Können Worte töten?

Was in der Debatte um Amokläufe die Videospiele sind, das sind nach der Tat von Hanau die Texte bestimmter Autoren. Wer den Terror von rechts bekämpfen wolle, müsse auch gegen die Stichwortgeber vorgehen, heißt es jetzt. Ist es so einfach?

Im Frühjahr 1972, nachdem die erste Generation der RAF längst den Weg in den Untergrund gefunden hatte, betrat ein neuer Tätertypus die politische Bühne: der Sympathisant. Sympathie ist eigentlich etwas Positives. Wer mit anderen mitfühlt, gilt normalerweise als guter Christenmensch. Nun fielen unter den Begriff alle, bei denen eine ideologische Nähe zum Terrorismus vermutet werden konnte. Dazu reichte es schon, dass man das Vorgehen des Staates kritisierte.

Der Sympathisant war vor allem in der Szene der Intellektuellen zu finden, unter Schriftstellern, Journalisten und Hochschulprofessoren. Wenn der Terroristenjäger Horst Herold davon sprach, dass man den Sympathisantensumpf trockenlegen müsse, waren Leute wie Heinrich Böll oder Günter Wallraff gemeint.

Der Sympathisant ist zurück – und mit ihm die Gesinnungsjagd. Die Bölls von heute heißen Tichy, Broder oder Sarrazin. Sie sind es, die der Gewalt den Weg bereiten, die sich dann in Taten wie in Hanau entlädt – jedenfalls wenn man den aufgeklärten Zeitgenossen glauben darf. Wer den Terror von rechts bekämpfen wolle, müsse nicht nur Waffengesetze verschärfen und den Fahndungsdruck erhöhen, heißt es, er müsse auch gegen die Anstifter an den Schreibtischen vorgehen. „Wir müssen die Stichwortgeber benennen“, forderte der Fernsehmoderator Jan Böhmermann vergangene Woche.

Es ist Mode geworden, Deutschland im Jahr 2020 mit der Weimarer Republik der zwanziger Jahre zu vergleichen, jenem fiebrigen Jahrzehnt, das in der Raserei des Nationalsozialismus endete. Ich habe das immer für Unsinn gehalten. Weder durchlebt Deutschland eine Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, noch gibt es einen Versailler Vertrag, der die Nation beschwert. Wenn man nach Referenzpunkten in der Geschichte suchen will, liegt der Vergleich mit den siebziger Jahren sehr viel näher. Das ist das Jahrzehnt, das sich als historische Parallele anbietet.

Alles ist wieder da: das Gefühl, dass freiheitliche Ordnung und Rechtsstaat in Gefahr sind; die Erschütterung der politischen Elite, die nicht weiß, wie sie reagieren soll; die Unversöhnlichkeit, mit der sich Linke und Rechte gegenüberstehen. Auch der Terror ist zurück und mit ihm die Frage, welche Verantwortung Leute tragen, die von aufmerksamen Zeitgenossen als Stichwortgeber identifiziert wurden. Sogar die alte Sprache feiert ein Comeback. Erstmals seit Längerem ist in den Leitartikeln wieder vom „Sumpf“ die Rede, den es auszutrocknen gelte.

Glaubt man den Sympathisantenjägern von heute, ist die Sache denkbar einfach: Erst redet eine AfD-Politikerin im Bundestag über „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“. Dann schreibt es ein Journalist auf, nicht in diesen Worten, aber dem Sinn nach. Anschließend nimmt jemand in Hanau oder anderswo sein Gewehr aus dem Schrank, weil er sich ermuntert fühlt, in die Tat umzusetzen, was andere nur denken. Was in der Debatte um Amokläufe an Schulen die Videospiele sind, sind jetzt die Texte rechter Blogger und Autoren. Seht her, heißt, es, so etwas kommt von so was. Oder wie der „Spiegel“ vor 40 Jahren schrieb: „Mord beginnt beim bösen Wort.“

Aber ist es so einfach? Natürlich haben Worte Folgen, manchmal sogar dramatische. Sprache ist gelenktes Denken, wie man in Abwandlung eines Wortes von Jean-Paul Sartre sagen könnte. Deshalb sollte man sich jeder aufpeitschenden und hetzerischen Sprache enthalten, wenn man nicht will, dass die Welt um einen herum aufgepeitschter und hetzerischer wird. Diese Zurückhaltung ist erst recht Journalisten zu empfehlen. Wer in den Schützengraben steigt, verliert schnell den Überblick – egal, auf welche Seite er sich stellt.

