Der falsche Kandidat

Friedrich Merz gilt als Mann von gestern. Dabei ist sein Problem nicht die angebliche Rückwärtsgewandtheit, sondern das Verspannte und Verklemmte, dass bei nahezu jedem Auftritt zum Vorschein kommt

Friedrich Merz hat auf „Bild TV“ ein Interview gegeben. Es ging um die Kandidatur für den CDU-Vorsitz und seine Konkurrenten. Was er von einem schwulen Bundeskanzler halten würde, wurde er gefragt. Ob er da Vorbehalte hätte? Mit der Frage war Jens Spahn gemeint, der bei den Beliebtheitswerten vor Merz liegt und von dem man weiß, dass er mit einem Mann verheiratet ist.

Es gibt in so einem Fall mehrere Möglichkeiten zu antworten. Man könnte sagen, dass man die Frage nicht verstehe. Warum es von Bedeutung sei, mit wem ein Kanzler zusammenlebe? Man könnte darauf verweisen, dass die Homosexualität eines Politikers vielleicht für andere ein Problem sei, aber nicht für einen selbst. Man könnte natürlich auch sagen, dass man nur jemanden an der Spitze der Regierung sehen will, der dem klassischen Familienbild entspricht. Das wäre die Variante, mit der sich am meisten Aufmerksamkeit generieren ließe.

Merz entschied sich für den Mittelweg. Die sexuelle Orientierung sei Privatsache, sagte er, um dann hinzuzufügen, wo aus seiner Sicht diese Privatsache ende: wenn Gesetze missachtet würden oder Kinder im Spiel seien. Einer, der bei Homosexualität an Gesetzesbruch und Pädophilie denkt, und das auch so äußert: Das hat es an der Spitze der CDU zuletzt vor 60 Jahren gegeben. Nicht einmal Helmut Kohl hätte sich zu einer solchen Aussage verleiten lassen.

Merz hat anschließend erklärt, dass er sich falsch verstanden fühle. Aber man muss die Frage nur leicht abwandeln, um zu erkennen, dass die Antwort, die er gab, nicht so harmlos ist, wie er es im Nachhinein gerne dargestellt wüsste. Nehmen wir für einen Moment an, die Frage hätte gelautet: „Armin Laschet hat eine 30 Jahre jüngere Freundin. Hätten sie Vorbehalte gegen einen Bundeskanzler, der eine so junge Frau hat?“ Hätte Merz dann auch gesagt, dass für ihn alles okay sei, solange sich die beiden an die Gesetze hielten und keine Kinder belästigten? Schwer vorstellbar. Und wenn ja: Es hätte ebenfalls Befremden ausgelöst.

Ich gebe zu, dass ich zwischenzeitlich versucht war, Merz in Schutz zu nehmen. Wenn Saskia Esken erklärt, es seien „Abgründe, in die wir da blicken“, denke ich: Mutter Gottes, wenn sie schon in einen Abgrund blickt, sobald ein CDU-Politiker im Interview über die eigenen Füße stolpert, wie will sie es dann nennen, wenn jemand mal wirklich Abgründe offenbart? Die Hölle? Aber man soll nicht im Trotz schreiben. Die Kandidatur von Merz ist in ernsthaften Schwierigkeiten, allerdings aus anderen Gründen, als viele meinen.

Seit es ihn wieder in die Politik zieht, eilt ihm der Ruf voraus, er wolle in die 50er Jahre zurück. Er sei ein Mann von gestern, heißt es. Wäre dies das Problem, dann würde ich sagen: Damit lässt sich leben. Der Reiz des Neuen wird bei Wahlen deutlich überschätzt. Die meisten Menschen verbinden mit der Vergangenheit positive Erinnerungen; ganze Industrien leben vom Retro-Schick und der Verklärung des Gestern.

Davon abgesehen: Auch die Grünen sehnen sich nach der Vergangenheit. Ihr Sehnsuchtsjahrzehnt liegt irgendwo um 1880, vor der Erfindung des Automobils, als der Bauer noch das Pferd bestieg statt den Diesel und der Wald von den Alpen bis zur Elbe reichte. Warum das nun fortschrittlicher sein soll, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja auch kein Kritiker der Moderne.

Ein Teil der Aufregung beruht auf ein er Verwechslung. Aus der Tatsache, dass sie in den Hamburger Redaktionen schäumen, wenn sie den Namen Merz hören, folgt nicht automatisch, dass seine Kandidatur erledigt wäre. Säßen seine Wähler beim „Stern“ oder beim „SPIEGEL“, dann hätte er es schon im ersten Anlauf nicht einmal in die Nähe des Parteitags geschafft. Ich glaube, dass Merz ein Problem hat, weil auch viele CDU-Anhänger in gesellschaftspolitischen Fragen weiter sind als der Kandidat. Selbst wenn sie gegen Schwule Vorbehalte hegen, wollen sie nicht, dass der Vorsitzende ihrer Partei und vermutlich nächste Kanzler solche äußert.

