Schlagwort: Blackout

Das Hufeisen der Ängste

Wer Vorräte anlegt, gilt als rechts. Dabei stammen die Pioniere der Survival-Szene aus der grünen Bewegung. Und Hand aufs Herz: Wenn der nächste Blackout kommt, ist man froh, trotzdem ein paar Suppendosen gebunkert zu haben

Ich möchte heute über den Prepper schreiben. Es wird ein hartes Jahr, da sollte man gewappnet sein.

Prepper kommt vom englischen Wort „prepared“, also vorbereitet. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wusste schon meine Großmutter. Aber Prepper haben keinen guten Leumund. Wer Vorräte anlegt, gilt als rechts.

In der „taz“, der linken Tageszeitung aus Berlin, stand neulich, weshalb größere Vorratshaltung nicht nur unsinnig, sondern auch politisch zweifelhaft sei. Die NDR-Journalistin Anja Reschke hat dem Prepper sogar ein eigenes Segment in ihrer Sendung gewidmet.

Ein paar Lebensmittel oder Batterien auf Vorrat seien okay, das empfehle sogar die Bundesregierung. Aber ein ganzes Warenlager im Keller? „Ein ähnliches Misstrauen gegenüber Staat, Politik und Eliten findet man auch bei Anhängern von Verschwörungsmythen, Menschen der Querdenkerbewegung, Reichsbürgern und, genau, dem rechtsextremen Milieu.“

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, da war der Prepper gesellschaftlich durchaus gelitten. Das Wort Prepper kannte man noch nicht. Der Prepper hieß damals Überlebenskünstler. Aber es lief auf das Gleiche hinaus: sich beizeiten mit dem Lebensnotwendigen eindecken, damit man auch eine Katastrophe übersteht.

Es ist kein Zufall, dass der Überlebenskünstler mit der Friedensbewegung auf den Plan trat. Dass die Welt auf der Kippe stehe, weil man mit der Aufrüstung im Westen zu sehr die russische Atommacht reize, war ein Lebensgefühl, das Hunderttausende auf die Straße brachte. Damals galt das allerdings als links und nicht als rechts.

Einen festen Platz in meiner Bibliothek hatte „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ von John Seymour, in dem man lernte, wie man fachgerecht ein Schwein zerteilt und sein Sommergetreide so einlagert, dass es den Winter übersteht. Ich weiß nicht, ob aus mir ein guter Selbstversorger geworden wäre. Aber in jedem Fall gab einem die Lektüre das beruhigende Gefühl, sich schon mal mental auf das Undenkbare vorbereitet zu haben.

Der Held der jungen Bewegung war der Hamburger Konditormeister Rüdiger Nehberg, der seinen Fans vormachte, wie man jeden Kollaps überlebt, indem er sich mit Sandalen und Badeshorts am Amazonas aussetzen ließ. Seine kleine Insektenküche („Wer sich vor Heuschrecken, Maden oder Termiten ekelt, der ist lediglich Opfer gesellschaftlicher Gepflogenheiten“) war nicht nach jedermanns Geschmack.

Doch damals wie heute gilt: Wer den Zusammenbruch jeder zivilen Ordnung meistern will, darf nicht zu zimperlich sein. Was sich geändert hat: An den Schalthebeln der Macht sitzen heute die Leute, die wie ich in ihrer Jugend John Seymour gelesen haben. Ich vermute, das ist der entscheidende Grund, weshalb Survival heute als rechts gilt.

Angst ist ein mächtiges Gefühl. Es ist so mächtig, dass es mühelos die Lagergrenze überwindet.

Es gibt zwei Gruppen, die die Angst besonders fest im Griff hat: Menschen ganz links und ganz rechts der Mitte. Je weiter man politisch nach außen tendiert, desto größer die Untergangsangst. Ganz links ist es der Klimatod, der uns unweigerlich das Lebenslicht ausblasen wird. Ganz rechts ist es, neben dem Raketensturm auf Berlin, der messerschwingende Migrant, der einen bis in den Schlaf verfolgt.

