Die Politik der Epidemiologie

Die Medizin empfiehlt der Gesellschaft die Selbstabschließung, nur so ließe sich Leben retten. Aber auch der Kollaps des wirtschaftlichen Lebens fordert Tausende Tote. Man sieht sie nur nicht gleich

Jede Krise hat ihre Priester. Nach 9/11 waren es die Terror-Experten, die in den Talkshows die Zuschauer in die Geheimnisse der islamischen Netzwerke einführten. Nach der Finanzkrise kam die große Stunde der Bankenkritiker, die einem erklärten, wie aus harmlosen Immobilienkrediten finanzielle Massenvernichtungswaffen werden konnten. Jetzt gehört die ganze Aufmerksamkeit den Epidemiologen. Was sie sagen, ist Gesetz, im wahrsten Sinne des Wortes.

Der bayerische Ministerpräsident spricht vom „Primat der Medizin“, wenn er immer weiter reichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigt. „Der Maßstab ist nicht das, was wir glauben, sondern der Maßstab ist, was uns die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen“, erklärt die Bundeskanzlerin.

Der Epidemiologe empfiehlt die Abschließung der Gesellschaft, was soll er auch anderes empfehlen? Wo Menschen sich begegnen, zirkuliert das Virus. Also sorgt man dafür, dass jeder Kontakt unterbleibt, dann kommt die Pandemie zum Erliegen. Welche Folgen die Selbstabschließung für das soziale und ökonomische Gefüge hat, liegt außerhalb seines Fachgebiets, das müssen andere beurteilen.

Wir wissen über Covid-19 furchtbar wenig. Wie tödlich das Virus ist, ist zum Beispiel noch immer unklar. Liegt die Letalität bei neun Prozent wie in Italien (was eine Albtraumzahl ist)? Oder pendelt sie sich eher bei 0,5 Prozent ein, so wie es bislang aus Deutschland gemeldet wird? 0,5 Prozent sind immer noch schrecklich, aber eben auch nicht dramatisch viel höher als die Sterblichkeit bei einer außergewöhnlich schwer verlaufenden Grippewelle.

Da sich ohne Datengrundlage keine Entscheidungen treffen lassen, werden Verläufe simuliert. Ich habe mir viele der Modelle angesehen, die derzeit im Umlauf sind. Die Studie der Stunde stammt von Wissenschaftlern des Imperial College in London, die für Großbritannien drei Pandemie-Szenarien durchgerechnet haben.

Die Politik lässt das Virus laufen, die Seuche kommt nach vier Monaten zum Erliegen. Tote: 550 000. Die Politik versucht, das Ansteckungstempo zu verlangsamen: 250 000 Tote. Die Politik versucht, den Ausbruch so weit wie möglich zu unterdrücken, indem sie das Wirtschaftsleben einfriert: mehrere Tausend Tote, alle anderen gerettet. Wenn Sie sich fragen, was das für Deutschland bedeutet: Schlagen Sie auf die Schätzungen einfach 25 Prozent drauf.

Welche Regierung will es verantworten, eine halbe oder vielleicht sogar eine Million Tote in Kauf zu nehmen? Das sind Zahlen, bei denen sich jede weitere Diskussion erübrigt. Es drängen sich natürlich Fragen auf. Man müsste eigentlich darüber reden, ob es vorstellbar ist, dass man eine freie Gesellschaft im Lockdown hält. Was wäre in einem solchen Fall das Ergebnis für Sozialstaat und Demokratie? Aber wer solche Fragen stellt, gilt schnell als Mensch ohne Herz und Moral.

Der Verleger Jakob Augstein hat es versucht. Er hat in den vergangenen Wochen mehrfach darauf hingewiesen, dass ein Kollaps des öffentlichen Lebens möglicherweise noch schlimmere Auswirkungen hätte als die befürchtete Überlastung der Krankenhäuser. Es hieß dazu, er wolle Menschenleben gegen Wirtschaftszahlen aufwiegen, was insofern eine gewisse Komik hat, als Augstein nun wirklich der Letzte ist, dem man Marktgläubigkeit vorwerfen kann.

