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Wie uns die Regierung im Stich lässt

Die Politik hat jetzt die Gastronomie, die Konzertsäle und die Museen zugesperrt. Ob sich Menschen dort anstecken, weiß niemand. Das ist schon ziemlich verrückt. Noch verrückter ist: Man könnte es wissen, wenn man wollte

Die Kanzlerin wird viel wegen ihrer überragenden Intelligenz gelobt. Man kann lesen, dass sie ihren Gesprächspartnern an Auffassungsgabe und Weitsicht oft überlegen sei. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das mit der Weitsicht wirklich zutrifft. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht die Zahl der Amtsjahre – aber Angela Merkel scheint mir nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit zu sein.

Die Kanzlerin kann unbestritten toll mit Zahlen umgehen, in Mathematik ist sie ein Ass. Was exponentielles Wachstum bedeutet, versteht sie besser als die meisten Menschen. Ihre Hochrechnung der Infektionszahlen hat sich auf gespenstische Weise bewahrheitet. Sie hat sich nur im Monat geirrt. Wir haben die 19 200 Corona-Fälle am Tag, von denen sie sprach, schon Ende Oktober erreicht, nicht erst im Dezember.

Aber was folgt daraus? Ich dachte, Politik hieße, nicht nur Modellrechnungen anzustellen, sondern auch darüber nachzudenken, wie man sich auf das, was man erwartet, vorbereitet. Siebeneinhalb Monate sind seit dem ersten Lockdown vergangen, aber in Berlin agieren sie wieder so, als stünden wir am Anfang der Pandemie.

Wir haben keine Verfahren entwickelt, die es erlauben würden, dass man nicht jedes Mal an den Parlamenten vorbei das öffentliche Leben lahmlegen muss. In Schulen und Altenheimen warten sie nach wie vor auf die versprochenen Schnelltests. Ich frage mich ernsthaft, was sie in der Regierung all die Monate getrieben haben. Von der Kanzlerin hätte ich jedenfalls mehr erwartet, als dass sie die Bürger zur inneren Einkehr mahnt.

Wir haben jetzt die Gastronomie, die Konzertsäle und die Museen zugesperrt, aber ob sich Menschen dort überhaupt in nennenswerter Zahl anstecken, kann niemand sagen. Das Robert Koch-Institut hat vergangene Woche ein Schaubild zu den wichtigsten Infektionsquellen veröffentlicht.

Speisestätten machen danach nur einen Bruchteil der Ansteckungsorte aus, auch Kultureinrichtungen spielen bei der Verbreitung des Virus keine Rolle. Jetzt heißt es, das Bild sei unvollständig. Bei 75 Prozent der Infizierten sei unklar, wo sie sich mit dem Virus angesteckt hätten. Deswegen müsse man alles schließen, was entbehrlich sei.

Wir könnten es sehr viel genauer wissen, das ist das Verrückte dabei. Es wäre sogar relativ einfach, man müsste sich nur der Möglichkeiten der digitalen Welt bedienen. Stattdessen vertraut die Politik lieber dem Faxgerät und dem Telefon. Ich empöre mich selten, wie regelmäßige Leser meiner Kolumne wissen, aber hier ist es so weit.

68 Millionen Euro hat die sogenannte Corona-Warn-App gekostet. 20 Millionen Deutsche haben sie brav aufs Handy geladen. Nur wozu? Das letzte Mal, als ich die Warn-App öffnete, sagte sie mir: „Niedriges Risiko.“ Fand ich beruhigend. „Bisher keine Risikobegegnung.“ Noch beruhigender. Andererseits bin ich in den vergangenen zwei Wochen aus meiner Doppelhaushälfte auch kaum hinausgekommen, alles andere wäre also erstaunlich gewesen.

Neulich hatte ich mal zwei Risikobegegnungen. Leider konnte mir die App weder sagen, wann diese stattfanden, noch wo. Es hätte mich sehr interessiert zu wissen, wo ich Menschen zu nahe gekommen bin, die mit dem Virus infiziert waren. War es in der S-Bahn oder im Restaurant? Ich dachte, darum geht’s. Wenn ich wüsste, der Italiener ist das Problem, dann würde ich das „Cafe Dolce“ künftig meiden.

Dummerweise ist die App so konstruiert, dass alles anonym bleibt, auch der Ort, der einem gefährlich werden könnte. Wir haben wahrscheinlich die einzige Warn-App der Welt, die sagt: „Vorsichtig, du könntest dich anstecken, aber wir sagen dir nicht, wo.“ Im Grunde funktioniert das Ganze wie in der Geisterbahn, bei der der Nervenkitzel ja auch darin besteht, dass einem nicht gesagt wird, wo das Monster lauert. Irgendwann macht es: Huh!

Wenn Sie jetzt denken, das sei Polemik, dann habe ich einen Zeugen an meiner Seite, der über jeden Zweifel erhaben ist. Der bekannte Tech-Blogger Michael Seemann hat bereits im Juni ausführlich begründet, warum das dezentrale Design die Corona-Warn-App im Kampf gegen das Virus praktisch wertlos macht.

Im Prinzip könnte die App genau das leisten, was die Gesundheitsämter nicht mehr zu leisten in der Lage sind (und weshalb nun neue Einschränkungen des öffentlichen Lebens verfügt wurden): eine Unterbrechung der Infektionsketten. Wir wissen, dass nicht alle Menschen gleichermaßen infektiös sind, sondern die eigentliche Gefahr von sogenannten Superspreadern ausgeht, also Leuten, die in kurzer Zeit sehr viele Menschen in ihrer Umgebung anstecken. Die Virologen sprechen in so einem Fall von einem Cluster.

Mit der App wäre es ein Leichtes, diese Cluster zu erkennen. Das setzt allerdings voraus, dass die Daten zentral gespeichert würden, genau das hat man mit Rücksicht auf die Bedenken von Datenschützern verhindert. „Das frühe Festlegen auf die Dezentralität war ein Fehler“, schreibt Seemann. Er tröstete sich im Juni mit der Aussicht, „dass wir Covid-19 wahrscheinlich ganz prima ohne App in den Griff bekommen“. In dem Punkt hat er sich leider getäuscht.

Auch in der Politik ist inzwischen angekommen, dass man viel Geld für ein Programm ausgegeben hat, das im Alltag versagt. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat die Corona-App vor zwei Wochen als völlig nutzlos bezeichnet. Da kann man ihm nur zustimmen. Ist etwas darauf gefolgt? Nein. Gibt es eine bayerische Initiative, endlich zu einer Variante zu kommen, die uns hilft, das Virusgeschehen besser zu verstehen? Auch das nicht.

Stattdessen zwingt man jetzt überall Wirte und Künstler in den Lockdown, ohne sagen zu können, ob das etwas bringt. Die selbst gewählte Ahnungslosigkeit liefert dabei absurderweise die Begründung: Da wir nicht wissen, wo man sich ansteckt, können wir nicht ausschließen, dass es Kinos, Theater und Restaurants sind. Aus dieser Logik gibt es kein Entrinnen.

Es wird jetzt behauptet, wenn nicht alles total anonym wäre, würden die Leute der App nicht vertrauen. Ich halte das für vorgeschoben. Google speichert jede Suche, jede Pornoseite, die einer anklickt, jede verbotene Zeile. Auch Amazon hält alles fest, sogar das, was Alexa bei einem zu Hause aufschnappt. Und die Deutschen? Haben überhaupt kein Problem damit, wie wild zu googeln und bei Amazon einzukaufen.

Ich glaube, die Angst vorm staatlichen Datenmissbrauch ist der Popanz von Leuten, die vom Datenschutz leben. Wäre ich Innenminister, würde ich den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber als Gefährder einstufen. Es ist ja auch nicht so, dass wir in der Krise keine Freiheitsrechte antasten würden. Welche Grundrechte eingeschränkt wurden oder werden, um Infektionen zu vermeiden: Berufsfreiheit, Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit, Bildungsfreiheit. Was nicht eingeschränkt wird und wurde: Datenschutz.

Immerhin wissen wir jetzt, wo die Kultur rangiert, mit der sich Politiker so gerne schmücken: Irgendwo auf der Ebene von Bordellen, Saunabetrieben und Fitnessstudios. Man habe den Freizeitbereich schließen müssen, hat Kanzleramtschef Helge Braun am Sonntag bei „Anne Will“ wiederholt, so als sei ein Klavier- oder ein Kabarettabend eine nette, aber letztlich unnötige Freizeitbeschäftigung.

Vielleicht sieht die Kanzlerin das wirklich so. Je länger sie regiert, desto mehr kommt die Pfarrerstochter in ihr durch. Der Rat von Angela Merkel in der Krise: einfach nach der Arbeit mal zu Hause bleiben und sich auf die Dinge im Leben besinnen, die wirklich zählen. Also Infektionsschutz durch Entsagung.

Dazu passt, dass wir angeblich alles tun, um das Weihnachtsfest zu retten. Auch das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn es ein Datum gibt, das Unfrieden bringt, dann Weihnachten. Wann im Jahr lassen sich mehr Leute scheiden als zu Weihnachten? Auch die Suizidgefahr ist besonders hoch. Wenn es der Regierung wirklich ernst damit ist, Deutschland sicherer zu machen, wie sie sagt, dann wäre ein Verzicht aufs Weihnachtsfest dringend geboten. Das stände bei mir auf der Liste ganz oben.

Welt der Angst

Warum hat der Verlag S. Fischer nach 40 Jahren die Zusammenarbeit mit seiner Autorin Monika Maron beendet? Politische Differenzen, das auch. Aber was, wenn der wahre Grund in der Feminisierung des Kulturbetriebs läge?

Ich war vor anderthalb Jahren in Dresden zu einer Lesung bei der Buchhändlerin Susanne Dagen. Ein Bekannter, der mit Frau Dagen befreundet ist, hatte mich gefragt, ob ich mal bei ihr auftreten würde. Seine Freundin lebe, neben dem Buchverkauf, vom Veranstaltungsgeschäft, es sei für sie aber immer schwieriger, Autoren zu gewinnen. Selbst langjährige Bekanntschaften würden absagen. Sie würden ihr nette Briefe schreiben, warum sie ihre Arbeit sehr zu schätzen wüssten, aber dann folge die Entschuldigung, man möge bitte, bitte verstehen, dass man der Einladung nicht folgen könne.

Susanne Dagen war einmal eine der angesehensten Buchhändlerinnen Deutschlands. Ihr Buchhaus Loschwitz wurde zweimal nacheinander mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet; zu ihren Kunden gehörten Prominente wie der ehemalige Innenminister Thomas de Maizière und der Schriftsteller Ingo Schulze.

Dann machte sie den Fehler, ein Protestschreiben aufzusetzen, weil die Frankfurter Buchmesse den rechten Kleinverleger Götz Kubitschek aussperren wollte. Als man sie darauf hinwies, dass Leute wie Kubitschek kein Umgang für eine angesehene Buchhändlerin seien, zuckte sie mit den Achseln. Wie viele Ostdeutsche kann Dagen in Haltungsfragen ziemlich stur sein. Sie hat dann aus Trotz mit der Frau von Kubitschek eine Lesereihe auf YouTube gestartet. Seitdem gilt sie ebenfalls als rechts.

Die Dagens waren schon in der DDR dagegen. Die Mutter unterhielt in Dresden eine Galerie. Wenn die Familie im Urlaub war, kam es vor, dass die Mutter nach Hause zurückmusste, weil gerade mal wieder einer ihrer Künstler in Ungnade gefallen war und die Bilder von der Wand sollten.

Wer der Stasi getrotzt hat, hat keine Lust, sich sagen zu lassen, mit wem er zu verkehren hat. Ich verstehe das. Ich kann es auch nicht leiden, wenn man mir sagen will, wen ich treffen darf und wen nicht, und dabei habe ich noch nicht mal mit der Stasi zu tun gehabt.

Wie gefährlich es ist, mit Frau Dagen befreundet zu sein, hat dieser Tage die Schriftstellerin Monika Maron erfahren. Der Verlag S. Fischer hat mit Verweis auf die Bekanntschaft nach 40 Jahren die Zusammenarbeit beendet. Maron hat in einer Schriftenreihe ihrer Freundin ein kleines Essay-Bändchen veröffentlicht. Als die Fischer-Verlegerin sie per Mail aufforderte, sich von dem Buch zu distanzieren – eine Praxis, die Maron aus der DDR kannte – weigerte sich die Autorin. Maron kann ebenfalls ziemlich stur sein.

Viel war in der letzten Zeit von der sogenannten Cancel Culture die Rede, also dem Versuch, missliebige Meinungen zu unterdrücken, indem man Auftritte verhindert oder die Absage von Publikationsplänen erzwingt. Inzwischen glaube ich, dass die Dinge komplizierter liegen. Nicht der Versuch, Menschen am Reden oder Publizieren zu hindern, ist das eigentliche Problem. Das wahre Problem ist die Feigheit der Leute, die einfach Nein sagen müssten, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Im Grunde ist es doch ganz simpel: Man muss die Cancel-Culture-Rufe nur ignorieren. Niemand kann einen zwingen, eine Lesung abzusagen oder sich von einem Autor zu trennen, wir leben ja nicht in der DDR. Notfalls holt man den Staatsschutz.

Der Druck von außen wird oft maßlos überschätzt. Über die Zahl von 30 bis 40 Aktivisten, die sich gegenseitig anfeuern, reicht die Cancel-Culture-Clique selten hinaus. Ursächlich für die Feigheit ist die Angst vor den eigenen Mitarbeitern, den Lektoren, Übersetzern und Verlagsangestellten, die sich in einem S. Fischer Verlag ohne Monika Maron wohler fühlen als in einem mit ihr. Das ist der Druck, dem sie sich an der Spitze nicht gewachsen fühlen. Dass immer nur Autoren, die als rechts gelten, ein Problem darstellen, nie linke, gehört dabei zu den Eigentümlichkeiten des Verlagsgeschäfts. Wer links ist, kann den größten Unsinn von sich geben, das gilt dann als mutiger Aufschrei einer empörten Seele.

Die Änderung der Verlagswelt spielt auch eine Rolle. An die Stelle von Verlegern, die ihre Autoren als Mitglieder einer erweiterten Familie betrachteten, sind vielerorts Verlagsmanager getreten, die außerhalb der Branche kaum jemand mehr kennt und die Vertragsverhältnisse als rein juristische Position sehen.

Unter der aktuellen „Spiegel“-Geschichte über das Zerwürfnis zwischen Monika Maron und dem Fischer-Verlag stehen vier Namen, darunter zwei Kultur-Ressortleiter. Keinem der Redakteure war aufgefallen, dass die Fischer-Verlegerin Liv Bublitz, wie sie in dem Artikel genannt wird, in Wirklichkeit Siv Bublitz heißt.

Wer will den Redakteuren einen Vorwurf machen? Frau Bublitz ist sicher eine tüchtige Frau, an der der Holtzbrinck-Konzern, zu dem S. Fischer gehört, viel Freude hat. Sie ist halt nur nicht das, was man eine Verlegerpersönlichkeit nennt, also jemand, der sich schon aus Gründen der Selbstachtung dem Druck, den man auf ihn ausübt, entgegenstellen würde.

Vielleicht muss man das Ganze nicht als Krisensymptom, sondern als Begleiterscheinung einer Feminisierung des Kulturbetriebs verstehen. Bevor jetzt alle über mich herfallen, füge ich vorsichtshalber hinzu, dass ich damit eine Stilfrage meine, nicht notwendigerweise eine des Geschlechts.

Hören wir nicht ständig, wie wichtig es sei, dass man alle mitnimmt und sich achtsam und inklusiv verhält? Wenn jemand bei einem Text ein Unbehagen oder Unwohlsein verspürt, dann wird darauf selbstverständlich eingegangen.

Die Übersetzerin findet, dass in der Anthologie mit den 100 schönsten Naturgedichten zu wenig afrikanische Autorinnen vorkommen: Um Gottes willen, natürlich, wir müssen unbedingt mehr für die Sichtbarkeit afrikanischer Gedichtkunst tun! Die Lektorin bei Blanvalet hat Bauchschmerzen bei dem neuen Krimi von Joanne Rowling, weil in den Zeitungen steht, dass Frau Rowling transfeindlich sei? Ein wichtiger Einwand, vielleicht sollte Blanvalet sein Engagement grundsätzlich überdenken.

Ich halte es nicht für die vordringliche Aufgabe von Kultur, Wohlbehagen zu erzeugen, aber das ist zweifellos eine Privatmeinung. Was nicht mehr ganz so privat ist, sind die Folgen der neuen Wohlfühlkultur, in der sich alle mitgemeint und mitgedacht fühlen. Wer darauf getrimmt ist, Konflikte zu moderieren, statt sie auszuhalten, ist total aufgeschmissen, wenn er unerwartet Rückgrat zeigen soll.

Manchmal wünsche ich mir die Verleger zurück, die sich nicht darum scherten, ob einer links oder rechts war, sondern nur, ob er etwas zu sagen hatte. Uns wird gepredigt, die Zeit breitbeinig auftretender Männer sei vorbei. „Breitbeinig“ ist geradezu zum Synonym für „verachtenswert“ geworden. Der Vorteil des breitbeinigen Auftritts ist allerdings, dass man fest auf der Erde steht, wenn ein Sturm kommt. Eine breitbeinige Person bläst so schnell nichts um.

Neulich gab es bei Kiepenheuer & Witsch einen Aufstand, weil sich im Lyrikband des Rammstein-Sängers Till Lindemann ein Gedicht fand, aus dem man mit ein wenig bösem Willen herauslesen konnte, dass der Autor Sex mit betäubten Frauen gut fände. An den Verlag erging die Aufforderung zur sofortigen Entfernung aller Lindemann-Bücher aus dem Verlagsprogramm.

Die Reaktion des Alt-Verlegers Helge Malchow: Er wies darauf hin, dass man in der Literatur aus gutem Grund zwischen Fiktion und Realität unterscheide, weshalb es bis heute üblich sei, dass man einen Autor nicht für Äußerungen seiner Geschöpfe zur Rechenschaft ziehe. Die Reaktion seiner Nachfolgerin, der braven Kerstin Gleba: eine lange, gewundene Erklärung, wie ernst man die Perspektiven und Argumente der Kritiker nehme, verbunden mit dem Versprechen, diese „wertvollen Impulse“ künftig stärker in der Verlagsarbeit zu berücksichtigen.

Ich glaube, ich bin für mehr breitbeinige Frauen im Kulturleben. Meine Verlegerin bei Random House, wo mein neues Buch erschienen ist, ist übrigens eine Frau. Sie sehen also, Standfestigkeit ist wirklich keine Frage des Geschlechts.

Die Zeugen Igors

Wie weit darf eine Polemik gehen? Nun ja, es gibt nicht viele Freiheiten, bei denen wir vor 100 Jahren schon mal weiter waren: Die Freiheit zur Boshaftigkeit ist so eine, wie der Fall des Pianisten Igor Levit zeigt

Das erste Quartal seiner neu gegründeten Zeitschrift „Die Fackel“ schloss Karl Kraus mit einem „Rechenschaftsbericht“ ab. Er lautete wie folgt: „Anonyme Schmähbriefe: 236, Drohbriefe: 83, Überfälle: 1“. Wie man sieht, bemaß Kraus den Erfolg einer Zeitschrift nicht an Auflage oder Umsatz, sondern an der Ablehnung, die sie hervorrief. Das war die Währung, die für ihn zählte.

Kraus erhob die Beleidigung zur Kunstform, deshalb ist es noch nach hundert Jahren eine Freude, ihn zu lesen. Gerade ist eine 1100 Seiten umfassende Biografie mit dem schönen Titel „Der Widersprecher“ erschienen. Man fragt sich unwillkürlich, welchem derzeit lebenden Autor so etwas im Jahr 2120 vergönnt sein wird?

Kraus hätte es als Journalist heute schwer. Karl Kraus im Feuilleton einer deutschen Tages- oder Wochenzeitung? Das gäbe ein Theater! So könne man nicht über Menschen schreiben, würde es heißen, das gehe zu weit. Schon nach dem ersten Artikel sähe sich eine Chefredaktion, die ihn zu Wort kommen ließe, mit der Aufforderung konfrontiert, den Widersprecher ruhigzustellen und sich bei den Lesern zu entschuldigen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat vor einigen Tagen einen Text über den Pianisten Igor Levit veröffentlicht. Levit ist für sein politisches Engagement mindestens so geliebt und gelobt wie für sein Klavierspiel, daher beschäftigte sich der Text auch zu zwei Dritteln mit Ersterem. Normalerweise werden Levit Kränze gewunden; er hat es als Künstler, der Position bezieht, wie das so schön heißt, bis in den „New Yorker“ und die „New York Times“ geschafft.

Der Text in der „Süddeutschen“ fiel etwas anders aus. Er war in Krausscher Manier abgefasst, das heißt, der Autor machte gar nicht den Versuch, fair und unvoreingenommen zu sein. Levits Klavierkünste? Prima, aber auf keinen Fall zu vergleichen mit dem sehr viel begabteren Daniil Trifonov, der spiele in einer ganz anderen Liga. Levits Twitter-Einsatz gegen Rechts? Ein nicht wirklich ernst zu nehmendes Hobby. Seine Fans? Eine humorfreie Bagage, die auf jeden losgehe, der sich einen unabhängigen Gedanken erlaube.

Nebenbei bekam noch der Bundespräsident sein Fett ab für die Entscheidung, Levit fürs Twittern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet zu haben – und natürlich alle Multiplikatoren und Journalisten, die sich täglich in gegenseitiger Bewunderung in die Arme fallen würden. „Igor Levit ist müde“, lautete die Überschrift, schon das eine boshafte Paraphrase der politischen Einlassungen des Künstlers, der wiederholt betont hatte, wie müde ihn der tägliche Rassismus mache.

Kaum war der Artikel erschienen, trat das Strafgericht zusammen, in und außerhalb der Redaktion. Der Text hätte nie erscheinen dürfen, hieß es, man müsse sich für die „SZ“ schämen.

Es folgte der Vorwurf, der Artikel sei im Kern antisemitisch (Levit ist Jude). Dann wurde gesagt, dem Autor sei es in Wahrheit darum gegangen, den Künstler für sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus zu diffamieren. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Behauptung, die „Süddeutsche Zeitung“ betreibe die Sache der Rechten. Performativ nennt man in der Kunst eine Aktion, bei der die Reaktion des Publikums beweist, was zuvor als These formuliert wurde.

Ich kenne Levit ein wenig. Wir haben uns zweimal getroffen, das erste Mal in Berlin, wo wir in einem Café zufällig nebeneinander Platz nahmen, dann noch einmal zu einem Mittagessen in München. Ich habe ihn noch nie live spielen hören. Wahrscheinlich ist das Urteil der „Süddeutschen“ furchtbar ungerecht. Aber in einem Punkt scheint mir der Kritiker der „SZ“ nicht ganz falsch zu liegen, und zwar was die Empörungsbereitschaft der politischen Fanbasis angeht. Schon sehr viel kleinere Verfehlungen als eine Polemik können hier zu großer Aufregung führen.

Levit erzählte bei unserem Treffen in München, dass ihn Bekannte angeschrieben hätten, weil er eine Kolumne von mir mit einem Like versehen hatte – das müsse er erklären. Er fand an dem Vorgang nicht nur erstaunlich, dass sich Menschen offenbar die Mühe machen, die Liste seiner Likes daraufhin durchzusehen, ob irgendetwas Verdächtiges dabei ist. Noch mehr irritierte ihn verständlicherweise das Ansinnen, er solle Rechenschaft ablegen, warum er einen Text von mir gelesen und auch noch für gut befunden hatte.

Das ist der Stand linker Kulturkritik heute: Einmal Daumen hoch an der falschen Stelle, und man wird von den Twitter-Aufsehern ermahnt. Das gilt selbst dann, wenn man Levit heißt.

Ich bin auch müde. Mich ermüdet die unfassbare Selbstgefälligkeit, die mit dem Instant-Antifaschismus einhergeht. Dass im Kampf gegen Rassisten irgendetwas gewonnen wäre, wenn man im Netz möglichst oft „Nazis raus!“ ruft, können nur Leute meinen, die auch an die magische Wirkung von Zaubersprüchen glauben. Ich bin ebenfalls gegen rechts, ich halte den Antisemitismus für eine Geißel unserer Zeit. Ich käme trotzdem nie auf die Idee, auf die antifaschistische Wirkung von Twitter zu setzen.

Einen Effekt hat der Netz-Krawall allerdings: Weniger beherzte Redakteure werden sich nächstes Mal genau überlegen, ob sie sich trauen wollen, über einen Helden der Szene einen bösen Satz zu schreiben. Es geht um Einschüchterung, das ist der wahre Zweck der Übung, alles andere ist rhetorisches Trallala. Und die Methode führt ja auch zum Erfolg.

Die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich jetzt bei Levit und den Lesern entschuldigt. Der Entschuldigung konnte man entnehmen, dass den Chefredakteuren erst beim neuerlichen Lesen das Entschuldigungsbedürftige des Artikels aufgefallen war. Oder wie soll man es verstehen, dass sie nun den Abdruck eines Textes bedauerten, den sie selbst ins Blatt gehoben und vor wenigen Tagen noch vehement verteidigt hatten? So war die Entschuldigung auch eine Bankrotterklärung der eigenen Lese- und Urteilskompetenz.

Innerhalb der Redaktion sei kontrovers und leidenschaftlich diskutiert worden, steht in dem Schreiben. Die Kontroverse sah so aus: Über dem Ressortleiter der Kultur entlud sich die Wut der Redakteure, die über ihre Displays die Wut im Netz aufgesogen hatten. Die anderen Ressortleiter sahen betreten zu Boden, während die Chefredaktion schon in Gedanken an ihrer Selbsterklärung feilte. Auch so kann man einer stolzen Zeitung jede Selbstachtung und Unabhängigkeit im Denken austreiben. Man lässt der Online-Erregung einfach freien Lauf.

Wenn mit dem Radau wenigstens eine polemische Kraft einherginge. Leider verwechseln die meisten Internet-Krakeeler Polemik mit Pöbelei. Wie jede Kunstform ist auch die Beleidigung schnell verhunzt, wenn sich Dilettanten daran versuchen. Über „Fick dich, Opa“ oder „Halt die Fresse“ finden viele nicht hinaus. Dafür wird der Satz dann endlos wiederholt, so als würde die Iteration dem Gestammel mehr Wert verleihen.

Man muss zur Ehrenrettung der Linken sagen, dass es nicht immer so war. Es gab auch glanzvolle Zeiten. Gerade die linke Bewegung verfügte über große polemische Talente. Wiglaf Droste, den sie vor einem Jahr zu Grabe getragen haben, oder Wolfgang Pohrt, den unbestechlichen Kapitalismus-Zersäger.

Aber erstens waren das manische Leser, schon das unterscheidet sie von den Netz-Epigonen. Die Lektüre der Twitterkönig*innen von heute erstreckt sich in der Regel auf zwei queerfeministische Traktate zu Rassismus und Gender, zu mehr lässt einem ja der dauernde Blick aufs Handy auch keine Zeit.

Zum anderen bezogen Leute wie Droste und Pohrt ihren Antrieb aus dem anarchischen Vergnügen, es gerade den Vertretern im linken Lager reinzureiben, die man für einfältig oder naiv oder beides zusammenhielt. Das Einzige, was die Vertreter der neuen Linken anstreben, ist, einen guten Eindruck bei der eigenen Crowd zu machen. Für deren Lob und Anerkennung ist man bereit, buchstäblich alles zu geben.

Wie soll man dieses Twitter-Strebertum nennen? Ziemlich einfach, würde ich sagen: ordinärer Konformismus.

Die zwei Gesichter des Olaf Scholz

Seltsame Wesensveränderung bei Olaf Scholz: Eben noch stand der Finanzminister für strikte Haushaltsdisziplin, nun gibt er das Geld aus, als gäbe es kein Morgen. Bange Frage: Wurde Scholz heimlich ausgetauscht?

Was ist mit Olaf Scholz passiert, unserem Finanzminister? Er sieht aus wie Scholz. Er hat die Stimme von Scholz. Aber er redet nicht mehr wie Scholz. Wenn es jemanden im Bundeskabinett gab, der auf Haushaltsdisziplin achtete, dann der Mann aus Hamburg. Für die Verteidigung der schwarzen Null war er sogar bereit, die eigenen Leute vor den Kopf zu stoßen, worauf sie nicht ihn, sondern zwei No Names zu Parteivorsitzenden wählten.

Und nun? Nun gibt er das Geld aus, als ob es kein Morgen gäbe. Auf 218 Milliarden Euro belaufen sich die Schulden für dieses Jahr, ein einsamer Rekord. Im nächsten Jahr kommen nach ersten Schätzungen noch mal 96 Milliarden dazu. Für alle und alles ist Geld da: für die Mütter, denen es an der Rente mangelt, für die Piloten der Lufthansa, für die Kurz und Geringbeschäftigten, denen der Staat bis zum Jahr 2022 ihren Lohn garantiert.

Wenn man Scholz fragt, ob man nicht irgendwo sparen könnte, zuckt er die Achseln. Oder sagt: Wir geben so viel aus, da wollen wir doch jetzt nicht kleinlich sein. Dass er sich inzwischen sogar für eine Koalition mit den Leuten von der Linkspartei erwärmt, ist so gesehen nur folgerichtig. In der schönen Welt des Sozialismus ist immer genug Geld da: Entweder wächst es auf den Bäumen, oder man nimmt es von den Reichen, wer immer unter diese Kategorie gerade fallen mag.

Ich kann mir die Wesensveränderung bei Scholz nur so erklären, dass ihn die Niederlage beim Kampf um den Parteivorsitz innerlich gebrochen hat. Manchmal haben traumatische Erfahrungen für Menschen verheerende Wirkungen. Sie sind dann einfach nicht mehr sie selbst. Oder, andere Erklärung: Sie haben den „Scholzomat“ heimlich ausgetauscht – wie in dem berühmten Horrorfilm „Invasion of the Body Snatchers“, wo die Bewohner einer Kleinstadt durch äußerlich identische Doppelgänger ersetzt werden.

Das würde auch erklären, warum sich die Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter Borjans so leicht auf Scholz als Kanzlerkandidaten verständigen konnten. Die Wähler sollen Zutrauen zur SPD fassen. Sie sollen sagen: Das ist ja unser alter Olaf Scholz, der wird schon aufpassen, dass kein Unsinn passiert. Und dann, zack, ist die Wahl vorbei, und es stellt sich heraus, dass Scholz gar nicht mehr der Scholz ist, den sie kannten.

Ich mag Scholz. Wir kommen beide aus Hamburg, das verbindet. Die hanseatische Herkunft erklärt auch, warum er oft so gehemmt wirkt. Als die strengen Corona Regeln gelockert wurden, ging ein Seufzer der Erleichterung durch Hamburg: endlich zurück zu den gewohnten fünf Metern Abstand! Ich habe außerdem nichts gegen Leute, die langweilig sind. Langweiler sind gewissenhaft. Wenn alle in der Regierung wie Andi Scheuer wären, gäbe es ein heilloses Durcheinander. Ich mag auch Scheuer. Aber es kann in jeder Runde nur einen von seiner Sorte geben.

Man sollte bei Scholz allerdings nicht den Fehler machen, sich von ihm in ein Gespräch verwickeln zu lassen. 15 Minuten dehnen sich da schnell zu drei Stunden. Ich spreche aus Erfahrung. Bei einem politischen Sommerfest in Berlin war ich letztes Jahr so unvorsichtig, mich in ein Gespräch über die wechselvolle Geschichte des Ortsverbands Hamburg Wandsbek hineinziehen zu lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass man über die historische Entwicklung von Wandsbek mehr als zwei Sätze verlieren kann. Ich habe mich geirrt, wie ich feststellen musste.

Es folgte dann noch die Geschichte des Ortsverbandes Hamburg-Harburg und die des Ortsverbandes Bargteheide. Mein Rat: Wenn Sie jemals auf einer Party Olaf Scholz begegnen sollten, tun sie so, als müssten sie erst noch ganz dringend jemand anderes begrüßen.

Aber wer weiß, vielleicht haben wir uns schon immer in ihm getäuscht. In der „Süddeutschen Zeitung“ fand sich neulich eine lange Recherche, wie Scholz als Bürgermeister in Hamburg der Warburg Bank eine Steuerschuld von 47 Millionen Euro erließ. Ich muss das anders formulieren: Scholz hat sich mehrfach mit dem Chef der Warburg Bank getroffen, der ihm seine Steuersorgen vortrug, worauf das Finanzamt die Steuerschuld vergaß.

Er könne sich an den Inhalt der Gespräche nicht mehr erinnern, sagt Scholz, er habe aber keinen Einfluss auf das Finanzamt genommen. Klingt zugegebenermaßen etwas abenteuerlich. Deshalb soll sich jetzt auch ein Untersuchungsausschuss mit dem Vorgang befassen.

Noch rätselhafter ist sein Verhalten im Wirecard- Skandal. Ein Finanzminister hat viel zu tun, da kann man sich nicht um alles kümmern, das verstehe ich. Wenn ich allerdings als Minister in der Zeitung lesen würde, dass sich ein Dax-Konzern, dessen Finanzzweig von meinen Leuten überwacht wird, in merkwürdige Transaktionen verstrickt hat, dann würde ich mal nachfragen lassen, was da los ist. Es war auch nicht irgendein Käseblatt, das Anfang 2019 über Unregelmäßigkeiten im Asiengeschäft von Wirecard berichtete, sondern die „Financial Times“, die angesehenste Finanzzeitung der Welt.

Was haben sie stattdessen bei der BaFin, der dem Finanzministerium unterstehenden Finanzaufsicht, gemacht? Den Redakteur der „Financial Times“ wegen des Verdachts auf Insiderhandel verklagt. Er habe den Aktienkurs auf Talfahrt schicken wollen, um sich zu bereichern. Nun ja, wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Nicht zugunsten der BaFin.

Wenn Sie jetzt denken, das hat sicherlich personelle Konsequenzen gehabt, muss ich Sie enttäuschen. Keine Frage, wer einer Behörde vorsteht, die nicht bemerkt, dass 1,9 Milliarden Euro lediglich auf philippinischen Fantasiekonten existierten, der ist vermutlich nicht der richtige Mann, um die Sicherheit des Finanzplatzes Deutschland sicherzustellen. Sehe ich auch so, aber so sieht man es nicht in der Welt, in der Olaf Scholz lebt. Der Arbeitsplatz für Felix Hufeld, den Chef der BaFin, ist sicher. Dafür bürgt der Finanzminister persönlich, egal, was kommt.

Zum Beispiel das. Der grüne Abgeordnete Danyal Bayaz hat eine Kleine Anfrage ans Finanzministerium gestellt, wie es denn mit den Aktiengeschäften der BaFin-Mitarbeiter aussah. Ergebnis: Die 94 Mitarbeiter, die für die Verfolgung von Insidergeschäften und Marktmanipulationen zuständig sind, haben bis zum Absturz mit keiner Aktie so viel gehandelt wie mit der von – ja, genau – Wirecard.

Das ist ein wenig so, als würden die Aufseher im Casino sich nach getaner Arbeit an den Roulettetisch setzen und sich von den Croupiers, die sie tagsüber überwacht haben, die Chips zuteilen lassen. Eine eigenartige Arbeitsauffassung, würde ich sagen. Vom Bundesfinanzministerium war in einer ersten Stellungnahme zu hören, man habe die Regeln überprüft und für streng und angemessen befunden.

