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Die verlorene Generation

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Aber die Folgen der Corona-Politik für Kinder und Jugendliche sind bis heute kein großes Thema. Dabei ist das Bild, das Entwicklungspsychologen zeichnen, düster

In Berlin wurde bis Montag gestritten, wann die Schulen öffnen dürfen. Die Inzidenz in der Hauptstadt liegt bei 35. Die Baumärkte sind offen, auch Cafés und Biergärten kehren zum Normalbetrieb zurück. Wer einen Kabelbinder oder eine Berliner Weiße braucht, kann sich wieder auf eine geregelte Versorgung verlassen. Nur beim Zugang zu Wissen und Bildung war man sich im Senat uneins, wann man die Restriktionen aufheben sollte. Noch vor den Sommerferien? Oder lieber erst danach?

Vor allem die Linkspartei, die in der Landesregierung mit drei Senatoren vertreten ist, stemmte sich gegen die Öffnung. Auch die Schulsenatorin war dagegen. Ein Regelschulbetrieb vor den Ferien sei organisatorisch nicht zu bewältigen. Die Vorkehrungen, die bei einer Öffnung nötig sind, wurden als „zu aufwendig“ empfunden, wie man lesen konnte.

Seit Montag ist klar: Die Schulen müssen aufmachen, dem Unwillen der Landesregierung zum Trotz. Zwei Grundschüler haben das vor dem Verwaltungsgericht erstritten. Schüler, die gegen die Stadt Unterricht einklagen? Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Wir sehen immer deutlicher, was wir den Schwächsten in dieser Gesellschaft in den vergangenen Monaten zugemutet haben. Wir sehen es in der Statistik der Patienten, die bei den Kinder- und Jugendpsychiatern vorstellig werden. Wir sehen es in den Studien der Experten, die damit beschäftigt sind, die seelische Gesundheit zu vermessen.

Es sind erschütternde Zahlen und Berichte. Depressionen, Ängste, Essstörungen – alles hat zugenommen, auch bei den Jüngsten. Und selbst wenn es nicht zu manifesten Störungen kommt, sind die Belastungen enorm.

In der „Berliner Zeitung“ schilderte eine alleinerziehende Mutter, wie sie schier verrückt wird vor Sorge, weil ihr an ADHS leidender Sohn auf der Strecke zu bleiben droht. Über Monate hatte er keinen Lehrer mehr gesehen. Ob ihm der Übergang in die gewünschte Schule nach der sechsten Klasse gelingt, ist ungewiss.

Wem das immer noch zu sehr nach Ausnahmefall klingt, der muss nur, wie ein Kollege der „Frankfurter Allgemeinen“, die Kinder befragen. Was habt ihr die letzten Monate gemacht? Fernsehen geschaut, lautet die Antwort.

Es heißt immer, die Kinder seien unsere Zukunft. Wenn das zutrifft, dann scheint uns die Zukunft nicht sehr zu interessieren. In der Krise tritt alles klarer hervor, dazu gehören auch die Prioritäten einer Gesellschaft. Nach einem Jahr Ausnahmezustand muss man sagen: Ausgerechnet auf die Jüngsten wurde am wenigsten Rücksicht genommen. Auch das ist ein Ergebnis der Corona-Maßnahmen, für die sich manche Politiker jetzt feiern lassen.

Je mehr man liest, desto mehr fragt man sich, warum das Schicksal der Kinder keine Rolle gespielt hat. Wie konnte es passieren, dass alle die Augen verschlossen? Sicher, es gab Stimmen, die sagten, vergesst die Kinder nicht. Die sich gegen Kita- und Schulschließung stemmten. Aber sie sind nicht wirklich durchgedrungen.

Bis heute sind die meisten Bundesländer nicht zum regulären Unterricht zurückgekehrt. „Wechselunterricht“ klingt so freundlich. In Wirklichkeit bedeutet es, dass man die Hälfte des Monats zu Hause bleibt, bevor man zu seinen Freunden und Klassenkameraden zurückgelassen wird. Im Strafvollzug würde man von Hofgang reden.

Ist es übertrieben, wenn man von einer verlorenen Generation spricht? Man macht sich keine Vorstellungen, was es für viele Kinder und Jugendliche bedeutet, ihrem sozialen Umfeld entrissen zu sein. Gerade Heranwachsende brauchen feste Strukturen, einen geordneten Tagesablauf, der ihnen Halt und Orientierung gibt. Kaum etwas ist schädlicher für die Entwicklung, als wenn die Zeit verschwimmt, weil ein Tag in den anderen übergeht.

Vieles wird nicht mehr aufzuholen sein. Es gibt Entwicklungsstufen, die man nicht einfach anhalten kann, um sie später erneut zu starten. Schule ist ja viel mehr als eine Einrichtung zur Wissensvermittlung. Es ist der Ort, wo sich Kinder beweisen und messen, wo sie lernen, Frustrationen auszuhalten, und soziales Verhalten einüben. In manchen Fällen ist es auch der einzige Fluchtraum, der sie vor einer alkoholumnebelten Mutter und einem prügelnden Vater trennt.

Wir reden viel von sozialer Spaltung. Wie wichtig es sei, das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern, steht in jeder politischen Bewerbungsrede ganz oben, gleich nach dem Klimawandel. Eigenartigerweise waren die sozialen Folgen des Lockdowns kaum ein Thema, auch nicht bei den Leuten, die sonst keine Gelegenheit auslassen, vor der Spaltung der Gesellschaft zu warnen.

In den sozialen Netzwerken machte neulich ein Schaubild die Runde, das die Inzidenz im Kölner Villenviertel Hahnwald (null) dem in der Hochhaussiedlung Chorweiler gegenüberstellte (520). Den Verfechtern eines strengen Lockdowns galt das als Beweis, wie wichtig eine Fortsetzung der Freiheitsbeschränkungen sei. „In wessen Interesse ist es jetzt, über ‚Lockerungen‘ nachzudenken“, lautete ein höhnischer Kommentar.

Tatsächlich verhält es sich genau andersherum: Ein Bundesminister oder auch ein FOCUS-Kolumnist können auf ihren 140 Quadratmetern im Vorort problemlos jeden Lockdown durchstehen. Wenn das Gesetz einen nicht mehr auf die Straße lässt, tritt man eben in den Garten statt auf die Straße. Bei einer fünfköpfigen Familie im Hochhaus sieht die Sache schon ganz anders aus.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt auch für die Frage, welche Einschränkungen man akzeptabel findet und welche nicht. Lediglich zwei Mitglieder des Bundeskabinetts haben kleine Kinder im schulpflichtigen Alter. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Ich bin sicher, dass Angela Merkel das Schicksal der Kinder, die sie der Einsamkeit ihres Zimmers überantwortete, nicht gleichgültig ist. Aber es ist eine Sache, ob man liest, wie Familien zu kämpfen haben, und eine andere, ob man es aus eigener Anschauung kennt.

Selbstkontrolle, Konzentrationsfähigkeit, die Gabe, sich auch ohne Aufsicht sinnvoll zu beschäftigen, sind stark mit Bildungsstand und sozialem Hintergrund des Elternhauses gekoppelt. Wer als Politiker den ganzen Tag mit Leuten zu tun hat, die von Kindheit an gelernt haben, sich diszipliniert zu verhalten, ist versucht, diese Fähigkeit zu überschätzen.

Eine andere Erklärung für das seltsame Desinteresse an der Not der Kinder liegt im Vertrauen auf die segensreiche Wirkung des Staates, das gerade in der linken Bewegung stark ausgeprägt ist. Für einen Linken gibt es im Grunde kein Problem, das man nicht mit Geld und der ausreichenden Anzahl von Sozialarbeitern in den Griff bekommen kann. Wenn sich die Probleme wider Erwarten halten sollten, dann hat man halt nicht genügend Geld in die Hand genommen beziehungsweise Sozialarbeiter in Bewegung gesetzt.

So gesehen sind auch die sozialen Verwerfungen aufgrund des Lockdowns lediglich ein bedauerlicher Missstand, den man schon in der nächsten Legislaturperiode mit einem groß angelegten Umverteilungsprogramm korrigieren wird. Wenn eine Generation von Kindern ein Jahr vor dem Fernseher verbracht hat: eine unglückliche Entwicklung, sicher, aber nichts, was sich nicht mit der entsprechenden Für- und Nachsorge in den Griff bekommen ließe. Dass es Entwicklungsrückstände oder, ganz grundsätzlich, Herkunftsunterschiede geben könnte, die sich nicht beheben lassen, auch nicht mit dem besten Sozialprogramm, ist in dieser Welt nicht vorgesehen.

In Frankreich waren übrigens nur wenige Wochen die Schulen zu. Ab 19 Uhr durfte niemand vor die Tür. Tagsüber konnte man sich ohne triftigen Grund nicht weiter als zehn Kilometer von seiner Wohnung entfernen. Aber der Unterricht war selbst in der dritten Welle fast durchgängig gewährleistet. Jede Nation hat eben ihre eigenen Prioritäten.

Ein Jahr vor dem Fernseher ©Marie Wolf

Mein Haus, mein Rad, mein Volvo

Mit den Grünen ist es wie mit allem, was gut und teuer ist: Man muss sie sich leisten können. Die klimagerechte Gesellschaft ist nichts für arme Schlucker. Um dabei zu sein, braucht es auch die entsprechenden Mittel

Viele Leute in meinem Milieu verhalten sich nach dem Motto: links reden, rechts leben. Ich halte es andersherum. Also rechts reden, links leben.

Meine Kinder bringe ich morgens im Lastenfahrrad zum Kindergarten (Ganztagskita, da Dual Career Couple). Für den Weg ins Büro nehme ich die S-Bahn. Im Juni kommt die Solaranlage aufs Dach. Solardächer gibt es ja leider noch nicht, anders als die grüne Parteivorsitzende meint, wenn sie im „Bild am Sonntag“-Interview ankündigt, Solardächer bei Neubauten zur Pflicht machen zu wollen.

Bislang muss man sich noch mit Solarpanels behelfen. Aber auch so darf ich mich zu den Vorzeigebürgern zählen: 11 kWp, plus Energiespeicher. Wenn endlich die Sonne vom Himmel brennt, wie von Fridays for Future versprochen, bin ich ab Sommer autark. Der nächste Schritt ist dann der eigene Brunnen. Dann brauche ich auch die Stadtwerke nicht mehr.

Gut, der SUV trübt ein wenig die Ökobilanz. Aber erstens ist es ein Volvo, der geht irgendwie als grün durch. Und haben wir nicht außerdem gerade gelernt, dass der SUV unter Anhängern der Grünen besonders beliebt ist?

Die Marktforscher der Beratungsfirma „Puls“ haben bei Menschen, die in den vergangenen zwölf Monaten ein Auto erworben haben (oder daran denken, in den nächsten sechs Monaten eines zu erwerben), nachgefragt, welchen Typ sie bevorzugen. 16,3 Prozent der Grünen outeten sich als Geländewagen-Fans, so viele wie bei keiner anderen Partei. Am schlechtesten schnitten Sympathisanten der Linkspartei ab. Für die ist Klassenkampf noch ein Begriff: Die sind für die SUV-Industrie und ihre Verheißungen verloren.

Den grünen Lebensstil muss man sich leisten können. Die klimagerechte Gesellschaft ist nichts für arme Schlucker. Sorry, dass ich das so deutlich sage. Um mithalten zu können, braucht man nicht nur das richtige Bewusstsein, sondern auch die entsprechenden finanziellen Mittel.

Schon ein Blick auf die Stromrechnung zeigt, dass die Klassengesellschaft nicht verschwunden ist, nur weil keiner mehr darüber redet. Fragen Sie mal einen Möbelpacker, was er davon hält, dass wir in Deutschland heute die höchsten Strompreise in Europa haben. Ich bin sicher, er wird einem mit ruhiger Stimme auseinandersetzen, dass die Energiewende nun einmal ihren Preis habe.

„Aber die Förderung, die Förderung!“, höre ich jetzt einige rufen. Leider gilt auch hier: Wer hat, dem wird gegeben. Das ist wie mit dem Milliardär, der noch in der ärgsten Wirtschaftskrise sein Vermögen mehrt, weil er über Anlagemöglichkeiten verfügt, auf die kein normaler Bürger Zugriff hat. Die Solaranlage wird großzügig von der Gemeinde gesponsert. Auch für das Lastenfahrrad gibt es in München einen Zuschuss, vorausgesetzt, es ist elektrisch.

Ich habe mich im Netz umgesehen, was die aktuellen Ausführungen kosten. Das Einsteigermodell Babboe City-E schlägt mit 2749 Euro zu Buche. Beim Urban Arrow, einem unter trendbewussten Eltern derzeit sehr beliebten E-Bike, muss man 4750 Euro auf den Tisch legen. Das sind für viele Menschen drei Jahresurlaube. Aber mei, dafür gondelt man dann garantiert CO2-neutral durch die Gegend.

Auch über das eigene Dach für die Fotovoltaikanlage verfügt, Gott sei’s geklagt, nicht jeder. Dass die grünen Pläne den Traum von der eigenen Immobilie noch weiter in die Zukunft schieben werden, darf als ausgemacht gelten. In Berlin haben sie in einem Großexperiment erprobt, welche Auswirkungen die Mietpreisbremse hat, die jetzt ins grüne Wahlprogramm soll. Die Zahl der angebotenen Mietwohnungen hat sich binnen eines Jahres halbiert. Dafür stiegen die Preise für Eigentum um 12 Prozent.

Mir soll es recht sein. Ich habe schon gekauft. Als neulich in meiner Gemeinde Bürgermeisterwahlen waren, habe ich für die grüne Kandidatin gestimmt. „Mehr Radwege sind doch gut, das hebt den Wert unseres Hauses“, sagte meine Frau, die aus der Finanzindustrie kommt und der ich auch in politischen Dingen meist folge. Nur im Bund sollte man die Grünen besser nicht ranlassen, meinte sie: Da könne zu viel Unsinn passieren.

Wen die grüne Wende wie viel kosten wird, das ist die große Frage. Vor zwei Wochen war Annalena Baerbock beim ZDF zu Gast. Wie es denn in Zukunft mit dem Fliegen aussehe, wurde sie gefragt. Ihre dort geäußerte Position lässt sich so zusammenfassen: Wir müssen verzichten, aber nichts wird eingeschränkt. Jeder könne fliegen, wohin er wolle, aber natürlich dürfe es keinen Konsum auf Kosten künftiger Generationen geben. Als die Interviewer sich mit den Antworten unzufrieden zeigten, erreichte die Kanzlerkandidatin schließlich das rettende Ufer: Der globale Flugverkehr müsse eingeschränkt werden. Globale Lösungen sind immer gut, da kann niemand etwas dagegen haben.

Das Wolkige und Wohlklingende ist die Paradedisziplin der Grünen, da macht ihnen so schnell keiner etwas vor. Parteiprogramme bringen es mit sich, dass sie sich so lesen, als wäre die ideale Gesellschaft gleich um die Ecke, wenn sich nur alle endlich ein wenig am Riemen reißen würden. Die einzige Partei, die auf jeden Schmonzes verzichtet, ist die AfD, aber dort haben sie ja auch jeden Versuch aufgegeben, sympathisch zu wirken. Trotzdem bemühen sich die meisten Parteien wenigstens, hier und dort etwas Handfestes anzubieten.

Andererseits: Warum die Wähler vergraulen, wenn es auch ohne allzu Konkretes geht? Im Prinzip ist man sich ja einig, dafür sorgt schon die erstaunliche soziale Homogenität der Anhängerschaft.

Die Grünen waren immer ein Elitenprojekt. Keine andere Partei versammelt in ihren Reihen so viele akademisch gebildete oder zumindest anakademisierte Menschen. Nirgendwo ist der Anteil derjenigen, für die Wachstum schon deshalb keine Perspektive sein muss, weil sie auf die eine oder andere Weise vom Staat leben, ähnlich groß.

Lange haben sich die Grünen ihrer Herkunft geschämt. Bei der Wahl 2013 meinten sie noch, ein ambitioniertes Sozialprogramm auflegen zu müssen, um zu beweisen, dass sie auch etwas von Hartz IV verstehen. Inzwischen zeigen die Grünen ganz unverstellt, dass sie die Partei derer sind, die die Sorge ums Materielle weitgehend überwunden haben.

Auch die Grünen wissen, dass es da draußen Menschen gibt, die ihre Kinder nicht Jonas und Lena nennen, Montessori für einen Schaumwein halten und bei Fridays for Future bereits beim Buchstabieren ins Stolpern geraten. So wie man als gebildeter Mensch ja auch weiß, dass es im Regenwald Stämme gibt, die im Lendenschurz durch die Gegend streifen und noch mit Pfeil und Bogen jagen.

Man sieht sie halt nur nie. Jeder Grüne zählt mehr migrantisch bewegte LGBTQIA+-Aktivisten in seinem Bekanntenkreis als Abkömmlinge aus der Unterschicht. Schon das Wort ruft Unbehagen hervor. Deshalb ist auch ganz viel von klimagerechter Gesellschaft die Rede, das klingt irgendwie weitläufiger als die soziale Gerechtigkeit, für die man früher bei den Linken stritt. Zur Not erhöhte man halt die Hartz-IV-Sätze. Wenn es an etwas nie mangelt in der grünen Welt, dann an Geld. Das wächst dort auf den Bäumen.

Etwa 25 Prozent der Deutschen geben in Umfragen an, im September für die Grünen stimmen zu wollen. Weitere 25 Prozent sagen, dass sie sich theoretisch vorstellen könnten, grün zu wählen. Die Parteiführung wertet dies als Zeichen, dass die Grünen inzwischen Volkspartei seien. Für mich sind die Zahlen eher Ausdruck des Wohlstands dieser Gesellschaft.

Für 50 Prozent der Deutschen sind auch 200 Euro mehr für den Mallorcaflug kein Problem. Die Erhöhung der Ticketpreise hätte im Gegenteil sogar einen Vorteil. An Bord wäre man endlich wieder mehr unter sich: weniger Plebs, mehr Baedeker. Wenn das kein Versprechen an die Anhängerschaft ist!

Wer zählt als Opfer?

Die Mutter des Autors wurde am 26. April mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingewiesen. Seitdem ringen er und sein Bruder mit den Lockdown-Regeln, die jeden Kontakt verbieten

Eine Frau steht in der Küche und füttert die Katze. Es ist 10 Uhr morgens. Am Mittag wird sie ihren Mantel überziehen und sich auf den Weg in die kleine Stadt machen, um wie jeden Tag beim Italiener ihr Mittagessen abzuholen. Sie ist 84 Jahre alt. Sie hat Mühe, sich an Dinge zu erinnern, die man ihr erst vor Kurzem erzählt hat. Manchmal wird sie dann ärgerlich. Aber wenn man sie fragen würde, wie es ihr geht, würde sie sagen, dass sie sich nicht beklagen könne.

Plötzlich wird ihr unwohl, so als ziehe eine Wolke im Kopf auf. Das Telefon klingelt, einer der Söhne ist am Apparat. Du redest so komisch, Mama, sagt er, was ist los?

Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie in einem Krankenzimmer. Fremde Menschen treten an ihr Bett und machen sich an ihr zu schaffen. Sie fragt nach ihrem Zuhause, ihren Kindern. Die werde sie leider für längere Zeit nicht sehen können, sagt man ihr.

Die ältere Frau ist meine Mutter. Sie hat am 26. April einen Schlaganfall erlitten. Ich habe es in meiner letzten Kolumne erwähnt, als ich über die Unerbittlichkeit der Corona-Regeln schrieb. Wenn davon die Rede ist, dass man nicht voreilig öffnen dürfe, wird oft so getan, als gehe es darum, dass die Geburtstagsfeier pünktlich stattfinden kann oder der Jogger nach 22 Uhr wieder auf die Straße darf. Ich glaube, viele machen sich nicht bewusst, welche dramatischen Einschränkungen mit dem Lockdown verbunden sind, der nach wie vor in weiten Teilen Deutschlands gilt.

Ich dachte, das Kontaktverbot in der Klinik wäre temporär. Irgendjemand werde schon ein Einsehen haben, dass dies für eine alte Frau, die plötzlich aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurde, ein untragbarer Zustand ist. Aber es hatte niemand ein Einsehen. Alles, was wir zu hören bekamen, war, dass die Corona-Regeln grundsätzlich keine Besuche von Angehörigen erlauben würden. Ob man die Mutter nicht im Rollstuhl vor die Tür schieben könne, fragte mein Bruder. Nicht möglich, sagt die Stationsärztin. Sie wissen, die Ansteckungsgefahr! Aber die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus anzustecken, tendiert draußen doch gegen null. Es tut uns leid, keine Ausnahme möglich.

Mein Bruder ist einmal geimpft, meine Mutter hat bereits ebenfalls eine erste Impfung erhalten. Spielt keine Rolle. Könnte man die Mutter nicht ein zweites Mal impfen, damit sie in die Gruppe derjenigen aufrückt, für die gelockerte Regeln gelten? Für Impfungen ist das Krankenhaus nicht zuständig. Außerdem gibt es auch bei vollständig Geimpften ein Restrisiko. Daher weiterhin: strenges Besuchsverbot.

Wir versuchen, uns aus den Bruchstücken an Informationen, die wir erhalten, ein Bild zu machen. Erst heißt es: ein leichter Schlag, man müsse sich keine Sorgen machen. Dann ist plötzlich von Lähmungserscheinungen die Rede. Ach, das hat Ihnen niemand gesagt? Ja, Lähmung der rechten Seite, das Sprachzentrum ist ebenfalls betroffen. Damit entfällt auch die Möglichkeit zum Telefonat. Später heißt es, meine Mutter habe im Krankenhaus eine Hirnblutung erlitten, Folge einer dort erfolgten medikamentösen Behandlung.

Das ist also die Lage: eine 84-jährige Frau, mutmaßlich verwirrt und geschockt, ohne Aussicht auf ein tröstendes Gespräch oder die Chance, sich mit jemandem, den sie kennt, über die Risiken einer Behandlung zu beraten. Angeblich hat man ihr empfohlen, einen Herzschrittmacher einsetzen zu lassen, da man Herzrhythmusstörungen festgestellt hat. Es heißt, sie habe die Operation abgelehnt. Ob sie wusste, was sie ablehnt?

Ich erzähle das nicht, weil ich Mitleid schinden will. Es gibt Menschen, die es noch schlimmer getroffen hat. Meine Schwägerin berichtet am Telefon von einer Freundin, die beide Eltern verloren hat, ohne dass sie Abschied hat nehmen können. Sie liege nachts manchmal wach und frage sich, wie die letzten Momente ihrer Eltern ausgesehen haben mögen, in der Isolation, ohne Gelegenheit, noch einmal die Hand eines vertrauten Menschen zu spüren.

Inzwischen sind immerhin die Palliativpatienten vom Kontaktverbot ausgenommen. So gesehen hat man Pech, wenn man zu langsam oder zu schnell stirbt. Was in den Krankenhäusern passiere, sei furchtbar, sagt die Schwägerin, und sie ist kein sentimentaler Mensch. Sie ist selbst Ärztin.

Ich erzähle das, weil ich es leid bin, dass so getan wird, als habe der Lockdown keine Opfer zur Folge. Ich bin immer wieder sprachlos, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen, die niemanden an die Pandemie verloren haben, im Namen der Corona-Opfer sprechen.

Ich habe in der erwähnten Kolumne beschrieben, was passiert, wenn man von der Berichterstattung in den Kampagnenmodus wechselt. Ich erwähnte dabei auch den „Spiegel“, der mit einer Reihe von Prognosen spektakulär danebenlag. Am Nachmittag der Veröffentlichung meldete sich der Ressortleiter der Wissenschaftsredaktion, Olaf Stampf, auf Twitter. „Wenn 70000 Tote seit Oktober keine furchtbare Zahl ist, weiß ich auch nicht“, schrieb er. Hat Olaf Stampf einen Angehörigen verloren, fragte ich mich, als ich das las. Weiß er, wie es sich anfühlt, wenn erst der Vater stirbt und dann die Mutter?

Mein Vater ist im April letzten Jahres gestorben. Er lebte in einem Pflegeheim. Er hat sich furchtbar gegen den Umzug gewehrt, wie viele alte Menschen, die wissen, dass der Schritt unumkehrbar ist. Fast ein Jahr lang hat er gebettelt, dass man ihn wieder nach Hause lasse. Irgendwann hat er sich gefügt. Was ihn aufrecht hielt, waren die Besuche meiner Mutter. Morgens um 10 Uhr kam sie, um ihm beim Frühstück zu helfen. Sie saß neben ihm, wenn er in der Zeitung las, und auch, wenn er in seinem Rollstuhl döste.

Als die erste Welle Deutschland heimsuchte, hieß es, niemand außer dem Pflegepersonal dürfe das Heim betreten. Man kann der Heimleitung keinen Vorwurf machen, sie hat alles getan, was in ihrer Macht stand. Als meine Mutter wieder zu meinem Vater durfte, gab es den Mann, den sie verlassen hatte, nicht mehr. Wäre ich pathetisch, würde ich sagen: Das Virus hat ihn ausgelöscht, wie eine Kerze, der man den Sauerstoff entzieht. Zehn Tage später war mein Vater tot.

Ist er ein Corona-Opfer? Gehört er zu denen, die der bayerische Ministerpräsident als die „wahren Opfer“ der Krise bezeichnet hat? Was ist das überhaupt, ein wahres Opfer?

Der Gesundheitsminister hat einen Intensivpfleger in die Bundespressekonferenz eingeladen, damit er aus seinem Alltag berichtet. Das Video des Auftritts wurde tausendfach geteilt. Ich bewundere Leute, die Leben retten. Andererseits: Ist es nicht die Aufgabe eines Intensivpflegers, schwer kranke Menschen zu versorgen, unabhängig von der Art der Erkrankung?

Man könnte sich auch fragen: Warum lädt Jens Spahn nicht einen Kinder- und Jugendpsychiater ein, der Auskunft geben könnte, wie es auf seiner Station aufgrund des Lockdowns aussieht? Oder einen Seelsorger, der berichtet, wie es ist, wenn die Menschen einsam sterben, weil die Regeln es so verlangen? Weil man dann plötzlich einen anderen Blick auf die verhängten Maßnahmen bekäme?

Ich fürchte, wenn ich noch einmal höre, dass den Leuten, die für Lockerungen sind, Menschenleben egal seien, muss ich speien. „80000 Menschen tot“, brüllte der ZDF-Moderator Jan Böhmermann im Streit um die Videos, mit denen eine Reihe von Schauspielern gegen die Corona-Maßnahmen protestierte, ins Netz. Nur das: „80000 Menschen tot“. So, als sei die Zahl der Menschen, die seit dem Beginn des Lockdowns an Covid gestorben sind, ein Argument, gegen das sich jeder Einwand erübrige.

Hat Jan Böhmermann einen geliebten Menschen verloren? Trauert er um den Verlust? Oder ist sein Auftritt nur ein Stunt, eine der Aktionen, mit denen er sich im Gespräch hält? Ein Ressortleiter des Redaktionsnetzwerkes RND schrieb, die Schauspieler würden die Angehörigen verhöhnen. Ich weiß nicht, welche Angehörigen der Mann kennt. Ich fühlte mich nicht verhöhnt.

Am Dienstag durfte mein Bruder meine Mutter nach 16 Tagen sehen. Die Oberärztin sagte, ihr Zustand sei so traurig, dass er nahe an dem einer Palliativpatientin sei, da könne man eine Ausnahme machen. Er durfte eine Stunde lang ihre Hand halten. Bei der Verabschiedung erinnerte man ihn daran, dass dies wirklich eine einmalige Ausnahme gewesen sei.

„80 000 Menschen tot“, brüllt Jan Böhmermann ins Netz ©Marie Wolf

Vernunft durch Panik

Nach den Prognosen vieler Corona-Experten müsste jetzt die dritte Welle durchs Land toben. Für April und Mai wurde mit Zigtausenden Toten und einer Inzidenz von 2000 gerechnet. Was ist da schiefgelaufen?

Vielleicht sollte ich für eine Zeit lang nicht mehr den Wissenschaftsteil des „Spiegel“ lesen. Ich neige nicht zur Leichtgläubigkeit, bilde ich mir ein. Aber wenn die Kollegen vom Wissenschaftsressort das Wort ergreifen, sehe ich keinen Grund, ihnen zu misstrauen. Hören wir nicht tagein, tagaus, dass man der Wissenschaft folgen solle? Mit Naturgesetzen spielt man nicht! Man könne mit ihnen auch nicht verhandeln, heißt es.

Anfang Februar las ich im „Spiegel“ einen Artikel zur Corona-Lage. Die britische Mutante mache alle bisherigen Eindämmungspläne zunichte, stand dort, die Infektionen würden schon bald bei über 50000 Fällen pro Tag liegen. Um auch dem Begriffsstutzigsten den Ernst der Lage vor Augen zu führen, hatte die Redaktion eine Grafik angefertigt, in der sich die Infektionen wie ein dunkle, alles verschlingende Welle aufbauten.

Jeder Tag, an dem man nicht entschieden gegensteuere, würde unweigerlich ins Chaos führen, lautete die Botschaft. Ach was, Chaos. Einen Zustand nahe an der Unregierbarkeit, mit überquellenden Intensivstationen, verzweifelt um das Leben der Eingelieferten kämpfenden Ärzten und Abertausenden von Toten.

Kinder, die um ihre Eltern trauern, Männer, die ihre Frauen beerdigen, Frauen, die ihre Männer bestatten. So stand es in einem Text, der unter der fatalistischen Überschrift „Passt gut auf euch und eure Kinder auf“ den „nächsten Akt“ beschrieb, der „unausweichlich“ folge. Ich neige nicht zu Schwarzseherei, aber das schlug selbst mir auf den Magen.

Und nun? Nun liegt die Inzidenz nicht bei 2000, wie für den Mai vorhergesagt, sondern bei 135. Das ist immer noch hoch, aber doch himmelweit entfernt von dem Schreckensszenario, das die Befürworter eines Ultra-Lockdowns an die Wand malten. Ich wäre der Letzte, sich darüber zu beklagen. Ein Glück, dass es so gekommen ist. Andererseits würde man schon gerne wissen, was schieflief.

An den Corona-Maßnahmen kann es nicht liegen, dass die Wirklichkeit hinter den Vorhersagen zurückbleibt. Die sogenannte Bundesnotbremse, um die wochenlang gerungen wurde, ist erst seit ein paar Tagen in Kraft. Bis sich neue Restriktionen bemerkbar machen, vergehen in der Regel zwei Wochen, das ist ja das Tückische an der epidemiologischen Entwicklung, wie die Pessimisten nicht müde werden zu betonen.

Wir reden bei der Abweichung auch nicht über eine Kleinigkeit, einen Zahlendreher, wie er mal vorkommen kann. Der Inzidenzwert ist der heilige Gral der Politik. An dieser Zahl hängt alles: Grundrechtseinschränkungen, wie man sie nicht einmal im Kaiserreich kannte. Die Schließung der Schulen, die eine ganze Generation von Kindern in ihrer Entwicklung zurückwerfen wird, die weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens und damit die Zerrüttung der Lebensgrundlage von Millionen.

Meine Mutter ist am Montag vor einer Woche mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Seit zehn Tagen darf niemand zu ihr. Telefonieren geht auch nicht, da der Schlag das Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen hat. Seit fast zwei Wochen ist sie allen Menschen entrissen, die sie kennt und die ihr Trost geben könnten. So seien nun einmal die Regeln, heißt es von der Klinik.

Ich will nicht auf die Tränendrüse drücken. Wer ist nicht bereit, Opfer zu bringen, wenn es darum geht, Zigtausende Tote abzuwenden? Aber wenn sich herausstellt, dass alles nicht so stimmt, wie vorhergesagt, dann fängt man an, ein paar Fragen zu stellen.

Ich war sicher, ich würde eine ausführliche Erklärung lesen, eine Entschuldigung, warum man mit den Prognosen weit danebengelegen hat. Das Einzige, was ich gefunden habe, war ein Text auf „Spiegel Online“, der in dem Satz gipfelte, Rechenmodelle seien immer vereinfachte Abbilder der Wirklichkeit. Niemand habe behauptet, dass es sich um präzise Prognosen handele. Das fand ich ein bisschen, wie soll ich sagen, nonchalant angesichts des Tons, den die Kollegen noch vor wenigen Wochen angeschlagen haben.

Ich will nicht ungerecht sein. Auch in anderen Medien wurde nach Kräften die Inzidenz-Trompete geblasen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hielt für Mai einen Inzidenzwert von 1000 und höher für wahrscheinlich, „Zeit Online“ veröffentlichte ein Schaubild, das in der Spitze sogar eine Inzidenz von 40000 als denkbar auswies.

Die Redakteure haben sich ihre Zahlen auch nicht aus den Fingern gesogen. Sie hatten die besten Quellen: das RKI, die Bundesbank der Virologie; die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihrem hochgelobten Obermodellierer Michael Meyer-Hermann; die Kanzlerberater Viola Priesemann und Melanie Brinkmann.

Die Forscher des Vertrauens waren sich einig: Es wird schlimm, und danach wird es noch schlimmer. Immer gibt es ein Virus, das noch furchtbarer und tödlicher ist als das letzte. Wenn es nicht der sogenannte Wildtyp ist, der uns hinmacht, dann die britische Mutante oder die brasilianische oder die indische. Jetzt ist es die Fluchtmutante, vor der man sich ängstigen muss.

Was also ist schiefgelaufen? Ganz einfach, würde ich sagen: Man ist von der Beschreibung in den Kampagnenmodus gewechselt. Ich habe nichts gegen Kampagnen. Der Journalismus verdankt der Kampagne einige seiner schönsten Stunden. Früher ging es für Willy Brandt und die Ostverträge, heute eben für„No Covid“ und mehr Lockdown. Man sollte allerdings nicht so tun, als verhielte man sich unparteiisch und würde nur die Fakten wiedergeben.

Wer ein Ziel verfolgt, neigt dazu, Tatsachen in seinem Sinne zu gewichten. Was die eigene Argumentation stützt, erscheint plausibler als das, was der Argumentation zuwiderläuft. Je länger und entschiedener man dabei für eine Sache streitet, desto verbissener wird es. Irgendwann findet man sich in einer Mannschaft wieder, in Team A oder Team B. Dann gibt es nur noch Freunde und Feinde.

Auch in dieser Disziplin ist der „Spiegel“ unübertroffen: Am 26. Februar veröffentlichte die Redaktion einen mehrseitigen Text, der genau das zum Ziel hatte: die seriösen Wissenschaftler (Christian Drosten, Brinkmann, Meyer-Hermann) von den aus ihrer Sicht unseriösen (Hendrik Streeck, Klaus Stöhr, Jonas Schmidt-Chanasit) zu trennen. Auch hier wäre man auf ein Update gespannt.

Es gibt ernst zu nehmende Stimmen, die analog zum Corona-Lockdown einen Klima-Lockdown fordern. Gerade hat der bayerische Ministerpräsident gewarnt, der Klimawandel sei die „nächste pandemische Herausforderung“. Schon deshalb ist es nicht ganz unerheblich, wie verlässlich die Modelle sind, die zur Begründung ins Felde geführt werden.

„Klimaprognose: Die Welt steuert bis 2100 auf 2,4 Grad Erderwärmung zu“, lautete am Dienstag eine Schlagzeile. Das Selbstbewusstsein der Beteiligten ist zumindest ungebrochen, darf man daraus schließen. Man ist zwar nicht in der Lage, die Inzidenz bei dem bestbeobachteten Virus der Welt über den Verlauf von acht Wochen zu berechnen, aber eine Vorhersage bei der Emission von Treibhausgasen bis zur Jahrhundertwende scheint problemlos möglich.

Für den „Spiegel“ ist Corona übrigens nicht die erste Pandemie, in der man von der Berichterstattung zum Aktivismus wechselte. Am Anfang der Aids-Epidemie konnte man in dem Blatt Zahlen lesen, wonach das neuartige Virus einen Gutteil der Bevölkerung auslösche, wenn nicht drakonische Maßnahmen ergriffen würden. Das Einzige, was helfe, sei eine repressive Politik gegen Menschen, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit ihrer Triebbefriedigung nachkämen und so zur Bedrohung für die Gesellschaft würden.

Das war der Redaktion später etwas peinlich. Der promiske Schwule als Gefahr für die Gesellschaft? Man habe Schlimmeres verhindert, indem man der noch ahnungslosen Öffentlichkeit die Dramatik vor Augen geführt habe, war die Entschuldigung.

Vernunft durch Panik: Das Argument kommt einem bekannt vor.

©Silke Werzinger

Bericht aus der Fankurve

Das ist die Ausgangslage für die Bundestagswahl 2021: Hier die Medien, die sich in Begeisterung für die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin überschlagen – dort das Wahlvolk. Mal sehen, wer am Ende gewinnt

Warum wählen Menschen grün? Die kurze Antwort lautet: weil die anderen auch grün wählen. Das ist wie mit der Frage, warum das eine Restaurant voll ist und das andere nicht. Es ist voll, weil es voll ist. Klingt simpel, enthält aber eine tiefe Wahrheit.

Bei politischen Entscheidungen spielt auch das Programm eine Rolle, sicher. Aber wichtiger als die programmatische Übereinstimmung ist für die meisten Wähler, dass man sich mit dem politischen Bekenntnis keine unangenehmen Fragen einhandelt. Wäre es anders, wären viele nicht so überrascht, wenn ihnen der Wahl-O-Mat eine ganz andere Partei empfiehlt als die, die zu wählen sie beabsichtigen. Die Grünen sind die perfekte Wahl für Leute, die gemocht werden wollen.

Was das Sympathischwirken angeht, kann Annalena Baerbock niemand das Wasser reichen. Alles an dieser Frau sagt: total nett. So wird sie auch in den Medien beschrieben: nett, patent, umsichtig, dabei bodenständig und humorvoll. Oder wie ein „Spiegel“-Redakteur schrieb, der mit ihr in Hamburg Politikwissenschaft studierte: Das Einzige, was man ihr vorwerfen könne, sei, dass der Humor gelegentlich vielleicht eine Spur zu derb ausfalle. Erinnert an den Manager, der auf die Frage nach seiner größten Schwäche antwortet: Ungeduld. Auch die Schwäche ist in Wahrheit eine Tugend. Perfekt.

Gut, es gibt ein paar Schwachstellen im Lebenslauf, darüber kommt selbst der liebevollste Blick nicht hinweg. Die einzige Berufserfahrung, über die Frau Baerbock verfügt, sind drei Jahre als freie Mitarbeiterin bei der „Hannoverschen Allgemeinen“, bevor sie entdeckte, was ihre eigentliche Berufung ist: „Jeden Tag über sich hinauswachsen.“

Kein Ministerpräsidentenamt, nicht ein einziger Monat als Ministerin, nicht mal der Vorsitz bei einer klitzekleinen Behörde: So wenig Berührung mit der praktischen Seite von Politik hatte noch nie jemand, der sich anschickte, das Land zu regieren. Andererseits: Liegt nicht gerade hier das Versprechen der Unverbrauchtheit und der Frische begründet, von dem jetzt so viel die Rede ist?

Vorsorglich steht außerdem in den Texten über die Kandidatin, dass es Fragen gibt, die man besser nicht stellt, wenn man sich nicht als Journalist disqualifizieren will. „Die richtigen Fragen, bitte“, lautete die Überschrift in einem Kommentar, dass man sich gefälligst mit den Inhalten der Grünen auseinandersetzen solle, nicht mit dem Persönlichen.

Ginge es nach den Medien, kann auf die Bundestagswahl getrost verzichtet werden. Ich glaube, viele Redakteure bedauern insgeheim, dass man auch Leute an die Wahlurne lässt, von denen man weiß, dass sie die völlig falschen Ansichten vertreten. Wäre das Wahlvolk doch nur so weitsichtig wie die Journalisten, dann müsste man ihm auch nicht ständig vorkauen, wie es zu wählen hat.

Dass Journalisten zum Fantum neigen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Das Praktische bei der medialen Befassung mit den Grünen ist, dass die Fans gleich die Berichterstattung übernehmen. Vergangene Woche setzte ein regelrechtes Wettrennen ein, wer die gefühlvollste Hymne anlässlich der Kanzlerkandidatur verfasst.

Der „Tagesspiegel“ ging mit der Zeile „Und wenn Deutschland noch nicht reif ist für Annalena Baerbock?“ ins Rennen. Dass sich der Reifegrad der Deutschen danach bemisst, mit welcher Prozentzahl sie die Kandidatin der Herzen ins Kanzleramt wählen, darauf wäre nicht mal der „Bayernkurier“ verfallen, und der hat sich einiges geleistet.

Die „Zeit“ trumpfte mit der Überschrift „Eine wie keine“ auf: „Mit Annalena Baerbock könnte erstmals eine Mutter Bundeskanzlerin werden. Schon ihre Kandidatur macht Millionen Eltern Hoffnung.“ Sie müssen zugeben, da hört man die Geigen im Hintergrund.

Den Vogel abzuschießen gelang allerdings dem „Stern“, der Baerbock auf dem Titel umstandslos zur Hoffnung per se kürte: „Endlich anders“. Dagegen wirkte der „Spiegel“ mit seinem Baerbock-Cover geradezu lahm, obwohl man sich bei der Auswahl des Titelfotos die größte Mühe gegeben hatte, die Kandidatin zupackend und optimistisch, gleichzeitig aber auch seriös und vertrauenswürdig erscheinen zu lassen.

Andererseits: Ein Wochenblatt, bei dem die Chefredakteurin mit Vornamen Anna-Beeke heißt, kann gar nicht anders, als sich hinter die Sache zu klemmen. Nach dem Kampf gegen den Klimawandel jetzt also das nächste Projekt: die Grünen ins Kanzleramt geleiten. Dass es exakt dieser Missionsgeist ist, der dem „Stern“ einen beispiellosen Auflagenschwund eingetragen und die Zeitschrift zur Dependance von RTL gemacht hat, einem Fernsehsender, der ab Mitternacht Menschen anhand ihres entblößten Geschlechtsteils übereinander abstimmen lässt: C’est la vie, wie der Franzose sagt.

Das ist also die Ausgangslage für die Bundestagswahl 2021: Hier die Hamburger und Berliner Medien, also „Spiegel“, „Stern“, „taz“, „Tagesspiegel“, die „Zeit“ natürlich – dort das Wahlvolk. Man wird sehen, wer am Ende gewinnt.

Ich bin noch unschlüssig, wen ich wählen soll. Annalena Baerbock als Kanzlerin hätte für mich einen unschätzbaren Vorteil: Ich hätte für die kommenden vier Jahre als Kolumnist ausgesorgt. Allenthalben wird jetzt ihre Sachkenntnis gelobt, ihre stupende Kenntnis der Fakten, ihre Vernarrtheit ins Detail.

Okay, okay, ich bin ja auch ein Riesenfan. Aber dass sich die Parteivorsitzende ständig verspricht? Dass sie Kobold für ein seltenes Mineral hält und dem Grundgesetz entnommen haben will, dass es Frauen einen Vorzug gegenüber männlichen Mitbewerbern bei der Kandidatenauswahl einräumt?

Gut, wenn man sein Leben lang in einer geschützten Welt verbringt, verschieben sich die Maßstäbe. Das ist wie bei den Amischen: Irgendwann hält man das, was in der Heiligen Schrift steht, für die Wirklichkeit.

Schon der Name ist ja in gewisser Weise Programm. Der Soziologe Pierre Bourdieu hätte anhand von „Annalena“ die genaue Position auf der kulturell-ökonomischen Matrix ableiten können, angefangen von dem Selbstversorgerbauernhof im Wendland über die Sitzblockade für den Frieden bis zum Faible für U2 und Konstantin Wecker.

Wobei man sich nicht täuschen darf: Vom scheinbar Verständnisvollen zum Passiv-Aggressiven ist es nur ein kleiner Schritt. Ein spöttischer Geist hat angemerkt, ihn erinnere die Kanzlerkandidatin an diese supersympathische Vermieterin, von der man immer dachte, dass man mit ihr befreundet sei, und die dann beim Auszug jeden Kratzer im Parkett moniert und bei der Kachel im Badezimmer, bei der man schwören könnte, dass der kleine Riss am Rand uralt ist, mit strengem Ton anmerkt: Das muss jetzt aber leider alles ersetzt werden.

Journalisten stellen ohne Frage einen bedeutenden Teil der Gesellschaft dar. So wie Studenten und Lehrer. Selbst in den Führungskreisen der Wirtschaft favorisiert angeblich eine Mehrheit die Kandidatin der Frische. Aber ob das reicht, das Kanzleramt zu erobern? Das ist ja die Crux der Grünen: Das Milieu, in dem es selbstverständlich ist, dass man sich zur Bewegung bekennt, reicht über die akademische Welt selten hinaus.

Dass es den Grünen gelungen ist, in das Wählerreservoir der über 60-Jährigen einzudringen, ist die demografische Veränderung, die sie über die 20-Prozent-Schwelle getragen hat. Jung und hip ist gut und schön, aber Wahlen werden in Deutschland bei den Rentnern gewonnen. Das ist der Wählerblock, der bislang treu zur CDU stand, weshalb die Christdemokraten auch in 50 von 70 Jahren den Kanzler beziehungsweise die Kanzlerin stellten.

Wenn es Annalena Baerbock ins Kanzleramt schaffen sollte, geht der Dank an die Angehörigen der Nachkriegsjahrgänge, die postmaterielle Werte schon deshalb toll finden, weil sie diese mit Entspannung gleichsetzen. Es sind dieselben Leute, die man in den Wellnesshotels trifft, wo sie dann die Kreuzfahrtprospekte studieren, die dem „Spiegel“ und der „Zeit“ beiliegen, in deren Kommentaren man wiederum lesen kann, warum die Grünen der politischen Konkurrenz weit überlegen sind.

Vom Verständnisvollen zum Passiv-Aggressiven ©Michael Szyszka

Das Hammer-Gesetz

Ich bin mit dem Thema Corona durch. Ich will davon nichts mehr wissen. Ich hoffe jetzt auf den Sommer, dann wird alles gut. Er rechne fest damit, dass wir im Sommer wieder im Biergarten sitzen, hat Olaf Scholz gesagt, und der ist immerhin Vizekanzler und Kanzlerkandidat der SPD.

Wobei, wenn ich darüber nachdenke, weiß ich nicht, ob das für oder gegen einen Corona-freien Sommer spricht. Olaf Scholz hat auch versprochen, es werde ab April zehn Millionen Impfdosen pro Woche geben. Er persönlich habe dafür gesorgt, dass das funktioniere. Als ich neulich nachfragte, wo denn die versprochenen Impfdosen bleiben würden, wurde ich belehrt, Scholz habe von „bis zu“ zehn Millionen Impfungen gesprochen. Irgendwo gibt es bei Politikersätzen immer eine Hintertür.

Auch die Ausgangsbeschränkungen, die sie jetzt beschlossen haben, können mich nicht schrecken. Wir haben in Bayern von Dezember bis März ab 21 Uhr nicht mehr auf die Straße gedurft. Wenn ich das Kollegen in Berlin erzählte, dachten die, ich mache einen Scherz. Ein Bekannter von mir wurde um 22.10 Uhr in München an der Tankstelle von einer Polizeistreife beim Zigarettenholen gestellt. 500 Euro Strafe! Das waren die teuersten Zigaretten seines Lebens. So gesehen ist es nur gerecht, dass sie auch in Berlin mal lernen, was ein echter Lockdown ist. Meinetwegen können die Beschränkungen gar nicht hart genug ausfallen. Das klingt für mich nach ausgleichender Gerechtigkeit.

Dann las ich, dass jetzt fünf Jahre Gefängnis drohen, wenn man nachts auf der Straße angetroffen wird. Im ersten Moment dachte ich, das sei ein Witz. Kann das sein, fragte ich meinen Dokumentar, den unbestechlichen Herrn Petersen. Er schrieb zurück: Paragraf 73 und 74 des neuen Infektionsschutzgesetzes.

Ich habe mir die Paragrafen genauer angesehen. Auch wer infektionsschutzwidrig ein Ladengeschäft öffnet, wandert ins Gefängnis, wenn es dumm läuft. Selbst ein Getränk oder eine öffentlich verzehrte Speise können einen hinter Gitter bringen. Ich weiß nicht, ob allen Abgeordneten klar war, was in dem Gesetz steht, das sie am Mittwoch im Bundestag beschlossen haben.

Ich finde es ein bisschen happig: fünf Jahre Knast, weil man sich nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal draußen die Beine vertritt oder in der Öffentlichkeit eine Cola trinkt? Das hat es nicht mal in der DDR gegeben, und die war bekanntlich nicht zimperlich, was die Einschränkungen von Bürgerrechten angeht. Einige werden jetzt drauf hinweisen, dass im neuen Infektionsschutzgesetz Geld- oder Freiheitsstrafe „bis zu fünf Jahren“ angedroht wird. Aber darauf falle ich nicht rein. Ich bin aus Schaden klug geworden. Mich führt man nicht mehr so schnell an der Nase herum.

Erinnern Sie sich noch an den Beginn der Pandemie? An die Märztage im vergangenen Jahr, als wir erstmals Bekanntschaft mit dem Virus schlossen? Damals machte eine Strategie die Runde, die als „Hammer und Tanz“ Bekanntheit erlangte. Ich würde gerne mal wieder den Tanz erleben. Ich kann in der Hand der Bundesregierung nur noch den Hammer erkennen.

Es gibt ernsthafte Zweifel, ob Ausgangsbeschränkungen etwas bewirken. Es gibt sogar Forscher, die glauben, dass sie alles nur schlimmer machen. Ich habe ein Interview mit einem Aerosolforscher gelesen. Der Mann heißt Gerhard Scheuch und ist einer der führenden Experten für die Ausbreitung von Kleinstpartikeln wie Viren.

Herrn Scheuchs Empfehlung ist eindeutig: Gehen Sie so viel raus wie möglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich draußen anstecken, tendiert gegen null. Also Zoos auf, Heizpilze und Stühle raus, um die Außengastronomie in Schwung zu bringen, überhaupt das Leben nach draußen verlagern: Das ist, was Wissenschaftler wie Scheuch raten. Je weniger Zeit die Menschen in schlecht gelüfteten Innenräumen verbringen, desto besser. Doch merkwürdig, im Kanzleramt wird genau das Gegenteil für richtig gehalten.

Warum man sich dort über den Rat der Wissenschaft hinwegsetzt? Man müsse ein Zeichen setzen, um den Leuten die Dramatik der Lage vor Augen zu führen, hat der Bundeswirtschaftsminister zur Begründung genannt. Etwas Unsinniges beschließen, damit die Bürger merken, dass es ernst ist? Früher hätte man den Mann schallend ausgelacht. Heute geht so etwas als Zeichen von Besonnenheit durch. Mehr braucht es eigentlich nicht, um zu erkennen, wie sehr Corona uns alle durcheinandergebracht hat.

Eine andere Begründung hat der SPD-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen geliefert. Wenn die Leute nachts nicht mehr vor die Tür dürften, käme man ihnen bei Fehlverhalten leichter auf die Schliche. Es sei nicht das Ziel der Politik, in Wohnungen zu gucken, aber auf dem Weg dahin könne man die Menschen erwischen. Er sagte das wörtlich: „erwischen“.

Immerhin ehrlich der Mann. Ich nehme an, er will in einem Jahr, wenn die nächste Landtagswahl ansteht, wiedergewählt werden. Aber wer weiß, vielleicht überwiegt bei den Sozialdemokraten der masochistische Charakter, der es toll findet, wenn man ihm mit der Knute des Staates droht.

Bei den Grünen ist das eindeutig so: Die stehen auf Strafe. Deshalb ist die Zahl der Lockdown-Befürworter auch in keiner Partei so hoch wie dort. Davon abgesehen: Ich glaube, wir unterschätzen die Findigkeit junger Menschen. Wer es als Heranwachsender schafft, sich Alkohol zu besorgen oder einen Joint an den Eltern vorbei in sein Zimmer zu schmuggeln, der schafft es auch, die Ausgangssperre zu umgehen.

Ein Freund, mit dem ich telefonierte, ist der festen Überzeugung, dass das Infektionsschutzgesetz nur der Anfang ist. Heute seien es die Inzidenzzahlen, die der Bundesregierung erlauben, an den Ländern vorbei das öffentliche Leben zum Erliegen zu bringen – morgen zu hohe CO2-Werte oder zu viel Feinstaub in der Luft.

Man könne sich auch nicht mehr wehren, sagte er. Bislang habe man vor das nächste Verwaltungsgericht ziehen können, wenn einem eine Regel als ungerecht oder unsinnig erschien. In Zukunft bleibe einem nur noch der Gang vor das Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe. Das sei nicht nur teuer, sondern auch ziemlich aussichtslos.

Ich habe den Freund zu beruhigen versucht. So werde es schon nicht kommen. Aber während ich auf ihn einredete, merkte ich, wie ich mir selbst nicht mehr richtig glauben konnte. Ich kam mir vor wie jemand, der einem Verletzten, der mit dem Bein unter den Laster geraten ist, versichert, dass er sich keine Sorgen machen müsse: Schon morgen sei das Bein bestimmt wieder wie neu.

Ich denke, ich habe zu oft Versprechungen gehört, die sich schon bald darauf als haltlos erwiesen. Das fängt mit dem Wort „kurz“ an. Wie oft haben wir jetzt von der Politik gesagt bekommen, es bräuchte noch eine letzte, kurze Kraftanstrengung? So sagte es gerade erst wieder die Kanzlerin: Die Forderung nach einem kurzen, einheitlichen Lockdown sei richtig.

Hören sie sich in Berlin manchmal selbst beim Reden zu, frage ich mich. Wann wären wir jemals aus dem Lockdown heraus gewesen? Das erste Mal, dass uns jemand einen kurzen Lockdown versprochen hat, war Mitte Dezember. Das ist jetzt fast fünf Monate her. Ich glaube, es war Armin Laschet, der von einem „End-Lockdown“ sprach.

Ausgenommen von den bundesweiten Ausgangsbeschränkungen, die sie am Mittwoch beschlossen haben, sind Journalisten, alle, die einen Hund haben, und Abgeordnete. Vielleicht wäre ich versöhnter, wenn das Ausgangsverbot auch für Volksvertreter gelten würde. Kann man an der Stelle nicht noch nachbessern? In Zukunft kein Auftritt mehr zu später Stunde von Karl Lauterbach bei Maischberger oder Lanz: Okay, Deal, würde ich sagen, das ist es wert.

Was war der Holocaust?

Einmal im Monat erscheint die Mitarbeiterzeitschrift des Auswärtigen Amtes „intern AA“. Sie geht an alle aktiven und ehemaligen Diplomaten des Hauses, an die deutschen Konsulate sowie an Interessierte in den Bundestagsfraktionen der Parteien. Die Auflage liegt laut Impressum bei 11 400 Exemplaren.

Die Oktoberausgabe stand im Zeichen des Kampfs gegen den Rassismus. Das Heft war von den „Diplomats of Color“ gestaltet, einer Vereinigung von Beschäftigten mit nichtweißer Hautfarbe, und trug die Überschrift „Farbe bekennen“. Ein Leser aus dem Auswärtigen Amt hat mir am Wochenende ein Exemplar zugeschickt. Er meinte, es könnte mich interessieren.

Auf Seite acht stieß ich beim Blättern auf das Bild eines Straßenschilds in Berlin, das den Namen von George Floyd zeigt, des Schwarzen, der in Minneapolis im Würgegriff eines Polizeibeamten starb. Jemand hatte den ursprünglichen Namen überklebt, sodass es so aussah, als gäbe es jetzt in der Hauptstadt eine Straße, die an Floyd erinnert.

Ein kleines Schild, wie es manche Straßenschilder zur Erklärung tragen und das man bei der Umwidmungsaktion hatte stehen lassen, verriet, wessen Name ersetzt worden war: Es war der Name von Bernhard Weiß, dem jüdischen Vizepolizeipräsidenten, der von Joseph Goebbels als „Isidor Weiß“ geschmäht wurde und der sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nur durch großes Glück ins Exil hatte retten können.

Es gibt 9500 Straßen in Berlin. Es finden sich darunter Könige, Kirchenfürsten und Generäle als Namensgeber, auch Kaiser Wilhelm und die Hohenzollern haben bis heute ihren Platz im Gedenken der Stadt. Es hätte also viele Möglichkeiten gegeben, eine Straße in George-Floyd-Straße umzubenennen.

