Schnattern für Deutschland

Die Grünen betonen gerne, dass sie aufseiten der Wissenschaft stünden. Wie sich zeigt, haben sie allerdings einen ganz eigenen Bezug zu Fakten. Verständlich: Mindestens so wichtig wie die reale Wirklichkeit ist bei ihnen die gefühlte

Erinnert sich noch jemand an Rudolf Scharping, den Kanzlerkandidaten der SPD 1994? Den Mann, der angetreten war, Helmut Kohl aus dem Amt zu schubsen? Eigentlich waren die Ausgangsbedingungen gar nicht so schlecht. Zwölf Jahre Kohl, da fan den viele, das sei genug.

Aber dann verwechselte Scharping bei einer neu ersonnenen Abgabe für Besserverdiener brutto und netto. Das war’s mit seiner Kampagne. Von dem Fehler hat sich der brave Mann nicht mehr erholt. Er wurde später noch Verteidigungsminister, aber auch das Engagement endete unglücklich. Planschte im Pool mit seiner neuen Liebe, der Gräfin Pilati, was die Leser der „Bunten“ belustigte, aber nicht die Soldaten bei der Bundeswehr.

Ein Glück für die Grünen, dass wir nicht mehr 1994 haben, sondern in sehr viel verzeihenderen Zeiten leben.

Vor einigen Tagen saß Annalena Baerbock, die sympathische Vorsitzende der Grünen, bei Markus Lanz und gab Auskunft darüber, was sie in den vergangenen Monaten besonders bewegt habe. Trump, Corona, klar, alles furchtbar. Aber es gebe ein Ereignis, das habe sie besonders erschüttert, sagte sie mit traurigem Blick: dass in Thüringen beinahe ein Nazi zum Ministerpräsidenten gewählt worden wäre.

Ein Nazi als Fast-Ministerpräsident, fragte sich der eine oder andere Zuschauer irritiert: In Deutschland passieren ja viele schlimme Dinge, aber das ist doch irgendwie an einem vorbeigegangen.

Bodo Ramelow, der amtierende Ministerpräsident in Thüringen, konnte schon mal nicht gemeint sein, der kommt von der Linkspartei. Thomas Kemmerich war im Februar Ministerpräsident, für vier Wochen, aber der ist Mitglied der FDP. Wen hatte Frau Baerbock also vor Augen, als sie über das für sie erschütterndste Ereignis dieses Jahres sprach? Es stellte sich heraus: keinen der beiden. Sie habe sich undeutlich ausgedrückt, ließ sie erklären. Sie habe an die AfD gedacht. Deren Kandidat hatte allerdings nie den Hauch einer Chance, zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden, nicht im ersten, nicht im zweiten und auch nicht im dritten Wahlgang.

Es kommt bei Frau Baerbock öfter vor, dass sie so ergriffen ist, dass die Dinge bei ihr durcheinandergeraten. In einem ARD-Sommerinterview sprach sie länger über Elektromobilität, ein Herzensanliegen der Grünen.

„Rohstoffe wie Kobold – wo kommt das eigentlich her? Wie kann das recycelt werden?“, fragte sie sich selbst, um dann stolz zu verkünden, dass es Batterien gebe, die auf Kobold verzichten könnten, und zwar aus China. Kobold? Das ist als Staubsaugermarke geläufig. Kleiner Scherz. Frau Baerbock meinte natürlich Kobalt, ein Metall, das für die Batterie unerlässlich ist, beim Abbau allerdings eine ziemliche Sauerei hinterlässt.

Die größten Kobalt-Reserven liegen im Kongo. Dass im Kongo nicht das deutsche Arbeitsrecht gilt, liegt auf der Hand. Viele der Arbeiter, die in den Kobalt-Minen schuften, sind leider dazu noch minderjährig. Wie bei manchen Produkten, die als besonders umweltschonend gelten, sollte man lieber nicht so genau nachfragen, wie sie zustande kommen.

Ich warte auf den Tag, an dem Leonardo DiCaprio seinem Sozial-Schocker „Blood Diamond“ über die Ausbeutung in den Diamantenminen von Sierra Leone den Anschlussfilm folgen lässt: „Blood Electric Car“. Oder sollte man sagen: „Blood Tesla“? Wobei, das ist nicht ganz fair. Tesla arbeitet an Kobalt-freien Batterien. Da kam das Know-how bislang allerdings von Panasonic aus Japan und nicht aus China, wie Frau Baerbock meinte. Immerhin, die grobe Himmelsrichtung stimmte.