Deshalb sind sie ganz links und ganz rechts auch so schlecht am Zahn zu haben. Wer von seinen Ängsten dominiert wird, neigt zu Hysterie. Das Theatralische und Exaltierte ist immer in Griffnähe, auch das Verspannte und Verstörte. Ich will jetzt keine Namen nennen. Ich glaube, jeder weiß auch so, wovon ich rede.

Meine Kollegin Carolin Blüchel, mit der ich zusammen den Podcast aufnehme, überraschte mich vorletzte Woche mit dem Geständnis, dass sie zu Weihnachten einen Survival-Kit geschenkt bekommen habe. „Grubenlampe, kurbelgetriebenes Radio, Feuchttücher – alles drin“, sagte sie mit einem triumphierenden Lächeln. Das Preppen ist gesellschaftlich offensichtlich doch weiter akzeptiert, als Frau Reschke sich das vorstellen kann.

Meine eigenen Erfahrungen beschränken sich auf das Horten von Tee und Keksen. Wenn man ernsthaft daran denkt, mehr als zwei Wochen ohne Leitungswasser durchzustehen, braucht man enorme Wassermengen. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu werden, aber dann vor der Anzahl der einzulagernden Wasserflaschen kapituliert.

Die Ravioli, die ich während der Corona-Krise besorgt hatte, habe ich letztes Jahr auf Drängen meiner Frau entsorgt. Ich dachte, die könne man gefahrlos über das Verfallsdatum verspeisen. Aber nichts da. In jeder Dose lauert das gefürchtete Botulinumtoxin, wie mir ein Zuhörer unseres Podcasts jetzt mitteilte. Dank an dieser Stelle nach Leipzig für den Hinweis!

Sogar in der Redaktion der „taz“ hat ein Umdenken eingesetzt. Nach dem Blackout in Berlin veröffentlichte die Zeitung den Link zu einer Liste, was man auf jeden Fall im Haus haben sollte, um die ersten kritischen Tage zu überstehen.

Ich glaube, viele Menschen kommen gerade ins Grübeln. Wie einem die Experten erklären können, sind nicht nur in der Hauptstadt die Stromleitungen so leicht zugänglich, dass jeder Depp sich daran zu schaffen machen kann. Anderswo stellen sie sich dann anschließend beim Krisenmanagement nicht so ungeschickt an. Aber der Strom ist trotzdem weg.

Ich habe aufgehört zu zählen, was alles in Deutschland als Hinweis auf eine rechte Gesinnung gilt. Tracht. Zöpfe bei kleinen Mädchen. Seitenscheitel. Rüdes Verhalten. Zu höfliches Verhalten (Sie lachen, aber das war original die Antwort der Linkspartei-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow auf die Frage, woran man Nazis erkennt: übertriebene Freundlichkeit). Wandern. Dickmilch statt Kefir. Okay, das Letzte habe ich mir ausgedacht. Aber es liegt auf der gleichen Linie.

Der einfachste Weg, sich dem Preppen in den Weg zu stellen, wäre, den Leuten die Angst zu nehmen, sie wären im Notfall allein. Wer den Eindruck hat, er kann sich auf den Staat verlassen, denkt nicht über Dosensuppen in Palettenmenge nach. Eine handlungsfähige Regierung, das wär’s. Dann könnte man auch den Stauraum im Keller wieder für andere Dinge nutzen.

Aber das ist vermutlich zu einfach gedacht. Deshalb braucht es weitere Sendungen, warum die eigentliche Gefahr nicht vom Blackout droht, sondern von denjenigen, die sich darauf vorbereiten.