Dem Ökonomen Thomas Straubhaar erging es nicht besser, als er in der „Welt“ den Versuch unternahm, für einen Strategiewechsel zu werben. Statt alle Deutschen in Quarantäne zu nehmen, solle man es bei den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen belassen und damit die Immunisierung der Mehrheit vorantreiben, lautete Straubhaars Vorschlag. Das sei zynisch und verantwortungslos, erhielt er zur Antwort, eine Zeitung, die so etwas publiziere, sei ein Schundblatt. Auch so erledigt man eine Debatte. Man unterstellt denjenigen, die auf die unerwünschten Folgen politischer Entscheidungen hinweisen, niedere Motive.

Weil selbst die Epidemiologen wissen, dass man eine entwickelte Volks-wirtschaft nicht einfach für zwei Jahre ins Koma versetzen kann, jedenfalls dann nicht, wenn man anschließend noch etwas vorfinden will, was einem modernen Gesundheitssystem ähnelt, schlagen sie eine Vorgehensweise vor, die unter dem Begriff „der Tanz“ Verbreitung gefunden hat.

Was nach einem Vormittag in der Waldorfschule klingt, bedeutet Koma in Raten. Man öffnet die Schulen, die Geschäfte, die Restaurants für einen Monat. Dann wird alles wieder eingefroren, bis man nach zwei, drei Monaten erneut ein wenig Leben zulässt. Auf und zu, auf und zu: In diesem Rhythmus geht es weiter, bis endlich ein Mittel gefunden ist, welches das Virus in Schach hält, oder ein Impfstoff, der uns von der Seuche erlöst.

Reden wir nicht von den sozialen Verwerfungen, die ein solches Leben im Ausnahmezustand bedeuten würde. Den Verzicht auf Begegnung und Austausch, die prolongierte Einschränkung der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, die inzwischen selbst Leuten, die sonst bei jeder Polizeikontrolle einen Anschlag auf den Rechtsstaat wittern, als Quantité négligeable gilt. Bleiben wir bei den Folgen für die Gesundheit.

Auch die Politik der Epidemiologie produziert Tote. Man sieht diese Toten nur nicht gleich. Der Finanzexperte Leonhard Fischer hat auf das Beispiel von Griechenland verwiesen, an dem sich exemplarisch studieren lässt, wie der Absturz einer Gesellschaft erst die kollektive Verarmung und dann auch die Sterblichkeit nach oben treibt. Eine „Lancet“-Studie, die Fischer zitiert, beziffert den

Anstieg der Mortalitätsrate in Griechenland zwischen 2010 und 2016 auf 17,8 Prozent. Das wären, auf Deutschland übertragen, 100 000 Todesfälle mehr – pro Jahr.

Die Ersten tragen an die Kanzlerin die Aufforderung heran, sie müsse über eine „Exit-Strategie“ nachdenken, einen Ausstieg aus dem Ausnahmezustand. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Wie findet man den Ausstieg? Die Todeszahlen aus den Intensivstationen sind real, und sie werden weiter steigen. Die Kosten jedes weiteren Tages ohne wirtschaftliche Tätigkeit sind hingegen schwer zu bilanzieren. Wer kann seriös abschätzen, wie viele Menschen sich das Leben genommen haben, weil sie die Einsamkeit nicht länger ertrugen? Wie will man beurteilen, was ein Einbruch des Wohlstands für die Behandlung Krebskranker bedeutet oder für Menschen, die auf teure Medikamente angewiesen sind? Es ist wie mit dem Klimawandel: Je weiter der Tod in der Zukunft liegt, desto schwieriger wird es für die Politik, Entscheidungen zu begründen, die künftiges Leben schützen.

„Whatever it takes“, so lautet die Maximalposition: Niemand solle an Corona sterben, weil es kein Bett für ihn gebe. Das ist ein Anspruch, den wir in Wahrheit schon zu normalen Zeiten nicht erfüllen. Bevorratung gehört zum medizinischen Geschäft. Wir nehmen an anderer Stelle bewusst Engpässe in Kauf, wie jeder weiß, der auf ein lebenswichtiges Organ wartet. Wir haben uns als Gesellschaft gerade gegen ein Organspendegesetz entschieden, dass diesen Mangel gelindert hätte. Haben wir denjenigen, die gegen eine Änderung der geltenden Regeln waren, niedere Motive unterstellt, obwohl die Entscheidung dazu führt, dass Tausende weiterhin früher sterben, als medizinisch notwendig wäre?

Ich möchte jetzt kein Politiker sein. Auch das, was heute moralisch geboten scheint, kann übermorgen unmoralische Folgen haben. Das ist eine Lage, in der es unendlich schwer ist, das Richtige zu tun.

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