So geht es immer weiter. Am vergangenen Sonntag war die Parteivorsitzende wieder auf Sendung. Wieder Sommerinterview. Diesmal sprach sie über die Flüchtlingspolitik. „Wir stehen klar auf dem Boden nicht nur des Grundgesetzes, sondern der Menschenrechte“, sagte sie. „Und das bedeutet: Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl.“ Steht so nicht im Grundgesetz und noch nicht einmal in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Gott sei Dank, würde ich sagen, wäre es anders, würde es bei uns ziemlich schnell ziemlich eng. In Deutschland genießen aus gutem Grund nicht alle Menschen Recht auf Asyl, sondern nur politisch Verfolgte, und auch die nur eingeschränkt.

Bevor jetzt alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und fragen: Warum ist immer nur von der Parteivorsitzenden die Rede, wo bleibt die Gendergerechtigkeit? Keine Sorge, bei den Grünen herrscht auch beim Schnattern Parität. Wenn der Co-Vorsitzende Robert Habeck nicht gerade für Fotos posiert, plappert er sich ebenfalls durch die Welt, bis sich die Balken und die Fakten biegen und am Ende die BaFin den Benzinpreis überwacht und das Finanzamt die Pendlerpauschale (oder war es umgekehrt?).

Einige Leser mögen einwenden, dass die Kompetenz der Grünen nun einmal bei der Umwelt liege, aber das hieße, ihnen unrecht zu tun: Die Partei hat im November letzten Jahres beschlossen, die Wirtschafts- und Finanzpolitik ins Zentrum zu stellen. Im Leitantrag wurde die „sozial-ökologische Neubegründung der Marktwirtschaft“ festgeschrieben, unter Neubegründung machen sie es auf einem Grünen-Parteitag nicht. Wie sich zeigt, haben Ökologen halt nur einen ganz eigenen Bezug zu Zahlen und Fakten.

Es wird spannend, das kann man jetzt schon sagen. Wenn es im nächsten Jahr für Rot-Rot-Grün reichen sollte, dann am ehesten unter Führung eines grünen Bundeskanzlers. Das wird ein einmaliges Experiment, auch für die Deutschen. Die Grünen betonen gerne, dass sie aufseiten der Wissenschaft stünden beziehungsweise die Wissenschaften ganz nah bei ihnen, aber das sollte man nicht zu wörtlich nehmen.

Wissenschaft ist im grünen Milieu immer nur Wissenschaft, solange sie zum Parteiprogramm passt. Was darüber hinausgeht, heißt Big Pharma, Großchemie oder Apparatemedizin. Dass Kartoffeln besonders gut gedeihen, wenn man sie mit Glyphosat düngt, glaubt man lediglich bei den Grünen. Kein Bauer käme auf die Idee, Unkrautvernichter über seine Knollen zu kippen, damit die Kartoffeln besser wachsen. Trotzdem schafft es die Behauptung aufs grüne Plakat.

So ist das halt, wenn man alles, was von Bayer Leverkusen kommt, für Teufelszeug hält, dann glaubt man auch an die wachstumsverstärkende Wirkung von Unkrautvernichtern. Man muss sich nur ansehen, welchen Eiertanz die Partei beim Thema Homöopathie veranstaltet, und man ahnt, wie brüchig in Wahrheit der wissenschaftliche Friede in den eigenen Reihen ist.

Es wird heute schnell vergessen, aber die Ursprünge der grünen Partei liegen nicht nur im Anti-Atom-Protest, sondern mindestens zu gleichen Teilen in der Esoterik- und Innerlichkeitsbewegung der siebziger Jahre, als sich eine ganze Generation auf die Suche nach dem Ich begab. Überall sprossen Selbsterfahrungsgruppen und Therapiezirkel, um der Selbstverwirklichung, wie das neue Zauberwort hieß, auf die Sprünge zu helfen. Vor der Beschäftigung mit den Produktionsbedingungen des Proletariats kam die Analyse der persönlichen Beziehungsverhältnisse, neben die gesellschaftliche Realität trat die gefühlte Wirklichkeit.

Von nun an reichte es, dass man sich mitbetroffen oder irgendwie involviert fühlte, damit ein Problem als politisch bedeutsam anerkannt war. Mehr noch: Die eigene Beziehung zum politischen Gegenstand wurde zum wesentlichen Kriterium für die Relevanz von Themen. Was keine Emotionen hervorzurufen vermag, gilt seitdem als nebensächlich und politisch nicht wirklich diskussionswürdig. Oder wie Claudia Roth einmal sagte: „Wie soll ich Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?“

Leider entspricht die gefühlte Wirklichkeit nicht immer der realen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.