Warum wählt man ausgerechnet den Namen eines Mannes, der wie kaum ein anderer von den Nazis gehasst wurde, um ihn zu überkleben? Und warum findet das ohne jeden Kommentar seinen Eingang in die Mitarbeiterzeitschrift des Auswärtigen Amtes, also des Ministeriums, an dessen Spitze ein Mann steht, der von sich selbst sagt, dass er wegen Auschwitz in die Politik gegangen sei?

Weil genau das so gewollt ist. Das Bild ist ein Symbol, ein Zeichen. An die Stelle des Juden tritt die Person of Color, das ist die Botschaft.

Wir reden in diesen Tagen viel über kulturelle Aneignung. Die Grünen in Berlin haben gerade ihre Spitzenkandidatin gezwungen, sich dafür zu entschuldigen, dass sie als Kind davon geträumt hat, Indianerhäuptling zu werden. Aber ausgerechnet wenn es um den Mord an den Juden geht, fallen im linksbürgerlichen Milieu die Hemmungen.

Wobei das, was wir erleben, mit dem Wort „Aneignung“ noch zu schwach bezeichnet ist. „Überschreibung“ wäre angebrachter. Oder soll man sagen: „Ersetzung“?

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der Holocaust ein einzigartiges Verbrechen ist. Der Völkermord ist keine Erfindung der Deutschen. Aber ein Volk auszulöschen, weil man glaubt, dass einen die Vorsehung dazu bestimmt habe, das hat es so noch nicht gegeben. Der Historiker Saul Friedländer nannte das den „Erlösungsantisemitismus“.

Jetzt heißt es, der Glaube an die Singularität des Judenmordes sei eine deutsche Zwangsvorstellung. Oder wie es die Ägyptologin Aleida Assmann auszudrücken beliebt: eine „Fixierung“. Und es sind nicht irgendwelche randständigen Gestalten, die finden, dass man den Holocaust neu bewerten müsse, wie der Name Assmann zeigt, sondern hochgeachtete Intellektuelle und Gelehrte.

Gerade haben zwei Professoren in der „Zeit“ unter der Überschrift „Enttabuisiert den Vergleich!“ dafür plädiert, den deutschen „Fetischismus“ mit der Ausnahmestellung von Auschwitz zu überwinden, um zu einer neuen, inklusiven Erinnerungskultur zu kommen. „Inklusiv“ ist eines dieser Worte, die alles in den Schatten stellen, auch 50 Jahre deutsche Erinnerungspolitik und -praxis.

Wer darauf besteht, dass der Holocaust einzigartig sei, der denke provinziell, so lautet das Verdikt. Ja, schlimmer noch: Er leiste dem Rassismus Vorschub, weil er die Debatte um koloniale Verbrechen abwehre.

„Nachdrücklich lehnen wir die Monopolisierung von Unterdrückungserzählungen durch Staaten wie Deutschland ab, die historisch Unterdrücker waren“, heißt es in einer Erklärung, die 1500 Künstler und Künstlerinnen unterzeichnet haben. „Wir lehnen die Vorstellung ab, dass die Leiden und Traumata von Opfern politischer und historischer Gewalt gemessen und in eine Rangfolge gebracht werden können.“

Deutlicher kann man es nicht sagen: Lange genug haben die Juden das Gedenken monopolisiert, jetzt sollen sie sich gefälligst mal hinten anstellen. Der Holocaust war schlimm. Aber das Leid der Schwarzen war mindestens genauso schlimm.

Es gab schon einmal jemanden, der die Singularität der Judenvernichtung infrage stellte. Der Name des Mannes war Ernst Nolte. Seine Interventionen, dass der Gulag, also der Mord der Bolschewiki an den Revolutionsfeinden, ursprünglicher gewesen sei als der Holocaust, führten zu einer der schärfsten Debatten der Nachkriegszeit. Als die Sache entschieden war, galt Nolte als Geächteter.

Vor vier Jahren reichte die Erinnerung daran noch, damit der „Spiegel“ in Panik die Bestsellerliste änderte, als dort ein Buch des Historikers Rolf Peter Sieferle auftauchte. Sieferle hatte den Holocaust als „Mythos“ bezeichnet – nicht in dem Sinne, dass es sich um eine Erfindung handeln würde, sondern dass er im Erinnerungsraum der Deutschen den Status von etwas Quasi-Religiösem eingenommen habe. Vom „Mythos“ zur „Fixierung“ beziehungsweise zum „Fetisch“ ist es nur ein kleiner Schritt.

Wer hätte gedacht, dass die Schublade noch einmal geöffnet werden würde, dieses Mal unter politisch umgedrehten Vorzeichen. Offenbar kommt es darauf an, was man beweisen will, damit das, was eben noch geächtet war, plötzlich als wegweisend gilt. Wenn es dar um geht, den Kolonialismus als das ursprünglichere Menschheitsverbrechen zu etablieren, scheint jedes Mittel recht, auch die erinnerungspolitische Wende.

Dass die Juden im Opfergedenken den ersten Platz einnehmen, war in Teilen des migrantischen Milieus immer schon ein Ärgernis. Der Satz, dass die Muslime die Juden von heute seien, ist nicht nur so dahingesagt. Angesichts des manifesten Antisemitismus in der muslimischen Welt könnte man es als Fortschritt betrachten, wenn sich der Aggressor mit dem Objekt seiner Aggression identifiziert. Aber so ist das selbstverständlich nicht gemeint. Erstrebenswert erscheint allein der mit der Pogromgeschichte verbundene Opferstatus.

Vielleicht ist es an der Zeit, Stopp zu sagen. Man muss nicht jede Unverschämtheit akzeptieren, nur weil jemand erklärt, er habe ebenfalls Diskriminierung erlebt. Ein Argument lautet, Deutsche mit Migrationserfahrung hätten andere Probleme und andere Familiengeschichten. Aber auch von einer Person of Color kann man verlangen, dass sie die Geschichte des Dritten Reichs kennt, zumal wenn sie Deutschland im Ausland vertritt.

Vor allem: Was folgt daraus für die Mehrheitsgesellschaft? Kaum ein Deutscher hat Vorfahren, die einen Fuß nach Namibia oder Tansania gesetzt haben. Das koloniale Erbe Deutschlands ist relativ überschaubar. Man kann natürlich behaupten, dass Verantwortung unabhängig von der konkreten historischen Schuld besteht. Aber wer die Erinnerungskultur in dieser Weise globalisiert, landet in der Abstraktion. Dann gibt es irgendwann auch keine Täter und Opfer mehr, weil jeder Mensch irgendwie schuldig ist.

Das Auswärtige Amt hat in der Dezembernummer des „intern AA“ dem George-Floyd-Bild eine Fußnote folgen lassen. Selbstverständlich habe man mit der Veröffentlichung nicht eine Erinnerungskultur gegen eine andere einführen oder die posthume Ehrung von Bernhard Weiß infrage stellen wollen, heißt es darin knapp.

Für Juni ist jetzt die nächste Ausgabe der „Diplomats of Color“ geplant.

Wer hat Angst vorm weißen Mann?

Wir hören viel darüber, wie wichtig der Austausch mit Leuten sei, die sonst wenig Gehör finden, dass es an Vielfalt in den Medien mangele. Aber wehe, man nimmt das ernst. Dann kann man eine Überraschung erleben.

Ich will von einer Niederlage berichten. Ich bin gescheitert. Ich wünschte, ich müsste mir das nicht eingestehen, aber es ist die Wahrheit. Ich habe vor zwei Monaten mit einem neuen Podcast begonnen. Er heißt „Die falschen Fragen“. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten, einer davon bin ich, reden eine halbe Stunde miteinander und schauen, was dabei herauskommt. Das ist die Idee.

Es klingt simpel, doch es ist ein ziemlich revolutionäres Konzept. Wir hören viel darüber, wie wichtig der Austausch mit Leuten sei, die nicht so denken wie man selbst, dass es an Vielfalt in den Medien mangele. Aber ich kenne kein Format, bei dem regelmäßig zwei Personen aufeinandertreffen, die nicht nur politisch, sondern auch lebensweltlich wirklich auseinanderliegen. Ich verstehe das in gewisser Weise: Schon die falschen Fragen können einen heute in Schwierigkeiten bringen, von den falschen Antworten ganz zu schweigen.

Wer würde sich als Partner eignen? Meine Produzentin schlug mir die Moderatorin Esra Karakaya vor. Großartige Idee, dachte ich. Wenn man eine Casting-Agentur beauftragt hätte, wäre man nicht weit entfernt von dieser Kombination gelandet. Hier: der FOCUS-Kolumnist, Besitzer einer Doppelhaushälfte in München-Pullach, Vater von vier Kindern, die idealtypische Personifizierung des alten, weißen Mannes. Dort: die junge Feministin aus der Generation Y, Muslima, Smart-Fahrerin und Mieterin einer Singlewohnung in Berlin-Wedding.

Die erste Folge ging am 5. Februar online. Es waren muntere 30 Minuten. Wir sprachen über Untergrund-Friseure und den Vorteil des Kopftuchs in der Corona-Zeit, Dating während der Pandemie (wo trifft man sich, wenn alle neutralen Orte geschlossen sind?), die Tücken des Homeoffice. Außerdem erzählte Esra, wie sie beinahe 9000 Euro vom Berliner Senat abgestaubt hätte, sich dann aber nicht getraut hatte, das Geld zu behalten, weil sie die Rache der AfD fürchtete.

Es war, wie gesagt, ein Experiment. Würden uns die Hörer folgen? Die meisten Menschen suchen die Bestätigung ihrer Weltsicht, nicht die Irritation derselben. Aber das Konzept schien aufzugehen. Nach zwei Folgen hatten wir bereits über 4000 Abonnenten, nicht schlecht für ein neues, noch unbekanntes Format. Wir hatten verabredet, dass wir bis Sommer durchhalten wollten. Dann würde man weitersehen.

Anfang März erreichte mich eine Mail. Sie wisse nicht, ob sie weitermachen könne, schrieb Esra. Dass es Schwierigkeiten geben würde, hatte sich bereits auf Instagram angekündigt. „Mein Kopf sagt, NEIN Esra. Nein, Nein, Nein!!“, schrieb dort einer ihrer Follower. „Fleischhauer? Ist das dein Ernst, Esra?“, ein anderer. Ein dritter fluchte: „Alleine, dass der ‚Focus‘ dich an Bord genommen hat, sollte jedem zeigen, dass du entweder ein Projekt bist oder eine Marionette.“

Eine Bekannte, mit der ich sprach, bestätigte den Eindruck: Die Community sei außer sich. Es werde mit Konsequenzen gedroht, was immer das auch heiße. Es folgte ein Telefonat, dann noch eins. Esra wird das Podcastprojekt aus Zeitmangel beenden. Sollen wir weitermachen? Ich wäre dafür, sagte ich. Meine Produzentin empfahl, Kontakt zu Phenix Kühnert aufzunehmen. Phenix ist Transfrau, Aktivistin der LGBTQIA+-Bewegung, wie sich die queere Szene heute nennt, dazu Model. Wir trafen uns in Berlin. Ich mochte sofort ihre offene, selbstbewusste Art.

Diesmal bekam ich schon nach der ersten Folge eine Mail. Sie habe viel Feedback bekommen, da wir ja sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten würden, schrieb mir Phenix. Viele Hörer hätten das als nicht wirklich angenehmes Hörerlebnis empfunden. Ob wir einmal reden könnten? Wir telefonierten. Ja, es gebe Probleme. Phenix ging nicht ins Detail, aber es war klar, dass die Reaktionen ähnlich ausgefallen waren wie bei Esra.

Den Marginalisierten eine Bühne bieten, die Ausgegrenzten sichtbar machen: Ist das nicht die Forderung der Stunde? Gerade hat das Bundespresseamt Medien die Beratung durch die Neuen Deutschen Medienmacher*innen empfohlen, damit die Medienwelt bunter und diverser wird. Millionen fließen jedes Jahr in Vereine, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Präsenz von Menschen zu erhöhen, die Muslime sind oder Migranten oder Transpersonen. Was haben wir falsch gemacht?

Ich mache meinen Partnerinnen keinen Vorwurf. Ich weiß nicht, wie ich mich an ihrer Stelle verhalten hätte. Es ist von Menschen sehr viel verlangt, sich über die Erwartungen ihres Umfelds hinwegzusetzen. Was bleibt, wenn man das vertraute Milieu verlässt? Der Bruch kann nicht nur sozial und emotional gravierende Auswirkungen haben, sondern auch finanziell.

Esra lebt zu einem Gutteil vom Crowdfunding. Der ZDF-Sender Funk, bei dem sie eine Talkshow hatte, hat den Vertrag nicht verlängert. Es ist ein großer Schritt, sich von den Leuten loszusagen, auf deren Unterstützung man angewiesen ist. Und die Szene kann sehr unnachsichtig sein, wie man sieht. Jede Abweichung wird registriert und gegebenenfalls mit Ausschluss geahndet.

Was will die Community? Reden? Gehört werden? Geredet haben wir ja. Über die Anschläge in Hanau. Den alltäglichen Rassismus. Den Schmerz, den es bedeutet, wenn man als Transfrau mit dem Geburtsnamen angesprochen wird. Der Schlüsselsatz scheint mir zu sein, der Podcast habe kein angenehmes Hörerlebnis geliefert. Ich habe länger darüber nachgedacht, was damit gemeint sein könnte.

Der WDR hat neulich einen Themenabend zu Rassismus veranstaltet. Eingeladen waren unter anderem drei schwarze Frauen, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Kurz vor der Aufzeichnung sagten die drei ab. Sie hätten sich unwohl gefühlt, hieß es zur Begründung. Sie hätten gedacht, dass man ihnen zuhöre. Dann hätten sie festgestellt, dass in der Sendung auch debattiert werden sollte.

Ich glaube inzwischen, dass es nicht um Austausch geht, auch nicht um Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs, sondern um Monolog. Erwartet wird die Bestätigung, dass man mit allem, was man sagt und denkt, richtigliegt. Das allerdings ist ein Ansatz, der unter den Bedingungen, unter denen freie Presse funktioniert, nur schwer zu realisieren ist.

Dass man als Journalist seinen Gesprächspartnern mit Respekt begegnet, auch mit Neugier und Offenheit, das darf man verlangen. Aber dass man anderen einfach das Mikrofon hinhält und sich jeden Einwand und jede kritische Nachfrage verkneift? Das kennt man aus autoritären Systemen, aber nicht aus offenen Gesellschaften.

In der Podcast-Folge mit Phenix geraten wir an einen Punkt, an dem ich das falsche Personalpronomen benutze, also von „er“ statt „sie“ spreche. Es ist ein für mich etwas peinlicher Moment, da ich mir selbstverständlich auf meine Weitläufigkeit und Vorurteilsfreiheit viel einbilde, aber er ist auch erhellend. Er zeigt, dass Verständigung nicht ohne gelegentliche Irritation oder Fehlleistungen zu haben ist. Wir haben uns entschlossen, die Stelle stehen zu lassen. „Für die Folge ist es eigentlich ganz gut“, schrieb mir Phenix am Morgen nach der Aufnahme.

Ich hänge bis heute der naiven Vorstellung an, dass es sich lohnt, fremden Menschen zuzuhören. Nicht weil wir so werden wollen wie sie, sondern weil es uns zeigt, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, auf die Welt zu sehen. Ich muss die Meinung des anderen nicht teilen, ich muss nicht einmal verstehen, wie man zu ihr kommt. Mir reicht zu wissen, dass es sie gibt.

Aber vielleicht ist das unsere Zukunft: dass jeder in seiner Welt bleibt. Die radikale Rechte hat immer schon behauptet, dass man Kulturen am besten getrennt hält, weil sie ein fundamentaler Graben trennt. Was mich unendlich deprimiert, ist, dass diese Sicht mit jedem Tag mehr Bestätigung zu finden scheint.

Postheroische Führung

Was suchen wir als Eigenschaften in einem Regierungschef? Er soll in schwierigen Momenten den Überblick behalten, klar. Aber soll er uns auch durch Krisen führen können? Das ist die Frage.

Stellen wir uns vor, Gerhard Schröder wäre heute Bundeskanzler. Glauben wir, dass Schröder seine Tage damit zubringen würde, mit den Ministerpräsidenten zu diskutieren, warum man jetzt über Ostern nach Mallorca fahren darf, aber nicht ins Seebad Bansin? Oder ob Kinder nun ein oder zwei Spielkameraden sehen dürfen?

Der Gerd, wie ihn seine Freude nannten, hatte viele Schwächen. Er hatte Mühe, die eheliche Treue zu halten. Er konnte überraschend eitel sein und verstrickte sich deshalb in obskure Händel wie den zur Natürlichkeit seiner Haarfarbe. Er hatte ein Faible für zwielichtige Freunde. Gleichzeitig war er im Umgang mit seinen Leuten erstaunlich großzügig.

Vor allem war er ein entscheidungsfreudiger Kanzler.

Was hätte Schröder in der Pandemie getan? Er hätte einen Krisenstab gegründet, mit einem seiner Freunde aus der Wirtschaft an der Spitze, einem Managertyp, der weiß, wie man Dinge organisiert. So wie er den VW-Vorstand Peter Hartz beizog, als das Land auf fünf Millionen Arbeitslose zusteuerte. Schröder schätzte durchaus die Qualitäten der Berliner Ministerialbürokratie. Aber er wäre nie auf die Idee gekommen, von einem Beamten zu verlangen, unbürokratisch zu denken.

Er hätte einen wachen Blick auf die Impfstoffpolitik der EU-Kommission gehabt, da er selbstverständlich davon ausging, dass andere Länder nicht deshalb ihre nationalen Interessen hintanstellen, weil wir Deutsche das tun.

Er hätte auch nicht gezögert, sich ans Telefon zu hängen und Joe Biden im Weißen Haus anzurufen, um den US-Präsidenten zu fragen, ob er nicht ein paar Millionen der AstraZeneca-Impfungen abgeben könne, die sie in den USA nicht mehr brauchen. Jetzt gehen die überzähligen Impfdosen nach Kanada und Mexiko. Ein solcher Anruf wäre ja eine bilaterale Abmachung, und bilaterale Geschäfte macht Angela Merkel nicht.

Es ist ein interessantes Gedankenspiel, wie ich finde. Wir haben im September Wahlen. Mit unserer Stimme entscheiden wir nicht nur über Wahlprogramme, sondern auch über den künftigen Regierungsstil.

Was suchen wir als Eigenschaften in einem Regierungschef? Er soll in schwierigen Momenten den Überblick behalten, klar. Er soll charakterlich integer sein und sich nicht von niederen Motiven wie Rachsucht oder einem zu großen Selbstdarstellungsdrang leiten lassen. Aber soll er uns auch durch Krisen führen können? Das ist die Frage.

Es gibt eine Aversion gegen das Führen. Wer die anderen nicht bei der Entscheidungsfindung mitnimmt und einbindet, wie es so schön heißt, gilt als Autist. Oder schlimmer noch: als autoritärer Knochen. Das sei Führungsstil von oben, so könne man heute nicht mehr leiten. Schon das Wort „Führung“ gilt als suspekt.

Der Vorwurf, jemand trete zu autoritär auf, ist schnell erhoben. Bei der „Bild“ geriet gerade der Chefredakteur in Schwierigkeiten, weil er seine Redakteure zu ruppig behandelt haben soll. Er habe eine „Kultur der Angst“ verbreitet, stand in den Mediendiensten.

Möglicherweise habe ich so lange in einer Kultur der Angst gelebt, dass sie mich verdorben hat. Mein erster Chef war Werner Funk. Funk hatte in der Branche den Spitznamen Kim Il Funk. Es soll vorgekommen sein, dass Redakteure weinend aus seinem Zimmer liefen, nachdem er ihnen gesagt hatte, was er von ihren Texten hielt. Funk habe mit wenigen Halbsätzen einen Menschen töten können, hat ein Ressortleiter des „Spiegel“ über ihn gesagt.

Nach Funk kam Stefan Aust. Auch Aust stand, was das Verständnis für die Befindlichkeiten seiner Untergebenen angeht, nicht im besten Ruf. Er sei nicht dialogfähig und agiere selbstherrlich, hieß es über ihn. Er war dann als Chefredakteur so erfolgreich wie keiner vor ihm, von Augstein abgesehen. Leider war es anschließend auch kein anderer mehr. Zwischendurch veranstalteten sie beim „Spiegel“ dann Seminare über „postheroische Führung“, wo den Ressortleitern von Psychologen beigebracht wurde, wie man auf andere eingeht. Sagen wir so: Der Auflage hat das nicht geholfen.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Führungsstil und Ent- scheidungsstärke. Das ist, wenn man so will, die dunkle Seite der Krise. Was das Impf en an geht, liegt jetzt eine Reihe von Staaten vorne, die an der Spitze Regierungschefs haben (oder bis Januar hatten), von denen es eben noch hieß, sie seien aus der Zeit gefallen: Donald Trump, Boris Johnson, Benjamin Netanjahu.

Ich glaube, das ist kein Zufall. Diese Leute sind darauf trainiert, ihren Instinkten zu vertrauen. Es macht auf sie auch wenig Eindruck, wenn man ihnen sagt, dass sie sich nicht kooperativ verhielten. Im Zweifel sehen sie das als Kompliment.

An Angela Merkel haben die Kanzlerbeobachter immer gerühmt, wie konsensual und inklusiv sie regiere. Ihre Stärke liegt bis heute im Moderieren, nicht im Gestalten.

Am Sonntag war die Kanzlermoderatorin bei „Anne Will“ zu sehen. 60 Minuten erlebte man eine Regierungschefin, die bei allem dabei ist, aber nie beteiligt.

Konsens ist die Fluchttür von Leuten, die auch nicht weiterwissen. Führung setzt voraus, dass man eine Idee hat, wohin man führen will. Wer sich vor jeder Entscheidung der Zustimmung der Gruppe versichert, muss keine Richtung vorgeben. Er folgt einfach dem Ratschluss der Mehrheit. Wenn es schiefgeht, war er oder sie wenigstens nicht alleine schuld. Angela Merkel hat es zur Meisterschaft gebracht, nicht einmal für die Ergebnisse verantwortlich zu sein, die sie selbst herbeimoderiert hat.

Die Aversion gegen Führung ist mittlerweile so weitverbreitet, dass auch Expertise allein nichts mehr zählt. Die Soziologie spricht von Symmetrieerwartung. Gemeint ist die Vorstellung, dass nur im Konsens getroffene Entscheidungen gute Entscheidungen sind, weshalb jede Form der Hierarchie im Grund abzulehnen ist.

Ich saß mit einem Professor in München zum Mittagessen zusammen, der mir davon berichtete, dass er nicht einfach sagen könne, was er in seinem Fach für wichtig hält und was für entbehrlich. Früher wurde bei einem Professor stillschweigend vorausgesetzt, dass er mehr weiß als seine Studenten und deshalb bestimmt, was sie zu lernen haben. Das ist vorbei. Autorität ist nicht mehr selbstverständlich, sie muss erst im Gespräch etabliert werden.

So zieht sich das durch die Professionen. Von einem guten Chefarzt wird erwartet, dass er allen das Gefühl gibt, sie bei seinen Entscheidungen eingebunden zu haben. Am Ende muss einer sagen, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet werden oder nicht, dar an führt kein Weg vorbei. Aber bevor es so weit ist, tagt eine Ethikkommission, in der sich alle Beschäftigten an einem Tisch versammeln, um auf Augenhöhe darüber zu beraten, was zu tun ist.

„Unsere modernen Selbstverständigungsdiskurse sind infiziert von der Vorstellung, Asymmetrien, Machtunterschiede und sonstige Ungleichheiten seien falsch“, hat die Soziologin Irmhild Saake beobachtet. „Die Sätze, die der Arzt sagt, gelten als zu technisch und kalt. Die ,weibliche‘ Intuition der Krankenschwester gewinnt dagegen an Einfluss, weil ihre eher emotionalen, warmen Sätze jeder verstehen kann. Am glücklichsten sind alle, wenn der Arzt plötzlich wie eine Krankenschwester redet und von der Lebensenergie eines Patienten schwärmt.“

Wenn man die Symmetrieerwartung weiterdenkt, ist schon die Annahme, dass sich das gute Argument gegen das schlechte durchsetzt, zweifelhaft. Wer die Qualität von Argumenten bewertet und damit hierarchisiert, stellt ein Machtgefälle her, also genau das, was es zu vermeiden gilt.

„Gut möglich, dass unsere Gesellschaft auf diese Weise freier, gleicher, gerechter wird“, schreibt die Soziologin über das Leben auf Augenhöhe. „Ganz sicher wird unser Leben komplizierter.“ Vor der Krise hätte ich wie Saake gesagt: Womöglich werden wir auch ein wenig dümmer. Seit Corona weiß ich: In jedem Fall ist der postheroische Weg tödlicher.

Die nächste Revolution

Der Fortschritt ist unerbittlich. Heute bezeichnet sich selbst Olaf Scholz als Feminist. Morgen wird „Feminismus“ zu den Worten gehören, die man wie „Mohrenkopf“ oder „Zigeuner“ nur noch mit Stirnrunzeln vernimmt

Lady Bitch Ray berät jetzt die SPD, habe ich das schon erwähnt? Wenn Sie nicht auf Anhieb vor Augen haben, von wem die Rede ist: Lady Bitch Ray ist eine deutsche Pornorapperin, die erstmals überregionale Bekanntheit erlangte, als sie dem TV-Moderator Oliver Pocher während einer Fernsehsendung eine Dose mit Vaginalsekret überreichte.

Anfang des Monats konnte der Parteivorstand erste Ergebnisse der Zusammenarbeit vorlegen. „Zu Feminismus gehört es auch, sich von den binären Geschlechterkonstruktionen zu trennen“, zitierte das höchste Gremium der Sozialdemokraten die Rapperin.

Sich von binären Geschlechterkonstruktionen trennen, wird jetzt der eine oder andere vielleicht fragen: Ist damit gemeint, dass man nicht mehr in Mann und Frau unterscheidet? Ja, so ist es. Gehört ebenso der Vergangenheit an wie männliche Kanzlerkandidaten.

Die Rapperin hat sich deshalb auch gleich Olaf Scholz vorgenommen. Mit jedem seiner Ämter habe er einer Frau den Job weggenommen, warf sie ihm vor, worauf Scholz tapfer erwiderte, er sei begeistert von der These. Olaf Scholz sieht sich jetzt als intersektioneller Feminist, wie er bei der Gelegenheit zu Protokoll gab. Oder war es intersexueller Feminist? Egal, jedenfalls irgendwas mit Feminismus.

August Bebel, Willy Brandt, Peter Glotz – nun als Vordenkerin also Lady Bitch Ray: Auch so kann Fortschritt aussehen. Statt sich immer nur um sterbenslangweilige Themen wie Mütterrente oder Mindestlohn zu kümmern, endlich mal eine Sache, die auch bei den Leuten Eindruck macht, die im Leben nicht auf die Idee kommen würden, SPD zu wählen.

Manchmal frage ich mich, ob allen klar ist, welche Revolution sie mit dem Ende der Geschlechtergrenze auf den Weg bringen. Ich prophezeie: Schon das Wort Feminismus wird man in wenigen Jahren nicht mehr unbekümmert aussprechen. So wie „Mohrenkopf“ oder „Zigeuner“ wird es zu den Worten gehören, die man mit Stirnrunzeln vernimmt. Feministinnen? Sind das nicht die Leute, die glaubten, es gäbe vor allem zwei Geschlechter? Wie rückschrittlich ist denn das!

Auch im Praktischen sind die Konsequenzen weitreichend. Die Quote, die heute noch als Grundbedingung der Gleichberechtigung gilt, kann man vergessen. Wenn etwas auf der binären Ordnung aufbaut, dann die Vorstellung, dass Männer und Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden müssten.

Davon abgesehen: Wie will man einen Mann daran hindern, auf dem Frauenplatz zu kandidieren oder umgekehrt eine Frau auf dem Männerticket? Er oder sie müssen nur sagen, dass sie sich nicht mehr eindeutig zuordnen wollen, und schon laufen sie außerhalb der Konkurrenz. Klingt wie ein Witz, könnte aber schon bald Wirklichkeit sein.

Bei der diesjährigen Berlinale haben sie die neue Ordnung bereits umgesetzt. Statt Preise für die beste Darstellerin und den besten Darsteller zu vergeben, gab es nur noch eine Auszeichnung für die beste Leistung in einer Haupt- und Nebenrolle. Die Auszeichnungen im Schauspielfach nicht mehr nach Geschlechtern zu trennen sei ein Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche, erklärten die beiden Festivalleiter, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. Große Überraschung beim Verein „Pro Quote Film“, der sich seit Jahren für eine angemessene Würdigung weiblicher Schauspieler einsetzt. So war das mit der gendergerechten Zukunft selbstverständlich nicht gemeint.

Viele FeministInnen ziehen es vor, die Zeichen der Zeit zu ignorieren. Sie denken, der Sturm werde an ihnen vorbeiziehen. Aber da kann ich aus Erfahrung sagen: Den Geschlechterfortschritt in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Erinnern Sie sich noch an das Paritätsgesetz, das Grüne und Sozialdemokraten in Brandenburg eingebracht haben? Endlich sichtbare Gleichberechtigung auch im Parlament, so hatten es sich die Befürworter der Gesetzesinitiative gedacht. Dann erhob sich die Frage, wo denn das dritte Geschlecht bleibe.

Na, das könne ja entweder auf der Frauen- oder der Männerseite kandidieren, hieß es zur Antwort. Das ist etwa so, als würde man einer Transperson sagen, sie solle sich nicht so anstellen: Sie könne doch einfach als Mann oder als Frau durchs Leben gehen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Reaktionen in der Trans-Community vorzustellen.

Es gibt sogar schon ein Schimpfwort für Frauen, die stur an der Vorstellung festhalten, man müsse jetzt erst mal den Frauen zu ihrem Platz verhelfen. Man spricht von Terfs. Das ist die Abkürzung für Trans-Exclusionary Radical Feminism, also: Trans-ausschließender Feminismus. Um sich als Terf zu qualifizieren, reicht es, dass man Menstruation für eine Sache hält, die Frauen exklusiv haben.

Wie weit die Sache gediehen ist, sieht man bei der Diskussion ums Gendern. Selbst die Dudenredaktion ist jetzt dafür. Ein Argument lautet, man müsse das weibliche Geschlecht sichtbarer machen. Aber wenn es darum ginge, würde es ja reichen, konsequent weibliche Formen zu benutzen. Oder das Binnen-I aus der Mottenkiste zu holen. Zur Auswahl steht inzwischen aber der Genderstern beziehungsweise der Genderdoppelpunkt, um denjenigen zu Sichtbarkeit zu verhelfen, die sich der heteronormativen Ordnung verweigern.

Wir stehen auch grammatikalisch vor einer neuen, aufregenden Entwicklung. Im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ fand sich neulich ein langes Porträt der Autorin Hengameh Yaghoobifarah. Die Redaktion hatte durchgehend die Personalpronomen mit einem weiteren Sternchen versehen. Statt „sie“ stand dort „sie*“, statt „ihre“ immer „ihre*“. Eine Fuß – note klärte darüber auf, dass sich die Autorin „als non-binär identifiziert“. Sie hatte die korrekte Schreibweise zur Bedingung für ihre Kooperation gemacht.

Viele haben darüber gespottet. Auch in der Redaktion der „Süddeutschen“ gab es eine heftige Diskussion. Wo kommen wir hin, wenn jeder verlangen kann, welche grammatische Form wir in Porträts über ihn benutzen, empörten sich einige Redakteure.

Ich begrüße die Entwicklung, ich sehe da großes Potenzial. Ich zum Beispiel werde mich künftig nicht nur als nicht binär, sondern auch als nicht weiß identifizieren. Wenn das Geschlecht kein Gefängnis mehr sein soll, dann darf es doch die Hautfarbe erst recht nicht sein.

Biologen können einem schnell erklären, dass es so etwas wie Rasse nicht gibt. Zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe besteht genetisch kein größerer Unterschied als, sagen wir, zwischen einem Schweden und einem Finnen. Solche Unauffälligkeit kann man beim biologischen Geschlecht nicht behaupten.

Ich werde mein Twitter-Profil und meinen Instagram- Account entsprechend ändern. Wenn mich das nächste Mal eine Redaktion anfragt, werde ich darauf bestehen, dass man mich korrekt als Autor vorstellt, der sich der Einteilung in Hautfarben verweigert. Wo ich darüber nachdenke: Was ist mit dem Alter? Warum soll der Geburtstag, ein nun wirklich völlig willkürliches Datum, darüber entscheiden, wie man jemanden sieht und einordnet?

Es braucht, zugegebenermaßen, hier und da noch etwas Überzeugungsarbeit. Nicht jeder weiß auf Anhieb, wie man Menschen, die sich gängigen Zuschreibungen verweigern, korrekt anspricht. Vor allem ältere Menschen zeigen sich schnell überfordert. Wie man lesen konnte, hatte die intersektionelle SPD gerade einen peinlichen Vorfall mit der Chefin ihrer Grundwertekommission, der ehemaligen Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan, aufzuarbeiten.

Frau Schwan hatte auf einem Online-Forum die Schauspieler:in Heinrich Horwitz, die sich als nicht binär versteht, als Mann angesprochen. Sie hatte vom Vornamen auf das Geschlecht geschlossen, ein Fauxpas, der in Teilen der Community helle Empörung hervorrief. Die Empörung war so groß, dass sich die Parteivorsitzende Saskia Esken gezwungen sah, sich bei den Betroffenen für diesen Vorgang zu entschuldigen. „Die mangelnde Sensibilität im Umgang mit den Gäst*innen aus Euren Reihen beschämt uns zutiefst“, schrieb sie.

#ErsteSein lautet der Hashtag, unter dem die Kampagne für den Aufbruch in eine gendergerechte Zukunft steht. Ich bin dabei. Sind Sie es auch?

Irgendwie nicht so gut gelaufen

Wollen sie uns in Berlin in den Wahnsinn treiben? Jede Antibabypille hat ein höheres Risiko als der Impfstoff von AstraZeneca, trotzdem wurde er gesperrt. Was kommt als Nächstes? Karl Lauterbach als Gesundheitsminister?

Ein Freund hat mich ermahnt. Ich sollte bei Corona mal eine Pause einlegen, sagte er. Ob es nicht etwas anderes gäbe, worüber ich schreibe könnte? Irgendetwas halbwegs Unverfängliches wie Rassismus oder die Lage der CDU. Sonst würde ich am Ende noch mit der Mistgabel in der Hand vorm Kanzleramt enden.

Er hat ja recht, man soll sich nicht in eine Sache verbeißen. Ich hatte es mir fest vorgenommen: eine Woche ohne Corona. Lady Bitch Ray berät jetzt den SPD-Parteivorstand, das ist doch mal ein Thema. Aber dann platzte am Montag die Nachricht rein, dass die Regierung wegen eines erhöhten Thromboserisikos bis auf Weiteres die Impfung mit AstraZeneca verboten habe.

Schreiben Sie es meiner Enttäuschung zu. Ich war so nah dran. Meine Frau ist im achten Monat schwanger. Jede Schwangere darf zwei Menschen ihres Vertrauens benennen, die in der Impfordnung automatisch noch oben rücken. Ich sah mich schon bei meinem Hausarzt sitzen und den ersehnten Schuss in den Arm empfangen.

Die ganze Impfkampagne gerät ins Rutschen. Wir liegen bei den Impfungen ohnehin weit hinter Plan, während gleichzeitig die Zahl der Infizierten wieder steigt. Was denken sie sich in Berlin? Wollen sie uns in den Wahnsinn treiben?

Wie groß meine Verzweiflung ist, können Sie daran ermessen, dass ich mir im ersten Schock Karl Lauterbach als neuen Gesundheitsminister wünschte. Lauterbach! Den Mann, der für Markus Lanz im deutschen Bundestag sitzt, um die Deutschen mit immer neuen Horrorzahlen zu ängstigen. Der Prophet der salzlosen Kost. Der Champion des solarbetriebenen Grillens.

Wir können uns sofort darauf einigen, dass Lauterbach eine entsetzliche Nervensäge ist. Der rheinische Singsang, mit dem er seine Schreckensszenarien vorträgt, bringt selbst Krokodile zum Weinen. Anderseits hat er oft recht behalten, vor allem mit seinen Vorschlägen, was man besser machen könnte.

Lauterbach hat schon im vergangenen Sommer darauf hingewiesen, dass sich der Staat um die Impfstoffproduktion kümmern müsse. Er hat gefordert, die Versorgung der Bevölkerung mit Selbsttests sicherzustellen. Er hat darauf gedrängt, in allen Klassenzimmern Lüftungsgeräte zu installieren. Und er ist jetzt auch derjenige, der entschieden der Entscheidung widerspricht, AstraZeneca nicht mehr zu verimpfen.

„Ich wäre für Lauterbach, den Pragmatiker, nicht für Lauterbach, den Talkshow-Schreck“, schrieb ich auf Twitter. Der Tweet hat mir Lob von ungewohnter Seite eingebracht. Selbst Jan Böhmermann hat mich weiterempfohlen. Man kann sich seine Fans nicht aussuchen.

Ich glaube, die Entscheidung des Gesundheitsministers, 1,7 Millionen Impfdosen vorübergehend zu sperren, ist ein Wendepunkt. Selbst die gutwilligsten Menschen geraten jetzt an ihre Grenze. Es gibt das harte Lager der Impfgegner, das sich bestätigt fühlt. Diese Leute sind für jede schlechte Nachricht aus Berlin dankbar. Aber über alle anderen senkt sich eine schwarze Wolke der Depression.

Es ist verrückt: Seit einem Jahr hält die Politik das Land im Ausnahmezustand, aber wenn es darauf ankommt, den Ausnahmezustand zu nutzen, um beim Impfen voranzukommen, tut die Regierung so, als hätten wir alle Zeit der Welt. Verfassungsrechtliche Bedenken werden kühl zur Seite geschoben – eine Mitteilung aus dem Paul-Ehrlich-Institut und im Kanzleramt hält man vor Schreck den Atem an.

In Deutschland hat man bei sieben Geimpften ein Blutgerinnsel entdeckt? Oh, da müssen wir jetzt erst mal ganz sorgfältig prüfen!

Das ist der Fluch der Wissenschaftshörigkeit. Es ist verführerisch, sich auf Koryphäen zu berufen, die dies und jenes fordern. Wenn es schiefgeht, war man nicht schuld. Irgendwann ist man allerdings bei der Selbstaufgabe der Politik.

Es braucht Mut, sich über die Empfehlung der Impfkommissionen hinwegzusetzen. Andererseits: Was spräche dagegen, AstraZeneca freizugeben? Ich würde mir sofort einen Schuss setzen lassen. Wenn ich die Wahl habe zwischen dem (hohen) Risiko, mir Covid einzuhandeln, und der (niedrigen) Wahrscheinlichkeit, eine Thrombose davonzutragen, entscheide ich mich immer für die Thrombose. Ich kenne viele, die so denken wie ich. Leider werden wir nicht gefragt.

Allen, die sich jetzt vor der Corona-Impfung fürchten, kann man nur raten, nie auf einen Beipackzettel zu sehen. Haben Sie mal auf die Nebenwirkungen einer ordinären Ibuprofen 400 geschaut? Da wird einem schwindlig. Oder auf die Liste der unerwünschten Folgen, die die Einnahme von Antibabypillen auslösen kann? Thromboserisiko: riesig.

Von 10 000 Frauen entwickeln zwischen fünf bis zwölf ein Blutgerinnsel in ihrem Körper. Zum Vergleich: Wir reden bei AstraZeneca von 37 Verdachtsfällen, bei insgesamt 17 Millionen Impfungen. Wahnsinn, dass Antibabypillen noch frei verfügbar sind, ohne dass der Gesundheitsminister eingreift.

Jede Entscheidung hat Konsequenzen, auch diejenige, alles anzuhalten. Am Dienstag wurde zunächst einmal der Impfgipfel abgesagt, auf dem sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten über das weitere Vorgehen verständigen wollten. Auch der Terminplan für die Impfkampagne der Hausärzte, die im April anrollen sollte, wird nicht mehr zu halten sein.

Man kann sich ausrechnen, wie viele Menschenleben der Impfstopp kostet. Ein Journalist des „Economist“ machte es vor: Wenn man 100 000 Menschen im Alter von über 50 Jahren impft, rettet man 15 Leben. Bei noch 1,7 Millionen ausstehenden Impfdosen und einem Zeitverzug von einer Woche wären das 1785 Tote , die man hätte verhindern können. Das ist Risikoabschätzung am Limit: Ein Impfstoff wird gestoppt, weil er in 0,00044 Prozent der Fälle Probleme verursacht – dafür akzeptiert man ein Sterberisiko, das in der Altersgruppe ab 50 Jahren bei 0,6 Prozent und darüber liegt.

Ich glaube, uns holt die deutsche Krankheit ein. Eine unselige Mischung aus Perfektionswahn, Überbürokratisierung, Risikoaversion und Uneinsichtigkeit. „Deutschland erweist sich als bösartige Karikatur seiner selbst“, schrieb Samiha Shafy mit dem Blick der aus der Schweiz Zugezogenen in der „Zeit“: „Missgünstig debattierend, sich selbst blockierend und darum fürchterlich, mörderisch träge.“ Ich wünschte, ich könnte ihr widersprechen. Aber mir fällt beim besten Willen kein Gegenargument ein.

In England impfen sie inzwischen aus dem Taxi he raus, AstraZeneca natürlich. Wir gehen einen anderen Weg. Wir sorgen dafür, dass es beim Impfen gerecht zugeht. Statt sich darum zu kümmern, dass möglichst viele Leute geimpft werden, achten wir darauf, dass sich in der Impfschlange niemand nach vorne drängelt. Lieber lassen wir Hunderttausende Impfdosen im Depot vergammeln, als dass wir hinnehmen, dass einer seinen Schuss bekommt, bevor er an der Reihe ist.

Es gibt sogar einen Gesetzentwurf, der verhindern soll, dass sich jemand an der Impfschlange vorbeischummelt. Impfmogler müssen demnach mit einem Bußgeld von 25.000 Euro rechnen. Wie man hört, war es die SPD, die auf eine solche Regelung drängte. Mit Solidarität kennen sie sich bei den Linken aus, auch mit der erzwungenen.

Deshalb wird es auch mit dem Vorschlag nichts werden, dass der ungeliebte Impfstoff an diejenigen ausgegeben wird, die sich von den Warnungen des Paul-Ehrlich-Instituts nicht schrecken lassen. AstraZeneca einfach freigeben? Das würde ja bedeuten, die Impfordnung zu umgehen!

Das Ganze sei irgendwie nicht so gut gelaufen, sagte der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, Anfang des Monats. Das kann man so sehen. Erst hieß es, der Impfstoff sei für über 65-Jährige nicht geeignet, dann war er es plötzlich doch. Jetzt ist die Verwirrung komplett, daran ändert auch die Wiederzulassung nichts.

Am Morgen erklären führende Politiker, sie würden selbstverständlich dem Stoff aus Oxford vertrauen, am Nachmittag ist er aus dem Verkehr gezogen. Wer sich nun noch impfen lässt, der ist wirklich verzweifelt.

Wo bleibt der Protest?

Es wird Zeit, das wir uns unser Leben zurückholen. Lasst uns den Selbsttest bei Aldi kaufen und den Kaffee wieder draußen trinken. Das Verweilen auf Stühlen im Freien ist verboten? Nehmen wir einen Klappstuhl mit!

Aldi und Lidl übernehmen die Versorgung der Deutschen mit Schnelltests. Endlich mal eine gute Nachricht. Damit besteht Aussicht, dass wenigstens das Testen funktioniert.

Alle schimpfen über Jens Spahn. Der Gesundheitsminister hält die Organisation von Massentests für eine Aufgabe unter seiner Würde, wie man in der „Bild“ lesen konnte. Er verstehe nicht, warum er sich als Bundesminister überhaupt mit dieser Frage beschäftigen müsse, soll er in einer Sitzung gesagt haben.

Ein Glück, dass Spahn das so sieht. Stellen wir uns vor, er hätte nach den Masken und dem Impfen auch die Zuständigkeit für die Schnelltests an sich gezogen? Nicht auszudenken, was dann wieder für ein Chaos herrschen würde. Mit den ersten Testkits wäre frühestens im Mai zu rechnen. Und der Bezug würde auch nur gegen Vorlage einer entsprechenden Bescheinigung erfolgen beziehungsweise gemäß einer Testordnung, die streng zwischen Gruppe eins, zwei und drei priorisiert.

Ein Gesundheitsminister, der sich heraushält – eine Kanzlerin, die sich lieber Infektionskurven ansieht, statt einen Plan zu entwerfen, wie man die Pandemie in den Griff bekommen könnte: Es wird Zeit, dass wir die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wenn die Politik unwillig ist, ihre Aufgaben zu erfüllen, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als Eigenverantwortung zu zeigen.

Heißt es nicht immer: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage dich, was du für dein Land tun kannst? Voilà! Der erste Schritt wäre, nicht länger darauf zu warten, was einem Politiker als Nächstes vorschreiben, sondern sich frei von Vorschriften und Anweisungen zu machen. Nannte man vor der Krise bürgerschaftliches Engagement, gilt heute als revolutionärer Akt.

Die Deutschen sind ein wahnsinnig geduldiges Volk. Inzwischen hat uns sogar Marokko im Impfvergleich überholt. In Israel sind sie jetzt dazu übergegangen, in den wieder geöffneten Kneipen und Bars zu impfen. Wer eine Bloody Mary bestellt, bekommt dazu gleich einen Schuss in den Arm.

Bei Phoenix war die Israel Korrespondentin der ARD, Susanne Glass, zu Gast, die mit Schauder in der Stimme davon berichtete, dass der israelische Staat im Gegenzug für den Impfstoff die Daten seiner Bürger an Pfizer weitergibt. Horror! Wo bleibt der Datenschutz?

Ich bin sicher, Frau Glass weigert sich bis heute auch standhaft, etwas bei Amazon zu bestellen oder nur zu googeln. Mit jedem Klick bei Amazon oder Google geben wir eine Datenspende, die weit über das hinausgeht, was Pfizer aus Israel bekommt. Und die ist dann selbstverständlich nicht mehr anonym.

Ich kann mich nicht beklagen. Ich sitze am Schreibtisch, also dort, wo ich meistens sitze. Wenn ich mir die Beine vertreten will, öffne ich die Verandatür und stehe im Garten. Bis Burda in die Knie geht, muss einiges passieren.

Aber was ist mit denen, die eine kleine Modeboutique haben oder ein Restaurant oder ein Hotel? Eine Kollegin erzählte mir, sie sei am Wochenende durch ihre Heimatstadt Erfurt gegangen: Auf der Langen Brücke hätten die Einzelhändler die Fenster ihrer Geschäfte mit schwarzen Traueranzeigen verklebt. Noch zwei Wochen und die Innenstadt von Erfurt ist tot. So wie die Innenstadt von Marburg. Oder die von Göttingen. Oder die von Münster.

Ich frage mich seit Längerem, was die Verbandsvertreter eigentlich treiben. Wo sind die Stimmen aus dem Handel, dem Hotelgewerbe, der Gastronomie? Warum hört man kaum Protest?

Wer sich nicht bemerkbar macht, wird vergessen, so ist es in der Politik. Dass es die Haarlänge der Deutschen auf die Tagesordnung der Ministerpräsidentenkonferenz geschafft hat, darf man als Triumph des deutschen Friseurgewerbes verstehen. Die Friseure haben erkennbar den Bogen raus, wie man Druck erzeugt.

Die Erwartung der Obrigkeit, dass die Bürger den Anweisungen von oben folgen, korrespondiert mit dem Versprechen, alles zu tun, Schaden von ihnen abzuwenden. Folgsamkeit gegen Schutz. Aber was, wenn das Versprechen einseitig aufgekündigt wird? Eine naheliegende Antwort wäre: Wenn ihr euren Teil des Deals nicht einhaltet, schulde ich auch nicht länger Gehorsam.

Mich erreichten über die Woche mehrere Zuschriften von Lesern, in denen ich für mein harsches Urteil über Angela Merkel gerügt wurde. Ich hatte mir fest vorgenommen, mich diesmal zurückzuhalten. Aber dann sah ich Merkels Kanzleramtschef Helge Braun im Fernsehen, und alle guten Vorsätze waren vergessen.

In den Porträts über Braun habe ich gelesen, was für ein umsichtiger Mann er sei, erfahrener Mediziner, besonnener Krisenmanager. Wenn ich Helge Braun sehe, sehe ich einen vorzeitig gealterten Mann, der immer so wirkt, als ob er gleich in Tränen ausbrechen würde.

Angela Merkel hat ein Faible für weiche, konturlose Männer, die eine seltsame Befriedigung daraus ziehen, die Wünsche ihrer Chefin durchzustellen. Dummerweise sind sie total aufgeschmissen, wenn sie selbst führen sollen. Das war in der Jobbeschreibung nicht vorgesehen.

Als Braun im Fernsehen auf das Versagen bei der digitalen Nachverfolgung von Infektionen angesprochen wurde, antwortete er nur matt, er verstehe nicht, warum der Staat alles anbieten müsse. Das sagt der Mann, der gleichzeitig nichts dabei findet, Kindern vorzuschreiben, wie viele Freunde sie noch sehen dürfen. Der „Spiegel“- Kolumnist Sascha Lobo nennt das Flip-Sätze: Sätze, bei denen man ausflippt.

Lobo ist ebenfalls Leidtragender der Krise. Betroffenheit schärft manchmal den Blick. Seine Haupteinnahmequelle sind Vorträge, in denen er Leuten, die Angst vor dem Internet haben, die digitale Welt erklärt. Vor dem Lockdown lief das prima, seit einem Jahr läuft nichts mehr.

Warum nicht den Kanzleramtschef beim Wort nehmen? Würde ich den Einzelhandelsverband leiten, dann würde ich jetzt einen nationalen Öffnungstag verkünden. Hört zu, wäre mein Empfehlung an die Verbandsmitglieder: Ab Montag machen wir alles auf. Sollen sie doch in jeden Schuhladen und jedes Spielzeuggeschäft einen Polizisten schicken, wenn sie meinen, das sei ungesetzlich.

Sie denken, der Vorschlag ist zu radikal? Verglichen mit dem, was die Gelbwesten in Frankreich veranstaltet haben, ist es ein ziemlich moderater Vorschlag. Kein Benzin auf der Straße, keine umgestürzten Autos – nur eine leicht angelehnte Tür, an der ein „Wir haben geöffnet“-Schild hängt. Ein Vorwurf an Leute wie mich lautet, wir würden die Wirtschaft über die Gesundheit stellen. Wer glaubt, das seien zwei unterschiedliche Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, sollte einmal mit Menschen reden, die jetzt sieben Monate Berufsverbot hinter sich haben.

Vor ein paar Monaten stand im „Freitag“ ein erschütternder Bericht über eine junge Schauspielerin, die ihre erzwungene Untätigkeit nicht mehr ertrug und sich das Leben nahm. Ist sie wegen den Corona- Maßnahmen gestorben? Niemand wird es mit Sicherheit sagen können. Aber wenn man ihren Kollegen glauben kann, dann liegt es nahe, einen Zusammenhang zu vermuten.

Es ist Zeit, dass wir uns unser Leben zurückholen. Lasst uns den Selbsttest bei Aldi kaufen, wäre mein Vorschlag. Setzen wir unsere Masken auf und gehen nach draußen. Das Verweilen auf Stühlen im Freien ist verboten? Nehmen wir einen Klappstuhl mit!

Und wenn wir auf die Impfordnung pfeifen, klappt es möglicherweise sogar irgendwann mit dem Impfen. In jeder Grippesaison impfen die Hausärzte in Deutschland innerhalb weniger Wochen 20 Millionen Menschen. Wie sie das schaffen? Sie fragen nicht bei Dr. Braun im Kanzleramt nach, ob sie das auch dürfen.

Merkel kaputt

Nichts geht voran, alles misslingt: Mittlerweile nimmt die Untätigkeit der Regierung Merkel groteske Züge an. Aber statt den Kurs zu ändern, schottet sich die Kanzlerin einfach gegen die Wirklichkeit ab

In den letzten Monaten seiner Kanzlerschaft war Helmut Kohl vor allem mit sich selbst beschäftigt. Gegen die Welt außer halb des Kanzleramts richtete sich der Kanzler der Einheit in einer heimeligen Gegenwirklichkeit ein, in der alle Störungen auf ein Minimum reduziert waren.

Besucher bekamen den guten Rat, ihr Anliegen in wenigen knappen Sätzen vorzutragen, weil sie danach nicht mehr zu Wort kämen. Am Abend versammelten sich die Getreuen im Kanzlerbungalow, wo sie dann den immer gleichen Geschichten und Anekdoten lauschten, bis der Chef endlich die Runde aufhob.

Es soll vorgekommen sein, dass sich der pflichtergebene Kanzleramtschef Friedrich Bohl unter dem Tisch eine Nadel in den Schenkel rammte, um sich vor dem Einschlafen zu bewahren. Vorzeitige Absentierungen waren möglich, wurden aber als Unartigkeit beziehungsweise charakterliche Unzuverlässigkeit vermerkt.

Je länger ich Angela Merkel beobachte, desto mehr fühle ich mich an die Endphase der Amtszeit Kohl erinnert. Größere Zusammenkünfte in trauter Runde müssen Coronabedingt unterbleiben. Merkel neigt auch nicht zum ausufernden Vortrag, in der Hinsicht ist sie bis heute diszipliniert. Aber was den Blick auf sich selbst angeht, hat sie die gleiche Rührung erfasst, die Kohl heimsuchte. Man muss nur eines der Interviews lesen, die sie in den letzten Wochen gegeben hat, um eine Ahnung zu bekommen, wie dankbar sie sich ist.

Leider verbindet Kohl und Merkel auch der Attentismus der Spätphase. Nichts geht voran, alles misslingt. Aber irgendwie ist das auch egal. Gerade wurde die Ausgabe von Selbsttests ein weiteres Mal verschoben. Der brave Jens Spahn hatte den Start für den 1. März verkündet. Endlich mal ein Erfolg, dachte er. Dann pfiff ihn die Kanzlerin zurück. Jetzt soll es nächste Woche losgehen. Oder Ende März. Das dafür aber ganz sicher. Also vielleicht.

Ich habe Angela Merkel immer gegen die Kritiker verteidigt, die glauben, dass die CDU zur alten Größe zurückfände, wenn sie nur endlich die Veränderungen rückgängig machen würde, die Merkel der Partei zugemutet hat. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es besser wäre, die Bundeskanzlerin würde möglichst bald ihren verdienten Ruhestand antreten. Jeder Tag mit ihr an der Spitze ist für das Land ein verlorener Tag.

Auch bei Kohl zählten die Beobachter am Ende die Tage bis zum Schluss. Der Unterschied ist allerdings: Bei Kohl steckte das Land nicht in seiner schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Reformstau, der ihm zur Last gelegt wurde, war eine verschleppte Steuerreform. Was wären wir froh, wir hätten es nur mit einer Flaute im Steuerrecht zu tun. Der Merkel Stillstand kostet Menschen buchstäblich die Existenzgrundlage.

Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht in Rage schreibe. Zu viel Emotion ist als Kolumnist nicht bekömmlich. Ich schalte den Fernseher aus, wenn Angela Merkel auftaucht. Ich ertrage es einfach nicht mehr: die tantenhafte Selbstzufriedenheit, mit der jede Nachfrage weggebügelt wird, die Nachlässigkeit in der Wortwahl, die ein fundamentales Desinteresse an den Folgen der eigenen Politik verrät.

Wenn Angela Merkel in einem Nebensatz fallen lässt, dass man Schulen, Theater und Sportvereine öffnen werde „und eines Tages die Hotels“, ist das für Menschen, deren Existenz an so einem Hotel hängt, ein Satz, der sie um den Schlaf bringt. Eines Tages? Auf FOCUS Online kam eine Hotelbesitzerin zu Wort, die berichtete, dass sie von diesem Satz jetzt nachts träume.

Vielleicht gibt es eine Altersgrenze, die man als Regierungschef nicht überschreiten sollte. Möglicherweise stumpft einen der Job auch einfach ab. Kanzler können nicht jeden Tag in Tränen zerfließen. Wer Entscheidungen treffen muss, die tief in das Leben anderer Leute eingreifen, braucht eine gewisse Härte und auch innere Kälte. Aber man sollte als Kanzler zumindest zu erkennen geben können, dass man weiß, was man den Bürgern zumutet.

Mittlerweile nimmt die Untätigkeit groteske Züge an. Seit Wochen heißt es, der Inzidenzwert müsse stabil bei 35 liegen, weil alles an der Funktionstüchtigkeit der Gesundheitsämter hänge. Aber wenn es darum geht, die Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, ihrer Arbeit nachzugehen, fühlt sich niemand in der Regierung zuständig.