Weil sich diese Kolumne auch als Serviceplattform versteht, zum Schluss für alle, die wissen wollen, wie man ohne Supermarkt und fließend Wasser überlebt, noch ein paar Tipps, die ich dem unentbehrlichen Überlebensratgeber „Was Oma und Opa noch wussten“ entnommen habe.

Tauwasser lässt sich gewinnen, indem man sich möglichst saugfähigen Stoff um die Knöchel bindet und damit durch hohes Gras geht. Brennnesselspinat übertrifft mit seinem hohen Vitamin-C-Gehalt sogar die vitaminreichen Paprika. Und falls man am Abend zu tief ins Glas geschaut hat, als man in Ermangelung anderer Getränke den Weinkeller leerte: Birkenblätter entgiften die Körpergefäße, ohne Leber und Nieren zu belasten.

 

Anfang des Sturms

Eben noch galten die Grünen als Partei, die den nächsten Kanzler stellt. Die Weigerung, alles gegen die Energiekrise zu tun, macht zunichte, was sich die Parteispitze an Vertrauen aufgebaut hat

Bis vor einer Woche war die Energiekrise eine Krise der beiden ehemaligen Volksparteien, also von CDU/CSU und SPD. Das war zwar schon da nicht ganz richtig, weil es die grüne Energiewende ist, die wesentlich zu den Kalamitäten beigetragen hat, in denen wir uns befinden. Aber am Ende zählt, wer regiert, und das waren über die vergangenen 16 Jahre nun mal nicht die Grünen.

Seit Anfang vorletzter Woche ist die Krise eine grüne Krise. Alles, was in diesem Winter noch kommen mag, wird nun ihnen zugerechnet werden: das Unternehmensterben, das der Verdoppelung des Strompreises folgen wird; die Blackouts, wenn die Netze kollabieren, weil nicht mehr genug verlässliche Kraftwerke da sind.

Ich hielt die Grünen für smart, jedenfalls strategisch. Ich habe ihnen zugetraut, den nächsten Kanzler zu stellen. Kurze Zeit sah es so aus, als ob das Projekt aufgehen könnte, die gesellschaftliche Mitte zu erobern. Die Weigerung, alles zu tun, was nötig ist, um den Meltdown abzuwenden, ist deshalb ein Fehler, dessen Auswirkung man gar nicht überschätzen kann. Er ist geeignet, alles an Vertrauen zuschanden zu machen, was sich die Partei in den letzten Monaten erarbeitet hat.

Wir stehen am Anfang des Sturms. Man sieht das Wetterleuchten. Kein Tag, an dem man in den Zeitungen nicht von Betrieben lesen kann, die keine Ahnung haben, wie sie die Stromrechnungen schultern sollen. Am schlimmsten sind Unternehmen betroffen, die alles richtig machen wollten und auf eine moderne Gasturbine gesetzt haben. Wer jetzt noch Öl oder Kohle verfeuern kann, hat wenigstens eine Alternative.

Es trifft auch Branchen, auf die man nicht sofort kommt. Ich bin am Samstag bei einer Gartenparty auf einen Arzt gestoßen, der vor drei Jahren in eine radiologische Praxis in München eingetreten ist. Seine Rechnungsstelle hat ihn vergangene Woche angeschrieben, er möge sich auf eine Nachzahlung von 1,2 Millionen Euro bei den Stromkosten einstellen. Radiologische Großgeräte sind Stromfresser, die sich nicht einfach über Nacht abstellen lassen. Das vertragen die Magnete nicht, die es zur Bildgewinnung braucht.

„Mal schauen, wie lange wir durchhalten“, sagte der Radiologe. Ich fand ihn erstaunlich gefasst. Ich könnte nicht mehr schlafen, wenn man mir eine Mehrzahlung von 1,2 Millionen Euro in Aussicht stellen würde. Aber als wir auf die Entscheidung des Wirtschaftsministers zu sprechen kamen, die Kernkraftwerke vom Netz zu nehmen, war es mit dem Gleichmut vorbei. Man konnte sehen, wie in dem Mann Unverständnis und Wut die Oberhand gewannen.