Wenn es ein Land gibt, das Verlässlichkeit und Korrektheit liebt, dann doch Deutschland, dachte ich immer. Aber so ist es, wenn man den ganzen Tag zu hören bekommt, dass man zu traditionell und zu alt und zu verknöchert sei. Dann sagt man sich irgendwann: Wir müssen auch mal was wagen! Warum nicht mal eine Firma in den Dax holen, die ganz anders ist. Jung und schillernd und digital, um diesen verstaubten Klub von Großkonzernen aufzumischen.

Alt und verstaubt waren sie bei Wirecard nicht. Ein Unternehmen, das mit der Zahlungsabwicklung der Glücksspiel- und Pornobranche groß geworden ist – viel jünger und schillernder geht es nicht. Dagegen ist jeder Bordellbesitzer ein hochseriöser Unternehmer. Bei dem weiß man wenigstens, womit er sein Geld verdient.

Wenn ich darüber nachdenke, dann hätte ich doch gerne den alten Olaf Scholz zurück. Also den Vor-Warburg-, Vor-Wirecard-, Vor-Megaschulden-Scholz. Aber vielleicht habe ich mir den immer nur eingebildet, möglicherweise gab es den nie. Das wäre allerdings eine noch größere Enttäuschung als der Wirecard-Skandal.

In der Herzkammer der grünen Bewegung

Warum fragt eigentlich niemand die grüne Parteispitze, wie sie zum fortgesetzten Rechtsbruch in ihrem Vorzeigeviertel Berlin-Kreuzberg steht? Dass dort Zustände wie in einem Mafia-Dorf herrschen, sollte nicht nur die Grünen bekümmern

Angela Merkel hat jetzt immer zwei sterile Plastiktüten dabei, wie ich bei dem bekannten Merkelbeobachter der „Welt“, Robin Alexander, gelesen habe: eine Tüte, aus der sie mehrmals täglich eine frische Maske zieht, und eine zweite, in der sie die getragenen Masken entsorgt. Angeblich lässt sie auch jeden Türgriff desinfizieren, den sie berührt.

Es gibt ein Video, das Merkel bei einer Begegnung mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte zeigt. Man sieht darauf, wie er auf sie zutritt, um sie zu begrüßen, und sie erschreckt zurückweicht. Wer der Kanzlerin begegnet, sollte zwei Meter Abstand halten. Besser noch wären drei.

Donald Trump hält das Tragen eines Mundschutzes für ein Zeichen der Schwäche. Als er Anfang der Woche das Krankenhaus verließ, wo sie ihn wegen seiner Corona-Erkrankung behandelt hatten, rief er den Amerikanern zu, sie müssten keine Angst vor Covid haben. Er fühle sich so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr, was wohl heißen soll, dass einem im Grunde kaum etwas Besseres passieren kann, als sich mit dem Virus anzustecken.

Das ist die Bandbreite: Merkelsche Vorsicht und Trumpscher Heroismus. Die meisten Deutschen neigen in der Frage des Infektionsschutzes der Kanzlerin zu. Deshalb sind die Zahlen in Deutschland auch relativ moderat. Was Maske und Abstandsgebot angeht, muss man sie nicht überzeugen, dass der heroische Selbstversuch vergleichsweise oft ins Grab führt, da mag der US-Präsident das Virus noch so sehr als Jungbrunnen anpreisen.

Wer hätte gedacht, dass es auch mitten in Deutschland beim Umgang mit Corona ein Trump-Lager gibt. Und das ausgerechnet in einem Vorzeigequartier der linken Bewegung. Seit Wochen steigen die Zahlen in Berlin, kaum ein Bezirk ist so betroffen wie Friedrichshain-Kreuzberg. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz liegt hier bei 58, das ist klar über dem Wert, bei dem eigentlich alles wieder geschlossen werden müsste. Neukölln, wo man die Maske aus Gottvertrauen für ein unnötiges Requisit hält („Das Virus ist groß, Allah ist größer“), liegt noch darüber.

Die Berliner Verwaltung ist wie immer heillos überfordert. Deshalb hilft nun die Bundeswehr bei der Kontaktverfolgung aus. Außer in Kreuzberg. Erste Reaktion auf das Angebot, Soldaten einzusetzen, um Infizierten hinterherzutelefonieren: Man wolle nicht, dass sich die Bürger an den Anblick von Soldaten gewöhnten. Das gebiete schon die Verantwortung vor der deutschen Geschichte. Der Zweite Weltkrieg als Begründung, weshalb man das Virus laufen lässt – das ist immerhin originell.

Am Mittwoch hat das Bezirksamt die Entscheidung noch einmal bestätigt: keine Bundeswehr in Kreuzberg, Covid-19 hin oder her. Man sieht hier, wenn man so will, die grüne Variante des Corona-Protests: Uns kann keener. Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz haben nicht ganz so viel Zutrauen in die natürlichen Abwehrkräfte der Berliner, weshalb Kreuzberg jetzt als Risikogebiet eingestuft wurde.

Ausnahmegenehmigungen für Heizpilze und Gastronomie an der frischen Luft gibt es auch nicht. Wegen der CO2-Bilanz. Der „Welt“-Kollege Robin Alexander hat vorsichtshalber schon mal im Rathaus nachgefragt, ob es okay sei, wenn die Patienten mit schwerem Verlauf im Krankenwagen abgeholt würden. „Oder besteht die Bezirksbürgermeisterin auf Lastenfahrrädern?“ Kreuzberg strebt die autofreie Zukunft an. Eine Antwort steht noch aus.

Die Weigerung, auf die steigenden Infektionszahlen angemessen zu reagieren, ist nicht nur immunologisch bedeutsam, sondern auch politisch. Der Bundesgesundheitsminister hat dieser Tage an den Berliner Senat appelliert, endlich die Corona-Regeln in der Hauptstadt durchzusetzen. Vielleicht sollte Jens Spahn einmal einfühlsam mit dem künftigen Koalitionspartner reden. Die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg kommt von den Grünen. Der Trump ist hier eine Frau und heißt Monika Herrmann.

Wenn Dortmund die Herzkammer der SPD ist, dann ist Kreuzberg die Seele der grünen Bewegung. Nur in Kreuzberg ist es noch selbstverständlich, dass ein Bundestagsabgeordneter einen nicht unwesentlichen Teil seiner politischen Energie in den Kampf gegen die Ansiedlung einer McDonald’s-Filiale steckte, damit die heimische Jugend vor Fast Food geschützt wird. Nur hier leistet man sich bis heute zwei besetzte Häuser als „Schutzraum“, um die Spezies des Autonomen vor dem Aussterben zu bewahren.

Spätestens wenn man sich als Bürger nicht mehr auf die Straße trauen kann, weil einem der linke Mob nachstellt, hört die Folklore für viele allerdings auf. Im „Spiegel“ stand neulich eine lange Geschichte über die besetzten Häuser in der Rigaer Straße und in der Liebigstraße. Der Text begann damit, wie der Verwalter der Rigaer Straße 94 sein Haus betreten will und sofort niedergeschlagen wird.

Dann lernte man eine alleinerziehende Mutter kennen, die erzählte, wie sie eine junge Frau zur Rede gestellt habe, die die Fassade ihres Hauses besprühte. Seitdem kann sie nicht mehr das Haus verlassen, ohne Angst haben zu müssen, attackiert zu werden. Vor zwei Jahren bekam ein Ehepaar Tag und Nacht Polizeischutz. Die Frau hatte den Fehler gemacht, Krankenwagen und Polizei zu rufen, als ein polizeibekannter Gewalttäter aus der Rigaer Straße einen Passanten während eines Streits auf der Straße fast bewusstlos schlug.

Vergangene Woche nahm sich das Politmagazin „Kontraste“ der Sache an. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass in einer deutschen Großstadt Zustände wie in einem Mafia Dorf herrschen. Die Redaktion wusste zu berichten, dass die Besetzer unter dem persönlichen Schutz des grünen Baustadtrats Florian Schmidt stehen. Seit 2016 sind gravierende Mängel beim Brandschutz bekannt. „Kontraste“ präsentierte Dokumente, wonach die Brandschutzbestimmungen auf Anweisungen von Schmidt bis heute missachtet werden, weil jede Bauarbeit bedeuten würde, dass die Bewohner der besetzten Häuser nicht mehr ungestört wären.

Normalerweise kann man gar nicht so schnell gucken, wie einem die Behörden den Laden dichtmachen, wenn jemand sagt: Brandschutz missachtet. Das ist die heilige Kuh im Ordnungsrecht. Nicht so in Kreuzberg. Konsequenzen für Baustadtrat Schmidt? Keine. Brandschutz sei nicht verhandelbar, erklärte die Fraktion der Grünen im Abgeordnetenhaus nach dem Fernsehbericht. Aber wenn keine akute Gefahr für Leib und Leben bestehe, sei eine Ermessensentscheidung möglich. Ein vier Jahre währender Ermessensspielraum? Davon kann jeder kleine oder große Hausbesitzer nur träumen.

Ich schreibe diese Kolumne am Mittwoch, am Donnerstag ist Redaktionsschluss. Für Freitag war jetzt die Räumung des Hauses in der Liebigstraße angekündigt. 3000 Polizeibeamte wurden zusammengezogen, der Besitzer hat die Räumung gerichtlich erzwungen. Es ist auch ein Ringen mit der Politik.

Noch vor wenigen Wochen hat die Bezirksverordnetenversammlung auf Antrag der Grünen und der Linken extra eine Resolution verabschiedet, in der man den Autonomen mit Blick auf die geplante Räumung volle Unterstützung zusicherte. Mit seinem „solidarischen Kiezbezug“ und seiner „Widerständigkeit“ präge das Haus das Viertel und sei deshalb aus Kreuzberg nicht mehr wegzudenken, hieß es darin.

Komischerweise wird die Grünen Spitze nie befragt, wie sie zu dem fortwährenden Rechtsbruch in ihrer Herz und Seelenkammer steht. Kann man sich vorstellen, dass Alice Weidel damit durchkäme, wenn sie erklären würde: „Ach, die spielen da ein bisschen verrückt in Brandenburg. Das muss man nicht weiter ernst nehmen, das hat mit unserer Arbeit bei der AfD rein gar nichts zu tun.“ Ich kann es mir nicht vorstellen.

Also, liebe Grünen Berichterstatter: Beim nächsten Mal, wenn ihr dem wahnsinnig sympathischen Herrn Habeck oder der rasend netten Frau Baerbock begegnet, vielleicht auch eine Frage zu Berlin und den Zuständen in Kreuzberg. Ich bin sicher, die Auskunft, wie die Parteivorsitzenden zur Gesetzlosigkeit im grünen Vorzeigeviertel Friedrichshain-Kreuzberg stehen, interessiert sogar Wähler der Grünen.

Wer weiß schon, was ein Cis-Mann ist?

Die Vertreter der neuen Gendersprache proklamieren, es ginge ihnen um den gesellschaftlichen Fortschritt. In Wahrheit zementiert das politisch korrekte Sprechen die sozialen Unterschiede

Von dem berühmten, jüngst verstorbenen Anthropologen David Graeber gibt es ein Buch namens „Bullshit Jobs“. Darin findet sich die Beobachtung, dass die unteren Schichten mehr gegen Intellektuelle hätten als gegen reiche Leute. Warum das so ist? Ganz einfach, sagt Graeber: Weil der Lastwagenfahrer vom Lande genau wisse, dass seine Tochter niemals eine internationale Menschenrechtsanwältin werde oder eine Theaterkritikerin der „New York Times“.

Millionärin vielleicht. Das ist unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen. Aber Theaterkritikerin? Nie im Leben. Selbst wenn die Lastwagentochter die richtigen Schulen besucht hat, bleibt ihr die Welt der Intellektuellen mit ihren raffinierten Sprachcodes und Lebensweisen verschlossen. Schon die Zahl der Praktika, die sie absolvieren müsste, um sich dort zu empfehlen, sorge dafür, dass sie außen vor bleibe.

Graeber hat recht. Der Millionärsklub kennt zumindest die Figur des Neureichen, also den Aufsteiger, der dazustößt, trotz zweifelhafter Herkunft und noch zweifelhafterer Ansichten. Die intellektuelle Welt ist auf einzigartige Weise hermetisch und exklusiv. Hier erkennt man schon nach wenigen Sätzen, die einer äußert, ob er (oder sie) dazugehört oder nicht. Sprache verändere Bewusstsein, lautet ein Mantra im linken Lager. Vor allem aber markiert sie soziale Grenzen.

Ich musste dieser Tage wieder an Graeber denken, als ich las, dass die Fahrkartenkontrolleure in Berlin jetzt angehalten sind, Schwarzfahrer nicht mehr Schwarzfahrer zu nennen. Wenn sie auf jemanden ohne Ticket stoßen, sollen sie ihn als „Person ohne gültigen Fahrschein“ ansprechen. Die Anti Schwarzfahrer Initiative ist Teil eines 44-seitigen Leitfadens des Senats, um die Vielfalt in der Stadt zu stärken, wie es darin heißt.

Besonderen Wert wird in dem Papier auf die Förderung der Geschlechtergerechtigkeit gelegt, weshalb Mann und Frau nicht mehr einfach Mann und Frau genannt werden, sondern man von „Cis Geschlechtlichkeit“ spricht. Erklärung der Senatsverwaltung für Justiz, die den Leitfaden erstellt hat: „Mit der Vorsilbe ,cis‘ wird beschrieben, dass eine Person in Übereinstimmung mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht lebt. Der Begriff ist das Pendant zu Transgeschlechtlichkeit und stellt gesellschaftlich die ,Norm‘ dar.“

Was als Ausweis fortschrittlichen Denkens gilt, ist in Wahrheit nichts anderes als die Zementierung der Klassengesellschaft. Kann man sich weiter von den normalen Bürgern entfernen beziehungsweise ihnen zeigen, welche Verachtung man insgeheim für sie empfindet, als ihnen nahezulegen, künftig von „Cis Männern“ und „Cis Frauen“ zu sprechen?

Früher war der Gebrauch von Messer und Gabel ein Merkmal, an dem man unwillkürlich erkannte, ob jemand zur Elite zählte – oder, wie am russischen Zarenhof, die Beherrschung des Französischen. Heute ist es der mühelose Gebrauch der Sprache der Vielfalt, die Dazugehörige und Außenstehende trennt.

Ich habe die neue Gendersprache lange nicht richtig ernst genommen. Ein Spezialvokabular, das zum Teil schrecklich ungelenk wirkt, das oft auch grammatikalisch falsch ist, aber im Grunde harmlos – so dachte ich. Der Mensch sucht beim Sprechen die Abkürzung. Niemand bei klarem Verstand spricht statt von Fußgängern lieber von zu Fuß Gehenden, geschweige denn von Fußgänger*innen. Außer bei offiziellen Anlässen. Oder wenn er gezwungen wird. Ich war überzeugt, das funktioniert nur in geschlossenen Anstalten wie Behörden oder Hochschulen.

Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wenn selbst Anne Will und Claus Kleber sich bemüßigt fühlen, beim Reden eine Kunstpause einzulegen, um den Genderstern mitzusprechen, dann zieht die Sache breitere Kreise. Der Deutschlandfunk hat seine Redakteure gerade auf die durchgängige Anwendung gendergerechter Sprache verpflichtet – gut, der geht noch als geschlossene Anstalt durch. Aber auch in Hannover oder im braven Kiel gelten mittlerweile strenge Genderrichtlinien. Selbst das Bistum Eichstätt fühlt sich dem Zeitgeist verpflichtet und teilt per Twitter mit, dass die „Bischöfe und Liturg*innen“ zum Schöpfungstag Kraniche gebastelt hätten, als Zeichen für den Frieden.

Das Irre ist, dass nie ganz klar ist, was mit dem Genderstern eigentlich zum Ausdruck gebracht werden soll. Dass Frauen unsichtbar blieben, wenn die weibliche Form nicht explizit mitgesprochen werde, wie es zur Begründung heißt: Schon das ist eine waghalsige Annahme. Jüngere Frauen verfügen bekanntlich über deutlich höhere Bildungsabschlüsse als Männer. Warum das sogenannte generische Maskulinum schuld daran sein soll, wenn sie den Karrierepfad verlassen und sich ins Familienleben verabschieden, will mir nicht recht einleuchten. Aber meinetwegen.

Nur, warum dann mit Pause reden? Weil es nicht mehr ausreiche, nur Frauen sichtbar zu machen, wie die Vertreter der neuen Sprache betonen, sondern man auch all diejenigen berücksichtigen müsse, die sich irgendwo auf dem Weg zwischen den Geschlechtern befinden. Damit allerdings hat die Sache den Bereich des Nachvollziehbaren verlassen.

Es ist eine Sache, Menschen, die sich nicht für eines der beiden Geschlechter entscheiden können, mit Höflichkeit und Respekt zu begegnen. Etwas völlig anderes ist es, eine ganze Gesellschaft darauf verpflichten zu wollen, beim Reden und Schreiben eine Art Schluckauf einzubauen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Es ist übrigens gar nicht so einfach, richtig zu gendern. Beim Schreiben wirft man überall, wo man denkt, dass es sein muss, einen Stern dazwischen. Das geht noch relativ leicht. Kompliziert wird es beim Reden. Da man den Genderstern nicht sprechen kann, muss man bei jedem Wort in der Mitte eine Dehnungssekunde einlegen. Wobei aufgepasst: Ist die Pause zu lange, ist es auch nicht recht. Dann gerät man in Verdacht, man wolle sich lustig machen und die Angelegenheit ins Lächerliche ziehen. Schlimmer als jemand, der im Zustand der Unwissenheit lebt, ist der Ignorant, der zwar weiß, wie es richtig geht, sich aber bewusst darüber hinwegsetzt.

Wie bei jeder Revolution geht es auch darum, sich in ein vorteilhaftes Licht zu setzen, indem man den weniger Gebildeten und Erleuchteten demonstriert, wie sehr sie der Entwicklung hinterherhinken. Deshalb durchzieht alle Proklamationen ein Ton der Herablassung und augenverdrehenden Indigniertheit.

„Wisst ihr es nicht besser oder ist das eure Unfähigkeit, sich auf Veränderungen einzulassen?“ war vergangene Woche ein Text überschrieben, in dem der aktuelle Jahrgang der Deutschen Journalistenschule ein Plädoyer fürs Gendern ablegte. Der Text endete damit, dass die neue Zeit unaufhaltsam sei und die Widersacher in den Redaktionen glücklicherweise bald in Rente gingen, wo sie dann nur noch wütende Leserbriefe schreiben könnten, die niemand mehr zur Kenntnis nehme.

Bleibt der Unwille in den niederen Ständen. Alle Versuche, sie zur Akzeptanz der neuen Sprache zu bewegen, stoßen auf finstere Ablehnung. Die werktätigen Massen mögen nicht einsehen, warum sie plötzlich so sprechen sollen wie die Söhne und Töchter des Bürgertums, die es sich leisten können, zwischen Abitur und „irgendwas mit Medien“ sechs Semester Genderstudies einzulegen. Instinktiv spüren sie, dass man sie für minderbemittelt und erziehungsbedürftig hält. Das erfüllt sie verständlicherweise mit Grimm.

Dass sich gesellschaftliche Teilhabe auch übers Sprachverständnis entscheidet, ist eine Erkenntnis, die gerade die Linke lange umgetrieben hat. In den siebziger Jahren führte das zu verschiedenen Initiativen, auf Groß und Kleinschreibung zu verzichten. Heute gibt es den Versuch, über die sogenannte Leichte Sprache die Barriere zu senken. Wie sich die Cis Grammatik mit dem Versuch verträgt, auch Menschen zu erreichen, die ohnehin Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, wird für immer das Geheimnis der Genderaktivisten bleiben.

Der falsche Kandidat

Friedrich Merz gilt als Mann von gestern. Dabei ist sein Problem nicht die angebliche Rückwärtsgewandtheit, sondern das Verspannte und Verklemmte, dass bei nahezu jedem Auftritt zum Vorschein kommt

Friedrich Merz hat auf „Bild TV“ ein Interview gegeben. Es ging um die Kandidatur für den CDU-Vorsitz und seine Konkurrenten. Was er von einem schwulen Bundeskanzler halten würde, wurde er gefragt. Ob er da Vorbehalte hätte? Mit der Frage war Jens Spahn gemeint, der bei den Beliebtheitswerten vor Merz liegt und von dem man weiß, dass er mit einem Mann verheiratet ist.

Es gibt in so einem Fall mehrere Möglichkeiten zu antworten. Man könnte sagen, dass man die Frage nicht verstehe. Warum es von Bedeutung sei, mit wem ein Kanzler zusammenlebe? Man könnte darauf verweisen, dass die Homosexualität eines Politikers vielleicht für andere ein Problem sei, aber nicht für einen selbst. Man könnte natürlich auch sagen, dass man nur jemanden an der Spitze der Regierung sehen will, der dem klassischen Familienbild entspricht. Das wäre die Variante, mit der sich am meisten Aufmerksamkeit generieren ließe.

Merz entschied sich für den Mittelweg. Die sexuelle Orientierung sei Privatsache, sagte er, um dann hinzuzufügen, wo aus seiner Sicht diese Privatsache ende: wenn Gesetze missachtet würden oder Kinder im Spiel seien. Einer, der bei Homosexualität an Gesetzesbruch und Pädophilie denkt, und das auch so äußert: Das hat es an der Spitze der CDU zuletzt vor 60 Jahren gegeben. Nicht einmal Helmut Kohl hätte sich zu einer solchen Aussage verleiten lassen.

Merz hat anschließend erklärt, dass er sich falsch verstanden fühle. Aber man muss die Frage nur leicht abwandeln, um zu erkennen, dass die Antwort, die er gab, nicht so harmlos ist, wie er es im Nachhinein gerne dargestellt wüsste. Nehmen wir für einen Moment an, die Frage hätte gelautet: „Armin Laschet hat eine 30 Jahre jüngere Freundin. Hätten sie Vorbehalte gegen einen Bundeskanzler, der eine so junge Frau hat?“ Hätte Merz dann auch gesagt, dass für ihn alles okay sei, solange sich die beiden an die Gesetze hielten und keine Kinder belästigten? Schwer vorstellbar. Und wenn ja: Es hätte ebenfalls Befremden ausgelöst.

Ich gebe zu, dass ich zwischenzeitlich versucht war, Merz in Schutz zu nehmen. Wenn Saskia Esken erklärt, es seien „Abgründe, in die wir da blicken“, denke ich: Mutter Gottes, wenn sie schon in einen Abgrund blickt, sobald ein CDU-Politiker im Interview über die eigenen Füße stolpert, wie will sie es dann nennen, wenn jemand mal wirklich Abgründe offenbart? Die Hölle? Aber man soll nicht im Trotz schreiben. Die Kandidatur von Merz ist in ernsthaften Schwierigkeiten, allerdings aus anderen Gründen, als viele meinen.

Seit es ihn wieder in die Politik zieht, eilt ihm der Ruf voraus, er wolle in die 50er Jahre zurück. Er sei ein Mann von gestern, heißt es. Wäre dies das Problem, dann würde ich sagen: Damit lässt sich leben. Der Reiz des Neuen wird bei Wahlen deutlich überschätzt. Die meisten Menschen verbinden mit der Vergangenheit positive Erinnerungen; ganze Industrien leben vom Retro-Schick und der Verklärung des Gestern.

Davon abgesehen: Auch die Grünen sehnen sich nach der Vergangenheit. Ihr Sehnsuchtsjahrzehnt liegt irgendwo um 1880, vor der Erfindung des Automobils, als der Bauer noch das Pferd bestieg statt den Diesel und der Wald von den Alpen bis zur Elbe reichte. Warum das nun fortschrittlicher sein soll, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja auch kein Kritiker der Moderne.

Ein Teil der Aufregung beruht auf ein er Verwechslung. Aus der Tatsache, dass sie in den Hamburger Redaktionen schäumen, wenn sie den Namen Merz hören, folgt nicht automatisch, dass seine Kandidatur erledigt wäre. Säßen seine Wähler beim „Stern“ oder beim „SPIEGEL“, dann hätte er es schon im ersten Anlauf nicht einmal in die Nähe des Parteitags geschafft. Ich glaube, dass Merz ein Problem hat, weil auch viele CDU-Anhänger in gesellschaftspolitischen Fragen weiter sind als der Kandidat. Selbst wenn sie gegen Schwule Vorbehalte hegen, wollen sie nicht, dass der Vorsitzende ihrer Partei und vermutlich nächste Kanzler solche äußert.

Die meisten Wähler wünschen sich als Regierungschef eine bessere Variante ihrer selbst, deshalb reagieren sie bei Politikern ja auch so allergisch auf Verfehlungen, die sie sich selbst oder ihrem Nachbarn sofort durchgehen ließen. Wer sich als Kanzler bewirbt, soll nicht abgehoben sein, aber eben auch nicht zu sehr wie das normale Volk. Die Leute mögen es nicht, wenn man auf sie herabschaut. Sie blicken jedoch ganz gerne zu den Menschen auf, die sie mit Macht ausstatten.

In einer Befragung durch das Meinungsforschungsinstitut Allensbach haben 41 Prozent die CDU/CSU als die sympathischste Partei in Deutschland genannt, mit weitem Abstand vor den Grünen, die 21 Prozent erreichen, und der SPD, die nur auf 15 Prozent kommt. Gemocht zu werden ist nicht alles, aber es ist als Wahlmotiv auch nicht zu unterschätzen. Kompetenz, politische Erfahrung, Durchsetzungsstärke: zweifellos wichtige Pluspunkte. Doch die Möglichkeit, sich durch die Stimmabgabe einer Gruppe anzuschließen, die als sympathisch wahrgenommen wird, wiegt mehr.

Sympathie ist allerdings schnell verspielt, auch deshalb sind die Einlassungen von Merz so dummerhaft. Es wirkt nun einmal nicht besonders sympathisch, in der Öffentlichkeit Vorurteile über Minderheiten zu äußern, schon gar nicht, wenn es gegen jemanden geht, mit dem man konkurriert. Da kann Merz noch so oft erklären, so sei das nie gemeint gewesen. Spahn hat den Satz auf sich bezogen, damit ist die Sache für ihn und gegen den Mann aus dem Sauerland entschieden.

Das Problem an Merz ist nicht seine angebliche Rückwärtsgewandtheit, sondern die Verspanntheit, die in nahezu jedem Interview zu Tage tritt. Nur Merz bringt es fertig, auf die Frage, worüber er mit seinen Kindern am Abendbrottisch rede, zu antworten: über die Generationengerechtigkeit. Klar, worüber auch sonst? Ich kenne kaum einen Politiker, der so auf Distanz zu Menschen bleibt. Vielleicht verachtet er sie insgeheim, das ist schwer zu sagen. Jedenfalls ist er im Kontakt erstaunlich unbeholfen. Ein Auftritt von Merz geht so: Er kommt rein. Er hält seinen Vortrag. Er grüßt ins Publikum. Er geht.

Seine Sprödigkeit hat ihn nicht daran gehindert, eine treue Fangemeinschaft auszubilden. Merz erfüllt die Sehnsucht von Menschen, die denken, dass Politik eine schmutzige Sache sei. Er verkörpert den Typus des Anti Politikers, der mit kaltem Sachverstand aufräumen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Dass gerade die Politik ein Geschäft ist, dass ein Gefühl für Menschen, ihre Stimmungen, Nöte und Ängste verlangt, wird dabei leicht übersehen.

Wäre Spahn der bessere Kandidat? Ich habe für den Gesundheitsminister eine gewisse Schwäche, muss ich zugeben. Mir hat gefallen, wie er in der Corona Krise Führung zeigte, ohne ins Autoritäre zu verfallen. Als er im Bundestag mit dem Satz um Verständnis bat, man werde im Nachhinein auch für vieles um Verzeihung zu bitten haben, unterschied sich das wohltuend von den Auftritten anderer Corona Bekämpfer, wonach die Politik die Zügel anziehen müsse, wenn sich die Bürger nicht am Riemen rissen.

Vielleicht hat mich Spahns Entscheidung, sich eine Millionenvilla in Dahlem zuzulegen, deshalb so irritiert. Ich verstehe, wenn man nicht alles der Politik unterordnen will. Ich bin ebenfalls gegen die Neidgesellschaft. Aber es gehört nun einmal zu den Tatsachen des politischen Lebens, dass man sich nicht zu weit von den Leuten entfernen sollte, die einen wählen – jedenfalls dann nicht, wenn man später einmal Kanzler werden will.

Kohl wohnte Zeit seines Lebens in einem Bungalow in Oggersheim, Willy Brandt blieb bis zum Schluss in Unkel. Beide hätten sich leicht ein Millionenanwesen in Berlin leisten können. Dass sie es nicht taten, entsprang dem Wunsch, ihren Anhängern zu zeigen: Ich bin ein er von euch. Am En de ist das die Frage, auf die für den Wähler alles zuläuft: Gehört er noch zu uns? Je größer die Gruppe, die diese Frage mit Ja beantwortet, desto höher kann man steigen.

Der mit der Stimmung reitet

Die Mehrheit wünscht sich Markus Söder als Kanzlerkandidaten. Er selbst hält sich ohnehin für den besten Mann an der Spitze der Union. Aber wäre er auch ein guter Kanzler?

Markus Söder soll Kanzlerkandidat werden, so sagen es die Umfragen. 56 Prozent der Deutschen finden, dass er ein guter Kandidat wäre. Von Friedrich Merz glauben das nur 33 Prozent. Über den armen Armin Laschet sagt das nicht mal ein Viertel der Wähler, daran wird auch die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen wenig ändern.

Ich bin bei Söder befangen, wie bei allem, was Bayern und die CSU angeht. Ich lebe seit sechs Jahren in München. Wie viele Migranten neige ich zur Überidentifikation mit der neuen Heimat. Ich sage „Grüß Gott“, wenn ich ein Geschäft betrete, und verabschiede mich mit einem herzlichen „Pfiati“. Irgendwo habe ich sogar eine Lederhose, die ich gleich nach meinem Umzug erstanden habe.

Ich gehöre auch zu den wenigen Journalisten, die sich für Söder als bayerischen Ministerpräsidenten ausgesprochen haben, und zwar zu einem Zeitpunkt, als noch unklar war, ob es Horst Seehofer nicht doch gelingen würde, ihn als Nachfolger zu verhindern. Ich weiß nicht, ob das für oder gegen mich spricht. Aus Sicht der Mehrheit meiner Kollegen vermutlich klar gegen mich. Immerhin zeigt es, denke ich, dass ich bei meinen Einschätzungen zum Verlauf der söderschen Karriere nicht ganz falsch liege.

Söder würde gerne Kanzler werden, daran habe ich keinen Zweifel. Im Augenblick spielt er auf Zeit, das heißt, er sagt, dass sein Platz in Bayern sei (wo sollte er auch sonst sein, auf Bornholm?). Auch habe die CDU als größere Schwester das geborene Vorschlagsrecht. Was man eben so sagt, wenn noch nicht einmal ausgemacht ist, dass einen die eigenen Leute als Kandidaten wollen.

Im Gegensatz zu seinem Image ist Söder ein vorsichtiger Mensch. Wie alle Instinktpolitiker hat er ein Gefühl für Stimmungen und Stimmungsumschwünge. Notfalls hilft er mit Umfragen nach. Wenn er einen politischen Standortwechsel einleitet, heißt das also, dass er dort bleibt, wo er schon vorher war: nämlich bei der Mehrheit.

Söder ist kein Politiker, der den Menschen Größeres zumuten würde. Er käme nie auf die Idee, wie sein Vorvorgänger Edmund Stoiber aus politischem Ehrgeiz ein Projekt anzuschieben, das zwar sachlich geboten erscheint, aber bei einer nennenswerten Zahl von Wählern nur Missmut weckt. Man kann das für Opportunismus halten – oder für eine erfrischend unideologische Herangehensweise.

Als die AfD zulegte, war Söder der entschiedenste Flüchtlingspolitik-Kritiker in der Union. Als die Grünen ihren Höhenflug antraten, umarmte er jeden Zweig und jeden Strauch, der nicht rechtzeitig Reißaus nehmen konnte. Selbstverständlich setzte er sich auch an die Spitze des Volksbegehrens gegen das Bienensterben, als sich die Schlange der Unterzeichner vor dem Münchner Rathaus bis zum Stachus zu ziehen drohte. In ganz Deutschland wird man keinen größeren Bienenfreund als den bayerischen Ministerpräsidenten antreffen!

Jetzt ist er eben der oberste Corona-Bekämpfer, jedenfalls bis zu dem Moment, an dem die Stimmung kippt und sich die Vorstellung durchsetzt, man übertreibe es mit der Maskenpflicht. Dann wird er davor warnen, dass man bei aller Sorge um die Gesundheit auch die Freiheitsrechte im Blick behalten müsse.

Zwei Mal in der Geschichte der Bundesrepublik haben Politiker aus Bayern versucht, ins Kanzleramt vorzustoßen, der eine war Franz Josef Strauß, der andere Stoiber. Beide Male ging es schief. Strauß, den sie bis heute in der CSU wie einen Heiligen verehren, war die Personifikation des bayerischen Starkbier-Politikers: hinreißend im Auftritt, intellektuell brillant und erstaunlich emotional, was seine Feinde dann erfolgreich gegen ihn zu wenden wussten. Der sehr viel diszipliniertere Stoiber kam dem Kanzleramt bis auf ein paar Tausend Stimmen nahe, aber auch hier überwog am Ende das Misstrauen des evangelischen Nordens gegenüber dem katholischen Süden.

Hätte Söder das Zeug zum Kanzler? Das ist eine Frage, die interessanterweise kaum gestellt wird. Söder ist vor allem auch ein sehr misstrauischer Mensch, was man auf den ersten Blick nicht vermuten sollte. Niemand beackert so hingebungsvoll die Bierzelte wie er. Wenn es irgendwo ein Volksfest oder eine Feuerwehreinweihung zu feiern gibt, dann ist er zur Stelle. Hier liegt die Wurzel seiner Popularität, gegen die nicht einmal Seehofer ankam, der nun wirklich alles daran gesetzt hat, ihm den Weg in die Staatskanzlei zu verlegen.

Seine hart erarbeitete Volkstümlichkeit täuscht allerdings darüber hinweg, dass er in Wahrheit ein Einzelgänger ist. Söders größte Schwäche besteht darin, dass er unfähig ist, Loyalität zu stiften. Das verbindet ihn mit Seehofer. Aber im Gegensatz zum Bundesinnenminister, der Freude am Spiel mit anderen Menschen hat, ist Söder bei seinen Rochaden kalt bis ins Herz. Von wem er sich keinen Nutzen mehr verspricht, der wird abserviert, das gilt auch für Leute, die ihm bis gerade eben noch treu gedient haben.

Als Minister kann man so agieren, auch als Ministerpräsident. Im Zweifel ist die Angst vor der Bestrafung immer stärker als der Drang, sich der Presse anzuvertrauen. Bei einem Kanzler funktioniert dieses Führungsprinzip nicht mehr, dafür ist das Land und die Zahl derer, die trotz Parteibindung unabhängig von einem sind, zu groß. Wer aber auch in den eigenen Reihen mehr Menschen hat, die einem den Misserfolg wünschen, als Mitstreiter, die am Gelingen interessiert sind, der verzettelt sich irgendwann in Vergeltungs- und Rachegefechten.