Ich weiß allerdings aus Erfahrung, wie flüchtig Menschen Texte lesen und auf welche absurden Deutungen sie manchmal kommen. Müsste ich bei jedem Satz abwägen, ob die Gefahr besteht, dass ihn jemand falsch versteht, könnte ich meinen Beruf an den Nagel hängen. Wer einen Autor für die Handlungen seines Publikums in Haftung nimmt, inklusive des Teils, der verrückt ist, bürdet ihm eine Verantwortung auf, die beängstigend ist. Aber vielleicht soll sie das ja auch sein?

Dass der Schütze von Hanau unter einer Störung litt, die eine Behandlung hätte angezeigt sein lassen, ist inzwischen hinreichend etabliert. In gewisser Weise ist jeder Attentäter psychisch lädiert, wäre es anders, würde er nicht zum Attentäter. Trotzdem ist die Frage der Zurechnungsfähigkeit für die Klärung der Schuldfrage wesentlich.

Wo die Grenze zwischen Krankheit und Extremismus verläuft, vermag die forensische Psychiatrie ziemlich genau zu sagen. Es deutet viel darauf hin, dass der Täter von Hanau kein fanatisierter Ideologe war, den seine Überzeugungen immer tiefer in seine Wahnwelt führten, sondern dass der Wahn der Ideologie vorgelagert war, sich die psychische Störung also nachträglich politisierte.

Der Psychotiker füllt seinen Wahn durch radikale Inhalte auf, wie das die Psychiaterin Nahlah Saimeh beschrieben hat. Manche Zwangsvorstellungen eignen sich dafür besser als andere. Dass die Bundesregierung insgeheim daran arbeite, das deutsche Staatsvolk auszutauschen, ist als Zwangsidee anschlussfähiger als der Glaube an den Tod der Biene und ein dadurch ausgelöstes Massensterben der Menschheit. Grundsätzlich sind allerdings alle Ängste als Themen in den Wahn einbaubar. Es würde sie nicht wundern, wenn demnächst der Klimawandel in das psychotische Denken eingebaut würde und Menschen mit einer akuten Psychose bizarre Dinge tun würden, um den Klimawandel aufzuhalten, hat Saimeh vor Monaten zu Protokoll gegeben.

Vielleicht ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein radikalisierter Psychotiker zur Waffe greift, also eine der Opportunität. Wer der Meinung ist, dass die Ausländer unser Unglück seien, kann eine Shisha-Bar aufsuchen und jeden erschießen, der irgendwie anders als er selbst aussieht. Wer ein Fanal gegen den Klimawandel setzen will, hat es da schwerer. Gegen wen soll sich der Anschlag richten: Gegen Lufthansa-Piloten? Oder die Vorstände großer Tourismuskonzerne?

Ich glaube, wir wären ein großes Stück weiter, wenn man sich darauf verständigen könnte, dass man nicht laufend die Maßstäbe verändert, nur weil es einem opportun erscheint. Wer bei jedem Anschlag, bei dem der Täter „Allahu akbar“ schreit, darauf besteht, dass der Attentäter kein Islamist, sondern lediglich ein verwirrter Geist sei, ist in einer schlechten Ausgangsposition, um jetzt alle psychologischen Erklärungen vom Tisch zu wischen. Das gilt selbstverständlich auch umgekehrt. Wenn das führende AfD-Personal meint, dass die Morde in Hanau nichts mit Ideologie zu tun haben, muss die Frage erlaubt sein, warum sie dann bei jedem Muslim die Religion ins Schaufenster stellen.

Ausgerechnet der damalige Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau erinnerte 1977 in einem „Spiegel“-Beitrag an den Unterschied zwischen dem Radikalismus der Tat und dem Radikalismus im Denken: „Das Strafrecht kennt den Begriff des Sympathisanten nicht. Es unterscheidet ‚Täter‘, ‚Gehilfen‘, ‚Begünstiger‘. Da wird nicht mit Vermutungen operiert. Da müssen Tatsachen bewiesen werden, Tatsachen, aus denen hervorgeht, welchen Beitrag einer zur Tat geleistet hat.“ Auch das sind Sätze, an die zu erinnern sich wieder lohnt.

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