Nicht nur mein Radiologe fragt sich, warum wir nicht alles tun, um den Schaden für das Land so gering wie möglich zu halten. Zwei Wochen ist es jetzt her, dass Robert Habeck seinen Plan vorstellte, die deutsche Kernkraft in die stille Reserve zu überführen. Bis heute weiß niemand, wie das gehen soll. Mit einem Atomkraftwerk verhält es sich wie mit dem Computertomografen meines radiologischen Bekannten: Manche Anlagen haben keinen Ein- und Ausschalter. Habeck hat seinen Kritikern geantwortet, dass alle, die meinten, sein Plan funktioniere nicht, ihn nicht verstanden hätten. Was genau er sich vorstellt, hat er leider nicht dazugesagt.

Es gibt in der Politik ein paar unumstößliche Gesetze. Ein Skandal, für den man mehr als einen Satz braucht, ist kein Skandal. Deswegen war im Wahlkampf das Schummelbuch von Annalena Baerbock ein großes Thema und nicht die Cum-Ex-Vergangenheit von Olaf Scholz, obwohl Letzteres sehr viel bedeutsamer ist als Ersteres. Genauso gilt: Eine Erklärung, für die ich mehr als eine Minute brauche, ist als Erklärung unbrauchbar.

Niemand wusste das bislang besser als die Grünen. Sie haben die Chlorhühnchen erfunden und den Genmais, um Deutschland vor fremden Gütern zu schützen. Wenn ihre Gegner ansetzten, die Vorteile von Handelsabkommen mit fernen Ländern zu erklären, lachten sie nur.

Und jetzt suchen sie ihr Heil in der Merit-Order, also der Reihenfolge von Kraftwerken bei der Preisgestaltung? Good luck. Ich habe am Wochenende den Versuch gemacht, zu erklären, wie sich der Preis am Strommarkt berechnet. Ich konnte sehen, wie der Blick meines Gesprächspartners ins Leere ging. Bei Greenpeace wusste man schon, warum man immer den Delfin ins Schaufenster stellte und nie die unterseeische Riesenspinne, die es genauso verdient hätte, am Leben zu bleiben.

©Sören Kunz

Ist das AKW ein Symbol? Selbstverständlich ist es das. Bei der Stromerzeugung macht die Kernenergie nur noch sechs Prozent aus. Aber so ist es in Kriegszeiten: Manchmal geht es auch um Symbole. Das gilt erst recht, wenn den Leuten das Wasser bis zum Hals steht.

Wenn man den Brief mit der neuen Abschlagszahlung in Händen hält, ist es gut zu wissen, dass die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tut, um die Situation in den Griff zu bekommen. Und nicht sagt: „Sorry, ist schlimm, dass du jetzt das Fünffache zahlen sollst. Wir haben da auch 300 Euro für dich. Aber was die Stromgewinnung angeht, müssen wir leider Rücksicht auf die grüne Seele nehmen.“

Mit der Energiewende ist es wie mit dem Sozialismus. Es ist nie die Idee schlecht, immer nur die Ausführung. Selbstverständlich wird am Ziel festgehalten, nach der Atomkraft aus der Kohle auszusteigen. Dummerweise ist es genau diese Fixierung auf die Erneuerbaren, die uns in die Abhängigkeit vom russischen Gas geführt hat. Die Grünen haben immer vor Putin gewarnt, das unterscheidet sie vorteilhaft von anderen Parteien. Allerdings hat dann die grüne Energiewende die Dinge noch viel schlimmer gemacht, weil nach dem Aus für Kohle und Kernkraft nur Gas als verlässlicher Energieträger übrig blieb.

