Verharmlosung des Holocaust war gestern. Die neueste Nummer heißt: Leugnung des 7. Oktober. Ganz vorne mit dabei: führende Leute der Linkspartei. Wie lange wollen die Grünen noch so tun, als hätten sie das im Griff?
Dieser Text ist für Felix, Franziska, Katharina und Britta. An alle anderen Leser richtet er sich selbstverständlich auch. Aber die vier von den Grünen sind in besonderer Weise gemeint, weil sie darüber entscheiden, ob künftig noch gilt, dass wir aus der Geschichte gelernt haben.
Beginnen wir mit der Erinnerung an eine Frau, die dafür berühmt wurde, dass sie an einem besonderen Gebrechen litt, der Leidenschaft für die Holocaustleugnung. Zeit ihres Lebens behauptete Ursula Haverbeck, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ihre Leidenschaft brachte ihr eine Reihe von Strafverfahren und Verurteilungen ein, aber auch glühende Bewunderung.
In Teilen der rechten Szene ist Frau Haverbeck bis heute ein Idol, über das man nur im flüsternden Ton der Verehrung spricht. Als sie 2024 im Alter von 96 Jahren starb, kurz vor dem nächsten Haftantritt, wurde ihr im Kreis der Getreuen als „Deutschlands mutigster Dissidentin“ gedacht.
Ursula Haverbeck ist zurück. Sie ist deutlich jünger geworden. Sie heißt jetzt Martha oder Vanessa und ist nicht mehr bei den Neonazis, sondern bei der Linkspartei. Auch das Verbrechen, das Denken und Fühlen konsumiert, hat ein Update erfahren. Nicht der Tod in den Gaskammern wird länger relativiert oder in Abrede gestellt. Es ist der 7. Oktober 2023 und damit der Tag des größten Massakers, das an Juden nach dem Zweiten Weltkrieg verübt wurde, der eine Umdeutung erfährt.
Ansonsten ist alles wie gehabt. Da ist die auftrumpfende Rechthaberei; der Stolz der Antisemitin, die sich im Besitz einer Wahrheit wähnt, die andere nicht sehen wollen; die Verachtung für alle, die sich von den Juden einreden lassen, sie seien Opfer geworden.
Es gibt kaum ein Verbrechen, das so gut dokumentiert ist wie der Überfall auf israelische Kibbuzim an der Grenze zu Gaza. Viele der Täter trugen Kameras bei sich, mit denen sie ihre Taten per Livestream in die Welt schickten. Andere hielten ihre Taten mit dem Handy fest, um sich mit ihnen zu schmücken.
1200 Menschen wurden an diesem Tag ermordet, viele davon Kinder und junge Erwachsene. Das israelische Militär hat anschließend einen Film aus dem vorhandenen Bildmaterial zusammenstellen lassen. Auch dem Bundespräsidenten wurde er bei einem Besuch in Jerusalem vorgeführt. Dem Vernehmen nach bat er nach zehn Minuten darum, die Vorführung abzubrechen, weil er die Monstrosität des Gezeigten nicht länger ertrug.
Ich will hier nicht in die Details gehen. Lassen Sie es mich so sagen: Wer den Film oder auch nur Ausschnitte gesehen hat, verliert den Glauben an die Menschheit. Mehr noch als die Bestialität, die sich darin austobt, fällt die diebische Freude ins Auge, die die Täter bei ihren Taten antreibt. Es reicht ihnen nicht, Frauen zu vergewaltigen und zu verstümmeln, sie wollen, dass deren Familie zusieht, um sich an dem grenzenlosen Leid zu weiden.
Was sagt nun die palästinasolidarische Szene dazu, der sich zwei der prominentesten Vertreterinnen der Linkspartei in Berlin, die beiden direkt gewählten Abgeordneten Martha Kleedörfer und Vanessa Emde, exemplarisch verbunden fühlen? Man ist bei der Beantwortung dieser Frage nicht auf Vermutungen angewiesen.

© Michael Szyszka
„Zündfunke“ heißt ein Kongress, auf dem sich die Szene einmal im Jahr in Berlin trifft, veranstaltet von der Gruppe „Sozialismus von unten“. Beim letzten Mal, im Dezember 2025, war Frau Kleedörfer einer der Stargäste. Dieses Mal, beim Treffen in zwei Wochen, ist Vanessa Emde als eine Hauptrednerin vorgesehen.