Die „Welt am Sonntag“ hat vorletzte Woche bei den Ämtern nachgefragt, wie viele die neue Software benutzen, damit es endlich bei der Kontaktverfolgung vorangeht. Antwort: 84 der insgesamt 375 Gesundheitsämter in Deutschland haben das Programm in Betrieb. Ein Drittel hat noch nicht einmal die notwendigen Verträge unterzeichnet.

Viele Behörden vertrauen lieber weiter auf das Papierverfahren, bei dem der Namen der Infizierten und ihrer Angehörigen auf 16 verschiedenen Formularen eingetragen werden muss. Ein Gesetz würde reichen, um diesen Irrsinn abzustellen. Aber niemand in Berlin kann sich dazu aufraffen, es auf den Weg zu bringen. Lieber wird der Stillstand verlängert.

Es gibt keine Idee, keinen Plan, wie es weitergehen soll. Um Fragen zu entgehen, schottet man sich ab. Mitte Februar waren die Vertreter von 40 Wirtschaftsverbänden in Berlin. Gerne hätten die Unternehmer ihre Kanzlerin gesprochen, um ihr zur schildern, wie die Welt außerhalb des Kanzleramts aussieht. Merkel fand leider keine Zeit für ein Treffen.

Statt ihrer musste der arme Peter Altmaier ran, von dem jeder weiß, dass er schon mit der Auszahlung der versprochenen Nothilfen überfordert ist. Der Mann gibt eine so traurige Figur ab, dass die nach Berlin gereisten Wirtschaftsvertreter jeden Rabbatz unterließen, aus Angst, der Minister würde unter dem Druck zusammenbrechen.

Es gibt auch eine bemerkenswerte Regression ins Nationale. Andere Länder sind entweder zu klein oder zu groß oder zu asiatisch, um sie mit Deutschland zu vergleichen. So sitzt die Kanzlerin in kleiner Runde und diskutiert statt Impfstrategien lieber hingebungsvoll Lockdown Szenarien. Soll man den Bürgern den Zugang zu Klobrillen und Kabelschneidern ermöglichen oder auch zu Büchern? Und was ist wichtiger für die Volkshygiene: Friseure oder Fußpfleger? Wenn es nicht so schrecklich wäre, man fände aus dem Lachen kaum heraus.

Mir ist unbegreiflich, dass über 60 Prozent der Deutschen in Umfragen immer noch Vertrauen in die Führungskraft der Regierung bekunden. Was ist mit den Menschen los? Muss man ihnen erst eine Fliegerbombe aufs Haus werfen, dass sie die viel gelobte Umsicht der Regierungschefin in Zweifel ziehen?

Andererseits: Einem Gutteil der Wähler geht es wie der Kanzlerin. Sie spüren von den verhängten Maßnahmen nicht viel. Wer älter als 60 Jahre ist, braucht keine Bars und Clubs. Er findet es im Gegenteil ganz angenehm, wenn das Leben ein wenig runtergedimmt ist. Das nimmt einem das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Mit der Stilllegung der Innenstädte geht auch eine spürbare Reduktion des Geräuschpegels einher. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie die grüne Idealstadt aussieht, der muss sich nur Berlin unter Corona Bedingungen ansehen. Mein Traum von Großstadt ist das nicht, aber ich komme ja auch nicht aus Baden-Württemberg oder der ostdeutschen Provinz.

Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel, das sollte nicht unerwähnt bleiben. Hinter Kohl waren in den Medien am Ende alle her. „Kohls Macht zerfällt“, „Wie lange noch?“, „Kohl kaputt“, lauteten typische „Spiegel“ Zeilen in den neunziger Jahren. An Angela Merkel traut sich kaum einer heran, auch der „Spiegel“ nicht.

Angeblich ist die Kanzlerin neulich einmal emotional geworden. Als ihr Manuela Schwesig vorhielt, sie würde nicht an die Kinder denken, soll sie geantwortet haben, sie lasse sich nicht anhängen, dass sie Kinder quäle. So rapportierten es jedenfalls die Zeitungen. Endlich einmal Merkel mit Herz! Man konnte förmlich den Seufzer der Erleichterung hören, der durch die Redaktionsstuben ging.

Ostern könnt ihr euch abschminken!

Politik ist ein lausiger Job. Ständig wird man dumm angequatscht. Alle wissen es besser. Kein Wunder, dass viele Politiker in der Pandemie aufleben: Endlich können sie den Bürgern mal sagen, wo’s langgeht

Die Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, hat eine Idee, wie sich das Virus wirkungsvoller bekämpfen ließe. Warum nicht ein Belohnungssystem für Menschen einführen, die sich vorbildlich an die Pandemie- Regeln halten? Wer durch sein Verhalten gezeigt hat, dass man ihm trauen kann, der bekommt sukzessive seine Freiheiten zurück.

„Wenn eine niedrige Inzidenz automatisch Lockerungen bedeutet und eine steigende Inzidenz ebenso automatisch zu harten Einschränkungen führt, ist das transparent“, sagte Frau Reker in einem Interview. Damit sei für jeden verständlich, warum es lohnenswert sei, sich an die Maßnahmen zu halten.

Henriette Reker, wird jetzt der eine oder andere vielleicht fragen: Ist das nicht die Frau, die empfohlen hat, zu Fremden einfach eine Armlänge Abstand zu halten, um sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren? Das Virus ist zugegebenermaßen gefährlicher. Da reicht eine Armlänge nicht aus. Aber deshalb muss man doch nicht gleich ins andere Extrem verfallen.

Frau Rekers Konversion liegt im Trend. Ein Belohnungssystem für Pandemie- Gehorsam ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was die Verfassungsväter und -mütter im Sinn hatten, als sie das Grundgesetz formulierten. Ja mei, wie der Bayer sagt, andere Zeiten, andere Rechte.

Ich glaube, viele Politiker genießen insgeheim die Macht, die ihnen die Krise verleiht. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Politik ist ein lausiger Job. Ständig wird man dumm von der Seite angequatscht. Alle wissen es grundsätzlich besser. Und dann gilt man als Politiker auch noch als überbezahlt, weshalb es bei jeder Diätenerhöhung Trara gibt. Und nun? Nun kann man den Leuten mal so richtig den Marsch geigen. Pay-back-Zeit, aber big time. Ihr wollt in den Urlaub fahren? Sorry, aber Ostern könnt ihr euch abschminken. Und was den Sommer angeht, da schauen wir mal.

Die Politiker können nicht zugeben, dass ihnen das Durchregieren gefällt, natürlich nicht. Stellen wir uns vor, ein Politiker würde sagen: Endlich kann ich alle so herumkommandieren, wie ich es mir schon immer gewünscht habe. Was gäbe das für einen Aufstand! Also sagt er: Es tut mir im Herzen weh, dass ich jetzt dieses und jenes verordnen muss. Aber wir wollen doch das Erreichte nicht verspielen, nicht wahr?

Selbst die sanftmütigsten Menschen zeigen plötzlich eine ganz neue Seite von sich. Haben Sie den Ausbruch von Winfried Kretschmann mitbekommen? Der baden-württembergische Ministerpräsident war beim CDU-Wirtschaftsrat zu Gast, wo sie ihn wegen des Lockdowns löcherten.

Er höre immer nur öffnen, öffnen, öffnen, rief er irgendwann genervt. Als die Unternehmer nicht Ruhe gaben, blaffte er sie an: „Dann machen wir einen richtigen Lockdown, den gab es bisher ja gar nicht.“ O-Ton des Mannes, der als Kind in den Tanz-deinen-Namen-Zaubertrank im Waldorfkindergarten gefallen ist. Die Pandemie stellt wirklich alles auf den Kopf.

Ich habe mir Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ gekauft. Kann nicht schaden, wenn man seine Thesen auf eine breitere Basis stellt, dachte ich. Das Buch beruht auf Untersuchungen, die Adorno und seine Kollegen in den vierziger Jahren durchführten, um der Grundlage von Vorurteilen auf die Spur zu kommen. Zuletzt war das Buch schwer en vogue, als sich die Achtundsechziger den deutschen Spießer vornahmen. Manches kommt nie aus der Mode.

Glaubt man Adorno, dann zieht der autoritäre Charakter Befriedigung aus dem Gehorsam, weil ihm Freiheit Angst macht. Vielleicht ist das die Erklärung, warum viele Menschen so ruhig bleiben. Wenn die Regierung alles in ihrer Macht stehende tun würde, um die Krise zu bewältigen, dann würde ich die Geduld noch verstehen. Aber wir sind im 13. Monat der Pandemie, und in den meisten Klassenzimmer stehen bislang nicht einmal Luftfilter.

Am Sonntag stieß ich bei Twitter auf einen Eintrag, in dem jemand von einer Freundin berichtete, die gerade aus Äthiopien kommend in Frankfurt gelandet war, hustend, fiebernd, nach Luft schnappend. Fragen bei der Passkontrolle? Keine. Nein, doch eine: Ob man auch die Einreiseanmeldung ausgefüllt habe. Quarantäne für Hustende? Wir sind ja nicht in England. Schnelltests? Gibt’s erst ab März. Oder April. Oder Mai.

Dafür zählen wir genau, wie viele Kinder auf dem Spielplatz in der Sandkiste sitzen. Das nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit. Die Frau vom Äthiopienflug hatte übrigens die südafrikanische Mutante mitgebracht, wie sich herausstellte. Drei der acht Mitglieder ihrer Reisegruppe wurden ebenfalls positiv auf Covid getestet.

Ein Leser hat sich neulich bei mir beschwert, ich sollte nicht immer nur nörgeln, sondern auch mal konstruktive Vorschläge machen. Also gut. Ich würde mehr auf Eigeninitiative setzen, das wäre mein Vorschlag. Sagt die Kanzlerin nicht, dass es jeder von uns in der Hand hat, ob sich das Virus verbreitet? Warum handeln wir dann nicht entsprechend?

Meine Mutter ist 83 Jahre alt. Sie verlässt das Haus nur mit FFP3Maske. Wenn die Putzfrau da war, wird ordentlich gelüftet. Dass meine Mutter sich ansteckt, ist ziemlich unwahrscheinlich.

Menschen, die in geschlossenen Einrichtungen leben, können so nicht denken, schon klar. Deshalb kann man erst dazu übergehen, Läden und Restaurants zu öffnen, wenn sie geimpft sind. Aber der Punkt ist in zwei, drei Wochen erreicht. Für Lehrer und Kindergärtner muss man ebenfalls etwas tun und die Impfung vorziehen. Aber dann? Dann ist jeder für sich selbst verantwortlich, würde ich sagen.

Die entschiedensten Lockdown Befürworter trifft man links der Mitte an. Es scheint geradezu ein Gesetz zu sein: Je stärker jemand politisch nach links tendiert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er ein Faible für harte Maßnahmen hat. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass man bei den Linken dem normalen Volk noch nie richtig über den Weg traute.

Bis heute hat man sich dort eine romantische Vorstellung von den einfachen Menschen bewahrt. Die Stimme der Straße, der Protest von unten – das hält man in Diskussionen gerne hoch. Wenn es dar auf ankam, hat sich das gemeine Volk allerdings oft als Enttäuschung erwiesen. Entweder blieben die Leute zu Hause, wenn sie, wie 1968, zur Fahne gerufen wurden – oder sie gingen, wie 1989, für die falschen Dinge auf die Straße. Das hat man bei der Linken nicht vergessen.

Vom Misstrauen zur Bevormundung ist es nur ein kleiner Schritt. In der „Zeit“ plädierte die Politikredakteurin Anna Mayr gerade für mehr Aufsicht von oben: Der Staat müsse die Bürger wie Kinder vor sich selbst schützen. Wenige sprechen es so klar aus, aber viele denken in der Politik ähnlich. Die Kanzlerin lobt die Deutschen zwar immer, wie gut sie mitziehen würden: In Wahrheit hält sie nicht viel davon, auf Eigenverantwortung zu setzen.

Wer der Meinung ist, dass der Staat schon am besten weiß, was für di e Menschen gut ist, gerät schnell in Versuchung, ein wenig nachzuhelfen, damit sie das auch so sehen. Wie man jetzt weiß, bat das Bundesinnenministerium vor dem ersten Lockdown eine Reihe von Wissenschaftlern, einen Plan zu erarbeiten, wie sich „Maßnahmen präventiver und repressiver Natur“ durchsetzen ließen.

Die Wissenschaftler empfahlen, Sterbeszenen qualvoll um Luft ringender Patienten auszumalen, um so bei den Bürgern eine „gewünschte Schockwirkung“ zu erzielen. Einer der Hauptautoren des Papiers war ein Germanist aus Österreich, der durch seine Begeisterung für den chinesischen Weg aufgefallen war, wie eine Recherche der „Welt am Sonntag“ ans Licht brachte.

Ein Mao Fan als Ghostwriter eines Leitfadens der Bundesregierung, in dem zu Erziehungszwecken möglichst drastische Corona Szenarien beschrieben werden: Was andere als Skandal empfinden, zeigt professionelles Gespür, würde ich sagen. Wenn man sich schon für Propaganda entscheidet, dann sollte man sie doch von den Leuten erledigen lassen, die sich mit so etwas auskennen.

Und dann sind wir nur noch Zuschauer

Die Verlängerung des Lockdowns beruht auf einer Computersimulation. Dummerweise verhält sich der Mensch anders, als die Modelle es vorsehen. Also wird der Mensch jetzt an das Modell angepasst

Als im April 2010 der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, schlossen die Behörden für Tage den Luftraum über Europa. Tausende von Flügen wurden gestrichen oder zu anderen Flughäfen umgeleitet.

Die unsichtbare Wolke, die den Flugverkehr lahmlegte, bestand nicht aus Asche und Staub, sondern aus einem Schwarm von Daten. Weil es keine Erfahrung gab, wie sich die Staubpartikel auf Triebwerke und Tragflächen auswirken würden, behalfen sich die Aufsichtsbehörden mit einer Computersimulation. An die Stelle der Empirie trat die Risikoprognose, an die Stelle von realen Messungen über die Luftkonzentration von Schwebeteilchen die Modellrechnung.

„Heute stoppt die Computersimulation den Flugverkehr, zu Kosten, die täglich in die Hunderte Millionen gehen“, schrieb der „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, der als Erster die Bedeutung dieses Modellversuchs erfasste. „Was wird sie morgen tun? Was tut sie jetzt schon, ohne dass wir es ahnen? Und was ist der Preis?“

Wir kennen die Antwort auf Schirrmachers Frage. In einer bis dato für utopisch gehaltenen Versuchsanordnung ist nun bewiesen, dass die Modelle aus dem Computer nicht nur den Flugverkehr stoppen können, sondern das gesamte soziale Leben. Und der Preis dafür sind nicht Hunderte Millionen Euro, der Preis ist das Fundament ganzer Branchen und Volkswirtschaften.

Die Pandemie ist mehr als der Sieg des Virus über den Menschen, sie ist auch ein Triumph der Simulation und der Datenphysiker. Kein Tag, an dem man uns nicht auf Modelle verweist, die uns voraussagen, welchen Verlauf die Infektionskurven nehmen werden, wenn wir in unserem Bemühen nachlassen.

Es wäre ein groteskes Missverständnis, die über alle Medien verbreiteten Grafiken mit ihren steigenden und fallenden Linien für eine Illustration der Infektionsdynamik zu halten. Sie sind Warntafeln, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verlangen, ja: unseren Gehorsam. Seht her, lautet der Begleittext, wenn ihr euch nicht so einschränkt, wie es die Wissenschaftler aus den Datenlabors empfehlen, dann wird das Virus mit unverminderter Wucht über euch kommen.

Die Frage, die Schirrmacher vor elf Jahren aufwarf, stellt sich mit neuer Dringlichkeit: Welche Macht wollen wir den Modellen über unser Leben geben? Die Politik liebt die Simulation der Pandemie. Die Rechenbeispiele aus dem Computer suggerieren eine Vorhersehbarkeit des Infektionsverlaufs, die der politischen Antwort eine eiserne Rationalität verleiht. Wenn die Kanzlerin über die Notwendigkeit neuer Einschränkungen spricht, verzichtet sie nie auf einen Hinweis auf die ihr vorgelegten Kurven.

Die Präzision der Vorhersage ist selbstverständlich ebenfalls nur eine Simulation. Die Modelle sind in Wahrheit erstaunlich fehleranfällig. Erinnern wir uns: Auch am Anfang des zweiten Lockdowns stand eine Prognose, in diesem Fall vorgetragen von der Leopoldina, jener Akademie der Wissenschaften, deren Beratung die Bundesregierung besonders schätzt.

Spätestens Mitte Januar würde die Zahl der Neuinfektionen bei 50 pro 100000 Einwohnern liegen, wenn die Politik zu Weihnachten das öffentliche Leben herunterfahre, hieß es in einer Stellungnahme. Drei bis vier Wochen den Einzelhandel dicht, die Schulen geschlossen und nur noch wenige soziale Kontakte: Dann wäre die zweite Welle gebrochen. Es ist anders gekommen, wie wir heute wissen.

Der Mensch passt nicht zur Mathematik der Simulation. Wir verhalten uns anders, als der Algorithmus es vorsieht – komplexer, widersprüchlicher. Jede Abweichung von den Annahmen über unser Bewegungsverhalten oder die Frequenz unserer Sozialkontakte verändert den Kurvenverlauf. Schon eine winzige Änderung bei der Mobilität kann, millionenfach addiert, dazu führen, dass am Ende die Linie nicht eine L-Form annimmt, sondern in einem V mündet.

Eine Lösung wäre, die Modelle der Wirklichkeit anzupassen. Also einzugestehen, dass die Voraussagen mit Unsicherheit behaftet sind. Es ließe sich aus der Fehleranfälligkeit auch der Schluss ziehen, dass es an der Zeit sei, sich für mehr Intuition und Erfahrung zu öffnen, das heißt für das, was man gemeinhin gesunden Menschenverstand nennt.

Wie wäre es, würde man in diesem Fall fragen, wir tasteten uns in die Normalität zurück? Wir entließen den Einzelhandel vorsichtig aus dem Lockdown und vielleicht auch die ersten Cafés? Elastische Lösungen lassen sich nicht dadurch finden, dass man sie simuliert, sondern nur, indem man Daten ermittelt und entsprechend reagiert. Darauf hat schon Schirrmacher hingewiesen. Ein Forscherteam der TU Berlin hat Zahlen vorgelegt, was die größten Ansteckungsorte sind. Ladengeschäfte gehören nicht dazu.

Die Politik hat sich für einen anderen Weg entschieden. Wir denken, der Stillstand sei notwendig, um das Virus in Schach zu halt en. Aber das ist zu simpel, um nicht zu sagen: zu unmathematisch gedacht. Das erste Ziel der Maßnahmen ist vielmehr, dass wir uns algorithmuskonform verhalten. Je weniger Kontakte wir haben und je eingeschränkter unser Bewegungsradius ist, desto leichter sind wir, im wahrsten Sinne des Wortes, ausrechenbar. Wenn man die Modelle nicht an den Menschen anpassen kann, muss man den Menschen eben an das Modell anpassen.

Wer die Simulation programmiert, bestimmt auch über die Entscheidungsabläufe. Man muss nur eine Variable ändern, und schon ändern sich die politischen Vorgaben. Am Anfang hieß es, das Ziel der Corona-Maßnahmen sei, die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Also wurde die Zahl der freien Intensivbetten zum entscheidenden Parameter.

Dann rückte der sogenannte Inzidenzwert in den Vordergrund, erst von 50, jetzt von 35. Auch dieser Wert hat sich schon wieder verändert. Nun kommt es darauf an, dass er stabil bei 35 liegt. Was heißt „stabil“? Die gleiche Lage für drei bis fünf Tage, lautete die Antwort der Kanzlerin am Mittwoch. Für 14 Tage, damit die Lage stabil ist, erklärte sie am Freitag.

Gegen die Mathematik der Simulation kommt kein Argument an. Wie sollte es lauten? Dass man nicht glaube, was der Computer an Kurven ausspucke? Damit steht man auf verlorenem Posten.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer hat auf die Frage, wann der Lockdown denn ende, geantwortet: „Das entscheidet nicht die Politik, sondern das Virus.“ Das ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Satz. Man kann ihn als Eingeständnis der völligen Ohnmacht lesen – oder im Gegenteil als Ausdruck absoluter Anmaßung.

Eine Politik, die für sich die Unausweichlichkeit eines Naturgesetzes beanspruchen kann, ist jeder Diskussion enthoben. Gegen sie kann es keinen Einspruch und keinen Widerstand mehr geben. Das allerdings ist das Gegenteil von Demokratie.

„Nur Gestrige können glauben, dass in der Skepsis gegenüber dieser neuen Macht die Sehnsucht nach vorindustriellen Zeiten steckt“, schloss Schirrmacher seinen Artikel über die unheimliche Verführungskraft der Risikoprognose. „Es geht vielmehr darum, gegen die Welt der Computer Instanzen des Einspruchs zu etablieren. Tun wir das nicht, fliegt bald gar nichts mehr.“ Es fliegt nun nicht nur nichts mehr, wäre hinzuzufügen: In Bayern lässt man die Leute nachts mancherorts nicht einmal mehr vor die Tür.

Schirrmacher hat das Thema nicht mehr losgelassen. Seinem Artikel ließ er ein Buch zur Herrschaft der Algorithmen folgen. Das Buch nannte er „Ego“, was ein hinterhältiger Titel war, weil es ja eigentlich um das Gegenteil ging, nämlich den Menschen zu entmündigen, indem man ihn zum Zuschauer seines eigenen Lebens macht.

Es lohnt, das Buch in der Krise wieder in die Hand zu nehmen. Und sei es nur, weil man an zentraler Stelle einer vertrauten Figur begegnet: dem Physiker, der mit seinen Annahmen den Computer füttert. Bei Schirrmacher war er noch nicht in den Pandemielabors angekommen, sondern erst in die Handelsräume der Investmentbanken vorgestoßen, wo er Modelle zur Risikoabschätzung von Finanzderivaten entwarf.

Das Ende ist bekannt: Weil sich der Mensch schon damals anders verhielt als von den Datenspezialisten vorgesehen, führten die Modelle in den Beinahe-Zusammenbruch der Finanzmärkte.

Haben die Staatsfeinde nicht am Ende recht?

Die Linke hat immer auf den Staat gesetzt. Jetzt erleben wir in einem grausamen Echtzeitexperiment, was von den Versprechungen zu halten ist, man müsse den Staat nur gewähren lassen, dann wäre für Sicherheit und Wohlstand gesorgt

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise veröffentlichte der für seine konservativen Ansichten bekannte Autor Charles Moore im „Daily Telegraph“ einen Kommentar, der in der Frage mündete, ob man im bürgerlichen Lager mit dem Vertrauen in den Markt richtiggelegen habe. „Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich mir als Journalist diese Frage stelle“, schrieb er, „aber in dieser Woche spüre ich, dass ich sie stellen muss: Hat die Linke nicht am Ende recht?“ Es ist wieder an der Zeit, Glaubenssätze zu überprüfen.

Erneut zeigt sich, dass die eben noch verworfenen Argumente zutreffend sein könnten, nur dieses Mal die der Liberalen, die immer schon dem Staat misstrauten. Wenn Politik und Regierung beim Schutz der Bürger versagen, müsste man dann nicht über legen, der Übertragung von immer mehr Machtbefugnissen entgegenzutreten, wäre heute zu fragen.

Ein Jahrzehnt des ausufernden Staatsglaubens kommt in der Pandemie an sein krachendes Ende. Wir erleben in einem grausamen Echtzeitexperiment, was von den Versprechungen der staatlichen Repräsentanten zu halten ist, man müsse sie nur gewähren lassen, dann wäre für Sicherheit und Wohlstand gesorgt.

In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt: Je mehr der einzelne Bürger auf staatlichen Schutz angewiesen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das Jahresende nicht lebend erreicht. Das ist keine polemische Zuspitzung, das ist die Beschreibung der Lage.

Das Mortalitätsrisiko in Relation zur Abhängigkeit von staatlicher Fürsorge lässt sich sogar ziemlich präzise fassen. Man muss nur die täglichen Sterbetafeln aus den Altenheimen zur Hand nehmen. Wer in einer Betreuungseinrichtung lebt, weil er sich nicht mehr selbst versorgen kann, hat ein xmal so hohes Risiko, an Corona zu erkranken, wie sein rüstiger Altersgenosse, der keine Hilfe benötigt.

Zur Gesundheitskrise kommt jetzt die Vertrauenskrise. Letztere wird uns noch begleiten, wenn wir die Kontrolle über unser Leben längst zurückerlangt haben. Man macht sich sicherlich keiner Übertreibung schuldig, wenn man voraussagt, dass diese Krise das Land nachhaltiger erschüttern wird als der Kampf gegen das Virus.

Dass es der Staat sei, auf den man am besten seine Hoffnungen richte, dieser Glaube ist in der Psyche der Nation tief verankert. Daran haben auch zwei Weltkriege nichts ändern können. Es hätte aus meiner Sicht nahegelegen, aus der Geschichte die Lehre zu ziehen, sich etwas mehr Staatsskepsis zu erlauben – schließlich war das Problem der Deutschen noch nie ein Zuviel an Individualismus und Eigensinn. Aber so kann der Deutsche nicht denken.

Es fällt uns ungemein schwer, vom Staatsglauben Abschied zu nehmen. Noch immer sagt die Mehrheit, dass sie die Maßnahmen der Politik für richtig hält. Man kennt das Phänomen aus toxischen Beziehungen: Auch wenn das Opfer weiß, wie ungesund die Beziehung ist, in der es feststeckt, kann es sich aus ihr nur schwer befreien. Lieber leugnet es die Situation oder redet sich ein, dass sich die Dinge mit der Zeit schon bessern werden. Wird es auf sein Unglück angesprochen, gibt es sich selbst die Schuld: Es war zu nachlässig oder zu selbstsüchtig.

Ist es nicht genau das, was wir hören? Dass wir uns zu viele Nachlässigkeiten gestattet haben? Dass wir das in uns gesetzte Vertrauen enttäuscht haben, weshalb man nun zu härteren Maßnahmen greifen muss? So steht es auch in den Kommentaren, in denen der Kurs der Regierung als alternativlos bezeichnet wird. Die Paartherapie würde von „Enablern“ sprechen. Gemeint sind Menschen, die durch Beschwichtigungen oder Entschuldigungen das Beziehungsdrama verlängern.

Es gibt Krisen, gegen die man sich nicht wappnen kann. Sie lassen sich nur stoisch ertragen. Aber solch eine Krise ist die Pandemie nicht, und so demütig ist die Politik auch nie aufgetreten. Im Gegenteil. Das Versprechen der Regierung war, alles in ihrer Macht Stehende zutun, um Leben zu schützen. Daraus bezieht sie bis heute die Legitimation, grundlegende Freiheitsrechte zu suspendieren.

Man muss hier nicht noch einmal aufzählen, was alles versäumt wurde, angefangen von der Aufrüstung der Gesundheitsämter, die noch immer nicht in der Lage sind, Gesunde von Infizierten zu trennen. Wenn aber die Politik ihre Zusagen nicht einhält, warum sollten ihr die Bürger dann weiter folgen?

Die Regierenden ziehen aus dem eigenen Unvermögen den Schluss, dass man ihnen jetzt erst recht gehorchen müsse. Kein Wort der Einsicht oder der Entschuldigung. Nur Durchhalteparolen sowie neue Anweisungen und Zumutungen. Gerade weil der Staat versagt hat, soll der Bürger auf ihn bauen. Man muss sich nur für einen Moment ausmalen, auch die Verantwortung für die Impfstoffentwicklung hätte im Kanzleramt oder im Palais Berlaymont in Brüssel gelegen. Glaubt irgendjemand ernsthaft, wir wären dann jemals über die erste Testphase hinausgekommen?

Die Kanzlerin hat vor der Bundespressekonferenz erklärt, sie könne die Klagen über den schleppenden Impfstart nicht nachvollziehen. Sie habe mit den Gründern von Biontech, Ugur Sahin und Özlem Türeci, telefoniert, um sich ein Bild über den Stand der Forschung zu verschaffen. Die beiden würden Großartiges leisten, jede Kritik sei deshalb deplatziert.

Dass es die Kanzlerin für nötig hält, sich hinter dem Erfolg zweier Entrepeneure zu verstecken, ist noch niederschmetternder, als es jedes Eigenlob hätte sein können. Niemand hat Ugur Sahin und Özlem Türeci unterstellt, sie würden nicht hart genug arbeiten. Alle sind glücklich über das deutsche „Impfwunder“. Die meisten Menschen hätten sich nur gewünscht, dem privaten Impfwunder wäre nicht ein staatliches Impfdesaster gefolgt. Hätten Angela Merkel und Jens Spahn so umsichtig agiert wie die Biontech- Gründer, ständen wir heute nicht vor dem dritten und vierten Lockdown.

Wer sich einmal daran gewöhnt hat, die Freiheitsrechte der Bürger zu beschneiden, kann nicht einfach davon ablassen. Am Mittwoch haben die Regierenden den Lockdown verlängert. In einem nächsten Schritt wird es da rum gehen, auch den finanziellen Bewegungsraum zu beschränken.

Spätestens nach der Bundestagswahl im Herbst wird man die Leute für die Fehler, die man in Berlin gemacht hat, zur Kasse bitten. Dass die Verfügung über das eigene Einkommen ebenfalls ein essenzielles Freiheitsrecht darstellt, das ist ein Gedanke, der inzwischen nicht nur Vertretern der Linkspartei gänzlich abhandengekommen ist.

Dem Zusammenbruch der Finanzmärkte ging ein Zusammenbruch der Begriffe voraus. Eigenverantwortung, unternehmerisches Risiko, das freie Spiel von Angebot und Nachfrage – alles, was die ökonomische Ordnung ausgemacht zu haben schien, erwies sich als Farce, als die Banken für ihr kolossales Versagen nicht bestraft, sondern mit Steuergeldern gerettet wurden. Wir erleben jetzt wieder eine Umwertung der Werte. Diesmal sind es Begriffe wie Demokratie, Grundrechte, Freiheit, die nicht das bedeuten, was sie zu bedeuten scheinen.

Der Journalist Claudius Seidl hat dieser Tage daran erinnert, dass die Hedgefonds- Leute, die die Finanzkrise kommen sahen und deshalb gegen die Wall Street wetteten, vom Zynismus der Finanzökonomie desillusionierte Konservative waren: Männer wie Steve Eisman und Michael Burry, die Ronald Reagan gewählt und für die Republikaner gespendet hatten und deren Ansichten immer sozialistischer wurden, je tiefer sie in die Finanzwelt eintauchten.

Eisman und Burry haben mit ihren Wetten gegen die Wall Street Millionen verdient, weil sie als Erste sahen, was kommen würde. Auch die neue Vertrauenskrise wird ihre Profiteure haben. Wir kennen ihre Namen nur noch nicht.

Lasst alle Hoffnung fahren!

Wenn es einen Preis dafür gäbe, rechtzeitig gewarnt zu haben, würde Angela Merkel den gewinnen. Mit ihren Prognosen lag die Kanzlerin immer richtig. Die große Frage ist: Warum hat sie nicht entsprechend reagiert?

Wir werden von Trotteln regiert. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so einen Satz schreiben würde. Mir widerstrebt es, als Kolumnist zu schimpfen oder zu poltern. Empörung überlasse ich lieber anderen. Aber ich fürchte, es ist die einzig zutreffende Beschreibung der Lage.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen neuen Anstellungsvertrag geschlossen. Am Ende des ersten Monats ein Blick aufs Konto: Es fehlt das Gehalt. Sie fragen in der Gehaltsbuchhaltung nach. „Sorry“, sagt man, „aber schauen Sie doch mal in Ihren Arbeitsvertrag.“

Sie schauen nach. Dort heißt es: „Wir werden uns bemühen, Herrn/Frau Ypsilon ein Bruttogehalt von 4300 Euro zu zahlen.“ Das hatten Sie übersehen. Sie rufen wieder in der Gehaltsbuchhaltung an. „Wir haben uns bemüht“, erklärt man Ihnen. „Leider waren wir diesen Monat bei den Gehaltszahlungen nicht so erfolgreich, wie wir uns das vorgenommen hatten. Wir hoffen, dass es nächsten Monat besser aussieht.“

Klingt lustig, aber so lesen sich die Verträge, die sie in Europa mit Astra-Zeneca geschlossen haben. In der EU-Kommission sehen sie das naturgemäß anders. Dort heißt es, es gebe klare Vereinbarungen. Das würde ich auch sagen, wenn ich feststellen müsste, dass ich bei der Vertragsunterzeichnung nicht aufgepasst habe. Bis die Rechtsanwälte die Sache geklärt haben, benötigen wir keinen Impfstoff mehr. Entweder sind wir dann immun oder schon tot.

Sie halt en das Wort „Trottel“ immer noch für zu harsch? Vor vier Wochen kamen sie in Berlin auf die Idee, den Mangel an Impfstoff zu lindern, indem man dem medizinischen Personal erlaubt, aus einer Ampulle des Biontech-Wundermittels nicht fünf, sondern sechs Impfdosen zu ziehen. Im Gesundheitsministerium waren sie begeistert. Auf ein en Schlag 20 Prozent mehr Impfstoff. Toll!

Flugs wurden die Zulassungsrichtlinien geändert – mit dem Ergebnis, dass es nun nicht 20 Prozent mehr Impfungen gibt, wie erhofft, sondern deutlich weniger. Wie das, werden Sie sich fragen. Nun ja, leider hatte man versäumt, vor der Umstellung in den Vertrag zu schauen, den man mit Pfizer geschlossen hat. Dort steht unter dem Punkt Liefermenge „Impfdosen“, nicht „Ampullen“. Also liefert der Konzern entsprechend weniger Gläschen. Pfizer sagt: vertragsgemäß.

Damit wäre man wieder auf dem Stand vor der Zulassungsänderung. Theoretisch. Allerdings braucht es einiges Geschick, um aus einer Ampulle sechs statt fünf Spritzen aufzuziehen, da kommt es auf jeden Tropfen an. Viele Ärzte sind damit überfordert. Außerdem benötigt man spezielle Nadeln, die aber sind knapp. Deshalb verfügt man jetzt mancherorts über bis zu 17 Prozent weniger Impfstoff als noch Anfang Januar. So etwas nennt man ein Eigentor – wenn man freundlich ist.

Wohin man derzeit schaut: Nichts funktioniert, nichts geht zusammen. Was versprochen wurde, kommt zu spät oder irgendwann oder gar nicht. Die einzige Corona-Kurve, die deutlich nach unten weist, ist die Impfkurve. Das ist leider die falsche.

Was sagt die Kanzlerin zu all dem? Man habe in schwieriger Lage das Menschenmögliche getan. Ich würde sagen, so hart hat noch niemand über die jetzige Koalition geurteilt. Wenn das, was wir sehen, das Maximum ist, zu dem diese Regierung in der Lage ist, dann sagen sich viele Leute: Langsam wird es wirklich Zeit, dass wir eine neue Regierung bekommen.

Es sei auch nebensächlich, wie viel Impfstoff man bestellt habe, hat die Kanzlerin erklärt. Ich will nicht ungerecht sein, aber so war es vielleicht in der DDR. Da spielte es keine Rolle, ob man etwas bestellt hatte oder nicht. Es gab einfach nichts. Das sieht im Kapitalismus gemeinhin anders aus. Da gilt: Wer zuerst bestellt hat, wird auch als Erster beliefert.

Was ist mit Angela Merkel geschehen? Mir ist es ein Rätsel. Ich habe sie ein paarmal in Berlin getroffen. Es heißt ja immer, die Kanzlerin verfüge über Witz und eine außergewöhnliche Auffassungsgabe. Ich kann das bestätigen. Ich kenne wenige Politiker, die sich so in eine Materie, die sie interessiert, hineingraben wie Angela Merkel. Keine Information, die ihr entgeht, kein Detail, das ihr zu klein ist.

Es ist ja auch nicht so, dass die Kanzlerin nicht gewusst hätte, was im Winter auf uns zukommt. Wenn es einen Preis dafür gäbe, rechtzeitig gewarnt zu haben, würde sie den mühelos gewinnen. So steht es auch in jedem Kommentar und jedem Porträt: Angela Merkel habe mit ihren Prognosen in der Krise immer recht behalten.

Als sie im Herbst erklärte, was exponentielles Wachstum bedeutet, waren die Zeitungen voll des Lobes: Ah, wie gut, dass wir eine Frau mit Verständnis für Mathematik an der Spitze haben und nicht so einen tumben Tor wie Trump. Dummerweise wird man als Regierungschef nicht für seine Prognosefähigkeit gewählt, sondern dafür, dass man entsprechend der Prognosen handelt.

Kann man zu intelligent sein für das politische Geschäft? Vielleicht. Trump hat schon im Mai damit begonnen, Impfstoff zu sichern, während bei uns erst mal die Optionen gesichtet wurden. Einfach einen Viersternegeneral einsetzen, der dann die ihm übertragene Aufgabe mit militärischer Präzision erledigt? Das riecht viel zu sehr nach toxischer Männlichkeit! Nein, da braucht man einen inklusiven Ansatz, der alle mitnimmt. Der Ansatz ist auch toxisch, wie sich jetzt zeigt, aber er klingt gut.

All das erklärt allerdings nicht die seltsame Lethargie im Kanzleramt. Dass wir nicht genug Impfstoff haben, ist ja nur eines der Probleme, die uns quälen. Würde man endlich das Virus aus den Altenheimen heraushalten, wären die Ansteckungszahlen bis zu zwei Dritteln niedriger, wie die „Frankfurter Allgemeine“ am Beispiel Hessens ausgerechnet hat.

Auch in den Gesundheitsämtern geht seit Monaten nichts voran. Dass die Regierung eine Inzidenz von 50 anstrebt, ist ja nicht medizinisch begründet, sondern technisch. Erst ab 50 Infizierten pro 100 000 Einwohnern seien die Ämter wieder in der Lage zur Nachverfolgung, heißt es. Wären sie besser ausgestattet, kämen wir auch mit 100 oder 200 Infizierten zurecht.

Sicher, die Kanzlerin ist nicht für den Schutz der Altenheime zuständig, das ist Sache der Ministerpräsidenten. Ihr obliegt auch nicht die Aufsicht über die Gesundheitsämter, die unterstehen dem jeweiligen Landrat oder Bürgermeister. Aber hätte man nicht erwarten dürfen, dass in den langen Sitzungen im Kanzleramt einmal ausführlich darüber gesprochen worden wäre, was sich tun ließe? Oder dass man per Gesetz für die Modernisierung der Ämter sorgt, wenn sich die Landräte querstellen? Kein Wunder, dass einige in den Ministerpräsidentenrunden „Candy Crush“ spielen. Da kommt man wenigstens ein Level weiter.

Jetzt herrscht große Unruhe auf dem Regierungstanker. Die Kanzlerin erklärt in kleiner Runde, das Ding sei entglitten. Der Gesundheitsminister lädt zum Impfgipfel. Auch das ist eines der Rätsel, das später einmal ein Untersuchungsausschuss zu klären haben wird: Hat sich all die Monate wirklich niemand in der Regierung die Frage gestellt, wie viele Produktionsstandorte für Impfstoff es in Europa gibt und ob sie ausreichen, den Bedarf zu decken?

Dass wir für den Bau von Flughäfen, für die sie andernorts vier Jahre veranschlagen, 14 Jahre brauchen – geschenkt. Dass sich die Gewehre von Heckler & Koch, die Jahrzehnte als die besten Gewehre der Welt galten, bei Dauerfeuer krümmen, weil der Lauf zu heiß wird – nun ja. Trotzdem hatte ich bis heute ein Grundvertrauen in das deutsche Organisationstalent und die sprichwörtliche deutsche Effizienz.

Wir sind immerhin das Land, in dem noch im Frühjahr 1944 trotz Bombenhagel Elektrizität und Straßenbahnen funktionierten, weil sie binnen Kurzem alles wieder repariert hatten. Und nun? Nun bekommen wir es nicht mal hin, pünktlich die Daten ans Robert Koch-Institut zu schicken, damit man sich einen Überblick über die Pandemie verschaffen kann. Wie heißt es bei Dante: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.

Der chinesische Weg

Ausgerechnet in der Corona-Krise schließt die Bundesregierung einen Pakt mit Google, damit die Bürger bei Suchanfragen immer als Erstes Informationen des Gesundheitsministers zu sehen bekommen

Der Burda Verlag, also das Haus, für das ich arbeite, hat die Bundesregierung verklagt. Ich war 30 Jahre beim „Spiegel“, bevor ich im August 2019 zum FOCUS gewechselt bin. Ich kann mich aus dieser Zeit an keinen vergleichbaren Fall erinnern.

Dass Burda sich mit der Regierung anlegt, hat mich irgendwie stolz gemacht. Welcher Verlag traut sich das schon? Sieht man es klein, geht es in der Klage um fairen Wettbewerb.

Sieht man es groß, und so sehe ich es natürlich, geht es um die Trennung von Staat und freier Presse.

Das Bundesgesundheitsministerium hat mit Google ausgehandelt, dass Google Informationen der Regierung auf seiner Seite als besonders glaubwürdig herausstellt. Wer zum Beispiel „Migräne“ oder „Grippe“ eingibt, wird als Erstes auf das Regierungsangebot verlinkt. Ich weiß, dass Angela Merkel ein großer Fan der Chinesen ist. Aber muss ihr wichtigster Minister deshalb gleich die chinesische Informationspolitik kopieren? Unabhängige Gesundheitsinformation ist ein wichtiger Bestandteil des Mediengeschäfts. Burda ist mit netdoktor.de im Netz vertreten, der Wort & Bild Verlag mit der „Apotheken Umschau“. Das Gesundheitsministerium ist vor ein paar Monaten ebenfalls in den Markt eingestiegen, mit einer eigenen Webseite, auf der es die Bürger über wichtige Erkrankungen und mögliche Therapien aufklärt.

Allerdings dümpelte der Dienst bei den Suchtreffern weit hinten, wo nur noch diejenigen hinfinden, die nichts Besseres zu tun haben oder wirklich verzweifelt sind. Es hat auch nichts genützt, dass Jens Spahn die Stelle eines IT-Spezialisten ausschreiben ließ, um das Angebot so zu optimieren, dass die Suchmaschinen es besser finden. Aus dem Google-Keller ging es nie hinaus. Den Gesundheitsminister muss das sehr gewurmt haben. Er ist es gewohnt, dass man ihm zuhört, wie er gerade auf dem CDU-Parteitag wieder unter Beweis gestellt hat, wo er seinen Auftritt in einer Fragerunde kurzerhand in eine Jens-Spahn-gibt-Antwort-Sitzung umfunktionierte.

Ein Angebot aus seinem Haus, das sich privaten Anbietern gegenüber geschlagen geben muss? Das kann doch nicht wahr sein! Es folgten Gespräche mit Google, ob man nicht etwas tun könne. Seit November steht Spahns Dienst jetzt ganz oben.

Vom größten Monopolisten im Netz an der ganzen Konkurrenz vorbei auf Platz eins gehievt zu werden – was kann man sich als Politiker mehr wünschen? Das ist so, als ob die Kioskbetreiber in der Corona-Krise verpflichtet würden, vor allen anderen Magazinen die Hochglanzbroschüre aus dem Bundespresseamt auszulegen. Ich kann verstehen, dass Spahn begeistert ist.

Auch Google profitiert von dem Deal. Das Unternehmen gerät regelmäßig wegen Verstößen gegen das Kartellrecht in Konflikt mit der EU-Kommission. Da ist es von unschätzbarem Vorteil, die Bundesregierung als Partner zu haben. Das ist ein Reputationsgewinn, den einem keine Werbekampagne der Welt bringen kann.

Warum ich das so ausführlich schildere? Weil ich den Fall für exemplarisch halte. Er zeigt aus meiner Sicht, wie man in dieser Regierung über die freie Presse denkt. Klar, irgendwie notwendig, steht ja auch im Grundgesetz. Aber am besten nimmt man die Sachen doch selbst in die Hand. Wer weiß besser, was für die Menschen gut ist, als diejenigen, die von ihnen gewählt wurden? Jens Spahn ist dabei nur der gelehrige Schüler der Kanzlerin.

Deutschland ist nach 15 Jahren Merkel wieder auf dem Weg in eine parlamentarische Monarchie. Ich habe dafür sogar eine gewisse Sympathie. In jedem Konservativen schlummert ein Monarchist. Aber diese Staatsform ist in der Verfassung leider nicht vorgesehen.

Fragerunden mit kritischen Journalisten? Eher ungern. Interviews? Och nee, da bekommt man immer so unangenehme Dinge vorgehalten.

Im Dezember hat die Kanzlerin ausnahmsweise mal wieder ein großes Interview gegeben. In „DB mobil“, der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn. Schärfste Frage: „Frau Bundeskanzlerin, was könnte die Bahn aus Ihrer Sicht noch besser machen?“ Letzte Woche war Angela Merkel vor der Bundespressekonferenz.

Weil das so selten vorkommt, galt der Auftritt als Sensation. Die Kanzlerin stellt sich kritischen Einlassungen! Wobei, so kritisch war es dann doch nicht. Der Kollege Ralf Schuler von der „Bild“ fragte nach dem Impfdesaster, ein anderer sprach die Auswahl der Kanzlerberater an.

Aber die meisten Fragen klangen eher so, als ob man die eigene Pressestelle eingeladen hätte.

„Wären wir in der Pandemielage schon weiter, wenn die Länder Ihrem Kurs gefolgt wären?“ Oder: „Hat die Corona-Krise Sie persönlich physisch und psychisch an Grenzen geführt, die Sie in diesem Amt noch nicht erlebt haben?“ In der „Süddeutschen Zeitung“ stand anschließend bewundernd, wie ruhig die Kanzlerin geblieben sei und welche Sachkenntnis sie mitbringe. Die „Süddeutsche“ braucht keine Bundespressekonferenz mehr. Sie lebt so im Kopf der Kanzlerin, dass sie sich die Antworten auf alle Fragen praktischerweise gleich selbst geben kann.

Je länger ich Angela Merkel zusehe, desto mehr fühle ich mich an die Bräsigkeit erinnert, mit der Helmut Kohl Kritik an seiner Politik begegnete. Der Unterschied zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel ist freilich, dass Kohl das Großprojekt deutsche Einheit bravourös meisterte, während dieser Regierung nicht mal die Digitalisierung der Gesundheitsämter gelingen will.

Die Einführung einer einheitlichen Software ist jetzt für Februar angekündigt, bis dahin behilft man sich weiter mit Telefon und Fax. Vielleicht wird es ab er auch März oder April. Wäre 1990 die jetzige Koalition an der Regierung gewesen, würden die Bürger der ehemaligen DDR heute noch auf den Währungsumtausch warten.

Wenn bei mir so viel schiefginge wie bei der Bundesregierung, würde ich auch versuchen, Kontrolle über das zu erlangen, was die Leute als Erstes lesen. Ganz unabhängig davon, ob ein staatlich betriebenes Presseangebot verfassungswidrig ist oder nicht. „Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates“, hat das Bundesverfassungsgericht 1966 festgehalten. Aber das Urteil ist ja auch schon ziemlich alt, da war Jens Spahn noch nicht geboren.

Am Mittwoch letzter Woche war der erste Verhandlungstermin in der Sache Burda gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Spahns Anwälte hatten erklärt, sie könnten nicht nach München kommen, weil das Gesundheitsrisiko zu groß sei. Dann beschworen sie das Gericht, ein Beschluss gegen Spahn würde „die Autorität des Ministers und der Regierung beschädigen“. Das wiederum würde „die Wirksamkeit der aktuell beschlossenen Schutzmaßnahmen beeinträchtigen“ und so einen irreparablen „gesellschaftlichen Schaden“ verursachen.

Zitat aus dem Schriftsatz: „In der aktuellen Situation muss die Bundesregierung alles tun, um den Bundesminister für Gesundheit zu schützen, der das Gesicht ihrer Bundespolitik in der ersten Reihe ist.“ So sollte man einem bayerischen Gericht allerdings nicht kommen. Was die Richter in Bayern noch weniger leiden können als dumme Ausflüchte, ist die Arroganz von Politikern aus der Hauptstadt.

Ich bin sicher, Spahns Ministerkollegen erwarten mit Spannung den Ausgang der Sache. Wie ich Heiko Maas einschätze, denkt er schon über ein Magazin für Außenpolitik nach, in diesem Fall in Kooperation mit Instagram. Jede Woche Fotos, in denen Maas bedeutungsvoll über den Rand seiner Kaffeetasse schaut, während er darüber nachsinnt, wie man den Ost-West-Dialog wieder in Gang bringt! Oder das exklusive Google-Angebot aus dem Hause Altmaier mit den aktuellen Informationen zum Stand der Corona-Hilfen.

Wenn man einmal die Tür zu dieser speziellen Public Private Partnership aufgestoßen hat, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.

Und das Beste dabei: Die Rechnung übernimmt der Steuerzahler. Das Gleiche gilt übrigens für die Anwälte, wenn sich jemand beschwert. Die Staatskasse ist unerschöpflich, auch das unterscheidet Ministerien von privaten Unternehmen.

Der große Reset

Wir gehen in die dritte Phase der Pandemie, die ihrer Politisierung. Das neue Feindbild: der Unternehmer als Infektionsrisiko. Die neue Gesellschaft: ein wenig wie die DDR, aber dafür 100 Prozent virusfrei und mit Homeoffice

Die gute Nachricht vorneweg: Das Gehalt und die Pensionsansprüche der Kanzlerin sind von der Pandemie nicht betroffen. Auch auf die ökonomische Lage von Malu Dreyer, Daniel Günther, Tobias Hans und Bodo Ramelow hat der Lockdown keine Auswirkungen. Die Bezüge der Ministerpräsidenten sind in der Krise sicher.

Wenn ich darüber nachdenke: Eigentlich erwarte ich stündlich die Ankündigung der Regierung, einen Politiker-Soli einzuführen. Zehn Prozent Gehaltsverzicht als ein Zeichen gelebter Solidarität! So wird es kommen, davon bin ich überzeugt.

Es ist in diesen Tagen viel von Solidarität die Rede. Solidarität mit den Alten. Solidarität mit den Hartz-IV-Empfängern, die sich keine Masken leisten können. Solidarität mit überhaupt allen, die als schwach und schützenswert gelten. Wenn man durch die Zeitungen blättert, muss man den Eindruck gewinnen, an kaum etwas sei der Politik so gelegen wie am Zusammenhalt der Gesellschaft.

Immer, wenn große Begriffe bemüht werden, sollte man misstrauisch werden. Meine Erfahrung. Oder wie Carl Schmitt einmal anmerkte: Wer Menschheit sagt, will betrügen.

Es tun sich in der Krise große Unterschiede auf, nur andere als die, von denen ständig die Rede ist. Auch die Politik des Lockdowns hat ihre Gewinner und Verlierer. Darüber wird allerdings nicht so gerne gesprochen. Das würde ja die gesellschaftliche Spaltung befördern. Und Spaltung ist, wie man weiß, das Gegenteil von Solidarität.

Die in Berlin verfügten Maßnahmen verlangen den Deutschen sehr unterschiedliche Solidaritätsleistungen ab. Alle, die über 65 Jahre alt sind (das sind 18 Millionen Deutsche), müssen weder um ihren Arbeitsplatz noch um ihr Einkommen bangen, egal, wie lang und hart der Lockdown am Ende sein mag.

Auch die fünf Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst brauchen sich keine Sorgen zu machen. Sie haben sogar, zu ihrer Arbeitsplatzgarantie, gerade eine Lohnerhöhung von bis zu 4,5 Prozent erhalten. Etwas anders sieht es bei denen aus, die im normalen Erwerbsleben stehen. Hier hat die Regierung zum Glück vorgesorgt. Das Kurzarbeitergeld wurde bis zum Jahr 2022 verlängert, danach sieht man dann weiter.

Wirklich gekniffen sind nur die Selbstständigen, sie bekommen die volle Wucht des Lockdowns zu spüren. Unternehmerisch denkende Menschen sind in Deutschland eine radikale Minderheit, das erweist sich wieder mal als Nachteil. Gerade mal vier Millionen Deutsche gehören dieser Gruppe an, das ist weniger, als es über 80-Jährige gibt. Deshalb haben Selbstständige in der Politik auch kaum Fürsprecher.

Klar, am Rand fällt immer ein Satz des Mitgefühls ab. Aber wenn man in den Parteizentralen auf das Land in der Pandemie schaut, dann sind der wichtigste Wählerblock nun einmal die Alten, und den meisten von ihnen können die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht weit genug gehen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt auch in der Krise. Man könnte sogar sagen: Es gilt hier erst recht.

Wir treten gerade in die dritte Phase der Pandemie, in die ihrer Politisierung. Anfang der Woche haben Aktivisten eine Petition mit dem Titel „#ZeroCovid: Für einen solidarischen europäischen Shutdown“ online gestellt. Was wie das Ringen um den richtigen Weg im Infektionsschutz aussieht, ist in Wahrheit der Beginn im Kampf um eine neue Wirtschaftsordnung.

Wie die neue postpandemische Gesellschaft aussehen soll, ist erst in Umrissen erkennbar, aber dass es eine Gesellschaft sein wird, in der die Eigentumsgarantie nur noch begrenzt gilt und die Profitlogik ausgehebelt ist, das gilt als ausgemacht. Der Unternehmer ist in dieser Welt nicht mehr nur ein Ausbeuter, wie man es aus den marxistischen Lehrbüchern kennt: Er ist auch ein epidemiologisches Risiko, weshalb man am besten seinen Laden dichtmacht und die Gewinne umverteilt.

„Die Gesellschaften in Europa haben enormen Reichtum angehäuft, den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben“, heißt es in dem Null-Virus-Papier, das als Gründungstext einer neuen Covid-Linken verstanden werden darf. „Mit diesem Reichtum sind die umfassende Arbeitspause und alle solidarischen Maßnahmen problemlos finanzierbar.“

Selbst der linken „taz“ geht die komplette Stilllegung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens zu weit. „Halbtotalitäre Fantasie“ nannte der aus Ostdeutschland stammende Redakteur Thomas Gerlach die Vorschläge. Der Mann ist in der DDR aufgewachsen, er kennt sich mit Totalitarismus aus. Das hält die Verfechter selbstredend nicht davon ab, weiter für die gerechte Sache zu trommeln.

Man sollte die Verführungskraft des Radikalen nicht unterschätzen. Einer der Hauptautorinnen, der Virologin Melanie Brinkmann, hat ihr Engagement eine Einladung ins Kanzleramt verschafft, um dort ihre Ideen vorzutragen. Wer dachte, die grundlegende Sozialdemokratisierung sei das Ende der Umwandlung der CDU, dem fehlt es erkennbar an Fantasie. Wenn es nach der Kanzlerin ginge, wäre auch ein Schulterschluss mit der Linkspartei denkbar. Die Pandemie macht alles möglich.

Es sind bezeichnenderweise die SPD-Ministerpräsidenten, die der Idee eines radikalen Shutdowns skeptisch gegenüberstehen. In der SPD ist noch eine Ahnung vorhanden, dass man nicht jeden ins Homeoffice schicken kann, wo er dann selbstbestimmt und selbstverwaltet seinen Geschäften nachgeht. Irgendjemand muss die Dinge des täglichen Bedarfs schließlich noch produzieren, die dann vom Heimbüro aus beworben, verkauft und verschickt werden.

Es ist ebenfalls kein Zufall, würde ich sagen, dass sich unter den Unterzeichnern der #ZeroCovid-Erklärung neben einigen Wissenschaftlern auffällig viele Namen aus dem Medien- und Kulturbetrieb finden. Also von Leuten, deren Leben sich weitgehend am Schreibtisch abspielt.

Zu den Initiationsriten der Achtundsechziger gehörte die Selbstverpflichtung als Arbeiter am Fließband bei Opel. Die meisten Bewegungsteilnehmer brachen das Experiment wegen Arbeitsüberlastung schon nach wenigen Wochen ab. Einer der wenigen, die länger durchhielten, war Joschka Fischer, aber der war ja auch durch seine Herkunft als Metzgerssohn für die Wirklichkeit gestählt.

Was immer man von dem Ausflug der akademischen Avantgarde in die Arbeitswelt halten mag: Er vermittelte immerhin eine Vorstellung, dass es ein Leben außerhalb des Seminarraums gibt. Damit hat es sich erledigt. Die Teresa-Bücker-Welt reicht über Yogastudio, Elterngruppe und Kindertagesstätte nicht mehr hinaus. Da lassen sich dann auch mit leichter Hand alle Bänder anhalten und die Fabriken stilllegen.

