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Das Hufeisen der Ängste

Wer Vorräte anlegt, gilt als rechts. Dabei stammen die Pioniere der Survival-Szene aus der grünen Bewegung. Und Hand aufs Herz: Wenn der nächste Blackout kommt, ist man froh, trotzdem ein paar Suppendosen gebunkert zu haben

Ich möchte heute über den Prepper schreiben. Es wird ein hartes Jahr, da sollte man gewappnet sein.

Prepper kommt vom englischen Wort „prepared“, also vorbereitet. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wusste schon meine Großmutter. Aber Prepper haben keinen guten Leumund. Wer Vorräte anlegt, gilt als rechts.

In der „taz“, der linken Tageszeitung aus Berlin, stand neulich, weshalb größere Vorratshaltung nicht nur unsinnig, sondern auch politisch zweifelhaft sei. Die NDR-Journalistin Anja Reschke hat dem Prepper sogar ein eigenes Segment in ihrer Sendung gewidmet.

Ein paar Lebensmittel oder Batterien auf Vorrat seien okay, das empfehle sogar die Bundesregierung. Aber ein ganzes Warenlager im Keller? „Ein ähnliches Misstrauen gegenüber Staat, Politik und Eliten findet man auch bei Anhängern von Verschwörungsmythen, Menschen der Querdenkerbewegung, Reichsbürgern und, genau, dem rechtsextremen Milieu.“

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, da war der Prepper gesellschaftlich durchaus gelitten. Das Wort Prepper kannte man noch nicht. Der Prepper hieß damals Überlebenskünstler. Aber es lief auf das Gleiche hinaus: sich beizeiten mit dem Lebensnotwendigen eindecken, damit man auch eine Katastrophe übersteht.

Es ist kein Zufall, dass der Überlebenskünstler mit der Friedensbewegung auf den Plan trat. Dass die Welt auf der Kippe stehe, weil man mit der Aufrüstung im Westen zu sehr die russische Atommacht reize, war ein Lebensgefühl, das Hunderttausende auf die Straße brachte. Damals galt das allerdings als links und nicht als rechts.

Einen festen Platz in meiner Bibliothek hatte „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ von John Seymour, in dem man lernte, wie man fachgerecht ein Schwein zerteilt und sein Sommergetreide so einlagert, dass es den Winter übersteht. Ich weiß nicht, ob aus mir ein guter Selbstversorger geworden wäre. Aber in jedem Fall gab einem die Lektüre das beruhigende Gefühl, sich schon mal mental auf das Undenkbare vorbereitet zu haben.

Der Held der jungen Bewegung war der Hamburger Konditormeister Rüdiger Nehberg, der seinen Fans vormachte, wie man jeden Kollaps überlebt, indem er sich mit Sandalen und Badeshorts am Amazonas aussetzen ließ. Seine kleine Insektenküche („Wer sich vor Heuschrecken, Maden oder Termiten ekelt, der ist lediglich Opfer gesellschaftlicher Gepflogenheiten“) war nicht nach jedermanns Geschmack.

Doch damals wie heute gilt: Wer den Zusammenbruch jeder zivilen Ordnung meistern will, darf nicht zu zimperlich sein. Was sich geändert hat: An den Schalthebeln der Macht sitzen heute die Leute, die wie ich in ihrer Jugend John Seymour gelesen haben. Ich vermute, das ist der entscheidende Grund, weshalb Survival heute als rechts gilt.

Angst ist ein mächtiges Gefühl. Es ist so mächtig, dass es mühelos die Lagergrenze überwindet.

Es gibt zwei Gruppen, die die Angst besonders fest im Griff hat: Menschen ganz links und ganz rechts der Mitte. Je weiter man politisch nach außen tendiert, desto größer die Untergangsangst. Ganz links ist es der Klimatod, der uns unweigerlich das Lebenslicht ausblasen wird. Ganz rechts ist es, neben dem Raketensturm auf Berlin, der messerschwingende Migrant, der einen bis in den Schlaf verfolgt.

Deshalb sind sie ganz links und ganz rechts auch so schlecht am Zahn zu haben. Wer von seinen Ängsten dominiert wird, neigt zu Hysterie. Das Theatralische und Exaltierte ist immer in Griffnähe, auch das Verspannte und Verstörte. Ich will jetzt keine Namen nennen. Ich glaube, jeder weiß auch so, wovon ich rede.