Im Koalitionsvertrag ist der Bau weiterer Gaskraftwerke angekündigt. „Erdgas ist für eine Übergangszeit unverzichtbar“, heißt es dort in einer raren Verbeugung vor der Wirklichkeit. Es wäre interessant zu wissen, ob sich die Koalition daran halten will oder ob sie darauf setzt, dass aus dem Nichts andere Energieträger auftauchen. Vielleicht verzichtet man auch einfach auf die sogenannte Grundlast, also Energielieferanten, die von den Launen des Wetters unabhängig sind. Das würde passen zu einer Welt, in der Wille und Vorstellung zählen und nicht die schnöden Gesetze der Physik.

Sie halten das für einen Witz? Ich erinnere mich an einen Tweet, in dem das Bundesumweltministerium vor der Gaskrise erklärte: „Grundlast wird es im klassischen Sinn nicht mehr geben.“ Statt auf Grundlast setzte man auf ein System von Erneuerbaren, Speichern und intelligenten Netzen. Im Umweltministerium war man immer schon weiter als in der normalen Politik. Jetzt muss nur noch die Wirklichkeit nachfolgen.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat Anfang der Woche die Meinung der Deutschen zur Laufzeit der Atomkraftwerke erfragt. 67 Prozent sind dafür, dass die drei noch in Betrieb befindlichen Meiler bis 2024 zur Stromerzeugung genutzt werden. Selbst unter Grünen-Wählern gibt es einen Stimmungsumschwung. Der Teil derer, der einen Weiterbetrieb befürwortet, liegt mit 41 Prozent nicht mehr so weit hinter dem Teil, der für Abschaltung beziehungsweise Reserve ist.

Wäre ich ein Grünen-Hasser, würde ich mir wünschen, dass die Parteispitze möglichst lange an ihrem Ausstiegsbeschluss festhält. Spätestens wenn im Januar während der Dunkelflaute die Lichter ausgehen, weil Sonne und Wind mit dem Stromverbrauch nicht mithalten, haben sich die Ambitionen auf Höheres fürs Erste erledigt.

Wenn die Tesla-Besitzerin ihren Wagen nicht mehr von der Stelle bekommt, weil die Ladestation streikt, dann ist die grüne Partei wieder dort, wo sie herkommt: nicht mehr Lifestyle-Entscheidung für die gehobene Mittelschicht, sondern ein Angebot an die wirklich Überzeugten, die sich ihre Überzeugung auch etwas kosten lassen. Das reicht dann immer noch für den Bundestag. Mit dem Einzug ins Kanzleramt wird’s allerdings schwer.

Die Ringe der Macht

Die Grünen haben sich von vielem getrennt: dem Antikapitalismus, der freien Liebe, dem Pazifismus. Nur vom Kampf gegen die Atomkraft wollen sie partout nicht lassen, egal, was auch passiert. Versuch einer Erklärung

Die ehemalige Grünen-Vorsitzende Simone Peter sagt, wir sollten froh sein, dass wir von der „teuflischen Energiequelle“ Atomkraft befreit wurden. Ich finde es schön, dass in unserer gegenwartsfixierten Zeit noch jemand so redet. Selbst die Kirche hat aufgehört, vom Teufel zu sprechen.

Mir gefällt das. Ich hatte immer schon eine Schwäche für Volksfrömmigkeit. Ich bin nur skeptisch, ob sich damit die viertgrößte Industrienation der Welt durch die Krise steuern lässt. Die Welt des Glaubens und die Welt der Politik sind bei uns seit der Aufklärung aus gutem Grund getrennt.

Schicksalswoche für Deutschland: Kippt der Atomausstieg, kippt er nicht? Seit Dienstag großes Aufatmen in der grünen Gemeinde: Ritter Robert erstickt die Flamme des Höllenfeuers, Gasnotstand hin oder her.