Das andere, was mich an der Kanzlereignung zweifeln lässt, ist Söders Wendigkeit. Einer, der ihn seit Langem beobachtet, sagte vor ein paar Tagen zu mir den schönen Satz: „Söder ist immer nur so gut wie das Volk, das er regiert.“ Was bedeutet: Wenn das Volk eine Abbiegung ins Unanständige nimmt, dann ist er nicht der Mann, sich dem entgegenzustellen. Das unterscheidet ihn von Angela Merkel, bei der man trotz aller Umfragehörigkeit wusste, dass es einen Punkt gibt, an dem sie nicht mehr mitmachen würde.

Söder hat im kleinen Kreis erkennen lassen, dass er nur in die Schlacht zieht, wenn die CDU ihn will. Er hält sich für den besten Kandidaten, alles andere wäre bei einem, der sich das wichtigste Staatsamt zutraut, auch widernatürlich. Aber er will nicht enden wie Stoiber, der sich der Union aufdrängte und am Ende von ihr im Wahlkampf im Stich gelassen wurde. Also wird es davon abhängen, was für die CDU mehr zählt: der Stolz, bislang alle Kanzler der Union gestellt zu haben, oder der Blick auf die Umfragen.

Wie wichtig ist die Herkunft? Wir reden viel über Diversität und Vielfalt, aber es ist ganz grundsätzlich die Frage, ob Abstammung und Geburtsort für Söder bei der Kanzlerwahl nicht ein zu großes Handicap sind. Einerseits wird der Bayer an und für sich bewundert, auch wenn man sich das außerhalb nicht gerne eingesteht. Alles an Bayern glänzt: die Verwaltung, die Wirtschaft, der Himmel über den Alpen. Aber das heißt noch lange nicht, dass man einen aus Bayern deshalb im Rest der Republik ans Ruder lassen würde (auch wenn Söder Franke und Protestant ist und damit streng genommen gar kein richtiger Bayer).

Wenn sie eines in Bayern nicht beherrschen, dann, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erinnern sie die ärmeren Verwandten daran, dass sie es sind, die am Ende die Zeche zahlen. Das entspricht durchaus der Realität, macht einen aber halt nicht beliebter. Wenn der arme Verwandte die Gelegenheit hat, es dem reichen Onkel heimzuzahlen, dann nutzt er diese in der Regel, auch wenn er sich selbst damit schadet.

Würden in der Politik nur Ratio und Verstand zählen, dann hätte längst ein Bayer das Land regieren müssen. Dass es bislang immer anders gekommen ist, sagt uns auch etwas über den Vernunftgrad von Politik.

Die braunen Wurzeln der grünen Bewegung

Die Schnittmenge zwischen grünem Stammpublikum und anthroposophisch bewegten Corona-Leugnern ist größer, als viele denken. Der Parteispitze ist der Esoterik-Klüngel peinlich. Aber verärgern will sie ihn auch nicht

Ich habe überlegt, meinen Sohn auf einer Waldorfschule anzumelden. Er kommt nächstes Jahr in die Schule. Er ist ein wissbegieriger Junge, interessiert an allem Neuen. Im Augenblick beschäftigt er sich mit dem Leben in der Tiefsee. Letzte Woche überraschte er mich mit der Erkenntnis, dass Pottwale auf der Suche nach Tintenfischen bis zu 2500 Meter tief tauchen können. Ich wusste das nicht.

Ich habe gehört, dass sie in der Waldorfschule in besonderer Weise die Lernbegeisterung von Kindern fördern, das hat mir gefallen. Dafür würde ich auch in Kauf nehmen, dass man seinen Namen tanzen muss. Ich habe mit der Schulleiterin telefoniert, um mich nach einem Vorstellungstermin zu erkundigen. Sie wirkte am Telefon eigentlich sehr vernünftig. Als ich fragte, wie sie denn durch die Corona Zeit gekommen sei, da die Anthroposophie das Internet ja sicherlich ablehne, sagte sie, die Schule hätte mit den Kindern über den Computer Kontakt gehalten. Das klang beruhigend.

Meine Frau ist skeptisch. Sie fürchtet, dass unser Sohn kein vernünftiges Abitur macht, weil sie in der Schule zu sehr vom offiziellen Lehrplan abweichen. Außerdem hält sie Anthroposophie für Hokuspokus. Ich will nicht, dass er am Ende zu einer Sekte kommt, sagt sie. Ich habe mich daraufhin im Netz kundig gemacht. Es ist erstaunlich, dass noch niemand im Zuge des Bildersturms auf die Idee gekommen ist, gegen Rudolf Steiner, den Begründer der Waldorfschule, vorzugehen. Wenn es Winston Churchill verdient hat, dass man seine Denkmäler attackiert, dann Steiner allemal.

Neben Thesen zu Reinkarnation und dem geheimen Wissen durch Intuition findet man Ausführungen zu einer lemurischen, einer atlantischen und einer arischen „Wurzelrasse“, die Steiner nach einer „übersinnlichen Wesensschau“ der Reihe nach anordnet. Es gibt haarsträubende Zitate („Der Neger hat ein starkes Triebleben, sein ganzer Stoffwechsel geht so vor sich, wie wenn in seinem Innern von der Sonne selbst gekocht würde“); im Geschichtsunterricht folgen sie in der Waldorfpädagogik angeblich einer fiktiven Völkerwanderung, die in einem sagenhaften Königreich beginnt und in der germanisch angelsächsischen Kulturepoche als Höhepunkt endet. Ich denke, ich sollte die Einschulung noch einmal überdenken.

Viele hat es überrascht, bei den Corona Demonstrationen Menschen zu sehen, die man eher im Umfeld eines Grünen Parteitags vermuten sollte. Vor Erleuchtung glühende Frauen in Wallekleidern, die „Liebe ist die Antwort“ skandieren. Anhänger der Chakrenzentrierten Meditation, die das Virus einfach wegatmen. Dazwischen Freunde der Sonnenblume, die auch im Kampf gegen Covid19 ganz auf die Heilkraft der Pflanze setzen.

Wer einmal auf einem Esoterikkongress war, der ahnt, dass die Schnittmenge zwischen grünem Stammpublikum und Corona Leugnern größer ist, als man vielleicht vermuten sollte. Von der Heilpraktikerin aus der Eifel zum Reichsbürger in der Hauptstadt ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Den Grünen sind die esoterischen Schwestern und Brüder mit dem rechten Einschlag verständlicherweise etwas peinlich. Andererseits will man sie auch nicht verärgern. Zwei bis drei Prozent sind im politischen Geschäft eine Größe, auf die man nicht verzichten möchte, schon gar nicht, wenn man sich daran macht, das Kanzleramt zu erobern.

Auch im Vorstand der grünen Partei weiß man, dass Quarz und Kuhmist im Stierhorn, bei Mondlicht vergraben, nicht wirklich den Ernteertrag steigern – oder dass der Genuss von Zuckerkügelchen keine unmittelbar gesundheitsfördernde Wirkung hat, selbst wenn sie verschüttelt und nicht gerührt wurden. Andererseits behält man diese Wahrheiten lieber für sich, weil eben ein beträchtlicher Teil der Anhänger an die Wunderwirkung von Zuckerkugeln und nächtlich vergrabenem Stierhorn glaubt. Mit nichts bringt man Anhänger der Homöopathie so verlässlich auf die Palme wie dem Vorwurf, sie würden an Quacksalberei glauben.

Ich bin in den siebziger Jahren groß geworden. Carlos Castaneda und die psychedelische Kraft des Schamanismus, die Weisheit des Pendels, die ewige Macht der Gestirne – das ist die Welt, die schon damals als alternativ galt. Dass man der Pharmaindustrie nicht glauben dürfe, weil sie uns nur vergiften wolle, war eine unumstößliche Gewissheit wie der gebetsmühlenhaft vorgetragene Argwohn gegenüber der sogenannten Schulmedizin. Es ist kein Zufall, dass das Epizentrum der Impfgegner im Prenzlauer Berg liegt, dem Viertel Berlins, das als das Walhalla der Grünen gelten darf.

Das Okkulte und Obskure sind vielfältig anschlussfähig. Tatsächlich verdankt die grüne Bewegung der völkisch orientierten Esoterikszene mehr, als man bei den diversen Erinnerungsmärschen und Jubiläumsveranstaltungen zu hören bekommt. Bereits Anfang der Achtziger, als man sich daran machte, die Parlamente zu erobern, saßen neben langhaarigen Sprossenjüngern in Batikhosen rechte Hutzelmännchen wie der Ökobauer Baldur Springmann, die von Blut und Boden nahtlos zur biodynamischen Landwirtschaft gewechselt waren. Dass die Unternehmensgeschichte beliebter Bio Label wie Demeter oder Weleda tief in die braune Zeit zurückreicht, fügt sich ins Bild, würde ich sagen.

Die Mitbegründerin der Grünen, Jutta Ditfurth, hat vor Jahren ein verdienstvolles Buch über diese seltsame Allianz von grünem und rechtem Denken geschrieben („Entspannt in die Barbarei“). Schon bei Ditfurth findet sich die Beobachtung, dass der Naturmystizismus in eine merkwürdige Gleichsetzung von Mensch und Krankheitserregern führt.

Wenn die Natur heilig ist, dann sind es auch Viren und Keime, folglich lässt man ihnen am besten ihren Lauf. Dass sich diese Weltsicht wunderbar mit einem offenen Öko Darwinismus verträgt, auch das steht schon bei Ditfurth: Wen das Virus hinwegrafft, der war entweder zu schwach oder nicht genug im Einklang mit sich und dem Universum. Ditfurths Fazit 1996: „Die Alternativbewegung ist inzwischen mehrheitlich esoterisch verblödet.“

In der medialen Befassung mit dem esoterischen Klüngel ist man in den Redaktionsstuben schnell dabei, Entwarnung zu geben: Klar, nicht schön, dieser frömmelnde Narrensaum, anderseits habe die Parteiführung das Problem ja erkannt und adressiert. Also Problem erkannt, Problem gebannt.

Wenn es denn so einfach wäre. Bis heute können sich die Grünen nicht entscheiden, wie sie es mit den Homöopathen halten sollen. Kritiker werden auf einen Entwurf des Grundsatzprogramms verwiesen, wonach von den Krankenkassen nur medizinische Leistungen ersetzt werden sollten, deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen sei. Aber die Homöopathen halten ihre Methoden für wissenschaftlich begründet, das ist ja genau der Witz. Insofern gibt es hier von ihnen auch wenig Widerspruch.

Selbst Führungskräfte der Partei scheuen vorm Flirt mit dem Esoterik Flügel nicht zurück. Einer der Helden der Anti Corona Szene, der Kennedy Spross Robert F. Jr., der von der Anti Atomkraft Bewegung zum Anti Corona Engagement fand, erfreute sich bei seinem Europatrip auch einer Einladung der EU-Grünen. Die grüne ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast verbreitet unverdrossen Tweets der Ökoaktivistin Vandana Shiva, die sich nach dem Kampf gegen den Goldenen Reis nun dem Kampf gegen Bill Gates und das Impfen angeschlossen hat.

Viel ist von der Gefahr die Rede, die von den Corona Demonstrationen für die Demokratie ausgehe. Was die nahe Zukunft angeht, fürchte ich mich allerdings mehr vor den antiwissenschaftlichen Reflexen des grünen Milieus als vor den Reichsbürgern. Eine große Zahl von Deutschen sagt in Umfragen, dass sie sich nicht mit einem Covid19Schutz impfen lassen würden, auch wenn er als unbedenklich zu gelassen wäre. Wenn man den Leuten über Jahre einredet, Gentechnik sei des Teufels, muss man sich nicht wundern, wenn die Menschen einem Impfstoff misstrauen, der allein der Gentechnik zu verdanken ist.

Laboratorium des Wahnsinns

Wenn etwas den Berliner Senat auszeichnet, dann die Kombination aus Großsprecherei und Unfähigkeit. Wer sich fragt, wie eine rot-grün-rote Koalition auf Bundesebene aussehen würde, der bekommt in der Hauptstadt Anschauungsunterricht

Einmal im Jahr ziehen etwa 1200 vorwiegend arabischstämmige Menschen über den Ku’damm in Berlin und wünschen Israel den Tod. Die Demonstranten skandieren „Kindermörder Israel“ oder „Juden ins Gas“. Der sogenannte Al-Kuds-Tag, zu dem sich die Protestteilnehmer versammeln, ist eine Erfindung des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini, mit dem dieser die muslimische Welt daran erinnern wollte, dass es erst dann Frieden im Nahen Osten geben könne, wenn Israel von der Landkarte getilgt sei.

Seit 1996 geht das so. Ihm seien die Hände gebunden, erklärte der Berliner Innensenator Andreas Geisel ein ums andere Mal, wenn Kritik laut wurde, die Versammlungsfreiheit sei in Deutschland ein hohes Gut. Er könne nicht nach Gutdünken entscheiden, wer in Berlin demonstrieren dürfe und wer nicht. Dass der Al-Kuds-Marsch dieses Jahr ausfiel, ist dem Coronavirus und nicht dem Berliner Senat zu verdanken.

Vor zehn Tagen hat sich der zögerliche Herr Geisel überraschend entschieden gezeigt. „Ich bin nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird“, kommentierte er die Entscheidung seiner Behörde, den Aufmarsch der sogenannten Anti-Corona-Demonstranten zu verbieten. Die juristische Reaktion folgte prompt. Zwei Tage nach der Erklärung des Innensenators gab das Verwaltungsgericht einer Klage der Veranstalter statt: Das Verbot sei schlampig begründet und eindeutig rechtswidrig.

Ein Innensenator, der kein Mittel findet, eine Hardcore-Antisemiten-Demo aufzulösen, aber sobald es ihm opportun erscheint, erklärt, wen er auf der Straße dulden wolle und wen nicht: In jedem anderen Bundesland hätte das eine Debatte nach sich gezogen, ob der Mann noch geeignet sei für sein Amt. Nicht so in Berlin. Dort zog man vors Oberverwaltungsgericht, das der Polizeiführung noch einmal die Rechtswidrigkeit ihres Handelns bestätigte. Dann ging man zur Tagesordnung über. Beziehungsweise ließ die Dinge laufen, mit dem Ergebnis, dass sich am Wochenende ganz Deutschland wunderte, warum bei einer Großdemonstration im Regierungsviertel nur drei Polizisten vor dem Reichstag stehen, um diesen gegen Übergriffe zu schützen.

Es lohnt, sich näher mit den Berliner Verhältnissen zu beschäftigen. Die Stadt sieht sich von jeher als Laboratorium. Was hier passiert, darf man getrost als Vorbild verstehen, auch in politischer Hinsicht. Wer sich fragt, wie die Koalition von Grünen, Linkspartei und Sozialdemokraten aussehen würde, von der es mit Blick auf die Bundestagswahl heißt, dass ihr die Zukunft gehöre, der bekommt in der Hauptstadt Anschauungsunterricht.

Viel war zuletzt von dem beklagenswerten Mangel an Verfassungstreue in Teilen der Bevölkerung die Rede. Dass sich alle Bürger ans Grundgesetz halten, ist zweifellos wünschenswert – noch wichtiger wäre aus meiner Sicht allerdings, dass sich auch die politisch Verantwortlichen dar angebunden fühlen. Ich kann mir die Nonchalance, mit der in Berlin üb er das Versammlungsrecht hinweggegangen wird, nur so erklären, dass die Maßstäbe grundsätzlich verrutschen, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass man es mit Recht und Gesetz nicht so genau nehmen muss.

„Legal, illegal, scheißegal“, lautete ein Slogan der 80er Jahre. Nicht einmal die Punks von Slime hätten sich träumen lassen, dass dieses einmal zum Stadtmotto von Berlin werden würde. Die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes hat der Senat schon Anfang des Jahres ausgehebelt, als er alle Immobilienbesitzer zur Einheitsmiete zwang. Dass das Bundesverfassungsgericht den Mietendeckel wieder kassieren wird, gilt unter Juristen als ausgemachte Sache. Die Folgen dieses einzigartigen Experiments in spätem Immobiliensozialismus sind schon jetzt zu besichtigen.

Die Zahl der auf dem Mietmarkt angebotenen Wohnungen hat sich halbiert. Dafür schreitet die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen munter voran. Wer das Glück hat, dennoch eine Mietwohnung zu finden, muss sich zur Zahlung einer sogenannten Schattenmiete bereit erklären. Wie immer, wenn der Sozialismus regiert, sind es die Findigen und politisch gut Vernetzten, die am ehesten zurecht- kommen. 572 Euro für 16 Quadratmeter in der Landgrafenstraße im Tiergarten in einer Vierer-WG, wie vergangene Woche bei „wgcompany.de“ ein Angebot lautete? Das dürfte den Mietendeckel mehrfach sprengen, auch wenn der Anbieter („queer“, „grün“) eine große Fensterfront und eigenen Balkon in Aussicht stellt. Aber hey, Gesetze sind in dieser Welt immer für die anderen da.

Von außen wirkt vieles wie Folklore. Nur in Berlin ist es möglich, dass man Drogendealern mit einer Ausstellung im Bezirksmuseum ein Denkmal setzt. Oder Kriminellen eine Art Sozialpartnerschaft anbietet, damit sie von ihrem verderblichen Tun ablassen: Ausbildungsplatz gegen gesetzestreues Verhalten, das ist die Offerte, mit der man ein ganz neues Miteinander, abseits von Repression und Ausgrenzung, initiieren wollte. Hat nicht wirklich funktioniert, wie dieser Tage die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann einräumen musste, in deren Amtszeit die Umwandlung des Görlitzer Parks in Kreuzberg zum größten Open-Air-Drogenumschlagplatz Europas fällt.

Umgekehrt kann der Senat im Umgang mit den Bürgern eine erstaunliche Kaltschnäuzigkeit an den Tag legen. Als sich im Juli die Anwohner mehrerer besetzter Häuser hilfesuchend an die Politik wandten, weil sie sich von den autonomen Nachbarn drangsaliert und bedroht fühlten, erhielten sie zur Antwort, dass Hausbesetzer nun einmal zur Identität der Stadt gehörten. „Es handelt sich um ein ,anarcha-queer-feministisches Hausprojekt‘, wo im Binnenverhältnis ‚als Kollektiv ohne patriarchale bzw. diskriminierende Strukturen zusammengelebt werden kann‘. Hiervon möchten wir nichts zurücknehmen.“ Unterzeichnet mit freundlichen Grüßen: Ihre lieben Grünen. Auch Bürgernähe ist in der großen Stadt eine Sache der politischen Gesinnung.

Wäre ich Polizist in Berlin, würde ich mich fragen, warum ich morgens überhaupt noch aufstehen soll. Andererseits: Jede Stadt hat ihre eigenen Regeln und Umgangsformen. Dass Berlin anders funktioniert als Stuttgart oder München, macht auch den Charme aus. Die Frage ist nur, ob dieses ein Modell für ganz Deutschland sein kann. Ich habe da Zweifel, allen Beschwichtigungen und Beschwörungen zum Trotz.

Das Bild von Rot-Grün wird von Politikern wie der sanften Katrin Göring-Eckardt oder dem konzilianten Dietmar Bartsch geprägt: nett, aber scheinbar harmlos. Schaut auf die zweite Reihe, wäre meine Empfehlung. Dann entdeckt man Leute wie Monika Herrmann.

Oder Katina Schubert, die Vorsitzende der Linkspartei in Berlin, die offen davon redet, dass man den Kapitalismus überwinden müsse, und als ersten Schritt auf diesem Weg die Umwandlung von Kaufhäusern in landeseigene Betriebe angeregt hat.

Mutiger Vorschlag, muss man sagen. Keine Ahnung, wie Frau Schubert das Problem lösen will, dass den Leuten in der Krise die Lust aufs Shoppen vergangen ist. Vielleicht lässt sie demnächst Einkaufsgutscheine vom Berliner Himmel regnen. Oder jeder, der einen Mitgliedsantrag bei der Linken unterschreibt, bekommt ein Shoppingwochenende im stadteigenen Karstadt obendrauf.

Wenn etwas den Berliner Senat auszeichnet, dann ist es die Kombination aus Großsprecherei und Unfähigkeit. Dass am Samstag ein Trupp Demonstranten bis auf die Stufen des Reichstags gelangen konnte, weil die Berliner Polizei leider versäumt hatte, mehr als drei Polizisten vor dem Gebäude zu postieren, ist kein Grund zur Zerknirschung, im Gegenteil. Das Versagen beweist aus Sicht des Innensenators, dass er mit seinem Verbotsantrag richtiglag. Gerade weil man in der Regierung selbst die nächstliegenden Dinge nicht hinbekommt, sollen einem die Wähler vertrauen: Das ist rot-grün-rote Dialektik.

Schnattern für Deutschland

Die Grünen betonen gerne, dass sie aufseiten der Wissenschaft stünden. Wie sich zeigt, haben sie allerdings einen ganz eigenen Bezug zu Fakten. Verständlich: Mindestens so wichtig wie die reale Wirklichkeit ist bei ihnen die gefühlte

Erinnert sich noch jemand an Rudolf Scharping, den Kanzlerkandidaten der SPD 1994? Den Mann, der angetreten war, Helmut Kohl aus dem Amt zu schubsen? Eigentlich waren die Ausgangsbedingungen gar nicht so schlecht. Zwölf Jahre Kohl, da fan den viele, das sei genug.

Aber dann verwechselte Scharping bei einer neu ersonnenen Abgabe für Besserverdiener brutto und netto. Das war’s mit seiner Kampagne. Von dem Fehler hat sich der brave Mann nicht mehr erholt. Er wurde später noch Verteidigungsminister, aber auch das Engagement endete unglücklich. Planschte im Pool mit seiner neuen Liebe, der Gräfin Pilati, was die Leser der „Bunten“ belustigte, aber nicht die Soldaten bei der Bundeswehr.

Ein Glück für die Grünen, dass wir nicht mehr 1994 haben, sondern in sehr viel verzeihenderen Zeiten leben.

Vor einigen Tagen saß Annalena Baerbock, die sympathische Vorsitzende der Grünen, bei Markus Lanz und gab Auskunft darüber, was sie in den vergangenen Monaten besonders bewegt habe. Trump, Corona, klar, alles furchtbar. Aber es gebe ein Ereignis, das habe sie besonders erschüttert, sagte sie mit traurigem Blick: dass in Thüringen beinahe ein Nazi zum Ministerpräsidenten gewählt worden wäre.

Ein Nazi als Fast-Ministerpräsident, fragte sich der eine oder andere Zuschauer irritiert: In Deutschland passieren ja viele schlimme Dinge, aber das ist doch irgendwie an einem vorbeigegangen.

Bodo Ramelow, der amtierende Ministerpräsident in Thüringen, konnte schon mal nicht gemeint sein, der kommt von der Linkspartei. Thomas Kemmerich war im Februar Ministerpräsident, für vier Wochen, aber der ist Mitglied der FDP. Wen hatte Frau Baerbock also vor Augen, als sie über das für sie erschütterndste Ereignis dieses Jahres sprach? Es stellte sich heraus: keinen der beiden. Sie habe sich undeutlich ausgedrückt, ließ sie erklären. Sie habe an die AfD gedacht. Deren Kandidat hatte allerdings nie den Hauch einer Chance, zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden, nicht im ersten, nicht im zweiten und auch nicht im dritten Wahlgang.

Es kommt bei Frau Baerbock öfter vor, dass sie so ergriffen ist, dass die Dinge bei ihr durcheinandergeraten. In einem ARD-Sommerinterview sprach sie länger über Elektromobilität, ein Herzensanliegen der Grünen.

„Rohstoffe wie Kobold – wo kommt das eigentlich her? Wie kann das recycelt werden?“, fragte sie sich selbst, um dann stolz zu verkünden, dass es Batterien gebe, die auf Kobold verzichten könnten, und zwar aus China. Kobold? Das ist als Staubsaugermarke geläufig. Kleiner Scherz. Frau Baerbock meinte natürlich Kobalt, ein Metall, das für die Batterie unerlässlich ist, beim Abbau allerdings eine ziemliche Sauerei hinterlässt.

Die größten Kobalt-Reserven liegen im Kongo. Dass im Kongo nicht das deutsche Arbeitsrecht gilt, liegt auf der Hand. Viele der Arbeiter, die in den Kobalt-Minen schuften, sind leider dazu noch minderjährig. Wie bei manchen Produkten, die als besonders umweltschonend gelten, sollte man lieber nicht so genau nachfragen, wie sie zustande kommen.

Ich warte auf den Tag, an dem Leonardo DiCaprio seinem Sozial-Schocker „Blood Diamond“ über die Ausbeutung in den Diamantenminen von Sierra Leone den Anschlussfilm folgen lässt: „Blood Electric Car“. Oder sollte man sagen: „Blood Tesla“? Wobei, das ist nicht ganz fair. Tesla arbeitet an Kobalt-freien Batterien. Da kam das Know-how bislang allerdings von Panasonic aus Japan und nicht aus China, wie Frau Baerbock meinte. Immerhin, die grobe Himmelsrichtung stimmte.

So geht es immer weiter. Am vergangenen Sonntag war die Parteivorsitzende wieder auf Sendung. Wieder Sommerinterview. Diesmal sprach sie über die Flüchtlingspolitik. „Wir stehen klar auf dem Boden nicht nur des Grundgesetzes, sondern der Menschenrechte“, sagte sie. „Und das bedeutet: Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl.“ Steht so nicht im Grundgesetz und noch nicht einmal in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Gott sei Dank, würde ich sagen, wäre es anders, würde es bei uns ziemlich schnell ziemlich eng. In Deutschland genießen aus gutem Grund nicht alle Menschen Recht auf Asyl, sondern nur politisch Verfolgte, und auch die nur eingeschränkt.

Bevor jetzt alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und fragen: Warum ist immer nur von der Parteivorsitzenden die Rede, wo bleibt die Gendergerechtigkeit? Keine Sorge, bei den Grünen herrscht auch beim Schnattern Parität. Wenn der Co-Vorsitzende Robert Habeck nicht gerade für Fotos posiert, plappert er sich ebenfalls durch die Welt, bis sich die Balken und die Fakten biegen und am Ende die BaFin den Benzinpreis überwacht und das Finanzamt die Pendlerpauschale (oder war es umgekehrt?).

Einige Leser mögen einwenden, dass die Kompetenz der Grünen nun einmal bei der Umwelt liege, aber das hieße, ihnen unrecht zu tun: Die Partei hat im November letzten Jahres beschlossen, die Wirtschafts- und Finanzpolitik ins Zentrum zu stellen. Im Leitantrag wurde die „sozial-ökologische Neubegründung der Marktwirtschaft“ festgeschrieben, unter Neubegründung machen sie es auf einem Grünen-Parteitag nicht. Wie sich zeigt, haben Ökologen halt nur einen ganz eigenen Bezug zu Zahlen und Fakten.

Es wird spannend, das kann man jetzt schon sagen. Wenn es im nächsten Jahr für Rot-Rot-Grün reichen sollte, dann am ehesten unter Führung eines grünen Bundeskanzlers. Das wird ein einmaliges Experiment, auch für die Deutschen. Die Grünen betonen gerne, dass sie aufseiten der Wissenschaft stünden beziehungsweise die Wissenschaften ganz nah bei ihnen, aber das sollte man nicht zu wörtlich nehmen.

Wissenschaft ist im grünen Milieu immer nur Wissenschaft, solange sie zum Parteiprogramm passt. Was darüber hinausgeht, heißt Big Pharma, Großchemie oder Apparatemedizin. Dass Kartoffeln besonders gut gedeihen, wenn man sie mit Glyphosat düngt, glaubt man lediglich bei den Grünen. Kein Bauer käme auf die Idee, Unkrautvernichter über seine Knollen zu kippen, damit die Kartoffeln besser wachsen. Trotzdem schafft es die Behauptung aufs grüne Plakat.

So ist das halt, wenn man alles, was von Bayer Leverkusen kommt, für Teufelszeug hält, dann glaubt man auch an die wachstumsverstärkende Wirkung von Unkrautvernichtern. Man muss sich nur ansehen, welchen Eiertanz die Partei beim Thema Homöopathie veranstaltet, und man ahnt, wie brüchig in Wahrheit der wissenschaftliche Friede in den eigenen Reihen ist.

Es wird heute schnell vergessen, aber die Ursprünge der grünen Partei liegen nicht nur im Anti-Atom-Protest, sondern mindestens zu gleichen Teilen in der Esoterik- und Innerlichkeitsbewegung der siebziger Jahre, als sich eine ganze Generation auf die Suche nach dem Ich begab. Überall sprossen Selbsterfahrungsgruppen und Therapiezirkel, um der Selbstverwirklichung, wie das neue Zauberwort hieß, auf die Sprünge zu helfen. Vor der Beschäftigung mit den Produktionsbedingungen des Proletariats kam die Analyse der persönlichen Beziehungsverhältnisse, neben die gesellschaftliche Realität trat die gefühlte Wirklichkeit.

Von nun an reichte es, dass man sich mitbetroffen oder irgendwie involviert fühlte, damit ein Problem als politisch bedeutsam anerkannt war. Mehr noch: Die eigene Beziehung zum politischen Gegenstand wurde zum wesentlichen Kriterium für die Relevanz von Themen. Was keine Emotionen hervorzurufen vermag, gilt seitdem als nebensächlich und politisch nicht wirklich diskussionswürdig. Oder wie Claudia Roth einmal sagte: „Wie soll ich Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?“

Leider entspricht die gefühlte Wirklichkeit nicht immer der realen.

Ausschalt-Kultur

Früher wollten die Konservativen immer alles Mögliche weghaben: Schriftsteller, die zu frech waren, Künstler, die missfielen. Heute sind es die Linken, die Publikationsverbote verlangen. Aber psst, ja nicht ansprechen, sonst gibt’s Ärger!

Mit dem „Zeit“-Kolumnisten Harald Martenstein sprach ich vor einiger Zeit über die Veränderung des Meinungsklimas. Martenstein war mal ganz links, in seiner Studentenzeit gehörte er der DKP an. Die DKP war die einzige Partei in Deutschland, die von der Überlegenheit der DDR überzeugt war – das glaubten sie nicht mal in der SED. Dann ereignete sich bei ihm das, was der große amerikanische Konservative Irving Kristol den „Überfall durch die Realität“ genannt hat. Heute steht Martenstein irgendwo in der Mitte, so wie die meisten Deutschen.

Meist schreibt er über seinen Hund oder sein Kind oder über Alltagsphänomene wie den Pilz, der in seinem Landhaus wächst. Hin und wieder wendet er sich politischen Dingen zu. Ein wiederkehrendes Thema ist bei ihm die Gendersprache. Wie alle Menschen, die Literatur und Sprache lieben, leidet Martenstein, wenn die Schönheit der Ideologie weichen muss. Auch die Gleichberechtigung und der Kampf gegen Diskriminierung kommen bei ihm öfter vor. Martenstein neigt hier einem unsentimentalen Standpunkt zu, was möglicherweise mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Wer bei der DKP war, weiß, was es bedeutet, einer radikalen Minderheit anzugehören. Das erhöht die Mitleidsschwelle.

Wenn man sich politisch äußert, bleibt es nicht aus, dass sich Leser beschweren. Martenstein hat dabei eine interessante Beobachtung gemacht, wie er mir berichtete. Rechte Leser drohen ihm Prügel an, wenn sie sich sehr geärgert haben. Linke Leser wenden sich an die Chefredaktion und verlangen seine Absetzung. „Jeder droht im Rahmen seiner Möglichkeiten“, lautet seine Schlussfolgerung „Ein Rechter käme nie auf die Idee, dass seine Eingabe an die Chefredaktion Erfolg haben könnte, deshalb setzt er aufs Faustrecht.“

In den Feuilletons tobt gerade eine leidenschaftlich geführte Debatte über die sogenannte Cancel Culture, also den Versuch, die Meinungsräume von missliebigen Personen frei zu halten. Muss man sich um die Meinungsfreiheit Sorgen machen, wie 153 berühmte Intellektuelle in einem Aufruf behaupten, der Anfang Juli in einer Reihe großer Zeitungen abgedruckt wurde? Oder ist Cancel Culture in Wahrheit nur eine Erfindung rechter Kreise, um die Kritik an rassistischen, sexistischen und anderen fragwürdigen Positionen in ein schiefes Licht zu rücken, wie die Gegenseite vorträgt?

Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion durch die Entscheidung des Nochtspeichers, eines Veranstaltungsortes in Hamburg, die Kabarettistin Lisa Eckhart von einer Lesung auszuladen, weil man Störungen durch die linke Szene fürchtete. Wenn Sie noch nicht von Frau Eckhart gehört haben, grämen Sie sich nicht: Sie ist eine erschreckend dünne, oft furchtbar angestrengt wirkende junge Frau, die in sehr gewählten Worten möglichst schockierende Dinge sagt. Wie sich herausstellte, hatte es keine Drohungen gegeben, wie von den Veranstaltern behauptet, sondern irgendjemand im Nochtspeicher meinte aufgeschnappt zu haben, dass es Ärger geben könnte, wenn man Frau Eckhart auftreten lasse. Ein klassischer Fall von vorauseilendem Gehorsam.

Für alle, die sich immer schon darüber geärgert haben, dass ihnen der Ruf der Zensur-Ursel anhaftet, war das die Gelegenheit, Entwarnung zu geben. Seht her, hieß es, so sieht also eure Cancel Culture aus: Nichts damit linkem Gesinnungsterror, alles in Wirklichkeit übertrieben! Ich glaube, man nennt das ein Strohmann-Argument. Man bläst eine Lächerlichkeit so groß auf, dass man dann alles mit wegwischen kann, was nicht ganz so lächerlich ist.

Einige Namen der Cancel-Culture- Leugner kamen mir vertraut vor. Habe ich nicht zum Beispiel den Namen Margarete Stokowski unter einem Aufruf gelesen, in dem der Rowohlt-Verlag aufgefordert wurde, auf keinen Fall die Autobiografie von Woody Allen zu veröffentlichen? Wie kurz doch manchmal das Gedächtnis von Menschen ist.

Falls Sie sich auch nicht mehr daran erinnern: Im März warfen 15 Rowohlt-Autoren ihrem Verlag vor, mit der geplanten Publikation „unethisch“ zu handeln. Woody Allen habe sich nie „überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt“, sie als Kind missbraucht zu haben, deshalb sollte das Buch „keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben“. Sich „überzeugend“ mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, hieß in dem Fall vermutlich, dass der Regisseur hätte zugeben sollen, sich an seiner Tochter vergangen zu haben – trotz mehrerer entlastender Gutachten.

Seit 1945 ist es im deutschen Verlagswesen unüblich geworden, auf politischen Druck hin sein Programm anzupassen. Der Vorgang besaß also Novitätscharakter, worauf der Rowohlt-Verleger Florian Illies den 15 Autoren in seiner freundlichen Art klarmachte, dass Rowohlt kein House of Cancel Culture sei und auch nicht werden wolle. Der Hachette-Verlag in New York hingegen, bei dem die Originalausgabe der Autobiografie erscheinen sollte, hielt dem Druck aus den eigenen Reihen nicht stand und kündigte den Vertrag mit Allen.

Cancel Culture ist eine Machtdemonstration. Wenn man andere am Auftreten oder Veröffentlichen hindern kann, nutzt man das aus. Stößt man auf jemanden wie Illies, der sich widersetzt, wartet man die nächste Gelegenheit ab. Gleichzeitig will selbstverständlich niemand als Befürworter von Zensurmaßnahmen gelten. Ich kann das verstehen. Nazis wollen auch nicht Nazis genannt werden und Rassisten nicht Rassisten. Deshalb versuchen sich die Beteiligten bei Kritik, mit Witzchen aus der Affäre zu ziehen, indem sie Boykottaufrufe als „Storno“ bezeichnen oder mit dem Verzicht auf Roggenbrot beim Bäcker vergleichen.

Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach hat vor ein paar Monaten die Deutschen befragt, wie sie glauben, dass es um die Meinungsfreiheit bestellt sei. 78 Prozent der Befragten antworteten, dass man bei bestimmten Dingen vorsichtig sein müsse, was man in der Öffentlichkeit sage. Über die Umfrage wurde breit berichtet – in der Regel, um sie infrage zu stellen. Die Ergebnisse wurden entweder als unsinnig bezeichnet oder als gefährlich, weil sie rechte Ressentiments bedienten.

Ich glaube auch nicht, dass alle in Deutschland nur noch hinter vorgehaltener Hand offen sprechen. Tatsächlich scheint die Demokratie sogar gerade ziemlich lebendig. Meiner Meinung nach wurde die Umfrage falsch interpretiert: Sie zeigt nicht, was die Deutschen für sich selbst fürchten, sondern wie sich aus ihrer Sicht das allgemeine Meinungsklima entwickelt hat. Diesen Unterschied findet man auch in Umfragen zu den ökonomischen Aussichten: Menschen, die pessimistisch in die Zukunft schauen, schätzen ihre eigene finanzielle Situation oft überraschend gut ein. Wenn Leute lesen, dass man heute in der Kulturbranche seinen Job verlieren kann, wenn man sich mit einem AfD-Funktionär zum Mittagessen trifft, werden sie nachdenklich.

Wer will es ihnen verdenken? Aber vielleicht geht es ja genau darum: um den Erziehungseffekt. Hans Joachim Mendig hieß der Mann, der nach einem Essen mit dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen seinen Posten als Chef der hessischen Filmförderung verlor, weil 600 Kulturschaffende fanden, man dürfe sich mit jemand wie Herrn Meuthen nicht mal beim Italiener treffen. Unter den 600 waren mit Sicherheit auch viele Menschen, die Cancel Culture für eine Erfindung der Rechten halten.

Er könne sich nicht erinnern, sagt Martenstein, dass man in den 80er Jahren versucht hätte, Bücher oder Lesungen zu verhindern. Vielleicht war die damalige Generation von Linken toleranter. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass die andere Seite das Sagen hatte. Damals wollten die Konservativen immer alles Mögliche weghaben: die Jelinek, weil sie ihnen zu männerhassend war, den Schlingensief, weil er ihnen zu aufmüpfig erschien, den Achternbusch, weil er ihnen als Nestbeschmutzer galt. Was für eine Pointe, dass viele Linke sich heute so verhalten wie die Leute, die sie immer bekämpft haben.

Woke Capitalism

Nach dem Turbokapitalismus kommt nun der „wache“ Kapitalismus, der auf jede politische Forderung mit einem sofortigen Kniefall reagiert. Der Opportunismus hat auch in der Wirtschaftswelt eine neue Stufe erreicht

Ein kleines Mädchen lehnt auf einem Foto lässig am Kühlergrill eines Autos. Sie trägt ein gepunktetes Sommerkleid, Jeansjacke und Sonnenbrille und isst eine Banane, während sie darauf wartet, dass jemand den Wagen aufschließt. Vielleicht muss sie zur Kita, oder es geht in den Urlaub, so genau kann man es nicht sagen. Das Bild ist eines der Motive, mit denen Audi für den RS4 wirbt, seinen neuen Turbo-Kombi. Weitere Motive der Kampagne zeigen die jungen Eltern, den Vater im T-Shirt, die Mutter in Lederweste und Leopardenhose. „Lets your heart beat faster – in every aspect“, steht über der Bildstrecke. Es ist etwas rätselhaft, warum das Kind eine Banane in der Hand hält. Andererseits, haben die Grünen nicht gerade dazu aufgerufen, dass Kinder mehr Obst essen sollen?

So weit, so unschuldig – und so dämlich, wie Werbung halt sein kann. Zu allem findet sich allerdings jemand, der sich tiefere Gedanken macht. Auch die Audi-Kampagne wurde einer genaueren Betrachtung unterzogen. Gerade kleine Kinder würden im Straßenverkehr immer häufiger übersehen, weil die Autos immer größer und immer stärker motorisiert seien, lautete darauf ein Vorwurf. Ein potenzielles Opfer als Werbefigur: wie geschmacklos! Außerdem habe das Bild so einen Lolita-Touch. „Verstörend“, kommentierte auf Twitter der Nutzer Christian Hasiewicz. „Kleines Mädchen mit Phallussymbol in der Hand. Klar, super“, meldete sich shiri@home zu Wort.

Ich würde meinen, dass bei jemandem, der bei einer Vierjährigen, die eine Banane isst, an Lolita denkt, etwas nicht stimmt. Manchmal fällt ein Vorwurf auf den zurück, der ihn äußert. Aber so gelassen kann man bei Audi in Ingolstadt die Twitter-Welt nicht sehen. Kaum hatten sich Christian Hasiewicz und shiri@home geäußert, zog Audi das Werbemotiv zurück. „Wir entschuldigen uns aufrichtig für dieses unsensible Bild und versichern, es in Zukunft nicht mehr zu nutzen“, erklärte der Konzern. Man werde unverzüglich untersuchen, wie diese Kampagne entstanden sei und welche Kontrollmechanismen versagt hätten.

Wir haben eine neue Stufe des Kapitalismus erreicht. Nach dem Raubtierkapitalismus und dem Turbokapitalismus kommt nun der woke Kapitalismus. Für alle, die nicht mit den neuesten Trends vertraut sind: Der Begriff „woke“ kommt aus der amerikanischen Studentenbewegung und bedeutet so viel wie „wach“, „achtsam“. Gemeint ist eine Geisteshaltung, die überall Ungerechtigkeit erkennt, auch dort, wo man sie nicht vermuten sollte. Die alten, linken Drugheads waren mir lieber, muss ich sagen. Die haben zumindest nicht hinter jedem Busch und jedem Kühlergrill gleich ein Moralverbrechen gewittert.

Drei spitze Schreie im Netz, und schon fallen sie in den Konzernzentralen um wie die Kegel. Gut, Standfestigkeit war noch nie eine Stärke von Wirtschaftslenkern. Rückgrat zu zeigen, ist nicht die erste Tugend, die einen in die Vorstandsetage bringt. Aber bislang war der Opportunismus auf das persönliche Fortkommen beschränkt, jetzt orientiert er sich auch an den Forderungen der Straße.

Es bleibt nicht bei Anzeigenmotiven. Wo die politische Lauterkeit zum Leitprinzip erhoben wird, kann es jeden treffen, dessen Gesinnung plötzlich als zweifelhaft gilt. Bei Google haben sie einen Programmierer gefeuert, weil er in einem internen Memo als Grund für den geringen Frauenanteil bei Google auf Theorien verwiesen hatte, wonach sich Frauen mehr für Menschen als für Dinge interessieren. Die Argumente, die er ins Feld führte, werden von einer Reihe von Wissenschaftlern unterstützt. Dennoch galt seine Meinung als so beleidigend, dass der Vorstandschef von Google seinen Urlaub unterbrach, um dem Mann persönlich zu kündigen.

Dass gerade das Silicon Valley ein besonders frauenfeindlicher Platz ist, das ist allgemein bekannt. Facebook begann als Seite zur Bewertung von Studentinnen, wer „hot“ sei und wer eher nicht so „hot“. Statt die Leute zur Rechenschaft zu ziehen, die es versäumt haben, mehr Frauen einzustellen, werden lieber diejenigen entfernt, die Vermutungen darüber anstellen, warum Frauen in der Belegschaft unterrepräsentiert sind. Auch das ist der neue woke Kapitalismus.

Was eben noch als Zeichen für fortschrittliche Gesinnung galt, kann morgen schon von einem neuen, noch fortschrittlicheren Standard überholt sein. Bei Adidas erwischte es vor sechs Wochen die Personalchefin Karen Parkin. Dass Parkin die einzige Frau im ansonsten rein weißen, rein männlichen Vorstand war? Egal. Ein paar Mitarbeiter hatten sich beklagt, weil sie bei einer internen Sitzung gesagt haben soll, sie halte die Klage über Rassismus bei Adidas für „Noise“, also ein Geräusch, das man nicht ernst nehmen müsse. Das reichte, um ihr den Stuhl vor die Tür zu setzen.

Ich habe mir im Netz Fotos von Vorstandschef Kasper Rorsted angesehen. Mir ist dabei eine bemerkenswerte Verwandlung aufgefallen. Auf den aktuellen Bildern trägt Rorsted Kapuzenjacke und Sneaker. Abgesehen davon, dass ich es ohnehin zweifelhaft finde, wenn Männer über 50 im Büro in Sportkleidung auflaufen: Nur zwei Mausklicks weiter findet man Bilder, die ihn brav im Anzug zeigen. Die Fotos stammen aus seiner Zeit beim Waschmittelhersteller Henkel. Die Metamorphose lässt sich nur so erklären, dass Rorsted sogar seine Kleidung danach aussucht, was er gerade für opportun hält.

Zur Erinnerung: Adidas war auch das Unternehmen, das verkündete, es werde künftig seine Miete schuldig bleiben, nachdem die Regierung die Mietstundung gesetzlich verankert hatte, um in Bedrängnis geratenen Kleinunternehmern zu helfen. Als die Sache dann breit in den Zeitungen stand, ruderte man schleunigst zurück, wobei man es nicht bei einer normalen Entschuldigung beließ: Die Entschuldigung musste selbstverständlich in gendergerechter Sprache abgefasst werden.

„Liebe Leser_innen, die Entscheidung, von Vermieter_ innen unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden“, begann das Schreiben. Was immer Adidas in Zukunft über seine Anzeigen schreiben mag, wenn ich jemanden mit den drei Streifen sehe, denke ich: Wendehals.

Man darf sich nicht täuschen. So schnell, wie es in die eine Richtung geht, so schnell geht es auch in die andere. Netflix hat die Produktion einer Serie in der Türkei gestoppt, weil die türkische Regierung Anstoß daran nahm, dass einer der Charaktere offen schwul sein sollte. Würde die chinesische Regierung Apple bitten, jede App zu entfernen, die chinesische Nutzer auf den Gedanken bringt, es könnte eine Welt außerhalb Chinas geben, würde Apple noch heute seinen App Store entsprechend umrüsten.

Das ist das Problem mit dem Kapitalismus, der bereitwillig der politischen Wetterlage folgt: Wenn sich der Wind dreht, ändert sich die Entscheidungsgrundlage. Ich verspreche Ihnen: Wenn in Deutschland in zehn Jahren die AfD regieren sollte, können wir gar nicht so schnell hinsehen, wie in Herzogenaurach die Genderflagge eingeholt und gegen eine himmelblaue Fahne ausgetauscht wird.

Auch für die Unternehmen ist diese Form der Wetterfühligkeit nicht ungefährlich, das nur nebenbei. Wer sich bei jedem Windhauch auf den Boden wirft, kommt irgendwann nicht mehr hoch. Die Kräfte der woken Welt geben nie Ruhe, man kann si e immer nur für kur ze Zeit besänftigen. Irgendwann wird es heißen: Darf man überhaupt noch für Autos werben? Ist nicht das Auto an sich ein verstörendes Symbol für Rücksichtslosigkeit?

Wenn ich darüber nachdenke: Werbung an sich ist doch hochproblematisch. Heißt Werbung nicht, den Leuten etwas unterzujubeln, was sie vielleicht gar nicht wollen? Das ist schlicht Manipulation! Wo bleibt da der Respekt vor dem Verbraucher! Der Tag ist nicht mehr fern, und wir diskutieren über ein grundsätzliches Werbeverbot. Oder über Werbung nur noch mit Warnhinweisen, wie wir es von Tabakpackungen kennen: Vorsicht, der Kauf dieses Produkts kann Ihnen und der Umwelt erheblichen Schaden zufügen! Bei Audi wären sie dann die Letzten, die sich beklagen dürften.

Die dunklen Flecken der Seele

Scientologen nehmen Blechdosen in die Hand, um zur Erlösung zu finden. Andere schreiben sich beim Opus Dei ein. Der moderne Heilssucher entdeckt den Rassisten in sich

Der Schriftsteller Friedemann Karig berichtet in der „Süddeutschen Zeitung“, wie er entdeckte, dass er ein Rassist ist. Er habe sich eigentlich nie viel Gedanken über Hautfarbe gemacht, schreibt er. Er hat sich in seinem Leben auch nie rassistisch geäußert. Der Bericht in der „SZ“ beginnt damit, wie er als 13-Jähriger dazwischengeht, als ein kurdischer Freund auf dem Fußballplatz von anderen Jugendlichen beleidigt wird.

Trotzdem entscheidet Karig, sich einem rassismuskritischen Training zu unterziehen. So wie man sich bei übertriebener Schüchternheit oder Konfliktscheuheit professionelle Hilfe holen kann, so kann man sich inzwischen auch gegen Rassismus coachen lassen. Es wird nie ganz klar, warum Karig so ein Training für nötig hält. Vielleicht spürte er, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Vielleicht wollte er es auch einfach genau wissen, um anschließend sagen zu können, dass bei ihm alles okay sei. Jeder Coachingkurs endet in der Regel damit, dass man eine Bescheinigung über den erfolgreichen Abschluss erhält. Eine Art Anti-Rassismus-Bescheinigung, das ist natürlich sehr praktisch angesichts der aktuellen Diskussion.

Karig verbringt Stunden in Videotelefonaten, in denen er lernt, „den Blick auf sich selbst zu richten“, wie die Anti-Rassismus-Beraterin das nennt. Die Trainerin fragt ihn, wann ihm sein Weißsein zum ersten Mal bewusst geworden sei. Ob er schon einmal gespürt habe, dass er als Weißer Privilegien genieße. Hat er die Privilegien vielleicht sogar ausgenutzt? Seinen Durchbruch erzielt Karig, als er der Trainerin erzählt, wie er bei der Suche nach einem Nachmieter für eine Wohnung einmal jemanden auswählte, der so aussah wie er selbst. „In mir bäumt sich etwas auf. Ich will mich wehren. Ich bin kein Rassist“, schreibt er. „Dann merke ich: Sie hat recht.“ Psychologen wird diese Szene bekannt vorkommen.

Der Therapeut spricht in so einem Fall von Blockade: Je größer der Widerstand gegen einen unangenehmen Gedanken, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich wehrt, weil man die Wahrheit nicht sehen will. Die Abwehr ist der Beweis, dass der Therapeut mit seiner Vermutung recht hat – eine Logik, aus der es kein Entrinnen gibt. Sagt man Ja, stimmt man ihm zu; sagt man Nein, ebenfalls.

Die Technik ist nicht ganz neu. Im Prinzip funktionieren alle religiösen Verbindungen so. „Die sogenannte Sekte oder Psychogruppe verspricht, die Welt beziehungsweise den Einzelnen erlösen zu können“, heißt es in einem Leitfaden des Bayerischen Familienministeriums zur Frage, woran man Sekten erkennt. „Um den entscheidenden ‚Durchbruch‘ zur ‚eigentlichen‘ Persönlichkeit zu erreichen, müssen durch wesentliche Verhaltens- und Einstellungsänderungen angebliche Blockaden im Gehirn beseitigt werden.“ Gäbe es noch die berühmte Sektenbeauftragte Ursula Caberta, dann wäre das Anti-Rassismus-Training eindeutig ein Fall für sie. Scientologen nehmen Blechdosen in die Hand, um ihre inneren Widerstände zu überwinden. Manche schreiben sich beim Opus Dei ein, wo eine Welt der freudvollen Leiden auf sie wartet. Der moderne Heilssucher entdeckt den Rassisten in sich.

Die Anti-Rassismus-Diskussion ist auf der Ebene der Teufelsaustreibung angekommen. Darauf zielte sie im Grunde schon immer. Der zentrale Begriff ist Schuld, darum dreht sich all es. Wer weiß ist, muss sich schuldig fühlen, weil am Weißsein Privilegien und Macht hängen. Und Privilegien, das weiß jeder gute Linke, muss man bekämpfen, weil sie uns von Menschen trennen, die schwächer sind. „Check your Privilege“, lautet der Satz, mit dem man zur Einkehr gemahnt wird. „Bereue!“, hieß das früher, „beichte deine Sünden!“ Gemeint ist das Gleiche.

Wo der Ernst der Religion beginnt, da wächst das Komische auch, das ist hier nicht anders. Die Komik liegt in diesem Fall darin, dass akademisch geprägte Menschen, die man umstandslos zur kulturellen Elite zählen kann, anderen Menschen, die zu den eher prekär Beschäftigten gehören, erklären, warum sie in Wahrheit die Privilegierten im Land seien. Ich weiß nicht, wie viele Gabelstaplerfahrer oder Lidl-Verkäuferinnen sich privilegiert fühlen. Nicht so wahnsinnig viele, denke ich. Ich würde allen, die das anders sehen, empfehlen, einen Test zu machen. „Hey, du hinter der Ladenkasse: Check your Privilege!“ Im besten Fall erntet man mit so einem Satz Unverständnis, im wahrscheinlichsten wird einem der Vogel gezeigt, wäre meine Vermutung.

Ich habe dafür keine Erklärung, aber es gibt bei manchen Menschen ganz offensichtlich ein tiefes Bedürfnis, sich schuldig zu fühlen. Während die meisten froh sind, wenn sie einigermaßen unbelastet von Selbstvorwürfen durch den Alltag kommen, üben Schuldgefühle auf einige eine geradezu magische Wirkung aus. Entweder leben sie falsch, oder sie essen falsch, oder sie haben die falschen Freunde oder überhaupt die falsche Einstellung. Die Erlösungshoffnung richtet sich entsprechend der jeweiligen Mode an einen spirituellen Führer, der Rettung verspricht – den Priester, den Yogi, den vegan Er leuchteten, jetzt eben an die Anti-Rassismus-Beraterin.

Unnötig zu sagen, dass diese Form der Selbsterforschung oft mit einem gewissen sozialen Status einhergeht. Wer den ganzen Tag im kapitalistischen Hamsterrad sitzt, dem fehlt schlicht eine entscheidende Ressource für die Seelenprüfung, und das ist Zeit. Deshalb gedeiht das Bußritual auch besonders gut im Kloster oder artverwandten Einrichtungen wie Schule und Universität, wo Zeit im Überfluss vorhanden ist.

Es gibt historische Vorbilder. Im 13. Jahrhundert verbreitete sich von Perugia ausgehend die Geißlerbewegung in Europa. Die Flagellanten zogen in Prozessionen von Ort zu Ort, sangen Hymnen und peitschten sich selbst, um sich ihrer Sünden zu entledigen. Bevorzugtes Instrument der Selbstbestrafung war eine Geißel, deren Riemen mit Knoten oder eisernen Spitzen versehen waren. Papst Clemens VI. ließ die Umzüge Mitte des 14. Jahrhunderts verbieten, womit die Bewegung allerdings nicht erlosch, sondern sich ins Private verlagerte. Jetzt traf man sich mit Gleichgesinnten eben zu Hause, um der gerechten Welt näher zu rücken. Die Anstrengungen reichen nie aus, das ist die Tragik des Glaubenssuchers. Mit allem kann man es übertreiben, nur mit der Bußfertigkeit nicht. Immer gibt es jemanden, der noch häufiger in die Kirche geht und noch gewissenhafter seine Seele nach dunklen Flecken erforscht.

Einmal im Jahr vergibt die feministische Plattform „Edition F“ zusammen mit dem „Handelsblatt“ und „Zeit Online“ den „25 Frauen Award“ an 25 weibliche Vorbilder. Dieses Jahr hatten die Veranstalter großen Wert auf eine möglichst breit gefächerte Auswahl gelegt, die allen Anforderungen an Vielfalt und Inklusion Rechnung tragen sollte.

Wenige Wochen vor Vergabe des Preises erklärten sieben der Nominierten, ihren Namen zurückzuziehen. Ihnen sei aufgefallen, wie wenig divers die Auswahl der schwarzen Frauen sei, schrieben sie. Alle schwarzen Frauen, die nominiert worden seien, hätten eine vergleichsweise hellere Haut, das befördere den strukturellen Rassismus. Deshalb hätten sie sich entschieden, Platz zu machen für Frauen mit einem dunkleren Hautton, erklärten die sieben, allesamt selbst People of Color. Unnötig zu sagen, dass die Veranstalter die Preisvergabe darauf für alle Nominierten absagten und gelobten, beim nächsten Mal noch inklusiver zu denken.

So ist das mit Sekten. Wer sich auf ihre Gedankenwelt einlässt, ist auch mit dabei, wenn die Abzweigung ins Fundamentalistische genommen wird. Mit einem Appell an die Vernunft oder gutem Zureden ist hier nichts mehr auszurichten. Dass sich darauf kein politisches Programm begründen lässt, versteht sich von selbst. Es ist das Wesen der Sekte, dass sie ein Verband von Auserwählten ist und damit exklusiv. Das kann man bei der Anti-Rassismus-Bewegung für ein Glück oder für eine Tragödie halten. Über ihre Sympathisanten in den Medien wird sie so in jedem Fall nicht hinauskommen.

Die verlorene Ehre des Oberstleutnant B.

Wir haben es mit einer neuen Form des Politjournalismus zu tun. An die Stelle der Neugier ist das Urteil getreten, an die Stelle der Frage die Verdächtigung. Ein falscher Like reicht, und man bläst zur Gesinnungsjagd

Der Gesinnungsjäger hasst Uneindeutigkeit. Nichts ist ihm so zuwider wie Ambiguität. Er kann oder will sich nicht vorstellen, dass einer die Bücher rechter Autoren liest und dennoch die Grünen wählt. Oder dass jemand vor einer Studentenverbindung spricht und gleichzeitig mit Menschen befreundet ist, die über einen Migrationshintergrund verfügen. Es gibt bei ihm nur Entweder- oder. Anders würde die Gesinnungsjagd ja auch nicht funktionieren.

Auch der Journalismus lebt von Ambiguitätsreduktion. Das erleichtert den Überblick. Wenn es gegen Mächtige geht, gegen Fleischfabrikanten, Finanzgrößen oder Politiker, mag das gerechtfertigt sein, selbst wenn am Ende nur Abziehbilder übrigbleiben. In jedem Fall problematisch wird es, wenn sich der Furor gegen Privatpersonen richtet, die sich nicht zur Wehr zu setzen wissen. Dann wird Journalismus zur Vernichtungsmaschine.

Heinrich Böll hat vor vielen Jahren einen Roman über die unheimliche Macht der Medien geschrieben. Der Roman heißt „Die verlorene Ehre der Katharina Blum” und schildert die Geschichte einer Angestellten, die von einer Party eine Zufallsbekanntschaft mit nach Hause nimmt, einen jungen Mann, der der Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe verdächtigt wird. Eine Boulevardzeitung bekommt Wind von der Sache und stellt der Frau nach. Sie wird über die Zeitungsseiten gejagt, bis sie schließlich die Waffe gegen den Reporter richtet, der ihr Leben zerstört hat.

Das ARD-Politmagazin „Panorama” hat am Donnerstag vergangener Woche einen Filmbeitrag über einen Oberstleutnant der Bundeswehr gesendet, den die Redaktion der Sympathie mit Rechtsradikalen verdächtigt. Der Soldat ist in der Pressestelle der Bundeswehr als Referent beschäftigt, bis zu dem Fernsehbeitrag dürfte ihn außer seinen Kameraden kaum jemand gekannt haben. Das hat sich schlagartig geändert. Seit diesem Donnerstag ist Oberstleutnant Marcel Bohnert der Beweis, dass rechte Gesinnung in der Bundeswehr allen Ankündigungen zum Trotz seinen Platz hat, wie es die Redaktionsleiterin Anja Reschke in ihrer Anmoderation ausführte.

Die Beweislage sieht so aus: Als Beleg für die Vernetzung des Soldaten ins rechtsradikale Milieu präsentierte das Magazin zwei Likes, die die Redaktion nach einer „Instagram- Recherche” zutage gefördert hatte. In einem Fall hatte Oberstleutnant Bohnert ein Foto von Büchern des rechten Antaios-Verlags mit „gefällt mir” markiert. Bei dem zweiten Like handelte es sich um ein Herzchen unter dem Urlaubsfoto eines Wasserfalls, das unter anderem mit dem Hashtag „Defend Europe” versehen war, ein Motto, das auch bei der extremen Rechten beliebt ist.

Beide Fotos stammten vom Profil eines Instagram-Nutzers, der sich selbst als „identitär” bezeichnete. Es gab weder Stimmen aus dem Umfeld des Soldaten, die den Verdacht einer zweifelhaften Gesinnung bestätigten, noch eigene Texte oder Äußerungen. Dass das Verteidigungsministerium den Referenten auf Anfrage umgehend seines Postens enthob, wurde mit Genugtuung quittiert: „Immerhin. Aber warum erst jetzt?” lautete das Fazit des Beitrags.

Wenn „Panorama” sendet, schauen viele Menschen zu. So konnte es nicht ausbleiben, dass sich auch andere auf die Suche nach den Social-Media-Aktivitäten von Leutnant Bohnert machten. Wie sich herausstellte, hatte der Soldat vieles gelikt, zum Beispiel einen Tweet für Black Lives Matter; eine Fotomontage, mit der zur Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin aufgerufen wurde. Es fand sich sogar ein Like für den ZDF-Moderator Jan Böhmermann. Hätte die „Panorama”-Redaktion mehr als eine „Insta gram- Recherche” betrieben, wäre sie möglicherweise auch auf den Verein Deutscher Soldat gestoßen, eine Vereinigung von Bundeswehrangehörigen mit Migrationshintergrund, die sich umgehend mit dem von ihnen geschätzten Kameraden solidarisierten.

Schlimmer als ein denunziatorischer Beitrag ist für den Betroffenen ein denunziatorischer Beitrag, für den der Sender unter Rechtfertigungsdruck gerät. Undenkbar, dass man einen Fehler eingesteht oder die Recherche im Nachhinein korrigiert. Stattdessen werden die Anstrengungen verdoppelt. Erst wenn das Ansehen des Opfers vollständig ruiniert und ausgelöscht ist, gibt man sich zufrieden.

Jetzt hat man noch einen Vortrag bei einer Burschenschaft in München gefunden und eine Rede vor dem rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim. Die Redaktion zitiert dazu die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl mit der Einschätzung, dass es sich bei Weikersheim um ein „Zentrum der neuen Rechten” handele. Auch hier hätte eine weitergehende Recherche geholfen. In Weikersheim sind, außer Marcel Bohnert, bereits Gerhard Schröder, Joachim Gauck, Gesine Schwan und Wolfgang Schäuble aufgetreten.

Der Journalist Claus Richter hat vor ein paar Wochen im „Cicero” an die journalistischen Standards erinnert, die Briten und Amerikaner nach dem Krieg als Grundlage eines fairen, unparteilichen Journalismus etablierten: Unvoreingenommenheit, die genaue Prüfung der Fakten, die Pflicht, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, Meinungspluralismus. Richter hat 13 Jahre das ZDF-Politmagazin „Frontal21” geleitet; bis heute steht er der Jury des prestigeträchtigen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises vor. Seine Generation sei keineswegs Gegner eines engagierten Journalismus gewesen, schreibt er, „aber wer mit seiner Arbeit kritisches Nachdenken fördern wollte, sollte sich vor allem an die wenden, die nicht schon zu 100 Prozent die Meinung der Autoren teilten”.

Wir haben es mit einer neuen Form des Politjournalismus zu tun. Dieser Journalismus will nicht mehr aufklären, er will recht behalten. An die Stelle der Neugier ist das Urteil getreten, an die Stelle der Frage die Verdächtigung. Abkehr vom „Neutralitätswahn” heißt das heute. Warum nicht? Es gibt kein Gesetz, dass einen als Journalist zur Fairness verpflichtet. Die Frage ist nur, ob sich diese Haltung mit dem Auftrag einer Institution verträgt, die sich aus Gebühren finanziert, auch von denen, die sie ablehnen. Im Staatsvertrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist ausdrücklich festgeschrieben, dass die Redakteure unparteilich und ausgewogen zu berichten haben.

Wenn schon ein falscher Like eine Existenz vernichten kann, dann ist niemand mehr sicher, das wird oft übersehen. Die Extremismus- Expertin Natascha Strobl, die bei Magazinen wie „Panorama” hoch im Kurs steht, ist in der Vergangenheit bei einer Reihe linksradikaler Organisationen aufgetreten, die, anders als das Studienzentrum Weikersheim, regelmäßig im Verfassungsschutzbericht stehen. Nach den Kriterien der „Panorama”-Redaktion müsste man also im Fall von Frau Strobl von einer linksradikalen Vernetzung sprechen. Einige findige Menschen haben auch Likes der Autorin des „Panorama”-Beitrags, Caroline Walter, unter linksradikalen Seiten ausgegraben. Soll man jetzt wirklich behaupten dürfen, dass bei „Panorama” Leute arbeiten, die mit Linksradikalen sympathisieren?

Die Autorin hat sich in mehreren Tweets zu d en Vorwürfen geäußert, sie habe nicht umfassend genug recherchiert. Ich bin ein Fan von Twitter, weil es ein en viel direkteren Zugang zur Gedanken- und Gefühlswelt von Menschen ermöglicht als ein Pressetext. Ich weiß nicht, inwieweit die Mischung aus Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit, die sie dort an den Tag legt, typisch für di e Redaktion ist, der sie an gehört: In jedem Fall gewährt sie den Blick in eine Welt, in der es nur Feinde oder Gefolgsleute zu geben scheint.

Auf der Höhe der Relotius-Affäre hat sich Caroline Walter im Dezember 2018 auch über journalistische Integrität geäußert. „Es gibt zu viele Journalisten, die nur in Scoops denken, an ihre Karriere”, schrieb sie damals. „Es ist nicht cool, Journalist zu sein, es bedeutet, verdammt viel Verantwortung zu übernehmen!” Manche Aussagen entfalten im Nachhinein eine gewisse Komik, mitunter unfreiwillig.

 

Her mit den Vorurteilen!

Seit Wochen kann man lesen, dass wir ein Polizeiproblem haben. Polizisten gelten als zu schießwütig, zu rechts oder schlicht als nicht höflich genug. Wie wäre es, wir würden die Polizei einfach abschaffen?

Der Krimiautor Till Raether hat sich Gedanken gemacht, wie sich das Ansehen der Polizei verschlechtern ließe. Die Deutschen hätten ein zu positives Bild von den Ermittlerinnen und Ermittlern, schrieb er in einem Beitrag für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Das verstelle den Blick auf die dunklen Seiten der Polizeiarbeit. Raether führt das gute Image auf den übermäßigen Konsum von Krimiserien zurück. Ohne dass es ihnen bewusst sei, würden die Zuschauer beim Fernsehen den Blickwinkel der Polizei einnehmen. Sie würden lernen zu denken, zu schauen und vor allem so zu fühlen wie Polizisten. Kein Wunder also, so seine Schlussfolgerung, dass sie am Ende völlig unkritisch sind, trotz aller Diskussionen über Polizeigewalt und Rassismus.

Es nützt auch nichts, dass man die Polizisten als Bad Cops darstellt, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. „Die Polizei ist der Lebenswirklichkeit des Publikums näher, als Mörder und Drogendealer es sind“, schreibt Raether. Er sieht das offenbar als Problem. Ich würde sagen: Lasst uns dem Herrgott dafür danken, dass sich der normale Deutsche eher mit dem Ordnungshüter als mit dem Gesetzesbrecher identifiziert. Wäre es nicht so, sähe es auf unseren Straßen ganz anders aus. Aber ich habe in meinem Leben vermutlich einfach zu viele Serien geschaut.

Seit Wochen kann man l esen, dass wir ein Polizeiproblem haben. Entweder sind Polizisten zu schießwütig oder zu rechts oder einfach nicht höflich genug, in jedem Fall aber im Prinzip ungeeignet für den Dienst. Natürlich sind sie auch tief von Vorurteilen gegen Minderheiten durchdrungen, wovon sie aber nichts wissen wollen, was zeigt, dass sie nicht nur rassistisch sind, sondern auch noch uneinsichtig. Kurz: Man kann ihnen nicht über den Weg trauen, weshalb darüber nachgesonnen wird, wie man die Polizei grundlegend reformiert.

Wenn ich Polizisten im Einsatz sehe, bin ich jedes Mal erstaunt, wie ruhig und beherrscht sie auch in schwierigen Situationen bleiben. Ich hätte nicht die Geduld, einer kreischenden Autofahrerin fünfmal in für sie verständlichen Worten zu erklären, warum das Einbahnstraßenschild für alle gilt. Ich höre schon den aufgeregten Einwand, ich hätte als privilegierter weißer Mann leicht reden. Aber auch die Statistik gibt nicht her, dass die Zahl der Rassisten oder Rechtsradikalen in der Polizei deutlich höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Unter den 49 000 Bundespolizisten gab es seit 2012 nur 25 Verdachtsfälle mit rassistischem Hintergrund, wie ich der „FAZ“ entnommen habe.

Was verdient ein Polizist? In Bayern 2310 Euro netto als einfacher Streifenbeamter, 3770 als Polizeihauptkommissar nach 15 Jahren im Dienst. Dafür wird von ihm erwartet, dass er sich mutig der Gefahr in d en Weg stellt. Selbstverständlich soll er sofort zur Stelle sein, wenn ein Notfall besteht, wozu schon ein zugeparktes Auto zählt. Bei jedem Ärgernis drückt der Bürger mittlerweile die Notruftaste: Wenn der Nachbar zu laut grillt oder sich ein paar Betrunkene nicht über den Weg nach Hause einigen können.

Ob sich von den Kritikern mal jemand gefragt hat, wie es in einem jungen Polizeibeamten aussieht, wenn ständig über ihn und seine Berufsgruppe hergezogen wird? Jede gesellschaftliche Minderheit liegt uns am Herzen, bei jeder gruppenbezogenen Beleidigung bemühen wir den Diskriminierungsbeauftragten. Nur die Polizei darf ohne wirklichen Widerspruch als „Dumpfbackenhaufen“ und „ressentimentgesteuertes, bewaffnetes Sicherheitsrisiko“ geschmäht werden.

Wenn Sie jetzt denken, echt nicht schön, was so in den linken Krawallblättern steht: Nein, die Zitate stammen von der Onlineseite der „Zeit“, dem Blatt des linksliberalen Bürgertums. Das hessische Innenministerium hat im Februar eine Umfrage unter Beamten veröffentlicht, was sie besonders belaste. Fast die Hälfte antwortete: Wenn wir unseren Dienst tun und dann als Rassisten oder Nazis beschimpft werden.

Die meisten Menschen vertrauen der Polizei, das ist die gute Nachricht. Sie haben auch nicht den Eindruck, dass hier vor allem Nazis beschäftigt seien. Aber leider hört man sie nicht. Die schweigende Mehrheit hat den Nachteil, dass sie eben das ist: schweigend. Stattdessen hört man die SPD-Vorsitzende Saskia Esken, die so laut über „latenten Rassismus“ lamentiert, dass ihr die eigenen Innenminister in die Parade fahren müssen. Oder man erfährt von irgendwelchen aufgescheuchten Hühnern in den Onlineredaktionen, wie viel Angst man vor Menschen in Uniform haben müsse.

Die Linke hatte immer schon ein Problem mit der Ordnungsmacht. Früher redete man von „Bullen“, heute eben von „Rassisten“. Was eigenartig ist, wenn man darüber nachdenkt, da links der Mitte das Staatsvertrauen ansonsten grenzenlos ist. Alles, was man selber erledigen könnte, würden Linke am liebsten in staatliche Hände legen. Aber ausgerechnet das, was man nicht privat organisieren kann, nämlich die Garantie von Sicherheit und Ordnung, kommt angeblich auch mit sehr viel weniger Personal aus.

