38 Zentimeter beträgt die durchschnittliche Stärke einer Betondecke in Deutschland, 20 Zentimeter sind es in Frankreich. Kein Wunder, dass nichts vorangeht
Ich bin beim Zappen auf eine „Spiegel TV“-Reportage über den Bau-Wahnsinn gestoßen. Es ging dabei um ein Hochhaus im holsteinischen Reinfeld und was passiert, wenn man mit dem Gebäudeenergiegesetz in Konflikt gerät.
Das Gebäudeenergiegesetz ist so etwas wie der Megalodon des Baurechts, ein Monster, das in der Tiefsee der Umweltbürokratie lauert, bereit, alles zu verschlingen, was sich ihm in den Weg stellt. Wer damit in Berührung kommt, kann alle Hoffnung fahren lassen.
Das Hochhaus, dessen Geschichte das „Spiegel TV“-Team erzählte, stammt aus den siebziger Jahren. Nichts Tolles, aber im Grünen gelegen und so gebaut, dass sich auch Leute eine Wohnung leisten konnten, die normalerweise nicht zu den Eigenheimbesitzern in Deutschland gehören. Eine Eigentümerin, die in der Reportage vorgestellt wurde, hat ihr Leben lang hart gearbeitet. Für 60 000 Euro hatte sie dann eine 2-Zimmer-Wohnung erworben.
Das Haus ist in die Jahre gekommen, man sieht es in dem Film auch. Die Laubengänge und Balkone sind marode, an einigen Stellen fällt der Putz ab. Deshalb beschloss die Eigentümerversammlung vor einem Jahr, die schadhaften Stellen zu sanieren. Hätte sie das besser mal gelassen! Hier kommt das GEG ins Spiel, das Monster aus der Tiefe des Umweltrechts. Wenn bei Sanierungsarbeiten mehr als zehn Prozent der Außenhülle angefasst werden, muss das ganze Haus auf den neuesten energetischen Stand gebracht werden. So sieht es das Gesetz vor.
Im Fall des Wohnhauses aus Reinfeld bedeutete das: Demontage der alten Fassade und Herstellung einer neuen Fassade nach den aktuellen Dämmvorschriften, die natürlich auch den neuesten Brandvorschriften entsprechen muss, ein Heidenaufwand, der entsprechend zu Buche schlägt. Auf die Rentnerin, inzwischen 80 Jahre alt, entfallen anteilige Sanierungskosten von 110 000 Euro, die sie nicht hat.
Welche Bank gibt einer 80-Jährigen 110 000 Euro? Richtig, keine. Also war sie wie ein Teil der Mieter zum Verkauf gezwungen. Weil auf einen Schlag ganz viele Eigentümer verkaufen mussten, sanken die Preise. Gerade mal noch 40 000 Euro seien drin, erklärte der Makler der armen Frau.
Wenn man wissen will, was in Deutschland schiefläuft, muss man sich den Wohnungsmarkt ansehen. Es gibt Gegenden in Deutschland, da bekommt man für neun Euro pro Quadratmeter Elbblick, Magdeburg ist so ein Fall. Aber wer das Glück (oder eben Pech) hat, in einer Großstadt zu leben, bei dem ist schnell die Hälfte für die Miete weg. An den Erwerb von Eigentum ist gar nicht zu denken.
Es wird zu wenig gebaut, um mit den Ansprüchen Schritt zu halten. 400 000 neue Wohnungen jährlich, so hatte es die Ampelregierung in Aussicht gestellt. Das war ihr Demokratiestabilisierungsprogramm gegen den wachsenden Verdruss im Land. Die Wohnungen existieren – auf dem Papier. Die neue Regierung hat wohlweislich keine Zahl mehr genannt.
Eine Lösung ist Verstaatlichung. Diesen Weg geht die Linkspartei in Berlin. Vergesellschaftung zu 40 Prozent unter dem Verkehrswert, so hat es die Spitzenkandidatin Elif Eralp vor der Wahl angekündigt, das sei doch ein gutes Geschäft. Abgesehen davon, dass man in Deutschland nicht mal eben die Eigentumsverhältnisse umdrehen kann: Es ist auch alles andere als ein gutes Geschäft.
Bei einer Verstaatlichung zu 40 Prozent unter dem Verkehrswert kommen auf Berlin noch immer 20 bis 25 Milliarden Euro an Kreditkosten zu. Plus die Verbindlichkeiten bei den Banken, die man von den hoch verschuldeten Wohnungsbaugesellschaften übernehmen müsste. Es sei denn, man verstaatlicht die Banken gleich mit, das wäre natürlich auch ein Weg.