Wer seine Anschauung vom Leben der werktätigen Massen der TV-Doku auf Arte entnimmt, hat auch keine rechte Vorstellung, welche unheilvolle Dynamik der Lockdown in Familien freisetzt, für die eine Beschäftigung mit Buch oder Puzzle nicht die erhoffte Entlastung bringt.

In einem Papier, das im Kanzleramt als Entscheidungsgrundlage präsentiert wurde, findet sich allen Ernstes die Einschätzung, dass die Nähe und Enge des Lockdowns keinen Risikofaktor darstelle, sondern im Gegenteil als „Ressourcen-Faktor“ gesehen werden könne. Das ist ein in seiner Abgehobenheit und Arroganz atemberaubender Satz. Aber er ist nicht so abgehoben und arrogant, dass er einem nicht einen Platz am Beratungstisch der Kanzlerin eintragen würde.

Der autoritäre Deutsche findet in der Pandemie zu sich selbst. An die Stelle des Vorschlags tritt das Kommando, an die Stelle des Arguments der Befehl. Sie wünsche sich, dass der Aufruf „einfach zack sofort umgesetzt wird“, schrieb die Kolumnistin Margarete Stokowski zur Veröffentlichung der #ZeroCovid-Petition. „Macht! Die! Büros! Zu!“, sekundierte der Blogger Mario Sixtus im Jargon des Berliner Schließers.

Bevor jetzt alle Naseweise um die Ecke biegen und sagen „Leute wie Stokowski stammen gar nicht aus Deutschland“, ein Wort zur Aufklärung: Deutsch sein ist keine Frage der Geburt, sondern der Gewöhnung. Das gilt im Guten wie im Schlechten.

Der ewige Lockdown

Auch die Kanzlerin scheint sich in der Krise zu radikalisieren. Statt möglichst viele Stimmen zu hören, engt sie den Kreis der Berater auf Leute ein, die ihr alle das Gleiche empfehlen: noch härtere Maßnahmen, noch länger

Wovon träumt Viola Priesemann? Träumt sie von singenden Walen oder von elektronischen Schafen? Liest sie Rilke oder mag sie Celan? Interessiert sie sich für Architektur? Weiß sie, wer Igor Levit ist? Ich wüsste gerne, wie sie denkt. Ob sie ein kreativer Mensch ist oder jemand, der nur Zahlen im Kopf hat. Von ihrem Urteil hängt in diesen Tagen viel ab. Wenn sie sagt, dass nach den Restaurants, den Museen und den Geschäften jetzt auch alle Betriebe und Unternehmen schließen müssen, dann spricht viel dafür, dass es so kommt.

Viola Priesemann ist Physikerin. Spezialgebiet: Theorie neuronaler Systeme. Vor Weihnachten wurde sie erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Da hatte sie ein Papier veröffentlicht, in dem sie dazu riet, die Zahl der Corona- Infektionen auf zehn von 100000 Einwohnern zu drücken, besser noch auf sieben. Im Augenblick liegt die Zahl der Ansteckungen im Schnitt bei 160, in vielen Kreisen deutlich darüber. Man ahnt, welche Anstrengungen es bräuchte, um auf den von Viola Priesemann empfohlenen Wert zu kommen.

Die Physiker haben die Virologen als die Exegeten der Krise abgelöst. Die Virologen erklären, wie sich das Virus verhält. Die Physiker modellieren in ihren Computern den Verlauf der Pandemie. Sie sagen uns, wo wir in zehn, zwanzig oder vierzig Tagen stehen. Von diesen Rechnungen hängt ab, wer sich wie lange außerhalb seiner Wohnung aufhalten darf, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Welche Bedeutung Wissenschaftlern wie Priesemann zukommt, konnte man sehen, als die Entscheidung über die Verlängerung des Lockdowns anstand. Vor der entscheidenden Sitzung hatte die Kanzlerin zu einer Konferenz eingeladen. Christian Drosten war dabei, der Hausvirologe der Regierung; Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut; Michael Meyer-Hermann, der Mann mit dem Dutt, der schon immer fand, dass man Deutschland so lange schließen sollte, bis das Virus verschwunden ist. Und die Physikerin vom Max-Planck-Institut aus Göttingen. Die Runde war sich schnell einig: die sozialen Kontakte einschränken, koste es, was es wolle.

Man sollte meinen, dass sich die Kanzlerin breiten Rat einholt. Wenn es eine Lehre aus existenziellen Krisen gibt, dann, dass die Leute an der Spitze gut daran tun, auch abweichende Meinungen anzuhören. Nichts kann verhängnisvoller sein als ein Expertenkreis, in dem man sich zu einig ist. Die Wissenschaft spricht vom Groupthink, das schnell in die Selbstradikalisierung führt. Dazu existiert ebenfalls ausreichend Forschung. Aber Soziologie oder Psychologie zählten noch nie zu Angela Merkels Interessengebieten.

Auch in der Virusbekämpfung gibt es Stimmen, die zu einem besonnenen Vorgehen raten. Der Epidemiologe Klaus Stöhr, der als Direktor des Influenza-Programms der WHO viel Erfahrung mit Grippeverläufen gesammelt hat, gehört dazu. Stöhr kann sehr überzeugend darlegen, weshalb es reines Wunschdenken ist, die Inzidenz im Winter unter 50 drücken zu wollen. Aber solche Experten sind in den Kanzlerrunden nie dabei. Angela Merkel hört den Rat, den sie hören will. Das ist dann auch der Rat, der den Ministerpräsidenten präsentiert wird. So schließt sich der Kreis.

Wir bewegen uns auf eine neue Phase des Lockdowns zu. Die Kanzlerin spricht bereits davon, die Maßnahmen bis Ostern zu verlängern. Dieses Mal wird es die Wirtschaft auch in ihrer ganzen Breite erwischen. Warum sind Schulen und Restaurants zu, ruft der Chor der

Lockdown-Befürworter, aber auf dem Weg zur Arbeit darf man im Bus nebeneinanderstehen? Schluss damit!

Ich finde es erstaunlich, wie wenig kreativ und innovativ sich Deutschland ausgerechnet in seiner größten Belastungsprobe zeigt. Das Einzige, was der Regierung und den von ihr konsultierten Wissenschaftlern einfällt, ist, alles abzuschließen. Das kann, mit Verlaub, jedes Kind. Wir planen Missionen zum Mars und schicken Datenpakete in Lichtgeschwindigkeit um den Globus. Aber wenn es darum geht, das Virus in Schach zu halten, verhalten wir uns so, als lebten wir im Mittelalter.

Wobei, das ist ungerecht – dem Mittelalter gegenüber. Im 14. Jahrhundert hatte man immerhin die Pestmaske.

Wir sind noch nicht einmal in der Lage, ältere Menschen kostenlos mit Mundschutz zu versorgen. Der Wille dazu ist da. Leider gibt es Probleme mit den fälschungssicheren Berechtigungsscheinen.

Niemand in der Regierung weiß eine Antwort, warum der Lockdown nicht die erwünschte Wirkung zeigt. Den vor Weihnachten präsentierten Modellen zufolge sollte die Zahl der Infizierten jetzt bei 50 pro 100000 Einwohnern liegen. Es wird nicht einmal der Versuch unt ernommen, eine Erklärung zu finden. Aus dem Scheitern der Strategie zieht man einfach den Schluss, dass man die Anstrengungen verdoppeln müsse. Das ist Wissenschaft als Schamanismus.

Man sollte die Zahlen so weit senken, bis die Gesundheitsämter wieder jeden Kontakt nachverfolgen könnten, heißt es. Abgesehen davon, dass genau das schon beim ersten Mal nicht wirklich funktioniert hat, wie die Entwicklung im Spätherbst zeigte: Es gibt auch international kein Beispiel, wo ein harter Lockdown dauerhafte Entlastung gebracht hätte. Irland hat es versucht, Frankreich, Spanien. Kaum wurden die Einschränkungen gelockert, zogen die Zahlen wieder an. Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown. Aus dieser Logik gibt es kein Entrinnen, wenn man die Welt der Abschließung einmal betreten hat.

Wir kennen eine Ausnahme, das ist Neuseeland. Neuseeland ist das einzige demokratische Land, in dem eine Lockdown- Strategie erfolgreich war. Der Preis dafür ist allerdings absolute Abschottung nach außen – und „absolut“ heißt in dem Fall absolut. Davon ist selbstverständlich nie die Rede, wenn sich die Lockdown-Experten äußern. Europa ist den Verantwortlichen immer noch etwas heiliger, als es die Covid-Toten sind, die man jeden Tag beschwört.

Warum sink en die Zahlen nicht? Meine Vermutung ist: weil immer weniger Menschen der Kanzlerin folgen. In Umfragen sagen die meisten, dass sie mit den Maßnahmen einverstanden seien. Die ARD hat ihren „Deutschlandtrend“ veröffentlicht, wonach nur 17 Prozent die Corona-Politik der Regierung ablehnen. Es ist natürlich denkbar, dass es diese 17 Prozent sind, die auf dem Rodelberg stehen, bis die Polizei kommt. Es spricht allerdings einiges dafür, dass die Schnittmenge zwischen Lockdown-Befürwortern und Lockdown- Ignoranten größer ist, als viele annehmen.

Menschliches Verhalten lässt sich nicht im Computer modellieren, das ist das Problem der Zahlenmystik. Deshalb lagen die sogenannten Quants schon in der Finanzkrise furchtbar daneben. Es waren vor allem Physiker, die ihre Rechner mit den Daten fütterten, aus denen dann die größten finanziellen Massenvernichtungswaffen der Moderne wurden. Der „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher hat darüber ein ganzes Buch geschrieben. Es hieß „Ego“. Aber auch das hat im Kanzleramt vermutlich nie jemand gelesen.

Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass die Mehrheit der Deutschen die Kanzlerin für ihre Krisenpolitik lobt und sich dann im Privaten konträr verhält. Daran wird auch ein schärferer Lockdown nichts ändern. Es sei denn, man stellt neben jeden Rodelschlitten einen Polizisten und ermuntert die Leute, den Nachbarn zu verpfeifen, wenn er mehr als die erlaubte Zahl an Gästen hat.

Der Präsident des Bayerischen Gemeindetages hat vorgeschlagen, Bewegungsprofile aus Handydaten auszulesen, um zu sehen, wer sich nicht an die 15-Kilometer-Regel hält. Er hat dafür gleich Prügel bezogen. Dabei hat der Mann völlig recht: Wer auf eine Inzidenz unter 50 kommen will, braucht den Polizeistaat.

Es ist wahnsinnig schwer, den Rückweg aus dem Lockdown anzutreten, wenn man den Weg einmal eingeschlagen hat. Jede Abweichung vom Kurs wäre das Eingeständnis, dass man sich verrechnet hat. Es wird ein langes, kaltes Frühjahr. Wenn wir aus diesem Albtraum erwachen, wird von dem Deutschland, das wir kennen, weniger übrig sein, als sich die meisten derzeit vorstellen können.

Wir Europa-Trottel

Erst setzt die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen den Ankauf von genug Impfstoff in den Sand. Jetzt wird von uns auch noch verlangt, das Debakel als Ausweis besonders raffinierter Verhandlungsführung zu sehen

Ich bin jetzt Impf-Nationalist. Ich bin schon vieles genannt worden, das noch nicht.

Um als Impf-Nationalist zu gelten, reicht es, dass man fragt, wo der Impfstoff bleibt. Oder Vergleiche anstellt mit Ländern, in denen es zügig vorangeht, weil sie genug Impfdosen bestellt haben.

Leute wie ich wollten Germany first, schrieb der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Nun gut, kann man sagen, wer ist Ruprecht Polenz? Ein 74-jähriger Politrentner, der in seinem Haus in Münster sitzt und sich aus Langeweile die Finger wund twittert. Aber auch gestandene Politiker wie der FDP-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff sind mit dem Vorwurf des Impf-Nationalismus schnell zur Hand.

Ich bin politisch ein relativ anspruchsloser Mensch. Mir reicht es, wenn die Leute, die einen regieren, den Job ordentlich machen, für den sie gewählt wurden. Da ist es für mich nebensächlich, ob sie in Brüssel oder in Berlin sitzen. Das ist wie im Nahverkehr. Wenn ich im Bus hinten einsteige, erwarte ich vom Busfahrer auch keine schwungvollen Reden, sondern dass er sich möglichst nicht verfährt. Aber das ist natürlich zu einfach gedacht. So zu denken gilt heute als rückständig.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Wenn man beim Einkauf lebenswichtiger Güter nicht weiß, welcher Lieferant einem nur Versprechungen macht und wer am Ende sein Wort hält, bestellt man halt bei allen so viel, dass es in jedem Fall reicht. Aber genau das haben sie in der EU-Kommission nicht gemacht. Sie haben stattdessen nach Standort ausgewählt (Paris, Mainz) und nach Preis.

Wie man hört, war den Osteuropäern der Impfstoff aus Deutschland zu teuer. 20 Euro für eine Impfdosis? Das hätte man gerne billiger gehabt. Lasst uns Sanofi nehmen, die verlangen nur 7,56 Euro. Oder AstraZeneca, da gibt’s den Impfschutz schon für 1,78 Euro! Leider ist das billigste Angebot nicht immer das beste, das kennt man von der Schnäppchenjagd.

Es ist so verrückt. Für alles haben wir in Europa Geld. Wir legen für Milliarden Milchseen und Tomatenberge an. Gerade haben sie in Brüssel ein 1,8-Billionen-Paket zur Linderung der Kosten der Corona-Politik auf den Weg gebracht. Aber ausgerechnet beim Impfstoff, der den Ausnahmezustand beenden könnte, wollten sie sparen. Selbst wenn die Impfdose 100 Euro gekostet hätte, wäre das leicht bezahlbar gewesen. Für Deutschland hätte das acht Milliarden Euro bedeutet. So viel kostet uns der Lockdown pro Woche.

Noch verrückter ist, dass dieser Irrsinn in Teilen der Medien als besonders raffinierte Verhandlungsführung gelobt wird. In der „Süddeutschen Zeitung“ war zu lesen, dass es den Europäern gelungen sei, die Preise stabil zu halten. „Nach allem, was bisher bekannt ist, haben die USA und Israel mehr und rascher vom Biontech-Pfizer-Impfstoff bestellt; sie zahlen dafür aber auch einen sehr viel höheren Preis“, stand dazu im Leitartikel.

Das schreibt dieselbe Redaktion, die ansonsten jeden, der nach den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie-Politik fragt, als seelenloses Monster in die Ecke stellt. Nun wird also Geduld angemahnt und die Solidarität mit den europäischen Ländern beschworen, die noch weniger Impfstoff haben als wir.

Offenbar ist das Bedürfnis, die Kanzlerin zu schützen, so groß, dass dahinter alles andere zurücktritt, auch Logik und Selbstachtung. Manche machen nicht einmal mehr den Versuch, so etwas wie Unabhängigkeit an den Tag zu legen. Der ZDF-Korrespondent in Brüssel hielt noch den Sprechzettel mit den Stichpunkten aus der Pressestelle in der Hand, als er erklärte, warum man niemandem in der EU-Kommission einen Vorwurf machen könne.

Wie soll man das nennen? Journalismus im traditionellen Sinne ist das jedenfalls nicht mehr. Vielleicht sollte man von einem polit-medialen Komplex sprechen. Der Journalist entschuldigt die Regierenden für Fehler, die aus seiner Sicht gar keine Fehler sind, sondern Ausdruck von klugem Handeln. Ein Ministerpräsident der Partei, die Gesundheitsminister und Kanzlerin stellt, lobt dafür den Journalisten. Früher wäre so ein Lob für einen Journalisten ein Todesurteil gewesen, heute gilt es in Teilen der Branche als Beweis für besondere Vertrauenswürdigkeit.

Sicher, es hat immer etwas Naseweises, im Rückblick auf Fehler hinzuweisen. Aber das ist nun einmal die Aufgabenteilung zwischen Politik und Presse. Die Presse ist die Stimme, die verneint. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der „Spiegel“, der in den 16 Jahren Kohl 29 Titelgeschichten hatte, in denen er das Ende der Kanzlerschaft des schwarzen Riesen herbeiwünschte. Aber wäre nicht wenigstens ein Titel drin, in dem man sich Angela Merkel kritisch vornimmt? Ein einziger?

Im Lockdown ist mehr unter die Räder geraten als das Recht, sich frei zu bewegen. Die ganze Statik, an der unsere liberale Demokratie hängt, wackelt auf bedrohliche Weise. Den Bürgern werden im Wochentakt Grundrechte genommen, ohne dass es dazu überhaupt noch eine Diskussion gibt. In Bayern fischen sie jeden von der Straße, der sich nach 9 Uhr abends außerhalb seiner vier Wände aufhält. Wenn man darauf hinweist, dass es nicht sehr viel Einfallsvermögen verlangt, die Leute zu Hause einfach einzusperren, erhält man zur Antwort, dass „einsperren“ das falsche Wort sei.

Es gibt auch keine wirkliche Opposition mehr. Die Grünen betrachten sich bereits als Teil der Regierung und haben alle Kritik eingestellt. Die Sozialdemokraten wissen nicht, wofür oder wogegen sie sein sollen. Manchmal sind sie beides am selben Tag. Die AfD ist nur noch eine Kasperletruppe. Wer die Maskenpflicht im Bundestag per Anwaltsschreiben aufzuheben versucht, hat sich aus dem Kreis derjenigen, die man ernst nehmen kann, verabschiedet. Bleibt die FDP – aber die ist zu schwach, um die Regierung herauszufordern.

Niemand bestreitet, dass die Franzosen den Biontech-Deal hintertrieben haben, auch das ist ein Ergebnis dieser verrückten Tage. Selbst der ZDF-Korrespondent, der eben noch die EU für ihre vorzügliche Verhandlungsführung lobte, räumt im Nebensatz ein, dass die Bestellung von mehr Impfstoff am Widerstand von Frankreich gescheitert sei, das ganz auf Sanofi setzte – so als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass Paris jede Frage nationalisiert, auch die des Überlebens in der Pandemie.

Die deutsche Position zu Europa schwankte immer schon zwischen Unterwürfigkeit und Naivität. Oder wie Margaret Thatcher einmal sagte: Entweder hat man die Deutschen am Hals oder an den Füßen. Was wir nicht begreifen, ist, dass andere Länder nicht schon deshalb ihre nationale Interessen aufgeben, weil wir uns europäisch vorbildlich verhalten. So gesehen war es von der Kanzlerin wahnsinnig blauäugig, die eigene Überlegenheit in der Impfversorgung durch besondere Demut Brüssel gegenüber kompensieren zu wollen.

Frankreich versteht Europa in erster Linie als Projekt zur Einhegung Deutschlands, auch das gehört zur Wahrheit. Das war beim Euro so, und das setzt sich bei jedem größeren Vorhaben und bei jeder Personalie fort. Es war die Idee von Emmanuel Macron, Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidenten zu nominieren. Er wird gewusst haben, warum.

Um sich die Absurdität der Situation zu vergegenwärtigen, muss man sich nur für einen Moment vorstellen, der erste Impfstoff wäre im Labor von Sanofi entwickelt worden, gefördert mit französischem Steuergeld und in enger Abstimmung mit dem Institut Pasteur.

Glaubt irgendjemand für eine Sekunde, die Franzosen hätten den Einkauf einer Psychologin aus Zypern überlassen, die es auf dem Quotenweg in das Amt des EU-Gesundheitskommissars verschlagen hat? Und dass sie es dann auch noch klaglos hingenommen hätten, wenn die völlig überforderte Frau beschlossen hätte, anderen Firmen den Vorzug zu geben, darunter Unternehmen, von denen nicht einmal klar war, ob sie je würden liefern können?

Wenn Europa heißt, dass man aus Solidarität jede Fehlentscheidung klaglos mitträgt, wird nicht nur der Impf-Nationalismus viele neue Freunde bekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine ganze Reihe Menschen dann ganz grundsätzlich an der europäischen Idee Zweifel bekommen wird.

Brüssel ist tödlich

Alle hoffen auf den Impfstoff, doch die Mehrheit der Deutschen wird bis Dezember 2021 mit der Impfung warten müssen. Warum so lange? Die Kanzlerin hat der EU-Kommission die Verhandlungen überlassen, und die hat sich verkauft

In Berlin machen sie sich Sorgen wegen der Impfgegner. Angeblich fragen sich 30 Prozent der Deutschen, ob sie sich gegen Corona impfen lassen sollen. In der „Frankfurter Allgemeinen“ haben sie einen Verhaltensökonomen interviewt, der die Zahl der Unentschiedenen sogar auf 70 Prozent schätzt.

Aus meiner Sicht kann es gar nicht genug Impfskeptiker geben. Je mehr Leute eine Spritze ablehnen, desto früher bin ich an der Reihe, da denke ich ganz egoistisch. Wenn ich könnte, würde ich jeden, der Zweifel hat, in seinen Ängsten bestätigen. Wer weiß, was man sich da einhandelt, würde ich den Schwankenden gerne zurufen. Bei der Schweinegrippe-Impfung gab es anschließend Fälle von Narkolepsie! Besser doch erst mal abwarten und schauen, wie andere die Impfung vertragen!

Ich habe vor ein paar Tagen nachgesehen, wann ich dran bin. Der Deutsche Städte- und Gemeindetag hat ein Schaubild veröffentlicht, in dem die Impfgruppen nach Dringlichkeit aufgelistet sind. Erst kommen die Alten, klar. Dann das Klinikpersonal, auch klar. Dann Asylbewerber und Obdachlose, na gut. Dann Feuerwehrleute, Polizisten, Lehrer, also alle, die den Laden zusammenhalten. Dann wichtige Politiker. Dann das Gros der Bürger, also Leute wie Sie und ich.

Inzwischen wurden die Gruppen, die bevorzugt geimpft werden, auf drei geschrumpft. Aber Menschen ohne ernste Erkrankungen oder gesellschaftlich nützliche Berufe stehen noch immer ganz weit hinten. Voraussichtlicher Impftermin: Dezember 2021. Ich dachte im ersten Moment, ich hätte mich verlesen, als ich das sah. Aber so steht es da: „Risiko niedrig. 45 Millionen Menschen. Ab Dezember 2021“.

Ich glaube, vielen Deutschen ist nicht klar, wie lange es noch dauern wird, bis sie wieder einigermaßen sorglos leben können. Die meisten denken, bis März müssen sie noch durchhalten – dann kommt endlich das Frühjahr, und das Wundermittel von Biontech ist da. Sie hören von insgesamt 1,3 Milliarden Impfdosen, die sich die EU gesichert habe. Vor ein paar Tagen hat Angela Merkel mit den Gründern von Biontech gesprochen und gesagt, wie mächtig stolz sie auf die Forscher aus Mainz sei.

Aber so wird es nicht kommen. Die Impfzentren sind einsatzfähig. Es gibt Personal, das sofort loslegen könnte, so weit reicht das deutsche Organisationstalent noch. Es fehlt allerdings an etwas sehr Grundsätzlichem, nämlich dem Impfstoff.

Die Lage ist wie folgt: Um das Virus auszubremsen, müssen 60 bis 70 Prozent der Deutschen geimpft sein. Dazu werden 100 bis 120 Millionen Impfdosen benötigt, da es zwei Impfungen pro Patient braucht. Bis März stehen aber nur rund 12 Millionen Dosen zur Verfügung, ein Bruchteil von dem, was in der Zeit die Amerikaner bekommen. Bis August folgen weitere 50 Millionen, immer noch viel zu wenig.

Ich referiere hier Zahlen aus dem „Spiegel“, der das Impfstoffdrama im Detail nachgezeichnet hat. Sollte sich die Geschichte bewahrheiten, heißt das: Wir brauchen noch drei weitere Lockdowns, um die Lage unter Kontrolle zu behalten, während wir mit Neid nach Amerika oder Kanada sehen, wo die Bevölkerung dann längst durchgeimpft ist.

Was ist schiefgelaufen? Die Bundesregierung hat den Einkauf der überlebenswichtigen Impfstoffe der EU überlassen, das ist schiefgelaufen. Man will ja keine nationalen Alleingänge. Der nationale Alleingang gilt hierzulande als große Sünde, wie wir wissen.

Leider hat man in Brüssel auf das falsche Pferd gesetzt. Man hat sich dort bis über die Halskrause bei Sanofi und AstraZeneca eingedeckt. Die versprochenen Lieferungen bestehen bislang allerdings nur auf dem Papier, beide Unternehmen stecken da noch in der Entwicklung. Moderna und Biontech hingegen, die über einen funktionierenden Impfstoff verfügen, hat man auf Distanz gehalten.

Man hätte genug Impfstoff haben können. Der „Spiegel“ zitiert Insider, die berichten, dass Biontech bis zu 500 Millionen Impfdosen angeboten hat. Bei Moderna wären es 300 Millionen gewesen, wenn man gewollt hätte. Das hätte fürs Erste gereicht. Aber das Angebot hat man ausgeschlagen.

Warum sich die EU-Kommission nicht ausreichend bei Biontech versorgt hat, immerhin ein deutsches Unternehmen, gefördert mit deutschem Steuergeld? Kein Mensch weiß es. Beziehungsweise vielleicht genau deshalb: weil es ein deutsches Unternehmen ist. Jemand, der sich auf den Korridoren der europäischen Diplomatie auskennt, sagte mir, die Franzosen hätten darauf gedrängt, dass Sanofi das Rennen macht. Den Triumph, dass die Deutschen jetzt Europa retten, wollte man den Nachbarn nicht auch noch gönnen.

Welche Wendungen die Politik doch manchmal bereithält. Eben waren wir noch wahnsinnig stolz, dass uns die umsichtige Angela Merkel regiert und nicht dieser orange angepinselte Immobilienjongleur aus New York. Nun stellt sich heraus, dass der für sein Krisenmanagement viel geschmähte US-Präsident genug Impfstoff an Land gezogen hat, während ausgerechnet die allseits gelobte Bundeskanzlerin untätig blieb. Ich glaube, das nennt man Ironie des Schicksals.

In Brüssel sind sie wie immer der Meinung, die Sache super gedeichselt zu haben. Wie schrieb die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, vor Weihnachten: „It’s Europe’s Moment. We protect our citizens together. We are stronger together.“ Stronger together? Eher wird es demnächst heißen: Dying together, Brüssel tötet. Glück im Unglück: Mitglieder der Kommission fallen unter kritisches Schlüsselpersonal, die müssen nicht bis Dezember 2021 warten. Das ist die gute Nachricht.

Es gibt in Brüssel auch niemanden, den man fragen könnte, wie man sich so verkaufen konnte. Das ist ja das Besondere an der EU: Verantwortung verläuft sich auf wundersame Weise auf den endlosen Fluren der Europa-Bürokratie. Wenn man trotzdem nachfragt, wie jetzt die Kollegen vom „Spiegel“, heißt es, dass man sich nicht zum Verlauf von Verhandlungen äußere.

In Berlin sind sie inzwischen aufgewacht. Anfang letzter Woche machte die Nachricht die Runde, das Gesundheitsministerium habe 30 Millionen Impfdosen nachgeordert, damit sei genug Corona-Vakzin für alle da. Ich bin ein misstrauischer Mensch, ich habe ins Kleingedruckte geguckt. Dort fehlte leider die entscheidende Information: wann der Impfstoff kommen soll. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob er in der ersten oder in der zweiten Jahreshälfte Deutschland erreicht. Es ist der Unterschied zwischen einem weiteren Lockdown und keinem.

Ich muss hier eine Einschränkung einschieben. Ich schreibe diese Kolumne am Dienstag, also wegen der Weihnachtsfeiertage sechs Tage vor Erscheinen. Ich will nicht ausschließen, dass über die Feiertage noch ein Wunder geschieht. Weihnachten ist ja die Zeit der Wunder, auch wenn sie dieses Jahr Corona-bedingt ebenfalls kleiner ausfallen. Ich bin allerdings skeptisch, dass sich die Dinge zum Guten wenden, wenn ich mir die Bemühungen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Masken oder Schnelltests ansehe.

Manchmal frage ich mich, was Angela Merkel in den vergangenen Monaten getan hat, außer sich steigende Zahlen anzusehen. Wie kann eine so kluge Frau wie die Kanzlerin in einer für die Nation so wichtigen Frage so neben sich stehen? Aber wer weiß, vielleicht kommt das zwangsläufig dabei heraus, wenn man über die Jahre verinnerlicht hat, dass man sich als Deutscher vor allem dann als guter Europäer erweist, wenn man eigene Interessen hintanstellt. Rudolf Augstein hat über Helmut Kohl einmal geschrieben, er sei ein Mann, der sich dreimal vor der Trikolore verbeuge. Augstein meinte das als Kritik, heute gilt das als Ausdruck besonderer Staatskunst.

Der UN-Generalsekretär António Guterres hat den Deutschen jetzt zu ihrer Selbstlosigkeit gratuliert, immerhin. Die Impfstoffpolitik der EU zeige die Bereitschaft, mit den Kleinen und Schwächeren zu teilen, sagte er bei einer Feierstunde im Bundestag. Wir werden sehen, ob die Deutschen auch finden, dass die Auszeichnung als Moralweltmeister den Nachteil bei der Impfstoffversorgung aufwiegt. Wenn es ans Sterben geht, können die Leute manchmal furchtbar selbstsüchtig sein.

Unseren Lockdown gib uns heute

Sie finden den Lockdown zu hart? Manchen gehen die Maßnahmen längst nicht weit genug. Sie träumen von Irland: keine Treffen mehr zu Hause, Spaziergänge nur fünf Kilometer um die eigene Wohnung herum und die Arbeit eingestellt

Die Volksgemeinschaft ist zurück. Das Ideal einer Gesellschaft, in der Egoismus und Eigensinn keinen Platz mehr haben und alle sich einem großen Ziel verpflichtet fühlen, war etwas aus der Mode geraten. Die Pandemie hat auch das verändert. Die Volksgemeinschaft ist jetzt das Virus-Kollektiv.

Es braucht nicht viel, um sich außerhalb zu stellen. Es reicht, dass man schnell noch ein Weihnachtsgeschenk besorgt hat. Oder jemanden mit einem romantischen Essen überraschen will. Schon der unüberlegte Genuss eines Glühweins kann einen zum Volksschädling machen. Was heißt Volksschädling? Zum potenziellen Mörder!

„Wie viele Tote ist uns denn ein Shoppingerlebnis wert? Wie viele Tote wollen wir denn in Kauf nehmen für ein Candle-Light-Dinner?“, donnerte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, in Richtung der armen Menschen, die gerade noch darüber nachdachten, wie sie am besten ihre Lieben beschenken. Derselbe Mann übrigens, der lange so agierte, als würde Corona um die Hauptstadt einen großen Bogen machen.

Dass man sich bereits schuldig macht, wenn man aus dem Haus geht, ist eine weitreichende Idee. Wenn bereits die bloße Möglichkeit, dass das eigene Verhalten unerwünschte Folgen haben könnte, bedeutet, dass man sich sozialschädlich verhält, wird man künftig vieles nicht mehr tun dürfen.

Wer kann ausschließen, dass er mit seinem Auto einen Unfall verursacht? Mehr als 3000 Menschen kommen jedes Jahr im Straßenverkehr ums Leben, 380 000 werden verletzt. Da hilft auch der Umstieg auf ein Elektroauto nichts. Nach Corona gehen wir nur noch zu Fuß.

Die Maßstäbe, was akzeptabel ist und was nicht, schwanken. Das macht die Sache nicht leichter. Anfang Dezember galt der Weihnachtseinkauf noch als patriotische Tat, jetzt ist er also als asozial geächtet. Es gibt zwar keinen Beleg, dass sich Menschen in nennenswerter Zahl beim Einkaufen anstecken. Man liest von Pflegekräften, die dem Virus erliegen, aber nichts Vergleichbares über Verkäufer und Verkäuferinnen. Kann sein, dass die Ansteckung im Verborgenen geschieht. Aber dass sogar die Gewerkschaften schweigen, wenn Tausende an der Registrierkasse verheizt werden? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Es gibt eine eigenartige Lust am Lockdown. Dass man ihn zähneknirschend als Notwendigkeit akzeptiert, um Menschen zu schützen, die sich selbst nicht schützen können – das leuchtet ein. Aber dass man das Unabänderliche begrüßt, ja geradezu herbeifleht? Das ist mir doch fremd.

Der Ton schwankt zwischen Kanzel und Kasernenhof beziehungsweise zwischen Predigt und Anschiss. „Macht den Laden zu, ihr Deppen“, rief Jan Böhmermann Anfang des Monats, wobei ich mich unwillkürlich fragte, wer denn die Deppen sind. Vermutlich Politiker, die nicht gleich spuren, wenn ein ZDF-Moderator, den sie in den Feuilleton-Etagen auf Händen tragen, die Sofort-Stilllegung des Landes verlangt. Selbst besonnene Zeitgenossen geraten plötzlich in Rage. „Lockdown jetzt“, schrie der sanfte Kollege von der „Zeit“ auf Twitter, um dann Verwünschungen gegen die „Egoisten“ folgen zu lassen, die das Gemeinwohl gefährden.

Ich werde störrisch, wenn man mich anschreit. Oder der Renitenz bezichtigt. Zu viel „Leugnung, Egoismus und Renitenz“ hätten den Lockdown unausweichlich gemacht, erklärte der ZDF-Chefredakteur Peter Frey im „heute journal“. Ich bin noch antiautoritär erzogen. Ich stamme aus einer Generation, die eine gewisse Aufsässigkeit und Widerspenstigkeit nicht als Makel, sondern als Vorzug sah und die es bis heute eigenartig findet, wenn Journalisten wie Erziehungsbevollmächtigte auftreten. Aber ich bin ja auch schon ein wenig älter.

Am vergangenen Wochenende hatten die Deppen endlich ein Einsehen und machten den Laden dicht. Aber wie das so ist, manchen gehen die Einschränkungen noch nicht weit genug. Das Lockdown-Paradies ist jetzt Irland: keine Treffen mehr zu Hause, Spaziergänge nur fünf Kilometer um die eigene Wohnung herum und die Arbeit weitgehend eingestellt.

Auch nach Lateinamerika und der in diversen Militärdiktaturen eingeübten Ausgangssperre richtet sich sehnsuchtsvoll der Blick. „Eine Peruanerin, die noch nicht lange in Deutschland wohnt, sagt: ‚Ich kann immer raus, wenn ich will? Dann ist das kein Lockdown‘“, schrieb eine ZDF-Korrespondentin an ihre Follower.

Keine Ahnung, was beim ZDF los ist. Vielleicht bleibt es nicht aus, dass man sich wünscht, andere würden das gleiche Schicksal teilen, wenn man in einer Anstalt lebt. Oder sie sind dort alle heimlich Mitglied einer Art Fernseh-Opus-Dei, bei dem nur diejenigen weiterkommen, die besonderen Glaubenseifer zeigen und sich noch mehr geißeln.

Viele Lockdown-Fetischisten sind erstaunlich unbekümmert, was die wirtschaftlichen Folgen angeht. Bei jemandem, der beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt ist, mag das verständlich sein. Eher tut sich der Boden unter Deutschland auf, als dass man als öffentlich-rechtlicher Mitarbeiter um seine Pension fürchten muss.

Aber wenn man bei einem Verlag arbeitet, dessen Wohlergehen von der Wirtschaftslage abhängt? Möglicherweise zeigt sich hier der viel beschworene Gemeinschaftsgeist. Ich tippe allerdings eher auf Kurzsichtigkeit. Auch in meinem Berufsstand halten erstaunlich viele Menschen Wirtschaft für etwas, das man mal eben ein- und ausschalten kann.

In der „Süddeutschen Zeitung“ las ich den Aufruf, den Lockdown als Gelegenheit zu sehen, endlich Abschied von „toxischen Traditionen“ zu nehmen. Unter toxischen Gewohnheiten listete die Autorin den Weihnachtseinkauf auf. Eine toxische Tradition von mir ist die Morgenlektüre der „Süddeutschen Zeitung“. Aber ich kenne mich, ich halte gute Vorsätze nur bedingt durch. Also lasse ich es mit den guten Vorsätzen lieber.

Ich habe auch nichts gegen Konsum. Die Verteufelung des Materiellen ist eine Spielart der Kapitalismuskritik, die ich immer für ziemlich abgehoben hielt. Man muss sich Konsumverzicht im wahrsten Sinne leisten können. Entsagung ist das Vergnügen von Leuten, die ohnehin genug haben. Oder wie der Autor Suketu Mehta in seinem fabelhaften Buch über seine Heimatstadt Bombay schrieb: Der Wendepunkt zur Wohlstandsgesellschaft ist erreicht, wenn mehr Leute darüber nachdenken, wie sie Gewicht verlieren, als darüber, wie sie Gewicht zulegen.

Unter der Oberfläche der Verzichtspredigt lauert die Verachtung für den Plebs, der saufen und kaufen muss. Die innere Welt, in die sich der Freigeist zurückzieht, steht nicht jedem offen, das wird dabei gern übersehen. Die Freude an der Einkehr setzt einen Bildungsstand voraus, der nicht allen gegeben ist. Manche sind nach getaner Arbeit auch einfach zu erschöpft zur Selbstversenkung.

Online-Einkauf ist leider ebenfalls keine sozialverträgliche Variante, wie man jetzt weiß. Wer dachte, er könne das Weihnachtsfest retten, indem er schnell noch bei Amazon bestellt, dem redete der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet ins Gewissen. Nun heißt die Losung: nicht online bestellen, sondern Gutscheine schreiben, die man dann im Januar oder im Februar einlöst – oder wann immer die Geschäfte wieder öffnen, wie Laschet in bemerkenswerter Offenheit sagte.

Ich habe eigentlich nur eine bescheidene Bitte: dass die Leute, die jetzt den Lockdown feiern, nicht im kommenden Frühjahr die Ersten sind, die dann Beiträge absetzen, in denen die Verödung der Innenstädte beklagt wird. Aber ich habe wenig Hoffnung. Dazu kenne ich meine Branche zu gut.

Wissen sie noch, was sie tun?

Wir sind in der Lage, Massentests für Reiserückkehrer anzuordnen, aber die Politik sieht sich außerstande, die Besucher von Altenheimen auf Corona untersuchen zu lassen. Das ist die Lage im Covid-Winter 2020

Am Mittwoch vor einer Woche war ich in Köln bei „Maischberger“. Talkshows sind gottlob noch erlaubt, trotz Corona, obwohl sie streng genommen auch ins Unterhaltungsfach fallen, also irgendwo zwischen Kabarett und Vaudeville-Theater. Die Redaktion hatte sogar ein Hotel aufgetan, wo man nach der Sendung an der Bar einen Wein bekam.

Eingeladen war unter anderem Wolfgang Kubicki von der FDP. Kubicki lebt in Kiel, dort liegt die Inzidenz bei 90. Es gibt in Schleswig-Holstein Landkreise, in denen sich binnen sieben Tagen von 100 000 Einwohnern nicht mehr als 20 infizieren.

Er könne nicht verstehen, warum in seiner Heimat die gleichen Beschränkungen gelten sollen wie in Bayern, sagte Kubicki. Weshalb müssen in Plön die Restaurants zu sein, weil in Passau die Zahlen durch die Decke gehen? Gute Frage, dachte ich. In der Zeitung steht, wir bräuchten ein einheitliches Vorgehen, landesspezifische Regelungen brächten nichts. Aber mein Verdacht ist: Die Leute, die so reden, wollen nur verhindern, dass den Bürgern auffällt, dass einige Bundesländer die Krise besser bewältigen als andere.

Wenn Menschen das Gefühl haben, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören, ertragen sie Einschränkungen leichter. Das ist wie im Krieg. Es ist aus meiner Sicht kein Zufall, dass die Regierung Videos drehen ließ, in denen Veteranen erzählen, wie sie den Covid-Winter mit Dosenravioli und Videospielen überstanden. Wenn die Deutschen an Stalingrad erinnert werden, rücken sie zusammen.

Oberflächlich betrachtet sieht es so aus, als ob das Virus ganz Deutschland im Griff hielte. Der bayerische Ministerpräsident sprach vom „Schlendrian“, der Einzug gehalten habe, als er Anfang der Woche den Katastrophenfall ausrief. Das klang so, als ob sich das Virus weiter ungebremst ausbreiten würde, weil die Bürger zu leichtsinnig wären.

Aber das stimmt nicht. Die Infektionszahlen sind in den meisten Altersgruppen seit drei Wochen weitgehend stabil oder weisen nach unten. Es gibt nur eine Ausnahme, das ist die Altersgruppe ab 75. Dort steigen die Infektionen gegen den Trend weiter, ab 85 Jahren dramatisch. Bei den über 85-Jährigen liegt die Inzidenz mittlerweile bei 287, bei den über 90-Jährigen bei 494. Es sind die Alten, die jetzt die Statistik verderben, nicht die Jungen.

Ein ähnliches, noch düsteres Bild zeigt sich bei den Toten.

In den Medien wird der Eindruck erweckt, als würde das Virus nicht nach Alter oder Gesundheit diskriminieren. Covid als der große Gleichmacher, das klingt schrecklich und beruhigend zugleich. In der „Süddeutschen Zeitung“ fand sich dieser Tage ein Kommentar, in dem es hieß, dass jetzt auch täglich Kinder, Sportler, Kerngesunde sterben würden.

Täglich tote Kinder? Wer will da untätig bleiben! Gut, die Autorin ist für ihren emotionalen Zugang zur Wirklichkeit bekannt. In Wahrheit sind 87 Prozent der Covid-Toten älter als 70 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 83 Jahren. Sicher, es gibt auch den Leistungssportler, der dem Virus zum Opfer fällt. So wie es Kinder gibt, die an Krebs erkranken. Wenn die Fallzahl groß genug ist, findet sich für alles ein Beispiel. Aber die Wahrscheinlichkeit, als junger Mensch an Covid zu sterben, ist nach wie vor verschwindend gering.

Der Hotspot ist nicht die Schule, es ist das Altenheim.

Wenn man wie Söder vom Schlendrian sprechen will, dann müsste man sich die Heimbetreiber vornehmen.

Oder die Landesregierung, die es versäumt hat, für einen ausreichenden Schutz der alten Menschen zu sorgen. Aber so ist das mit dem Schlendrian selbstverständlich nicht gemeint.

Schuld sind immer die anderen. Das Spiel beherrscht auch der bayerische Ministerpräsident.

Wir sind erstaunlich unvorbereitet in die zweite Welle gegangen. Weder hat die Politik Anstrengungen unternommen, genauer aufzuklären, wo oder wie sich die Deutschen anstecken.

Noch wurden Vorkehrungen getroffen, um die sogenannten Risikogruppen wirksam zu schützen.

Die Regierung hat die Kostenübernahme für Schnelltests zugesagt, um die Einschleppung in Heime zu verhindern.

Jeder Heimbewohner hat Anspruch auf 20 Tests pro Monat. Aber niemand scheint sich dafür verantwortlich zu fühlen, dass die Tests auch in den Pflegeeinrichtungen ankommen.

Ich habe das Dokumentations-Ressort gebeten, mir Artikel zur Lage vor Ort herauszusuchen. Nahezu überall zeigt sich demnach das gleiche Bild: Die Betreiber sagen, dass sie nicht die Zeit hätten, um alle Besucher zu testen, und auch nicht das Personal. Also werden Angehörige ungetestet in die Heime gelassen – oder die Einrichtungen wie im Frühjahr zugesperrt.

Wir sind in der Lage, Massentests für Reiserückkehrer anzuordnen, aber wir sehen uns außerstande, Besucher von Altenheimen auf Corona zu untersuchen. Das ist die Lage im Covid-Winter 2020.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die Politik im Nebel stochert und ihr das im Grunde völlig egal ist. Vergangene Woche waren es die Glühweinstände, von denen angeblich die größte Gefahr ausgeht. Morgen ist es der Einzelhandel, obwohl niemand Zahlen hat, die eine besondere Ansteckungsgefahr beim Shoppen belegen.

Der „Welt“-Redakteur Olaf Gersemann machte mich darauf aufmerksam, dass die Gesundheitsämter noch nicht einmal sagen können, in welchen Verhältnissen jemand lebt, der positiv getestet wurde. Ist er alleinstehend, hat er Familie oder befindet er sich in einem Pflegeheim? Die Angabe dazu ist freiwillig, sie wird nicht abgefragt. Aber warum auch? Wer die Fiktion aufrechterhalten möchte, dass das Virus alle gleichermaßen trifft, den bringen genauere Erhebungen nur in Erklärungsnot.

Gersemann hat im Februar angefangen, Zahlen zum Verlauf der Pandemie zusammenzutragen. Jeden Tag versucht er, aus den spärlichen Informationen, die das Robert Koch-Institut veröffentlicht, ein Bild des Infektionsgeschehens zu gewinnen. Inzwischen folgen ihm Tausende auf Twitter. Man sollte eigentlich erwarten, dass es die Aufgabe des RKI sei, den Bürgern ein Bild vom Virusgeschehen zu vermitteln.

Aber das Institut liefert bis heute lediglich einen Datenhaufen, aus dem kein normaler Mensch schlau wird. Daten sind nicht gleich Informationen, wie jeder Journalist weiß. Deshalb ist Gersemanns Dienst so gefragt.

Als Vergleichsmaßstab gelten der Bundesregierung jetzt Italien, Spanien, Frankreich. Aber das ist eine, sagen wir, eurozentristische Sicht. Die wahre Maßstab wären für mich die asiatischen Länder, die die Pandemie unter Kontrolle gebracht haben.

Bei „Maischberger“ war auch Karl Lauterbach zu Gast.

Lauterbach ist das Gesicht der Krise, niemand sonst vertritt die Politik der Bundesregierung so vernehmbar nach außen wie er. Auf meine Frage, weshalb wir uns nicht ein Beispiel an Südkorea oder Japan nehmen, die bei dem Kampf gegen das Virus auf digitale Hilfe setzten, erhielt ich zur Antwort, dass der Erfolg nicht der Digitalisierung zu verdanken sei, sondern einem harten Lockdown. Japan und Südkorea hätten das Land sehr lange komplett heruntergefahren, sagte Lauterbach wörtlich, viel härter als Deutschland.

Politiker lieben den Lockdown, er beweist Entscheidungsfreude und erspart Differenzierungen. Einen harten Lockdown hat es allerdings weder in Südkorea noch in Japan gegeben. Entweder weiß Lauterbach das nicht, oder er will es nicht wissen. In jedem Fall offenbart seine Antwort ein bestürzendes Maß an Unkenntnis, das für den Diskussionsstand in der Regierung das Schlimmste vermuten lässt.

Anfang der Woche war in der „Welt“ ein Bericht aus Tübingen zu lesen. Tübingen hat neun Altenheime mit insgesamt 1000 Bewohnern.

Seit Mai hat es dort keinen einzigen Corona-Toten gegeben. Die Stadt setzt auf kostenlose FFP2-Masken, regelmäßige PCR Tests in den Heimen, Schnelltests für alle, die ein Heim betreten wollen. Günstige Taxis für alle ab sechzig gibt es noch dazu.

Ich sage es ungern, aber vielleicht sollte man sich in der Pandemie das grün regierte Tübingen zum Vorbild nehmen und nicht das schwarze Bayern.

Generation Spießer

Viel ist heute von Angst die Rede. Der Angst vor dem Klimawandel. Der Angst vor dem Virus. Der Angst vor dem Ende der Welt. Aber die größte Angst der Generation Millennial ist die Angst anzuecken

Mein Journalistenschullehrer Wolf Schneider war schon politisch inkorrekt, als es noch nicht mal ein Wort dafür gab. Er nannte Burkina Faso weiter Obervolta, weil er nicht bei jedem zweitklassigen Militärputsch die anstehende Staatsumbenennung mitmachen wollte, wie er leichthin erklärte. Er sprach unbekümmert von Elite als Elite, ganz ohne Anführungsstriche und Gewissensbisse.

Wenn ihm ein Text nicht gefiel, schrieb er an den Rand „Bäh!“ oder malte kleine Galgen. Ob er damit die Gefühle seiner Schüler verletzte, war ihm herzlich egal. Kurzum: Er war eine Zumutung für mich und meine Kommilitonen an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Wir haben von ihm enorm profitiert.

Ich habe neulich wieder an Wolf Schneider denken müssen.

Ich hatte in einer Kolumne über einen Besuch an meiner alten Schule geschrieben, worauf mir der jetzige Schulleiter vorwarf, ich hätte mich nicht an die Regeln gehalten.

Ich hätte die Vertraulichkeit verletzt, dafür müsste ich mich bei den Schülern entschuldigen.

In der Kolumne hatte ich berichtet, wie mir bei einer Diskussion über mein Lieblingsthema, der Konformismus in Kultur und Medien, entgegengehalten wurde, ich würde Unsinn reden. Der neue Schulleiter hatte mir vorher gesagt, ich könnte frei sprechen, nichts werde nach außen dringen. Das hätte es gar nicht gebraucht, ich spreche immer frei. Ich wusste auch nicht, dass man die Vertraulichkeit gegen sich selbst brechen kann. Aber so ist das heute: Ein Gag, und sei es auf eigene Kosten, und schon steht jemand neben einem und sagt: War das auch abgesprochen? Viel ist derzeit von Angst die Rede. Der Angst vor dem Klimawandel.

Der Angst vor dem Virus. Der Angst vor dem Ende der Welt. Aber die größte Angst, die ich bei der Generation X und Y sehe, ist die Angst anzuecken.

Ich hielt es immer für ein Privileg der Jugend, aufmüpfig und unangepasst zu sein. Hätte ich etwas bei der Ausbildung nachfolgender Jahrgänge zu sagen, dann würde ich dazu ermuntern, sich frei zu machen von der Erwartung anderer. Geht raus, würde ich sagen: Schaut euch in der Welt um, und falls ihr Journalisten werden wollt, schreibt auf, was ihr seht. Wenn ihr dabei ein paar Leuten auf die Füße tretet, umso besser.

Aber mit dieser Freiheit scheint es vorbei zu sein. Viele Ausbildungsorte gleichen heute geschützten Werkstätten, in denen man eingebimst bekommt, auf wen und auf was man Rücksicht nehmen sollte und wo die Grenzen des „Sagbaren“ liegen, wie die Tabuzonen heißen. Das Verrückteste dabei ist: Die meisten Schüler finden das auch noch gut. Sie sehen den Schulleiter nicht als Antipoden, sondern als Verbündeten im Kampf gegen das Inkorrekte.

Je älter ich werde, desto mehr Abbitte leiste ich innerlich bei den Achtundsechzigern. Ich habe mich oft über die Veteranen dieser Erlebnisgeneration lustig gemacht: ihren Hang zur Selbstglorifizierung, die haarsträubende Eitelkeit, mit der sie erklärten, dass Deutschland ihnen die eigentliche Befreiung vom Nationalsozialismus verdanke.

Aber eines muss ich anerkennen: Als die Achtundsechziger antraten, die Welt in ihrem Sinne zu verändern, waren sie nicht Establishment, sondern revolutionäre Kraft. Als sie auf die Straße gingen, stand niemand von den Eltern oder der politischen Elite am Rand und klatschte Beifall.

Sie waren auch ziemlich angstfrei. Sie schielten bei dem, was sie taten, nicht ständig darauf, wie es ankommen würde. Im Zweifel gaben sie dem Regelbruch den Vorzug.

Das verlieh ihrem Auftritt Frische und Elan.

„Immer radikal, niemals konsequent“, hat der Autor Walter Benjamin als Wahlspruch ausgegeben.

Bei den sogenannten Millennials ist es genau umgekehrt. Deshalb ist jemand wie Luisa Neubauer auch ein gern gesehener Gast auf Panels und Podien, wo man dann mit Autobossen oder Finanzvorständen über die Abwicklung der deutschen In dustrie diskutiert. Wenn die „Fridays for Future“-Anführerin vom Systemwandel spricht, fährt höchstens ein paar konservativen Recken der Schrecken in die Glieder.

Auch das ist ein Vorteil, wenn man die siebziger Jahre hinter sich hat: Die Vergemeinschaftung ist schneller gefordert als in der Praxis umgesetzt. Gesellschaften sind zähe Gebilde, wie jeder Soziologe weiß. Daher funktionieren Revolutionen nur mit vorgehaltener Waffe, dazu wiederum ist die grüne Jugend zu pazifiziert. Der Terrorismus der Generation Angst drückt sich im Privaten aus. „Wo kommt der Plastikbecher her, Igor? Wir waren uns doch einig, dass wir nur noch mit Mehrwegbecher aus dem Haus gehen. Und was ist das überhaupt für Kaffee? Ist der wirklich Fair Trade?“

Die Welt der Zukunft ist eine des Verzichts. Statt Überschwang und Aufbruch herrscht das protestantische Ethos, also „Dekarbonisierung“, „Deplatforming“, „Degrowth“. Die Flucht ins Englische hilft ein wenig über die Tristesse hinweg. Klar, vieles mag angesichts steigender CO2-Werte vernünftig sein, aber das Ganze wirkt immer so, als ob jemand überall Häkeldeckchen verteilt hätte.

Die kosmopolitische, hedonistische Linke war mir lieber, muss ich sagen. Die Linken der siebziger Jahre waren auch schnell mit ihrem Latein am Ende, wenn sie sagen sollten, wie denn das sozialistische Paradies aussehe, von dem ständig die Rede war.

Utopien haben es so an sich, dass die konkrete Beschreibung hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Aber wenigstens versprachen die Hippies eine Welt, in der es für alle mehr gab: mehr Sex, mehr Erleuchtung, mehr Hasch. Wenn man Luisa Neubauer fragt, was ihr Traum von Glück sei, dann antwortet sie: dass jeder zweite sein Auto abgibt. Das Idealbild ist die Stadt, in der nichts mehr raucht und qualmt und in der alles auf die Lautstärke von Fahrradklingeln gedämpft ist.

So bleibt ein Leben auf kleiner Flamme, wo man jeden Sommer an die Ostsee fährt und im Herbst zum Wandern auf den Brocken. Viel weiter kommt man ja auch nicht mit Fahrrad oder Bahn. Im Grunde erfüllt sich bei Fridays for Future der AfD-Traum von der Wende ins Heimelige: noch die schönsten Wochen des Jahres auf der heimischen Scholle mit dem Rücken zur Welt. Dafür kann man bei jeder Karotte, die man sich einverleibt, sagen, wo sie angebaut wurde.

Sie denken, das sei ein Witz? Vor Jahren war ich mit Freunden in einem Berliner Szenelokal, das damit wirbt, dass jede Zutat aus der Region kommt. Es gibt dort zum Beispiel keinen Pfeffer, weil in Berlin kein Pfeffer wächst.

Bei der Möhre wusste der Keller nicht nur, wo sie großgezogen wurde, er kannte auch den Namen des Bauern, der sie geerntet hatte.

Kein fremdes Gemüse auf dem Teller? Nur Einkauf bei Leuten, die man beim Vornamen kennt? Alle sitzen um einen Herd und essen deutsch? Mir kam das bekannt vor.

Als wir beim Sauerampfersalat angelangt waren, musste ich mich kurz vergewissern, dass ich an einem der Nebentische nicht Beatrix von Storch übersehen hatte.

Zu allem Unglück beschränkt sich die neue Sittsamkeit nicht auf CO2-Werte. Auch im Gespräch wird auf Vermeidung unerwünschter Emissionen geachtet. Niemand ist mehr gemein oder zu vulgär. Selbstverständlich wird nur im Ton des höchsten Respekts über jeden und jede gesprochen, der sich der guten Sache verpflichtet fühlt. Sich lustig machen über fremde Volksgruppen? Undenkbar. Witze auf Kosten von Minderheiten? Um Gottes willen! Meine Hoffnung ruht jetzt auf der Generation Z. Wie ich einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ entnommen habe, sind das Feindbild der 16- bis 20-Jährigen nicht mehr die Babyboomer, also Leute in meinem Alter, sondern die Millennials, das heißt, die zwischen 1980 und 1999 Geborenen. Das Urteil der Z-ler über die Vorgängergeneration: zu uncool, zu streberhaft, zu borniert.

Das ist das Verhängnisvolle am Alter: Aus Sicht eines 18-Jährigen ist eine 24-Jährige schon brutal alt. Und ein 35-Jähriger nahe an der Pensionsgrenze. Da helfen auch alle Verrenkungen, sich möglichst zeitgeistig zu gebärden, nichts. Der alte weiße Mann ist einem immer näher, als man denkt.

Einmal Goebbels und du bist raus

Alle sind gerade der Meinung, dass Dritte-Reich-Vergleiche gar nicht gehen. Einverstanden. Aber warum sind ausgerechnet die Leute besonders streng, die ansonsten jeden, dessen Meinung sie nicht teilen, einen Nazi nennen?