Meine Kollegin Carolin Blüchel, mit der ich zusammen den Podcast aufnehme, überraschte mich vorletzte Woche mit dem Geständnis, dass sie zu Weihnachten einen Survival-Kit geschenkt bekommen habe. „Grubenlampe, kurbelgetriebenes Radio, Feuchttücher – alles drin“, sagte sie mit einem triumphierenden Lächeln. Das Preppen ist gesellschaftlich offensichtlich doch weiter akzeptiert, als Frau Reschke sich das vorstellen kann.

Meine eigenen Erfahrungen beschränken sich auf das Horten von Tee und Keksen. Wenn man ernsthaft daran denkt, mehr als zwei Wochen ohne Leitungswasser durchzustehen, braucht man enorme Wassermengen. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu werden, aber dann vor der Anzahl der einzulagernden Wasserflaschen kapituliert.

Die Ravioli, die ich während der Corona-Krise besorgt hatte, habe ich letztes Jahr auf Drängen meiner Frau entsorgt. Ich dachte, die könne man gefahrlos über das Verfallsdatum verspeisen. Aber nichts da. In jeder Dose lauert das gefürchtete Botulinumtoxin, wie mir ein Zuhörer unseres Podcasts jetzt mitteilte. Dank an dieser Stelle nach Leipzig für den Hinweis!

Sogar in der Redaktion der „taz“ hat ein Umdenken eingesetzt. Nach dem Blackout in Berlin veröffentlichte die Zeitung den Link zu einer Liste, was man auf jeden Fall im Haus haben sollte, um die ersten kritischen Tage zu überstehen.

Ich glaube, viele Menschen kommen gerade ins Grübeln. Wie einem die Experten erklären können, sind nicht nur in der Hauptstadt die Stromleitungen so leicht zugänglich, dass jeder Depp sich daran zu schaffen machen kann. Anderswo stellen sie sich dann anschließend beim Krisenmanagement nicht so ungeschickt an. Aber der Strom ist trotzdem weg.

Ich habe aufgehört zu zählen, was alles in Deutschland als Hinweis auf eine rechte Gesinnung gilt. Tracht. Zöpfe bei kleinen Mädchen. Seitenscheitel. Rüdes Verhalten. Zu höfliches Verhalten (Sie lachen, aber das war original die Antwort der Linkspartei-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow auf die Frage, woran man Nazis erkennt: übertriebene Freundlichkeit). Wandern. Dickmilch statt Kefir. Okay, das Letzte habe ich mir ausgedacht. Aber es liegt auf der gleichen Linie.

Der einfachste Weg, sich dem Preppen in den Weg zu stellen, wäre, den Leuten die Angst zu nehmen, sie wären im Notfall allein. Wer den Eindruck hat, er kann sich auf den Staat verlassen, denkt nicht über Dosensuppen in Palettenmenge nach. Eine handlungsfähige Regierung, das wär’s. Dann könnte man auch den Stauraum im Keller wieder für andere Dinge nutzen.

Aber das ist vermutlich zu einfach gedacht. Deshalb braucht es weitere Sendungen, warum die eigentliche Gefahr nicht vom Blackout droht, sondern von denjenigen, die sich darauf vorbereiten.

Weil sich diese Kolumne auch als Serviceplattform versteht, zum Schluss für alle, die wissen wollen, wie man ohne Supermarkt und fließend Wasser überlebt, noch ein paar Tipps, die ich dem unentbehrlichen Überlebensratgeber „Was Oma und Opa noch wussten“ entnommen habe.

Tauwasser lässt sich gewinnen, indem man sich möglichst saugfähigen Stoff um die Knöchel bindet und damit durch hohes Gras geht. Brennnesselspinat übertrifft mit seinem hohen Vitamin-C-Gehalt sogar die vitaminreichen Paprika. Und falls man am Abend zu tief ins Glas geschaut hat, als man in Ermangelung anderer Getränke den Weinkeller leerte: Birkenblätter entgiften die Körpergefäße, ohne Leber und Nieren zu belasten.