Die meisten Wähler wünschen sich als Regierungschef eine bessere Variante ihrer selbst, deshalb reagieren sie bei Politikern ja auch so allergisch auf Verfehlungen, die sie sich selbst oder ihrem Nachbarn sofort durchgehen ließen. Wer sich als Kanzler bewirbt, soll nicht abgehoben sein, aber eben auch nicht zu sehr wie das normale Volk. Die Leute mögen es nicht, wenn man auf sie herabschaut. Sie blicken jedoch ganz gerne zu den Menschen auf, die sie mit Macht ausstatten.

In einer Befragung durch das Meinungsforschungsinstitut Allensbach haben 41 Prozent die CDU/CSU als die sympathischste Partei in Deutschland genannt, mit weitem Abstand vor den Grünen, die 21 Prozent erreichen, und der SPD, die nur auf 15 Prozent kommt. Gemocht zu werden ist nicht alles, aber es ist als Wahlmotiv auch nicht zu unterschätzen. Kompetenz, politische Erfahrung, Durchsetzungsstärke: zweifellos wichtige Pluspunkte. Doch die Möglichkeit, sich durch die Stimmabgabe einer Gruppe anzuschließen, die als sympathisch wahrgenommen wird, wiegt mehr.

Sympathie ist allerdings schnell verspielt, auch deshalb sind die Einlassungen von Merz so dummerhaft. Es wirkt nun einmal nicht besonders sympathisch, in der Öffentlichkeit Vorurteile über Minderheiten zu äußern, schon gar nicht, wenn es gegen jemanden geht, mit dem man konkurriert. Da kann Merz noch so oft erklären, so sei das nie gemeint gewesen. Spahn hat den Satz auf sich bezogen, damit ist die Sache für ihn und gegen den Mann aus dem Sauerland entschieden.

Das Problem an Merz ist nicht seine angebliche Rückwärtsgewandtheit, sondern die Verspanntheit, die in nahezu jedem Interview zu Tage tritt. Nur Merz bringt es fertig, auf die Frage, worüber er mit seinen Kindern am Abendbrottisch rede, zu antworten: über die Generationengerechtigkeit. Klar, worüber auch sonst? Ich kenne kaum einen Politiker, der so auf Distanz zu Menschen bleibt. Vielleicht verachtet er sie insgeheim, das ist schwer zu sagen. Jedenfalls ist er im Kontakt erstaunlich unbeholfen. Ein Auftritt von Merz geht so: Er kommt rein. Er hält seinen Vortrag. Er grüßt ins Publikum. Er geht.

Seine Sprödigkeit hat ihn nicht daran gehindert, eine treue Fangemeinschaft auszubilden. Merz erfüllt die Sehnsucht von Menschen, die denken, dass Politik eine schmutzige Sache sei. Er verkörpert den Typus des Anti Politikers, der mit kaltem Sachverstand aufräumen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Dass gerade die Politik ein Geschäft ist, dass ein Gefühl für Menschen, ihre Stimmungen, Nöte und Ängste verlangt, wird dabei leicht übersehen.

Wäre Spahn der bessere Kandidat? Ich habe für den Gesundheitsminister eine gewisse Schwäche, muss ich zugeben. Mir hat gefallen, wie er in der Corona Krise Führung zeigte, ohne ins Autoritäre zu verfallen. Als er im Bundestag mit dem Satz um Verständnis bat, man werde im Nachhinein auch für vieles um Verzeihung zu bitten haben, unterschied sich das wohltuend von den Auftritten anderer Corona Bekämpfer, wonach die Politik die Zügel anziehen müsse, wenn sich die Bürger nicht am Riemen rissen.

Vielleicht hat mich Spahns Entscheidung, sich eine Millionenvilla in Dahlem zuzulegen, deshalb so irritiert. Ich verstehe, wenn man nicht alles der Politik unterordnen will. Ich bin ebenfalls gegen die Neidgesellschaft. Aber es gehört nun einmal zu den Tatsachen des politischen Lebens, dass man sich nicht zu weit von den Leuten entfernen sollte, die einen wählen – jedenfalls dann nicht, wenn man später einmal Kanzler werden will.

Kohl wohnte Zeit seines Lebens in einem Bungalow in Oggersheim, Willy Brandt blieb bis zum Schluss in Unkel. Beide hätten sich leicht ein Millionenanwesen in Berlin leisten können. Dass sie es nicht taten, entsprang dem Wunsch, ihren Anhängern zu zeigen: Ich bin ein er von euch. Am En de ist das die Frage, auf die für den Wähler alles zuläuft: Gehört er noch zu uns? Je größer die Gruppe, die diese Frage mit Ja beantwortet, desto höher kann man steigen.

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