Seine Vergleiche hinken wie Goebbels, hat die Autorin Samira El Ouassil einmal über mich geschrieben. Ich fand das ganz lustig. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich nicht eigentlich empört sein müsste. Ein Goebbels-Vergleich, und das unter Kollegen – fällt das nicht unter Verharmlosung der Geschichte? Oder geht das gerade noch als Witz durch und liegt damit haarscharf im Bereich des Erlaubten?

Man kann mit Dritte-Reich-Vergleichen nicht vorsichtig genug sein. Am Wochenende machte ein Videoclip die Runde, in dem man eine junge Frau auf einer Bühne in Hannover sah, wo sie zu Teilnehmern der sogenannten „Querdenken“-Proteste sprach.

„Ja, hallo, ich bin Jana aus Kassel“, stellte sie sich vor, um dann umstandslos mitzuteilen, dass sie sich wie Sophie Scholl fühle, da sie seit Monaten aktiv im Widerstand tätig sei. Sie sei ein sehr lieber Mensch und werde nie aufhören, sich für Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen, weshalb sie auch Reden halte, Flyer verteile, auf Demos gehe. „Ich bin 22 Jahre alt, genau wie Sophie Scholl, bevor sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel.“ Das kommt dabei heraus, wenn man im Geschichtsunterricht geschlafen hat, würde ich sagen. Sophie Scholl hat ebenfalls Flugblätter verteilt, das ist wahr. Anders als Angela Merkel und Markus Söder beließen es die Nazis allerdings nicht bei Maskenpflicht und Demoverboten.

Ich fürchte, wir werden den Janas demnächst noch öfter begegnen. Wenn man monatelang die Schulen zusperrt und junge Menschen sich selbst überlässt, muss man sich nicht wundern, wenn sich anschließend Wissenslücken auftun. So was kommt von so was, wie es so schön heißt.

Trotzdem Hohn und Spott auf allen Kanälen. Am Sonntag erreichte der Vorfall das Außenministerium. Es ist derzeit einiges los in der Welt. Freiheitskampf in Minsk, Krieg in Bergkarabach, in Hongkong fischen sie jetzt die Anführer des Bürgerprotests von der Straße. Aber das ist alles nichts im Vergleich zum Auftritt einer 22-Jährigen mit schütteren Geschichtskenntnissen.

„Nichts verbindet Corona-Proteste mit Widerstandskämpfer* Innen. Nichts!“, donnerte Heiko Maas Richtung Kassel beziehungsweise Hannover. „Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit.“ Schade, dass sich der Bundesaußenminister in dieser Deutlichkeit nicht auch mal die Chinesen oder die Russen zur Brust nimmt. Gut, man kann nicht alles haben.

Die Welt käme prima ohne Nazivergleiche aus, darauf kann man sich sofort einigen. Man ist als Journalist oder Politiker fast immer gut beraten, eine andere Epoche zu wählen, um historische Parallelen zu ziehen.

Andererseits übt die Nazizeit rhetorisch eine geradezu zwanghafte Verführungskraft aus, weshalb der Rechtsanwalt Mike Godwin schon vor 30 Jahren eine sozialpsychologische Theorie formulierte, die als „Godwin’s Law“ Bekanntheit erlangte: Je länger eine Diskussion läuft, desto mehr nähert sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf Hitler zu sprechen kommt, hundert Prozent an.

Es gibt berühmte Vorbilder. Helmut Kohl hat seinen späteren Freund Gorbatschow mit Goebbels verglichen, die SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin den US-Präsidenten George W. Bush mit Hitler. Wie gut, dass Herta Däubler-Gmelin Trump noch nicht kannte. Nicht auszudenken, welcher Vergleich ihr da eingefallen wäre.

Selbst der heilige Willy Brandt ließ sich dazu hinreißen, ins Nazifach zu greifen, als er Heiner Geißler einen modernen Goebbels nannte.

Heiner Geißler wiederum hat politisch sogar drei Goebbels-Vergleiche überlebt, zwei passive und einen aktiven. Zu seiner Zeit gab es Heiko Maas noch nicht, muss man fairerweise hinzufügen.

Große Fans des Nazivergleichs sind naturgemäß auch unsere europäischen Nachbarn. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit stecken sie deutsche Politiker in Naziuniformen, um für die angemessene moralische Fallhöhe zu sorgen.

Auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise sprach der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras von „sozialem Holocaust“, den die Kreditgeber seinem Land zumuten würden, in dem Fall übrigens, ohne dass ihn die SPD-Grundsatzkommission oder das Außenministerium zur Rede gestellt hätten.

Mir wäre es umgekehrt lieber: die Leute wüssten mehr vom Dritten Reich, und wir wären dafür bei schiefen Vergleichen etwas gelassener. Nur weil jemand einen Menschen, den er nicht leiden kann, mit einer NS-Größe in Zusammenhang bringt, stehen wir nicht gleich wieder mit einem Bein im Dritten Reich. Meine Meinung. Interessanterweise kennen in dem Punkt ausgerechnet die Leute kein Pardon, die bei anderer Gelegenheit jeden, dessen Meinung sie nicht teilen, sofort einen Nazi nennen, womit sie ja den Nazivergleich par excellence nutzen, nicht wahr? Die „Welt“ hat vor ein paar Tagen einem Text über „Fridays for Future“ die Überschrift „Wollt ihr die totale Angst?“ verpasst.

Große Aufregung! Deutschland 1943!! Sportpalastrede!!! Sie sei schockiert, ließ sich die „Fridays for Future“-Anführerin Luisa Neubauer vernehmen. Glaubt man ihr unbesehen.

Unter Klimaaktivisten ist man grundsätzlich schnell erschüttert, das ist dort der Modus Operandi.

Andererseits nimmt man in dieser Welt Holocaust-Vergleiche erstaunlich gelassen hin. Wenn die ARD ein Science-Fiction-Drama über den Klimawandel „Ökozid“ nennt und diesen dann in einer Art Nürnberger Prozess vor einem internationalen Gerichtshof verhandeln lässt, ist das keine Verharmlosung des Holocausts, wie die „Jüdische Allgemeine“ meint, sondern ein wichtiger Beitrag zu einer der drängenden Fragen der Zeit. Es kommt halt ganz darauf an, wer wen mit wem vergleicht.

Immerhin, KZ-Vergleiche sind auch bei den Linken inzwischen verpönt. Seit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Frage negativ beschied, ob es zulässig sei, das Schicksal von Hühnern mit dem von KZ-Häftlingen gleichzusetzen, gelten Peta-Aktionen wie „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ in der Szene als zumindest zweifelhaft.

Die gehobene Ebene des Nazivergleichs ist die Inanspruchnahme der Geschichte zur Aufwertung der eigenen Agenda. Dass man etwas tue (oder unterlasse), weil es die Geschichte von einem verlange, ist ein fester Bestandteil politischer Rhetorik. „Nie wieder Auschwitz“ ist das Ground Zero der Argumente. Der Einmarsch im Kosovo lässt sich daraus ebenso ableiten wie das Gegenteil, sich grundsätzlich an keinem Kriegseinsatz zu beteiligen.

Das Gegenteil des Nazivergleichs ist der Bannfluch über Begriffe, gewissermaßen der Nazivergleich ex negativo.

Wer ein Wort benutzt, das sich bei den Nazis gewisser Beliebtheit erfreute, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er benutze Nazisprache.

Unvergessen der Satz, mit dem Johannes B. Kerner die unglückliche Eva Herman aus seiner Sendung scheuchte: „Autobahn geht gar nicht.“ Auch „Kraft durch Freude“ und „Reichsparteitag“ sind Begriffe, die man besser vermeiden sollte. Soziale Errungenschaften sind glücklicherweise nicht betroffen. Bis heute darf man gefahrlos Muttertag feiern und den 1. Mai begehen, ohne dass jemand kommt und sagt: Nazifeiertag! Ich bin gespannt, wann das Vergleichsverbot auf DDR-Vergleiche ausgeweitet wird.

Erste Ansätze dazu gibt es. Als der CDU-Politiker Arnold Vaatz das Kleinrechnen der Corona-Proteste mit dem Vorgehen der DDR-Medien verglich, handelte er sich sofort eine scharfe Ermahnung ein.

Auch alle Versuche, die Politik des Berliner Senats mit der DDR in Verbindung zu bringen, stoßen auf Widerstand (Linken-Politikerin Julia Schramm: „Wer den Mietendeckel mit Stasimethoden vergleicht, hat genauso ’nen Schatten wie Jana aus Kassel“). Ob es sich bei diesem Vergleich nach Meinung der Kritiker um eine Verunglimpfung der DDR Diktatur handelt oder um eine unzulässige Herabsetzung des Berliner Senats, lassen wir dahingestellt.

Die Arroganz des Fortschritts

Warum hat Trump bei Schwarzen, Schwulen und Frauen zugelegt? Ein Grund könnte die Herablassung sein, mit der viele Linke auf Leute sehen, die sich nicht so gewählt ausdrücken können, wie sie es erwarten

Ich bin ein Fan von Bill Maher. Falls Sie nicht auf Anhieb etwas mit dem Namen anfangen können: Maher ist in den USA ein bekannter Stand-up-Comedian. Einmal die Woche beschäftigt er sich auf dem Kabelkanal HBO mit allem, was politisch anliegt, also Feminismus, Hollywood, dem Mann im Weißen Haus.

Wie viele, die im Unterhaltungsgeschäft sind, ist Maher ein überzeugter Linker. Mehr noch als die Rechten aber hasst er Bullshit, das zeichnet ihn aus. Als nach 9/11 alle Welt von dem feigen Anschlag auf das World Trade Center sprach, stellte er sich in seiner Show hin und sagte: Man könne den Attentätern alles vorwerfen, Feigheit nicht.

Feige sei es, einen Marschflugkörper aus 2000 Meilen abzufeuern – aber ein Flugzeug zu besteigen und drin sitzen zu bleiben, bis es in ein Gebäude einschlage? Es gab einen Riesenaufschrei, gefolgt von der Forderung, ihn für immer aus dem Fernsehen zu verbannen.

Vor ein paar Tagen hat sich Maher den Ausgang der US-Wahlen vorgenommen. Lag nahe. Aber im Gegensatz zu vielen Kollegen, die vor Glück weinten, dass Trump endlich das Weiße Haus verlassen muss, richtete er den Blick auf die Demokraten.

Joe Biden? Statt Erdrutschsieg gerade mal mit Ach und Krach gewonnen. Der Senat? Weiterhin in der Hand der Republikaner. Das Repräsentantenhaus? Republikanischer als zuvor. „Die Botschaft an die Demokraten scheint zu sein: Wir mögen Trump nicht, aber wir bringen es auch nicht über uns, euch zu wählen“, sagte Maher.

Irgendetwas ist grundsätzlich schiefgelaufen. Nur was? Oder wie Maher sich ausdrückte: „Wenn die Tüte Naschzeug aus Popcorn und Hundescheiße bestände und die Hälfte der Leute würde das Popcorn wegwerfen – dann sollte das Popcorn wissen wollen: warum?“

Das ist auch für das linke Lager hierzulande keine ganz unwichtige Frage. Wäre ich bei den Linken, würde ich mich wie der Mann im Fernsehstudio in New York fragen, warum linke Politik selbst unter idealen Bedingungen solche Mühe hat, den Sieg davonzutragen. Liegt es am Programm? Oder den Leuten an der Spitze?

Die große Überraschung der Wahl ist, dass Trump überall zulegen konnte, wo man sich bei den Demokraten sicher war, dass er verlieren würde – bei den Latinos, bei den Frauen, bei den Schwarzen. Selbst unter Schwulen und Lesben hat Trump seinen Stimmenanteil ausgebaut, er hat ihn dort sogar verdoppelt. Der größte Wählerblock ist für die Republikaner immer noch der weiße Mann, daran hat auch die Wahl 2020 nichts geändert. Aber die Zahlen zeigen, dass etwas in Bewegung geraten ist.

Es war schon immer ein Irrglaube anzunehmen, nur weil jemand einer Minderheit angehöre, würde er automatisch links wählen. Links der Mitte ist man bis heute der Meinung, dass einem die Stimmen aus diesen Gruppen zustehen, so wie man als Ehemann fälschlicherweise davon ausgeht, dass einem die Zuneigung der Ehefrau sicher ist, die einem das Essen auf den Tisch stellt.

Dass sich jemand in der Wahlkabine frei entscheidet, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung, diese Emanzipation ist im linken Wahlprogramm nicht vorgesehen. Wer als Schwarzer nicht wisse, ob er für ihn oder für Trump sein solle, der sei nicht schwarz, sagte Biden im Wahlkampf. Lässt sich die Arroganz des Fortschritts besser auf den Punkt bringen?

Warum wählt jemand, der schwarz oder schwul ist, einen wie Trump? Klar, die Wirtschaft, das ist ein Grund. Ich weiß, dass leuchtet vielen Linken nicht ein, aber auch arme Menschen können gegen Steuererhöhung sein und einen Sozialstaat, der sich in alles hineindrängt. Das hat mit Stolz und Selbstbehauptungswille zu tun und dem Misstrauen gegenüber Politikern, die sich als Wohltäter inszenieren, obwohl sie in Wahrheit nur fremdes Geld ausgeben. „St. Martin war kein Linker“, hat Harald Schmidt einmal gesagt: „Er hat seinen eigenen Mantel geteilt.“ Klingt wie ein Gag, ist aber leider wahr.

Es gibt noch eine andere Seite, über die wenig gesprochen wird. Ich glaube, dass sich viele in der Mitte der Gesellschaft mit Trump identifizieren wegen der erkennbaren Freude, mit der er sich über die Regeln der politischen Rücksichtnahme hinwegsetzt, auch wegen der Verachtung, die ihm aus dem Establishment entgegenschlägt.

„Haha, der Millionär als Außenseiter, was für ein Witz“, hieß es, als er sich 2016 für das Präsidentenamt bewarb. Aber genau das war er immer: ein Außenseiter. Ich habe vier Jahre in New York gelebt. Ich erinnere mich noch gut daran, mit welcher Herablassung man in den liberalen Salons über den Talmi-König an der Fifth Avenue sprach, bei dem alles falsch war, nicht nur das Gold im Fahrstuhl.

Trump lädt zum Spott ein, angefangen bei der orangen Farbe, die er sich jeden Morgen ins Gesicht schmiert und den blonden toupierten Haaren. Er ist der Herr des schlechten Geschmacks, aber auch das verbindet ihn mit seinen Fans. Schlechten Geschmack teilen mehr Menschen, als man in den vornehmen Vierteln zu realisieren scheint. Wäre es anders, wäre die Welt nicht mit Plastikstühlen vollgestellt.

Trump ist auf geradezu schamlose Weise ehrlich, auch das gefällt vielen. Man kann Trump alles Mögliche vorhalten, aber eines nicht: dass er versucht hätte, die Wähler einzuseifen. Er ist vulgär, gemein, beleidigend auch wehleidig, ichbezogen und nachtragend – aber er ist nicht hintenrum.

Man kann in ihm wie in einem offenen Buch lesen. Wenn er einen guten Morgen hatte, lässt er es sofort alle Welt über Twitter wissen, wenn er einen schlechten hatte ebenfalls. Trump mag ein Lügner und Angeber sein, aber das ist etwas anderes. Er hat nie versucht, so zu tun, als sei er ein besserer Mensch. Wenn sie ihm geraten haben, er solle versöhnlicher auftreten oder präsidialer, dann hielt er das genau 24 Stunden durch. Dann war er wieder Trump.

Mit Joe Biden ist die alte Politik zurück, auch der alte Polittalk. Jetzt wird wieder versöhnt und geheilt und zusammengeführt, dass sich die Balken biegen. Ich muss gestehen, ich war schon nach Bidens Siegesrede fast so weit, mir Trump zurückzuwünschen. Bei dieser Mischung aus Kirchentag und Therapiestunde sträuben sich mir die Nackenhaare.

Damit will ich nicht behaupten, dass Biden nicht meint, was er sagt. Vermutlich ist er fest davon überzeugt, dass er Amerika versöhnen müsse. Aber schon eine Etage tiefer hat man ganz eigene Vorstellungen, wie die Heilung auszusehen hat. Kaum war Nevada gewonnen, forderte die Anführerin des linken Flügels, die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, dazu auf, Listen mit den Namen von Leuten anzulegen, die irgendwann mal für Trump gearbeitet haben. Niemand dürfe vergessen werden!

Ich glaube, dass die Wähler ein gutes Gefühl für Doppelstandards und Bigotterie haben. Sie können es nicht immer in Worte fassen, was sie stört, aber bei der Stimmabgabe muss man ja zum Glück auch nicht viele Worte machen.

Was sieht die alleinerziehende Mutter aus Pennsylvania, wenn sie Kamala Harris, die künftige Vizepräsidentin, im Fernsehen betrachtet? Die meisten Journalisten sehen in Kamala Harris ein Symbol der Selbstermächtigung, wie Emanzipation heute heißt, eine Frau, die für Millionen von Frauen das Tor aufgestoßen hat. Die Mutter aus Pennsylvania sieht eine Frau ohne Kinder in einem 2000 Dollar teuren Hosenanzug, den sie nie tragen würde, selbst wenn sie es sich leisten könnte, schon weil sie die Boutique gar nicht fände, in der man so einen Anzug bekommt.

Das Problem ist nicht der 2000-Dollar-Anzug oder die Welt, die er repräsentiert. Das Problem ist auch nicht die Elite-Herkunft (Vater Wirtschaftsprofessor, Mutter Krebsforscherin). Das Problem ist, wenn man den normalen Leuten einreden will, dass jemand wie Kamala Harris eine der ihren sei. Da halten sie sich dann doch lieber an einen wie Trump.

Edel sei der Journalist, betroffen und gut

Was wird im Journalismus prämiert? Gefühlvolle Texte mit tadelloser Gesinnung. Schade nur, dass sich dieses Berufsbild so negativ auf die Fähigkeit zur Wirklichkeitserfassung auswirkt

Einmal im Jahr wird der Deutsche Reporterpreis vergeben. Mit der Jury verhält es sich ein wenig so wie mit der Hollywood Foreign Press Association, die über die Golden Globes wacht und bei der auch nicht bei jedem Mitglied auf Anhieb ersichtlich ist, warum es dabei ist.

Bei manchen Juroren beschränkt sich die auffälligste Tätigkeit darauf, darüber nachzusinnen, warum der „Spiegel“ in letzter Zeit so viele „düstere, männliche“ Titelthemen hatte (Corona, US-Wahl) und so wenige weibliche (Klimawandel). Was dem Ansehen der betreffenden Person selbstredend keinen Abbruch tut. Wer sich nicht durch sein Schreiben den Platz in der Jury gesichert hat, der verdankt ihn der vorbildlichen Gesinnung.

Der meistdekorierte Journalist beim Reporterpreis ist der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius, der gleich viermal die begehrte Trophäe gewann. Dummerweise stellte sich anschließend heraus, dass seine großen Reportagen reine Kopfgeburten waren, also freie Erfindung.

Dass der Jury beim Lesen der eingereichten Texte keine Fragen kamen, lag auch daran, dass die von Relotius gelieferte Mischung aus Märchen und Politkitsch ungemein betörend wirkte. Seine Texte lasen sich halt so schön, seufzte eine Jurorin, nachdem der Schwindel aufgeflogen war, womit sie vermutlich meinte, dass der Autor genau so über das Trump-Amerika oder den Bürgerkrieg in Syrien schrieb, wie sie sich vorgestellt hatte, dass es dort zugehen müsste.

Reportage als Bestätigung der Vorurteilsstruktur: Das ist noch immer der sicherste Weg ins Herz einer Journalisten-Jury. Selbstverständlich gelobte man für die Zukunft Besserung.

Dieses Jahr sind in der Kategorie Essay nominiert: eine Geschichte über die Spätfolgen von Atomwaffentests; eine Geschichte über den alltäglichen Rassismus und den Rassisten in uns; ein Artikel, wie Joachim Gauck als Bundespräsident rechtes Denken hoffähig machte; ein Text über die Verschwörungswelt von Corona-Leugnern; eine Geschichte über die Benachteiligung alleinerziehender Mütter. Natürlich darf auch der Klimawandel nicht fehlen und warum die Angst vor einer Ökodiktatur gefährlicher Unsinn ist.

Wenn man eine Karikatur über preisverdächtige Texte anfertigten sollte, besser bekäme man es nicht hin. Es gibt zwei Artikel, die querliegen, einer über die CSU und Söder und einer über die Macht des Schicksals, aber das sind Ausreißer, die das Bild nur geringfügig aufhellen.

Das Lob der Gesinnungsprosa ist zurück, so, als habe es den Fall Relotius nie gegeben. Warum auch nicht, könnte man sagen? Soll sich die Branche doch selbst feiern. Das ist zwar eine bittere Nachricht für Leute, die niemals in die Nähe eines Reporterpreises gelangen werden, weil sie aus der Beobachtung der Wirklichkeit die falschen Schlüsse ziehen. Die spöttische Zeitdiagnostik geht verlässlich am Geschmack von Preisrichtern vorbei. Aber mei, so ist es halt, wie man in Bayern sagt.

Ich glaube allerdings, dass hier ein tiefer reichendes Problem liegt. Der Mangel an Perspektiven schlägt auf die Wirklichkeitserfassung durch. Wer nur Leute kennt und trifft, die so denken, wie man selbst, hat Mühe, sich vorzustellen, dass man auch ganz anders auf die Welt sehen könnte.

Wie sehr das Übermaß an guten Absichten den Blick trübt, hat die Wahl in Amerika gezeigt. Gottlob hatte Joe Biden am Ende die Nase vorne, das erspart eine peinliche Selbstbefragung. Ich finde es grundsätzlich befremdlich, wenn Journalisten mit Herzchen und Freudenschreien eine Wahl kommentieren. In dem Fall fiel der Jubel über den Sieg der Demokraten auch deshalb so ekstatisch aus, weil man damit die Frage umging, wie es Trump trotz lausiger Corona-Bilanz fast gelungen wäre, sich eine zweite Amtszeit zu sichern.

Klar, jeder Journalist weiß, dass es Trump-Fans gibt, irgendjemand muss das orange Monster ja wählen. Aber Abstecher in das Habitat des Trump-Wählers sind wie Safaris zu einer seltenen Spezies. Man besucht sie so, wie man Urwaldbewohner besucht. Nur mit weniger Neugier. Jeder Kopfjäger in Borneo kann mit mehr Sympathie rechnen als der wilde Mann im Weißen Haus.

Die politische Selbstabschließung des journalistischen Milieus schreitet unaufhaltsam voran. Vor ein paar Tagen sorgte eine Umfrage für Aufsehen, wonach 90 Prozent der Volontäre der ARD grün-rot wählen. Rot meinte dabei übrigens nicht die SPD, sondern vor allem die Linkspartei. In einigen kritischen Kommentaren wurde daraufhin so getan, als suche die ARD gezielt linke Volontäre aus. Ein Missverständnis. Die ARD rekrutiert nicht zu 90 Prozent Nachwuchs, der links-grün wählt. 90 Prozent des journalistischen Nachwuchses sind heute links-grün.

Ich war im März an meiner alten Ausbildungsstätte, der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Sagen wir es so: Wir hatten eine lebendige Diskussion. Als ich mich nach zwei Stunden verabschiedete, sagte die Sekretärin, sie habe noch nie erlebt, dass dem Referenten entgegengehalten wurde, er würde Unsinn verbreiten. Besonderen Widerspruch rief meine Einschätzung hervor, dass sich die meisten Journalisten auf seltsame Weise einig seien. Das wiederum fand ich ganz komisch, da die Empörung meinen Punkt eindrucksvoll zu bestätigen schien, wie ich meinte.

Es wird sich nicht viel ändern. Alle zwei Jahre sucht das Verlagshaus Gruner + Jahr einen neuen Lehrgang aus. Einer, der in der Auswahlkommission dabei ist, erzählte mir, dass sie neulich einen Bewerber hatten, der unvorsichtigerweise angab, im Studium durch die Hanns-Seidel-Stiftung gefördert worden zu sein. Allgemeines Stirnrunzeln. In der nächsten Runde war der arme Kerl auch nicht mehr dabei.

Irgendwie hat sich die Vorstellung festgesetzt, Redaktionen müssten die Gesellschaft abbilden, so als seien Medien betriebe eine Art multikulturelle Idealgesellschaft. Diverse Lobbyorganisationen arbeiten daran, den Anteil von Migranten zu heben. Dabei wird übersehen, dass Verlagshäuser keine gemeinnützigen Vereine, sondern Wirtschaftsunternehmungen sind, die auch keinen Demokratiepreis gewinnen wollen, sondern Leser und Käufer.

Ja, heißt es gerne, wenn sich die Verlage mehr für andere Stimmen öffnen würden, dann könnten sie sich ganz neue Leserschichten erschließen. Ich glaube nicht dran. Und selbst wenn dem so wäre: Die Zahl der Leser, die man mit lauter wichtigen Geschichten aus dem Randgruppen-Alltag gewinnt, steht in keinem Verhältnis zur Zahl derjenigen, die man einbüßt, weil sie an ihrer Zeitung oder Zeitschrift das Interesse verlieren.

Hinzu kommt, dass das Konzept, das hinter den Bemühungen steht, eine sehr oberflächliche Vorstellung von Vielfalt transportiert. Diese Vielfalt macht sich an ausländisch klingenden Namen oder am Hautton fest. Schaut man genauer hin, wird schnell klar, dass diejenigen, die als Stimmen der Vielfalt gelten, erstaunlich homogen denken und fühlen.

Kein Wunder, würde ich sagen: Sie teilen miteinander dieselben Bildungsabschlüsse, dieselben Stadtviertel, dieselbe kosmopolitische Lebensart. Würde man es mit der Vielfalt in Redaktionen wirklich ernst meinen, müsste zum Beispiel mal jemand vertreten sein, der mit der AfD sympathisiert. Oder ein Muslim, der davon überzeugt ist, dass Religion eine Sache ist, bei der der Spaß aufhört. Das ist mit Vielfalt selbstverständlich nicht gemeint.

Der Moderator Jörg Thadeusz, der in seinem Leben viele Preisverleihungen moderiert hat, zog nach dem Relotius-Debakel in einem kurzen Text für die „Welt“ ein vernichtendes Fazit. Es sei ihm bei den Jurysitzungen oft so vorgekommen, als stünde ein gewisses Weltbild fest, schrieb er. Wer das mit einer süffigen Geschichte möglichst prachtvoll bestätige, erhöhe seine Chance, nominiert zu werden. Journalistenpreise sind ein guter Gradmesser, was erwünscht ist und was nicht. Das prägt den Nachwuchs wie jedes Belohnungssystem.

Es lohnt sich, den Text von Thadeusz noch einmal zu lesen, man findet ihn leicht im Netz. Er ist, wie man sieht, bis heute gültig.

Wie uns die Regierung im Stich lässt

Die Politik hat jetzt die Gastronomie, die Konzertsäle und die Museen zugesperrt. Ob sich Menschen dort anstecken, weiß niemand. Das ist schon ziemlich verrückt. Noch verrückter ist: Man könnte es wissen, wenn man wollte

Die Kanzlerin wird viel wegen ihrer überragenden Intelligenz gelobt. Man kann lesen, dass sie ihren Gesprächspartnern an Auffassungsgabe und Weitsicht oft überlegen sei. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das mit der Weitsicht wirklich zutrifft. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht die Zahl der Amtsjahre – aber Angela Merkel scheint mir nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit zu sein.

Die Kanzlerin kann unbestritten toll mit Zahlen umgehen, in Mathematik ist sie ein Ass. Was exponentielles Wachstum bedeutet, versteht sie besser als die meisten Menschen. Ihre Hochrechnung der Infektionszahlen hat sich auf gespenstische Weise bewahrheitet. Sie hat sich nur im Monat geirrt. Wir haben die 19 200 Corona-Fälle am Tag, von denen sie sprach, schon Ende Oktober erreicht, nicht erst im Dezember.

Aber was folgt daraus? Ich dachte, Politik hieße, nicht nur Modellrechnungen anzustellen, sondern auch darüber nachzudenken, wie man sich auf das, was man erwartet, vorbereitet. Siebeneinhalb Monate sind seit dem ersten Lockdown vergangen, aber in Berlin agieren sie wieder so, als stünden wir am Anfang der Pandemie.

Wir haben keine Verfahren entwickelt, die es erlauben würden, dass man nicht jedes Mal an den Parlamenten vorbei das öffentliche Leben lahmlegen muss. In Schulen und Altenheimen warten sie nach wie vor auf die versprochenen Schnelltests. Ich frage mich ernsthaft, was sie in der Regierung all die Monate getrieben haben. Von der Kanzlerin hätte ich jedenfalls mehr erwartet, als dass sie die Bürger zur inneren Einkehr mahnt.

Wir haben jetzt die Gastronomie, die Konzertsäle und die Museen zugesperrt, aber ob sich Menschen dort überhaupt in nennenswerter Zahl anstecken, kann niemand sagen. Das Robert Koch-Institut hat vergangene Woche ein Schaubild zu den wichtigsten Infektionsquellen veröffentlicht.

Speisestätten machen danach nur einen Bruchteil der Ansteckungsorte aus, auch Kultureinrichtungen spielen bei der Verbreitung des Virus keine Rolle. Jetzt heißt es, das Bild sei unvollständig. Bei 75 Prozent der Infizierten sei unklar, wo sie sich mit dem Virus angesteckt hätten. Deswegen müsse man alles schließen, was entbehrlich sei.

Wir könnten es sehr viel genauer wissen, das ist das Verrückte dabei. Es wäre sogar relativ einfach, man müsste sich nur der Möglichkeiten der digitalen Welt bedienen. Stattdessen vertraut die Politik lieber dem Faxgerät und dem Telefon. Ich empöre mich selten, wie regelmäßige Leser meiner Kolumne wissen, aber hier ist es so weit.

68 Millionen Euro hat die sogenannte Corona-Warn-App gekostet. 20 Millionen Deutsche haben sie brav aufs Handy geladen. Nur wozu? Das letzte Mal, als ich die Warn-App öffnete, sagte sie mir: „Niedriges Risiko.“ Fand ich beruhigend. „Bisher keine Risikobegegnung.“ Noch beruhigender. Andererseits bin ich in den vergangenen zwei Wochen aus meiner Doppelhaushälfte auch kaum hinausgekommen, alles andere wäre also erstaunlich gewesen.

Neulich hatte ich mal zwei Risikobegegnungen. Leider konnte mir die App weder sagen, wann diese stattfanden, noch wo. Es hätte mich sehr interessiert zu wissen, wo ich Menschen zu nahe gekommen bin, die mit dem Virus infiziert waren. War es in der S-Bahn oder im Restaurant? Ich dachte, darum geht’s. Wenn ich wüsste, der Italiener ist das Problem, dann würde ich das „Cafe Dolce“ künftig meiden.

Dummerweise ist die App so konstruiert, dass alles anonym bleibt, auch der Ort, der einem gefährlich werden könnte. Wir haben wahrscheinlich die einzige Warn-App der Welt, die sagt: „Vorsichtig, du könntest dich anstecken, aber wir sagen dir nicht, wo.“ Im Grunde funktioniert das Ganze wie in der Geisterbahn, bei der der Nervenkitzel ja auch darin besteht, dass einem nicht gesagt wird, wo das Monster lauert. Irgendwann macht es: Huh!

Wenn Sie jetzt denken, das sei Polemik, dann habe ich einen Zeugen an meiner Seite, der über jeden Zweifel erhaben ist. Der bekannte Tech-Blogger Michael Seemann hat bereits im Juni ausführlich begründet, warum das dezentrale Design die Corona-Warn-App im Kampf gegen das Virus praktisch wertlos macht.

Im Prinzip könnte die App genau das leisten, was die Gesundheitsämter nicht mehr zu leisten in der Lage sind (und weshalb nun neue Einschränkungen des öffentlichen Lebens verfügt wurden): eine Unterbrechung der Infektionsketten. Wir wissen, dass nicht alle Menschen gleichermaßen infektiös sind, sondern die eigentliche Gefahr von sogenannten Superspreadern ausgeht, also Leuten, die in kurzer Zeit sehr viele Menschen in ihrer Umgebung anstecken. Die Virologen sprechen in so einem Fall von einem Cluster.

Mit der App wäre es ein Leichtes, diese Cluster zu erkennen. Das setzt allerdings voraus, dass die Daten zentral gespeichert würden, genau das hat man mit Rücksicht auf die Bedenken von Datenschützern verhindert. „Das frühe Festlegen auf die Dezentralität war ein Fehler“, schreibt Seemann. Er tröstete sich im Juni mit der Aussicht, „dass wir Covid-19 wahrscheinlich ganz prima ohne App in den Griff bekommen“. In dem Punkt hat er sich leider getäuscht.

Auch in der Politik ist inzwischen angekommen, dass man viel Geld für ein Programm ausgegeben hat, das im Alltag versagt. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat die Corona-App vor zwei Wochen als völlig nutzlos bezeichnet. Da kann man ihm nur zustimmen. Ist etwas darauf gefolgt? Nein. Gibt es eine bayerische Initiative, endlich zu einer Variante zu kommen, die uns hilft, das Virusgeschehen besser zu verstehen? Auch das nicht.

Stattdessen zwingt man jetzt überall Wirte und Künstler in den Lockdown, ohne sagen zu können, ob das etwas bringt. Die selbst gewählte Ahnungslosigkeit liefert dabei absurderweise die Begründung: Da wir nicht wissen, wo man sich ansteckt, können wir nicht ausschließen, dass es Kinos, Theater und Restaurants sind. Aus dieser Logik gibt es kein Entrinnen.

Es wird jetzt behauptet, wenn nicht alles total anonym wäre, würden die Leute der App nicht vertrauen. Ich halte das für vorgeschoben. Google speichert jede Suche, jede Pornoseite, die einer anklickt, jede verbotene Zeile. Auch Amazon hält alles fest, sogar das, was Alexa bei einem zu Hause aufschnappt. Und die Deutschen? Haben überhaupt kein Problem damit, wie wild zu googeln und bei Amazon einzukaufen.

Ich glaube, die Angst vorm staatlichen Datenmissbrauch ist der Popanz von Leuten, die vom Datenschutz leben. Wäre ich Innenminister, würde ich den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber als Gefährder einstufen. Es ist ja auch nicht so, dass wir in der Krise keine Freiheitsrechte antasten würden. Welche Grundrechte eingeschränkt wurden oder werden, um Infektionen zu vermeiden: Berufsfreiheit, Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit, Bildungsfreiheit. Was nicht eingeschränkt wird und wurde: Datenschutz.

Immerhin wissen wir jetzt, wo die Kultur rangiert, mit der sich Politiker so gerne schmücken: Irgendwo auf der Ebene von Bordellen, Saunabetrieben und Fitnessstudios. Man habe den Freizeitbereich schließen müssen, hat Kanzleramtschef Helge Braun am Sonntag bei „Anne Will“ wiederholt, so als sei ein Klavier- oder ein Kabarettabend eine nette, aber letztlich unnötige Freizeitbeschäftigung.

Vielleicht sieht die Kanzlerin das wirklich so. Je länger sie regiert, desto mehr kommt die Pfarrerstochter in ihr durch. Der Rat von Angela Merkel in der Krise: einfach nach der Arbeit mal zu Hause bleiben und sich auf die Dinge im Leben besinnen, die wirklich zählen. Also Infektionsschutz durch Entsagung.

Dazu passt, dass wir angeblich alles tun, um das Weihnachtsfest zu retten. Auch das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn es ein Datum gibt, das Unfrieden bringt, dann Weihnachten. Wann im Jahr lassen sich mehr Leute scheiden als zu Weihnachten? Auch die Suizidgefahr ist besonders hoch. Wenn es der Regierung wirklich ernst damit ist, Deutschland sicherer zu machen, wie sie sagt, dann wäre ein Verzicht aufs Weihnachtsfest dringend geboten. Das stände bei mir auf der Liste ganz oben.

Welt der Angst

Warum hat der Verlag S. Fischer nach 40 Jahren die Zusammenarbeit mit seiner Autorin Monika Maron beendet? Politische Differenzen, das auch. Aber was, wenn der wahre Grund in der Feminisierung des Kulturbetriebs läge?

Ich war vor anderthalb Jahren in Dresden zu einer Lesung bei der Buchhändlerin Susanne Dagen. Ein Bekannter, der mit Frau Dagen befreundet ist, hatte mich gefragt, ob ich mal bei ihr auftreten würde. Seine Freundin lebe, neben dem Buchverkauf, vom Veranstaltungsgeschäft, es sei für sie aber immer schwieriger, Autoren zu gewinnen. Selbst langjährige Bekanntschaften würden absagen. Sie würden ihr nette Briefe schreiben, warum sie ihre Arbeit sehr zu schätzen wüssten, aber dann folge die Entschuldigung, man möge bitte, bitte verstehen, dass man der Einladung nicht folgen könne.

Susanne Dagen war einmal eine der angesehensten Buchhändlerinnen Deutschlands. Ihr Buchhaus Loschwitz wurde zweimal nacheinander mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet; zu ihren Kunden gehörten Prominente wie der ehemalige Innenminister Thomas de Maizière und der Schriftsteller Ingo Schulze.

Dann machte sie den Fehler, ein Protestschreiben aufzusetzen, weil die Frankfurter Buchmesse den rechten Kleinverleger Götz Kubitschek aussperren wollte. Als man sie darauf hinwies, dass Leute wie Kubitschek kein Umgang für eine angesehene Buchhändlerin seien, zuckte sie mit den Achseln. Wie viele Ostdeutsche kann Dagen in Haltungsfragen ziemlich stur sein. Sie hat dann aus Trotz mit der Frau von Kubitschek eine Lesereihe auf YouTube gestartet. Seitdem gilt sie ebenfalls als rechts.

Die Dagens waren schon in der DDR dagegen. Die Mutter unterhielt in Dresden eine Galerie. Wenn die Familie im Urlaub war, kam es vor, dass die Mutter nach Hause zurückmusste, weil gerade mal wieder einer ihrer Künstler in Ungnade gefallen war und die Bilder von der Wand sollten.

Wer der Stasi getrotzt hat, hat keine Lust, sich sagen zu lassen, mit wem er zu verkehren hat. Ich verstehe das. Ich kann es auch nicht leiden, wenn man mir sagen will, wen ich treffen darf und wen nicht, und dabei habe ich noch nicht mal mit der Stasi zu tun gehabt.

Wie gefährlich es ist, mit Frau Dagen befreundet zu sein, hat dieser Tage die Schriftstellerin Monika Maron erfahren. Der Verlag S. Fischer hat mit Verweis auf die Bekanntschaft nach 40 Jahren die Zusammenarbeit beendet. Maron hat in einer Schriftenreihe ihrer Freundin ein kleines Essay-Bändchen veröffentlicht. Als die Fischer-Verlegerin sie per Mail aufforderte, sich von dem Buch zu distanzieren – eine Praxis, die Maron aus der DDR kannte – weigerte sich die Autorin. Maron kann ebenfalls ziemlich stur sein.

Viel war in der letzten Zeit von der sogenannten Cancel Culture die Rede, also dem Versuch, missliebige Meinungen zu unterdrücken, indem man Auftritte verhindert oder die Absage von Publikationsplänen erzwingt. Inzwischen glaube ich, dass die Dinge komplizierter liegen. Nicht der Versuch, Menschen am Reden oder Publizieren zu hindern, ist das eigentliche Problem. Das wahre Problem ist die Feigheit der Leute, die einfach Nein sagen müssten, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Im Grunde ist es doch ganz simpel: Man muss die Cancel-Culture-Rufe nur ignorieren. Niemand kann einen zwingen, eine Lesung abzusagen oder sich von einem Autor zu trennen, wir leben ja nicht in der DDR. Notfalls holt man den Staatsschutz.

Der Druck von außen wird oft maßlos überschätzt. Über die Zahl von 30 bis 40 Aktivisten, die sich gegenseitig anfeuern, reicht die Cancel-Culture-Clique selten hinaus. Ursächlich für die Feigheit ist die Angst vor den eigenen Mitarbeitern, den Lektoren, Übersetzern und Verlagsangestellten, die sich in einem S. Fischer Verlag ohne Monika Maron wohler fühlen als in einem mit ihr. Das ist der Druck, dem sie sich an der Spitze nicht gewachsen fühlen. Dass immer nur Autoren, die als rechts gelten, ein Problem darstellen, nie linke, gehört dabei zu den Eigentümlichkeiten des Verlagsgeschäfts. Wer links ist, kann den größten Unsinn von sich geben, das gilt dann als mutiger Aufschrei einer empörten Seele.

Die Änderung der Verlagswelt spielt auch eine Rolle. An die Stelle von Verlegern, die ihre Autoren als Mitglieder einer erweiterten Familie betrachteten, sind vielerorts Verlagsmanager getreten, die außerhalb der Branche kaum jemand mehr kennt und die Vertragsverhältnisse als rein juristische Position sehen.

Unter der aktuellen „Spiegel“-Geschichte über das Zerwürfnis zwischen Monika Maron und dem Fischer-Verlag stehen vier Namen, darunter zwei Kultur-Ressortleiter. Keinem der Redakteure war aufgefallen, dass die Fischer-Verlegerin Liv Bublitz, wie sie in dem Artikel genannt wird, in Wirklichkeit Siv Bublitz heißt.

Wer will den Redakteuren einen Vorwurf machen? Frau Bublitz ist sicher eine tüchtige Frau, an der der Holtzbrinck-Konzern, zu dem S. Fischer gehört, viel Freude hat. Sie ist halt nur nicht das, was man eine Verlegerpersönlichkeit nennt, also jemand, der sich schon aus Gründen der Selbstachtung dem Druck, den man auf ihn ausübt, entgegenstellen würde.

Vielleicht muss man das Ganze nicht als Krisensymptom, sondern als Begleiterscheinung einer Feminisierung des Kulturbetriebs verstehen. Bevor jetzt alle über mich herfallen, füge ich vorsichtshalber hinzu, dass ich damit eine Stilfrage meine, nicht notwendigerweise eine des Geschlechts.

Hören wir nicht ständig, wie wichtig es sei, dass man alle mitnimmt und sich achtsam und inklusiv verhält? Wenn jemand bei einem Text ein Unbehagen oder Unwohlsein verspürt, dann wird darauf selbstverständlich eingegangen.

Die Übersetzerin findet, dass in der Anthologie mit den 100 schönsten Naturgedichten zu wenig afrikanische Autorinnen vorkommen: Um Gottes willen, natürlich, wir müssen unbedingt mehr für die Sichtbarkeit afrikanischer Gedichtkunst tun! Die Lektorin bei Blanvalet hat Bauchschmerzen bei dem neuen Krimi von Joanne Rowling, weil in den Zeitungen steht, dass Frau Rowling transfeindlich sei? Ein wichtiger Einwand, vielleicht sollte Blanvalet sein Engagement grundsätzlich überdenken.

Ich halte es nicht für die vordringliche Aufgabe von Kultur, Wohlbehagen zu erzeugen, aber das ist zweifellos eine Privatmeinung. Was nicht mehr ganz so privat ist, sind die Folgen der neuen Wohlfühlkultur, in der sich alle mitgemeint und mitgedacht fühlen. Wer darauf getrimmt ist, Konflikte zu moderieren, statt sie auszuhalten, ist total aufgeschmissen, wenn er unerwartet Rückgrat zeigen soll.

Manchmal wünsche ich mir die Verleger zurück, die sich nicht darum scherten, ob einer links oder rechts war, sondern nur, ob er etwas zu sagen hatte. Uns wird gepredigt, die Zeit breitbeinig auftretender Männer sei vorbei. „Breitbeinig“ ist geradezu zum Synonym für „verachtenswert“ geworden. Der Vorteil des breitbeinigen Auftritts ist allerdings, dass man fest auf der Erde steht, wenn ein Sturm kommt. Eine breitbeinige Person bläst so schnell nichts um.

Neulich gab es bei Kiepenheuer & Witsch einen Aufstand, weil sich im Lyrikband des Rammstein-Sängers Till Lindemann ein Gedicht fand, aus dem man mit ein wenig bösem Willen herauslesen konnte, dass der Autor Sex mit betäubten Frauen gut fände. An den Verlag erging die Aufforderung zur sofortigen Entfernung aller Lindemann-Bücher aus dem Verlagsprogramm.

Die Reaktion des Alt-Verlegers Helge Malchow: Er wies darauf hin, dass man in der Literatur aus gutem Grund zwischen Fiktion und Realität unterscheide, weshalb es bis heute üblich sei, dass man einen Autor nicht für Äußerungen seiner Geschöpfe zur Rechenschaft ziehe. Die Reaktion seiner Nachfolgerin, der braven Kerstin Gleba: eine lange, gewundene Erklärung, wie ernst man die Perspektiven und Argumente der Kritiker nehme, verbunden mit dem Versprechen, diese „wertvollen Impulse“ künftig stärker in der Verlagsarbeit zu berücksichtigen.

Ich glaube, ich bin für mehr breitbeinige Frauen im Kulturleben. Meine Verlegerin bei Random House, wo mein neues Buch erschienen ist, ist übrigens eine Frau. Sie sehen also, Standfestigkeit ist wirklich keine Frage des Geschlechts.

Die Zeugen Igors

Wie weit darf eine Polemik gehen? Nun ja, es gibt nicht viele Freiheiten, bei denen wir vor 100 Jahren schon mal weiter waren: Die Freiheit zur Boshaftigkeit ist so eine, wie der Fall des Pianisten Igor Levit zeigt

Das erste Quartal seiner neu gegründeten Zeitschrift „Die Fackel“ schloss Karl Kraus mit einem „Rechenschaftsbericht“ ab. Er lautete wie folgt: „Anonyme Schmähbriefe: 236, Drohbriefe: 83, Überfälle: 1“. Wie man sieht, bemaß Kraus den Erfolg einer Zeitschrift nicht an Auflage oder Umsatz, sondern an der Ablehnung, die sie hervorrief. Das war die Währung, die für ihn zählte.

Kraus erhob die Beleidigung zur Kunstform, deshalb ist es noch nach hundert Jahren eine Freude, ihn zu lesen. Gerade ist eine 1100 Seiten umfassende Biografie mit dem schönen Titel „Der Widersprecher“ erschienen. Man fragt sich unwillkürlich, welchem derzeit lebenden Autor so etwas im Jahr 2120 vergönnt sein wird?

Kraus hätte es als Journalist heute schwer. Karl Kraus im Feuilleton einer deutschen Tages- oder Wochenzeitung? Das gäbe ein Theater! So könne man nicht über Menschen schreiben, würde es heißen, das gehe zu weit. Schon nach dem ersten Artikel sähe sich eine Chefredaktion, die ihn zu Wort kommen ließe, mit der Aufforderung konfrontiert, den Widersprecher ruhigzustellen und sich bei den Lesern zu entschuldigen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat vor einigen Tagen einen Text über den Pianisten Igor Levit veröffentlicht. Levit ist für sein politisches Engagement mindestens so geliebt und gelobt wie für sein Klavierspiel, daher beschäftigte sich der Text auch zu zwei Dritteln mit Ersterem. Normalerweise werden Levit Kränze gewunden; er hat es als Künstler, der Position bezieht, wie das so schön heißt, bis in den „New Yorker“ und die „New York Times“ geschafft.

Der Text in der „Süddeutschen“ fiel etwas anders aus. Er war in Krausscher Manier abgefasst, das heißt, der Autor machte gar nicht den Versuch, fair und unvoreingenommen zu sein. Levits Klavierkünste? Prima, aber auf keinen Fall zu vergleichen mit dem sehr viel begabteren Daniil Trifonov, der spiele in einer ganz anderen Liga. Levits Twitter-Einsatz gegen Rechts? Ein nicht wirklich ernst zu nehmendes Hobby. Seine Fans? Eine humorfreie Bagage, die auf jeden losgehe, der sich einen unabhängigen Gedanken erlaube.

Nebenbei bekam noch der Bundespräsident sein Fett ab für die Entscheidung, Levit fürs Twittern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet zu haben – und natürlich alle Multiplikatoren und Journalisten, die sich täglich in gegenseitiger Bewunderung in die Arme fallen würden. „Igor Levit ist müde“, lautete die Überschrift, schon das eine boshafte Paraphrase der politischen Einlassungen des Künstlers, der wiederholt betont hatte, wie müde ihn der tägliche Rassismus mache.

Kaum war der Artikel erschienen, trat das Strafgericht zusammen, in und außerhalb der Redaktion. Der Text hätte nie erscheinen dürfen, hieß es, man müsse sich für die „SZ“ schämen.

Es folgte der Vorwurf, der Artikel sei im Kern antisemitisch (Levit ist Jude). Dann wurde gesagt, dem Autor sei es in Wahrheit darum gegangen, den Künstler für sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus zu diffamieren. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Behauptung, die „Süddeutsche Zeitung“ betreibe die Sache der Rechten. Performativ nennt man in der Kunst eine Aktion, bei der die Reaktion des Publikums beweist, was zuvor als These formuliert wurde.

Ich kenne Levit ein wenig. Wir haben uns zweimal getroffen, das erste Mal in Berlin, wo wir in einem Café zufällig nebeneinander Platz nahmen, dann noch einmal zu einem Mittagessen in München. Ich habe ihn noch nie live spielen hören. Wahrscheinlich ist das Urteil der „Süddeutschen“ furchtbar ungerecht. Aber in einem Punkt scheint mir der Kritiker der „SZ“ nicht ganz falsch zu liegen, und zwar was die Empörungsbereitschaft der politischen Fanbasis angeht. Schon sehr viel kleinere Verfehlungen als eine Polemik können hier zu großer Aufregung führen.

Levit erzählte bei unserem Treffen in München, dass ihn Bekannte angeschrieben hätten, weil er eine Kolumne von mir mit einem Like versehen hatte – das müsse er erklären. Er fand an dem Vorgang nicht nur erstaunlich, dass sich Menschen offenbar die Mühe machen, die Liste seiner Likes daraufhin durchzusehen, ob irgendetwas Verdächtiges dabei ist. Noch mehr irritierte ihn verständlicherweise das Ansinnen, er solle Rechenschaft ablegen, warum er einen Text von mir gelesen und auch noch für gut befunden hatte.

Das ist der Stand linker Kulturkritik heute: Einmal Daumen hoch an der falschen Stelle, und man wird von den Twitter-Aufsehern ermahnt. Das gilt selbst dann, wenn man Levit heißt.

Ich bin auch müde. Mich ermüdet die unfassbare Selbstgefälligkeit, die mit dem Instant-Antifaschismus einhergeht. Dass im Kampf gegen Rassisten irgendetwas gewonnen wäre, wenn man im Netz möglichst oft „Nazis raus!“ ruft, können nur Leute meinen, die auch an die magische Wirkung von Zaubersprüchen glauben. Ich bin ebenfalls gegen rechts, ich halte den Antisemitismus für eine Geißel unserer Zeit. Ich käme trotzdem nie auf die Idee, auf die antifaschistische Wirkung von Twitter zu setzen.

Einen Effekt hat der Netz-Krawall allerdings: Weniger beherzte Redakteure werden sich nächstes Mal genau überlegen, ob sie sich trauen wollen, über einen Helden der Szene einen bösen Satz zu schreiben. Es geht um Einschüchterung, das ist der wahre Zweck der Übung, alles andere ist rhetorisches Trallala. Und die Methode führt ja auch zum Erfolg.

Die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich jetzt bei Levit und den Lesern entschuldigt. Der Entschuldigung konnte man entnehmen, dass den Chefredakteuren erst beim neuerlichen Lesen das Entschuldigungsbedürftige des Artikels aufgefallen war. Oder wie soll man es verstehen, dass sie nun den Abdruck eines Textes bedauerten, den sie selbst ins Blatt gehoben und vor wenigen Tagen noch vehement verteidigt hatten? So war die Entschuldigung auch eine Bankrotterklärung der eigenen Lese- und Urteilskompetenz.

Innerhalb der Redaktion sei kontrovers und leidenschaftlich diskutiert worden, steht in dem Schreiben. Die Kontroverse sah so aus: Über dem Ressortleiter der Kultur entlud sich die Wut der Redakteure, die über ihre Displays die Wut im Netz aufgesogen hatten. Die anderen Ressortleiter sahen betreten zu Boden, während die Chefredaktion schon in Gedanken an ihrer Selbsterklärung feilte. Auch so kann man einer stolzen Zeitung jede Selbstachtung und Unabhängigkeit im Denken austreiben. Man lässt der Online-Erregung einfach freien Lauf.

Wenn mit dem Radau wenigstens eine polemische Kraft einherginge. Leider verwechseln die meisten Internet-Krakeeler Polemik mit Pöbelei. Wie jede Kunstform ist auch die Beleidigung schnell verhunzt, wenn sich Dilettanten daran versuchen. Über „Fick dich, Opa“ oder „Halt die Fresse“ finden viele nicht hinaus. Dafür wird der Satz dann endlos wiederholt, so als würde die Iteration dem Gestammel mehr Wert verleihen.

Man muss zur Ehrenrettung der Linken sagen, dass es nicht immer so war. Es gab auch glanzvolle Zeiten. Gerade die linke Bewegung verfügte über große polemische Talente. Wiglaf Droste, den sie vor einem Jahr zu Grabe getragen haben, oder Wolfgang Pohrt, den unbestechlichen Kapitalismus-Zersäger.

Aber erstens waren das manische Leser, schon das unterscheidet sie von den Netz-Epigonen. Die Lektüre der Twitterkönig*innen von heute erstreckt sich in der Regel auf zwei queerfeministische Traktate zu Rassismus und Gender, zu mehr lässt einem ja der dauernde Blick aufs Handy auch keine Zeit.

Zum anderen bezogen Leute wie Droste und Pohrt ihren Antrieb aus dem anarchischen Vergnügen, es gerade den Vertretern im linken Lager reinzureiben, die man für einfältig oder naiv oder beides zusammenhielt. Das Einzige, was die Vertreter der neuen Linken anstreben, ist, einen guten Eindruck bei der eigenen Crowd zu machen. Für deren Lob und Anerkennung ist man bereit, buchstäblich alles zu geben.

Wie soll man dieses Twitter-Strebertum nennen? Ziemlich einfach, würde ich sagen: ordinärer Konformismus.

Die zwei Gesichter des Olaf Scholz

Seltsame Wesensveränderung bei Olaf Scholz: Eben noch stand der Finanzminister für strikte Haushaltsdisziplin, nun gibt er das Geld aus, als gäbe es kein Morgen. Bange Frage: Wurde Scholz heimlich ausgetauscht?

Was ist mit Olaf Scholz passiert, unserem Finanzminister? Er sieht aus wie Scholz. Er hat die Stimme von Scholz. Aber er redet nicht mehr wie Scholz. Wenn es jemanden im Bundeskabinett gab, der auf Haushaltsdisziplin achtete, dann der Mann aus Hamburg. Für die Verteidigung der schwarzen Null war er sogar bereit, die eigenen Leute vor den Kopf zu stoßen, worauf sie nicht ihn, sondern zwei No Names zu Parteivorsitzenden wählten.

Und nun? Nun gibt er das Geld aus, als ob es kein Morgen gäbe. Auf 218 Milliarden Euro belaufen sich die Schulden für dieses Jahr, ein einsamer Rekord. Im nächsten Jahr kommen nach ersten Schätzungen noch mal 96 Milliarden dazu. Für alle und alles ist Geld da: für die Mütter, denen es an der Rente mangelt, für die Piloten der Lufthansa, für die Kurz und Geringbeschäftigten, denen der Staat bis zum Jahr 2022 ihren Lohn garantiert.

Wenn man Scholz fragt, ob man nicht irgendwo sparen könnte, zuckt er die Achseln. Oder sagt: Wir geben so viel aus, da wollen wir doch jetzt nicht kleinlich sein. Dass er sich inzwischen sogar für eine Koalition mit den Leuten von der Linkspartei erwärmt, ist so gesehen nur folgerichtig. In der schönen Welt des Sozialismus ist immer genug Geld da: Entweder wächst es auf den Bäumen, oder man nimmt es von den Reichen, wer immer unter diese Kategorie gerade fallen mag.

Ich kann mir die Wesensveränderung bei Scholz nur so erklären, dass ihn die Niederlage beim Kampf um den Parteivorsitz innerlich gebrochen hat. Manchmal haben traumatische Erfahrungen für Menschen verheerende Wirkungen. Sie sind dann einfach nicht mehr sie selbst. Oder, andere Erklärung: Sie haben den „Scholzomat“ heimlich ausgetauscht – wie in dem berühmten Horrorfilm „Invasion of the Body Snatchers“, wo die Bewohner einer Kleinstadt durch äußerlich identische Doppelgänger ersetzt werden.