 

Die „Hier gibt’s nichts zu sehen“-Strategie

Das beliebteste Talkshow-Mantra lautet derzeit, dass man über bestimmte Themen besser nicht redet, weil das nur die Rechten stärke. Aber wer weiß: Vielleicht liegt genau hier der Grund, weshalb die Rechten immer stärker werden?

Beim Aufräumen bin ich auf einen älteren Leitartikel aus der „Zeit“ gestoßen. Es ging um die Klimawahl in Hamburg, die zur Überraschung vieler, auch der rot-grünen Stadtregierung, von den Befürwortern rigoroser Maßnahmen gewonnen wurde.

In Hamburg hätten die meisten Politiker darauf gesetzt, dass Klimapolitik aus dem Bewusstsein der Bürger verschwinde, wenn man nicht darüber rede, schrieb die Redakteurin. „Die Strategie schlug fehl, weil das Problem nicht schon dadurch verschwindet, dass Politik und Medien es ignorieren, im Gegenteil, die Klimakrise wird immer größer, und der Meeresspiegel steigt.“

Die Autorin, Petra Pinzler, hat aus meiner Sicht absolut recht. Es ist selten eine gute Idee, die Leute für dumm verkaufen zu wollen. Sie sehen ja, was los ist, auch wenn die Politik die Realität totzuschweigen versucht. Und die wenigsten Probleme verschwinden, indem man sie einfach ignoriert. Meistens werden sie sogar größer, wenn man sich nicht darum kümmert. Doch merkwürdigerweise wird die Schweigestrategie im Umgang mit vielen Problemen empfohlen, auch von den Leuten, die bei der Klimapolitik zu Recht einwenden, dass Ignorieren keine Lösung sei.

Der Klassiker ist der Streit um den richtigen Umgang mit der Migration. Man muss „Klimakrise“ und „Meeresspiegel“ nur durch „Stadtbild“ oder „Grenzkontrolle“ ersetzen, und schon läuft die Diskussion ganz anders. Wann immer sich ein Problem auftut, heißt es dann, man solle besser nicht darüber reden, weil man sonst das Geschäft der Rechten besorge.

Der andere Satz, der nahezu unweigerlich folgt, lautet: Die Leute wählen das Original und nicht die Kopie. Auch das läuft darauf hinaus, von allem die Finger zu lassen, was irgendwie strittig ist. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was bei der Befassung mit der Klimakrise als die richtige Vorgehensweise gilt.

Das Prinzip „Bloß nicht drüber reden, dann wird schon alles gut“ gilt längst nicht mehr nur bei der Einwanderung. Eine kleine Liste von Problemen, bei denen von interessierter Seite so getan wird, als ob alles in Ordnung sei: Sicherheitslage auf Weihnachtsmärkten, Pisa-Ergebnisse in Schulen, Finanzierung bei der Rente. Da heißt es dann, das permanente Schlechtreden würde die Wähler verunsichern und damit das Vertrauen in die Demokratie untergraben.

Viele Bürger haben nicht auf Anhieb alle Fakten parat. Aber sie haben ein Gefühl dafür, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen. Wenn die Regierung die Verlässlichkeit des Generationenvertrags beschwört und dann heimlich immer gigantischere Beträge ins System pumpt, damit das System nicht kollabiert, merkt auch der Begriffsstutzigste, dass etwas nicht stimmen kann. In Wahrheit ist das Geld, das man über die Jahre für das Alter eingezahlt hat, einfach weg. Damit der Schmu nicht auffliegt, gehen jetzt schon 120 Milliarden an Steuergeld für Stützungsmaßnahmen drauf, das ist ein Viertel des Bundeshaushalts.

Neulich hat die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche den unverzeihlichen Fehler begangen, zu sagen, dass wir in Zukunft wohl etwas länger arbeiten müssen, wenn wir uns unseren Wohlstand erhalten wollen. Es könne auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen.

Das galt als Tabubruch. Das Mantra der Regierung lautet, dass alle mehr davon haben, wenn wir laufend die Renten erhöhen – auch die Jungen, die es zahlen müssen. Weil: Dann ist ja das Rentenniveau höher, wenn sie später mal selbst in Rente gehen. Ich weiß, das klingt nach ziemlich übler Bauernfängerei, aber das ist das Argument von Bärbel Bas, unserer Sozialministerin.