Einige Träumer gehen so weit, sich eine Welt ohne Polizei vorzustellen. „Defund the Police“ lautet einer der Schlachtrufe der Antirassismusbewegung, die auch in Deutschland eine beachtliche Anhängerschaft gefunden hat. Noch ist das eine Minderheitenmeinung, aber die Grundannahme, dass weniger Polizisten besser seien als mehr, die wird über die Aktivistenszene hinaus geteilt – jedenfalls bis zu dem Moment, wo „Defund the Police“ das eigene Stadtviertel erreicht.

Es heißt jetzt, man wolle den Rassismus in der Polizei ja nur wissenschaftlich untersuchen. Das sei im Zweifel im Sinne der Beamten, da so auch der Beweis erbracht werden könnte, dass kein verfestigter Rassismus existiere. Ich möchte mal die Mitarbeiter bei Siemens hören, wenn das Wirtschaftsministerium eine Studie in Auftrag gäbe, wie verbreitet unter Siemens Mitarbeitern die Korruption ist. Oder wenn der Presserat eine Untersuchung bei der „taz“ anregen würde, wie viele „taz“ Redakteure heimlich mit Terroristen sympathisieren. Die Beleidigung liegt in der Fragestellung. Wer das nicht sehen will, ist dumm oder er stellt sich so.

Bei den Krawallen in Frankfurt und Stuttgart kam vor allem eines zum Vorschein: die totale Respektlosigkeit gegenüber den Ordnungskräften. Wer Bierflaschen auf Polizeibeamte schleudert, handelt im festen Gefühl, ihm könne nichts passieren. Man kann es den jungen Leuten noch nicht mal verdenken: Es passiert ihnen ja auch nichts. Von den 39 Festgenommenen in Frankfurt waren schon 31 anderntags wieder auf freiem Fuß, die verbliebenen acht dann am Montag. Es ließe sich nicht nachweisen, dass die Bierflaschen auch tatsächlich einen Polizeibeamten getroffen hätten, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Ich nehme es sofort wieder zurück, aber wenn ich die Bilder aus Frankfurt sehe, denke ich im Stillen: Vielleicht haben wir es mit der Deeskalation übertrieben. Wenn mich als Polizist ein gewalttätiger Mob attackieren würde, könnte ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass ich nicht die Waffe zöge, um die Randalebrüder in Schach zu halten. Zum Glück lassen sie mich nicht in die Nähe einer Waffe.

Wir können das immer weiter treiben. Wir können es zulassen, dass über die Leute, von denen wir erwarten, dass sie für uns den Kopf hinhalten, schlecht geredet wird. Wir können den Bundesinnenminister dafür schelten, dass er sich vor seine Beamten stellt und es ablehnt, eine Untersuchung auf den Weg zu bringen, deren Fragestellung ehrenrührig ist. Aber dann dürfen wir uns nicht wundern, dass wir in Zukunft mehr Polizisten brauchen und weniger haben werden, wie der Journalist Andreas Hallaschka letzte Woche zu Recht schrieb.

Der Krimiautor Till Raether hat sich übrigens vorgenommen, in seinen Krimis mehr von der „Lebensrealität der Marginalisierten“ zu erzählen. Vielleicht ist das die Lösung: Die Krimiserien lehren uns, stärker wie Drogenhändler und Mörder zu denken, schauen und fühlen.

Empathieverbot

Darf man sich als Schauspieler oder Schriftsteller in andere Menschen hineinversetzen? Die neue Theorie sagt: nein, wenn es sich um Angehörige von Randgruppen oder fernen Kulturen handelt, auf keinen Fall. Das wäre das Ende der Kunst

Die Schauspielerin Halle Berry musste sich entschuldigen. Sie hatte in einem Interview angekündigt, dass sie demnächst eine Frau spielen werde, die sich in einen Mann verwandelt. Große Aufregung in der Transgender- Community. Halle Berry könne die Erfahrungen eines Transsexuellen gar nicht nachvollziehen, lautete der Vorwurf. Außerdem würde sie einem echten Transgender-Schauspieler die Rolle stehlen.

Es täte ihr furchtbar leid, erklärte Frau Berry daraufhin. Sie hätte als eine „Cisgender-Frau“ niemals die Rolle in Betracht ziehen dürfen, das sei ihr jetzt klar geworden. „Die Transgender-Gemeinschaft sollte unangefochten die Chance haben, selbst ihre Geschichten zu erzählen.“ Für Uneingeweihte: „Cisgender-Frau“ ist der Begriff für Frauen, die glauben, dass sie Frauen sind und nichts anderes.

Frau Berry hätte gewarnt sein können. Das Gleiche ist vor zwei Jahren schon Scarlett Johansson passiert. In dem Fall ging es um die Rolle einer Frau, die als Mafiosi lebt und Massagesalons als Tarnung für Bordelle nutzt. „Rub & Tug“ hieß das Projekt, es beruhte auf der Lebensgeschichte des Zuhälters Dante „Tex“ Gill. Mit dem Geld aus der Prostitution bezahlte er später seine Geschlechtsumwandlung. Ein Stoff wie gemacht fürs Kino.

Scarlett Johansson hat in ihrem Leben schon alles Mögliche gespielt: eine einfältige Journalistin, die Schwester der englischen Königin Anne Boleyn, ein Computerprogramm, eine Außerirdische, eine Superheldin. Aber Scarlett Johansson als eine Frau, die eigentlich ein Mann ist? Undenkbar. Die Schauspielerin gab aufgrund der Proteste umgehend ihre Rolle zurück. Unnötig zu sagen, dass man nie wieder etwas von dem Film gehört hat, weil die Finanzierung nach ihrem Rückzug auseinanderfiel.

So wie vermutlich auch aus dem Projekt mit Halle Berry nichts werden wird. Aber immer noch besser kein Film über eine Frau, die als Mann lebt, als eine mit den falschen Stars.

Vermutlich gingen Sie bislang davon aus, dass es die Aufgabe eines Schauspielers sei, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Wer will es Ihnen verdenken? Es gibt in Hollywood Tausende von Experten, die mit künstlichen Haaren, Maske und Kostüm Schauspielern dabei helfen, möglichst glaubwürdig jemand zu verkörpern, der sie nicht sind: alte Menschen, junge Menschen, Dicke, Dünne, Zombies, Aliens. Einmal im Jahr wird sogar ein Preis dafür vergeben, wem es am besten gelang, in eine fremde Haut zu schlüpfen. Der Preis heißt Oscar.

Sorry, aber das ist die Welt von gestern. Wenn meine Freundin Maskenbildnerin wäre, würde ich ihr raten, sich schleunigst nach einem neuen Job umzusehen. Demnächst spielen nur noch Frauen Frauen, nur noch Alte Alte, und Dicke werden nur noch von Dicken dargestellt. Gut, Außerirdische und Zombies bleiben als Rolle, die haben noch keine Community, die ihre Interessen vertritt. Aber die Marktlücke ist halt sehr klein.

Das Konzept, das Halle Berry und Scarlett Johansson zum Verhängnis wurde, heißt „Cultural Appropriation“ oder zu Deutsch: „kulturelle Aneignung“. Es kommt wie alles, was derzeit als neu und fortschrittlich gilt, von den amerikanischen Hochschulen und besagt in Kürze, dass man Mitglieder von Minderheiten entrechtet, wenn man so tut, als wäre man sie. Der Begriff der Entrechtung ist dabei sehr weit gefasst. Um sich der kulturellen Aneignung schuldig zu machen, reicht es schon, dass man einen Tanz imitiert, der einem gefällt, oder sich so kleidet wie jemand aus einer anderen sozialen Gruppe oder bestimmte Worte benutzt, die in einer bestimmten Szene oder Subkultur gerade angesagt sind.

Ich würde Sie nicht behelligen, wenn die ersten Ausläufer dieser Theorie nicht bereits Deutschland erreicht hätten. Vergangenes Jahr ging ein Hamburger Kindergarten durch die Zeitungen, weil die Erzieher den Eltern empfohlen hatten, auf Indianerkostüme zu verzichten. Stattdessen sollten die Kinder weiße T-Shirts mitbringen, die sie dann bunt bemalten.

Nach meiner Erfahrung wird es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Broschüren der Amadeu Antonio Stiftung aus Berlin über die richtige Kostümierung zu Fasching erscheinen. Keine Kindergärtnerin will in Verdacht geraten, die Gefühle anderer Menschen zu verletzen, schon gar nicht die von toten Indianern. Auch für Hexen, Piraten und arabische Prinzen sehe ich, was die Zukunft angeht, schwarz.

Am besten spielt man nur sich, das ist ungefährlich. Und schreibt auch nur noch über sich selbst. Vor ein paar Monaten ist in den USA ein Roman mit dem Titel „American Dirt“ erschienen, in dem die Autorin das Schicksal mexikanischer Migranten schildert. Das Interesse war schon vor Erscheinen riesengroß. Die Verlage überboten sich gegenseitig bei den Abdruckrechten, die Schauspielerin Salma Hayek posierte mit dem Buchcover auf Instagram.

Dann meldeten sich hispanische Autoren zu Wort und fragten, wie es denn sein könne, dass eine weiße Frau aus der Mittelschicht das Elend migrantischer Arbeiter beschreibe. Salma Hayek erklärte, sie habe das Buch gar nicht richtig gelesen, was man ihr sofort abnahm. Auch an Frau Hayek geht das Alter nicht spurlos vorbei. Sie sieht fantastisch aus für ihre 53 Jahre, aber in dem Alter ist Lesen für eine Schauspielerin nicht mehr ungefährlich. Diese endlosen Reihen winziger Buchstaben: Da kneift man schnell mal die Augen zusammen, was sich fatal auf die Faltenbildung auswirkt.

„American Dirt“ gilt jedenfalls als Sündenfall. Ich bin gespannt, wann wir anfangen, rückwärts zu denken. „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert: ein Mann, der sich in eine von ihrem Gatten gelangweilte Arztgattin in der französischen Provinz hineinversetzt? Oder „Oliver Twist“ von Charles Dickens: ein Mann, der die Sicht eines armes Waisenkinds in London einnimmt? Oder „Die Blechtrommel“ von Günter Grass: ein Mann, der die Welt aus der Perspektive eines wachstumsgestörten Kindes beschreibt? Machen Sie schon mal Platz im Bücherregal, wäre mein Tipp.

Cultural Appropriation hat auch seine komischen Seiten. Als eifriger Twitter-Leser stieß ich vor zwei Wochen auf die Frage einer jungen Frau, wie es sich denn mit Rastazöpfen verhalte. Sie frage sich, ob sie zu „weiß“ dafür sei, obwohl ein Elternteil von ihr aus Afrika stamme. Die Antwort fiel nuanciert aus. Wenn ihr Vater Schwarzafrikaner sei, gehe das mit den Rastazöpfen in Ordnung. Sei sie hingegen eine weiße Afrikanerin, wäre das wirklich problematisch. „Bist du schwarz oder of color? Haben deine Eltern und Großeltern historisch diese Frisuren getragen?“, das sei die entscheidende Frage. Twitter hat einen schlechten Ruf, aber wie man sieht, ist auch praktische Lebenshilfe möglich.

Ich fürchte, es kommen harte Zeiten auf die Tattooszene zu. Viele Motive sind anderen Kulturen entlehnt, angefangen bei den Tribalmustern ferner Südseestämme. Auch die bei der Jugend beliebten Ohrtunnel stammen, soweit ich das beurteilen kann, nicht aus dem germanischen Kulturraum. Die Regermanisierung beim Körperschmuck hielte ich für eine begrüßenswerte Entwicklung. Mich hat es immer schon irritiert, wenn der Kellner in seinen Ohrläppchen Löcher hat, durch die man ein Matchbox-Auto fahren könnte.

Die Pointe des Denkens in kulturellen Sonderzonen ist, dass es zum Verwechseln dem bei den radikalen Rechten ähnelt. Wenn es etwas gibt, was Rechte nicht ausstehen können, dann die Idee des Universalismus, diese erstaunliche Gabe, sich in fremde Menschen hineinversetzen zu können, in ihr Glück, ihr Unglück, auch das Unrecht, das ihnen möglicherweise widerfährt. In der identitären Vorstellung sind die Kulturen streng getrennt und sollten das auch bleiben. Empathie ist in dieser Welt kein Wert, sondern ein Schimpfwort.

Irgendein Witzbold hat dem Tweet der Frau mit den Rastazöpfen ein Bild von Martin Sellner, einem der Anführer der identitären Bewegung von rechts, gegenübergestellt. Überschrift: „Ethnopluralisten unter sich“. Die Zahl der Likes hielt sich hier in Grenzen.

Das Phänomen der relativen Größe

Glaubt man einer neuen, nachrückenden Generation von Journalisten, dann denkt die Jugend von heute queer, grün und gendergerecht. Wie sich zeigt, ist das ein großer Irrtum – mit ernsten Folgen für Politik und Medien

Ein Freund rief an, um mich auf einen Text bei „Bento“ aufmerksam zu machen. Für alle Leser, die nicht auf Anhieb wissen, wovon die Rede ist: „Bento“ ist die junge, digitale Ausgabe des „Spiegel“. Eine Art Online-„Bravo“ für die Generation Y. Oder sind wir inzwischen bei der Generation Z angelangt? Ich glaube, ich habe bei der Generationenbenennung den Überblick verloren. Egal, in jedem Fall richtet sich der „Spiegel“ mit „Bento“ an die politisch bewusste Jugend, von der es heißt, dass wir mehr auf sie hören sollten.

Der Freund ist verheiratet und hat drei Kinder im Schulalter. Er ist also eindeutig über das „Bento“-Alter hinaus. Aber ich habe den Eindruck, er liest alles, was dort steht. Es ist wie eine Sucht. Manche Menschen begeistern sich für Zierfische. Andere wollen so viel wie möglich über das geheime Leben der Bäume wissen. Sein Hobby sind die Zwangsideen der sogenannten Millennials.

Ich kann ihn in gewisser Weise verstehen. Wenn es „Bento“ nicht gäbe, müsste man es erfinden. Wo sonst bekommt man einen so tiefen Einblick in die Lebens- und Vorstellungswelt junger, politisch nachhaltig sozialisierter Menschen? Ich finde schon den Titel genial. Klingt wie eine dieser Sushi-Boxen, die sie am Flughafen anbieten. Total gesund und trotzdem hip.

Eine typische Woche auf „Bento“ geht so: Am Montag berichtet eine Autorin über die Angst, auf die Straße zu gehen, weil sie am Tag zuvor beim Coffee-Shop den Kaffee aus Nachlässigkeit in einen Pappbecher hat füllen lassen, statt wie sonst in einen ihrer eigenen Mehrweg-Coffee-togo- Cups, von denen sie im Übrigen drei besitzt, wie sie die Leser wissen lässt, damit ihr genau ein solches Missgeschick nicht passiert. Jetzt fürchtet sie, dass eine riesige Empörungswelle über ihr zusammenschlägt, weil jemand sie mit dem Pappbecher gesehen hat, was wiederum auf „Bento“ zu 200 Zeilen über „Meine Angst vor dem Shitstorm“ führt.

Tags darauf geht ein Redakteur der Frage nach, was es über ihn aussagt, wenn er noch nie eine schwarze Freundin hatte (oder war das die „Zeit“?). Dann macht sich eine Redakteurin Vorwürfe, dass sie auf Partys manchmal einfach ein Glas Wein trinkt, statt die Umstehenden mit Fragen zu löchern, warum sie nicht die Hälfte ihres Gehalts zur Linderung des Elends in Afrika spenden. Der Artikel endet mit dem Versprechen, sich keine Pause mehr zu gönnen, auch nicht auf Partys. Nie wieder Wein statt Armutstalk, nie wieder belangloses Geplänkel: „Ich weiß, dass ich damit aufhören muss. Weil es das absolut Mindeste ist, was ich tun kann.“

Was das politische Bewusstsein angeht, ist der „Bento“- Redakteur kaum zu toppen. In der Hinsicht macht ihm so schnell keiner was vor. Leider korrespondiert die Bewusstseinsstufe nicht mit der ökonomischen Anerkennung. Vor ein paar Wochen hat der „Spiegel“ verkündet, die Seite einstellen zu wollen, wegen Erfolglosigkeit. Im Herbst ist Schluss, dann müssen sich die Redakteure nach einem neuen Job umsehen.

Auch ein paar Straßen weiter, am Hamburger Speersort bei der erfolgsverwöhnten „Zeit“, hat man sich entschlossen, den Jugendableger stillzulegen. „Ze.tt“ heißt das Angebot dort. Es ist im Prinzip das Gleiche wie „Bento“, nur noch ökobewusster und veganer. Auch hier heißt es, dass man für das hoffnungsvoll gestartete Programm leider keine wirtschaftliche Perspektive sehe.

Die Einstellungsankündigungen wurden in den Branchendiensten vermerkt, aber darüber hinaus haben sie kaum Beachtung gefunden. Ich halte das für einen Fehler. Ich glaube, dass sich aus dem Ende für die politisch korrekten Jugendmagazine etwas Grundsätzliches ableiten lässt. Das Aus für „Bento“ und „Ze.tt“ ist aus meiner Sicht nicht nur eine Niederlage für eine bestimmte Form des journalistischen Aktivismus: Es lässt ganz prinzipiell Rückschlüsse zu auf die Attraktivität von politischen Angeboten, denen angeblich die Zukunft gehört.

Wenn man die Grüne Jugend ein Magazin erstellen ließe, sähe es ziemlich genau so aus wie die von „Spiegel“ und „Zeit“ ersonnenen Millennial-Ausgaben. In anderen Redaktionen heißen die Ressorts „Wirtschaft“, „Politik“ oder „Leben“. Hier nennen sie sich „Gerechtigkeit“, „Inklusion“ und „Gefühl“. „Was willst du später mal werden, wenn du mit dem Studium fertig bist?“ „Ressortleiter Gefühl.“ Wenn das kein Lebenstraum ist! Natürlich wird auch gegendert, bis es kracht, und jeder Minderheit gehuldigt, sei sie noch so klein.

Von außen betrachtet mag das eine oder andere etwas überspannt wirken. Aber man sollte sich nicht täuschen: Was bei den Jugendausgaben in exaltierter Form hervortritt, ist für eine ganze Generation von Journalisten inzwischen Leitlinie. Die 30- bis 35-Jährigen, die jetzt in die Redaktionen drängen, beherrschen all e das Vokabular d es akademischen Milieus, dem sie entstammen, eine Mischung aus Politsoziologendeutsch und Befindlichkeitssprache, die stets ein wenig geschwollen klingt, aber eben auch sehr bedeutend und vor allem wahnsinnig einfühlsam.

Auf der Suche nach einer Erklärung für das Scheitern heißt es jetzt, die Corona-Krise habe die ökonomischen Aussichten verdüstert. Aber das ist Unsinn. Corona ist nur der Anlass, die Einstellung zu verkünden. In Wahrheit haben die Jugendplattformen nie die Quoten gehabt, die es brauchte, um einigermaßen kostendeckend zu arbeiten. „Bento“ und „Ze.tt“ lebten von der Behauptung, eine Generation zu vertreten, die queer, grün und gendergerecht denkt. Wie sich zeigt, ist diese Generation nicht viel größer als der Studiengang, dem seine Protagonisten entstammen.

Das Internet kann brutal sein. Solange man keine verlässlichen Zahlen hat, darf jeder an seine eigene Wahrheit und auch Wichtigkeit glauben. Ich habe noch nie einen Leitartikel- Schreiber getroffen, der nicht selbstverständlich davon ausging, dass der geneigte Leser als Erstes den Blick auf seinen donnernden Kommentar richten würde, wie die Kanzlerin den Konflikt im Südchinesischen Meer lösen müsse. In der Online-Welt weiß man bis auf den letzten Klick, wie viele Leser wirklich interessiert, was die Kanzlerin jetzt im Südchinesischen Meer tun sollte.

Die Desillusionierung durch die Zahlen ist altersunabhängig. Sie trifft die junge migrantisch bewegte Feministin, die denkt, dass die ganze Welt Anteil an ihrem Schicksal nimmt, ebenso wie den von ihr verachteten alten weißen Mann. Man kann sich auch nicht mehr damit herausreden, dass einen das Old-Boys-Netzwerk davon abgehalten hätte, groß herauszukommen. Alles, was es heute braucht, um berühmt zu werden, ist ein Podigee-Abo oder ein WordPress-Account.

Dass man aus dem Stand heraus zum Netzphänomen werden kann, hat gerade die Stand-up-Komödiantin Sarah Cooper mit ihren Trump-Imitationen bewiesen. Jedes ihrer über TikTok verbreiteten Videos erreicht ein paar Millionen Menschen. Wenn das Genderprogramm eine solche Granate wäre, wie immer behauptet, dann müssten die Zahlen auch hier durch die Decke gehen. In Wahrheit schaffen es die Betreiber netzfeministischer Blogs kaum, ihre Serverkosten zu decken. Es braucht eben etwas mehr als Gesinnung, um sich durchzusetzen. Witz und Sprachtalent wären, zum Beispiel, ganz hilfreich.

Das Phänomen der relativen Größe lässt sich auch im politischen Raum beobachten. Nur weil ein Thema auf dem Strategiekongress der Jusos ein Riesenhit ist, heißt nicht, dass es auch die Wähler begeistert. Oft verhält es sich sogar genau umgekehrt. Wie viele Leute mögen vergangene Woche beim Großskandal um Sigmar Gabriel mitgefiebert haben? Oder davor bei der medialen Riesenaufregung um Philipp Amthor? Ich kenne das aus Redaktionskonferenzen, wo sich Leute die Köpfe über ein Thema heißreden, das außerhalb des Konferenzraums nur mäßig interessiert. Wurde lange genug gestritten, fällt unweigerlich der Satz, dass die Diskussion zeige, wie wichtig das Thema sei.

Man nennt das einen Zirkelschluss. Er kann bei Leuten, die auf das Interesse des Publikums angewiesen sind, kreuzgefährlich sein.

Die neue Rassenlehre

Seit 1945 galt der Abstammungsnachweis in Deutschland als geschichtlicher Irrweg. Mit der Anti-Rassismus-Bewegung ist er zurück

Vor zwei Jahren kam man im Stadtrat für Berlin-Wedding auf die Idee, eine Straße nach einer Königin aus dem 17. Jahrhundert zu benennen. Ana Nzinga, so ihr Name, hatte über Ndongo und Matamba geherrscht, das heutige Angola. Sie hatte erfolgreich die Portugiesen in Schach gehalten, dann die Holländer. Eine starke, schwarze Frau, die sich zu dem mutig den Kolonialisten in den Weg gestellt hatte? Das Straßenschild war praktisch schon angeschraubt.

Dann tauchten Fragen auf. Dass Nzinga offenbar eine herrschsüchtige, paranoide Persönlichkeit gewesen war, die ihren eigenen Bruder hatte vergiften lassen, um auf den Thron zu gelangen: Das ließ sich noch verschmerzen. So sind halt Herrscher, befanden in diesem Fall selbst die Grünen. Ein größeres Problem war, dass die Königin Macht und Reichtum offenbar ihrer Beteiligung am Sklavenhandel verdankte.

Nzinga hatte im großen Stil Landsleute einfangen lassen, um sie bei den Holländern abzuliefern, die dann die Elenden auf ihren Plantagen sich zu Tode schuften ließen. 12 000 bis 13 000 Sklaven lieferte sie im Jahr an ihre Geschäftspartner, wie Abrechnungen zeigen. Ohne Mithilfe von Stammesfürsten wie Ana Nzinga wäre der europäische Sklavenhandel im 17. Jahrhundert nicht wirklich in Schwung gekommen. Die Europäer trauten sich selten ins Landesinnere, wo sie Fieber, feindliche Stämme und der Wahnsinn der Tropen erwarteten.

Auch die Geschichte des Sklavenhandels ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Geburtsstätte ist nicht Europa, sondern das alte Mesopotamien. Und es waren auch nicht Deutsche, Holländer oder Briten, die das System des gewerbsmäßigen Handels etablierten, sondern die Araber.

Fast zehn Jahrhunderte besaßen muslimische Sklavenhändler das Monopol in Afrika. 17 Millionen Menschen sollen sie in die Gefangenschaft geführt haben. Der Anthropologe Tidiane N’Diaye kommt in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord” zu dem Fazit, „dass der von den arabomuslimischen Räubern betriebene Sklavenhandel weitaus verheerender für Schwarzafrika war als der transatlantische”.

Geschichte holt uns immer wieder ein, auch die Geschichte des Kolonialismus. Wenn man den Wortführern der neueren Theorie glauben darf, ist dies die Ursünde, aus der alles Weitere folgt: das Elend Afrikas, der weiße Blick auf d en schwarzen Menschen, die Erniedrigung und Entrechtung großer Teile der Menschheit, die bis heute anhält. Die Deutschen mögen mit Verspätung zum Kreis der Kolonialmächte gestoßen sein, aber auch sie haben sich schuldig gemacht, weshalb das Thema bei uns ebenfalls an Fahrt gewinnt.

Was Rassismus sei beziehungsweise den Rassisten aus – mache, ist dabei einer radikalen Neudefinition unterworfen. Nach landläufiger Meinung ist ein Rassist jemand, der sich anderen aufgrund seiner Hautfarbe oder Herkunft überlegen fühlt. Es ist ein individueller Akt der Verblendung, dem man am besten mit Aufklärung und Erziehung beikommt. Die neue Theorie geht über diese Definition hinaus. Rassismus in seiner modernen Lesart ist keine psychologische oder ideologische Angelegenheit mehr, es ist ein theologisches Konzept, das man ohne die Zuhilfenahme religiöser Kategorien auch nicht wirklich verstehen kann.

Der weiße Mensch wird mit dem Makel des Rassismus geboren, an seiner Wiege steht die Ursünde des Kolonialismus. Niemand kann sich von dieser Schuld frei machen oder freisprechen. Es gibt kein Entrinnen. Wir sind Nachfahren der Sklavenhändler und daher Kinder des Sündenfalls. Wer wie der grüne Parteivorsitzende Robert Habeck dazu auffordert, den Rassismus aktiv zu verlernen, ist bestenfalls naiv. Wer seine Verstrickung leugnet, beweist nur, wie virulent der rassistische Gedanke in ihm ist.

Am Anfang der Besserung steht deshalb die Schuldanerkenntnis. Es ist ein bisschen wie im Bußgottesdienst: Der Weg zur Erlösung führt über die Beichte und die Bitte um Vergebung der Sünden. Wer hartnäckig darauf besteht, bei ihm sei nichts zu finden, riskiert Zurechtweisung – oder die Exkommunikation.

Vergangene Woche kündigte der Sportkonzern Adidas seiner Personalchefin Karen Parkin, der einzigen Frau im Vorstand. Parkin hatte vor einem Jahr auf einer Firmenveranstaltung gesagt, dass sie glaube, dass Rassismus bei Adidas kein großes Problem darstelle. Sie hatte sich weder abwertend über andere geäußert noch Anlass zur Vermutung gegeben, dass sie gegenüber Menschen dunkler Hautfarbe Vorurteile hege. Sie hatte unbedacht das Dogma infrage gestellt, dass eine von Weißen geführte Firma selbstverständlich ein Platz des Rassismus sein muss, wenn jeder weiße Mensch ein Rassist ist. In der Theologie des neuen Rassismus ist das ein Fehler, der entsprechend bestraft gehört.

Wenn die Hautfarbe darüber bestimmt, ob man Rassist ist, dann hängt der Grad der Schuld von der Schattierung ab. Der gängige Begriff für alle nichtweißen Menschen ist People of Color oder, in der Kurzform, PoC. Ich vermute, man entscheidet sich auch deshalb in Deutschland für die englische Variante, weil die Übersetzung „Personen von Farbe” etwas merkwürdig klingt.

People of Color scheint als Begriff eindeutig. Aber wer dazugehört und wer nicht, ist eine diffizile Angelegenheit. Schwarze sind dabei, das ist klar. Auch Inder oder Malaien. Manche Asiaten sind dunkelhäutiger, als es ein Sudanese je sein könnte.

Aber schon beim Nordafrikaner entstehen Abgrenzungsprobleme. Viele Marokkaner sind optisch kaum von einem Spanier oder Portugiesen zu unterscheiden. Und was ist mit den Türken? Niemand wird bestreiten können, dass türkisch stämmige Menschen aufgrund ihrer Herkunft Abwertung erfahren.

Trotzdem gibt es Vorbehalte, sie unter den People of Color zu summieren. Die schleswig-holsteinische Grünen-Politikerin Aminata Touré, Tochter malischer Eltern, wurde kürzlich gefragt, was sie von dem Satz halte, Deutschlands Schwarze seien die Türken. Gar nichts, sagte sie, die Schwarzen seien die Schwarzen. Was man so verstehen kann, dass bei aller Solidarität nicht vergessen werden sollte, wer aufgrund seiner Hautfarbe schlimmerer Diskriminierung ausgesetzt ist.

Denkt man die Dinge weiter, öffnet sich die Tür zu einer Ahnenforschung, wie man sie seit 1945 in Deutschland für überwunden hielt. Eine Bekannte von mir entdeckte im Alter von 42 Jahren, dass sie eine schwarze Großmutter hatte. Nach der Farbenlehre der neuen Rassismustheorie macht sie das zu einer Viertel-Schwarzen. Ist sie damit ein PoC, wie sie selbst glaubt, obwohl sie in ihrem Leben nie Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren hat?

Die Grünen haben jetzt die Einrichtung einer „vielfaltspolitische*n Sprecher*in” beschlossen, aber das kann selbstverständlich nur der Anfang sein. So wie es Frauenbeauftragte gibt, wird es bald Anti-Rassismus-Beauftrage geben, erst im Bund und dann in den Ländern. Man wird in den Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Fernsehräte installieren, die dafür Sorge tragen, dass im Fernsehen keine Klischees über schwarze Menschen verbreitetet werden.

Natürlich wird es auch einer neuen Gesetzgebung bedürfen, die neben offensichtlichen Formen des Rassismus Mikroaggressionen und andere weniger eindeutige Formen der Herabwürdigung unter Strafe stellt. Zum Schluss wird man zur Forderung einer Quote kommen, weil nur durch die Repräsentation in Wirtschaft und Politik das öffentliche Bild der People of Color geändert werden kann.

So wird auch diese Emanzipationsbewegung in dem Aufbau einer neuen Bürokratie enden. Wo der Einzelne nichts ausrichten kann, muss eine Struktur her, die an seiner Stelle die als notwendig erachteten Veränderungen in die Wege leitet. Nichts anderes meint die Rede vom strukturellen Rassismus.

Die Anti-Hate-Speech-Industrie

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine florierende Branche entwickelt, die Millionen an Staatsgeldern für den Kampf gegen Hasskommentare einnimmt. Dumm, wenn man da selbst als Hate-Speech-Produzent auffällt

Das gute Deutschland hat eine neue Heldin. Sie heißt Hengameh Yaghoobifarah und ist freie Mitarbeiterin der Berliner Tageszeitung „taz“. Am Wochenende sah es so aus, als ob ihre Karriere einen Knick erlitten hätte. Da war von ihr eine Kolumne erschienen, in der sie darüber nachsann, ob es nicht das Beste sei, Polizisten auf die Müllkippe zu „ihresgleichen“ zu schicken.

Das war selbst für „taz“-Verhältnisse ein ungewöhnlicher Vorschlag. Es ist noch nicht lange her, dass die Zeitung in einem Artikel erklärte, dass eine Gesellschaft am Ende sei, wenn Menschen zu Abfall erklärt würden. Entsprechend groß war die Aufregung in und außerhalb der Redaktion.

Aber dann kündigte Innenminister Horst Seehofer eine Klage wegen Beleidigung an. Seitdem ist die Welt wieder in Ordnung. Jetzt gilt die Causa Yaghoobifarah als Beweis, wie schnell auch in Deutschland die Pressefreiheit gefährdet sein kann. Der Deutsche Presserat schaltete sich ein. Auf change.org ging eine Solidaritätsadresse online, die binnen Stunden von 1000 Leuten unterschrieben wurde, darunter der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, die Seenotretterin Carola Rackete und überhaupt so ziemlich jeder, der in der linken Celebrity-Welt eine Rolle spielt.

Ich halte es für eine große Eselei, als Politiker eine Journalistin wegen einer Kolumne verklagen zu wollen, ich muss es leider so sagen. Die Klage hätte noch nicht mal Aussicht auf Erfolg gehabt. Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland weit gesteckt: Man darf bei uns auch sagen, dass Soldaten Mörder seien oder alle Politiker korrupt, ohne dass es rechtliche Konsequenzen hätte. Man dürfte sogar behaupten, dass Journalisten Fünf-Mark-Nutten sind. Die Beleidigung stammt von Joschka Fischer, was ihm komischerweise nie jemand wirklich übel genommen hat. Bei Grünen drückt man in deutschen Redaktionen beide Augen zu.

Ich habe seit Längerem den Eindruck, dass Seehofer den Überblick verloren hat. Berlin tut ihm nicht gut. Wie man hört, verlässt er sein Ministerium nur, wenn es nicht anders geht. Er isst und schläft dort. Neben seinem Schreibtisch steht ein Feldbett, damit er auch nachts nicht aus dem Haus muss. Man sieht ihm an, dass er nicht mehr der Alte ist. Seine Augen haben so einen merkwürdig gehetzten Ausdruck, wie bei jemandem, der Stimmen hört. Gibt es keine Fürsorgepflicht der Kanzlerin? Ich finde, sie sollte Seehofer sagen, dass er unter Leute muss, raus ins Leben. Zurück nach Bayern, das wäre das Richtige.

Aber dass seine Anzeige ein Anschlag auf die Pressefreiheit sei, wie man lesen konnte? Das halte ich dann doch für etwas übertrieben. In der Türkei oder Ägypten, klar, da würde ich mir als Kolumnist*in auch Sorgen machen, wenn mich der Innenminister verklagt. Aber in Deutschland? Alles, was einem hier droht, ist ein Schwung Talkshoweinladungen. Tatsächlich war die Strafankündigung des Ministers ein Gottesgeschenk für alle Yaghoobifarah-Fans. Man konnte den Seufzer der Erleichterung bis zu mir nach Pullach hören.

Es steht einiges auf dem Spiel. Der etwas unbedachte Polizei-Müll-Text bedroht nicht nur die Reputation der „taz“ als Bollwerk gegen Menschenfeindlichkeit, er gefährdet auch ein relativ erfolgreiches Geschäftsmodell. Alle reden von der hippen Start-up-Szene, aber was den Beschäftigungseffekt angeht, kann die junge Anti-Hate-Speech-Industrie durchaus mithalten.

Unbemerkt von der breiteren Öffentlichkeit hat sich eine florierende Branche entwickelt, die erstaunlich findig darin ist, Texte auf verfängliche Stellen zu flöhen, um diese dann in einer vielfältigen Broschüren- Produktion zu katalogisieren. Es gibt Hate-Speech-Seminare, woran man Hate-Speech erkennt, und Workshops, wie man sich gegen Hate-Speech zur Wehr setzen kann. Auf „Hate-Slams“ werden am Abend die schlimmsten Hasskommentare vorgetragen.