Das würde auch erklären, warum sich die Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter Borjans so leicht auf Scholz als Kanzlerkandidaten verständigen konnten. Die Wähler sollen Zutrauen zur SPD fassen. Sie sollen sagen: Das ist ja unser alter Olaf Scholz, der wird schon aufpassen, dass kein Unsinn passiert. Und dann, zack, ist die Wahl vorbei, und es stellt sich heraus, dass Scholz gar nicht mehr der Scholz ist, den sie kannten.

Ich mag Scholz. Wir kommen beide aus Hamburg, das verbindet. Die hanseatische Herkunft erklärt auch, warum er oft so gehemmt wirkt. Als die strengen Corona Regeln gelockert wurden, ging ein Seufzer der Erleichterung durch Hamburg: endlich zurück zu den gewohnten fünf Metern Abstand! Ich habe außerdem nichts gegen Leute, die langweilig sind. Langweiler sind gewissenhaft. Wenn alle in der Regierung wie Andi Scheuer wären, gäbe es ein heilloses Durcheinander. Ich mag auch Scheuer. Aber es kann in jeder Runde nur einen von seiner Sorte geben.

Man sollte bei Scholz allerdings nicht den Fehler machen, sich von ihm in ein Gespräch verwickeln zu lassen. 15 Minuten dehnen sich da schnell zu drei Stunden. Ich spreche aus Erfahrung. Bei einem politischen Sommerfest in Berlin war ich letztes Jahr so unvorsichtig, mich in ein Gespräch über die wechselvolle Geschichte des Ortsverbands Hamburg Wandsbek hineinziehen zu lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass man über die historische Entwicklung von Wandsbek mehr als zwei Sätze verlieren kann. Ich habe mich geirrt, wie ich feststellen musste.

Es folgte dann noch die Geschichte des Ortsverbandes Hamburg-Harburg und die des Ortsverbandes Bargteheide. Mein Rat: Wenn Sie jemals auf einer Party Olaf Scholz begegnen sollten, tun sie so, als müssten sie erst noch ganz dringend jemand anderes begrüßen.

Aber wer weiß, vielleicht haben wir uns schon immer in ihm getäuscht. In der „Süddeutschen Zeitung“ fand sich neulich eine lange Recherche, wie Scholz als Bürgermeister in Hamburg der Warburg Bank eine Steuerschuld von 47 Millionen Euro erließ. Ich muss das anders formulieren: Scholz hat sich mehrfach mit dem Chef der Warburg Bank getroffen, der ihm seine Steuersorgen vortrug, worauf das Finanzamt die Steuerschuld vergaß.

Er könne sich an den Inhalt der Gespräche nicht mehr erinnern, sagt Scholz, er habe aber keinen Einfluss auf das Finanzamt genommen. Klingt zugegebenermaßen etwas abenteuerlich. Deshalb soll sich jetzt auch ein Untersuchungsausschuss mit dem Vorgang befassen.

Noch rätselhafter ist sein Verhalten im Wirecard- Skandal. Ein Finanzminister hat viel zu tun, da kann man sich nicht um alles kümmern, das verstehe ich. Wenn ich allerdings als Minister in der Zeitung lesen würde, dass sich ein Dax-Konzern, dessen Finanzzweig von meinen Leuten überwacht wird, in merkwürdige Transaktionen verstrickt hat, dann würde ich mal nachfragen lassen, was da los ist. Es war auch nicht irgendein Käseblatt, das Anfang 2019 über Unregelmäßigkeiten im Asiengeschäft von Wirecard berichtete, sondern die „Financial Times“, die angesehenste Finanzzeitung der Welt.

Was haben sie stattdessen bei der BaFin, der dem Finanzministerium unterstehenden Finanzaufsicht, gemacht? Den Redakteur der „Financial Times“ wegen des Verdachts auf Insiderhandel verklagt. Er habe den Aktienkurs auf Talfahrt schicken wollen, um sich zu bereichern. Nun ja, wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Nicht zugunsten der BaFin.

Wenn Sie jetzt denken, das hat sicherlich personelle Konsequenzen gehabt, muss ich Sie enttäuschen. Keine Frage, wer einer Behörde vorsteht, die nicht bemerkt, dass 1,9 Milliarden Euro lediglich auf philippinischen Fantasiekonten existierten, der ist vermutlich nicht der richtige Mann, um die Sicherheit des Finanzplatzes Deutschland sicherzustellen. Sehe ich auch so, aber so sieht man es nicht in der Welt, in der Olaf Scholz lebt. Der Arbeitsplatz für Felix Hufeld, den Chef der BaFin, ist sicher. Dafür bürgt der Finanzminister persönlich, egal, was kommt.

Zum Beispiel das. Der grüne Abgeordnete Danyal Bayaz hat eine Kleine Anfrage ans Finanzministerium gestellt, wie es denn mit den Aktiengeschäften der BaFin-Mitarbeiter aussah. Ergebnis: Die 94 Mitarbeiter, die für die Verfolgung von Insidergeschäften und Marktmanipulationen zuständig sind, haben bis zum Absturz mit keiner Aktie so viel gehandelt wie mit der von – ja, genau – Wirecard.

Das ist ein wenig so, als würden die Aufseher im Casino sich nach getaner Arbeit an den Roulettetisch setzen und sich von den Croupiers, die sie tagsüber überwacht haben, die Chips zuteilen lassen. Eine eigenartige Arbeitsauffassung, würde ich sagen. Vom Bundesfinanzministerium war in einer ersten Stellungnahme zu hören, man habe die Regeln überprüft und für streng und angemessen befunden.

Wenn es ein Land gibt, das Verlässlichkeit und Korrektheit liebt, dann doch Deutschland, dachte ich immer. Aber so ist es, wenn man den ganzen Tag zu hören bekommt, dass man zu traditionell und zu alt und zu verknöchert sei. Dann sagt man sich irgendwann: Wir müssen auch mal was wagen! Warum nicht mal eine Firma in den Dax holen, die ganz anders ist. Jung und schillernd und digital, um diesen verstaubten Klub von Großkonzernen aufzumischen.

Alt und verstaubt waren sie bei Wirecard nicht. Ein Unternehmen, das mit der Zahlungsabwicklung der Glücksspiel- und Pornobranche groß geworden ist – viel jünger und schillernder geht es nicht. Dagegen ist jeder Bordellbesitzer ein hochseriöser Unternehmer. Bei dem weiß man wenigstens, womit er sein Geld verdient.

Wenn ich darüber nachdenke, dann hätte ich doch gerne den alten Olaf Scholz zurück. Also den Vor-Warburg-, Vor-Wirecard-, Vor-Megaschulden-Scholz. Aber vielleicht habe ich mir den immer nur eingebildet, möglicherweise gab es den nie. Das wäre allerdings eine noch größere Enttäuschung als der Wirecard-Skandal.

In der Herzkammer der grünen Bewegung

Warum fragt eigentlich niemand die grüne Parteispitze, wie sie zum fortgesetzten Rechtsbruch in ihrem Vorzeigeviertel Berlin-Kreuzberg steht? Dass dort Zustände wie in einem Mafia-Dorf herrschen, sollte nicht nur die Grünen bekümmern

Angela Merkel hat jetzt immer zwei sterile Plastiktüten dabei, wie ich bei dem bekannten Merkelbeobachter der „Welt“, Robin Alexander, gelesen habe: eine Tüte, aus der sie mehrmals täglich eine frische Maske zieht, und eine zweite, in der sie die getragenen Masken entsorgt. Angeblich lässt sie auch jeden Türgriff desinfizieren, den sie berührt.

Es gibt ein Video, das Merkel bei einer Begegnung mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte zeigt. Man sieht darauf, wie er auf sie zutritt, um sie zu begrüßen, und sie erschreckt zurückweicht. Wer der Kanzlerin begegnet, sollte zwei Meter Abstand halten. Besser noch wären drei.

Donald Trump hält das Tragen eines Mundschutzes für ein Zeichen der Schwäche. Als er Anfang der Woche das Krankenhaus verließ, wo sie ihn wegen seiner Corona-Erkrankung behandelt hatten, rief er den Amerikanern zu, sie müssten keine Angst vor Covid haben. Er fühle sich so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr, was wohl heißen soll, dass einem im Grunde kaum etwas Besseres passieren kann, als sich mit dem Virus anzustecken.

Das ist die Bandbreite: Merkelsche Vorsicht und Trumpscher Heroismus. Die meisten Deutschen neigen in der Frage des Infektionsschutzes der Kanzlerin zu. Deshalb sind die Zahlen in Deutschland auch relativ moderat. Was Maske und Abstandsgebot angeht, muss man sie nicht überzeugen, dass der heroische Selbstversuch vergleichsweise oft ins Grab führt, da mag der US-Präsident das Virus noch so sehr als Jungbrunnen anpreisen.

Wer hätte gedacht, dass es auch mitten in Deutschland beim Umgang mit Corona ein Trump-Lager gibt. Und das ausgerechnet in einem Vorzeigequartier der linken Bewegung. Seit Wochen steigen die Zahlen in Berlin, kaum ein Bezirk ist so betroffen wie Friedrichshain-Kreuzberg. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz liegt hier bei 58, das ist klar über dem Wert, bei dem eigentlich alles wieder geschlossen werden müsste. Neukölln, wo man die Maske aus Gottvertrauen für ein unnötiges Requisit hält („Das Virus ist groß, Allah ist größer“), liegt noch darüber.

Die Berliner Verwaltung ist wie immer heillos überfordert. Deshalb hilft nun die Bundeswehr bei der Kontaktverfolgung aus. Außer in Kreuzberg. Erste Reaktion auf das Angebot, Soldaten einzusetzen, um Infizierten hinterherzutelefonieren: Man wolle nicht, dass sich die Bürger an den Anblick von Soldaten gewöhnten. Das gebiete schon die Verantwortung vor der deutschen Geschichte. Der Zweite Weltkrieg als Begründung, weshalb man das Virus laufen lässt – das ist immerhin originell.

Am Mittwoch hat das Bezirksamt die Entscheidung noch einmal bestätigt: keine Bundeswehr in Kreuzberg, Covid-19 hin oder her. Man sieht hier, wenn man so will, die grüne Variante des Corona-Protests: Uns kann keener. Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz haben nicht ganz so viel Zutrauen in die natürlichen Abwehrkräfte der Berliner, weshalb Kreuzberg jetzt als Risikogebiet eingestuft wurde.

Ausnahmegenehmigungen für Heizpilze und Gastronomie an der frischen Luft gibt es auch nicht. Wegen der CO2-Bilanz. Der „Welt“-Kollege Robin Alexander hat vorsichtshalber schon mal im Rathaus nachgefragt, ob es okay sei, wenn die Patienten mit schwerem Verlauf im Krankenwagen abgeholt würden. „Oder besteht die Bezirksbürgermeisterin auf Lastenfahrrädern?“ Kreuzberg strebt die autofreie Zukunft an. Eine Antwort steht noch aus.

Die Weigerung, auf die steigenden Infektionszahlen angemessen zu reagieren, ist nicht nur immunologisch bedeutsam, sondern auch politisch. Der Bundesgesundheitsminister hat dieser Tage an den Berliner Senat appelliert, endlich die Corona-Regeln in der Hauptstadt durchzusetzen. Vielleicht sollte Jens Spahn einmal einfühlsam mit dem künftigen Koalitionspartner reden. Die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg kommt von den Grünen. Der Trump ist hier eine Frau und heißt Monika Herrmann.

Wenn Dortmund die Herzkammer der SPD ist, dann ist Kreuzberg die Seele der grünen Bewegung. Nur in Kreuzberg ist es noch selbstverständlich, dass ein Bundestagsabgeordneter einen nicht unwesentlichen Teil seiner politischen Energie in den Kampf gegen die Ansiedlung einer McDonald’s-Filiale steckte, damit die heimische Jugend vor Fast Food geschützt wird. Nur hier leistet man sich bis heute zwei besetzte Häuser als „Schutzraum“, um die Spezies des Autonomen vor dem Aussterben zu bewahren.

Spätestens wenn man sich als Bürger nicht mehr auf die Straße trauen kann, weil einem der linke Mob nachstellt, hört die Folklore für viele allerdings auf. Im „Spiegel“ stand neulich eine lange Geschichte über die besetzten Häuser in der Rigaer Straße und in der Liebigstraße. Der Text begann damit, wie der Verwalter der Rigaer Straße 94 sein Haus betreten will und sofort niedergeschlagen wird.

Dann lernte man eine alleinerziehende Mutter kennen, die erzählte, wie sie eine junge Frau zur Rede gestellt habe, die die Fassade ihres Hauses besprühte. Seitdem kann sie nicht mehr das Haus verlassen, ohne Angst haben zu müssen, attackiert zu werden. Vor zwei Jahren bekam ein Ehepaar Tag und Nacht Polizeischutz. Die Frau hatte den Fehler gemacht, Krankenwagen und Polizei zu rufen, als ein polizeibekannter Gewalttäter aus der Rigaer Straße einen Passanten während eines Streits auf der Straße fast bewusstlos schlug.

Vergangene Woche nahm sich das Politmagazin „Kontraste“ der Sache an. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass in einer deutschen Großstadt Zustände wie in einem Mafia Dorf herrschen. Die Redaktion wusste zu berichten, dass die Besetzer unter dem persönlichen Schutz des grünen Baustadtrats Florian Schmidt stehen. Seit 2016 sind gravierende Mängel beim Brandschutz bekannt. „Kontraste“ präsentierte Dokumente, wonach die Brandschutzbestimmungen auf Anweisungen von Schmidt bis heute missachtet werden, weil jede Bauarbeit bedeuten würde, dass die Bewohner der besetzten Häuser nicht mehr ungestört wären.

Normalerweise kann man gar nicht so schnell gucken, wie einem die Behörden den Laden dichtmachen, wenn jemand sagt: Brandschutz missachtet. Das ist die heilige Kuh im Ordnungsrecht. Nicht so in Kreuzberg. Konsequenzen für Baustadtrat Schmidt? Keine. Brandschutz sei nicht verhandelbar, erklärte die Fraktion der Grünen im Abgeordnetenhaus nach dem Fernsehbericht. Aber wenn keine akute Gefahr für Leib und Leben bestehe, sei eine Ermessensentscheidung möglich. Ein vier Jahre währender Ermessensspielraum? Davon kann jeder kleine oder große Hausbesitzer nur träumen.

Ich schreibe diese Kolumne am Mittwoch, am Donnerstag ist Redaktionsschluss. Für Freitag war jetzt die Räumung des Hauses in der Liebigstraße angekündigt. 3000 Polizeibeamte wurden zusammengezogen, der Besitzer hat die Räumung gerichtlich erzwungen. Es ist auch ein Ringen mit der Politik.

Noch vor wenigen Wochen hat die Bezirksverordnetenversammlung auf Antrag der Grünen und der Linken extra eine Resolution verabschiedet, in der man den Autonomen mit Blick auf die geplante Räumung volle Unterstützung zusicherte. Mit seinem „solidarischen Kiezbezug“ und seiner „Widerständigkeit“ präge das Haus das Viertel und sei deshalb aus Kreuzberg nicht mehr wegzudenken, hieß es darin.

Komischerweise wird die Grünen Spitze nie befragt, wie sie zu dem fortwährenden Rechtsbruch in ihrer Herz und Seelenkammer steht. Kann man sich vorstellen, dass Alice Weidel damit durchkäme, wenn sie erklären würde: „Ach, die spielen da ein bisschen verrückt in Brandenburg. Das muss man nicht weiter ernst nehmen, das hat mit unserer Arbeit bei der AfD rein gar nichts zu tun.“ Ich kann es mir nicht vorstellen.

Also, liebe Grünen Berichterstatter: Beim nächsten Mal, wenn ihr dem wahnsinnig sympathischen Herrn Habeck oder der rasend netten Frau Baerbock begegnet, vielleicht auch eine Frage zu Berlin und den Zuständen in Kreuzberg. Ich bin sicher, die Auskunft, wie die Parteivorsitzenden zur Gesetzlosigkeit im grünen Vorzeigeviertel Friedrichshain-Kreuzberg stehen, interessiert sogar Wähler der Grünen.

Wer weiß schon, was ein Cis-Mann ist?

Die Vertreter der neuen Gendersprache proklamieren, es ginge ihnen um den gesellschaftlichen Fortschritt. In Wahrheit zementiert das politisch korrekte Sprechen die sozialen Unterschiede

Von dem berühmten, jüngst verstorbenen Anthropologen David Graeber gibt es ein Buch namens „Bullshit Jobs“. Darin findet sich die Beobachtung, dass die unteren Schichten mehr gegen Intellektuelle hätten als gegen reiche Leute. Warum das so ist? Ganz einfach, sagt Graeber: Weil der Lastwagenfahrer vom Lande genau wisse, dass seine Tochter niemals eine internationale Menschenrechtsanwältin werde oder eine Theaterkritikerin der „New York Times“.

Millionärin vielleicht. Das ist unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen. Aber Theaterkritikerin? Nie im Leben. Selbst wenn die Lastwagentochter die richtigen Schulen besucht hat, bleibt ihr die Welt der Intellektuellen mit ihren raffinierten Sprachcodes und Lebensweisen verschlossen. Schon die Zahl der Praktika, die sie absolvieren müsste, um sich dort zu empfehlen, sorge dafür, dass sie außen vor bleibe.

Graeber hat recht. Der Millionärsklub kennt zumindest die Figur des Neureichen, also den Aufsteiger, der dazustößt, trotz zweifelhafter Herkunft und noch zweifelhafterer Ansichten. Die intellektuelle Welt ist auf einzigartige Weise hermetisch und exklusiv. Hier erkennt man schon nach wenigen Sätzen, die einer äußert, ob er (oder sie) dazugehört oder nicht. Sprache verändere Bewusstsein, lautet ein Mantra im linken Lager. Vor allem aber markiert sie soziale Grenzen.

Ich musste dieser Tage wieder an Graeber denken, als ich las, dass die Fahrkartenkontrolleure in Berlin jetzt angehalten sind, Schwarzfahrer nicht mehr Schwarzfahrer zu nennen. Wenn sie auf jemanden ohne Ticket stoßen, sollen sie ihn als „Person ohne gültigen Fahrschein“ ansprechen. Die Anti Schwarzfahrer Initiative ist Teil eines 44-seitigen Leitfadens des Senats, um die Vielfalt in der Stadt zu stärken, wie es darin heißt.

Besonderen Wert wird in dem Papier auf die Förderung der Geschlechtergerechtigkeit gelegt, weshalb Mann und Frau nicht mehr einfach Mann und Frau genannt werden, sondern man von „Cis Geschlechtlichkeit“ spricht. Erklärung der Senatsverwaltung für Justiz, die den Leitfaden erstellt hat: „Mit der Vorsilbe ,cis‘ wird beschrieben, dass eine Person in Übereinstimmung mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht lebt. Der Begriff ist das Pendant zu Transgeschlechtlichkeit und stellt gesellschaftlich die ,Norm‘ dar.“

Was als Ausweis fortschrittlichen Denkens gilt, ist in Wahrheit nichts anderes als die Zementierung der Klassengesellschaft. Kann man sich weiter von den normalen Bürgern entfernen beziehungsweise ihnen zeigen, welche Verachtung man insgeheim für sie empfindet, als ihnen nahezulegen, künftig von „Cis Männern“ und „Cis Frauen“ zu sprechen?

Früher war der Gebrauch von Messer und Gabel ein Merkmal, an dem man unwillkürlich erkannte, ob jemand zur Elite zählte – oder, wie am russischen Zarenhof, die Beherrschung des Französischen. Heute ist es der mühelose Gebrauch der Sprache der Vielfalt, die Dazugehörige und Außenstehende trennt.

Ich habe die neue Gendersprache lange nicht richtig ernst genommen. Ein Spezialvokabular, das zum Teil schrecklich ungelenk wirkt, das oft auch grammatikalisch falsch ist, aber im Grunde harmlos – so dachte ich. Der Mensch sucht beim Sprechen die Abkürzung. Niemand bei klarem Verstand spricht statt von Fußgängern lieber von zu Fuß Gehenden, geschweige denn von Fußgänger*innen. Außer bei offiziellen Anlässen. Oder wenn er gezwungen wird. Ich war überzeugt, das funktioniert nur in geschlossenen Anstalten wie Behörden oder Hochschulen.

Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wenn selbst Anne Will und Claus Kleber sich bemüßigt fühlen, beim Reden eine Kunstpause einzulegen, um den Genderstern mitzusprechen, dann zieht die Sache breitere Kreise. Der Deutschlandfunk hat seine Redakteure gerade auf die durchgängige Anwendung gendergerechter Sprache verpflichtet – gut, der geht noch als geschlossene Anstalt durch. Aber auch in Hannover oder im braven Kiel gelten mittlerweile strenge Genderrichtlinien. Selbst das Bistum Eichstätt fühlt sich dem Zeitgeist verpflichtet und teilt per Twitter mit, dass die „Bischöfe und Liturg*innen“ zum Schöpfungstag Kraniche gebastelt hätten, als Zeichen für den Frieden.

Das Irre ist, dass nie ganz klar ist, was mit dem Genderstern eigentlich zum Ausdruck gebracht werden soll. Dass Frauen unsichtbar blieben, wenn die weibliche Form nicht explizit mitgesprochen werde, wie es zur Begründung heißt: Schon das ist eine waghalsige Annahme. Jüngere Frauen verfügen bekanntlich über deutlich höhere Bildungsabschlüsse als Männer. Warum das sogenannte generische Maskulinum schuld daran sein soll, wenn sie den Karrierepfad verlassen und sich ins Familienleben verabschieden, will mir nicht recht einleuchten. Aber meinetwegen.

Nur, warum dann mit Pause reden? Weil es nicht mehr ausreiche, nur Frauen sichtbar zu machen, wie die Vertreter der neuen Sprache betonen, sondern man auch all diejenigen berücksichtigen müsse, die sich irgendwo auf dem Weg zwischen den Geschlechtern befinden. Damit allerdings hat die Sache den Bereich des Nachvollziehbaren verlassen.

Es ist eine Sache, Menschen, die sich nicht für eines der beiden Geschlechter entscheiden können, mit Höflichkeit und Respekt zu begegnen. Etwas völlig anderes ist es, eine ganze Gesellschaft darauf verpflichten zu wollen, beim Reden und Schreiben eine Art Schluckauf einzubauen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Es ist übrigens gar nicht so einfach, richtig zu gendern. Beim Schreiben wirft man überall, wo man denkt, dass es sein muss, einen Stern dazwischen. Das geht noch relativ leicht. Kompliziert wird es beim Reden. Da man den Genderstern nicht sprechen kann, muss man bei jedem Wort in der Mitte eine Dehnungssekunde einlegen. Wobei aufgepasst: Ist die Pause zu lange, ist es auch nicht recht. Dann gerät man in Verdacht, man wolle sich lustig machen und die Angelegenheit ins Lächerliche ziehen. Schlimmer als jemand, der im Zustand der Unwissenheit lebt, ist der Ignorant, der zwar weiß, wie es richtig geht, sich aber bewusst darüber hinwegsetzt.

Wie bei jeder Revolution geht es auch darum, sich in ein vorteilhaftes Licht zu setzen, indem man den weniger Gebildeten und Erleuchteten demonstriert, wie sehr sie der Entwicklung hinterherhinken. Deshalb durchzieht alle Proklamationen ein Ton der Herablassung und augenverdrehenden Indigniertheit.

„Wisst ihr es nicht besser oder ist das eure Unfähigkeit, sich auf Veränderungen einzulassen?“ war vergangene Woche ein Text überschrieben, in dem der aktuelle Jahrgang der Deutschen Journalistenschule ein Plädoyer fürs Gendern ablegte. Der Text endete damit, dass die neue Zeit unaufhaltsam sei und die Widersacher in den Redaktionen glücklicherweise bald in Rente gingen, wo sie dann nur noch wütende Leserbriefe schreiben könnten, die niemand mehr zur Kenntnis nehme.

Bleibt der Unwille in den niederen Ständen. Alle Versuche, sie zur Akzeptanz der neuen Sprache zu bewegen, stoßen auf finstere Ablehnung. Die werktätigen Massen mögen nicht einsehen, warum sie plötzlich so sprechen sollen wie die Söhne und Töchter des Bürgertums, die es sich leisten können, zwischen Abitur und „irgendwas mit Medien“ sechs Semester Genderstudies einzulegen. Instinktiv spüren sie, dass man sie für minderbemittelt und erziehungsbedürftig hält. Das erfüllt sie verständlicherweise mit Grimm.

Dass sich gesellschaftliche Teilhabe auch übers Sprachverständnis entscheidet, ist eine Erkenntnis, die gerade die Linke lange umgetrieben hat. In den siebziger Jahren führte das zu verschiedenen Initiativen, auf Groß und Kleinschreibung zu verzichten. Heute gibt es den Versuch, über die sogenannte Leichte Sprache die Barriere zu senken. Wie sich die Cis Grammatik mit dem Versuch verträgt, auch Menschen zu erreichen, die ohnehin Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, wird für immer das Geheimnis der Genderaktivisten bleiben.

Der falsche Kandidat

Friedrich Merz gilt als Mann von gestern. Dabei ist sein Problem nicht die angebliche Rückwärtsgewandtheit, sondern das Verspannte und Verklemmte, dass bei nahezu jedem Auftritt zum Vorschein kommt

Friedrich Merz hat auf „Bild TV“ ein Interview gegeben. Es ging um die Kandidatur für den CDU-Vorsitz und seine Konkurrenten. Was er von einem schwulen Bundeskanzler halten würde, wurde er gefragt. Ob er da Vorbehalte hätte? Mit der Frage war Jens Spahn gemeint, der bei den Beliebtheitswerten vor Merz liegt und von dem man weiß, dass er mit einem Mann verheiratet ist.

Es gibt in so einem Fall mehrere Möglichkeiten zu antworten. Man könnte sagen, dass man die Frage nicht verstehe. Warum es von Bedeutung sei, mit wem ein Kanzler zusammenlebe? Man könnte darauf verweisen, dass die Homosexualität eines Politikers vielleicht für andere ein Problem sei, aber nicht für einen selbst. Man könnte natürlich auch sagen, dass man nur jemanden an der Spitze der Regierung sehen will, der dem klassischen Familienbild entspricht. Das wäre die Variante, mit der sich am meisten Aufmerksamkeit generieren ließe.

Merz entschied sich für den Mittelweg. Die sexuelle Orientierung sei Privatsache, sagte er, um dann hinzuzufügen, wo aus seiner Sicht diese Privatsache ende: wenn Gesetze missachtet würden oder Kinder im Spiel seien. Einer, der bei Homosexualität an Gesetzesbruch und Pädophilie denkt, und das auch so äußert: Das hat es an der Spitze der CDU zuletzt vor 60 Jahren gegeben. Nicht einmal Helmut Kohl hätte sich zu einer solchen Aussage verleiten lassen.

Merz hat anschließend erklärt, dass er sich falsch verstanden fühle. Aber man muss die Frage nur leicht abwandeln, um zu erkennen, dass die Antwort, die er gab, nicht so harmlos ist, wie er es im Nachhinein gerne dargestellt wüsste. Nehmen wir für einen Moment an, die Frage hätte gelautet: „Armin Laschet hat eine 30 Jahre jüngere Freundin. Hätten sie Vorbehalte gegen einen Bundeskanzler, der eine so junge Frau hat?“ Hätte Merz dann auch gesagt, dass für ihn alles okay sei, solange sich die beiden an die Gesetze hielten und keine Kinder belästigten? Schwer vorstellbar. Und wenn ja: Es hätte ebenfalls Befremden ausgelöst.

Ich gebe zu, dass ich zwischenzeitlich versucht war, Merz in Schutz zu nehmen. Wenn Saskia Esken erklärt, es seien „Abgründe, in die wir da blicken“, denke ich: Mutter Gottes, wenn sie schon in einen Abgrund blickt, sobald ein CDU-Politiker im Interview über die eigenen Füße stolpert, wie will sie es dann nennen, wenn jemand mal wirklich Abgründe offenbart? Die Hölle? Aber man soll nicht im Trotz schreiben. Die Kandidatur von Merz ist in ernsthaften Schwierigkeiten, allerdings aus anderen Gründen, als viele meinen.

Seit es ihn wieder in die Politik zieht, eilt ihm der Ruf voraus, er wolle in die 50er Jahre zurück. Er sei ein Mann von gestern, heißt es. Wäre dies das Problem, dann würde ich sagen: Damit lässt sich leben. Der Reiz des Neuen wird bei Wahlen deutlich überschätzt. Die meisten Menschen verbinden mit der Vergangenheit positive Erinnerungen; ganze Industrien leben vom Retro-Schick und der Verklärung des Gestern.

Davon abgesehen: Auch die Grünen sehnen sich nach der Vergangenheit. Ihr Sehnsuchtsjahrzehnt liegt irgendwo um 1880, vor der Erfindung des Automobils, als der Bauer noch das Pferd bestieg statt den Diesel und der Wald von den Alpen bis zur Elbe reichte. Warum das nun fortschrittlicher sein soll, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja auch kein Kritiker der Moderne.

Ein Teil der Aufregung beruht auf ein er Verwechslung. Aus der Tatsache, dass sie in den Hamburger Redaktionen schäumen, wenn sie den Namen Merz hören, folgt nicht automatisch, dass seine Kandidatur erledigt wäre. Säßen seine Wähler beim „Stern“ oder beim „SPIEGEL“, dann hätte er es schon im ersten Anlauf nicht einmal in die Nähe des Parteitags geschafft. Ich glaube, dass Merz ein Problem hat, weil auch viele CDU-Anhänger in gesellschaftspolitischen Fragen weiter sind als der Kandidat. Selbst wenn sie gegen Schwule Vorbehalte hegen, wollen sie nicht, dass der Vorsitzende ihrer Partei und vermutlich nächste Kanzler solche äußert.

Die meisten Wähler wünschen sich als Regierungschef eine bessere Variante ihrer selbst, deshalb reagieren sie bei Politikern ja auch so allergisch auf Verfehlungen, die sie sich selbst oder ihrem Nachbarn sofort durchgehen ließen. Wer sich als Kanzler bewirbt, soll nicht abgehoben sein, aber eben auch nicht zu sehr wie das normale Volk. Die Leute mögen es nicht, wenn man auf sie herabschaut. Sie blicken jedoch ganz gerne zu den Menschen auf, die sie mit Macht ausstatten.

In einer Befragung durch das Meinungsforschungsinstitut Allensbach haben 41 Prozent die CDU/CSU als die sympathischste Partei in Deutschland genannt, mit weitem Abstand vor den Grünen, die 21 Prozent erreichen, und der SPD, die nur auf 15 Prozent kommt. Gemocht zu werden ist nicht alles, aber es ist als Wahlmotiv auch nicht zu unterschätzen. Kompetenz, politische Erfahrung, Durchsetzungsstärke: zweifellos wichtige Pluspunkte. Doch die Möglichkeit, sich durch die Stimmabgabe einer Gruppe anzuschließen, die als sympathisch wahrgenommen wird, wiegt mehr.

Sympathie ist allerdings schnell verspielt, auch deshalb sind die Einlassungen von Merz so dummerhaft. Es wirkt nun einmal nicht besonders sympathisch, in der Öffentlichkeit Vorurteile über Minderheiten zu äußern, schon gar nicht, wenn es gegen jemanden geht, mit dem man konkurriert. Da kann Merz noch so oft erklären, so sei das nie gemeint gewesen. Spahn hat den Satz auf sich bezogen, damit ist die Sache für ihn und gegen den Mann aus dem Sauerland entschieden.

Das Problem an Merz ist nicht seine angebliche Rückwärtsgewandtheit, sondern die Verspanntheit, die in nahezu jedem Interview zu Tage tritt. Nur Merz bringt es fertig, auf die Frage, worüber er mit seinen Kindern am Abendbrottisch rede, zu antworten: über die Generationengerechtigkeit. Klar, worüber auch sonst? Ich kenne kaum einen Politiker, der so auf Distanz zu Menschen bleibt. Vielleicht verachtet er sie insgeheim, das ist schwer zu sagen. Jedenfalls ist er im Kontakt erstaunlich unbeholfen. Ein Auftritt von Merz geht so: Er kommt rein. Er hält seinen Vortrag. Er grüßt ins Publikum. Er geht.

Seine Sprödigkeit hat ihn nicht daran gehindert, eine treue Fangemeinschaft auszubilden. Merz erfüllt die Sehnsucht von Menschen, die denken, dass Politik eine schmutzige Sache sei. Er verkörpert den Typus des Anti Politikers, der mit kaltem Sachverstand aufräumen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Dass gerade die Politik ein Geschäft ist, dass ein Gefühl für Menschen, ihre Stimmungen, Nöte und Ängste verlangt, wird dabei leicht übersehen.

Wäre Spahn der bessere Kandidat? Ich habe für den Gesundheitsminister eine gewisse Schwäche, muss ich zugeben. Mir hat gefallen, wie er in der Corona Krise Führung zeigte, ohne ins Autoritäre zu verfallen. Als er im Bundestag mit dem Satz um Verständnis bat, man werde im Nachhinein auch für vieles um Verzeihung zu bitten haben, unterschied sich das wohltuend von den Auftritten anderer Corona Bekämpfer, wonach die Politik die Zügel anziehen müsse, wenn sich die Bürger nicht am Riemen rissen.

Vielleicht hat mich Spahns Entscheidung, sich eine Millionenvilla in Dahlem zuzulegen, deshalb so irritiert. Ich verstehe, wenn man nicht alles der Politik unterordnen will. Ich bin ebenfalls gegen die Neidgesellschaft. Aber es gehört nun einmal zu den Tatsachen des politischen Lebens, dass man sich nicht zu weit von den Leuten entfernen sollte, die einen wählen – jedenfalls dann nicht, wenn man später einmal Kanzler werden will.

Kohl wohnte Zeit seines Lebens in einem Bungalow in Oggersheim, Willy Brandt blieb bis zum Schluss in Unkel. Beide hätten sich leicht ein Millionenanwesen in Berlin leisten können. Dass sie es nicht taten, entsprang dem Wunsch, ihren Anhängern zu zeigen: Ich bin ein er von euch. Am En de ist das die Frage, auf die für den Wähler alles zuläuft: Gehört er noch zu uns? Je größer die Gruppe, die diese Frage mit Ja beantwortet, desto höher kann man steigen.

Der mit der Stimmung reitet

Die Mehrheit wünscht sich Markus Söder als Kanzlerkandidaten. Er selbst hält sich ohnehin für den besten Mann an der Spitze der Union. Aber wäre er auch ein guter Kanzler?

Markus Söder soll Kanzlerkandidat werden, so sagen es die Umfragen. 56 Prozent der Deutschen finden, dass er ein guter Kandidat wäre. Von Friedrich Merz glauben das nur 33 Prozent. Über den armen Armin Laschet sagt das nicht mal ein Viertel der Wähler, daran wird auch die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen wenig ändern.

Ich bin bei Söder befangen, wie bei allem, was Bayern und die CSU angeht. Ich lebe seit sechs Jahren in München. Wie viele Migranten neige ich zur Überidentifikation mit der neuen Heimat. Ich sage „Grüß Gott“, wenn ich ein Geschäft betrete, und verabschiede mich mit einem herzlichen „Pfiati“. Irgendwo habe ich sogar eine Lederhose, die ich gleich nach meinem Umzug erstanden habe.

Ich gehöre auch zu den wenigen Journalisten, die sich für Söder als bayerischen Ministerpräsidenten ausgesprochen haben, und zwar zu einem Zeitpunkt, als noch unklar war, ob es Horst Seehofer nicht doch gelingen würde, ihn als Nachfolger zu verhindern. Ich weiß nicht, ob das für oder gegen mich spricht. Aus Sicht der Mehrheit meiner Kollegen vermutlich klar gegen mich. Immerhin zeigt es, denke ich, dass ich bei meinen Einschätzungen zum Verlauf der söderschen Karriere nicht ganz falsch liege.

Söder würde gerne Kanzler werden, daran habe ich keinen Zweifel. Im Augenblick spielt er auf Zeit, das heißt, er sagt, dass sein Platz in Bayern sei (wo sollte er auch sonst sein, auf Bornholm?). Auch habe die CDU als größere Schwester das geborene Vorschlagsrecht. Was man eben so sagt, wenn noch nicht einmal ausgemacht ist, dass einen die eigenen Leute als Kandidaten wollen.

Im Gegensatz zu seinem Image ist Söder ein vorsichtiger Mensch. Wie alle Instinktpolitiker hat er ein Gefühl für Stimmungen und Stimmungsumschwünge. Notfalls hilft er mit Umfragen nach. Wenn er einen politischen Standortwechsel einleitet, heißt das also, dass er dort bleibt, wo er schon vorher war: nämlich bei der Mehrheit.

Söder ist kein Politiker, der den Menschen Größeres zumuten würde. Er käme nie auf die Idee, wie sein Vorvorgänger Edmund Stoiber aus politischem Ehrgeiz ein Projekt anzuschieben, das zwar sachlich geboten erscheint, aber bei einer nennenswerten Zahl von Wählern nur Missmut weckt. Man kann das für Opportunismus halten – oder für eine erfrischend unideologische Herangehensweise.

Als die AfD zulegte, war Söder der entschiedenste Flüchtlingspolitik-Kritiker in der Union. Als die Grünen ihren Höhenflug antraten, umarmte er jeden Zweig und jeden Strauch, der nicht rechtzeitig Reißaus nehmen konnte. Selbstverständlich setzte er sich auch an die Spitze des Volksbegehrens gegen das Bienensterben, als sich die Schlange der Unterzeichner vor dem Münchner Rathaus bis zum Stachus zu ziehen drohte. In ganz Deutschland wird man keinen größeren Bienenfreund als den bayerischen Ministerpräsidenten antreffen!

Jetzt ist er eben der oberste Corona-Bekämpfer, jedenfalls bis zu dem Moment, an dem die Stimmung kippt und sich die Vorstellung durchsetzt, man übertreibe es mit der Maskenpflicht. Dann wird er davor warnen, dass man bei aller Sorge um die Gesundheit auch die Freiheitsrechte im Blick behalten müsse.

Zwei Mal in der Geschichte der Bundesrepublik haben Politiker aus Bayern versucht, ins Kanzleramt vorzustoßen, der eine war Franz Josef Strauß, der andere Stoiber. Beide Male ging es schief. Strauß, den sie bis heute in der CSU wie einen Heiligen verehren, war die Personifikation des bayerischen Starkbier-Politikers: hinreißend im Auftritt, intellektuell brillant und erstaunlich emotional, was seine Feinde dann erfolgreich gegen ihn zu wenden wussten. Der sehr viel diszipliniertere Stoiber kam dem Kanzleramt bis auf ein paar Tausend Stimmen nahe, aber auch hier überwog am Ende das Misstrauen des evangelischen Nordens gegenüber dem katholischen Süden.

Hätte Söder das Zeug zum Kanzler? Das ist eine Frage, die interessanterweise kaum gestellt wird. Söder ist vor allem auch ein sehr misstrauischer Mensch, was man auf den ersten Blick nicht vermuten sollte. Niemand beackert so hingebungsvoll die Bierzelte wie er. Wenn es irgendwo ein Volksfest oder eine Feuerwehreinweihung zu feiern gibt, dann ist er zur Stelle. Hier liegt die Wurzel seiner Popularität, gegen die nicht einmal Seehofer ankam, der nun wirklich alles daran gesetzt hat, ihm den Weg in die Staatskanzlei zu verlegen.

Seine hart erarbeitete Volkstümlichkeit täuscht allerdings darüber hinweg, dass er in Wahrheit ein Einzelgänger ist. Söders größte Schwäche besteht darin, dass er unfähig ist, Loyalität zu stiften. Das verbindet ihn mit Seehofer. Aber im Gegensatz zum Bundesinnenminister, der Freude am Spiel mit anderen Menschen hat, ist Söder bei seinen Rochaden kalt bis ins Herz. Von wem er sich keinen Nutzen mehr verspricht, der wird abserviert, das gilt auch für Leute, die ihm bis gerade eben noch treu gedient haben.

Als Minister kann man so agieren, auch als Ministerpräsident. Im Zweifel ist die Angst vor der Bestrafung immer stärker als der Drang, sich der Presse anzuvertrauen. Bei einem Kanzler funktioniert dieses Führungsprinzip nicht mehr, dafür ist das Land und die Zahl derer, die trotz Parteibindung unabhängig von einem sind, zu groß. Wer aber auch in den eigenen Reihen mehr Menschen hat, die einem den Misserfolg wünschen, als Mitstreiter, die am Gelingen interessiert sind, der verzettelt sich irgendwann in Vergeltungs- und Rachegefechten.

Das andere, was mich an der Kanzlereignung zweifeln lässt, ist Söders Wendigkeit. Einer, der ihn seit Langem beobachtet, sagte vor ein paar Tagen zu mir den schönen Satz: „Söder ist immer nur so gut wie das Volk, das er regiert.“ Was bedeutet: Wenn das Volk eine Abbiegung ins Unanständige nimmt, dann ist er nicht der Mann, sich dem entgegenzustellen. Das unterscheidet ihn von Angela Merkel, bei der man trotz aller Umfragehörigkeit wusste, dass es einen Punkt gibt, an dem sie nicht mehr mitmachen würde.

Söder hat im kleinen Kreis erkennen lassen, dass er nur in die Schlacht zieht, wenn die CDU ihn will. Er hält sich für den besten Kandidaten, alles andere wäre bei einem, der sich das wichtigste Staatsamt zutraut, auch widernatürlich. Aber er will nicht enden wie Stoiber, der sich der Union aufdrängte und am Ende von ihr im Wahlkampf im Stich gelassen wurde. Also wird es davon abhängen, was für die CDU mehr zählt: der Stolz, bislang alle Kanzler der Union gestellt zu haben, oder der Blick auf die Umfragen.

Wie wichtig ist die Herkunft? Wir reden viel über Diversität und Vielfalt, aber es ist ganz grundsätzlich die Frage, ob Abstammung und Geburtsort für Söder bei der Kanzlerwahl nicht ein zu großes Handicap sind. Einerseits wird der Bayer an und für sich bewundert, auch wenn man sich das außerhalb nicht gerne eingesteht. Alles an Bayern glänzt: die Verwaltung, die Wirtschaft, der Himmel über den Alpen. Aber das heißt noch lange nicht, dass man einen aus Bayern deshalb im Rest der Republik ans Ruder lassen würde (auch wenn Söder Franke und Protestant ist und damit streng genommen gar kein richtiger Bayer).

Wenn sie eines in Bayern nicht beherrschen, dann, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erinnern sie die ärmeren Verwandten daran, dass sie es sind, die am Ende die Zeche zahlen. Das entspricht durchaus der Realität, macht einen aber halt nicht beliebter. Wenn der arme Verwandte die Gelegenheit hat, es dem reichen Onkel heimzuzahlen, dann nutzt er diese in der Regel, auch wenn er sich selbst damit schadet.

Würden in der Politik nur Ratio und Verstand zählen, dann hätte längst ein Bayer das Land regieren müssen. Dass es bislang immer anders gekommen ist, sagt uns auch etwas über den Vernunftgrad von Politik.

Die braunen Wurzeln der grünen Bewegung

Die Schnittmenge zwischen grünem Stammpublikum und anthroposophisch bewegten Corona-Leugnern ist größer, als viele denken. Der Parteispitze ist der Esoterik-Klüngel peinlich. Aber verärgern will sie ihn auch nicht

Ich habe überlegt, meinen Sohn auf einer Waldorfschule anzumelden. Er kommt nächstes Jahr in die Schule. Er ist ein wissbegieriger Junge, interessiert an allem Neuen. Im Augenblick beschäftigt er sich mit dem Leben in der Tiefsee. Letzte Woche überraschte er mich mit der Erkenntnis, dass Pottwale auf der Suche nach Tintenfischen bis zu 2500 Meter tief tauchen können. Ich wusste das nicht.

Ich habe gehört, dass sie in der Waldorfschule in besonderer Weise die Lernbegeisterung von Kindern fördern, das hat mir gefallen. Dafür würde ich auch in Kauf nehmen, dass man seinen Namen tanzen muss. Ich habe mit der Schulleiterin telefoniert, um mich nach einem Vorstellungstermin zu erkundigen. Sie wirkte am Telefon eigentlich sehr vernünftig. Als ich fragte, wie sie denn durch die Corona Zeit gekommen sei, da die Anthroposophie das Internet ja sicherlich ablehne, sagte sie, die Schule hätte mit den Kindern über den Computer Kontakt gehalten. Das klang beruhigend.

Meine Frau ist skeptisch. Sie fürchtet, dass unser Sohn kein vernünftiges Abitur macht, weil sie in der Schule zu sehr vom offiziellen Lehrplan abweichen. Außerdem hält sie Anthroposophie für Hokuspokus. Ich will nicht, dass er am Ende zu einer Sekte kommt, sagt sie. Ich habe mich daraufhin im Netz kundig gemacht. Es ist erstaunlich, dass noch niemand im Zuge des Bildersturms auf die Idee gekommen ist, gegen Rudolf Steiner, den Begründer der Waldorfschule, vorzugehen. Wenn es Winston Churchill verdient hat, dass man seine Denkmäler attackiert, dann Steiner allemal.

Neben Thesen zu Reinkarnation und dem geheimen Wissen durch Intuition findet man Ausführungen zu einer lemurischen, einer atlantischen und einer arischen „Wurzelrasse“, die Steiner nach einer „übersinnlichen Wesensschau“ der Reihe nach anordnet. Es gibt haarsträubende Zitate („Der Neger hat ein starkes Triebleben, sein ganzer Stoffwechsel geht so vor sich, wie wenn in seinem Innern von der Sonne selbst gekocht würde“); im Geschichtsunterricht folgen sie in der Waldorfpädagogik angeblich einer fiktiven Völkerwanderung, die in einem sagenhaften Königreich beginnt und in der germanisch angelsächsischen Kulturepoche als Höhepunkt endet. Ich denke, ich sollte die Einschulung noch einmal überdenken.

Viele hat es überrascht, bei den Corona Demonstrationen Menschen zu sehen, die man eher im Umfeld eines Grünen Parteitags vermuten sollte. Vor Erleuchtung glühende Frauen in Wallekleidern, die „Liebe ist die Antwort“ skandieren. Anhänger der Chakrenzentrierten Meditation, die das Virus einfach wegatmen. Dazwischen Freunde der Sonnenblume, die auch im Kampf gegen Covid19 ganz auf die Heilkraft der Pflanze setzen.

Wer einmal auf einem Esoterikkongress war, der ahnt, dass die Schnittmenge zwischen grünem Stammpublikum und Corona Leugnern größer ist, als man vielleicht vermuten sollte. Von der Heilpraktikerin aus der Eifel zum Reichsbürger in der Hauptstadt ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Den Grünen sind die esoterischen Schwestern und Brüder mit dem rechten Einschlag verständlicherweise etwas peinlich. Andererseits will man sie auch nicht verärgern. Zwei bis drei Prozent sind im politischen Geschäft eine Größe, auf die man nicht verzichten möchte, schon gar nicht, wenn man sich daran macht, das Kanzleramt zu erobern.

Auch im Vorstand der grünen Partei weiß man, dass Quarz und Kuhmist im Stierhorn, bei Mondlicht vergraben, nicht wirklich den Ernteertrag steigern – oder dass der Genuss von Zuckerkügelchen keine unmittelbar gesundheitsfördernde Wirkung hat, selbst wenn sie verschüttelt und nicht gerührt wurden. Andererseits behält man diese Wahrheiten lieber für sich, weil eben ein beträchtlicher Teil der Anhänger an die Wunderwirkung von Zuckerkugeln und nächtlich vergrabenem Stierhorn glaubt. Mit nichts bringt man Anhänger der Homöopathie so verlässlich auf die Palme wie dem Vorwurf, sie würden an Quacksalberei glauben.

Ich bin in den siebziger Jahren groß geworden. Carlos Castaneda und die psychedelische Kraft des Schamanismus, die Weisheit des Pendels, die ewige Macht der Gestirne – das ist die Welt, die schon damals als alternativ galt. Dass man der Pharmaindustrie nicht glauben dürfe, weil sie uns nur vergiften wolle, war eine unumstößliche Gewissheit wie der gebetsmühlenhaft vorgetragene Argwohn gegenüber der sogenannten Schulmedizin. Es ist kein Zufall, dass das Epizentrum der Impfgegner im Prenzlauer Berg liegt, dem Viertel Berlins, das als das Walhalla der Grünen gelten darf.

Das Okkulte und Obskure sind vielfältig anschlussfähig. Tatsächlich verdankt die grüne Bewegung der völkisch orientierten Esoterikszene mehr, als man bei den diversen Erinnerungsmärschen und Jubiläumsveranstaltungen zu hören bekommt. Bereits Anfang der Achtziger, als man sich daran machte, die Parlamente zu erobern, saßen neben langhaarigen Sprossenjüngern in Batikhosen rechte Hutzelmännchen wie der Ökobauer Baldur Springmann, die von Blut und Boden nahtlos zur biodynamischen Landwirtschaft gewechselt waren. Dass die Unternehmensgeschichte beliebter Bio Label wie Demeter oder Weleda tief in die braune Zeit zurückreicht, fügt sich ins Bild, würde ich sagen.

Die Mitbegründerin der Grünen, Jutta Ditfurth, hat vor Jahren ein verdienstvolles Buch über diese seltsame Allianz von grünem und rechtem Denken geschrieben („Entspannt in die Barbarei“). Schon bei Ditfurth findet sich die Beobachtung, dass der Naturmystizismus in eine merkwürdige Gleichsetzung von Mensch und Krankheitserregern führt.

Wenn die Natur heilig ist, dann sind es auch Viren und Keime, folglich lässt man ihnen am besten ihren Lauf. Dass sich diese Weltsicht wunderbar mit einem offenen Öko Darwinismus verträgt, auch das steht schon bei Ditfurth: Wen das Virus hinwegrafft, der war entweder zu schwach oder nicht genug im Einklang mit sich und dem Universum. Ditfurths Fazit 1996: „Die Alternativbewegung ist inzwischen mehrheitlich esoterisch verblödet.“

In der medialen Befassung mit dem esoterischen Klüngel ist man in den Redaktionsstuben schnell dabei, Entwarnung zu geben: Klar, nicht schön, dieser frömmelnde Narrensaum, anderseits habe die Parteiführung das Problem ja erkannt und adressiert. Also Problem erkannt, Problem gebannt.

Wenn es denn so einfach wäre. Bis heute können sich die Grünen nicht entscheiden, wie sie es mit den Homöopathen halten sollen. Kritiker werden auf einen Entwurf des Grundsatzprogramms verwiesen, wonach von den Krankenkassen nur medizinische Leistungen ersetzt werden sollten, deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen sei. Aber die Homöopathen halten ihre Methoden für wissenschaftlich begründet, das ist ja genau der Witz. Insofern gibt es hier von ihnen auch wenig Widerspruch.

Selbst Führungskräfte der Partei scheuen vorm Flirt mit dem Esoterik Flügel nicht zurück. Einer der Helden der Anti Corona Szene, der Kennedy Spross Robert F. Jr., der von der Anti Atomkraft Bewegung zum Anti Corona Engagement fand, erfreute sich bei seinem Europatrip auch einer Einladung der EU-Grünen. Die grüne ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast verbreitet unverdrossen Tweets der Ökoaktivistin Vandana Shiva, die sich nach dem Kampf gegen den Goldenen Reis nun dem Kampf gegen Bill Gates und das Impfen angeschlossen hat.

Viel ist von der Gefahr die Rede, die von den Corona Demonstrationen für die Demokratie ausgehe. Was die nahe Zukunft angeht, fürchte ich mich allerdings mehr vor den antiwissenschaftlichen Reflexen des grünen Milieus als vor den Reichsbürgern. Eine große Zahl von Deutschen sagt in Umfragen, dass sie sich nicht mit einem Covid19Schutz impfen lassen würden, auch wenn er als unbedenklich zu gelassen wäre. Wenn man den Leuten über Jahre einredet, Gentechnik sei des Teufels, muss man sich nicht wundern, wenn die Menschen einem Impfstoff misstrauen, der allein der Gentechnik zu verdanken ist.

Laboratorium des Wahnsinns

Wenn etwas den Berliner Senat auszeichnet, dann die Kombination aus Großsprecherei und Unfähigkeit. Wer sich fragt, wie eine rot-grün-rote Koalition auf Bundesebene aussehen würde, der bekommt in der Hauptstadt Anschauungsunterricht

Einmal im Jahr ziehen etwa 1200 vorwiegend arabischstämmige Menschen über den Ku’damm in Berlin und wünschen Israel den Tod. Die Demonstranten skandieren „Kindermörder Israel“ oder „Juden ins Gas“. Der sogenannte Al-Kuds-Tag, zu dem sich die Protestteilnehmer versammeln, ist eine Erfindung des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini, mit dem dieser die muslimische Welt daran erinnern wollte, dass es erst dann Frieden im Nahen Osten geben könne, wenn Israel von der Landkarte getilgt sei.

Seit 1996 geht das so. Ihm seien die Hände gebunden, erklärte der Berliner Innensenator Andreas Geisel ein ums andere Mal, wenn Kritik laut wurde, die Versammlungsfreiheit sei in Deutschland ein hohes Gut. Er könne nicht nach Gutdünken entscheiden, wer in Berlin demonstrieren dürfe und wer nicht. Dass der Al-Kuds-Marsch dieses Jahr ausfiel, ist dem Coronavirus und nicht dem Berliner Senat zu verdanken.

Vor zehn Tagen hat sich der zögerliche Herr Geisel überraschend entschieden gezeigt. „Ich bin nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird“, kommentierte er die Entscheidung seiner Behörde, den Aufmarsch der sogenannten Anti-Corona-Demonstranten zu verbieten. Die juristische Reaktion folgte prompt. Zwei Tage nach der Erklärung des Innensenators gab das Verwaltungsgericht einer Klage der Veranstalter statt: Das Verbot sei schlampig begründet und eindeutig rechtswidrig.

Ein Innensenator, der kein Mittel findet, eine Hardcore-Antisemiten-Demo aufzulösen, aber sobald es ihm opportun erscheint, erklärt, wen er auf der Straße dulden wolle und wen nicht: In jedem anderen Bundesland hätte das eine Debatte nach sich gezogen, ob der Mann noch geeignet sei für sein Amt. Nicht so in Berlin. Dort zog man vors Oberverwaltungsgericht, das der Polizeiführung noch einmal die Rechtswidrigkeit ihres Handelns bestätigte. Dann ging man zur Tagesordnung über. Beziehungsweise ließ die Dinge laufen, mit dem Ergebnis, dass sich am Wochenende ganz Deutschland wunderte, warum bei einer Großdemonstration im Regierungsviertel nur drei Polizisten vor dem Reichstag stehen, um diesen gegen Übergriffe zu schützen.

Es lohnt, sich näher mit den Berliner Verhältnissen zu beschäftigen. Die Stadt sieht sich von jeher als Laboratorium. Was hier passiert, darf man getrost als Vorbild verstehen, auch in politischer Hinsicht. Wer sich fragt, wie die Koalition von Grünen, Linkspartei und Sozialdemokraten aussehen würde, von der es mit Blick auf die Bundestagswahl heißt, dass ihr die Zukunft gehöre, der bekommt in der Hauptstadt Anschauungsunterricht.

Viel war zuletzt von dem beklagenswerten Mangel an Verfassungstreue in Teilen der Bevölkerung die Rede. Dass sich alle Bürger ans Grundgesetz halten, ist zweifellos wünschenswert – noch wichtiger wäre aus meiner Sicht allerdings, dass sich auch die politisch Verantwortlichen dar angebunden fühlen. Ich kann mir die Nonchalance, mit der in Berlin üb er das Versammlungsrecht hinweggegangen wird, nur so erklären, dass die Maßstäbe grundsätzlich verrutschen, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass man es mit Recht und Gesetz nicht so genau nehmen muss.

„Legal, illegal, scheißegal“, lautete ein Slogan der 80er Jahre. Nicht einmal die Punks von Slime hätten sich träumen lassen, dass dieses einmal zum Stadtmotto von Berlin werden würde. Die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes hat der Senat schon Anfang des Jahres ausgehebelt, als er alle Immobilienbesitzer zur Einheitsmiete zwang. Dass das Bundesverfassungsgericht den Mietendeckel wieder kassieren wird, gilt unter Juristen als ausgemachte Sache. Die Folgen dieses einzigartigen Experiments in spätem Immobiliensozialismus sind schon jetzt zu besichtigen.