In der realen Welt, außerhalb der Politik, wäre Frau Bas wegen Betreiben eines Schneeballsystems dran. Wenn man bei Google den entsprechenden Suchbegriff eingibt, erhält man folgende Definition: „Ein Schneeballsystem ist ein illegales Pyramidensystem, bei dem das Hauptziel die Rekrutierung neuer Mitglieder ist.“ Passt, würde ich sagen.

Teilnehmer zahlen Geld ein und werden ermutigt, weitere Mitglieder anzuwerben, deren Zahlungen dann an die Teilnehmer in der oberen Hierarchie weitergeleitet werden.“ Passt ebenfalls. „Das System kollabiert, da es nicht nachhaltig ist, weil es keine realen Produkte oder Dienstleistungen gibt, die den Wert der Zahlungen rechtfertigen.“ Also aus meiner Sicht beschreibt das ziemlich genau, wie bei uns das Rentensystem funktioniert.

Ich habe mich gefragt, was das eigentlich heißen soll: Die Leute würden im Zweifel das Original wählen? Gemeint ist vermutlich, dass sie immer der Partei den Vorzug geben, die die radikalste Antwort gibt. Aber das hat die SPD nicht davon abgehalten, den Mindestlohn zu erhöhen, obwohl die Linkspartei sehr viel weitergehende Vorschläge hat.

Was richtig ist: Es gibt immer jemand, der noch mehr zu bieten hat, also im Zweifel mehr Bürgergeld, mehr Rente, mehr Abschiebung. Dennoch wählen die Leute in der Mehrheit eher moderate Kräfte. Die Linkspartei verspricht den Leuten, das Rentenniveau auf 53 Prozent zu erhöhen. Die AfD will sogar auf 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens hinaus.

Der Fehler, den die CDU macht, ist ein anderer. Sie tut zu wenig bei den Themen, bei denen ihr die Wähler etwas zutrauen. Die Unzulänglichkeiten bei der Einwanderung bekümmern viele Deutsche. Aber noch mehr beschäftigt sie derzeit ausweislich der Umfragen der beängstigend schlechte Zustand der Wirtschaft.

Man sollte meinen, dass die CDU davon profitiert. Bis heute trauen ihr die Wähler in Wirtschaftsdingen so viel zu wie keiner anderen Partei. Interessanterweise steht an der Spitze der Union auch ein Mann, der damit für sich Wahlkampf gemacht hat: den Laden wieder zum Laufen zu bringen. Dafür waren viele am Wahltag sogar bereit, darüber hinwegzusehen, dass sie ihn rasend unsympathisch finden. Aber wenn man ausgerechnet auf dem Feld versagt, auf dem man für sich besondere Kompetenz beansprucht, muss man sich nicht wundern, wenn die Leute den Glauben verlieren. Das scheint mir der Kardinalfehler der Regierung Merz und nicht, dass sie Dinge im Stadt- und Landesbild anspricht, die ohnehin jeder sehen kann.

Interessanterweise haben sich auch viele Journalisten angewöhnt, an den Problemen vorbeizuschreiben. Wenn es ein Milieu gibt, in dem es als der Weisheit letzter Schluss gilt, um bestimmte Themen einen großen Bogen zu machen, weil man sonst angeblich die Falschen stärkt, dann ist es die Medienwelt. Also setzt man den Lesern lieber lang und breit auseinander, weshalb die grüne Energiewende trotz aller Verwerfungen genau der richtige Weg ist. Oder erklärt ihnen, warum man den Kriminalstatistiken zur Ausländerkriminalität nicht trauen kann.

In einer Hinsicht funktionieren die Welt der Politik und die Welt des Journalismus sehr ähnlich: Beide hängen vom Zuspruch des Publikums ab. Man kann das als Politiker beziehungsweise Chefredakteur ignorieren. Aber dann passieren in der Regel zwei Dinge. Die Leute wenden sich ab (Auflagenschwund / Wählerschwund). Oder sie schauen sich nach Alternativen um. Aber möglicherweise fällt das auch schon unter die Themen, die man lieber nicht ansprechen sollte, weil sonst die Falschen profitieren.

© Michael Szyszka