Rhetorik der Angst

Es gibt ein neues Wort für Leute, die jetzt zu viel Freiheit verlangen. Man spricht von Corona-Leugnern. Darunter fallen auch alle, die die Zahlen der Regierung in Zweifel ziehen. Oder die Einhaltung von Verfassungsrechten anmahnen

Neunzig Prozent der Deutschen sind mit den von der Politik verfügten Ausgangsbeschränkungen einverstanden, hat eine Umfrage ergeben. Mich hat diese Zahl aufhorchen lassen. Sie hat mich auch ein wenig erschreckt. Wann hatten wir in Deutschland zuletzt Zustimmungswerte von 90 Prozent? Das haben nicht einmal Bismarck oder der „Führer“ geschafft, soweit ich das sehe, geschweige denn eine demokratisch gewählte Regierung.

Neunzig Prozent sind also dafür, dass man in Bayern zwischenzeitlich kein Buch in der Öffentlichkeit lesen durfte, ohne dass man in Konflikt mit der Ordnungsmacht geriet? Dass jeder, der in Brandenburg in einem Kanu auf einen See hinauspaddelt, angehalten und zurück ans Ufer eskortiert wird? Dass man in Hamburg nur noch zu sechst um ein Grab stehen darf, weil das die gesetzlich vorgeschriebene Größe der Trauergemeinschaft ist?

Wahrscheinlich ist es eine Déformation professionnelle, aber immer, wenn die Mehrheiten zu groß werden, bekomme ich ein Gefühl der Beklemmung. Mir wird unheimlich, wenn sich zu viele Leute einig sind. Ich würde nicht so weit gehen, aus Prinzip das Gegenteil zu vertreten. Es wäre kindisch, nur aus Trotz eine abweichende Position einzunehmen. Aber ich finde, man sollte sich zumindest auf die Möglichkeit einstellen, dass man die Dinge auch ganz anders sehen kann. Das erweitert den Horizont. Manchmal verhindert es sogar Fehlentscheidungen.

Im Augenblick läuft die Diskussion so: Alle schauen auf die Kanzlerin. Wenn die Kanzlerin sagt, dass es zu früh sei, über eine Lockerung des Ausnahmezustands nachzudenken, lautet der Konsens, dass es zu früh sei, über Lockerungen nachzudenken. Wenn die Kanzlerin zu erkennen gibt, dass sie es für angebracht hält, über eine graduelle Rückkehr zur Normalität zu reden, heißt es, eine graduelle Rückkehr sei möglich. Aber Vorsicht: nicht zu viel auf einmal davon!

Schon offene Freude über gute Nachrichten trägt einem Tadel ein. Als vergangene Woche der Bonner Virologe Hendrik Streeck Zahlen präsentierte, denen zufolge die Pandemie weniger tödlich verläuft als befürchtet, konnte man lang und breit lesen, warum die Studie womöglich nicht allen wissenschaftlichen Standards genüge. Es gibt geradezu eine Lust an der düsteren Zahl. Wer auf die sinkende Kurve der Neuinfektionen verweist, wird ermahnt, dass er falsche Hoffnungen wecke. Hoffnung sei schädlich, heißt es. Wenn die Leute Hoffnung hätten, würden sie nachlässig.

Wir verfügen über ganze Enzyklopädien zum mündigen Bürger, in jeder Sonntagsansprache gebührt ihm der Ehrenplatz. Aber wenn es ernst wird, vertraut die Politik doch lieber auf die schwarze Pädagogik. Mit dem Menschen im Lockdown verhält es sich wie mit einem trockenen Alkoholiker: eine Unvorsichtigkeit, und alles, was in mühsamer Arbeit erreicht wurde, ist verloren.

Oder wie es die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli formulierte: „Jede Lockerung setzt voraus, dass wir bleibende Einschränkungen absolut befolgen. Freiheit kommt in kleinen Schritten zurück oder gar nicht. Jede Party jetzt wirft uns alle zurück.“ Deshalb können Lockerungen auch nur auf Bewährung zugestanden werden. Wenn sich die Bevölkerung der Freiheiten nicht würdig erweist, die man ihr gewährt, ist es schnell wieder vorbei mit der Großzügigkeit. Dann heißt es eben: oder gar nicht!

Es gibt schon ein neues Wort für Leute, die zu viel Freiheit auf einmal verlangen. Man spricht von Corona-Leugnern. Niemand bestreitet die Existenz des Virus, nicht einmal der Corona-Leugner. Das ist mit dem Wort auch nicht gemeint. Gemeint sind Leute, die im Kopf Party machen, indem sie die Zahlen der Regierung in Zweifel ziehen. Oder auf Widersprüche in der Argumentation hinweisen. Oder wie die Schriftstellerin Juli Zeh die Einhaltung von Verfassungsrechten anmahnen.