Die Zahl der auf dem Mietmarkt angebotenen Wohnungen hat sich halbiert. Dafür schreitet die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen munter voran. Wer das Glück hat, dennoch eine Mietwohnung zu finden, muss sich zur Zahlung einer sogenannten Schattenmiete bereit erklären. Wie immer, wenn der Sozialismus regiert, sind es die Findigen und politisch gut Vernetzten, die am ehesten zurecht- kommen. 572 Euro für 16 Quadratmeter in der Landgrafenstraße im Tiergarten in einer Vierer-WG, wie vergangene Woche bei „wgcompany.de“ ein Angebot lautete? Das dürfte den Mietendeckel mehrfach sprengen, auch wenn der Anbieter („queer“, „grün“) eine große Fensterfront und eigenen Balkon in Aussicht stellt. Aber hey, Gesetze sind in dieser Welt immer für die anderen da.

Von außen wirkt vieles wie Folklore. Nur in Berlin ist es möglich, dass man Drogendealern mit einer Ausstellung im Bezirksmuseum ein Denkmal setzt. Oder Kriminellen eine Art Sozialpartnerschaft anbietet, damit sie von ihrem verderblichen Tun ablassen: Ausbildungsplatz gegen gesetzestreues Verhalten, das ist die Offerte, mit der man ein ganz neues Miteinander, abseits von Repression und Ausgrenzung, initiieren wollte. Hat nicht wirklich funktioniert, wie dieser Tage die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann einräumen musste, in deren Amtszeit die Umwandlung des Görlitzer Parks in Kreuzberg zum größten Open-Air-Drogenumschlagplatz Europas fällt.

Umgekehrt kann der Senat im Umgang mit den Bürgern eine erstaunliche Kaltschnäuzigkeit an den Tag legen. Als sich im Juli die Anwohner mehrerer besetzter Häuser hilfesuchend an die Politik wandten, weil sie sich von den autonomen Nachbarn drangsaliert und bedroht fühlten, erhielten sie zur Antwort, dass Hausbesetzer nun einmal zur Identität der Stadt gehörten. „Es handelt sich um ein ,anarcha-queer-feministisches Hausprojekt‘, wo im Binnenverhältnis ‚als Kollektiv ohne patriarchale bzw. diskriminierende Strukturen zusammengelebt werden kann‘. Hiervon möchten wir nichts zurücknehmen.“ Unterzeichnet mit freundlichen Grüßen: Ihre lieben Grünen. Auch Bürgernähe ist in der großen Stadt eine Sache der politischen Gesinnung.

Wäre ich Polizist in Berlin, würde ich mich fragen, warum ich morgens überhaupt noch aufstehen soll. Andererseits: Jede Stadt hat ihre eigenen Regeln und Umgangsformen. Dass Berlin anders funktioniert als Stuttgart oder München, macht auch den Charme aus. Die Frage ist nur, ob dieses ein Modell für ganz Deutschland sein kann. Ich habe da Zweifel, allen Beschwichtigungen und Beschwörungen zum Trotz.

Das Bild von Rot-Grün wird von Politikern wie der sanften Katrin Göring-Eckardt oder dem konzilianten Dietmar Bartsch geprägt: nett, aber scheinbar harmlos. Schaut auf die zweite Reihe, wäre meine Empfehlung. Dann entdeckt man Leute wie Monika Herrmann.

Oder Katina Schubert, die Vorsitzende der Linkspartei in Berlin, die offen davon redet, dass man den Kapitalismus überwinden müsse, und als ersten Schritt auf diesem Weg die Umwandlung von Kaufhäusern in landeseigene Betriebe angeregt hat.

Mutiger Vorschlag, muss man sagen. Keine Ahnung, wie Frau Schubert das Problem lösen will, dass den Leuten in der Krise die Lust aufs Shoppen vergangen ist. Vielleicht lässt sie demnächst Einkaufsgutscheine vom Berliner Himmel regnen. Oder jeder, der einen Mitgliedsantrag bei der Linken unterschreibt, bekommt ein Shoppingwochenende im stadteigenen Karstadt obendrauf.

Wenn etwas den Berliner Senat auszeichnet, dann ist es die Kombination aus Großsprecherei und Unfähigkeit. Dass am Samstag ein Trupp Demonstranten bis auf die Stufen des Reichstags gelangen konnte, weil die Berliner Polizei leider versäumt hatte, mehr als drei Polizisten vor dem Gebäude zu postieren, ist kein Grund zur Zerknirschung, im Gegenteil. Das Versagen beweist aus Sicht des Innensenators, dass er mit seinem Verbotsantrag richtiglag. Gerade weil man in der Regierung selbst die nächstliegenden Dinge nicht hinbekommt, sollen einem die Wähler vertrauen: Das ist rot-grün-rote Dialektik.

Schnattern für Deutschland

Die Grünen betonen gerne, dass sie aufseiten der Wissenschaft stünden. Wie sich zeigt, haben sie allerdings einen ganz eigenen Bezug zu Fakten. Verständlich: Mindestens so wichtig wie die reale Wirklichkeit ist bei ihnen die gefühlte

Erinnert sich noch jemand an Rudolf Scharping, den Kanzlerkandidaten der SPD 1994? Den Mann, der angetreten war, Helmut Kohl aus dem Amt zu schubsen? Eigentlich waren die Ausgangsbedingungen gar nicht so schlecht. Zwölf Jahre Kohl, da fan den viele, das sei genug.

Aber dann verwechselte Scharping bei einer neu ersonnenen Abgabe für Besserverdiener brutto und netto. Das war’s mit seiner Kampagne. Von dem Fehler hat sich der brave Mann nicht mehr erholt. Er wurde später noch Verteidigungsminister, aber auch das Engagement endete unglücklich. Planschte im Pool mit seiner neuen Liebe, der Gräfin Pilati, was die Leser der „Bunten“ belustigte, aber nicht die Soldaten bei der Bundeswehr.

Ein Glück für die Grünen, dass wir nicht mehr 1994 haben, sondern in sehr viel verzeihenderen Zeiten leben.

Vor einigen Tagen saß Annalena Baerbock, die sympathische Vorsitzende der Grünen, bei Markus Lanz und gab Auskunft darüber, was sie in den vergangenen Monaten besonders bewegt habe. Trump, Corona, klar, alles furchtbar. Aber es gebe ein Ereignis, das habe sie besonders erschüttert, sagte sie mit traurigem Blick: dass in Thüringen beinahe ein Nazi zum Ministerpräsidenten gewählt worden wäre.

Ein Nazi als Fast-Ministerpräsident, fragte sich der eine oder andere Zuschauer irritiert: In Deutschland passieren ja viele schlimme Dinge, aber das ist doch irgendwie an einem vorbeigegangen.

Bodo Ramelow, der amtierende Ministerpräsident in Thüringen, konnte schon mal nicht gemeint sein, der kommt von der Linkspartei. Thomas Kemmerich war im Februar Ministerpräsident, für vier Wochen, aber der ist Mitglied der FDP. Wen hatte Frau Baerbock also vor Augen, als sie über das für sie erschütterndste Ereignis dieses Jahres sprach? Es stellte sich heraus: keinen der beiden. Sie habe sich undeutlich ausgedrückt, ließ sie erklären. Sie habe an die AfD gedacht. Deren Kandidat hatte allerdings nie den Hauch einer Chance, zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden, nicht im ersten, nicht im zweiten und auch nicht im dritten Wahlgang.

Es kommt bei Frau Baerbock öfter vor, dass sie so ergriffen ist, dass die Dinge bei ihr durcheinandergeraten. In einem ARD-Sommerinterview sprach sie länger über Elektromobilität, ein Herzensanliegen der Grünen.

„Rohstoffe wie Kobold – wo kommt das eigentlich her? Wie kann das recycelt werden?“, fragte sie sich selbst, um dann stolz zu verkünden, dass es Batterien gebe, die auf Kobold verzichten könnten, und zwar aus China. Kobold? Das ist als Staubsaugermarke geläufig. Kleiner Scherz. Frau Baerbock meinte natürlich Kobalt, ein Metall, das für die Batterie unerlässlich ist, beim Abbau allerdings eine ziemliche Sauerei hinterlässt.

Die größten Kobalt-Reserven liegen im Kongo. Dass im Kongo nicht das deutsche Arbeitsrecht gilt, liegt auf der Hand. Viele der Arbeiter, die in den Kobalt-Minen schuften, sind leider dazu noch minderjährig. Wie bei manchen Produkten, die als besonders umweltschonend gelten, sollte man lieber nicht so genau nachfragen, wie sie zustande kommen.

Ich warte auf den Tag, an dem Leonardo DiCaprio seinem Sozial-Schocker „Blood Diamond“ über die Ausbeutung in den Diamantenminen von Sierra Leone den Anschlussfilm folgen lässt: „Blood Electric Car“. Oder sollte man sagen: „Blood Tesla“? Wobei, das ist nicht ganz fair. Tesla arbeitet an Kobalt-freien Batterien. Da kam das Know-how bislang allerdings von Panasonic aus Japan und nicht aus China, wie Frau Baerbock meinte. Immerhin, die grobe Himmelsrichtung stimmte.

So geht es immer weiter. Am vergangenen Sonntag war die Parteivorsitzende wieder auf Sendung. Wieder Sommerinterview. Diesmal sprach sie über die Flüchtlingspolitik. „Wir stehen klar auf dem Boden nicht nur des Grundgesetzes, sondern der Menschenrechte“, sagte sie. „Und das bedeutet: Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl.“ Steht so nicht im Grundgesetz und noch nicht einmal in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Gott sei Dank, würde ich sagen, wäre es anders, würde es bei uns ziemlich schnell ziemlich eng. In Deutschland genießen aus gutem Grund nicht alle Menschen Recht auf Asyl, sondern nur politisch Verfolgte, und auch die nur eingeschränkt.

Bevor jetzt alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und fragen: Warum ist immer nur von der Parteivorsitzenden die Rede, wo bleibt die Gendergerechtigkeit? Keine Sorge, bei den Grünen herrscht auch beim Schnattern Parität. Wenn der Co-Vorsitzende Robert Habeck nicht gerade für Fotos posiert, plappert er sich ebenfalls durch die Welt, bis sich die Balken und die Fakten biegen und am Ende die BaFin den Benzinpreis überwacht und das Finanzamt die Pendlerpauschale (oder war es umgekehrt?).

Einige Leser mögen einwenden, dass die Kompetenz der Grünen nun einmal bei der Umwelt liege, aber das hieße, ihnen unrecht zu tun: Die Partei hat im November letzten Jahres beschlossen, die Wirtschafts- und Finanzpolitik ins Zentrum zu stellen. Im Leitantrag wurde die „sozial-ökologische Neubegründung der Marktwirtschaft“ festgeschrieben, unter Neubegründung machen sie es auf einem Grünen-Parteitag nicht. Wie sich zeigt, haben Ökologen halt nur einen ganz eigenen Bezug zu Zahlen und Fakten.

Es wird spannend, das kann man jetzt schon sagen. Wenn es im nächsten Jahr für Rot-Rot-Grün reichen sollte, dann am ehesten unter Führung eines grünen Bundeskanzlers. Das wird ein einmaliges Experiment, auch für die Deutschen. Die Grünen betonen gerne, dass sie aufseiten der Wissenschaft stünden beziehungsweise die Wissenschaften ganz nah bei ihnen, aber das sollte man nicht zu wörtlich nehmen.

Wissenschaft ist im grünen Milieu immer nur Wissenschaft, solange sie zum Parteiprogramm passt. Was darüber hinausgeht, heißt Big Pharma, Großchemie oder Apparatemedizin. Dass Kartoffeln besonders gut gedeihen, wenn man sie mit Glyphosat düngt, glaubt man lediglich bei den Grünen. Kein Bauer käme auf die Idee, Unkrautvernichter über seine Knollen zu kippen, damit die Kartoffeln besser wachsen. Trotzdem schafft es die Behauptung aufs grüne Plakat.

So ist das halt, wenn man alles, was von Bayer Leverkusen kommt, für Teufelszeug hält, dann glaubt man auch an die wachstumsverstärkende Wirkung von Unkrautvernichtern. Man muss sich nur ansehen, welchen Eiertanz die Partei beim Thema Homöopathie veranstaltet, und man ahnt, wie brüchig in Wahrheit der wissenschaftliche Friede in den eigenen Reihen ist.

Es wird heute schnell vergessen, aber die Ursprünge der grünen Partei liegen nicht nur im Anti-Atom-Protest, sondern mindestens zu gleichen Teilen in der Esoterik- und Innerlichkeitsbewegung der siebziger Jahre, als sich eine ganze Generation auf die Suche nach dem Ich begab. Überall sprossen Selbsterfahrungsgruppen und Therapiezirkel, um der Selbstverwirklichung, wie das neue Zauberwort hieß, auf die Sprünge zu helfen. Vor der Beschäftigung mit den Produktionsbedingungen des Proletariats kam die Analyse der persönlichen Beziehungsverhältnisse, neben die gesellschaftliche Realität trat die gefühlte Wirklichkeit.

Von nun an reichte es, dass man sich mitbetroffen oder irgendwie involviert fühlte, damit ein Problem als politisch bedeutsam anerkannt war. Mehr noch: Die eigene Beziehung zum politischen Gegenstand wurde zum wesentlichen Kriterium für die Relevanz von Themen. Was keine Emotionen hervorzurufen vermag, gilt seitdem als nebensächlich und politisch nicht wirklich diskussionswürdig. Oder wie Claudia Roth einmal sagte: „Wie soll ich Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?“

Leider entspricht die gefühlte Wirklichkeit nicht immer der realen.

Ausschalt-Kultur

Früher wollten die Konservativen immer alles Mögliche weghaben: Schriftsteller, die zu frech waren, Künstler, die missfielen. Heute sind es die Linken, die Publikationsverbote verlangen. Aber psst, ja nicht ansprechen, sonst gibt’s Ärger!

Mit dem „Zeit“-Kolumnisten Harald Martenstein sprach ich vor einiger Zeit über die Veränderung des Meinungsklimas. Martenstein war mal ganz links, in seiner Studentenzeit gehörte er der DKP an. Die DKP war die einzige Partei in Deutschland, die von der Überlegenheit der DDR überzeugt war – das glaubten sie nicht mal in der SED. Dann ereignete sich bei ihm das, was der große amerikanische Konservative Irving Kristol den „Überfall durch die Realität“ genannt hat. Heute steht Martenstein irgendwo in der Mitte, so wie die meisten Deutschen.

Meist schreibt er über seinen Hund oder sein Kind oder über Alltagsphänomene wie den Pilz, der in seinem Landhaus wächst. Hin und wieder wendet er sich politischen Dingen zu. Ein wiederkehrendes Thema ist bei ihm die Gendersprache. Wie alle Menschen, die Literatur und Sprache lieben, leidet Martenstein, wenn die Schönheit der Ideologie weichen muss. Auch die Gleichberechtigung und der Kampf gegen Diskriminierung kommen bei ihm öfter vor. Martenstein neigt hier einem unsentimentalen Standpunkt zu, was möglicherweise mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Wer bei der DKP war, weiß, was es bedeutet, einer radikalen Minderheit anzugehören. Das erhöht die Mitleidsschwelle.

Wenn man sich politisch äußert, bleibt es nicht aus, dass sich Leser beschweren. Martenstein hat dabei eine interessante Beobachtung gemacht, wie er mir berichtete. Rechte Leser drohen ihm Prügel an, wenn sie sich sehr geärgert haben. Linke Leser wenden sich an die Chefredaktion und verlangen seine Absetzung. „Jeder droht im Rahmen seiner Möglichkeiten“, lautet seine Schlussfolgerung „Ein Rechter käme nie auf die Idee, dass seine Eingabe an die Chefredaktion Erfolg haben könnte, deshalb setzt er aufs Faustrecht.“

In den Feuilletons tobt gerade eine leidenschaftlich geführte Debatte über die sogenannte Cancel Culture, also den Versuch, die Meinungsräume von missliebigen Personen frei zu halten. Muss man sich um die Meinungsfreiheit Sorgen machen, wie 153 berühmte Intellektuelle in einem Aufruf behaupten, der Anfang Juli in einer Reihe großer Zeitungen abgedruckt wurde? Oder ist Cancel Culture in Wahrheit nur eine Erfindung rechter Kreise, um die Kritik an rassistischen, sexistischen und anderen fragwürdigen Positionen in ein schiefes Licht zu rücken, wie die Gegenseite vorträgt?

Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion durch die Entscheidung des Nochtspeichers, eines Veranstaltungsortes in Hamburg, die Kabarettistin Lisa Eckhart von einer Lesung auszuladen, weil man Störungen durch die linke Szene fürchtete. Wenn Sie noch nicht von Frau Eckhart gehört haben, grämen Sie sich nicht: Sie ist eine erschreckend dünne, oft furchtbar angestrengt wirkende junge Frau, die in sehr gewählten Worten möglichst schockierende Dinge sagt. Wie sich herausstellte, hatte es keine Drohungen gegeben, wie von den Veranstaltern behauptet, sondern irgendjemand im Nochtspeicher meinte aufgeschnappt zu haben, dass es Ärger geben könnte, wenn man Frau Eckhart auftreten lasse. Ein klassischer Fall von vorauseilendem Gehorsam.

Für alle, die sich immer schon darüber geärgert haben, dass ihnen der Ruf der Zensur-Ursel anhaftet, war das die Gelegenheit, Entwarnung zu geben. Seht her, hieß es, so sieht also eure Cancel Culture aus: Nichts damit linkem Gesinnungsterror, alles in Wirklichkeit übertrieben! Ich glaube, man nennt das ein Strohmann-Argument. Man bläst eine Lächerlichkeit so groß auf, dass man dann alles mit wegwischen kann, was nicht ganz so lächerlich ist.

Einige Namen der Cancel-Culture- Leugner kamen mir vertraut vor. Habe ich nicht zum Beispiel den Namen Margarete Stokowski unter einem Aufruf gelesen, in dem der Rowohlt-Verlag aufgefordert wurde, auf keinen Fall die Autobiografie von Woody Allen zu veröffentlichen? Wie kurz doch manchmal das Gedächtnis von Menschen ist.

Falls Sie sich auch nicht mehr daran erinnern: Im März warfen 15 Rowohlt-Autoren ihrem Verlag vor, mit der geplanten Publikation „unethisch“ zu handeln. Woody Allen habe sich nie „überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt“, sie als Kind missbraucht zu haben, deshalb sollte das Buch „keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben“. Sich „überzeugend“ mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, hieß in dem Fall vermutlich, dass der Regisseur hätte zugeben sollen, sich an seiner Tochter vergangen zu haben – trotz mehrerer entlastender Gutachten.

Seit 1945 ist es im deutschen Verlagswesen unüblich geworden, auf politischen Druck hin sein Programm anzupassen. Der Vorgang besaß also Novitätscharakter, worauf der Rowohlt-Verleger Florian Illies den 15 Autoren in seiner freundlichen Art klarmachte, dass Rowohlt kein House of Cancel Culture sei und auch nicht werden wolle. Der Hachette-Verlag in New York hingegen, bei dem die Originalausgabe der Autobiografie erscheinen sollte, hielt dem Druck aus den eigenen Reihen nicht stand und kündigte den Vertrag mit Allen.

Cancel Culture ist eine Machtdemonstration. Wenn man andere am Auftreten oder Veröffentlichen hindern kann, nutzt man das aus. Stößt man auf jemanden wie Illies, der sich widersetzt, wartet man die nächste Gelegenheit ab. Gleichzeitig will selbstverständlich niemand als Befürworter von Zensurmaßnahmen gelten. Ich kann das verstehen. Nazis wollen auch nicht Nazis genannt werden und Rassisten nicht Rassisten. Deshalb versuchen sich die Beteiligten bei Kritik, mit Witzchen aus der Affäre zu ziehen, indem sie Boykottaufrufe als „Storno“ bezeichnen oder mit dem Verzicht auf Roggenbrot beim Bäcker vergleichen.

Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach hat vor ein paar Monaten die Deutschen befragt, wie sie glauben, dass es um die Meinungsfreiheit bestellt sei. 78 Prozent der Befragten antworteten, dass man bei bestimmten Dingen vorsichtig sein müsse, was man in der Öffentlichkeit sage. Über die Umfrage wurde breit berichtet – in der Regel, um sie infrage zu stellen. Die Ergebnisse wurden entweder als unsinnig bezeichnet oder als gefährlich, weil sie rechte Ressentiments bedienten.

Ich glaube auch nicht, dass alle in Deutschland nur noch hinter vorgehaltener Hand offen sprechen. Tatsächlich scheint die Demokratie sogar gerade ziemlich lebendig. Meiner Meinung nach wurde die Umfrage falsch interpretiert: Sie zeigt nicht, was die Deutschen für sich selbst fürchten, sondern wie sich aus ihrer Sicht das allgemeine Meinungsklima entwickelt hat. Diesen Unterschied findet man auch in Umfragen zu den ökonomischen Aussichten: Menschen, die pessimistisch in die Zukunft schauen, schätzen ihre eigene finanzielle Situation oft überraschend gut ein. Wenn Leute lesen, dass man heute in der Kulturbranche seinen Job verlieren kann, wenn man sich mit einem AfD-Funktionär zum Mittagessen trifft, werden sie nachdenklich.

Wer will es ihnen verdenken? Aber vielleicht geht es ja genau darum: um den Erziehungseffekt. Hans Joachim Mendig hieß der Mann, der nach einem Essen mit dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen seinen Posten als Chef der hessischen Filmförderung verlor, weil 600 Kulturschaffende fanden, man dürfe sich mit jemand wie Herrn Meuthen nicht mal beim Italiener treffen. Unter den 600 waren mit Sicherheit auch viele Menschen, die Cancel Culture für eine Erfindung der Rechten halten.

Er könne sich nicht erinnern, sagt Martenstein, dass man in den 80er Jahren versucht hätte, Bücher oder Lesungen zu verhindern. Vielleicht war die damalige Generation von Linken toleranter. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass die andere Seite das Sagen hatte. Damals wollten die Konservativen immer alles Mögliche weghaben: die Jelinek, weil sie ihnen zu männerhassend war, den Schlingensief, weil er ihnen zu aufmüpfig erschien, den Achternbusch, weil er ihnen als Nestbeschmutzer galt. Was für eine Pointe, dass viele Linke sich heute so verhalten wie die Leute, die sie immer bekämpft haben.

Woke Capitalism

Nach dem Turbokapitalismus kommt nun der „wache“ Kapitalismus, der auf jede politische Forderung mit einem sofortigen Kniefall reagiert. Der Opportunismus hat auch in der Wirtschaftswelt eine neue Stufe erreicht

Ein kleines Mädchen lehnt auf einem Foto lässig am Kühlergrill eines Autos. Sie trägt ein gepunktetes Sommerkleid, Jeansjacke und Sonnenbrille und isst eine Banane, während sie darauf wartet, dass jemand den Wagen aufschließt. Vielleicht muss sie zur Kita, oder es geht in den Urlaub, so genau kann man es nicht sagen. Das Bild ist eines der Motive, mit denen Audi für den RS4 wirbt, seinen neuen Turbo-Kombi. Weitere Motive der Kampagne zeigen die jungen Eltern, den Vater im T-Shirt, die Mutter in Lederweste und Leopardenhose. „Lets your heart beat faster – in every aspect“, steht über der Bildstrecke. Es ist etwas rätselhaft, warum das Kind eine Banane in der Hand hält. Andererseits, haben die Grünen nicht gerade dazu aufgerufen, dass Kinder mehr Obst essen sollen?

So weit, so unschuldig – und so dämlich, wie Werbung halt sein kann. Zu allem findet sich allerdings jemand, der sich tiefere Gedanken macht. Auch die Audi-Kampagne wurde einer genaueren Betrachtung unterzogen. Gerade kleine Kinder würden im Straßenverkehr immer häufiger übersehen, weil die Autos immer größer und immer stärker motorisiert seien, lautete darauf ein Vorwurf. Ein potenzielles Opfer als Werbefigur: wie geschmacklos! Außerdem habe das Bild so einen Lolita-Touch. „Verstörend“, kommentierte auf Twitter der Nutzer Christian Hasiewicz. „Kleines Mädchen mit Phallussymbol in der Hand. Klar, super“, meldete sich shiri@home zu Wort.

Ich würde meinen, dass bei jemandem, der bei einer Vierjährigen, die eine Banane isst, an Lolita denkt, etwas nicht stimmt. Manchmal fällt ein Vorwurf auf den zurück, der ihn äußert. Aber so gelassen kann man bei Audi in Ingolstadt die Twitter-Welt nicht sehen. Kaum hatten sich Christian Hasiewicz und shiri@home geäußert, zog Audi das Werbemotiv zurück. „Wir entschuldigen uns aufrichtig für dieses unsensible Bild und versichern, es in Zukunft nicht mehr zu nutzen“, erklärte der Konzern. Man werde unverzüglich untersuchen, wie diese Kampagne entstanden sei und welche Kontrollmechanismen versagt hätten.

Wir haben eine neue Stufe des Kapitalismus erreicht. Nach dem Raubtierkapitalismus und dem Turbokapitalismus kommt nun der woke Kapitalismus. Für alle, die nicht mit den neuesten Trends vertraut sind: Der Begriff „woke“ kommt aus der amerikanischen Studentenbewegung und bedeutet so viel wie „wach“, „achtsam“. Gemeint ist eine Geisteshaltung, die überall Ungerechtigkeit erkennt, auch dort, wo man sie nicht vermuten sollte. Die alten, linken Drugheads waren mir lieber, muss ich sagen. Die haben zumindest nicht hinter jedem Busch und jedem Kühlergrill gleich ein Moralverbrechen gewittert.

Drei spitze Schreie im Netz, und schon fallen sie in den Konzernzentralen um wie die Kegel. Gut, Standfestigkeit war noch nie eine Stärke von Wirtschaftslenkern. Rückgrat zu zeigen, ist nicht die erste Tugend, die einen in die Vorstandsetage bringt. Aber bislang war der Opportunismus auf das persönliche Fortkommen beschränkt, jetzt orientiert er sich auch an den Forderungen der Straße.

Es bleibt nicht bei Anzeigenmotiven. Wo die politische Lauterkeit zum Leitprinzip erhoben wird, kann es jeden treffen, dessen Gesinnung plötzlich als zweifelhaft gilt. Bei Google haben sie einen Programmierer gefeuert, weil er in einem internen Memo als Grund für den geringen Frauenanteil bei Google auf Theorien verwiesen hatte, wonach sich Frauen mehr für Menschen als für Dinge interessieren. Die Argumente, die er ins Feld führte, werden von einer Reihe von Wissenschaftlern unterstützt. Dennoch galt seine Meinung als so beleidigend, dass der Vorstandschef von Google seinen Urlaub unterbrach, um dem Mann persönlich zu kündigen.

Dass gerade das Silicon Valley ein besonders frauenfeindlicher Platz ist, das ist allgemein bekannt. Facebook begann als Seite zur Bewertung von Studentinnen, wer „hot“ sei und wer eher nicht so „hot“. Statt die Leute zur Rechenschaft zu ziehen, die es versäumt haben, mehr Frauen einzustellen, werden lieber diejenigen entfernt, die Vermutungen darüber anstellen, warum Frauen in der Belegschaft unterrepräsentiert sind. Auch das ist der neue woke Kapitalismus.

Was eben noch als Zeichen für fortschrittliche Gesinnung galt, kann morgen schon von einem neuen, noch fortschrittlicheren Standard überholt sein. Bei Adidas erwischte es vor sechs Wochen die Personalchefin Karen Parkin. Dass Parkin die einzige Frau im ansonsten rein weißen, rein männlichen Vorstand war? Egal. Ein paar Mitarbeiter hatten sich beklagt, weil sie bei einer internen Sitzung gesagt haben soll, sie halte die Klage über Rassismus bei Adidas für „Noise“, also ein Geräusch, das man nicht ernst nehmen müsse. Das reichte, um ihr den Stuhl vor die Tür zu setzen.

Ich habe mir im Netz Fotos von Vorstandschef Kasper Rorsted angesehen. Mir ist dabei eine bemerkenswerte Verwandlung aufgefallen. Auf den aktuellen Bildern trägt Rorsted Kapuzenjacke und Sneaker. Abgesehen davon, dass ich es ohnehin zweifelhaft finde, wenn Männer über 50 im Büro in Sportkleidung auflaufen: Nur zwei Mausklicks weiter findet man Bilder, die ihn brav im Anzug zeigen. Die Fotos stammen aus seiner Zeit beim Waschmittelhersteller Henkel. Die Metamorphose lässt sich nur so erklären, dass Rorsted sogar seine Kleidung danach aussucht, was er gerade für opportun hält.

Zur Erinnerung: Adidas war auch das Unternehmen, das verkündete, es werde künftig seine Miete schuldig bleiben, nachdem die Regierung die Mietstundung gesetzlich verankert hatte, um in Bedrängnis geratenen Kleinunternehmern zu helfen. Als die Sache dann breit in den Zeitungen stand, ruderte man schleunigst zurück, wobei man es nicht bei einer normalen Entschuldigung beließ: Die Entschuldigung musste selbstverständlich in gendergerechter Sprache abgefasst werden.

„Liebe Leser_innen, die Entscheidung, von Vermieter_ innen unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden“, begann das Schreiben. Was immer Adidas in Zukunft über seine Anzeigen schreiben mag, wenn ich jemanden mit den drei Streifen sehe, denke ich: Wendehals.

Man darf sich nicht täuschen. So schnell, wie es in die eine Richtung geht, so schnell geht es auch in die andere. Netflix hat die Produktion einer Serie in der Türkei gestoppt, weil die türkische Regierung Anstoß daran nahm, dass einer der Charaktere offen schwul sein sollte. Würde die chinesische Regierung Apple bitten, jede App zu entfernen, die chinesische Nutzer auf den Gedanken bringt, es könnte eine Welt außerhalb Chinas geben, würde Apple noch heute seinen App Store entsprechend umrüsten.

Das ist das Problem mit dem Kapitalismus, der bereitwillig der politischen Wetterlage folgt: Wenn sich der Wind dreht, ändert sich die Entscheidungsgrundlage. Ich verspreche Ihnen: Wenn in Deutschland in zehn Jahren die AfD regieren sollte, können wir gar nicht so schnell hinsehen, wie in Herzogenaurach die Genderflagge eingeholt und gegen eine himmelblaue Fahne ausgetauscht wird.

Auch für die Unternehmen ist diese Form der Wetterfühligkeit nicht ungefährlich, das nur nebenbei. Wer sich bei jedem Windhauch auf den Boden wirft, kommt irgendwann nicht mehr hoch. Die Kräfte der woken Welt geben nie Ruhe, man kann si e immer nur für kur ze Zeit besänftigen. Irgendwann wird es heißen: Darf man überhaupt noch für Autos werben? Ist nicht das Auto an sich ein verstörendes Symbol für Rücksichtslosigkeit?

Wenn ich darüber nachdenke: Werbung an sich ist doch hochproblematisch. Heißt Werbung nicht, den Leuten etwas unterzujubeln, was sie vielleicht gar nicht wollen? Das ist schlicht Manipulation! Wo bleibt da der Respekt vor dem Verbraucher! Der Tag ist nicht mehr fern, und wir diskutieren über ein grundsätzliches Werbeverbot. Oder über Werbung nur noch mit Warnhinweisen, wie wir es von Tabakpackungen kennen: Vorsicht, der Kauf dieses Produkts kann Ihnen und der Umwelt erheblichen Schaden zufügen! Bei Audi wären sie dann die Letzten, die sich beklagen dürften.

Die dunklen Flecken der Seele

Scientologen nehmen Blechdosen in die Hand, um zur Erlösung zu finden. Andere schreiben sich beim Opus Dei ein. Der moderne Heilssucher entdeckt den Rassisten in sich

Der Schriftsteller Friedemann Karig berichtet in der „Süddeutschen Zeitung“, wie er entdeckte, dass er ein Rassist ist. Er habe sich eigentlich nie viel Gedanken über Hautfarbe gemacht, schreibt er. Er hat sich in seinem Leben auch nie rassistisch geäußert. Der Bericht in der „SZ“ beginnt damit, wie er als 13-Jähriger dazwischengeht, als ein kurdischer Freund auf dem Fußballplatz von anderen Jugendlichen beleidigt wird.

Trotzdem entscheidet Karig, sich einem rassismuskritischen Training zu unterziehen. So wie man sich bei übertriebener Schüchternheit oder Konfliktscheuheit professionelle Hilfe holen kann, so kann man sich inzwischen auch gegen Rassismus coachen lassen. Es wird nie ganz klar, warum Karig so ein Training für nötig hält. Vielleicht spürte er, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Vielleicht wollte er es auch einfach genau wissen, um anschließend sagen zu können, dass bei ihm alles okay sei. Jeder Coachingkurs endet in der Regel damit, dass man eine Bescheinigung über den erfolgreichen Abschluss erhält. Eine Art Anti-Rassismus-Bescheinigung, das ist natürlich sehr praktisch angesichts der aktuellen Diskussion.

Karig verbringt Stunden in Videotelefonaten, in denen er lernt, „den Blick auf sich selbst zu richten“, wie die Anti-Rassismus-Beraterin das nennt. Die Trainerin fragt ihn, wann ihm sein Weißsein zum ersten Mal bewusst geworden sei. Ob er schon einmal gespürt habe, dass er als Weißer Privilegien genieße. Hat er die Privilegien vielleicht sogar ausgenutzt? Seinen Durchbruch erzielt Karig, als er der Trainerin erzählt, wie er bei der Suche nach einem Nachmieter für eine Wohnung einmal jemanden auswählte, der so aussah wie er selbst. „In mir bäumt sich etwas auf. Ich will mich wehren. Ich bin kein Rassist“, schreibt er. „Dann merke ich: Sie hat recht.“ Psychologen wird diese Szene bekannt vorkommen.

Der Therapeut spricht in so einem Fall von Blockade: Je größer der Widerstand gegen einen unangenehmen Gedanken, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich wehrt, weil man die Wahrheit nicht sehen will. Die Abwehr ist der Beweis, dass der Therapeut mit seiner Vermutung recht hat – eine Logik, aus der es kein Entrinnen gibt. Sagt man Ja, stimmt man ihm zu; sagt man Nein, ebenfalls.

Die Technik ist nicht ganz neu. Im Prinzip funktionieren alle religiösen Verbindungen so. „Die sogenannte Sekte oder Psychogruppe verspricht, die Welt beziehungsweise den Einzelnen erlösen zu können“, heißt es in einem Leitfaden des Bayerischen Familienministeriums zur Frage, woran man Sekten erkennt. „Um den entscheidenden ‚Durchbruch‘ zur ‚eigentlichen‘ Persönlichkeit zu erreichen, müssen durch wesentliche Verhaltens- und Einstellungsänderungen angebliche Blockaden im Gehirn beseitigt werden.“ Gäbe es noch die berühmte Sektenbeauftragte Ursula Caberta, dann wäre das Anti-Rassismus-Training eindeutig ein Fall für sie. Scientologen nehmen Blechdosen in die Hand, um ihre inneren Widerstände zu überwinden. Manche schreiben sich beim Opus Dei ein, wo eine Welt der freudvollen Leiden auf sie wartet. Der moderne Heilssucher entdeckt den Rassisten in sich.

Die Anti-Rassismus-Diskussion ist auf der Ebene der Teufelsaustreibung angekommen. Darauf zielte sie im Grunde schon immer. Der zentrale Begriff ist Schuld, darum dreht sich all es. Wer weiß ist, muss sich schuldig fühlen, weil am Weißsein Privilegien und Macht hängen. Und Privilegien, das weiß jeder gute Linke, muss man bekämpfen, weil sie uns von Menschen trennen, die schwächer sind. „Check your Privilege“, lautet der Satz, mit dem man zur Einkehr gemahnt wird. „Bereue!“, hieß das früher, „beichte deine Sünden!“ Gemeint ist das Gleiche.

Wo der Ernst der Religion beginnt, da wächst das Komische auch, das ist hier nicht anders. Die Komik liegt in diesem Fall darin, dass akademisch geprägte Menschen, die man umstandslos zur kulturellen Elite zählen kann, anderen Menschen, die zu den eher prekär Beschäftigten gehören, erklären, warum sie in Wahrheit die Privilegierten im Land seien. Ich weiß nicht, wie viele Gabelstaplerfahrer oder Lidl-Verkäuferinnen sich privilegiert fühlen. Nicht so wahnsinnig viele, denke ich. Ich würde allen, die das anders sehen, empfehlen, einen Test zu machen. „Hey, du hinter der Ladenkasse: Check your Privilege!“ Im besten Fall erntet man mit so einem Satz Unverständnis, im wahrscheinlichsten wird einem der Vogel gezeigt, wäre meine Vermutung.

Ich habe dafür keine Erklärung, aber es gibt bei manchen Menschen ganz offensichtlich ein tiefes Bedürfnis, sich schuldig zu fühlen. Während die meisten froh sind, wenn sie einigermaßen unbelastet von Selbstvorwürfen durch den Alltag kommen, üben Schuldgefühle auf einige eine geradezu magische Wirkung aus. Entweder leben sie falsch, oder sie essen falsch, oder sie haben die falschen Freunde oder überhaupt die falsche Einstellung. Die Erlösungshoffnung richtet sich entsprechend der jeweiligen Mode an einen spirituellen Führer, der Rettung verspricht – den Priester, den Yogi, den vegan Er leuchteten, jetzt eben an die Anti-Rassismus-Beraterin.

Unnötig zu sagen, dass diese Form der Selbsterforschung oft mit einem gewissen sozialen Status einhergeht. Wer den ganzen Tag im kapitalistischen Hamsterrad sitzt, dem fehlt schlicht eine entscheidende Ressource für die Seelenprüfung, und das ist Zeit. Deshalb gedeiht das Bußritual auch besonders gut im Kloster oder artverwandten Einrichtungen wie Schule und Universität, wo Zeit im Überfluss vorhanden ist.

Es gibt historische Vorbilder. Im 13. Jahrhundert verbreitete sich von Perugia ausgehend die Geißlerbewegung in Europa. Die Flagellanten zogen in Prozessionen von Ort zu Ort, sangen Hymnen und peitschten sich selbst, um sich ihrer Sünden zu entledigen. Bevorzugtes Instrument der Selbstbestrafung war eine Geißel, deren Riemen mit Knoten oder eisernen Spitzen versehen waren. Papst Clemens VI. ließ die Umzüge Mitte des 14. Jahrhunderts verbieten, womit die Bewegung allerdings nicht erlosch, sondern sich ins Private verlagerte. Jetzt traf man sich mit Gleichgesinnten eben zu Hause, um der gerechten Welt näher zu rücken. Die Anstrengungen reichen nie aus, das ist die Tragik des Glaubenssuchers. Mit allem kann man es übertreiben, nur mit der Bußfertigkeit nicht. Immer gibt es jemanden, der noch häufiger in die Kirche geht und noch gewissenhafter seine Seele nach dunklen Flecken erforscht.

Einmal im Jahr vergibt die feministische Plattform „Edition F“ zusammen mit dem „Handelsblatt“ und „Zeit Online“ den „25 Frauen Award“ an 25 weibliche Vorbilder. Dieses Jahr hatten die Veranstalter großen Wert auf eine möglichst breit gefächerte Auswahl gelegt, die allen Anforderungen an Vielfalt und Inklusion Rechnung tragen sollte.

Wenige Wochen vor Vergabe des Preises erklärten sieben der Nominierten, ihren Namen zurückzuziehen. Ihnen sei aufgefallen, wie wenig divers die Auswahl der schwarzen Frauen sei, schrieben sie. Alle schwarzen Frauen, die nominiert worden seien, hätten eine vergleichsweise hellere Haut, das befördere den strukturellen Rassismus. Deshalb hätten sie sich entschieden, Platz zu machen für Frauen mit einem dunkleren Hautton, erklärten die sieben, allesamt selbst People of Color. Unnötig zu sagen, dass die Veranstalter die Preisvergabe darauf für alle Nominierten absagten und gelobten, beim nächsten Mal noch inklusiver zu denken.

So ist das mit Sekten. Wer sich auf ihre Gedankenwelt einlässt, ist auch mit dabei, wenn die Abzweigung ins Fundamentalistische genommen wird. Mit einem Appell an die Vernunft oder gutem Zureden ist hier nichts mehr auszurichten. Dass sich darauf kein politisches Programm begründen lässt, versteht sich von selbst. Es ist das Wesen der Sekte, dass sie ein Verband von Auserwählten ist und damit exklusiv. Das kann man bei der Anti-Rassismus-Bewegung für ein Glück oder für eine Tragödie halten. Über ihre Sympathisanten in den Medien wird sie so in jedem Fall nicht hinauskommen.

Die verlorene Ehre des Oberstleutnant B.

Wir haben es mit einer neuen Form des Politjournalismus zu tun. An die Stelle der Neugier ist das Urteil getreten, an die Stelle der Frage die Verdächtigung. Ein falscher Like reicht, und man bläst zur Gesinnungsjagd

Der Gesinnungsjäger hasst Uneindeutigkeit. Nichts ist ihm so zuwider wie Ambiguität. Er kann oder will sich nicht vorstellen, dass einer die Bücher rechter Autoren liest und dennoch die Grünen wählt. Oder dass jemand vor einer Studentenverbindung spricht und gleichzeitig mit Menschen befreundet ist, die über einen Migrationshintergrund verfügen. Es gibt bei ihm nur Entweder- oder. Anders würde die Gesinnungsjagd ja auch nicht funktionieren.

Auch der Journalismus lebt von Ambiguitätsreduktion. Das erleichtert den Überblick. Wenn es gegen Mächtige geht, gegen Fleischfabrikanten, Finanzgrößen oder Politiker, mag das gerechtfertigt sein, selbst wenn am Ende nur Abziehbilder übrigbleiben. In jedem Fall problematisch wird es, wenn sich der Furor gegen Privatpersonen richtet, die sich nicht zur Wehr zu setzen wissen. Dann wird Journalismus zur Vernichtungsmaschine.

Heinrich Böll hat vor vielen Jahren einen Roman über die unheimliche Macht der Medien geschrieben. Der Roman heißt „Die verlorene Ehre der Katharina Blum” und schildert die Geschichte einer Angestellten, die von einer Party eine Zufallsbekanntschaft mit nach Hause nimmt, einen jungen Mann, der der Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe verdächtigt wird. Eine Boulevardzeitung bekommt Wind von der Sache und stellt der Frau nach. Sie wird über die Zeitungsseiten gejagt, bis sie schließlich die Waffe gegen den Reporter richtet, der ihr Leben zerstört hat.

Das ARD-Politmagazin „Panorama” hat am Donnerstag vergangener Woche einen Filmbeitrag über einen Oberstleutnant der Bundeswehr gesendet, den die Redaktion der Sympathie mit Rechtsradikalen verdächtigt. Der Soldat ist in der Pressestelle der Bundeswehr als Referent beschäftigt, bis zu dem Fernsehbeitrag dürfte ihn außer seinen Kameraden kaum jemand gekannt haben. Das hat sich schlagartig geändert. Seit diesem Donnerstag ist Oberstleutnant Marcel Bohnert der Beweis, dass rechte Gesinnung in der Bundeswehr allen Ankündigungen zum Trotz seinen Platz hat, wie es die Redaktionsleiterin Anja Reschke in ihrer Anmoderation ausführte.

Die Beweislage sieht so aus: Als Beleg für die Vernetzung des Soldaten ins rechtsradikale Milieu präsentierte das Magazin zwei Likes, die die Redaktion nach einer „Instagram- Recherche” zutage gefördert hatte. In einem Fall hatte Oberstleutnant Bohnert ein Foto von Büchern des rechten Antaios-Verlags mit „gefällt mir” markiert. Bei dem zweiten Like handelte es sich um ein Herzchen unter dem Urlaubsfoto eines Wasserfalls, das unter anderem mit dem Hashtag „Defend Europe” versehen war, ein Motto, das auch bei der extremen Rechten beliebt ist.

Beide Fotos stammten vom Profil eines Instagram-Nutzers, der sich selbst als „identitär” bezeichnete. Es gab weder Stimmen aus dem Umfeld des Soldaten, die den Verdacht einer zweifelhaften Gesinnung bestätigten, noch eigene Texte oder Äußerungen. Dass das Verteidigungsministerium den Referenten auf Anfrage umgehend seines Postens enthob, wurde mit Genugtuung quittiert: „Immerhin. Aber warum erst jetzt?” lautete das Fazit des Beitrags.

Wenn „Panorama” sendet, schauen viele Menschen zu. So konnte es nicht ausbleiben, dass sich auch andere auf die Suche nach den Social-Media-Aktivitäten von Leutnant Bohnert machten. Wie sich herausstellte, hatte der Soldat vieles gelikt, zum Beispiel einen Tweet für Black Lives Matter; eine Fotomontage, mit der zur Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin aufgerufen wurde. Es fand sich sogar ein Like für den ZDF-Moderator Jan Böhmermann. Hätte die „Panorama”-Redaktion mehr als eine „Insta gram- Recherche” betrieben, wäre sie möglicherweise auch auf den Verein Deutscher Soldat gestoßen, eine Vereinigung von Bundeswehrangehörigen mit Migrationshintergrund, die sich umgehend mit dem von ihnen geschätzten Kameraden solidarisierten.

Schlimmer als ein denunziatorischer Beitrag ist für den Betroffenen ein denunziatorischer Beitrag, für den der Sender unter Rechtfertigungsdruck gerät. Undenkbar, dass man einen Fehler eingesteht oder die Recherche im Nachhinein korrigiert. Stattdessen werden die Anstrengungen verdoppelt. Erst wenn das Ansehen des Opfers vollständig ruiniert und ausgelöscht ist, gibt man sich zufrieden.

Jetzt hat man noch einen Vortrag bei einer Burschenschaft in München gefunden und eine Rede vor dem rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim. Die Redaktion zitiert dazu die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl mit der Einschätzung, dass es sich bei Weikersheim um ein „Zentrum der neuen Rechten” handele. Auch hier hätte eine weitergehende Recherche geholfen. In Weikersheim sind, außer Marcel Bohnert, bereits Gerhard Schröder, Joachim Gauck, Gesine Schwan und Wolfgang Schäuble aufgetreten.

Der Journalist Claus Richter hat vor ein paar Wochen im „Cicero” an die journalistischen Standards erinnert, die Briten und Amerikaner nach dem Krieg als Grundlage eines fairen, unparteilichen Journalismus etablierten: Unvoreingenommenheit, die genaue Prüfung der Fakten, die Pflicht, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, Meinungspluralismus. Richter hat 13 Jahre das ZDF-Politmagazin „Frontal21” geleitet; bis heute steht er der Jury des prestigeträchtigen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises vor. Seine Generation sei keineswegs Gegner eines engagierten Journalismus gewesen, schreibt er, „aber wer mit seiner Arbeit kritisches Nachdenken fördern wollte, sollte sich vor allem an die wenden, die nicht schon zu 100 Prozent die Meinung der Autoren teilten”.

Wir haben es mit einer neuen Form des Politjournalismus zu tun. Dieser Journalismus will nicht mehr aufklären, er will recht behalten. An die Stelle der Neugier ist das Urteil getreten, an die Stelle der Frage die Verdächtigung. Abkehr vom „Neutralitätswahn” heißt das heute. Warum nicht? Es gibt kein Gesetz, dass einen als Journalist zur Fairness verpflichtet. Die Frage ist nur, ob sich diese Haltung mit dem Auftrag einer Institution verträgt, die sich aus Gebühren finanziert, auch von denen, die sie ablehnen. Im Staatsvertrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist ausdrücklich festgeschrieben, dass die Redakteure unparteilich und ausgewogen zu berichten haben.

Wenn schon ein falscher Like eine Existenz vernichten kann, dann ist niemand mehr sicher, das wird oft übersehen. Die Extremismus- Expertin Natascha Strobl, die bei Magazinen wie „Panorama” hoch im Kurs steht, ist in der Vergangenheit bei einer Reihe linksradikaler Organisationen aufgetreten, die, anders als das Studienzentrum Weikersheim, regelmäßig im Verfassungsschutzbericht stehen. Nach den Kriterien der „Panorama”-Redaktion müsste man also im Fall von Frau Strobl von einer linksradikalen Vernetzung sprechen. Einige findige Menschen haben auch Likes der Autorin des „Panorama”-Beitrags, Caroline Walter, unter linksradikalen Seiten ausgegraben. Soll man jetzt wirklich behaupten dürfen, dass bei „Panorama” Leute arbeiten, die mit Linksradikalen sympathisieren?

Die Autorin hat sich in mehreren Tweets zu d en Vorwürfen geäußert, sie habe nicht umfassend genug recherchiert. Ich bin ein Fan von Twitter, weil es ein en viel direkteren Zugang zur Gedanken- und Gefühlswelt von Menschen ermöglicht als ein Pressetext. Ich weiß nicht, inwieweit die Mischung aus Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit, die sie dort an den Tag legt, typisch für di e Redaktion ist, der sie an gehört: In jedem Fall gewährt sie den Blick in eine Welt, in der es nur Feinde oder Gefolgsleute zu geben scheint.

Auf der Höhe der Relotius-Affäre hat sich Caroline Walter im Dezember 2018 auch über journalistische Integrität geäußert. „Es gibt zu viele Journalisten, die nur in Scoops denken, an ihre Karriere”, schrieb sie damals. „Es ist nicht cool, Journalist zu sein, es bedeutet, verdammt viel Verantwortung zu übernehmen!” Manche Aussagen entfalten im Nachhinein eine gewisse Komik, mitunter unfreiwillig.

 

Her mit den Vorurteilen!

Seit Wochen kann man lesen, dass wir ein Polizeiproblem haben. Polizisten gelten als zu schießwütig, zu rechts oder schlicht als nicht höflich genug. Wie wäre es, wir würden die Polizei einfach abschaffen?

Der Krimiautor Till Raether hat sich Gedanken gemacht, wie sich das Ansehen der Polizei verschlechtern ließe. Die Deutschen hätten ein zu positives Bild von den Ermittlerinnen und Ermittlern, schrieb er in einem Beitrag für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Das verstelle den Blick auf die dunklen Seiten der Polizeiarbeit. Raether führt das gute Image auf den übermäßigen Konsum von Krimiserien zurück. Ohne dass es ihnen bewusst sei, würden die Zuschauer beim Fernsehen den Blickwinkel der Polizei einnehmen. Sie würden lernen zu denken, zu schauen und vor allem so zu fühlen wie Polizisten. Kein Wunder also, so seine Schlussfolgerung, dass sie am Ende völlig unkritisch sind, trotz aller Diskussionen über Polizeigewalt und Rassismus.

Es nützt auch nichts, dass man die Polizisten als Bad Cops darstellt, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. „Die Polizei ist der Lebenswirklichkeit des Publikums näher, als Mörder und Drogendealer es sind“, schreibt Raether. Er sieht das offenbar als Problem. Ich würde sagen: Lasst uns dem Herrgott dafür danken, dass sich der normale Deutsche eher mit dem Ordnungshüter als mit dem Gesetzesbrecher identifiziert. Wäre es nicht so, sähe es auf unseren Straßen ganz anders aus. Aber ich habe in meinem Leben vermutlich einfach zu viele Serien geschaut.

Seit Wochen kann man l esen, dass wir ein Polizeiproblem haben. Entweder sind Polizisten zu schießwütig oder zu rechts oder einfach nicht höflich genug, in jedem Fall aber im Prinzip ungeeignet für den Dienst. Natürlich sind sie auch tief von Vorurteilen gegen Minderheiten durchdrungen, wovon sie aber nichts wissen wollen, was zeigt, dass sie nicht nur rassistisch sind, sondern auch noch uneinsichtig. Kurz: Man kann ihnen nicht über den Weg trauen, weshalb darüber nachgesonnen wird, wie man die Polizei grundlegend reformiert.

Wenn ich Polizisten im Einsatz sehe, bin ich jedes Mal erstaunt, wie ruhig und beherrscht sie auch in schwierigen Situationen bleiben. Ich hätte nicht die Geduld, einer kreischenden Autofahrerin fünfmal in für sie verständlichen Worten zu erklären, warum das Einbahnstraßenschild für alle gilt. Ich höre schon den aufgeregten Einwand, ich hätte als privilegierter weißer Mann leicht reden. Aber auch die Statistik gibt nicht her, dass die Zahl der Rassisten oder Rechtsradikalen in der Polizei deutlich höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Unter den 49 000 Bundespolizisten gab es seit 2012 nur 25 Verdachtsfälle mit rassistischem Hintergrund, wie ich der „FAZ“ entnommen habe.

Was verdient ein Polizist? In Bayern 2310 Euro netto als einfacher Streifenbeamter, 3770 als Polizeihauptkommissar nach 15 Jahren im Dienst. Dafür wird von ihm erwartet, dass er sich mutig der Gefahr in d en Weg stellt. Selbstverständlich soll er sofort zur Stelle sein, wenn ein Notfall besteht, wozu schon ein zugeparktes Auto zählt. Bei jedem Ärgernis drückt der Bürger mittlerweile die Notruftaste: Wenn der Nachbar zu laut grillt oder sich ein paar Betrunkene nicht über den Weg nach Hause einigen können.

Ob sich von den Kritikern mal jemand gefragt hat, wie es in einem jungen Polizeibeamten aussieht, wenn ständig über ihn und seine Berufsgruppe hergezogen wird? Jede gesellschaftliche Minderheit liegt uns am Herzen, bei jeder gruppenbezogenen Beleidigung bemühen wir den Diskriminierungsbeauftragten. Nur die Polizei darf ohne wirklichen Widerspruch als „Dumpfbackenhaufen“ und „ressentimentgesteuertes, bewaffnetes Sicherheitsrisiko“ geschmäht werden.

Wenn Sie jetzt denken, echt nicht schön, was so in den linken Krawallblättern steht: Nein, die Zitate stammen von der Onlineseite der „Zeit“, dem Blatt des linksliberalen Bürgertums. Das hessische Innenministerium hat im Februar eine Umfrage unter Beamten veröffentlicht, was sie besonders belaste. Fast die Hälfte antwortete: Wenn wir unseren Dienst tun und dann als Rassisten oder Nazis beschimpft werden.

Die meisten Menschen vertrauen der Polizei, das ist die gute Nachricht. Sie haben auch nicht den Eindruck, dass hier vor allem Nazis beschäftigt seien. Aber leider hört man sie nicht. Die schweigende Mehrheit hat den Nachteil, dass sie eben das ist: schweigend. Stattdessen hört man die SPD-Vorsitzende Saskia Esken, die so laut über „latenten Rassismus“ lamentiert, dass ihr die eigenen Innenminister in die Parade fahren müssen. Oder man erfährt von irgendwelchen aufgescheuchten Hühnern in den Onlineredaktionen, wie viel Angst man vor Menschen in Uniform haben müsse.

Die Linke hatte immer schon ein Problem mit der Ordnungsmacht. Früher redete man von „Bullen“, heute eben von „Rassisten“. Was eigenartig ist, wenn man darüber nachdenkt, da links der Mitte das Staatsvertrauen ansonsten grenzenlos ist. Alles, was man selber erledigen könnte, würden Linke am liebsten in staatliche Hände legen. Aber ausgerechnet das, was man nicht privat organisieren kann, nämlich die Garantie von Sicherheit und Ordnung, kommt angeblich auch mit sehr viel weniger Personal aus.

Einige Träumer gehen so weit, sich eine Welt ohne Polizei vorzustellen. „Defund the Police“ lautet einer der Schlachtrufe der Antirassismusbewegung, die auch in Deutschland eine beachtliche Anhängerschaft gefunden hat. Noch ist das eine Minderheitenmeinung, aber die Grundannahme, dass weniger Polizisten besser seien als mehr, die wird über die Aktivistenszene hinaus geteilt – jedenfalls bis zu dem Moment, wo „Defund the Police“ das eigene Stadtviertel erreicht.

Es heißt jetzt, man wolle den Rassismus in der Polizei ja nur wissenschaftlich untersuchen. Das sei im Zweifel im Sinne der Beamten, da so auch der Beweis erbracht werden könnte, dass kein verfestigter Rassismus existiere. Ich möchte mal die Mitarbeiter bei Siemens hören, wenn das Wirtschaftsministerium eine Studie in Auftrag gäbe, wie verbreitet unter Siemens Mitarbeitern die Korruption ist. Oder wenn der Presserat eine Untersuchung bei der „taz“ anregen würde, wie viele „taz“ Redakteure heimlich mit Terroristen sympathisieren. Die Beleidigung liegt in der Fragestellung. Wer das nicht sehen will, ist dumm oder er stellt sich so.

