mór Jókai, gerade das Gegenteil eines nationalistischen oder diskriminierenden Kontextes transportiert.
    Die Tatsache, dass noch Aufführungen des „Zigeunerbaron“ geplant sind, darf jedoch nicht dazu verleiten, sich der Hoffnung hinzugeben, die Gegner des Küchenklassikers „Zigeunerschnitzel“ würden in diesem Fall etwa dauerhaft von der Notwendigkeit einer Geschichtsklitterung absehen. Nein, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Werk der Zensur politischer Korrektheit zum Opfer fallen wird.

    Ich kann mich allerdings noch nicht entschieden, was m.E. dann für das Werk die bessere Lösung wäre:
    Eine „zeitkritisch überarbeitete, kommentierte Fassung“ zu erhalten, die aus dem unaussprechlichen „Zigeunerbaron“ dann analog zum Engel, der zur „Jahresendfigur mit Flügel“ mutierte, so etwas macht wie: „illegitimer, fiktiver Autokrat einer, nur zu Diskriminierungszwecken frei erfundenen Ethnie mit angeblich nicht sesshafter Lebensweise“. Ich habe das Libretto nun nicht auswendig im Kopf, befürchte aber, dass in diesem Fall der Wortakrobatik wohl dann auch an die Musik von Strauss Hand angelegt werden müsste.
    Oder schlicht von den Spielplänen genommen zu werden! Schließlich ist seine diskriminierende Sprache nur eines der Probleme des Stückes: Gerade seine populären Texte sind geradezu Hymnen auf die Haltung von Tieren zum Zwecke der späteren Schlachtung und des Verzehrs, etwas das jeden Veganer natürlich traumatisierenden muss und ihn zur spontanen Absonderung von biologisch selbsterzeugten Buttersäure-Aromen am Aufführungsort legitimiert. Das Werk würde in diesem Fall nur noch in historischen Konserven weiter existieren, die nur noch verschwörerisch als „Bückware“, „unter dem Tisch“ an einschlägig interessierte Kundige illegal weiterverteilt wird, wie das früher einmal mit Pornographieerzeugnissen geschah.
    Wenn ich aber kurz nachdenke: Auch für ein ungeliebtes Werk wäre bücken besser als beugen!

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