Kein sogenannter Streckbetrieb, bei dem man versucht, aus den Brennstäben mehr rauszuholen, als eigentlich vorgesehen war. Schon gar keine Laufzeitverlängerung, wie sie der FDP vorschwebt. Das Atomkraftwerk im Emsland wird zum Jahreswechsel ganz abgeschaltet. Im Oktober wird in Niedersachsen gewählt, da will man im Bundesvorstand der Grünen keine Irritation an der Basis. Die beiden verbliebenen Kraftwerke im Süden gehen in die Reserve. Das heißt, sie sind noch da, aber praktisch eben auch nicht.

Seit Monaten lassen die Grünen nichts unversucht, den Deutschen einzureden, dass ein Weiterbetrieb der letzten Atommeiler ihre Energieprobleme nur vergrößern würde. Die Atomkraft würde die Netze für die Erneuerbaren verstopfen, erklärt der neue Parteivorsitzende Omid Nouripour. Das hat zwar wissenschaftlich so viel Substanz wie der grüne Glaube an Globuli. Aber bei „Maybrit Illner“ wird trotzdem fleißig genickt.

Der Vorsitzende der Grünen Jugend versucht es mit dem Argument, dass der Beschuss des ukrainischen Kernkraftwerks Saporischschja zeige, wie gemeingefährlich Atomkraft sei. Auch der Hinweis hinkt auf allen Füßen. Wenn russische Truppen Isar 2 umstellt haben, dann haben wir ganz andere Probleme als die Sicherheit unserer Nuklearindustrie, würde ich sagen. Aber mei, wenn’s dem eigenen Wohlbefinden dient, dass man sich zum Trottel macht.

Das Wort der Stunde ist „Hochrisikotechnologie“. Kein Auftritt, bei dem das Schreckenswort fehlen darf. Das Problem ist nur: Beim Blick auf die neuen Abschlagszahlungen auf ihrer Stromrechnung hätten viele Deutsche gerne ein bisschen mehr Hochrisikotechnologie, wenn es denn das finanzielle Hochrisiko mindern würde. Bei Saturn haben sie die Rolltreppen abgestellt, wie ich gelesen habe. Treppensteigen fürs Stromsparen – und im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin sagen sie, dass wir Atomstrom nicht länger brauchen. Mal sehen, wie weit das Argument trägt.

Es ist eigenartig: Die Grünen haben sich in ihrer Geschichte schon von allem Möglichen verabschiedet. Sie haben die Ideen zur Vergesellschaftung aller Produktionsmittel über Bord geworfen. Sie haben der freien Liebe abgeschworen und der antiautoritären Erziehung. Sogar dem unbedingten Pazifismus haben sie Adieu gesagt. Nur am Kampf gegen die Atomkraft halten sie eisern fest.

Den Grünen stünde ihre Ideologie im Wege, heißt es zur Erklärung. Ich weiß nicht, ob es das Wort „Ideologie“ wirklich trifft. Das emotionale Band zwischen Grünen und dem Feuer der Kernkraft scheint mir tiefer zu reichen. Hier sind Gefühlsschichten berührt, die sich der normalen Erklärung entziehen. Man müsste mit einem Experten für heidnische Glaubenswelten sprechen, um der Sache näherzukommen. Die klassische Politologie oder Psychologie ist hier jedenfalls mit dem Latein am Ende.

Ich habe mir vergangene Woche die ersten beiden Folgen der neuen Amazon-Serie „Die Ringe der Macht“ angeschaut. Da kam mir die Eingebung: Simone Peter und die Grünen würden perfekt nach Mittelerde passen. Ist für sie ein besserer Platz denkbar als die bukolische Welt, in der nichts mehr raucht und lärmt außer dem Herdfeuer der Hütten und dem sanften Flügelschlag des Windrads und wo hinter jedem Baum eine Fee und Elfe hervorlugt? Die Bewohner von Mittelerde wissen: Versündige dich nicht an Mutter Erde, sonst kommen die Orks aus dem Boden und verschlingen dich!