Bei den Krawallen in Frankfurt und Stuttgart kam vor allem eines zum Vorschein: die totale Respektlosigkeit gegenüber den Ordnungskräften. Wer Bierflaschen auf Polizeibeamte schleudert, handelt im festen Gefühl, ihm könne nichts passieren. Man kann es den jungen Leuten noch nicht mal verdenken: Es passiert ihnen ja auch nichts. Von den 39 Festgenommenen in Frankfurt waren schon 31 anderntags wieder auf freiem Fuß, die verbliebenen acht dann am Montag. Es ließe sich nicht nachweisen, dass die Bierflaschen auch tatsächlich einen Polizeibeamten getroffen hätten, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Ich nehme es sofort wieder zurück, aber wenn ich die Bilder aus Frankfurt sehe, denke ich im Stillen: Vielleicht haben wir es mit der Deeskalation übertrieben. Wenn mich als Polizist ein gewalttätiger Mob attackieren würde, könnte ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass ich nicht die Waffe zöge, um die Randalebrüder in Schach zu halten. Zum Glück lassen sie mich nicht in die Nähe einer Waffe.

Wir können das immer weiter treiben. Wir können es zulassen, dass über die Leute, von denen wir erwarten, dass sie für uns den Kopf hinhalten, schlecht geredet wird. Wir können den Bundesinnenminister dafür schelten, dass er sich vor seine Beamten stellt und es ablehnt, eine Untersuchung auf den Weg zu bringen, deren Fragestellung ehrenrührig ist. Aber dann dürfen wir uns nicht wundern, dass wir in Zukunft mehr Polizisten brauchen und weniger haben werden, wie der Journalist Andreas Hallaschka letzte Woche zu Recht schrieb.

Der Krimiautor Till Raether hat sich übrigens vorgenommen, in seinen Krimis mehr von der „Lebensrealität der Marginalisierten“ zu erzählen. Vielleicht ist das die Lösung: Die Krimiserien lehren uns, stärker wie Drogenhändler und Mörder zu denken, schauen und fühlen.

Empathieverbot

Darf man sich als Schauspieler oder Schriftsteller in andere Menschen hineinversetzen? Die neue Theorie sagt: nein, wenn es sich um Angehörige von Randgruppen oder fernen Kulturen handelt, auf keinen Fall. Das wäre das Ende der Kunst

Die Schauspielerin Halle Berry musste sich entschuldigen. Sie hatte in einem Interview angekündigt, dass sie demnächst eine Frau spielen werde, die sich in einen Mann verwandelt. Große Aufregung in der Transgender- Community. Halle Berry könne die Erfahrungen eines Transsexuellen gar nicht nachvollziehen, lautete der Vorwurf. Außerdem würde sie einem echten Transgender-Schauspieler die Rolle stehlen.

Es täte ihr furchtbar leid, erklärte Frau Berry daraufhin. Sie hätte als eine „Cisgender-Frau“ niemals die Rolle in Betracht ziehen dürfen, das sei ihr jetzt klar geworden. „Die Transgender-Gemeinschaft sollte unangefochten die Chance haben, selbst ihre Geschichten zu erzählen.“ Für Uneingeweihte: „Cisgender-Frau“ ist der Begriff für Frauen, die glauben, dass sie Frauen sind und nichts anderes.

Frau Berry hätte gewarnt sein können. Das Gleiche ist vor zwei Jahren schon Scarlett Johansson passiert. In dem Fall ging es um die Rolle einer Frau, die als Mafiosi lebt und Massagesalons als Tarnung für Bordelle nutzt. „Rub & Tug“ hieß das Projekt, es beruhte auf der Lebensgeschichte des Zuhälters Dante „Tex“ Gill. Mit dem Geld aus der Prostitution bezahlte er später seine Geschlechtsumwandlung. Ein Stoff wie gemacht fürs Kino.

Scarlett Johansson hat in ihrem Leben schon alles Mögliche gespielt: eine einfältige Journalistin, die Schwester der englischen Königin Anne Boleyn, ein Computerprogramm, eine Außerirdische, eine Superheldin. Aber Scarlett Johansson als eine Frau, die eigentlich ein Mann ist? Undenkbar. Die Schauspielerin gab aufgrund der Proteste umgehend ihre Rolle zurück. Unnötig zu sagen, dass man nie wieder etwas von dem Film gehört hat, weil die Finanzierung nach ihrem Rückzug auseinanderfiel.

So wie vermutlich auch aus dem Projekt mit Halle Berry nichts werden wird. Aber immer noch besser kein Film über eine Frau, die als Mann lebt, als eine mit den falschen Stars.

Vermutlich gingen Sie bislang davon aus, dass es die Aufgabe eines Schauspielers sei, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Wer will es Ihnen verdenken? Es gibt in Hollywood Tausende von Experten, die mit künstlichen Haaren, Maske und Kostüm Schauspielern dabei helfen, möglichst glaubwürdig jemand zu verkörpern, der sie nicht sind: alte Menschen, junge Menschen, Dicke, Dünne, Zombies, Aliens. Einmal im Jahr wird sogar ein Preis dafür vergeben, wem es am besten gelang, in eine fremde Haut zu schlüpfen. Der Preis heißt Oscar.

Sorry, aber das ist die Welt von gestern. Wenn meine Freundin Maskenbildnerin wäre, würde ich ihr raten, sich schleunigst nach einem neuen Job umzusehen. Demnächst spielen nur noch Frauen Frauen, nur noch Alte Alte, und Dicke werden nur noch von Dicken dargestellt. Gut, Außerirdische und Zombies bleiben als Rolle, die haben noch keine Community, die ihre Interessen vertritt. Aber die Marktlücke ist halt sehr klein.

Das Konzept, das Halle Berry und Scarlett Johansson zum Verhängnis wurde, heißt „Cultural Appropriation“ oder zu Deutsch: „kulturelle Aneignung“. Es kommt wie alles, was derzeit als neu und fortschrittlich gilt, von den amerikanischen Hochschulen und besagt in Kürze, dass man Mitglieder von Minderheiten entrechtet, wenn man so tut, als wäre man sie. Der Begriff der Entrechtung ist dabei sehr weit gefasst. Um sich der kulturellen Aneignung schuldig zu machen, reicht es schon, dass man einen Tanz imitiert, der einem gefällt, oder sich so kleidet wie jemand aus einer anderen sozialen Gruppe oder bestimmte Worte benutzt, die in einer bestimmten Szene oder Subkultur gerade angesagt sind.

Ich würde Sie nicht behelligen, wenn die ersten Ausläufer dieser Theorie nicht bereits Deutschland erreicht hätten. Vergangenes Jahr ging ein Hamburger Kindergarten durch die Zeitungen, weil die Erzieher den Eltern empfohlen hatten, auf Indianerkostüme zu verzichten. Stattdessen sollten die Kinder weiße T-Shirts mitbringen, die sie dann bunt bemalten.

Nach meiner Erfahrung wird es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Broschüren der Amadeu Antonio Stiftung aus Berlin über die richtige Kostümierung zu Fasching erscheinen. Keine Kindergärtnerin will in Verdacht geraten, die Gefühle anderer Menschen zu verletzen, schon gar nicht die von toten Indianern. Auch für Hexen, Piraten und arabische Prinzen sehe ich, was die Zukunft angeht, schwarz.

Am besten spielt man nur sich, das ist ungefährlich. Und schreibt auch nur noch über sich selbst. Vor ein paar Monaten ist in den USA ein Roman mit dem Titel „American Dirt“ erschienen, in dem die Autorin das Schicksal mexikanischer Migranten schildert. Das Interesse war schon vor Erscheinen riesengroß. Die Verlage überboten sich gegenseitig bei den Abdruckrechten, die Schauspielerin Salma Hayek posierte mit dem Buchcover auf Instagram.

Dann meldeten sich hispanische Autoren zu Wort und fragten, wie es denn sein könne, dass eine weiße Frau aus der Mittelschicht das Elend migrantischer Arbeiter beschreibe. Salma Hayek erklärte, sie habe das Buch gar nicht richtig gelesen, was man ihr sofort abnahm. Auch an Frau Hayek geht das Alter nicht spurlos vorbei. Sie sieht fantastisch aus für ihre 53 Jahre, aber in dem Alter ist Lesen für eine Schauspielerin nicht mehr ungefährlich. Diese endlosen Reihen winziger Buchstaben: Da kneift man schnell mal die Augen zusammen, was sich fatal auf die Faltenbildung auswirkt.

„American Dirt“ gilt jedenfalls als Sündenfall. Ich bin gespannt, wann wir anfangen, rückwärts zu denken. „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert: ein Mann, der sich in eine von ihrem Gatten gelangweilte Arztgattin in der französischen Provinz hineinversetzt? Oder „Oliver Twist“ von Charles Dickens: ein Mann, der die Sicht eines armes Waisenkinds in London einnimmt? Oder „Die Blechtrommel“ von Günter Grass: ein Mann, der die Welt aus der Perspektive eines wachstumsgestörten Kindes beschreibt? Machen Sie schon mal Platz im Bücherregal, wäre mein Tipp.

Cultural Appropriation hat auch seine komischen Seiten. Als eifriger Twitter-Leser stieß ich vor zwei Wochen auf die Frage einer jungen Frau, wie es sich denn mit Rastazöpfen verhalte. Sie frage sich, ob sie zu „weiß“ dafür sei, obwohl ein Elternteil von ihr aus Afrika stamme. Die Antwort fiel nuanciert aus. Wenn ihr Vater Schwarzafrikaner sei, gehe das mit den Rastazöpfen in Ordnung. Sei sie hingegen eine weiße Afrikanerin, wäre das wirklich problematisch. „Bist du schwarz oder of color? Haben deine Eltern und Großeltern historisch diese Frisuren getragen?“, das sei die entscheidende Frage. Twitter hat einen schlechten Ruf, aber wie man sieht, ist auch praktische Lebenshilfe möglich.

Ich fürchte, es kommen harte Zeiten auf die Tattooszene zu. Viele Motive sind anderen Kulturen entlehnt, angefangen bei den Tribalmustern ferner Südseestämme. Auch die bei der Jugend beliebten Ohrtunnel stammen, soweit ich das beurteilen kann, nicht aus dem germanischen Kulturraum. Die Regermanisierung beim Körperschmuck hielte ich für eine begrüßenswerte Entwicklung. Mich hat es immer schon irritiert, wenn der Kellner in seinen Ohrläppchen Löcher hat, durch die man ein Matchbox-Auto fahren könnte.

Die Pointe des Denkens in kulturellen Sonderzonen ist, dass es zum Verwechseln dem bei den radikalen Rechten ähnelt. Wenn es etwas gibt, was Rechte nicht ausstehen können, dann die Idee des Universalismus, diese erstaunliche Gabe, sich in fremde Menschen hineinversetzen zu können, in ihr Glück, ihr Unglück, auch das Unrecht, das ihnen möglicherweise widerfährt. In der identitären Vorstellung sind die Kulturen streng getrennt und sollten das auch bleiben. Empathie ist in dieser Welt kein Wert, sondern ein Schimpfwort.

Irgendein Witzbold hat dem Tweet der Frau mit den Rastazöpfen ein Bild von Martin Sellner, einem der Anführer der identitären Bewegung von rechts, gegenübergestellt. Überschrift: „Ethnopluralisten unter sich“. Die Zahl der Likes hielt sich hier in Grenzen.

Das Phänomen der relativen Größe

Glaubt man einer neuen, nachrückenden Generation von Journalisten, dann denkt die Jugend von heute queer, grün und gendergerecht. Wie sich zeigt, ist das ein großer Irrtum – mit ernsten Folgen für Politik und Medien

Ein Freund rief an, um mich auf einen Text bei „Bento“ aufmerksam zu machen. Für alle Leser, die nicht auf Anhieb wissen, wovon die Rede ist: „Bento“ ist die junge, digitale Ausgabe des „Spiegel“. Eine Art Online-„Bravo“ für die Generation Y. Oder sind wir inzwischen bei der Generation Z angelangt? Ich glaube, ich habe bei der Generationenbenennung den Überblick verloren. Egal, in jedem Fall richtet sich der „Spiegel“ mit „Bento“ an die politisch bewusste Jugend, von der es heißt, dass wir mehr auf sie hören sollten.

Der Freund ist verheiratet und hat drei Kinder im Schulalter. Er ist also eindeutig über das „Bento“-Alter hinaus. Aber ich habe den Eindruck, er liest alles, was dort steht. Es ist wie eine Sucht. Manche Menschen begeistern sich für Zierfische. Andere wollen so viel wie möglich über das geheime Leben der Bäume wissen. Sein Hobby sind die Zwangsideen der sogenannten Millennials.

Ich kann ihn in gewisser Weise verstehen. Wenn es „Bento“ nicht gäbe, müsste man es erfinden. Wo sonst bekommt man einen so tiefen Einblick in die Lebens- und Vorstellungswelt junger, politisch nachhaltig sozialisierter Menschen? Ich finde schon den Titel genial. Klingt wie eine dieser Sushi-Boxen, die sie am Flughafen anbieten. Total gesund und trotzdem hip.

Eine typische Woche auf „Bento“ geht so: Am Montag berichtet eine Autorin über die Angst, auf die Straße zu gehen, weil sie am Tag zuvor beim Coffee-Shop den Kaffee aus Nachlässigkeit in einen Pappbecher hat füllen lassen, statt wie sonst in einen ihrer eigenen Mehrweg-Coffee-togo- Cups, von denen sie im Übrigen drei besitzt, wie sie die Leser wissen lässt, damit ihr genau ein solches Missgeschick nicht passiert. Jetzt fürchtet sie, dass eine riesige Empörungswelle über ihr zusammenschlägt, weil jemand sie mit dem Pappbecher gesehen hat, was wiederum auf „Bento“ zu 200 Zeilen über „Meine Angst vor dem Shitstorm“ führt.

Tags darauf geht ein Redakteur der Frage nach, was es über ihn aussagt, wenn er noch nie eine schwarze Freundin hatte (oder war das die „Zeit“?). Dann macht sich eine Redakteurin Vorwürfe, dass sie auf Partys manchmal einfach ein Glas Wein trinkt, statt die Umstehenden mit Fragen zu löchern, warum sie nicht die Hälfte ihres Gehalts zur Linderung des Elends in Afrika spenden. Der Artikel endet mit dem Versprechen, sich keine Pause mehr zu gönnen, auch nicht auf Partys. Nie wieder Wein statt Armutstalk, nie wieder belangloses Geplänkel: „Ich weiß, dass ich damit aufhören muss. Weil es das absolut Mindeste ist, was ich tun kann.“

Was das politische Bewusstsein angeht, ist der „Bento“- Redakteur kaum zu toppen. In der Hinsicht macht ihm so schnell keiner was vor. Leider korrespondiert die Bewusstseinsstufe nicht mit der ökonomischen Anerkennung. Vor ein paar Wochen hat der „Spiegel“ verkündet, die Seite einstellen zu wollen, wegen Erfolglosigkeit. Im Herbst ist Schluss, dann müssen sich die Redakteure nach einem neuen Job umsehen.

Auch ein paar Straßen weiter, am Hamburger Speersort bei der erfolgsverwöhnten „Zeit“, hat man sich entschlossen, den Jugendableger stillzulegen. „Ze.tt“ heißt das Angebot dort. Es ist im Prinzip das Gleiche wie „Bento“, nur noch ökobewusster und veganer. Auch hier heißt es, dass man für das hoffnungsvoll gestartete Programm leider keine wirtschaftliche Perspektive sehe.

Die Einstellungsankündigungen wurden in den Branchendiensten vermerkt, aber darüber hinaus haben sie kaum Beachtung gefunden. Ich halte das für einen Fehler. Ich glaube, dass sich aus dem Ende für die politisch korrekten Jugendmagazine etwas Grundsätzliches ableiten lässt. Das Aus für „Bento“ und „Ze.tt“ ist aus meiner Sicht nicht nur eine Niederlage für eine bestimmte Form des journalistischen Aktivismus: Es lässt ganz prinzipiell Rückschlüsse zu auf die Attraktivität von politischen Angeboten, denen angeblich die Zukunft gehört.

Wenn man die Grüne Jugend ein Magazin erstellen ließe, sähe es ziemlich genau so aus wie die von „Spiegel“ und „Zeit“ ersonnenen Millennial-Ausgaben. In anderen Redaktionen heißen die Ressorts „Wirtschaft“, „Politik“ oder „Leben“. Hier nennen sie sich „Gerechtigkeit“, „Inklusion“ und „Gefühl“. „Was willst du später mal werden, wenn du mit dem Studium fertig bist?“ „Ressortleiter Gefühl.“ Wenn das kein Lebenstraum ist! Natürlich wird auch gegendert, bis es kracht, und jeder Minderheit gehuldigt, sei sie noch so klein.

Von außen betrachtet mag das eine oder andere etwas überspannt wirken. Aber man sollte sich nicht täuschen: Was bei den Jugendausgaben in exaltierter Form hervortritt, ist für eine ganze Generation von Journalisten inzwischen Leitlinie. Die 30- bis 35-Jährigen, die jetzt in die Redaktionen drängen, beherrschen all e das Vokabular d es akademischen Milieus, dem sie entstammen, eine Mischung aus Politsoziologendeutsch und Befindlichkeitssprache, die stets ein wenig geschwollen klingt, aber eben auch sehr bedeutend und vor allem wahnsinnig einfühlsam.

Auf der Suche nach einer Erklärung für das Scheitern heißt es jetzt, die Corona-Krise habe die ökonomischen Aussichten verdüstert. Aber das ist Unsinn. Corona ist nur der Anlass, die Einstellung zu verkünden. In Wahrheit haben die Jugendplattformen nie die Quoten gehabt, die es brauchte, um einigermaßen kostendeckend zu arbeiten. „Bento“ und „Ze.tt“ lebten von der Behauptung, eine Generation zu vertreten, die queer, grün und gendergerecht denkt. Wie sich zeigt, ist diese Generation nicht viel größer als der Studiengang, dem seine Protagonisten entstammen.

Das Internet kann brutal sein. Solange man keine verlässlichen Zahlen hat, darf jeder an seine eigene Wahrheit und auch Wichtigkeit glauben. Ich habe noch nie einen Leitartikel- Schreiber getroffen, der nicht selbstverständlich davon ausging, dass der geneigte Leser als Erstes den Blick auf seinen donnernden Kommentar richten würde, wie die Kanzlerin den Konflikt im Südchinesischen Meer lösen müsse. In der Online-Welt weiß man bis auf den letzten Klick, wie viele Leser wirklich interessiert, was die Kanzlerin jetzt im Südchinesischen Meer tun sollte.

Die Desillusionierung durch die Zahlen ist altersunabhängig. Sie trifft die junge migrantisch bewegte Feministin, die denkt, dass die ganze Welt Anteil an ihrem Schicksal nimmt, ebenso wie den von ihr verachteten alten weißen Mann. Man kann sich auch nicht mehr damit herausreden, dass einen das Old-Boys-Netzwerk davon abgehalten hätte, groß herauszukommen. Alles, was es heute braucht, um berühmt zu werden, ist ein Podigee-Abo oder ein WordPress-Account.

Dass man aus dem Stand heraus zum Netzphänomen werden kann, hat gerade die Stand-up-Komödiantin Sarah Cooper mit ihren Trump-Imitationen bewiesen. Jedes ihrer über TikTok verbreiteten Videos erreicht ein paar Millionen Menschen. Wenn das Genderprogramm eine solche Granate wäre, wie immer behauptet, dann müssten die Zahlen auch hier durch die Decke gehen. In Wahrheit schaffen es die Betreiber netzfeministischer Blogs kaum, ihre Serverkosten zu decken. Es braucht eben etwas mehr als Gesinnung, um sich durchzusetzen. Witz und Sprachtalent wären, zum Beispiel, ganz hilfreich.

Das Phänomen der relativen Größe lässt sich auch im politischen Raum beobachten. Nur weil ein Thema auf dem Strategiekongress der Jusos ein Riesenhit ist, heißt nicht, dass es auch die Wähler begeistert. Oft verhält es sich sogar genau umgekehrt. Wie viele Leute mögen vergangene Woche beim Großskandal um Sigmar Gabriel mitgefiebert haben? Oder davor bei der medialen Riesenaufregung um Philipp Amthor? Ich kenne das aus Redaktionskonferenzen, wo sich Leute die Köpfe über ein Thema heißreden, das außerhalb des Konferenzraums nur mäßig interessiert. Wurde lange genug gestritten, fällt unweigerlich der Satz, dass die Diskussion zeige, wie wichtig das Thema sei.

Man nennt das einen Zirkelschluss. Er kann bei Leuten, die auf das Interesse des Publikums angewiesen sind, kreuzgefährlich sein.

Die neue Rassenlehre

Seit 1945 galt der Abstammungsnachweis in Deutschland als geschichtlicher Irrweg. Mit der Anti-Rassismus-Bewegung ist er zurück

Vor zwei Jahren kam man im Stadtrat für Berlin-Wedding auf die Idee, eine Straße nach einer Königin aus dem 17. Jahrhundert zu benennen. Ana Nzinga, so ihr Name, hatte über Ndongo und Matamba geherrscht, das heutige Angola. Sie hatte erfolgreich die Portugiesen in Schach gehalten, dann die Holländer. Eine starke, schwarze Frau, die sich zu dem mutig den Kolonialisten in den Weg gestellt hatte? Das Straßenschild war praktisch schon angeschraubt.

Dann tauchten Fragen auf. Dass Nzinga offenbar eine herrschsüchtige, paranoide Persönlichkeit gewesen war, die ihren eigenen Bruder hatte vergiften lassen, um auf den Thron zu gelangen: Das ließ sich noch verschmerzen. So sind halt Herrscher, befanden in diesem Fall selbst die Grünen. Ein größeres Problem war, dass die Königin Macht und Reichtum offenbar ihrer Beteiligung am Sklavenhandel verdankte.

Nzinga hatte im großen Stil Landsleute einfangen lassen, um sie bei den Holländern abzuliefern, die dann die Elenden auf ihren Plantagen sich zu Tode schuften ließen. 12 000 bis 13 000 Sklaven lieferte sie im Jahr an ihre Geschäftspartner, wie Abrechnungen zeigen. Ohne Mithilfe von Stammesfürsten wie Ana Nzinga wäre der europäische Sklavenhandel im 17. Jahrhundert nicht wirklich in Schwung gekommen. Die Europäer trauten sich selten ins Landesinnere, wo sie Fieber, feindliche Stämme und der Wahnsinn der Tropen erwarteten.

Auch die Geschichte des Sklavenhandels ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Geburtsstätte ist nicht Europa, sondern das alte Mesopotamien. Und es waren auch nicht Deutsche, Holländer oder Briten, die das System des gewerbsmäßigen Handels etablierten, sondern die Araber.

Fast zehn Jahrhunderte besaßen muslimische Sklavenhändler das Monopol in Afrika. 17 Millionen Menschen sollen sie in die Gefangenschaft geführt haben. Der Anthropologe Tidiane N’Diaye kommt in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord” zu dem Fazit, „dass der von den arabomuslimischen Räubern betriebene Sklavenhandel weitaus verheerender für Schwarzafrika war als der transatlantische”.

Geschichte holt uns immer wieder ein, auch die Geschichte des Kolonialismus. Wenn man den Wortführern der neueren Theorie glauben darf, ist dies die Ursünde, aus der alles Weitere folgt: das Elend Afrikas, der weiße Blick auf d en schwarzen Menschen, die Erniedrigung und Entrechtung großer Teile der Menschheit, die bis heute anhält. Die Deutschen mögen mit Verspätung zum Kreis der Kolonialmächte gestoßen sein, aber auch sie haben sich schuldig gemacht, weshalb das Thema bei uns ebenfalls an Fahrt gewinnt.

Was Rassismus sei beziehungsweise den Rassisten aus – mache, ist dabei einer radikalen Neudefinition unterworfen. Nach landläufiger Meinung ist ein Rassist jemand, der sich anderen aufgrund seiner Hautfarbe oder Herkunft überlegen fühlt. Es ist ein individueller Akt der Verblendung, dem man am besten mit Aufklärung und Erziehung beikommt. Die neue Theorie geht über diese Definition hinaus. Rassismus in seiner modernen Lesart ist keine psychologische oder ideologische Angelegenheit mehr, es ist ein theologisches Konzept, das man ohne die Zuhilfenahme religiöser Kategorien auch nicht wirklich verstehen kann.

Der weiße Mensch wird mit dem Makel des Rassismus geboren, an seiner Wiege steht die Ursünde des Kolonialismus. Niemand kann sich von dieser Schuld frei machen oder freisprechen. Es gibt kein Entrinnen. Wir sind Nachfahren der Sklavenhändler und daher Kinder des Sündenfalls. Wer wie der grüne Parteivorsitzende Robert Habeck dazu auffordert, den Rassismus aktiv zu verlernen, ist bestenfalls naiv. Wer seine Verstrickung leugnet, beweist nur, wie virulent der rassistische Gedanke in ihm ist.

Am Anfang der Besserung steht deshalb die Schuldanerkenntnis. Es ist ein bisschen wie im Bußgottesdienst: Der Weg zur Erlösung führt über die Beichte und die Bitte um Vergebung der Sünden. Wer hartnäckig darauf besteht, bei ihm sei nichts zu finden, riskiert Zurechtweisung – oder die Exkommunikation.

Vergangene Woche kündigte der Sportkonzern Adidas seiner Personalchefin Karen Parkin, der einzigen Frau im Vorstand. Parkin hatte vor einem Jahr auf einer Firmenveranstaltung gesagt, dass sie glaube, dass Rassismus bei Adidas kein großes Problem darstelle. Sie hatte sich weder abwertend über andere geäußert noch Anlass zur Vermutung gegeben, dass sie gegenüber Menschen dunkler Hautfarbe Vorurteile hege. Sie hatte unbedacht das Dogma infrage gestellt, dass eine von Weißen geführte Firma selbstverständlich ein Platz des Rassismus sein muss, wenn jeder weiße Mensch ein Rassist ist. In der Theologie des neuen Rassismus ist das ein Fehler, der entsprechend bestraft gehört.

Wenn die Hautfarbe darüber bestimmt, ob man Rassist ist, dann hängt der Grad der Schuld von der Schattierung ab. Der gängige Begriff für alle nichtweißen Menschen ist People of Color oder, in der Kurzform, PoC. Ich vermute, man entscheidet sich auch deshalb in Deutschland für die englische Variante, weil die Übersetzung „Personen von Farbe” etwas merkwürdig klingt.

People of Color scheint als Begriff eindeutig. Aber wer dazugehört und wer nicht, ist eine diffizile Angelegenheit. Schwarze sind dabei, das ist klar. Auch Inder oder Malaien. Manche Asiaten sind dunkelhäutiger, als es ein Sudanese je sein könnte.

Aber schon beim Nordafrikaner entstehen Abgrenzungsprobleme. Viele Marokkaner sind optisch kaum von einem Spanier oder Portugiesen zu unterscheiden. Und was ist mit den Türken? Niemand wird bestreiten können, dass türkisch stämmige Menschen aufgrund ihrer Herkunft Abwertung erfahren.

Trotzdem gibt es Vorbehalte, sie unter den People of Color zu summieren. Die schleswig-holsteinische Grünen-Politikerin Aminata Touré, Tochter malischer Eltern, wurde kürzlich gefragt, was sie von dem Satz halte, Deutschlands Schwarze seien die Türken. Gar nichts, sagte sie, die Schwarzen seien die Schwarzen. Was man so verstehen kann, dass bei aller Solidarität nicht vergessen werden sollte, wer aufgrund seiner Hautfarbe schlimmerer Diskriminierung ausgesetzt ist.

Denkt man die Dinge weiter, öffnet sich die Tür zu einer Ahnenforschung, wie man sie seit 1945 in Deutschland für überwunden hielt. Eine Bekannte von mir entdeckte im Alter von 42 Jahren, dass sie eine schwarze Großmutter hatte. Nach der Farbenlehre der neuen Rassismustheorie macht sie das zu einer Viertel-Schwarzen. Ist sie damit ein PoC, wie sie selbst glaubt, obwohl sie in ihrem Leben nie Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren hat?

Die Grünen haben jetzt die Einrichtung einer „vielfaltspolitische*n Sprecher*in” beschlossen, aber das kann selbstverständlich nur der Anfang sein. So wie es Frauenbeauftragte gibt, wird es bald Anti-Rassismus-Beauftrage geben, erst im Bund und dann in den Ländern. Man wird in den Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Fernsehräte installieren, die dafür Sorge tragen, dass im Fernsehen keine Klischees über schwarze Menschen verbreitetet werden.

Natürlich wird es auch einer neuen Gesetzgebung bedürfen, die neben offensichtlichen Formen des Rassismus Mikroaggressionen und andere weniger eindeutige Formen der Herabwürdigung unter Strafe stellt. Zum Schluss wird man zur Forderung einer Quote kommen, weil nur durch die Repräsentation in Wirtschaft und Politik das öffentliche Bild der People of Color geändert werden kann.

So wird auch diese Emanzipationsbewegung in dem Aufbau einer neuen Bürokratie enden. Wo der Einzelne nichts ausrichten kann, muss eine Struktur her, die an seiner Stelle die als notwendig erachteten Veränderungen in die Wege leitet. Nichts anderes meint die Rede vom strukturellen Rassismus.

Die Anti-Hate-Speech-Industrie

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine florierende Branche entwickelt, die Millionen an Staatsgeldern für den Kampf gegen Hasskommentare einnimmt. Dumm, wenn man da selbst als Hate-Speech-Produzent auffällt

Das gute Deutschland hat eine neue Heldin. Sie heißt Hengameh Yaghoobifarah und ist freie Mitarbeiterin der Berliner Tageszeitung „taz“. Am Wochenende sah es so aus, als ob ihre Karriere einen Knick erlitten hätte. Da war von ihr eine Kolumne erschienen, in der sie darüber nachsann, ob es nicht das Beste sei, Polizisten auf die Müllkippe zu „ihresgleichen“ zu schicken.

Das war selbst für „taz“-Verhältnisse ein ungewöhnlicher Vorschlag. Es ist noch nicht lange her, dass die Zeitung in einem Artikel erklärte, dass eine Gesellschaft am Ende sei, wenn Menschen zu Abfall erklärt würden. Entsprechend groß war die Aufregung in und außerhalb der Redaktion.

Aber dann kündigte Innenminister Horst Seehofer eine Klage wegen Beleidigung an. Seitdem ist die Welt wieder in Ordnung. Jetzt gilt die Causa Yaghoobifarah als Beweis, wie schnell auch in Deutschland die Pressefreiheit gefährdet sein kann. Der Deutsche Presserat schaltete sich ein. Auf change.org ging eine Solidaritätsadresse online, die binnen Stunden von 1000 Leuten unterschrieben wurde, darunter der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, die Seenotretterin Carola Rackete und überhaupt so ziemlich jeder, der in der linken Celebrity-Welt eine Rolle spielt.

Ich halte es für eine große Eselei, als Politiker eine Journalistin wegen einer Kolumne verklagen zu wollen, ich muss es leider so sagen. Die Klage hätte noch nicht mal Aussicht auf Erfolg gehabt. Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland weit gesteckt: Man darf bei uns auch sagen, dass Soldaten Mörder seien oder alle Politiker korrupt, ohne dass es rechtliche Konsequenzen hätte. Man dürfte sogar behaupten, dass Journalisten Fünf-Mark-Nutten sind. Die Beleidigung stammt von Joschka Fischer, was ihm komischerweise nie jemand wirklich übel genommen hat. Bei Grünen drückt man in deutschen Redaktionen beide Augen zu.

Ich habe seit Längerem den Eindruck, dass Seehofer den Überblick verloren hat. Berlin tut ihm nicht gut. Wie man hört, verlässt er sein Ministerium nur, wenn es nicht anders geht. Er isst und schläft dort. Neben seinem Schreibtisch steht ein Feldbett, damit er auch nachts nicht aus dem Haus muss. Man sieht ihm an, dass er nicht mehr der Alte ist. Seine Augen haben so einen merkwürdig gehetzten Ausdruck, wie bei jemandem, der Stimmen hört. Gibt es keine Fürsorgepflicht der Kanzlerin? Ich finde, sie sollte Seehofer sagen, dass er unter Leute muss, raus ins Leben. Zurück nach Bayern, das wäre das Richtige.

Aber dass seine Anzeige ein Anschlag auf die Pressefreiheit sei, wie man lesen konnte? Das halte ich dann doch für etwas übertrieben. In der Türkei oder Ägypten, klar, da würde ich mir als Kolumnist*in auch Sorgen machen, wenn mich der Innenminister verklagt. Aber in Deutschland? Alles, was einem hier droht, ist ein Schwung Talkshoweinladungen. Tatsächlich war die Strafankündigung des Ministers ein Gottesgeschenk für alle Yaghoobifarah-Fans. Man konnte den Seufzer der Erleichterung bis zu mir nach Pullach hören.

Es steht einiges auf dem Spiel. Der etwas unbedachte Polizei-Müll-Text bedroht nicht nur die Reputation der „taz“ als Bollwerk gegen Menschenfeindlichkeit, er gefährdet auch ein relativ erfolgreiches Geschäftsmodell. Alle reden von der hippen Start-up-Szene, aber was den Beschäftigungseffekt angeht, kann die junge Anti-Hate-Speech-Industrie durchaus mithalten.

Unbemerkt von der breiteren Öffentlichkeit hat sich eine florierende Branche entwickelt, die erstaunlich findig darin ist, Texte auf verfängliche Stellen zu flöhen, um diese dann in einer vielfältigen Broschüren- Produktion zu katalogisieren. Es gibt Hate-Speech-Seminare, woran man Hate-Speech erkennt, und Workshops, wie man sich gegen Hate-Speech zur Wehr setzen kann. Auf „Hate-Slams“ werden am Abend die schlimmsten Hasskommentare vorgetragen.

Da ist es natürlich misslich, wenn einer der eigenen Leute damit auffällt, wie er sich genau der Wortwahl bedient, die man an anderer Stelle als verwerflich anprangert. Der Anti-Hate-Speech-Aktivist als Hate-Speech- Produzent? Das ist so wie der Priester, der eine Stelle zur Überprüfung von Texten gegen Unzucht leitet und dann im Bordell beim Absingen besonders schmutziger Reime erwischt wird.

Einige Unterstützer haben es mit dem Hinweis versucht, Menschen mit Migrationshintergrund reagierten aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen bei bestimmten Themen nun einmal besonders emotional. Abgesehen davon, dass dieses Argument einen ziemlich rassistischen Beigeschmack hat („Ihr dürft das nicht so ernst nehmen, was Migranten schreiben, die schlagen nun mal leichter über die Stränge“): Es hat nicht wirklich verfangen. Beim Thema Müll versteht der Deutsche keinen Spaß.

Kein freier Journalist kann vom „taz“-Gehalt leben. Es müssen andere Einnahmequellen her. Die verlässlichste ist immer noch der Staat. Man mag auf das kapitalistische System schimpfen, aber wenn es darum geht, seine Segnungen in Anspruch zu nehmen, schwinden alle Vorbehalte. Oder wie es ein Aktivist auf einem Linkspartei-Kongress neulich in bemerkenswerter Offenheit sagte: Es geht darum, Staatsknete abzugreifen, deshalb sei man ja im Parlament.

Wer sich in der Szene einen Namen gemacht hat, darf darauf vertrauen, dass es immer einen Podiumsplatz gibt. Dann sitzt man bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Halle, um über nichtbinäre Geschlechtsidentität Auskunft zu geben, oder bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einem Vortrag zu queer-sozialistischen Perspektiven nach Corona. Oder die „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ buchen einen für einen Kurs zu Hassrede im Netz. So hangelt man sich von Auftritt zu Auftritt. Man wird dabei nicht reich, aber es langt für die 53 Quadratmeter in Kreuzberg-Friedrichshain.

Dass es immer die gleichen Leute auf den immer gleichen Veranstaltungen vor dem immer gleichen Publikum sind, stört niemanden. Im Gegenteil, das ist so gewünscht. Der langjährige Leiter der Böll-Stiftung, Ralf Fücks, hat mir einmal gestanden, dass er gerne mal jemanden eingeladen hätte, der anders ist. Aber jeder Vorschlag einer dissidentischen Stimme wurde schon eine Etage tiefer totgemacht. Das Stiftungs-Publikum ist wie der Abonnement-Stamm der Staatsoper: Der will auch keine Neutöner im Programm.

Finanziell ist die Anti-Hate-Speech-Branche ebenfalls ein Hidden Champion. Die Böll-Stiftung verfügt über einen Jahresetat von 63 Millionen Euro an Steuergeldern (Stand 2018). Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bekommt 64 Millionen von der Finanzkasse des Bundes überwiesen, die Ebert-Stiftung sogar über 170 Millionen. Damit kann man schon einige Leute in Lohn und Brot bringen.

Dazu kommen direkte Zuwendungen der Bundesregierung an die diversen Vereine. Die „Welt“ hat sich neulich die Mühe gemacht, bei den „Neuen Deutschen Medienmacher* innen“ anzufragen, wie es mit der öffentlichen Förderung aussehe. Der Verein war eher schmallippig, ein Gespräch sagte die Vereinsvorsitzende ab. Also wandte sich die Zeitung direkt an die staatlichen Stellen.

Die Zahlen geben einen Einblick, was zu holen ist, wenn man es einmal auf die richtigen Listen geschafft hat. Vom Bundeskanzleramt kommen dieses Jahr 1 012 152 Euro aufs Konto der Berliner Lobbyorganisation. Das Familienministerium ist für ein Projekt namens „Die Würde des Menschen ist unhassbar“ mit 191 896 Euro dabei. Die Bundeszentrale beteiligt sich mit 70 199 Euro, für sieben dreiminütige Videos zum Grundgesetz. Auch Horst Seehofer ist unter den Förderern, mit 89 882 Euro für ein Medientraining. Titel: „Wir sind Gesprächsthema!“

Es spricht, wenn man so will, für die Szene, dass sie sich ohne Wenn und Aber hinter die bedrängte „taz“- Kolumnistin gestellt hat. Solidarität ist ein schöner Zug, erst recht die unbedingte. Solidarität bedeutet allerdings, dass aus einem Einzelfall ein grundsätzliches Problem wird. Das gilt auch für den Vergleich von Polizisten mit Müll.

Lachen Sie noch, oder weinen Sie schon?

Was treibt die jungen Bilderstürmer an, die gegen Denkmäler, Filme und Straßennamen vorgehen? Sie würden sagen: der Rassismus. Eine Theorie hingegen sieht psychische Gründe. Je emotional instabiler ein Mensch, desto größer seine Neigung, sich aufzuregen

Das Problem am Witz ist, dass sich garantiert jemand findet, der sich auf den Schlips getreten fühlt. Oder sollte man besser sagen: auf den Rock? Empörung funktioniert immer, auch mit Verspätung. Selbst wenn der Witz Jahre zurückliegt, kann man sich noch retrograd aufregen.

Im September 1975 nahm die BBC eine Sitcom ins Programm, die in einem Hotel an der Südküste Englands spielte und für jeweils 30 Minuten den Verwicklungen rund um das Hotelbesitzerpaar Basil und Sybil Fawlty, seinen Angestellten sowie den oft exzentrischen Gästen folgte.

„Fawlty Towers“ war sofort ein Hit. Die von dem Monty-Python-Mitbegründer John Cleese und der Drehbuchautorin Connie Booth entwickelte Serie sammelte im Laufe der Jahre so ziemlich jeden Preis ein, den man im Fernsehen gewinnen kann. Sie steht auf der vom Britischen Filminstitut zusammengestellten Liste der 100 besten britischen TV-Programme. 2019 wurde die Serie von einer Jury von Comedy-Experten zur „größten britischen TV Sitcom aller Zeiten“ erklärt.

Ich habe auf die Schnelle nicht herausfinden können, wer in der Jury saß, wahrscheinlich lauter alte weiße Menschen wie John Cleese. So schnell wird es jedenfalls für „Fawlty Towers“ keine Preise mehr geben. Die Macher können froh sein, wenn ihnen die bereits verliehenen Auszeichnungen nicht wieder entzogen werden. Vor eini gen Tagen gab der zur BBC gehörende Streamingdienst UKTV bekannt, dass man eine der Folgen wegen „rassistischer Beleidigungen“ gesperrt habe. Man müsse die Folge einer „Revision“ unterziehen, um sie den heutigen Erwartungen der Zuschauer anzupassen, erklärte ein Sprecher.

In der von UKTV einkassierten Folge haben die Fawltys Gäste aus Deutschland, die laufend mit Anspielungen auf den Krieg gequält werden. Das an sich ist noch kein Grund, die Episode vorübergehend aus dem Verkehr zu nehmen. Die Deutschen sind vermutlich die einzige Nation auf der Welt, die für immer das Recht verloren hat, beleidigt zu sein. Dummerweise gibt es noch eine Nebenfigur, die durch abwertende Bemerkungen über das westindische Cricketteam auffällt. Dass der Mann eine Karikatur des britischen Rassisten ist, taugt nicht als Entschuldigung. Schon die Darstellung von Rassismus fällt heute unter Sendeverbot.

Es gibt im Englischen einen Begriff für die moderne Form des Bildersturms, dessen Zeugen wir werden: Man spricht von Cancel Culture. Alles, was nicht den moralischen Anforderungen genügt, muss den Augen und Ohren entzogen werden. Das können Filme sein. Oder Denkmäler. Oder Straßennamen. Wer glaubt, der Bildersturm gehe an Deutschland vorbei, hält die Grüne Jugend auch für eine Nachfolgeorganisation der Pfadfinder.

In München hat eine Historikerkommission eine Liste mit Namen vorgelegt, die sie als problematisch einordnet, darunter der Franz-Josef-Strauß-Ring. Strauß war einmal in Afrika und hat dort Antilopen gejagt. Außerdem soll er bei der Gelegenheit gesagt haben: „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten.“

Wenn Sie mich fragen, zeugt der Satz eher von einer antirassistischen Gesinnung. Manche Menschen ziehen sich ein schwarzes T-Shirt über, um gegen den Rassismus zu demonstrieren, Strauß hat eine ganze Partei geführt, die schwarz wie die Nacht war. Aber wahrscheinlich läuft das in seinem Fall unter rhetorischem „Blackfacing“. Und das gilt, wie wir wissen, als besonders verwerflich.

Was geht da vor sich? John Cleese hat eine Theorie. Je emotional instabiler ein Mensch sei, desto größer seine Neigung, sich aufzuregen. „Wenn Leute ihre eigenen Emotionen nicht im Griff haben, müssen sie anfangen, das Verhalten anderer zu kontrollieren“, sagte er in einem Interview. Ich glaube, da ist was dran.

Schwache Charaktere neigen zur Identifikation mit dem Stärkeren, deshalb üben Ideologien auf sie einen so großen Reiz aus. Sie sind auch die Ersten, die ihre Loyalität durch besondere Aufmerksamkeit gegenüber Glaubensverstößen unter Beweis stellen. Es sind selten die gefestigten, in sich ruhenden Persönlichkeiten, die überall moralische Verfehlungen wittern-es sind in der Regel die Unglücklichen, vom Schicksal Niedergedrückten und Gebeutelten.

Der Witz wird von fragilen Naturen naturgemäß besonders kritisch gesehen. Erstens wohnt ihm immer ein anarchistisches Element inne, deshalb bringt er einen ja auch zum Lachen. Jeder Witz ist zudem latent subversiv. Nichts fürchten Menschen, die für eine große Sache streiten, mehr als das Gelächter. Moral lebt vom Pathos. Der Witz erinnert daran, dass es vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt ist.

Mein Verdacht ist, dass der Kampf gegen den Rassismus die Empörungsbereitschaft auch deshalb befördert, weil viele Teilnehmer den Vorwurf fürchten, sie wollten sich in Wahrheit nur auf die Schnelle ein gutes Gewissen verschaffen. Es gibt für diese Form des Protests, der bequem zwischen Yogastunde und Urlaubsplanung passt, ebenfalls schon ein Wort: Slacktivism. Es ist eine Kombination aus „Aktivismus“ und „Slacker“, dem englischen Begriff für „Bummelant“.

#BlackLivesMatter ist zu einem Bekenntnis geworden, das man sich ans Revers heftet wie einen „FCK AFD“-Button oder eine Regenbogenflagge. Man schickt einfach ein paar schwarze Quadrate durchs Internet und hält das für ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus. Das wird von den wahren Aktivisten naturgemäß kritisch gesehen, die von den Protestanten mehr innere Beteiligung erwarten. Wer also befürchten muss, als Slacktivist aufzufliegen, verdoppelt die Anstrengungen, das wäre meine Erklärung für die Denkmalstürme, die wir beobachten. Manchmal erwächst der besondere Glaubenseifer auch aus dem Mangel an Engagement.

Ich bin vergangene Woche auf den Dokumentarfilm „Can We Take a Joke“ gestoßen, einen Streifzug durch die amerikanische Comedy-Szene im Zeitalter der Empörung. Es ist ein sehenswerter Film, weil er zeigt, wie schnell die Meinungsfreiheit mit der neuen Kultur der Empfindlichkeit kollidiert. An einer Stelle hat der große George Carlin einen kurzen Auftritt. Er habe immer gedacht, die Zensur drohe von rechts, sagt Carlin. Die größte Überraschung seines Lebens sei es gewesen, festzustellen, dass die Zensur von links komme.

Auch aufseiten der Linken erzählt man sich Witze, so ist es nicht. Ein Witz, den eine „taz“-Autorin diese Woche in ihrer Kolumne gerissen hat, geht so: Wenn man die Polizei auflöst, wie es jetzt von vielen Linken gefordert wird, was macht man dann mit den ganzen arbeitslosen Polizisten? Antwort: Man steckt sie auf die Müllkippe, zum Abfall, da gehören sie schließlich hin.

Ich konnte zugegebenermaßen nicht über den Witz lachen. Ich finde es nicht komisch, Menschen zu Müll zu erklären, da ist für mich eine Grenze überschritten. Die Chefredaktion der „taz“, die sonst in Humorfragen sehr pingelig sein kann, berief sich auf Tucholsky und seinen Satz von der absoluten Satirefreiheit. Ich bin gespannt, ob man nächstes Mal auch so großzügig verfährt, wenn ein Fahrensmann der anderen Seite übers Ziel hinausschießt. Ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass sie sich in der Redaktion der „taz“ dann auch an Tucholsky erinnern.

Die inkriminierte „Fawlty Towers“-Folge soll jetzt übrigens wieder verfügbar sein, ergänzt um den Warnhinweis, dass die Serie „beleidigende Inhalte und Sprache“ enthalte. Ich habe mir vorsichtshalber alle Folgen bei Amazon bestellt, zusammen mit der Komplettbox von „Ein Herz und eine Seele“, dem ARD-Klassiker aus den siebziger Jahren mit dem Sozenhasser und Dauernörgler Alfred Tetzlaff.

Ich nehme an, dass die meisten, die heute gegen Rassismus auf die Straße gehen, nicht wissen, wer „Ekel Alfred“ war. Die Selbstabschottung gegenüber allem, was man ablehnt, hat auch ihre Vorteile. Aber wer weiß. Bevor das suchende Auge der antirassistischen Humorkritik auf die deutschen TV-Bestände fällt, bin ich lieber auf der sicheren Seite.

Hauptsache: betroffen

Bei „Maischberger“ sollen zu Rassismus nur schwarze Menschen reden. Auf den Anti-Rassismus-Demos kursieren „Leitlinien“ für Weiße, ja keine eigenen Parolen zu rufen. Wohin führt das neue Gruppendenken?

Die Redaktion einer Talkshow berät über die Gästeauswahl für die nächste Sendung. Es soll um Donald Trump und seine Verantwortung für die Unruhen in den USA gehen, das Konjunkturpaket der Regierung, die Suche nach einem Corona-Impfstoff. In die engere Wahl geraten: eine Börsenkorrespondentin der ARD, ein Dokumentarfilmer, ein Kolumnist des „FOCUS“. Geladen sind außerdem der deutsche Außenminister und eine Virologin, die eine Firma für Impfstoffe gegründet hat.

Was macht einen guten Talkshowgast aus? Er sollte etwas von der Sache verstehen, über die er spricht – oder jedenfalls so tun können, als verstünde er etwas. Es wäre nicht schlecht, wenn ihn ein paar Leute außerhalb des eigenen Bekanntenkreises erkennen würden. Prominenz hilft der Quote. Vor allem aber sollte der Gast keine Angst vor der Kamera haben und auch sonst nicht auf den Mund gefallen sein, schließlich ist man im Unterhaltungsgeschäft.

Wer um 22 Uhr 45 Menschen dazu bewegen will, den Fernseher anzulassen, ohne vor der Glotze einzuschlafen, muss sich etwas einfallen lassen. Talkshowgäste, die mit langen Vorträgen ihresgleichen beeindrucken wollen, machen sich gut in Parteiveranstaltungen oder dem Seminarraum, im Fernsehen sind sie eher fehl am Platz.

Seit vergangener Woche weiß man, dass neben Schlagfertigkeit und Fernsehtauglichkeit im Zweifel eine weitere Qualifikation hinzukommen muss: die richtige Hautfarbe. Als die Redaktion der Sendung „Maischberger“ ihre Gästeliste veröffentlichte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Auf change.org gab es eine Petition, alle weißen Gäste auszuladen und durch schwarze Gäste zu ersetzen. Der Einfachheit halber fügte der Initiator der Petition, der Blogger Nasir Ahmad, gleich seine Bewerbungsunterlagen bei: „Ich bin deutscher Muslim, Publizist und Aktivist, setze mich für die Rechte von Migrant*innen und Geflüchteten ein, spreche über Rassismus und Islamismus.“

Wer weiß sei, könne nicht über Rassismus Auskunft geben, lautete, kurz gefasst, das Argument. Mehr noch: Weißen Menschen stehe es nicht zu, sich zu dem Thema zu äußern, weshalb die Neuen deutschen Medienmacher*innen, ein von der Bundesregierung unterstützter Lobbyverein für die migrantische Sache, an die fünf Gäste der „Maischberger“- Sendung den Appell richtete, „aus Respekt vor George Floyd und anderen Betroffenen nicht in einer solchen Runde über Polizeigewalt gegen Schwarze und Rassismus“ zu diskutieren. Ich antwortete leichtsinnigerweise, dass ich mir ohnehin vorgenommen hätte, über das Plündern von Gucci- Läden als Widerstandsakt zu reden. Manchmal kann ich nicht an mich halten, das ist eine meiner großen Schwächen.

Sieht die Welt für jemanden, der schwarz ist, anders aus als für jemand Weißes? Das ist zu vermuten. Niemand, d er weiß ist, wird wissen, wie es ist, in Deutschland aufgrund seiner Hautfarbe immer zur Minderheit zu gehören. So wie jemand, der heterosexuell ist, nie nachvollziehen kann, wie es ist, wenn man als Homosexueller Angst haben muss, wegen seiner sexuellen Orientierung verspottet oder sogar angegriffen zu werden. Ich wäre der Letzte, solche Unterschiede zu leugnen. Das trennt mich von vielen Linken, die nicht an eine grundlegende Differenz aufgrund, zum Beispiel, von Biologie, Geschlecht oder Herkunft glauben.

Aus gutem Grund wird allerdings zwischen dem Betroffenenbericht und dem Kommentatorenbeitrag unterschieden. Wer Rassismus am eigenen Leib erfahren hat, weiß, wie sich Rassismus anfühlt. Schon bei der Frage, inwieweit rassistische Einstellungen in der Gesellschaft verbreitet sind, hilft die eigene Erfahrung nicht weiter. Ist das, was man erlebt hat, ein Einzelfall oder ist es die Regel? Um das herauszufinden, braucht es Befragungen und soziologische Studien. Dabei wiederum ist die Hautfarbe nebensächlich. Zur Erfassung der Welt ist es relativ unerheblich, wie einer aussieht – wäre es anders, gäbe es keine objektive Welt, über die wir uns verständigen könnten.

Ich glaube nicht, dass allen klar ist, welche Konsequenzen sich ergeben, wenn man die Auskunftsfähigkeit zu einem Thema an den emotionalen Zugang bindet. Verfolgt man den Gedanken weiter, landet man bei einem merkwürdig relativen Wahrheitsbegriff, wie er sich auch rechts der Mitte eingebürgert hat. Wenn Donald Trump erklärt, dass es neben der offiziellen Wahrheit eine zweite Wahrheit mit alternativen Fakten gebe, ist er nicht so weit entfernt von Leuten, die behaupten, dass die Aussagekraft eines Urteils davon abhängt, welche Hautfarbe der Urteilende hat.

Wer im Fernsehen nie Schwarze sehe, die sich zu artikulieren wissen, könnte zu dem Eindruck gelangen, sie seien dazu nicht in der Lage, lautet ein anderes Argument. Das ist ein bedenkenswerter Einwand. Man lernt durch Vorbild und Gewöhnung. Die Schauspielerin Annabelle Mandeng hat in einem Interview mit der „Bild“ berichtet, wie sie immer wieder Absagen von den Sendern erhalte, weil die Zuschauer angeblich nun einmal lieber deutsch aussehende Schauspielerinnen sähen (was immer „deutsch aussehend“ auch heißen mag). Ich würde sagen: Lasst es darauf ankommen. Die Zuschauer werden schon damit fertig, in ihrer Lieblingsserie einer dunkelhäutigen Chefärztin oder Unternehmerin zu begegnen.

Es ist allerdings eine Sache, sich bei der Besetzungsliste von alten Mustern freizumachen, oder ob man behauptet, der Hamlet könne nur von einem weißen oder nur von einem schwarzen Mann gespielt werden. Sollte sich dieses Gruppendenken durchsetzen, stehen die Redaktionsleitungen vor ungeahnten Herausforderungen, da mehr Gruppen um Sichtbarkeit ringen, als es Plätze in einer Talkshow gibt, um bei dem Beispiel zu bleiben. Weil das auch die Betroffenen wissen, hat ein merkwürdiger Überbietungswettbewerb eingesetzt, bei dem die Aspiranten zu beweisen suchen, wer am meisten diskriminiert ist. Plötzlich ist selbst die engagierte Feministin eine weiße Zicke, die ihre Privilegien verteidigt.

Auf einem der jährlich stattfindenden „taz“-Kongresse wurde ich Zeuge der Begegnung mit einer Vertreterin der sogenannten Critical-Whiteness- Bewegung, die besonders rabiat für die Anliegen der PoC, der People of Colour, streitet. Ich war als weißer Mann als Konkurrent außen vor, die Aggression richtete sich gegen die andere Frau auf dem Podium, die „taz“-Reporterin Bettina Gaus.

Wie sie sich anmaßen könne, hier zu reden, wurde Gaus von der Critical-Whiteness-Frau angefahren, als sie gerade zum Sprechen angesetzt hatte: Als weiße Frau wisse sie doch gar nichts über wahre Diskriminierung, wie sie schwarze Frauen erleiden müssten. Worauf Bettina Gaus antwortete, sie wisse darüber schon einiges, sie habe nämlich eine schwarze Tochter. Danach herrschte kurz Stille.

Im Netz zirkulierten vergangene Woche „Leitlinien für Weiße Menschen zu Protesten, die von Schwarzen Menschen geführt werden“. An erster Stelle fand sich die Anweisung: „Fange nicht selbst an, Parolen zu schreien. Deine Aufgabe ist es, diesen zu folgen und deine Stimme hinzuzufügen, wenn dazu aufgefordert wird.“ Will man wirklich dazu kommen, dass nur die Feministin zum Feminismus reden darf und nur die PoC zum Schicksal der PoC? Das wäre gerade für die linke Bewegung, die auf ihre Empathiefähigkeit immer stolz war, ein schwerer Schlag.

Friedrich Engels war bekanntlich ein steinreicher Fabrikantensohn, was ihn nicht davon abhielt, zu einer Analyse der Situation der arbeitenden Klassen vorzustoßen, die bis heute rezipiert wird. Nach den neuen Kriterien der Repräsentation hätte Engels sich niederknien müssen in stiller Verneigung vor dem Schicksal der ausgebeuteten Klassen, statt mit seinem Freund Marx das „Kommunistische Manifest“ zu schreiben. Man kann sagen, dann wäre der Welt einiges erspart geblieben. Aber wenn in Zukunft nur derjenige zu einem Thema sprechen darf, der durch Herkunft oder Biologie dazu legitimiert ist, wird es mit der Analyse eher dünn. Betroffenheit ist noch kein Ersatz für Urteilsfähigkeit.