Da ist es natürlich misslich, wenn einer der eigenen Leute damit auffällt, wie er sich genau der Wortwahl bedient, die man an anderer Stelle als verwerflich anprangert. Der Anti-Hate-Speech-Aktivist als Hate-Speech- Produzent? Das ist so wie der Priester, der eine Stelle zur Überprüfung von Texten gegen Unzucht leitet und dann im Bordell beim Absingen besonders schmutziger Reime erwischt wird.

Einige Unterstützer haben es mit dem Hinweis versucht, Menschen mit Migrationshintergrund reagierten aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen bei bestimmten Themen nun einmal besonders emotional. Abgesehen davon, dass dieses Argument einen ziemlich rassistischen Beigeschmack hat („Ihr dürft das nicht so ernst nehmen, was Migranten schreiben, die schlagen nun mal leichter über die Stränge“): Es hat nicht wirklich verfangen. Beim Thema Müll versteht der Deutsche keinen Spaß.

Kein freier Journalist kann vom „taz“-Gehalt leben. Es müssen andere Einnahmequellen her. Die verlässlichste ist immer noch der Staat. Man mag auf das kapitalistische System schimpfen, aber wenn es darum geht, seine Segnungen in Anspruch zu nehmen, schwinden alle Vorbehalte. Oder wie es ein Aktivist auf einem Linkspartei-Kongress neulich in bemerkenswerter Offenheit sagte: Es geht darum, Staatsknete abzugreifen, deshalb sei man ja im Parlament.

Wer sich in der Szene einen Namen gemacht hat, darf darauf vertrauen, dass es immer einen Podiumsplatz gibt. Dann sitzt man bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Halle, um über nichtbinäre Geschlechtsidentität Auskunft zu geben, oder bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einem Vortrag zu queer-sozialistischen Perspektiven nach Corona. Oder die „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ buchen einen für einen Kurs zu Hassrede im Netz. So hangelt man sich von Auftritt zu Auftritt. Man wird dabei nicht reich, aber es langt für die 53 Quadratmeter in Kreuzberg-Friedrichshain.

Dass es immer die gleichen Leute auf den immer gleichen Veranstaltungen vor dem immer gleichen Publikum sind, stört niemanden. Im Gegenteil, das ist so gewünscht. Der langjährige Leiter der Böll-Stiftung, Ralf Fücks, hat mir einmal gestanden, dass er gerne mal jemanden eingeladen hätte, der anders ist. Aber jeder Vorschlag einer dissidentischen Stimme wurde schon eine Etage tiefer totgemacht. Das Stiftungs-Publikum ist wie der Abonnement-Stamm der Staatsoper: Der will auch keine Neutöner im Programm.

Finanziell ist die Anti-Hate-Speech-Branche ebenfalls ein Hidden Champion. Die Böll-Stiftung verfügt über einen Jahresetat von 63 Millionen Euro an Steuergeldern (Stand 2018). Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bekommt 64 Millionen von der Finanzkasse des Bundes überwiesen, die Ebert-Stiftung sogar über 170 Millionen. Damit kann man schon einige Leute in Lohn und Brot bringen.

Dazu kommen direkte Zuwendungen der Bundesregierung an die diversen Vereine. Die „Welt“ hat sich neulich die Mühe gemacht, bei den „Neuen Deutschen Medienmacher* innen“ anzufragen, wie es mit der öffentlichen Förderung aussehe. Der Verein war eher schmallippig, ein Gespräch sagte die Vereinsvorsitzende ab. Also wandte sich die Zeitung direkt an die staatlichen Stellen.

Die Zahlen geben einen Einblick, was zu holen ist, wenn man es einmal auf die richtigen Listen geschafft hat. Vom Bundeskanzleramt kommen dieses Jahr 1 012 152 Euro aufs Konto der Berliner Lobbyorganisation. Das Familienministerium ist für ein Projekt namens „Die Würde des Menschen ist unhassbar“ mit 191 896 Euro dabei. Die Bundeszentrale beteiligt sich mit 70 199 Euro, für sieben dreiminütige Videos zum Grundgesetz. Auch Horst Seehofer ist unter den Förderern, mit 89 882 Euro für ein Medientraining. Titel: „Wir sind Gesprächsthema!“

Es spricht, wenn man so will, für die Szene, dass sie sich ohne Wenn und Aber hinter die bedrängte „taz“- Kolumnistin gestellt hat. Solidarität ist ein schöner Zug, erst recht die unbedingte. Solidarität bedeutet allerdings, dass aus einem Einzelfall ein grundsätzliches Problem wird. Das gilt auch für den Vergleich von Polizisten mit Müll.

Lachen Sie noch, oder weinen Sie schon?

Was treibt die jungen Bilderstürmer an, die gegen Denkmäler, Filme und Straßennamen vorgehen? Sie würden sagen: der Rassismus. Eine Theorie hingegen sieht psychische Gründe. Je emotional instabiler ein Mensch, desto größer seine Neigung, sich aufzuregen

Das Problem am Witz ist, dass sich garantiert jemand findet, der sich auf den Schlips getreten fühlt. Oder sollte man besser sagen: auf den Rock? Empörung funktioniert immer, auch mit Verspätung. Selbst wenn der Witz Jahre zurückliegt, kann man sich noch retrograd aufregen.

Im September 1975 nahm die BBC eine Sitcom ins Programm, die in einem Hotel an der Südküste Englands spielte und für jeweils 30 Minuten den Verwicklungen rund um das Hotelbesitzerpaar Basil und Sybil Fawlty, seinen Angestellten sowie den oft exzentrischen Gästen folgte.

„Fawlty Towers“ war sofort ein Hit. Die von dem Monty-Python-Mitbegründer John Cleese und der Drehbuchautorin Connie Booth entwickelte Serie sammelte im Laufe der Jahre so ziemlich jeden Preis ein, den man im Fernsehen gewinnen kann. Sie steht auf der vom Britischen Filminstitut zusammengestellten Liste der 100 besten britischen TV-Programme. 2019 wurde die Serie von einer Jury von Comedy-Experten zur „größten britischen TV Sitcom aller Zeiten“ erklärt.

Ich habe auf die Schnelle nicht herausfinden können, wer in der Jury saß, wahrscheinlich lauter alte weiße Menschen wie John Cleese. So schnell wird es jedenfalls für „Fawlty Towers“ keine Preise mehr geben. Die Macher können froh sein, wenn ihnen die bereits verliehenen Auszeichnungen nicht wieder entzogen werden. Vor eini gen Tagen gab der zur BBC gehörende Streamingdienst UKTV bekannt, dass man eine der Folgen wegen „rassistischer Beleidigungen“ gesperrt habe. Man müsse die Folge einer „Revision“ unterziehen, um sie den heutigen Erwartungen der Zuschauer anzupassen, erklärte ein Sprecher.

In der von UKTV einkassierten Folge haben die Fawltys Gäste aus Deutschland, die laufend mit Anspielungen auf den Krieg gequält werden. Das an sich ist noch kein Grund, die Episode vorübergehend aus dem Verkehr zu nehmen. Die Deutschen sind vermutlich die einzige Nation auf der Welt, die für immer das Recht verloren hat, beleidigt zu sein. Dummerweise gibt es noch eine Nebenfigur, die durch abwertende Bemerkungen über das westindische Cricketteam auffällt. Dass der Mann eine Karikatur des britischen Rassisten ist, taugt nicht als Entschuldigung. Schon die Darstellung von Rassismus fällt heute unter Sendeverbot.

Es gibt im Englischen einen Begriff für die moderne Form des Bildersturms, dessen Zeugen wir werden: Man spricht von Cancel Culture. Alles, was nicht den moralischen Anforderungen genügt, muss den Augen und Ohren entzogen werden. Das können Filme sein. Oder Denkmäler. Oder Straßennamen. Wer glaubt, der Bildersturm gehe an Deutschland vorbei, hält die Grüne Jugend auch für eine Nachfolgeorganisation der Pfadfinder.

In München hat eine Historikerkommission eine Liste mit Namen vorgelegt, die sie als problematisch einordnet, darunter der Franz-Josef-Strauß-Ring. Strauß war einmal in Afrika und hat dort Antilopen gejagt. Außerdem soll er bei der Gelegenheit gesagt haben: „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten.“

Wenn Sie mich fragen, zeugt der Satz eher von einer antirassistischen Gesinnung. Manche Menschen ziehen sich ein schwarzes T-Shirt über, um gegen den Rassismus zu demonstrieren, Strauß hat eine ganze Partei geführt, die schwarz wie die Nacht war. Aber wahrscheinlich läuft das in seinem Fall unter rhetorischem „Blackfacing“. Und das gilt, wie wir wissen, als besonders verwerflich.

Was geht da vor sich? John Cleese hat eine Theorie. Je emotional instabiler ein Mensch sei, desto größer seine Neigung, sich aufzuregen. „Wenn Leute ihre eigenen Emotionen nicht im Griff haben, müssen sie anfangen, das Verhalten anderer zu kontrollieren“, sagte er in einem Interview. Ich glaube, da ist was dran.

Schwache Charaktere neigen zur Identifikation mit dem Stärkeren, deshalb üben Ideologien auf sie einen so großen Reiz aus. Sie sind auch die Ersten, die ihre Loyalität durch besondere Aufmerksamkeit gegenüber Glaubensverstößen unter Beweis stellen. Es sind selten die gefestigten, in sich ruhenden Persönlichkeiten, die überall moralische Verfehlungen wittern-es sind in der Regel die Unglücklichen, vom Schicksal Niedergedrückten und Gebeutelten.

Der Witz wird von fragilen Naturen naturgemäß besonders kritisch gesehen. Erstens wohnt ihm immer ein anarchistisches Element inne, deshalb bringt er einen ja auch zum Lachen. Jeder Witz ist zudem latent subversiv. Nichts fürchten Menschen, die für eine große Sache streiten, mehr als das Gelächter. Moral lebt vom Pathos. Der Witz erinnert daran, dass es vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt ist.

Mein Verdacht ist, dass der Kampf gegen den Rassismus die Empörungsbereitschaft auch deshalb befördert, weil viele Teilnehmer den Vorwurf fürchten, sie wollten sich in Wahrheit nur auf die Schnelle ein gutes Gewissen verschaffen. Es gibt für diese Form des Protests, der bequem zwischen Yogastunde und Urlaubsplanung passt, ebenfalls schon ein Wort: Slacktivism. Es ist eine Kombination aus „Aktivismus“ und „Slacker“, dem englischen Begriff für „Bummelant“.

#BlackLivesMatter ist zu einem Bekenntnis geworden, das man sich ans Revers heftet wie einen „FCK AFD“-Button oder eine Regenbogenflagge. Man schickt einfach ein paar schwarze Quadrate durchs Internet und hält das für ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus. Das wird von den wahren Aktivisten naturgemäß kritisch gesehen, die von den Protestanten mehr innere Beteiligung erwarten. Wer also befürchten muss, als Slacktivist aufzufliegen, verdoppelt die Anstrengungen, das wäre meine Erklärung für die Denkmalstürme, die wir beobachten. Manchmal erwächst der besondere Glaubenseifer auch aus dem Mangel an Engagement.

Ich bin vergangene Woche auf den Dokumentarfilm „Can We Take a Joke“ gestoßen, einen Streifzug durch die amerikanische Comedy-Szene im Zeitalter der Empörung. Es ist ein sehenswerter Film, weil er zeigt, wie schnell die Meinungsfreiheit mit der neuen Kultur der Empfindlichkeit kollidiert. An einer Stelle hat der große George Carlin einen kurzen Auftritt. Er habe immer gedacht, die Zensur drohe von rechts, sagt Carlin. Die größte Überraschung seines Lebens sei es gewesen, festzustellen, dass die Zensur von links komme.

Auch aufseiten der Linken erzählt man sich Witze, so ist es nicht. Ein Witz, den eine „taz“-Autorin diese Woche in ihrer Kolumne gerissen hat, geht so: Wenn man die Polizei auflöst, wie es jetzt von vielen Linken gefordert wird, was macht man dann mit den ganzen arbeitslosen Polizisten? Antwort: Man steckt sie auf die Müllkippe, zum Abfall, da gehören sie schließlich hin.

Ich konnte zugegebenermaßen nicht über den Witz lachen. Ich finde es nicht komisch, Menschen zu Müll zu erklären, da ist für mich eine Grenze überschritten. Die Chefredaktion der „taz“, die sonst in Humorfragen sehr pingelig sein kann, berief sich auf Tucholsky und seinen Satz von der absoluten Satirefreiheit. Ich bin gespannt, ob man nächstes Mal auch so großzügig verfährt, wenn ein Fahrensmann der anderen Seite übers Ziel hinausschießt. Ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass sie sich in der Redaktion der „taz“ dann auch an Tucholsky erinnern.

Die inkriminierte „Fawlty Towers“-Folge soll jetzt übrigens wieder verfügbar sein, ergänzt um den Warnhinweis, dass die Serie „beleidigende Inhalte und Sprache“ enthalte. Ich habe mir vorsichtshalber alle Folgen bei Amazon bestellt, zusammen mit der Komplettbox von „Ein Herz und eine Seele“, dem ARD-Klassiker aus den siebziger Jahren mit dem Sozenhasser und Dauernörgler Alfred Tetzlaff.

Ich nehme an, dass die meisten, die heute gegen Rassismus auf die Straße gehen, nicht wissen, wer „Ekel Alfred“ war. Die Selbstabschottung gegenüber allem, was man ablehnt, hat auch ihre Vorteile. Aber wer weiß. Bevor das suchende Auge der antirassistischen Humorkritik auf die deutschen TV-Bestände fällt, bin ich lieber auf der sicheren Seite.

Hauptsache: betroffen

Bei „Maischberger“ sollen zu Rassismus nur schwarze Menschen reden. Auf den Anti-Rassismus-Demos kursieren „Leitlinien“ für Weiße, ja keine eigenen Parolen zu rufen. Wohin führt das neue Gruppendenken?

Die Redaktion einer Talkshow berät über die Gästeauswahl für die nächste Sendung. Es soll um Donald Trump und seine Verantwortung für die Unruhen in den USA gehen, das Konjunkturpaket der Regierung, die Suche nach einem Corona-Impfstoff. In die engere Wahl geraten: eine Börsenkorrespondentin der ARD, ein Dokumentarfilmer, ein Kolumnist des „FOCUS“. Geladen sind außerdem der deutsche Außenminister und eine Virologin, die eine Firma für Impfstoffe gegründet hat.

Was macht einen guten Talkshowgast aus? Er sollte etwas von der Sache verstehen, über die er spricht – oder jedenfalls so tun können, als verstünde er etwas. Es wäre nicht schlecht, wenn ihn ein paar Leute außerhalb des eigenen Bekanntenkreises erkennen würden. Prominenz hilft der Quote. Vor allem aber sollte der Gast keine Angst vor der Kamera haben und auch sonst nicht auf den Mund gefallen sein, schließlich ist man im Unterhaltungsgeschäft.

Wer um 22 Uhr 45 Menschen dazu bewegen will, den Fernseher anzulassen, ohne vor der Glotze einzuschlafen, muss sich etwas einfallen lassen. Talkshowgäste, die mit langen Vorträgen ihresgleichen beeindrucken wollen, machen sich gut in Parteiveranstaltungen oder dem Seminarraum, im Fernsehen sind sie eher fehl am Platz.

Seit vergangener Woche weiß man, dass neben Schlagfertigkeit und Fernsehtauglichkeit im Zweifel eine weitere Qualifikation hinzukommen muss: die richtige Hautfarbe. Als die Redaktion der Sendung „Maischberger“ ihre Gästeliste veröffentlichte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Auf change.org gab es eine Petition, alle weißen Gäste auszuladen und durch schwarze Gäste zu ersetzen. Der Einfachheit halber fügte der Initiator der Petition, der Blogger Nasir Ahmad, gleich seine Bewerbungsunterlagen bei: „Ich bin deutscher Muslim, Publizist und Aktivist, setze mich für die Rechte von Migrant*innen und Geflüchteten ein, spreche über Rassismus und Islamismus.“

Wer weiß sei, könne nicht über Rassismus Auskunft geben, lautete, kurz gefasst, das Argument. Mehr noch: Weißen Menschen stehe es nicht zu, sich zu dem Thema zu äußern, weshalb die Neuen deutschen Medienmacher*innen, ein von der Bundesregierung unterstützter Lobbyverein für die migrantische Sache, an die fünf Gäste der „Maischberger“- Sendung den Appell richtete, „aus Respekt vor George Floyd und anderen Betroffenen nicht in einer solchen Runde über Polizeigewalt gegen Schwarze und Rassismus“ zu diskutieren. Ich antwortete leichtsinnigerweise, dass ich mir ohnehin vorgenommen hätte, über das Plündern von Gucci- Läden als Widerstandsakt zu reden. Manchmal kann ich nicht an mich halten, das ist eine meiner großen Schwächen.

Sieht die Welt für jemanden, der schwarz ist, anders aus als für jemand Weißes? Das ist zu vermuten. Niemand, d er weiß ist, wird wissen, wie es ist, in Deutschland aufgrund seiner Hautfarbe immer zur Minderheit zu gehören. So wie jemand, der heterosexuell ist, nie nachvollziehen kann, wie es ist, wenn man als Homosexueller Angst haben muss, wegen seiner sexuellen Orientierung verspottet oder sogar angegriffen zu werden. Ich wäre der Letzte, solche Unterschiede zu leugnen. Das trennt mich von vielen Linken, die nicht an eine grundlegende Differenz aufgrund, zum Beispiel, von Biologie, Geschlecht oder Herkunft glauben.

Aus gutem Grund wird allerdings zwischen dem Betroffenenbericht und dem Kommentatorenbeitrag unterschieden. Wer Rassismus am eigenen Leib erfahren hat, weiß, wie sich Rassismus anfühlt. Schon bei der Frage, inwieweit rassistische Einstellungen in der Gesellschaft verbreitet sind, hilft die eigene Erfahrung nicht weiter. Ist das, was man erlebt hat, ein Einzelfall oder ist es die Regel? Um das herauszufinden, braucht es Befragungen und soziologische Studien. Dabei wiederum ist die Hautfarbe nebensächlich. Zur Erfassung der Welt ist es relativ unerheblich, wie einer aussieht – wäre es anders, gäbe es keine objektive Welt, über die wir uns verständigen könnten.

Ich glaube nicht, dass allen klar ist, welche Konsequenzen sich ergeben, wenn man die Auskunftsfähigkeit zu einem Thema an den emotionalen Zugang bindet. Verfolgt man den Gedanken weiter, landet man bei einem merkwürdig relativen Wahrheitsbegriff, wie er sich auch rechts der Mitte eingebürgert hat. Wenn Donald Trump erklärt, dass es neben der offiziellen Wahrheit eine zweite Wahrheit mit alternativen Fakten gebe, ist er nicht so weit entfernt von Leuten, die behaupten, dass die Aussagekraft eines Urteils davon abhängt, welche Hautfarbe der Urteilende hat.

Wer im Fernsehen nie Schwarze sehe, die sich zu artikulieren wissen, könnte zu dem Eindruck gelangen, sie seien dazu nicht in der Lage, lautet ein anderes Argument. Das ist ein bedenkenswerter Einwand. Man lernt durch Vorbild und Gewöhnung. Die Schauspielerin Annabelle Mandeng hat in einem Interview mit der „Bild“ berichtet, wie sie immer wieder Absagen von den Sendern erhalte, weil die Zuschauer angeblich nun einmal lieber deutsch aussehende Schauspielerinnen sähen (was immer „deutsch aussehend“ auch heißen mag). Ich würde sagen: Lasst es darauf ankommen. Die Zuschauer werden schon damit fertig, in ihrer Lieblingsserie einer dunkelhäutigen Chefärztin oder Unternehmerin zu begegnen.

Es ist allerdings eine Sache, sich bei der Besetzungsliste von alten Mustern freizumachen, oder ob man behauptet, der Hamlet könne nur von einem weißen oder nur von einem schwarzen Mann gespielt werden. Sollte sich dieses Gruppendenken durchsetzen, stehen die Redaktionsleitungen vor ungeahnten Herausforderungen, da mehr Gruppen um Sichtbarkeit ringen, als es Plätze in einer Talkshow gibt, um bei dem Beispiel zu bleiben. Weil das auch die Betroffenen wissen, hat ein merkwürdiger Überbietungswettbewerb eingesetzt, bei dem die Aspiranten zu beweisen suchen, wer am meisten diskriminiert ist. Plötzlich ist selbst die engagierte Feministin eine weiße Zicke, die ihre Privilegien verteidigt.

Auf einem der jährlich stattfindenden „taz“-Kongresse wurde ich Zeuge der Begegnung mit einer Vertreterin der sogenannten Critical-Whiteness- Bewegung, die besonders rabiat für die Anliegen der PoC, der People of Colour, streitet. Ich war als weißer Mann als Konkurrent außen vor, die Aggression richtete sich gegen die andere Frau auf dem Podium, die „taz“-Reporterin Bettina Gaus.

Wie sie sich anmaßen könne, hier zu reden, wurde Gaus von der Critical-Whiteness-Frau angefahren, als sie gerade zum Sprechen angesetzt hatte: Als weiße Frau wisse sie doch gar nichts über wahre Diskriminierung, wie sie schwarze Frauen erleiden müssten. Worauf Bettina Gaus antwortete, sie wisse darüber schon einiges, sie habe nämlich eine schwarze Tochter. Danach herrschte kurz Stille.

Im Netz zirkulierten vergangene Woche „Leitlinien für Weiße Menschen zu Protesten, die von Schwarzen Menschen geführt werden“. An erster Stelle fand sich die Anweisung: „Fange nicht selbst an, Parolen zu schreien. Deine Aufgabe ist es, diesen zu folgen und deine Stimme hinzuzufügen, wenn dazu aufgefordert wird.“ Will man wirklich dazu kommen, dass nur die Feministin zum Feminismus reden darf und nur die PoC zum Schicksal der PoC? Das wäre gerade für die linke Bewegung, die auf ihre Empathiefähigkeit immer stolz war, ein schwerer Schlag.

Friedrich Engels war bekanntlich ein steinreicher Fabrikantensohn, was ihn nicht davon abhielt, zu einer Analyse der Situation der arbeitenden Klassen vorzustoßen, die bis heute rezipiert wird. Nach den neuen Kriterien der Repräsentation hätte Engels sich niederknien müssen in stiller Verneigung vor dem Schicksal der ausgebeuteten Klassen, statt mit seinem Freund Marx das „Kommunistische Manifest“ zu schreiben. Man kann sagen, dann wäre der Welt einiges erspart geblieben. Aber wenn in Zukunft nur derjenige zu einem Thema sprechen darf, der durch Herkunft oder Biologie dazu legitimiert ist, wird es mit der Analyse eher dünn. Betroffenheit ist noch kein Ersatz für Urteilsfähigkeit.

Seine Heiligkeit Dr. Drosten

Gegen die Verehrung, die der Berliner Chefvirologe Christian Drosten genießt, kommt selbst die Greta- Thunberg-Begeisterung nicht an. Deshalb gelten für den Mann aus der Charité auch andere Maßstäbe als für andere Wissenschaftler.

Ich muss an m einer Vorurteilsstruktur arbeiten. Ich dachte immer, der Virologe sei mehr so der verhuschte Typ, der sich ins Labor hinter seine Reagenzgläser verzieht, weil er im Gespräch die Zähne nicht auseinanderbekommt. Wie man sich als Kolumnist täuschen kann. Wenn es in der Wissenschaft Diven gibt, dann in d er Virologie. Was für Egos, was für ein Mitteilungsdrang, was auch für Empfindlichkeiten!

Professor K., Virologe in Halle, sagt über die jüngste Veröffentlichung von Professor D., Virologe in Berlin: Also, wenn man ihn frage, er finde, die Studie des Kollegen hätte so nie erscheinen dürfen. So etwas Dünnes hätte er nicht publiziert. Worauf Professor D. zum Handy greift und über Twitter mitteilt, dass Professor K. in der Wissenschafts- Community erstens keine Rolle spiele. Und man zweitens K.s Studien schon deshalb nicht kritisieren könne, weil Herr Dr. K. seit Langem nichts mehr publiziert habe. Das nennt man wohl jemanden dissen.

Eigentlich wollte ich nichts zur Causa Drosten schreiben. Warum sich mutwillig einen Entrüstungssturm an den Hals holen? Ein falscher Satz zu dem Thema, und man sticht in ein Hornissennest. Gegen die Verehrung, die der Mann aus der Charité genießt, kommt selbst die Greta-Thunberg-Begeisterung nicht an. Von der „taz“ bis zur „FAZ“ halten sie eisern zu dem sympathischen Arzt mit dem jungenhaften Lächeln, der uns wie kein anderer die wundersame Welt der Viren erklärt.

Ich würde mich nicht wundern, wenn demnächst die Ersten schreiben, er solle Kanzler werden. Oder Bundespräsident. Gerade hat ihn der „Spiegel“ auf seinen Titel gehoben. Nur zwei Wissenschaftler haben es in den 73 Jahren seit Gründung des Magazins auf die Titelseite geschafft: Albert Einstein und Stephen Hawking. Das ist die Ebene, auf der wir uns bewegen.

Außerdem habe ich mir schon einmal eine Rüge eingehandelt, das sollte mir eine zusätzliche Warnung sein. Wir haben im März an dieser Stelle zu einer Kolumne von mir eine Zeichnung veröffentlicht, die Christian Drosten als Viren- Papst zeigte. Ich fand die Zeichnung gelungen. Drosten als Papst? Da gibt es unvorteilhaftere Vergleiche.

Dr. Drosten selbst fand die Abbildung hingegen gar nicht lustig. Es gebe Zeitungen, die malten Karikaturen von Virologen, klagte er. Wenn das nicht aufhöre, komme man an den Punkt, an dem die Wissenschaft den Rückzug aus der Öffentlichkeit antreten müsse. Puh, noch mal Glück gehabt. Hätte ich geahnt, dass ich am Ende schuld sein könnte, wenn nicht nur d er berühmte Virologe verstummt, sondern mit ihm gleich die ganze Wissenschaft, für die er steht, hätte ich mir eher die Finger abhacken lassen, als mein Placet für eine solche Zeichnung zu geben. Ich will nicht wie der „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt enden, der seit seiner Auseinandersetzung als journalistischer Abschaum gilt.

Andererseits kann man sich als Kolumnist seine Themen nicht immer aussuchen. Manchmal kommen die Themen zum Kolumnisten.

Auch Menschen, die in ihrem Leben noch nie eine „Bild“- Zeitung gekauft haben, dürften über den Disput unterrichtet sein, ob sich Drosten und sein Team verrechnet haben, als sie die Viren im Hals von Kindern zählten (wie die „Bild“ behauptet) – oder ob es sich bei den zutage getretenen Mängeln letztlich um ein paar unbedeutende statistische Verzerrungen handelt (wie es Team Drosten für sich reklamiert).

 

Die Frage, wie infektiös Kinder sind, ist nicht ganz unbedeutend. Von der Beantwortung hängt ab, ob Politiker es wagen können, zum Regelbetrieb in Schulen und Kitas zurückzukehren. Auch deshalb fand die Studie, die das Forschungsteam der Charité Ende April vorlegte, solche Beachtung. Drosten selbst twitterte dazu: „Keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen.“ Damit war der Ton gesetzt, der dann in unzähligen Artikeln und Überschriften aufgegriffen wurde.

Die Veröffentlichung sei nur ein Preprint gewesen, heißt es nun, da es Zweifel an der Aussagekraft gibt, eine vorläufige Publikation, die zu einer kritischen Begutachtung geradezu einlade. Mit dem armen Hendrik Streeck aus Bonn ist man allerdings nicht so nachsichtig verfahren, als er Anfang April eine Vorversion der sogenannten Heinsberg-Studie vorlegte. Streeck wurde unterstellt, dass er voreilig an die Öffentlichkeit gegangen sei, um die politischen Entscheidungen zu beeinflussen.

Als besonders engagierter Kritiker trat dabei Dr. Drosten aus Berlin auf. Noch am Abend des Präsentationstages war er im „Heute Journal“ zu Gast, um, nach einem „Glückwunsch an die Kollegen“ aus Bonn, die Studie nach allen Regeln der Kunst zu zerlegen. Es sei nicht klar, ob Labortests gemacht worden seien, um falsche Ergebnisse auszuschließen. Auch gebe es statistische Mängel. „Wenn das denn technisch alles so stimmt und statistisch auch so stimmt und auch wirklich für Deutschland repräsentativ ist …“ Ein typischer Drosten-Satz: sanft, aber vernichtend.

Inzwischen liegen die Endergebnisse der Untersuchung vor. Sie bestätigen im Wesentlichen die Zwischenergebnisse, aber das hilft Streeck nichts mehr. Er gilt jetzt als der Autor der „umstrittenen Heinsberg-Studie“. Dem „Spiegel“ habe ich entnommen, dass der Bayerische Rundfunk seinen Podcast zu wissenschaftlichen Fragen eingestellt hat.

Das kann Dr. Drosten nicht passieren. Drosten ist der Robert Habeck der Medizin. Alles an ihm stößt auf Wohlgefallen. Das Erscheinungsbild („diese süßen schwarzen Locken!“). Das verschmitzte Lächeln, das ihm etwas Jugendliches gibt. Die Sprache natürlich, die nie scharf oder verletzend wird. Drosten weiß, wie er andere in den Senkel stellt. Reichelt? Nie gehört den Namen. Streeck? Wir warten auf das Manuskript mit den Ergebnissen. Aber die Aggressivität ist immer unterschwellig, deshalb übersieht man sie schnell.

Eine Kollegin sagte, Drosten erinnere sie an eine passivaggressive Schwiegermutter, unter deren Freundlichkeit dieser leicht beleidigte Ton liege, dass andere es anders sehen könnten. Also, ich mache meinen Teig mit viel Rosinen. Wenn S. oder K. meinen, sie könnten auf Rosinen verzichten, ist das ihre Sache. Jeder macht seinen Teig, so wie er will. Ich finde halt nur, in einen guten Teig gehören Rosinen.

Diese eigenartige Verdruckstheit findet sich auch im Umgang mit der politischen Macht. Drosten war mehrfach bei wichtigen Sitzungen zugegen, im Bundesinnenministerium, bei Treffen mit den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin. Wenn man ihn darauf anspricht, sagt er, er würde ja nur die Ergebnisse der Forschung vortragen, die Schlussfolgerung daraus müssten andere ziehen. Nehmen wir es als den Versuch eines Wissenschaftlers, seine Unschuld zu bewahren, obwohl er längst Teil des politischen Spiels ist. Dürrenmatt hätte seine Freude daran gehabt.

In der Sache „Bild“ versus Drosten spricht vieles für die „Bild“. Der vom Medienkritiker Stefan Niggemeier betriebene Branchendienst „Übermedien“, der nun wahrlich kein Freund der Springer-Presse ist, kam vergangene Woche zu dem Befund, dass das Boulevardblatt die Vorbehalte an der Kinderstudie weitgehend richtig wiedergeben habe: „Die Tatsache, dass sich nahezu alle wissenschaftlichen Kritiker:innen von der „Bild“- Bericht erstattung distanzieren, liegt jedenfalls nicht darin begründet, dass sie ihre Kritik zurückziehen, sondern darin, dass sie nicht Teil einer Boulevard-Kampagne sein wollen, die Wissenschaftlichkeit insgesamt zu diskreditieren droht.“

An der Bewunderung für Dr. Drosten wird das nichts ändern. Auch Robert Habeck hat schon mehrfach danebengelegen, ohne dass es seinem Ruf geschadet hätte. So wie Habeck am nächsten Sonntag wieder in der Talkshow Ihres Vertrauens sitzt, so wird Christian Drosten uns kommende Woche die neuesten Ergebnisse aus der Corona-Forschung präsentieren. Kann man solchen Augen widerstehen?

Wenn die zweite Welle rollt

Das Einzige, was uns gegen eine neue Infektionswelle schützen kann, ist eine Tracing-App. Doch das erste Modell haben Datenschützer gleich zu Fall gebracht. Motto: lieber tot als überwacht.

Einmal war ich mit Karl Lauterbach zum Mittagessen verabredet. Wir wählten ein Restaurant am Gendarmenmarkt, das für seine gute Küche bekannt ist. Lauterbach studierte die Speisekarte. Dann winkte er den Kellner herbei und sagte, er habe sich entschieden. Ob er den von ihm gewünschten Gang auch ohne Salz bekommen könne? Der Kellner wirkte ein wenig konsterniert.

Lauterbach hat Medizin studiert, bevor er bei der SPD anheuerte und dort zum führenden Gesundheitspolitiker aufstieg. Er hat vor Jahren entschieden, komplett auf Salz zu verzichten. Wenn ich mich richtig erinnere, verwies er auf Studien, die nahelegen, dass salzlose Kost der Gesundheit zuträglicher sei als salzreiche, aber mein Eindruck war nach unserem Gespräch, dass es sich mehr um einen Selbstversuch handelt. Andere Menschen haben sich geschworen, in ihrem Leben nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren, Lauterbach hat beschlossen, dem Salz zu entsagen.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich mag Lauterbach. Ich habe ein starkes Faible für Menschen, die anders sind als andere. Meist sind sie unterhaltsamer. Außerdem gehört Lauterbach zu den wenigen Politikern, die über Humor verfügen. Ich erlaube mir nur die Einschätzung, dass jemand, der in der persönlichen Lebensführung zu extremem Verhalten neigt, auch in der Politik eher extremen Ansichten den Vorzug gibt. Das Exzentrische bleibt selten auf eine Äußerungsform beschränkt. Wenn ich auf Lauterbachs Auftritte in den letzten Wochen blicke, habe ich nicht den Eindruck, falschzuliegen. Sobald es in der Krise wieder eine düstere Prognose oder schlechte Zahl gibt: Er hat sie parat.

In dieser Woche allerdings muss ich Lauterbach recht geben, und zwar was seine Einschätzung des Thüringer Weges in der Pandemiebekämpfung angeht. Er halte es für Wahnsinn, dass Bodo Ramelow ab Juni auf landesweite Vorgaben verzichten wolle, sagte Lauterbach. Wenn der Ministerpräsident so tue, als sei das Virus besiegt, habe das Auswirkungen auf ganz Deutschland. Ich würde noch hinzufügen, dass sich in Thüringen einmal mehr die Hufeisentheorie bestätigt. Während sie bei der AfD zum Widerstand gegen die CoronaRegeln aufrufen, erklärt man bei der Linkspartei die Pandemie dort, wo man regiert, einfach für beendet. Man kann nur hoffen, dass das Virus das auch so sieht.

Bislang war ich ganz zuversichtlich, dass es mit den verbliebenen Einschränkungen gelingen könnte, die Krankheit in Schach zu halten. Inzwischen rechne ich fest damit, dass es wieder zu einem Anstieg der Infektionen kommen wird. Ein Kollege aus Berlin berichtete mir von seinem Besuch in zwei von ihm regelmäßig frequentierten Restaurants. Spätestens um neun Uhr versammeln sich alle an der Bar. Wer hinzutritt, wird mit großem Hallo begrüßt, gerne auch mit Bussi und Umarmung. Christian Linder ist, was das Umarmungsverhalten angeht, keine Ausnahme. Er hatte nur das Pech, bekannt genug zu sein, dass jemand im richtigen Moment das Handy zückte.

Die einzige Hoffnung ist, dass man die Spur der Infektionen nachverfolgt, um die Neuinfizierten ausfindig zu machen und sie in Quarantäne zu nehmen. Glücklicherweise gibt es technische Möglichkeiten, die einem das erlauben. Sie sind sogar erprobt. In Südkorea haben sie vorgemacht, wie eine Gesellschaft den Kampf gegen das Virus mit dem Handy gewinnen kann. Smartphones haben ein sehr viel genaueres Gedächtnis als Menschen, das macht sie bei der Nachverfolgung von Kontakten so nützlich.