Der Kampf gegen die Atomkraft ist für die Teilnehmer der grünen Erlebnisgeneration ein übermenschliches Ereignis, ein Mythos. Ich weiß es, ich war dabei. Oder jedenfalls fast.

©Michael Szyszka

Ich war 16 Jahre alt, als es darum ging, in Brokdorf und Gorleben den Atomstaat in die Knie zu zwingen. Ich hatte zermürbende Diskussionen mit meiner Mutter, die mich nicht ins Wendland lassen wollte, wo sich die Zukunft des Landes, ach was: des Planeten entschied. Hätte ich eine Mutter gehabt wie die Kinder der „Letzten Generation“, die sich im Zweifel gleich mit auf die Straße klebt, wäre alles einfacher gewesen. Aber leider gehörte meine Mutter noch zu einer Generation von Eltern, die nicht die besten Freunde ihrer Kinder sein wollten.

Viel ist in diesen Tagen vom Egoismus der Boomer die Rede. Der verstockteste Boomer von allen ist der grüne Boomer, der stur an seinem Lebenstraum von einem atomfreien Deutschland festhält. Darum geht es im Kern: Rücksicht auf Jürgen Trittin und die seinen, damit sie weiter sagen können, sie hätten Deutschland befreit. Jede Kilowattstunde zählt? Nur solange der grüne Boomer stolz auf das Erreichte ist. Oder wie es der Trittin-Buddy und langjährige Umweltministeriumssprecher Michael Schroeren schrieb: „Ich habe fast 50 Jahre für den Ausstieg aus der Atomkraft gekämpft. Jetzt, kurz bevor die letzten vom Netz gehen, lass ich mir den Erfolg nicht klauen.“

Wenn man sich in mythischen Sphären bewegt, bleibt es nicht aus, dass irgendwann die Größenordnungen verschwimmen. Alles erscheint beängstigender und bedrohlicher, nicht nur nachts. Bis heute ist in grünen Publikationen zu lesen, das Reaktorunglück in Fukushima habe Zehntausende Opfer gefordert. In Wahrheit ist beim Brand kein einziger Anwohner zu Tode gekommen. Die einzigen Toten, die es in der Anlage zu beklagen galt, waren fünf Arbeiter – nach Arbeitsunfällen bei Aufräumarbeiten. Was 20000 Menschenleben kostete, war der Tsunami, der am 11. März 2011 über die Region hereinbrach. Es war das Wasser, das die Menschen umbrachte, nicht die Strahlung.

Es könnte ein sehr kalter Winter für die Grünen werden. Viele Menschen mögen zu beschäftigt sein, um dem politischen Geschäft im Detail zu folgen. Aber sie sind nicht blöd. Wenn ihr Wirtschaftsminister so tut, als könnte man mal eben auf vier Gigawatt Atomstrom verzichten, während er ihnen im selben Atemzug einschärft, die Duschköpfe zu wechseln, um den Wohlstand zu sichern, dann wissen sie, dass sie verkohlt werden.

Meiner Erfahrung nach verzeihen die Wähler mehr, als wir Journalisten oft denken. Ob jemand bei seiner Doktorarbeit oder den Flugmeilen geschummelt hat, spielt bei ihrer Wahlentscheidung keine große Rolle. Aber was sie definitiv nicht mögen, ist, wenn man sie für dumm zu verkaufen versucht.

Frau Peter hat mich übrigens auf Twitter geblockt, wie ich feststellen musste. Ich bin mir nicht bewusst, dafür einen Anlass geboten zu haben. Ich habe sie weder mit hässlichen Kommentaren heimgesucht, noch mich ihr anderweitig in ungebührlicher Weise genähert. Aber so ist das wahrscheinlich, wenn man in übersinnlichen Kategorien denkt: Dann muss man sich weiträumig vor allem schützen, was für das Wohlbefinden negativ sein könnte.

Haben wir schon über die diabolische Kraft des Internets gesprochen? Das sollten wir als Nächstes tun.