Warum ist Bauen in Deutschland so teuer? Weil wir ständig einen drauflegen. Die durchschnittliche Deckendicke beträgt in Deutschland inzwischen 38 Zentimeter. Erst kommt der Beton, dann die Trittschalldämmung, dann der Estrich. In Frankreich sind es insgesamt 20 Zentimeter. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie in Frankreich ständig durch die Decken krachen, weil die Decken zu dünn sind. Aber so können wir nicht denken.

© Michael Szyszka
Die Bauwirtschaft hat große Hoffnung auf eine Entschlackung der DIN-Normen gesetzt. Die Lösung steht im Koalitionsvertrag. Die Regierung hat sich die Einführung eines „Gebäudetyps E“ vorgenommen – „E“ wie einfach. „Wohnen bezahlbar machen: Unnötige Regelungen Bauvorgaben und Regelungen müssen weg“, so hat es die CDU gerade wieder auf ihrer Klausurtagung beschlossen.
Allein, die Regierung hat die Rechnung ohne die Bundesjustizministerin gemacht. Der Verbraucherschutz sei nicht gewahrt, erklärt die Ministerin. Man könne Menschen nicht zumuten, in ein Haus einzuziehen, das nicht den neuesten Standard erfülle, jedenfalls nicht, ohne dass man ihnen vor Bezug eine Belehrung erteilt habe, auf was alles verzichtet wurde.
Ich glaube, kein Mensch würde je Einspruch erheben, weil die Decke dünner ausfällt oder es nur fünf statt acht Steckdosen pro Raum gibt. Aber wenn man ihn fragt, ob er lieber 38 Zentimeter Decke hätte als 20, wird er vermutlich sagen: 38 sind sicherer. So sind wir Deutsche. Das Ende vom Lied ist: Es gibt bis heute keinen Gebäudetyp E, und die Bauwirtschaft baut weiter nach Normen, die jeder Luxusvilla zur Ehre gereichen würden.
Vor vier Wochen war ich zu Gast auf einem immobilienpolitischen Panel. Neben mir saß Axel Gedaschko vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Über die Jahre seien alle möglichen Rechte ausgeweitet und aufgewertet worden, sagte er – das Umweltrecht, das Tierrecht, der Denkmalschutz. Nur vom Recht auf Wohnen sei nie die Rede.
Gedaschko plädierte dafür, dass man zu einer Abwägung kommen müsse. Auch bezahlbares Wohnen sei ein Grundrecht. Mir erschien das einleuchtend. Leider zeigt die Erfahrung, dass man das in den Bauämtern anders sieht. Und wenn man das Bauamt auf seiner Seite hat, dann hat man die Umweltbehörde oder den Tierschutz gegen sich.
Zu allem Überfluss können auch noch lauter Leute Einspruch erheben, die ganz woanders leben. Ein Bekannter versucht seit sechs Jahren, ein Bauvorhaben in Starnberg auf einem stillgelegten Industriegelände zu realisieren. Alle im Gemeinderat sind dafür, sogar die Grünen. Leider haben auch ein paar engagierte Vogelschützer aus dem Badischen ihr Auge auf das Projekt geworfen, die mit dem Verbandsklagerecht gegen das Vorhaben vorgehen.
Das Verbandsklagerecht ist der kleine Bruder des Megalodon. Alles ist in trockenen Tüchern, und dann kommt die Deutsche Umwelthilfe aus Radolfzell um die Ecke und entdeckt einen Stieglitz, der möglicherweise am Baukran vorbei seinen Brutplatz nicht mehr findet. Also muss der Baukran weg, damit der ungestörte Überflug gesichert ist.
Weil es überall Vögel gibt, wo gebaut wird, kann man alles zum Erliegen bringen, wenn man denn will. Am Ende bekommt zwar meist der Bauherr recht, aber dann sind die Investoren schon abgesprungen. So erging es auch dem Bekannten. Nun liegt die Sache erst mal auf Eis.
Ich will nicht die Platte auflegen, dass man auf diese Weise die AfD immer größer macht. Mein Vertrauen in den bauwirtschaftlichen Sachverstand von Alice Weidel und den Ihren ist nicht besonders groß. Aber dass die Leute verzweifeln, ist mit Händen zu greifen. Wenn die Verzweiflung sehr groß wird, neigt man auch zu unüberlegten Dingen.