Auf dem Journalismus liegt naturgemäß ein besonderes Augenmerk. Mit einem der landesweit bekanntesten Corona-Leugner, dem Publizisten Jakob Augstein, habe ich vergangene Woche einen Podcast gestartet. Er heißt „The Curve“, nach der Ansteckungskurve, die es zu senken gilt.

Ich hatte alle mögliche Kritik erwartet: dass wir zu oberflächlich seien, zu unoriginell, zu wenig ernsthaft angesichts des ernsten Themas. Aber der Einwand, der kam, war viel grundsätzlicher. Er lautete, dass wir uns als Journalisten mit einem Thema befassen würden, das man besser den Experten überlassen sollte. Das Argument wurde ausgerechnet von einem der bekanntesten Medienkritiker des Landes, Stefan Niggemeier, vorgetragen. Ich hätte verstanden, wenn ein Mediziner oder ein Mathematiker den Einwand formuliert hätte. Aber ein Journalist?

Die Rhetorik der Angst kennt keine Fragen, nur Antworten. Ihr Sujet ist das Absolute, ihre Grammatik die der Verfügung. Wer abwägt oder nach der Verhältnismäßigkeit d er an geordneten Maß – nahmen fragt, setzt sich dem Vorwurf aus, es mit d er Mor al nicht so genau zu nehmen. Er wolle wohl Wirtschaftsdaten gegen Menschenleben aufrechnen, heißt es dann. Dabei müsste man aus meiner Sicht im Gegenteil viel mehr fragen und abwägen.

Es werden jetzt verschiedene Modelle erwogen. Eines sieht vor, dass man alles tut, um die Alten und Schwachen zu schützen. Das klingt christlich. Aber hat jemand die Alten und Schwachen gefragt, ob sie wirklich alle den maximalen medizinischen Schutz wollen? Ist es nicht vorstellbar, dass viele Menschen ab einem gewissen Alter finden, dass ein Leben in der Selbstisolation es nicht wert ist, dass man dafür nahezu alles an sozialer Begegnung opfert?

An dieser Stelle erlaube ich mir eine ganz persönliche Einschätzung. Am Mittwoch vergangener Woche ist mein Vater in einem Altenheim in Hamburg gestorben. Er war 90 Jahre alt. Das Ende hatte sich seit einigen Wochen angekündigt, dennoch blieb meinem Bruder und mir keine Gelegenheit mehr, uns von ihm zu verabschieden.

Das Altenheim lässt seit März keine Verwandtenbesuche mehr zu, um die Bewohner nicht zu gefährden. Nur für meine Mutter wurde eine Ausnahme gemacht. Ich bin dafür dankbar. Auch wenn mein Vater in den letzten Monaten nicht mehr alles mitbekam, was um ihn herum geschah, so spürte er doch, wenn jemand von uns im Raum war. Es würde mich sehr quälen, wenn ich wüsste, dass er völlig vereinsamt gestorben wäre.

Ich habe Verständnis für die Quarantänebestimmungen.

Natürlich frage ich mich manchmal, ob eine Verlängerung des Lebens um einige Wochen oder Monate den Preis wert ist, den man dafür entrichten muss. Aber so ist es nun einmal entschieden worden. Außerdem sind nicht alle im Heim so alt, wie mein Vater es war. Jeder trifft für sich eine andere Risikoabwägung.

Ich habe nur einen Wunsch. Ich will nicht mehr hören, dass ich gut reden hätte. Meine Familie hat ihren Preis für die Einhaltung der Corona-Regeln bezahlt, würde ich sagen. Ich weiß im Gegensatz zu manchen, die auf der Kanzel stehen und über den Wert des Lebens predigen, was es heißt, wenn der Schutz desselben absolut gesetzt wird.

Umfragen sind trügerisch. Angeblich wünscht sich eine Mehrheit, dass die Ausgangsbeschränkungen bis in den Mai hinein verlängert werden. 16 Prozent hätten sogar gern noch strengere Regeln. Gleichzeitig zeigt die Auswertung der Bewegungsdaten von Handys, dass immer mehr Bürger die Ausgangsbeschränkungen missachten oder umgehen.

Mein Eindruck ist, dass viele denken, der Staat werde es schon richten. Wenn sich herumzusprechen beginnt, dass auch der eigene Arbeitsplatz in Gefahr ist, wird die Regierung plötzlich daran gemessen werden, was sie zur Rettung der Wirtschaft getan hat. Wir haben das in der Flüchtlingskrise gesehen: Dieselben Leute, die gestern noch die Willkommenskultur begrüßten, sind morgen oft die Ersten, die eine striktere Grenzpolitik fordern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.