 

Der Journalist Wolfgang Bauer hat in einem langen Text für „Die Zeit“ das südkoreanische Wunder beschrieben. Südkorea hatte schlechte Ausgangsbedingungen. Es ist ein dicht bevölkertes Land, nahe an China, und es war zu Beginn der Pandemie neben China auch am härtesten getroffen. Inzwischen haben die Südkoreaner die Neuinfektionen so weit unter Kontrolle, dass die Bürger wieder ein weitgehend normales Leben führen können. Dass sie das ohne Lockdown und ohne Schulschließungen geschafft haben, verdanken sie einem Tracing System von Korea Telecom, dem größten Telefonanbieter des Landes.

Einmal am Tag, so kann man in Bauers Reisebericht lesen, veröffentlicht Korea Telecom die Namen der Restaurants, der Läden und Parks, in denen sich ein Infizierter aufgehalten hat. Die Nummern der Buslinien, die er benutzt hat, die Uhrzeiten. Ob der Betreffende allein oder in Begleitung unterwegs war. Jeder Einwohner in der Nähe wird per SMS informiert und hat so die Möglichkeit zu überprüfen, ob er zur selben Zeit am selben Ort war. Wenn die Inkubationszeit vorbei ist, werden die Daten gelöscht.

In der Bundesregierung ist man sich einig, dass man auch in Deutschland unbedingt eine Tracing-App braucht. Technisch ist die Sache nicht so furchtbar kompliziert. Die Entwickler in Südkorea brauchten für die Programmierung wenige Tage. Wahrscheinlich hätten sie uns das System sogar überlassen, wenn wir gefragt hätten.

Der Bundesgesundheitsminister persönlich hat sich hinter die Sache geklemmt. Im Mai sollte es auch bei uns losgehen. Aber dann traten die Netzaktivisten vom Chaos Computer Club auf die Bühne und sagten, dass der Datenschutz nicht gewährleistet sei. Seitdem ist die Szene heillos zerstritten. Die beteiligten IT-Experten verbrachten mehr Zeit damit, sich gegenseitig mit Vorwürfen zu überziehen, als mit dem Coden. Vielleicht kommt die App jetzt im Juni, vielleicht auch erst im Herbst. Oder pünktlich mit dem Impfstoff.

Wie der Koreaner sagt: Eine Freiheit muss im Kampf gegen die Pandemie dran glauben. Die Koreaner haben sich entschieden, auf etwas Privatsphäre zu verzichten, um sich im Gegenzug ihre Bewegungsfreiheit zu bewahren. Wir opfern lieber die Freiheit, uns frei zu bewegen, damit unsere Daten in Sicherheit sind. Das ergibt, wenn man darüber nachdenkt, auch Sinn: Der Computernerd bleibt ohnehin am liebsten zu Hause.

Ich habe die deutsche Obsession mit dem Datenschutz nie ganz verstanden. Ich weiß noch, wie ich als 25-Jähriger über dem Fragebogen für die Volkszählung saß und mir zu erklären versuchte, warum uns die Beantwortung der Fragen zurück in die Diktatur führ en würde. Da ich den Warnungen vertraute, klebte ich trotzdem einen Aufkleber an die Tür, um dem Volkszähler zu zeigen, dass er unerwünscht sei. Ein Freund hat mich jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass die Tobereien zum 1. Mai, die in Kreuzberg seit den Achtzigern Tradition sind, im Kampf gegen die Volkszählung ihren Ursprung haben. Passt, würde ich sagen.

In der Welt der Hacker ist der Staat eine Macht, die uns überwachen und gängeln will. Glaubt man den Netzleuten, kann man nicht vorsichtig genug sein: Wer eben noch als Bürger Einsicht in seine Mobilfunkverbindungen gewährt hat, liegt morgen schon an der digitalen Kette! Ich will dagegen gar nichts sagen. Ich frage mich nur: Ist das nicht ziemlich genau das Denken, das man jetzt auch auf den sogenannten Hygiene-Demos antrifft? Eine Regierung, die ganz andere Absichten verfolgt, als sie uns sagt? Das Mobiltelefon als Einfallstor für finstere Mächte? Ein System, das jederzeit ins Totalitäre umkippen kann?

Normalerweise muss uns die Weltsicht des Hackers nicht weiter bekümmern. Wenn sich der Chaos Computer Club vor dem Merkel-Totalitarismus fürchtet, sei’s drum. Wenn die Netzgemeinde allerdings das wichtigste Instrument zu Fall bringt, das wir zur Bekämpfung des Virus bräuchten, wird es heikel. Das Leugnen und Verdrehen von Fakten könne in der Pandemie Leben gefährden, hat Bundesjustizministerin Christine Lambrecht mit Blick auf die Corona-Demos gesagt. Vielleicht könnte die Ministerin auch einmal ein Wort an die Netzgemeinde richten.

Der Corona-Demonstrant, der sich vor dem Virenchip fürchtet, ist nur ein Trottel. Der Netzaktivist, der die Tracing-App als Überwachungsinstrument denunziert, ist ein Gefährder.

Verrückt sind immer die anderen

Die Politik warnt vor einer „Corona-Pegida“, als sei der Hang zum Irrationalen das Privileg rechter Spinner. Dabei ist der Weg aus der grünen Lebenswelt zu den Hygiene-Demos kürzer, als viele denken.

Seit sechs Jahren gibt es „Die Anstalt“, die Satiresendung im Zweiten Deutschen Fernsehen. Oder wie der Schriftsteller Heinz Strunk sagen würde: Lachen aus der Todesgrube des Humors.

In einer Folge präsentierte der Kabarettist Claus von Wagner eine Tafel mit den Namen einer Reihe transatlantischer Organisationen wie der Atlantik-Brücke und dem Aspen-Institut. „In diesen Vereinigungen treffen sich Militärs, Wirtschaftsbosse und Politiker in diskreter Atmosphäre“, sagte von Wagner in einem Ton, der sofort klarmachte, dass sich dort Ungehöriges zutrage. Dann schwenkte die Kamera auf die Namen mehrerer Journalisten großer Zeitungen, darunter die „Frankfurter Allgemeine“ und die „Süddeutsche Zeitung“.

„Ich sehe da überhaupt keine Verbindungen“, sagte der zweite Mann auf der Bühne, der Mit-Kabarettist Max Uthoff, in gespielter Unschuld, worauf von Wagner den Vorhang lüftete, um ein Spinnennetz offenzulegen, das die Mitgliedschaften der Journalisten in den genannten Vereinen darstellte. „Oha, das ist aber ein ganz schön dichtes Netzwerk, sagen Sie mal“, rief Uthoff. „Aber dann sind ja alle diese Zeitungen nur so etwas wie die Lokalausgaben der Nato-Pressestelle.“

So funktioniert Verschwörungstheorie: Man beginnt mit der Behauptung von Macht und Einfluss, dann entdeckt man geheime Zirkel und finstere Motive, am Ende landet man bei einer Erklärung, die ein ganz neues Licht auf die Welt wirft. Dass sich die Namen der Journalisten, die in der „Anstalt“ als heimliche Nato-Einflussagenten enthüllt wurden, mühelos auf der Webseite der Organisationen einsehen ließen, bei denen sie Mitglied waren? Geschenkt. Irgendwo wird sicher auch die CIA ihre Finger im Spiel haben.

Wer an die segensreiche Wirkung von Bergkristallen glaubt, der hält auch Zuckerkugeln für eine angemessene Antwort zur Abwehr des Virus «

Ein paar Monate nachdem der Beitrag gelaufen war, traf ich in Bonn den Bestsellerautor Udo Ulfkotte. Der als Verschwörungstheoretiker über den Kreis der ZDF-Zuschauer hinaus zu Bekanntheit und Ansehen gelangte ehemalige „FAZ“-Journalist hatte die Einflusstheorie von Uthoff und Wagner in seinem Erfolgsbuch „Gekaufte Journalisten“ in einem eigenen Kapitel verarbeitet. So schließen sich manchmal die Kreise.

Ich habe mit Ulfkotte dann ein paar unterhaltsame Stunden verbracht. Er vertraute mir an, dass er ein in einem See gelegenes Haus bewohne, dessen Lage es nahezu unmöglich mache, sich ihm unbemerkt zu nähern. Im Gegensatz zu den ZDF-Satirikern hat Ulfkotte nie so getan, als wäre er lustig. Der Wahnsinn lag bei ihm offen zutage.

Mich haben Verschwörungstheorien bislang vor allem aus Kuriositätsgründen interessiert. Ich finde es in erster Linie skurril, wenn Menschen davon überzeugt sind, dass Geheimbünde das Sagen haben, zu denen selbst Leute wie ich mühelos Zugang finden (ich war jahrelang Mitglied der Atlantik-Brücke, bis sie mich wegen Verzugs bei den Mitgliedsbeiträgen von der Mitgliederliste strichen).

Wenn ich den Zeitungen glauben darf, sollte ich allerdings anfangen, mir Sorgen zu machen. Seit sich ein buntes Volk zu sogenannten Hygiene-Demonstrationen trifft, um gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung zu protestieren, ist der Verschwörungstheoretiker ins Zentrum der Berichterstattung gerückt. Die Bundesjustizministerin hat sich warnend eingeschaltet, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Bundesinnenminister Horst Seehofer natürlich, der immer noch an der Wiedergutmachung für seinen Aufstand gegen die Kanzlerin arbeitet.

Ich kann die Aufregung nicht ganz nachvollziehen. Welche Gefahr sollte von den Corona-Protesten ausgehen? Ist zu erwarten, dass sich die Demonstranten bewaffnen und vor das Kanzleramt ziehen? Oder dass sie die U-Bahn lahmlegen, auf der Suche nach den geheimen Tunnelanlagen, in denen die Reptilienkanzlerin ihre Menschenversuche durchführen lässt? Ich glaube erst an eine Gefahr für die Demokratie, wenn mir Jakob Augstein zuraunt, dass Bill Gates doch heimlich an der Machtübernahme arbeite, und zwar durch die Implementierung eines neuen Chefredakteur-Chip-Updates.

Ich habe mir die Proteste im Netz angesehen. Manches kam mir seltsam bekannt vor. Ein Video, das sich in den sozialen Kanälen gerade großer Beliebtheit erfreut, zeigt junge Menschen bei dem Versuch, das Virus wegzutanzen. Ich hätte schwören können, dass ich die gleichen Leute im Oktober in Berlin gesehen habe, als sie die Straßenkreuzung am Potsdamer Platz lahmlegten, um Körper gegen den Klimatod zu protestieren.

Der Weg von Extinction Rebellion zu den Hygiene-Demos ist kürzer, als viele denken. Allenthalben wird jetzt so getan, als handele es sich bei den Protesten um rechte Aufzüge. Die Rede ist von einer „Corona-Pegida“, so als sei der Hang zum Irrationalen das Privileg einer bestimmten politischen Seite. Dabei ist die grüne Impfgegnerin aus dem Prenzlauer Berg für das Esoterische und Versponnene mindestens so empfänglich wie der national gesinnte Gemüseapostel aus dem Vogtland.

Dass der Chef der Biomarke Rapunzel das Virus für ein intelligentes Wesen hält, dem man sich nicht in den Weg stellen sollte, kann nur Leute überraschen, die nie in eines der Blättchen geschaut haben, die im Bioladen ausliegen. Wer an die segensreiche Wirkung von Bergkristallen glaubt, der hält auch Zuckerkugeln für eine angemessene Antwort auf alles. Eine Freundin schrieb neulich auf Twitter, sie werfe in Diskussionen mit Globuli-Anhängern gerne ein, dass man Globuli nur in gerader Anzahl einnehmen dürfe. Bisher habe jeder Anhänger längere Zeit überlegt und dann gesagt, dass er das noch nicht gewusst habe.

Es sind immer die anderen verrückt. Oder wie Descartes anmerkte: Nichts ist gerechter verteilt als der Verstand – jeder glaubt, dass er genug davon besitze. 60 Prozent der Deutschen würden bei einer Covid-19-Erkrankung zu homöopathischen Mitteln greifen. 42 Prozent fänden es außerdem begrüßenswert, wenn die Politik im Kampf gegen das Virus nicht nur konventionelle Forschungsprojekte fördern würde. Im Zweifel handelt es sich um dieselben Leute, die am Wochenende die Nase über die Spinner rümpfen, die sich in Stuttgart und Berlin versammeln, um zum Widerstand gegen das Corona-Regime der Kanzlerin aufzurufen.

Ich habe nichts gegen Homöopathie. Es ist eine faszinierende Parallelwelt. Wo sonst auf Gottes Erdenrund ist es möglich, dass eine Substanz wirksamer wird, je stärker man sie verdünnt? Vielleicht sollte man den Homöopathen die Lösung der Energiekrise anvertrauen. Ich würde es auf einen Versuch ankommen lassen. Je weniger Benzin Sie in den Tank geben, desto weiter können Sie fahren. Genial! Ich hege nur gewisse Zweifel, ob sich der Glaube an die Wunderkraft der Potenzierung wirklich mit dem Slogan „Unite behind the Science“ verträgt, den sie im grünen Milieu adaptiert haben.

Manche erwarten, dass die Corona-Bewegung der AfD neuen Schub verleihen könnte. Ich bin mir da nicht so sicher. Was wäre die politische Forderung? In der Flüchtlingskrise war das klar: Grenzen dicht und alle Flüchtlinge wieder abschieben. Aber diesmal? Handymasten kippen? Mundschutzpflicht beenden sofort? Wut allein macht noch keine Bewegung. Man muss die Wut einem Ziel zuführen, damit daraus Politik entsteht.

Bis das Ziel gefunden ist, bestelle ich mir jetzt erst einmal den Hildegard Orgonakkumulator, den man derzeit günstig über Ebay erwerben kann. „Orgonenergie fördert den Aufbau von Lebensstrukturen“, heißt es in dem 1995 beim Verlag Zweitausendeins erschienenen Buch „Der Orgonakku-mulator“ von James DeMeo. „Sie sorgt für tiefere Atmung, höheres Energieniveau, größere Aktivität und Lebendigkeit, Stärkung von Widerstandskräften.“

Die Orgontheorie geht auf den Psychoanalytiker Wilhelm Reich zurück, der schon bei den Achtundsechzigern hoch im Kurs stand. Manches gerät eben nie aus der Mode.

Wende zum Weniger

Eine breite Allianz, die von Madonna bis zum ARD-Chefredakteur reicht, sieht die Krise als Mahnung, Konsum und Lebensstil radikal in Frage zu stellen und sich mit weniger zu begnügen. Gute Idee, warum nicht bei der ARD anfangen?

Der Chefredakteur der ARD, Rainald Becker, hat die Deutschen dazu aufgerufen, ihr Leben zu überdenken. Es sei an der Zeit, Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend zu verändern, sagte er in einem „Tagesthemen“-Kommentar. Becker berief sich dabei auf die Sängerin Madonna und den Schauspieler Robert De Niro, die zusammen mit anderen Unterhaltungsgrößen einen Appell gegen das „Streben nach Konsum“ und das „Besessensein von Produktivität“ lanciert haben. Wer glaube, er könne nach der Krise einfach so weitermachen wie zuvor, sei ein Wirrkopf und Spinner.

Ich habe mir den „Tagesthemen“-Kommentar in der Mediathek mehrfach angeschaut, es war wie ein Zwang. Ich hege normalerweise gewisse Vorbehalte gegenüber älteren Herren mit Kurzhaarschnitt und Kurzarmhemden. Einmal haben Becker und ich uns in Berlin am Lufthansa-Gate getroffen. Es war auch ein kurzes Gespräch. Becker ist kein Freund des Small Talks, wie ich bei der Gelegenheit erfuhr.

Ich muss meine Meinung über den ARD-Chefredakteur revidieren. Ich hielt ihn für einen dieser Gremienlurche, wie ihn alle Bürokratien unweigerlich hervorbringen. Wer hätte gedacht, dass sich hinter der biederen Fassade des öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Funktionärs ein Revolutionär verbirgt? Oder vielleicht sollte man besser sagen: ein Swami beziehungsweise eine Swamini?

Der letzte ARD-Star, der sich unter den Augen der Öffentlichkeit auf den Weg nach innen begab, war die Schauspielerin Barbara Rütting, deren Engagement für Ökologie und Esoterik sie nach Stationen im Ashram in Poona und bei den Grünen in Bayern zur „V-Partei3“ führte, der „Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer“. Rainald Becker als eine Art Barbara Rütting der Corona-Welt: Die Krise hält die verrücktesten Wendungen bereit.

Dass die Pandemie ein Tor sei, durch das wir gemeinsam gehen müssen, um in eine bessere, gerechtere Welt zu gelangen, ist eine Vorstellung, die in diesen Tagen an Popularität gewinnt. Es ist, wenn man so will, die religiöse Deutung des Virus: durch die Schmerzen zu den Sternen.

Selbst Presseorgane, die nicht im Verdacht der Schwärmerei stehen, träumen von der Wende zum Weniger. „Der Aufbruch“ war eine Titelgeschichte überschrieben, in der ausgerechnet der „Spiegel“ den Nachweis zu führen versuchte, warum der Corona-Schock die Chance auf eine bessere Welt berge.

In der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ malte ein vom Politikchef Bernd Ulrich angeführtes Autorenteam aus, wie der Kapitalismus in die Knie gezwungen werde, wenn die Menschen massenhaft feststellen, dass sie das meiste, was er ihnen anbietet, nicht mehr brauchen. Ein neues Auto, ein neues Haus, der Jahresurlaub auf den Seychellen: alles entbehrlich, alles gestrichen. Der wahre Reichtum liegt am Boden der Seele, das wusste schon Barbara Rütting.

Sie werden es vermutet haben, mich plagen Zweifel, was die Läuterungswirkung der Pandemie angeht – auch wenn die Idee etwas ungemein Tröstliches hat, wie ich sofort einräume. Wer wünschte sich nicht, dass all die Opfer und Entbehrungen zu etwas Positivem führen könnten. Leider fehlt mir die Fantasie, um mir vorzustellen, dass eine Krise, die dafür sorgen wird, dass Millionen in Armut fallen, den Weg in einer besseren Welt ebnet.

Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass sich Menschen in Not nicht immer so verhalten, dass am Ende das Gute triumphiert. In Italien gehört jetzt die Mafia zu den Profiteuren. Wer in Zahlungsschwierigkeiten steckt, dem bietet sie ganz unbürokratisch ihre Unterstützung an. Auch die Drogenkartelle in Lateinamerika haben ihr Angebot um finanzielle Nachbarschaftshilfe erweitert. Dass es sich nicht um Charity-Organisationen handelt, wird man mit etwas Zeitverzug ebenfalls feststellen.

Konsumkritik ist wahrscheinlich so alt wie der Konsum. Vermutlich saßen die ersten Konsumkritiker schon in der Höhle beisammen und zerbrachen sich den Kopf, wie sie wieder loswerden könnten, was sie am Tag zuvor zusammengerafft hatten.

Je erfolgreicher das Wirtschaftssystem, desto stärker die Versuchung, sich über seine Wohltaten zu beklagen. Dass der Kapitalismus den Menschen ausbeute, indem er ihm nicht zu wenig, sondern im Gegenteil zu viel anbiete, ist eine Volte, die seit den siebziger Jahren ihren festen Platz im gesellschaftskritischen Diskurs hat. Den Menschen zum Konsumsklaven abgerichtet zu haben, gehört zu den unverwüstlichen Evergreens der Klage über den Entfremdungscharakter des Kapitalismus.

Der Schönheitsfehler der Wachstumskritik ist, dass sie bei den Leuten, die den Laden am Laufen halten, spätestens in Krisenzeiten nicht mehr richtig zündet. Wäre es anders, müssten die Grünen weiter von Höhenflug zu Höhenflug segeln. Wenn es eine Partei gibt, bei der Verzicht und protestantisches Entsagungsethos zum Kernbestandteil des Programms gehören, dann die Bewegung um Robert Habeck und Annalena Baerbock. Stattdessen sind die Grünen in den Umfragen bös abgerutscht, was man als Hinweis verstehen darf, dass die Wende zum Weniger deutlich weniger glamourös erscheint, wenn sie nicht nur in der Theorie, sondern ganz praktisch angetreten werden muss.

Es ist halt eine Sache, die Automobilindustrie in Gedanken abzuwickeln, wenn man weiß, dass mächtige Interessen gegen einen stehen, die das schon zu verhindern wissen. Oder wenn ein Wirtschaftszweig, den man zum Teufel wünscht, wirklich zum Teufel geht – mitsamt der zwei Millionen Arbeitsplätze, die dran hängen. Plus den 800 000 Arbeitsplätzen in der Luftfahrtindustrie. Das werden sie in der Zukunftsbranche der erneuerbaren Energie nicht wirklich herausreißen, selbst wenn sie in jeden Vorgarten ein Windrad pflanzen.

Ich sage es ungern, aber ich fürchte, der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian hat recht, wenn er sagt: Die Welt wird s ein wie zuvor, nur schlimmer. Ich glaube keinen Wimpernschlag lang, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. In Wahrheit verläuft die Pandemie erstaunlich überraschungsfrei. Die Deutschen schlagen sich besser als die Franzosen, die Spanier und die Italiener. Den Leuten ist die Öffnung des Baumarkts wichtiger als die Öffnung einer Buchhandlung. Wer in einer Hartz-IV-Familie aufwächst, ist mal wieder am meisten gekniffen.

Insofern hat mich ARD-Chefredakteur Becker angenehm überrascht. Ich habe ein klein bisschen Angst davor, was passiert, wenn Madonna jetzt die Schlipsauswahl übernimmt, um die angekündigte Änderung des Lebensstils einzuleiten. Das Letzte, was die Sängerin zu Corona von sich hinterließ, war ein Instagram-Video, das sie beim Bad in einer mit Rosenblättern gefüllten Wanne zeigte und in dem sie darüber nachsann, wie sehr die Krise uns doch alle gleichmache Warum man sich ausgerechnet Entertainment-Millionäre als Botschafter der Wachstumskritik aussucht, ist mir ein Rätsel, aber ich arbeite ja auch nicht bei der ARD.

Was die Degrowth-Pläne von Swami Becker angeht, hätte ich einen praktischen Vorschlag. Acht Milliarden Euro nehmen ARD und ZDF jedes Jahr an Gebühren ein, gerade steht eine neue Gebührenerhöhung ins Haus. Warum nicht mit der Wende zum Weniger im eigenen Hause beginnen? Vielleicht für den Anfang ein Verzicht von 5,5 Prozent der aktuellen Gebührenlast als Corona-Soli, das wäre doch eine tolle Sache.

Und wenn ich mir noch eines wünschen darf, lieber Rainald Becker: die nächste Sendung dann aus der Badewanne. Statt importierter Rosen kann es, ökologisch bewusst, auch Löwenzahn sein. „Lasst hundert Blumen blühen!“, forderte schon der Kapitalismuskritiker Mao Tse-tung.

Die Priester des Virus

Das Virus spricht nicht zu uns, es hat keinen Willen und keine Stimme. Es gibt allerdings Journalisten, die so tun, als spräche das Virus zu ihnen, und die glauben, sie hörten eine Botschaft, die andere nicht hören

Um es vorwegzuschicken: Ich halte mich an die Corona-Regeln. Ich trage Mundschutz beim Einkauf. Ich achte auf sicheren Abstand zu Fremden. Meine sozialen Kontakte habe ich auf ein Minimum reduziert. Mir kommt nicht einmal die Katze des Nachbarn über die Schwelle. Wenn der DHL-Bote vor der Tür steht, bitte ich ihn, sein Lesegerät auf die Stufe vor der Eingangstür zu legen und einen Schritt zurückzutreten. Erst dann quittiere ich den Empfang der Sendung.

Ich halte nichts davon, sein republikanisches Temperament zu beweisen, indem man sich möglichst unangepasst gibt. Wo wäre der Punkt? Außerdem gehöre ich gleich doppelt zur Risikogruppe. Ich bin diese Woche 58 Jahre alt geworden, womit ich mich bedenklich der statistischen Todeszone des Virus nähere. Und ich leide an Asthma- Anfällen, seit der Heuschnupfen einen Etagenwechsel vorgenommen hat, wie mein Hausarzt das nennt.

Meinetwegen sollen sie nach der Entdeckung eines Impfstoffs auch eine Impfpflicht einführen oder einen Immunitätspass. Ich fürchte keine Corona-Diktatur, und ich mag einfach nicht daran glauben, dass die Kanzlerin heimlich darauf hinarbeitet, Deutschland zum Vasallenstaat eines Weltherrschers Bill Gates zu machen. Ich bin bei allem dabei, was mir an Verhaltensregeln zum Schutz der Alten und Schwachen auferlegt wird und mir einigermaßen vernünftig erscheint.

Wo ich nicht mehr mitmache, ist, wenn ich das Gefühl habe, die Regierung gibt eine Richtung vor, und alle marschieren mit. Wenn die Regierung sagt: „Hier entlang”, gehöre ich zu denen, die fragen: „Geht’s nicht auch andersherum?” Sie mögen das für kindisch halten. Für mich war es einer der Gründe, in den Journalismus zu gehen.

Alternativlos ist ein Wort, das in meinem Sprachgebrauch nicht vorkommt. Ich denke immer in Alternativen. Schon der Herrgott hat für eine Alternative gesorgt, als er den Teufel erschuf. Theologisch übrigens eine vertrackte Sache: Ist das Böse eine eigene Kraft, unabhängig vom Willen des Herrn? Oder ist der Teufel ein Werkzeug Gottes und damit das Eingeständnis, dass Gott nicht nur Gutes im Schilde führt?

Wie auch immer: Ich kann nicht sagen, dass mich die vergangenen Wochen eines Besseren belehrt hätten. Eine Kanzlerin, die uns sagt, dass alles von den Infektionszahlen abhängt, und die sich dann auf einer Pressekonferenz bei der Zahl der Infizierten um ein Drittel vertut? Ein Wirtschaftsminister, der erst erklärt, dass niemand sich in Deutschland wegen Corona um seinen Arbeitsplatz zu sorgen brauche, um dann kurz darauf Milliarden zur Rettung von Arbeitsplätzen auszugeben, von denen er doch eben noch gesagt hat, dass sie nicht gerettet werden müssten? Eine Behörde für den Seuchenschutz, deren Zahlen über Nacht quasi Gesetzeskraft erlangen, obwohl sie bis vor acht Wochen davon ausging, dass die Alpen eine Hürde seien, die das Virus nie überwinden könnte? Wäre ich Comedian, würde ich sagen, hier liegt 1-a-Showmaterial.

Ich sage nicht, dass man sich nicht irren kann. Jeder kann und darf sich irren, sogar Wissenschaftler. Ich hätte nur die Erwartung, dass man die Zahlen und Voraussagen von Behörden- und Regierungsvertretern, die in ihren Einschätzungen so oft danebenlagen, mit etwas mehr Vorsicht genießt.

Leute wie ich würden raunen, heißt es jetzt, so als verfolgte jeder, der die Maßnahmen der Politik infrage stellt, eine verborgene Agenda. „Raunen” ist das Äquivalent zu „zündeln”. Als es noch gegen rechts ging, war dies das Wort, um einen auf die Strafbank zu schicken. Man weiß nicht genau, was gemeint ist, aber es klingt irgendwie gefährlich. Wer raunt oder zündelt, von dem hält man sich besser fern.

Es lassen sich seltsame Distanzierungsrituale beobachten. Ein Autor des „Tagesspiegel” schreibt von „sogenannten Journalisten”, die seit Wochen Fragen hätten, „die angeblich die Demokratie und den Rechtsstaat betreffen”. Damit auch jeder versteht, wie unsinnig er diese Fragen findet, setzt er „‚Fragen haben’“ in Anführungsstriche und spricht im Weiteren von den „‚Kolleginnen und Kollegen’“ ebenfalls in Anführungsstrichen. Eine Kolumnistin des „Spiegel” bezeichnet den Streit über die Corona-Politik als „Geisterdebatte”, so, als müsse man ein bisschen wirr im Kopf sein, wenn man auf Widersprüche in der Wissenschaftsgemeinde hinweist oder die Angst vor dem Virus für übertrieben hält.

Etwas ist ins Rutschen geraten. Es hat schon vorher begonnen, als es noch nicht gegen das Virus, sondern gegen den Faschismus ging. Plötzlich fanden viele Journalisten, dass es ihre Aufgabe sei, selbst aktiv zu werden, um Deutschland vor einem Rückfall in finstere Zeiten zu bewahren. Das Virus ist noch gefährlicher und tödlicher als der Faschismus, also verdoppelt man die Anstrengungen.

Aufmerksame Leser könnten jetzt einwenden, dass ich mich doch ebenfalls an anderen Journalisten abarbeite. Natürlich tue ich das, mit Wonne sogar. Aber ich denke, ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich Leute, deren Meinung ich nicht teile, deshalb noch lange nicht aus dem Kollegenkreis ausschließe. Ich verschicke auch keine Bilder mit Sterbezahlen, um sie ins Unrecht zu setzen, oder Fotos von Intensivstationen, versehen mit dem Zusatz: „Na, glücklich jetzt, Ihr Lockdown-Gegner?”

Ich will mich nicht beklagen. Im Zweifel haben sie mich beim „Tagesspiegel” oder beim „Stern” immer schon für einen überschätzten Fatzke gehalten. Ich lebe ganz gut davon, dass mich einige Leute nicht mögen. Es geht auch nicht um Denkverbote. Man kann in Deutschland denken, was man will. Man findet sogar meist eine Plattform, auf der man das, was man denkt, der Allgemeinheit zugänglich machen kann. Was mich stört, ist, wenn so getan wird, als sei es unanständig, bei moralisch kniffligen Fragen eine Minderheitenmeinung zu vertreten. Oder wenn Journalisten glauben, sie dienten einer höheren Wahrheit.

Vor ein paar Tagen hat ein Kollege der „Süddeutschen Zeitung” auf Twitter einen Kommentar an meine Adresse hinterlassen. Manche sogenannten Intellektuellen hätten nicht verstanden, dass das Virus kein Diskurspartner sei, mit dem man freudig um das beste Argument ringen könne, schrieb er. Hier liegt ein Missverständnis vor. Ich will nicht mit dem Virus diskutieren, sondern mit den Menschen, die glauben, sie seien seine Propheten.

Das Virus spricht nicht zu uns, es hat keinen Willen und keine Stimme. Die Natur spricht grundsätzlich nicht zu uns, anders, als manche meinen. Es gibt allerdings Leute, die so tun, als spräche das Virus zu ihnen, und die glauben, sie hörten eine Botschaft, die andere nicht hören können. So funktionierten früher Priesterstaaten.

Ich habe vergangene Woche darüber geschrieben, wie sehr mich vieles an die Flüchtlingskrise erinnert. Ein Punkt, den ich ausgespart hatte, war die Rolle der Medien. Eine Reihe von Untersuchungen hat gezeigt, dass sich damals bei vielen Deutschen das Gefühl verfestigte, die Mehrheit der Presse würde nicht umfassend und unvoreingenommen berichten. Wir sollten aufpassen, dass sich das nicht wiederholt.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, nun wahrlich kein Fahrensmann von mir, hat in einem Interview mit dem „Standard” seinen Eindruck formuliert, dass der politische Journalismus in der Corona-Berichterstattung zu sehr dem Blick der Virologen gefolgt sei. Am Anfang habe es kaum eine andere Möglichkeit gegeben, als einen situativ bedingten Verlautbarungsjournalismus zu betreiben. Aber je länger die Krise anhält, desto mehr bräuchte es Distanz und Debatte. „Eine Orientierung an Expertenmonopolen ist, prinzipiell gesprochen, nie gut. In Zeiten einer derart dramatischen Krise wird sie gefährlich.” Ich wüsste nicht, wie ich es besser sagen könnte.

Der Corona-Staat

Vieles erinnert in diesen Tagen an die Flüchtlingskrise: die Allianz des linken Lagers mit der Kanzlerin. Die Spaltung in ein helles und ein dunkles Deutschland. Das Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Ausland

Vor ein paar Tagen stieß ich bei Twitter auf einen Eintrag der Grünen-Politikerin Renate Künast. Frau Künast hatte das ZDF-„Morgenmagazin“ gesehen und dabei auch ein Interview mit Wolfgang Kubicki von der FDP wahrgenommen. Das Interview hatte sie empört. „So kommt man ins Moma. Ich glaub’s langsam nicht mehr“, schrieb sie. Den Ausschnitt, der sie so aufgebracht hatte, dass sie ihre Empörung mit der Welt teilen musste, heftete sie gleich bei.

Ich bin ein neugieriger Mensch. Was hat Kubicki jetzt wieder angestellt, fragte ich mich. Hat er die Kanzlerin beleidigt? Hat er gesagt, dass man den Zahlen des Robert Koch-Instituts nicht trauen dürfe? Ich habe mir den Ausschnitt daraufhin angesehen. Ich war enttäuscht.

Alles, was Kubicki im „Morgenmagazin“ zu sagen hatte, war, dass er es unverschämt finde, wenn die Kanzlerin erkläre, dass man keine Diskussionen über Lockerungen führen solle. Es sei die Pflicht eines Abgeordneten, nach der gesetzlichen Grundlage von Freiheitsbeschränkungen zu fragen. Für mich klang das nach einer Selbstverständlichkeit und Wann haben wir es das letzte Mal erlebt, dass eine der bekanntesten Vertreterinnen der Grünen Kritik an einer CDU-Kanzlerin so unerhört findet, dass sie am liebsten Frühstücksfernsehverbot für den Kritiker fordern würde? Ich war versucht zu schreiben: verrückte Zeiten. Aber dann fiel mir ein, dass wir das schon einmal erlebt haben. Es ist ziemlich genau viereinhalb Jahre her, dass die Grünen jeden Abend ein Kerzlein für Angela Merkel ansteckten, damit der Herrgott sie beschützen und ihre Feinde in den Staub werfen möge.

Die Corona-Krise sei einzigartig, heißt es, aber wenn man länger darüber nachdenkt, erinnert vieles an den Herbst 2015, als die Flüchtlingskrise Fahrt aufnahm. Alles ist wieder da: die Allianz des linken Lagers mit der Regierungschefin der Union. Der Stolz auf die vorbildliche deutsche Art, mit der man die Herausforderungen meistert. Die Ungeduld mit abweichenden Meinungen. Die Spaltung der Gesellschaft in ein helles und ein dunkles Deutschland.

Das helle Deutschland ist in diesem Fall das Deutschland, das jeden Tag in den Abgrund blickt – das ist eine der überraschenden Wendungen der Corona-Krise. In der Flüchtlingskrise war es den Merkel-Unterstützern ein Anliegen, Ängste zu zerstreuen und Zuversicht zu verbreiten. Die Zahlen seien gar nicht so bedrohlich, sagten sie, Deutschland könne in Wahrheit noch viel mehr Flüchtlinge vertragen. Es war ein Mutmacher-Programm.

Jetzt üben sich die Leute, die treu zur Regierung stehen, darin, die Zukunft in möglichst düsteren Farben zu malen. Wer nicht einstimmt in den Chor der schwarzen Prophetie, gilt als Bruder und Schwester Leichtsinn, die sich selbst und damit auch alle andern gefährden, da das Virus bekanntlich von einem zum anderen überspringt.