Die Veranstalter haben dankenswerterweise ein „Q & A zu Palästina“ ins Netz gestellt, in dem sie über ihre Sicht auf den 7. Oktober Auskunft geben. Ich zitiere aus dem Fragenkatalog:
Frage: „Wie bewertet ihr am 7. Oktober begangene Kriegsverbrechen?“
Antwort: „Mögliche Kriegsverbrechen, die am 7. Oktober 2023 von beiden Seiten begangen wurden, sollten von unabhängiger Stelle untersucht werden und werden von uns nicht gutgeheißen. Milizen verschiedener palästinensischer Organisationen haben unter der Führung der Hamas-Miliz am 7. Oktober die militärische Absperrung des Gazastreifens durchbrochen und gezielt und erfolgreich Militäreinrichtungen angegriffen.
Das fällt aus unserer Sicht unter das Recht auf bewaffneten Widerstand gegen Besatzung. Wir sehen diese militärische Operation als Antwort auf 75 Jahre Vertreibung und Unterdrückung der Palästinenser:innen durch Israel.“
Frage: „Unterstützt ihr die Hamas?“
Antwort: „Nein, wir unterstützen die Hamas nicht. Wir erkennen das Recht auf Widerstand gegen Besatzung an und sind in diesem Sinne solidarisch mit diesem Widerstand, ohne besondere Bedingungen zu stellen.“
Frage: „Ist die Hamas eine terroristische Organisation?“
Antwort: „Wir lehnen die Diffamierung von Organisationen des nationalen Befreiungskampfes als ‚Terrororganisationen‘ ab – sie dient der Delegitimierung des Widerstandes. So wurde Nelson Mandela im Rahmen der deutschen Unterstützung für die Apartheid in Südafrika ebenso als Terrorist diffamiert wie aktuell die kurdische Arbeiterpartei PKK.“
Das ist Haverbeck in verschärfter Version: Die Verbrechen haben möglicherweise gar nicht stattgefunden. Und wenn es doch zu „möglichen Kriegsverbrechen“ gekommen sein sollte, dann wurden sie von den Opfern provoziert und müssen als legitime Antwort auf die Leidenserfahrung der Täter gelten. Die Erschießung von Frauen und Kindern als Teil des bewaffneten Widerstands – darauf sind nicht mal Ursula Haverbeck und ihre Bewunderer verfallen.
Interessant wäre zu erfahren, was mit „möglichen Kriegsverbrechen von beiden Seiten“ gemeint ist. Wie man weiß, trafen die ersten israelischen Soldaten erst nach Stunden ein. Die Mehrzahl der Opfer war den Angreifern schutzlos ausgeliefert, deshalb ist die Zahl der Toten auch so hoch. Vielleicht sind die Schreie der Familien gemeint, die zu Tode gefoltert wurden. Ich bin ein zurückhaltender Mensch, deshalb sage ich nicht, welches Wort mir dazu einfällt. Das Wort „verdorben“ erscheint mir zu schwach.
Um jedes Missverständnis auszuräumen: Das ist der Rahmen, in dem sich führende Köpfe der Linkspartei bewegen. Im Augenblick konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf Vanessa Emde, die Direktkandidatin der Linken aus Berlin-Neukölln. Martha Kleedörfer ist nicht nur Mitglied des Abgeordnetenhauses, sie ist stellvertretende Landesvorsitzende und damit eine der zentralen Figuren des neuen Bündnisses. Es ist auch die Frau, die eine Verabredung der Parteispitze mit Grünen und SPD zur Begrenzung des Antisemitismus als Unterwerfungsgeste bezeichnete („Ich bin erschüttert, dass wir uns so unterworfen haben“).
Mit diesen Leuten wollen die Grünen nun gemeinsame Sache machen. Deshalb an dieser Stelle die Frage an Felix Banaszak, Franziska Brantner, Katharina Dröge und Britta Haßelmann: Wollt ihr dazu wirklich die Hand reichen? Findet das eure Duldung?
Nelson Mandela hat übrigens nie Kinder erschossen. Er hat auch nie Babys den Kopf eingeschlagen und Frauen die Brüste abgeschnitten. Wäre ich Südafrikaner, würde ich dagegen klagen, dass weiße Menschen in Berlin den Namen eines echten Freiheitskämpfers missbrauchen.