Eine der Erwartungen an die Krise war, dass mit den Umwälzungen, die das Land erfasst haben, links und rechts als politische Kategorien verschwinden würden. Die Hoffnung war verfrüht, wie sich zeigt. Die politischen Lager sind noch da, sie sind sogar so lebendig wie lange nicht mehr. Es gibt ein paar Freischärler, die sich nicht zurechnen lassen. Aber das ist die Ausnahme.

Wenn sich überhaupt etwas geändert hat, dann ist es die Verdächtigungswut, die alle erfasst, die aus der Reihe tanzen. Wo der Tod um die Ecke lauert, gilt jeder Scherz als frivol. Was eben noch als Provokation durchging, ist nun verantwortungsloses Gerede. Das Lachen des Anarchismus? Hochverrat! Wehe dem, der auf dem falschen Fuß beziehungsweise falschen Gedanken erwischt wird.

Was haben sie im Feuilleton nicht den Theaterregisseur Frank Castorf hochleben lassen. Seine Volksbühne in Berlin war eine Pilgerstätte für alle, die sich wild und widerständig fühlten. Aber nun, wo Castorf davon redet, dass er sich von Frau Merkel nicht vorschreiben lassen wolle, wie oft er sich die Hand wasche, gilt der Rebell plötzlich als verstockter alter Mann. Dabei ist Castorf sich treu geblieben. So wie er heute über die Corona-Welt redet, hat er als Intendant über den Kapitalismus oder den Kolonialismus gesprochen. Ich mag ja Leute, die „si nix scheißn“, wie man in Bayern sagt. Aber damit bin ich offenbar in der Minderheit.

Der Seuchenstaat ist von seinem Wesen her autoritär. Deshalb kommt es notgedrungen zu Selbstwidersprüchen, wenn man ansonsten keine Gelegenheit auslässt, das Hohelied der Emanzipation zu singen. Es sind mehrheitlich Frauen, die wegen der Kinder ans Haus gefesselt sind, und es werden auch überdurchschnittlich Arbeitsplätze verloren gehen, die von Frauen besetzt werden, weil es gerade vor allem Branchen trifft, in denen viele Frauen arbeiten. Man kann das für ein Opfer halten, das für die Volksgesundheit gebracht werden muss. Aber ich finde, es gehört zur Redlichkeit, zumindest anzuerkennen, dass hier zwei Ziele im Widerstreit liegen.

Stattdessen beklagen die gleichen Leute, die am Morgen noch vehement eine Ausweitung des Shutdown verlangt haben, am Nachmittag, welchen Rückschlag eine Verlängerung der Kita-Schließung für den Feminismus bedeuten würde. Man kann sogar in einem Medium beides gleichzeitig lesen, ohne dass das eine mit dem anderen in Beziehung gesetzt wird. Manchmal auch von derselben Person.

Warum wird der Streit so erbittert geführt? Der Einsatz ist hoch, wo geht es sonst um Leben und Tod? Aber dahinter steht auch eine politische Agenda. Es ist kein Zufall, dass die neue Frontlinie entlang der alten politischen Lagergrenze verläuft. Wer links denkt, neigt im Augenblick dazu, jede Aufweichung des Corona-Regimes für eine Gefahr zu halten. Wer eher rechts eingestellt ist, erinnert daran, dass auch ohne Corona in Deutschland gestorben wird.

Ich glaube, dass viele im Grunde nichts dagegen haben, wenn der Staat wieder mehr zu sagen hätte. Den selbstständigen Unternehmer kennt man links der Mitte ohnehin nur vom Lesen. Der einzige Selbstständige, den man hier zu seinen Bekannten zählt, ist der Lebenskünstler, der sich von Projekt zu Projekt hangelt. Das wird es im Zweifel auch weiterhin geben, dann eben staatsfinanziert.

Mit dem Geld des Staates sind Erwartungen verbunden. Wohin die Reise geht, haben dieser Tage Vertreter der Linkspartei angedeutet. Der Flugverkehr gehöre mit einem Einstieg bei der Lufthansa unter demokratische Kontrolle gebracht, die Regierung müsse künftig entscheiden, wer wohin fliegen dürfe. Auch so nimmt der Corona-Staat langsam Form an.

Einer der angenehmen Nebeneffekte der Flüchtlingskrise war das Gefühl, den Nachbarn, wenn schon nicht historisch, dann doch moralisch überlegen zu sein. Niemand sollte die Deutschen an Großzügigkeit und Fremdenliebe übertreffen können. Diesmal ist es die vergleichsweise geringe Sterbezahl, aus der das helle Deutschland sein Selbstbewusstsein bezieht. Die Bewunderung des Auslands gilt als Beweis, dass man eben doch tüchtiger, vorausschauender und disziplinierter ist als der arrogante Amerikaner oder der unzuverlässige Südländer.

So ist der tägliche Vergleich der Corona-Statistiken beides: Bestätigung des eigenen Überlegenheitsgefühls und Anlass zur Sorge, dass der Triumph schon morgen zerronnen sein könnte, wenn man die Disziplin schleifen lässt. Vielleicht erklärt das die enorme Reizbarkeit. Zur Angst vor dem Virus kommt die Furcht vor der Demütigung, am Ende als Deutscher nicht besser dazustehen als der Bruder Leichtfuß auf der anderen Seite der Alpen.

Der ewige Lockdown

Der Ausnahmezustand wurde gerade erst gelockert, und schon droht die Kanzlerin, die Deutschen wieder einschließen zu lassen, wenn sie sich nicht zu benehmen wissen. Das sei unausweichlich, sagt sie. Ist es das?

Der Chef des Kanzleramts, Helge Braun, hat der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ein Interview gegeben. Darin führte er aus, wie er und die Kanzlerin auf die Lage im Land sehen. Oberstes Ziel sei es, die Zahl der Corona- Infizierten zu senken, sagte er. „Dahinter steht die Wirtschaft erst mal einen großen Schritt zurück.” In der Krise finde der Mensch zu sich selbst, heißt es. Das gilt im Zweifel auch für Parteien und Regierungen.

Wen meint der deutsche Kanzleramtschef, wenn er von „der Wirtschaft” spricht? Offensichtlich nicht Sie und mich, sonst hätte er ja davon gesprochen, dass wir alle für das Ziel, der Senkung des Krankenstands, zurücktreten müssten. Vielleicht denkt Helge Braun an das Geschwisterpaar Quandt und seine BMW-Anteile. Oder die Familienunternehmer, die ihn mit ihr en Sorgen bestürmen, weil ein Viertel vor dem Konkurs steht.

Mir ist der Satz nicht mehr aus dem Kopf gegangen. So sieht die Bundesregierung also auf Deutschland (oder vielleicht sollte man besser sagen, der entscheidungsrelevante Teil der Regierung): Hier stehen wir, der Staat, das Gemeinwesen, die Gesellschaft – dort steht die Wirtschaft, die nicht richtig dazugehört und auch nie richtig dazugehören wird. Es ist ein Denken, wie ich es aus dem Gemeinschaftskunde- Unterricht der Oberstufe erinnere. Der Gemeinschaftskunde- Lehrer hieß Randolf Retzlaff und war DKP-Mitglied, was mich insofern beeindruckte, als eine Mitgliedschaft in der DKP Ende der siebziger Jahre bei Lehrern noch ernste Konsequenzen nach sich ziehen konnte.

Ich habe mir den Lebenslauf von Helge Braun angesehen. In den Zeitungen steht, er sei Arzt. Das klingt vertrauenerweckend, gerade in der jetzigen Zeit. Ich würde allerdings eher davon absehen, mich bei ihm in Behandlung zu begeben.

Wenn ich es richtig sehe, hat Braun nie wirklich als Mediziner gearbeitet. Schon ein Jahr nach Abschluss des Studiums wechselte er als Abgeordneter in den Bundestag. Zwischenzeitlich war er noch mal wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni-Klinik in Gießen, vorübergehend hatte er sein Mandat verloren. 2009 kehrte er dann ins Parlament zurück, wo er seitdem für die CDU sitzt.

Man kann es auch anders ausdrücken: Die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen, die Helge Braun und seine Chefin verfügen, werden ihn selbst nie betreffen. Der Berufspolitiker wird niemals Kurzarbeitergeld beantragen müssen, er ist auch nicht von Arbeitslosigkeit bedroht. Seine Rente ist sicher, komme, was da wolle.

Ist es unfair, auf die Versorgungslage der politischen Entscheidungsträger hinzuweisen? Ich finde nicht. Wer nachts nicht in den Schlaf kommt, weil ihn die Schulden drücken, sieht anders auf die Lage der Wirtschaft als jemand, der weiß, dass ihm finanziell nichts passieren kann. Sehen Sie es mir nach, aber für mich bestimmt nach wie vor das Sein das Bewusstsein, da halte ich es mit meinem alten DKP-Lehrer Retzlaff.

Es gibt die Willkür der Macht. Es gibt die Arroganz der Macht. Es gibt auch die Arroganz der wohlmeinenden Macht. Wir sind in der ersten Woche seit der vorsichtigen Öffnung des Ausnahmezustands, und schon werden wir ermahnt, dass man uns die Freiheiten wieder entziehen müsse, wenn wir uns nicht stärker am Riemen reißen. „Wenn ihr euch nicht benehmt, schicke ich euch wieder in den Lockdown.” Das war die Botschaft der Kanzlerin ans Volk, nachdem sie sich zuvor schon in kleiner Runde über unsinnige „Lockerungsdiskussionsorgien” beklagt hatte.

Sie hat es etwas anders gesagt. „Ein erneuter Shutdown wäre bei erneutem exponentiellem Wachstum unvermeidlich”, waren ihre Worte. „Unvermeidlich” ist ein typisches Merkel-Wort, sozusagen das epidemiologische Äquivalent zu „alternativlos”. Am Anfang ihrer Karriere hat sich für die Kanzlerin der Spitzname „Mutti” eingebürgert, das war immer schon Unsinn. Merkel ist keine Mutti. Sie ist die strenge Internatsleiterin, die aufpasst, dass keiner aus der Reihe tanzt. Sie kann dabei auch lächeln. Man sollte sich von ihrem Lächeln nur nicht täuschen lassen.

Wenn es nach Angela Merkel ginge, könnte der Ausnahmezustand ruhig noch etwas länger anhalten. Endlich kann sie so regieren, wie sie es für richtig hält. Es gibt keine lästigen Fraktionssitzungen mehr, in denen ohnehin die falschen Leute das große Wort führen. Es gibt keine Opposition, die den Namen verdient, und kein richtiges Parlament, auf das sie Rücksicht nehmen müsste. Stattdessen kann sie sich jetzt den ganzen Tag mit Wissenschaftlern austauschen, was ihr schon immer das Liebste war.

Pressekonferenzen unter Corona? Ein Spaziergang. Die Kanzlerin steht vorne am Pult, die Journalisten einzeln vor ihr aufgereiht in sicherem Abstand. Wenn doch mal einer eine kesse Frage wagt, sagt sie: Sorry, aber wir tun nur das, was uns die Wissenschaft sagt. Ich verstehe Merkel, wenn sie nicht darüber nachdenken möchte, den Ausnahmezustand zu schnell zu beenden.

Die Kanzlerin wird allenthalben für ihre umsichtige, sachliche Art gerühmt. Das Gedächtnis ist in der Krise zum Glück kurz. Es ist vier Wochen her, dass ihr Gesundheitsminister vor die Presse trat und von der „Ruhe vor dem Sturm” sprach. Dann hieß es, die Situation sei beherrschbar geworden. Jetzt hören wir, dass die Lage extrem fragil sei, ja dass uns das Schlimmste möglicherweise erst bevorstehe.

Ich weiß nicht, wie man solches Vorgehen in der Psychologie nennt. Schocktherapie? Manche Menschen stumpfen allerdings ab, wenn sie in kurzer Zeit zu viele schlechte oder widersprüchliche Nachrichten erhalten. Die Psychologen sprechen in dem Fall von Desaster Fatigue.

Wie wäre es zur Abwechslung damit: Statt den Bürgern damit zu drohen, sie alle wieder einzuschließen, könnte man dafür sorgen, dass die naheliegenden Dinge funktionieren, die Entwicklung einer Daten-App zum Beispiel. Wir wissen aus Südkorea und Taiwan, dass die Zusammenführung von Bewegungsdaten bei der Beherrschung der Pandemie eine zentrale Rolle spielt.

Nach allem, was man lesen kann, gerät der Versuch hierzulande gerade zum Desaster. Die beteiligten Wissenschaftler zerstreiten sich über Details des Datenschutzes und tragen ihre Händel auf Twitter aus, darunter auch die Experten des bundeseigenen Helmholtz-Zentrums. Dazu habe ich noch kein Wort der Kanzlerin gehört. Dabei würde eine Ermahnung hier möglicherweise segensreich wirken, wer weiß.

Unvermeidlich? Das wird man noch sehen. Seuchenschutz bietet den Autoritäten zum Schutz der Allgemeinheit weitreichende Handhabe. Der Seuchenschutz erlaubt zum Beispiel, einem Hühnerbauern unter Missachtung sämtlicher Freiheits- und Eigentumsrechte sofort den Betrieb dichtzumachen, wenn sich Anzeichen eines Grippe- Ausbruchs bei seinem Federvieh zeigen. Jetzt hat man über Nacht 83 Millionen Deutsche in den Hühnerstall gesteckt und die Tür verrammelt. Das ist auch rechtspolitisch ein einzigartiges Experiment.

Wenn man die Kommentare von Verfassungsrichtern liest, spürt man in jeder Zeile das Unbehagen angesichts der dürftigen Rechtsgrundlage. Die langjährige Richterin am Bundesverfassungsgericht, Gertrude Lübbe-Wolff, hat in einem Beitrag für die FAZ darauf hingewiesen, dass alle freiheitsbeschränkenden Maßnahmen, die einen Ausbruch des Virus lediglich in die Zukunft verlegen, sinnend damit auch rechtswidrig seien. „Aktionen, mit denen drohende katastrophische Entwicklungen im Wesentlichen nur vom März in spätere Monate verschoben würden, sind nicht zu rechtfertigen”, schrieb sie.

Die einzige Lösung, die demnach der Verfassung entspräche, wäre ein Shutdown, der das Virus zum Verschwinden bringt. Der nächste Shutdown müsste also sehr, sehr lange andauern. Deshalb mein Rat: Verärgern Sie die Kanzlerin nicht. Ziehen Sie sich die Maske an und halten ordentlich Abstand!

Rhetorik der Angst

Es gibt ein neues Wort für Leute, die jetzt zu viel Freiheit verlangen. Man spricht von Corona-Leugnern. Darunter fallen auch alle, die die Zahlen der Regierung in Zweifel ziehen. Oder die Einhaltung von Verfassungsrechten anmahnen

Neunzig Prozent der Deutschen sind mit den von der Politik verfügten Ausgangsbeschränkungen einverstanden, hat eine Umfrage ergeben. Mich hat diese Zahl aufhorchen lassen. Sie hat mich auch ein wenig erschreckt. Wann hatten wir in Deutschland zuletzt Zustimmungswerte von 90 Prozent? Das haben nicht einmal Bismarck oder der „Führer“ geschafft, soweit ich das sehe, geschweige denn eine demokratisch gewählte Regierung.

Neunzig Prozent sind also dafür, dass man in Bayern zwischenzeitlich kein Buch in der Öffentlichkeit lesen durfte, ohne dass man in Konflikt mit der Ordnungsmacht geriet? Dass jeder, der in Brandenburg in einem Kanu auf einen See hinauspaddelt, angehalten und zurück ans Ufer eskortiert wird? Dass man in Hamburg nur noch zu sechst um ein Grab stehen darf, weil das die gesetzlich vorgeschriebene Größe der Trauergemeinschaft ist?

Wahrscheinlich ist es eine Déformation professionnelle, aber immer, wenn die Mehrheiten zu groß werden, bekomme ich ein Gefühl der Beklemmung. Mir wird unheimlich, wenn sich zu viele Leute einig sind. Ich würde nicht so weit gehen, aus Prinzip das Gegenteil zu vertreten. Es wäre kindisch, nur aus Trotz eine abweichende Position einzunehmen. Aber ich finde, man sollte sich zumindest auf die Möglichkeit einstellen, dass man die Dinge auch ganz anders sehen kann. Das erweitert den Horizont. Manchmal verhindert es sogar Fehlentscheidungen.

Im Augenblick läuft die Diskussion so: Alle schauen auf die Kanzlerin. Wenn die Kanzlerin sagt, dass es zu früh sei, über eine Lockerung des Ausnahmezustands nachzudenken, lautet der Konsens, dass es zu früh sei, über Lockerungen nachzudenken. Wenn die Kanzlerin zu erkennen gibt, dass sie es für angebracht hält, über eine graduelle Rückkehr zur Normalität zu reden, heißt es, eine graduelle Rückkehr sei möglich. Aber Vorsicht: nicht zu viel auf einmal davon!

Schon offene Freude über gute Nachrichten trägt einem Tadel ein. Als vergangene Woche der Bonner Virologe Hendrik Streeck Zahlen präsentierte, denen zufolge die Pandemie weniger tödlich verläuft als befürchtet, konnte man lang und breit lesen, warum die Studie womöglich nicht allen wissenschaftlichen Standards genüge. Es gibt geradezu eine Lust an der düsteren Zahl. Wer auf die sinkende Kurve der Neuinfektionen verweist, wird ermahnt, dass er falsche Hoffnungen wecke. Hoffnung sei schädlich, heißt es. Wenn die Leute Hoffnung hätten, würden sie nachlässig.

Wir verfügen über ganze Enzyklopädien zum mündigen Bürger, in jeder Sonntagsansprache gebührt ihm der Ehrenplatz. Aber wenn es ernst wird, vertraut die Politik doch lieber auf die schwarze Pädagogik. Mit dem Menschen im Lockdown verhält es sich wie mit einem trockenen Alkoholiker: eine Unvorsichtigkeit, und alles, was in mühsamer Arbeit erreicht wurde, ist verloren.

Oder wie es die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli formulierte: „Jede Lockerung setzt voraus, dass wir bleibende Einschränkungen absolut befolgen. Freiheit kommt in kleinen Schritten zurück oder gar nicht. Jede Party jetzt wirft uns alle zurück.“ Deshalb können Lockerungen auch nur auf Bewährung zugestanden werden. Wenn sich die Bevölkerung der Freiheiten nicht würdig erweist, die man ihr gewährt, ist es schnell wieder vorbei mit der Großzügigkeit. Dann heißt es eben: oder gar nicht!

Es gibt schon ein neues Wort für Leute, die zu viel Freiheit auf einmal verlangen. Man spricht von Corona-Leugnern. Niemand bestreitet die Existenz des Virus, nicht einmal der Corona-Leugner. Das ist mit dem Wort auch nicht gemeint. Gemeint sind Leute, die im Kopf Party machen, indem sie die Zahlen der Regierung in Zweifel ziehen. Oder auf Widersprüche in der Argumentation hinweisen. Oder wie die Schriftstellerin Juli Zeh die Einhaltung von Verfassungsrechten anmahnen.

Auf dem Journalismus liegt naturgemäß ein besonderes Augenmerk. Mit einem der landesweit bekanntesten Corona-Leugner, dem Publizisten Jakob Augstein, habe ich vergangene Woche einen Podcast gestartet. Er heißt „The Curve“, nach der Ansteckungskurve, die es zu senken gilt.

Ich hatte alle mögliche Kritik erwartet: dass wir zu oberflächlich seien, zu unoriginell, zu wenig ernsthaft angesichts des ernsten Themas. Aber der Einwand, der kam, war viel grundsätzlicher. Er lautete, dass wir uns als Journalisten mit einem Thema befassen würden, das man besser den Experten überlassen sollte. Das Argument wurde ausgerechnet von einem der bekanntesten Medienkritiker des Landes, Stefan Niggemeier, vorgetragen. Ich hätte verstanden, wenn ein Mediziner oder ein Mathematiker den Einwand formuliert hätte. Aber ein Journalist?

Die Rhetorik der Angst kennt keine Fragen, nur Antworten. Ihr Sujet ist das Absolute, ihre Grammatik die der Verfügung. Wer abwägt oder nach der Verhältnismäßigkeit d er an geordneten Maß – nahmen fragt, setzt sich dem Vorwurf aus, es mit d er Mor al nicht so genau zu nehmen. Er wolle wohl Wirtschaftsdaten gegen Menschenleben aufrechnen, heißt es dann. Dabei müsste man aus meiner Sicht im Gegenteil viel mehr fragen und abwägen.

Es werden jetzt verschiedene Modelle erwogen. Eines sieht vor, dass man alles tut, um die Alten und Schwachen zu schützen. Das klingt christlich. Aber hat jemand die Alten und Schwachen gefragt, ob sie wirklich alle den maximalen medizinischen Schutz wollen? Ist es nicht vorstellbar, dass viele Menschen ab einem gewissen Alter finden, dass ein Leben in der Selbstisolation es nicht wert ist, dass man dafür nahezu alles an sozialer Begegnung opfert?

An dieser Stelle erlaube ich mir eine ganz persönliche Einschätzung. Am Mittwoch vergangener Woche ist mein Vater in einem Altenheim in Hamburg gestorben. Er war 90 Jahre alt. Das Ende hatte sich seit einigen Wochen angekündigt, dennoch blieb meinem Bruder und mir keine Gelegenheit mehr, uns von ihm zu verabschieden.

Das Altenheim lässt seit März keine Verwandtenbesuche mehr zu, um die Bewohner nicht zu gefährden. Nur für meine Mutter wurde eine Ausnahme gemacht. Ich bin dafür dankbar. Auch wenn mein Vater in den letzten Monaten nicht mehr alles mitbekam, was um ihn herum geschah, so spürte er doch, wenn jemand von uns im Raum war. Es würde mich sehr quälen, wenn ich wüsste, dass er völlig vereinsamt gestorben wäre.

Ich habe Verständnis für die Quarantänebestimmungen.

Natürlich frage ich mich manchmal, ob eine Verlängerung des Lebens um einige Wochen oder Monate den Preis wert ist, den man dafür entrichten muss. Aber so ist es nun einmal entschieden worden. Außerdem sind nicht alle im Heim so alt, wie mein Vater es war. Jeder trifft für sich eine andere Risikoabwägung.

Ich habe nur einen Wunsch. Ich will nicht mehr hören, dass ich gut reden hätte. Meine Familie hat ihren Preis für die Einhaltung der Corona-Regeln bezahlt, würde ich sagen. Ich weiß im Gegensatz zu manchen, die auf der Kanzel stehen und über den Wert des Lebens predigen, was es heißt, wenn der Schutz desselben absolut gesetzt wird.

Umfragen sind trügerisch. Angeblich wünscht sich eine Mehrheit, dass die Ausgangsbeschränkungen bis in den Mai hinein verlängert werden. 16 Prozent hätten sogar gern noch strengere Regeln. Gleichzeitig zeigt die Auswertung der Bewegungsdaten von Handys, dass immer mehr Bürger die Ausgangsbeschränkungen missachten oder umgehen.

Mein Eindruck ist, dass viele denken, der Staat werde es schon richten. Wenn sich herumzusprechen beginnt, dass auch der eigene Arbeitsplatz in Gefahr ist, wird die Regierung plötzlich daran gemessen werden, was sie zur Rettung der Wirtschaft getan hat. Wir haben das in der Flüchtlingskrise gesehen: Dieselben Leute, die gestern noch die Willkommenskultur begrüßten, sind morgen oft die Ersten, die eine striktere Grenzpolitik fordern.

Wie tödlich ist das Virus?

Die Regierung sagt, sie folge bei ihren Entscheidungen zum Ausnahmezustand der Zahl der Neuinfektionen. Das klingt wissenschaftlich und rational. Leider weiß nur niemand, wie viele Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert sind

Es sei zu früh, über eine Lockerung des Ausnahmezustands nachzudenken, hat die Bundeskanzlerin gesagt. Ist es zu früh? Und wann wäre der richtige Zeitpunkt gekommen? Angela Merkel hat einen Hinweis gegeben, was sie für opportun hält. Sie hat gesagt, dass man über eine schrittweise Rückgabe der Freiheitsrechte an den Bürger nachdenken könne, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen nur noch alle zwölf Tage verdoppeln würde. Besser sei im Abstand von 14 Tagen. Vor drei Wochen, als die Regierung den Ausnahmezustand über Deutschland verhängte, lag die Verdoppelungsrate bei vier Tagen. Anfang der Woche war man bei zehn angekommen.

Zwölf Tage klingt nach einem Wert, an dem man sich orientieren kann, etwas Greifbarem, woran sich Erfolg oder Misserfolg der angeordneten Maßnahmen messen lassen. Die Zahl nimmt den Entscheidungen der Regierung die Willkürlichkeit, deshalb hat sie Kanzleramtschef Helge Braun noch einmal ausdrücklich wiederholt. Seht her, soll das heißen: Wir handeln streng rational und im Einklang mit dem, was die Forschung uns sagt.

Das klingt beruhigend. Man sollte nur nicht den Fehler machen, genauer nachzufragen, wie die Zahlen, auf denen die Entscheidungen der Regierung basieren, zustande kommen. Ich lese fast alles, was man zu dem Thema finden kann. Ich sehe mir jeden Tag die Reproduktionsraten des Virus an. Ich will alles wissen und verstehen. Aber je mehr ich lese, desto mehr Fragen stellen sich mir. Man sollte meinen, dass die Wissenschaft den Verlauf der Pandemie mit jedem Tag genauer einschätzen kann, aber selbst über Grundsätzliches herrscht nach wie vor Unklarheit. Die Wahrheit ist: Je näher man herantritt, desto uneinheitlicher wird die Stimme der Forschung.

Nehmen wir die Fallzahl, die man im Kanzleramt zur entscheidenden Größe erkoren hat. Als ich diese Zeilen schreibe, haben sich knapp 100 000 Menschen in Deutschland am Corona-Virus angesteckt. Das ist d er Wert, den das Robert Koch-Institut nennt. Das Exakte erweckt immer Vertrauen. Mathematik ist immun gegen Meinungen, Vorlieben o der Interessen, das macht sie so überzeugend. Doch das, was uns als Zahl der Infizierten genannt wird, ist nicht die Zahl derjenigen, die sich mit dem Virus angesteckt haben. Es sind die Infizierten, von denen man weiß, dass sie infiziert sind. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Tatsächlich lässt sich aus der Tatsache, dass die Zahl der Infizierten steigt, noch nicht einmal ein Rückschluss auf die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus ziehen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Geschwindigkeit beschleunigt, wenn die Zahl der erkannten Virusträger stark zunimmt. Aber genau weiß man es nicht, weil ständig die Bezugsgrößen geändert werden. Oder man die Kontrolle verschärft.

Mitte März vervierfachte sich binnen zwei Wochen die Zahl der vom Covid-19-Virus Befallenen. In derselben Zeit hatten allerdings die Gesundheitsämter ihre Testkapazitäten deutlich ausgeweitet, wie aus einer dieser Tage veröffentlichten Auswertung hervorgeht. Außerdem war man dazu übergegangen, den Kreis der Getesteten noch stärker auf Leute zu beschränken, bei denen es ein en begründeten Verdacht gab, dass sie sich mit dem Coronavirus angesteckt hatten. Beides hat einen erheblichen Einfluss auf die Fallzahlen. Es ist wie mit der Kriminalitätsstatistik: Je mehr Polizei man auf die Straße schickt, desto mehr Kriminalität findet man. Das ist nahezu unweigerlich so.

Ein Kollege berichtet mir von seinem Bruder, der in Süddeutschland einen großen Handwerksbetrieb unterhält. Der Bruder hat 15 Angestellte. Fünf sind erkrankt, vermutlich an Corona. Alle zeigen die typischen Symptome, aber wirklich weiß man es nicht. Der Bruder hat sich testen lassen, nachdem er nichts mehr roch. Er hatte Chlorreiniger bestellt, um seine Werkstatt zu säubern, und dachte erst, sie hätten ihn beschwindelt und ihm Wasser verkauft, bis er darauf kam, dass der Geruchsverlust ein Symptom der neuen Krankheit sein könnte.

Ebenfalls positiv getestet: ein Mitarbeiter, den es so heftig erwischt hat, dass er ins Krankenhaus musste. Für die andern gilt: Selbstdiagnose und Selbstquarantäne. Auch die Familienangehörigen, die vermutlich ebenfalls infiziert sind, haben nie einen Arzt gesehen. Das heißt, in diesem Fall haben wir: zwei positiv Getestete sowie mutmaßlich zehn bis zwölf Menschen, die sich mit Covid-19 angesteckt haben, die aber nie in einer Statistik auftauchen werden, schon gar nicht in der des Robert Koch-Instituts.

Es gibt eine Reihe von Hinweisen, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten deutlich unterschätzt wird. Aus Dänemark kam Anfang der Woche die Nachricht, dass man in 27 von 1000 Blutproben, die man einer Stichprobe unterzog, Antikörper entdeckt hat. Die Stichprobe gilt als repräsentativ genug, um daraus einen Rückschluss auf den Durchseuchungsgrad der dänischen Bevölkerung zu ziehen.

Rechnet man die Zahl auf Deutschland hoch, würde das bedeuten, dass in Wahrheit bereits über zwei Millionen Bürger infiziert sind. Das wäre dann das 22-Fache der offiziell ausgewiesenen Zahl. Da beide Länder beim Verlauf der Pandemie nicht weit auseinanderliegen, ist die Annahme nicht so unplausibel. Man weiß, dass gut die Hälfte der Infizierten keine Symptome zeigt und den Virus deshalb unwissentlich weiterträgt. Das macht Sars- CoV-2, wie das Virus korrekt heißt, ja auch so flink.

Was bedeutet das für die Sterberate? Enorm viel. Es bedeutet zum Beispiel, dass die Letalität des Virus möglicherweise deutlich geringer ist als von vielen Experten vermutet. Auch wenn die Zahl derjenigen, die am Virus sterben, der Zahl der Neuinfektionen deutlich hinterherhinkt, läge die Todesrate eben nicht, wie derzeit von der WHO angegeben, bei 3,4 Prozent, sondern eher zwischen 0,1 und 0,5 Prozent.

Einer der Epidemiologen, die schon lange vermuten, dass das Virus weniger tödlich verläuft als angenommen, ist John Ioannidis von der Stanford University. Ioannidis verweist auf zwei Beispiele, die seine Argumentation stützen. Das eine ist die „Diamond Princess“, die im Februar wegen eines Corona- Ausbruchs zwei Wochen lang vor der Küste Japans festlag. Das Kreuzfahrtschiff ist ein nahezu perfektes Studienmodell, da hier eine geschlossene Gesellschaft dem Virus ausgesetzt war.

Von den insgesamt 3711 Passagieren erkrankten 697, was einer Infektionsrate von 20 Prozent entspricht. Sieben starben an den Folgen der Infektion, die Mortalität lag damit bei einem Prozent. Stellt man in Rechnung, dass die „Diamond Princess“ sehr viele ältere Passagiere an Bord hatte, und unterstellt stattdessen die normale Altersstruktur einer Gesellschaft wie den USA, sinkt die Letalitätsrate der Rechnung des Stanford-Virologen weiter, und zwar auf einen Wert zwischen 0,025 und 0,625 Prozent.

Ein anderes Beispiel, das Ioannidis anführt, ist Island, wo sich die Bevölkerung einem freiwilligen Test unterzog, der nahe an eine zufallsbasierte Stichprobe herankommt. Aus den Daten geht hervor, dass sich zum Erhebungstag 3500 Isländer, also rund ein Prozent der Bevölkerung, mit dem Virus angesteckt hatten. Bis zum 30. März war, neben einem Touristen, eine Isländerin an Covid-19 gestorben. Inzwischen sind, ausweislich der weltweiten Statistik der Johns-Hopkins-Universität, vier Tote hinzugekommen. Auch hier liegt die Sterblichkeitsrate also nicht dramatisch viel höher als bei einer schweren Grippewelle.

Ich will hier nicht den Eindruck erwecken, ich wüsste es besser als die Virologen des Robert Koch-Instituts. Ich habe Philosophie und Literaturgeschichte studiert, nicht Medizin. Ich will Sie nur dafür sensibilisieren, dass die aus Berlin kommenden Zahlen eine Gewissheit ausstrahlen, die keine ist.

Der einzige Weg, sich über die Tödlichkeit des Coronavirus Klarheit zu verschaffen, führt über Stichproben. In regelmäßigen Abständen wird eine repräsentative Gruppe von Menschen untersucht, ob sie sich angesteckt hat. Dann vergleicht man das Ergebnis mit den bereits vorliegenden Zahlen. Nur so lassen sich einigermaßen verlässliche Prognosen treffen.

In München ist jetzt erstmals ein solcher Feldversuch initiiert worden. Mit ersten Ergebnissen wird im Mai gerechnet, deutlich nach den Osterferien.

Brauchen wir einen Untersuchungsausschuss?

Regelmäßig werden Katastrophenschutzübungen abgehalten. Ganze Stäbe sind in den Ministerien mit dem Ernstfall beschäftigt. Und jetzt bricht alles zusammen, weil vergessen wurde, genug OP-Masken zur Seite zu legen?

Ich habe am vergangenen Wochenende „The Looming Tower“ auf Amazon gesehen. Di e Serie handelt von den Agenten bei CIA und FBI, die es in der Hand gehabt hätten, die Anschläge vom 11. September zu verhindern, die sich aber gegenseitig so misstrauten, dass sie lieber einander bekämpften als den Feind aus den afghanischen Bergen.

In der letzten Folge der Serie sitzt Richard Clarke, der oberste Sicherheitsberater des Präsidenten, vor der Untersuchungskommission, die das Versagen aufarbeiten soll. Vor ihm waren lauter Leute an der Reihe, die beteuerten, dass sie alles getan hätten, um die Katastrophe abzuwenden. „Your government failed you. Those entrusted with protecting you failed you. And I failed you“, beginnt Clarke seine Zeugenaussage: „Die Regierung hat Sie im Stich gelassen. Diejenigen, die mit Ihrem Schutz beauftragt sind, haben Sie im Stich gelassen. Ich habe Sie im Stich gelassen.“

Wird es auch bei uns in zwei Jahren eine Untersuchungskommission geben, die der Frage nachgeht, wie es dazu kommen konnte, dass Deutschland so schlecht auf die Corona-Krise vorbereitet war? Wird dann jemand aus der Regierung dort sitzen, der bekennt, dass man nicht das getan hat, was man hätte tun müssen?

Wir hören, dass wir das beste Gesundheitssystem der Welt haben. Wir kennen inzwischen alle die Zahl der Intensivbetten und der Beatmungsgeräte, an die die Unglücklichen angeschlossen werden, die keine Luft mehr bekommen. Wir lesen, dass ganze Stationen freigeräumt wurden, um sich auf den Ansturm der Infizierten vorzubereiten.

Aber wenn man den Berichten aus Praxen und Krankenhäusern glauben kann, dann werden die Menschen in der ersten Welle nicht sterben, weil es an Beatmungsgeräten und Intensivbetten fehlt. Sie werden sterben, weil es nicht genug Atemschutzmasken, Kittel und Handschuhe für die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger gibt, um sich zu schützen.

Was kostet eine einfache Maske? Zu normalen Zeiten drei bis sechs Cent im Einkauf. Ein Kittel, wie man ihn im Umgang mit Patienten benötigt, ist etwas teurer, aber er kostet ebenfalls nichts im Vergleich mit einem Beatmungsgerät, wie es die Firma Drägerwerk nun im Akkord herstellt. Man kann das böse Ironie nennen: Das beste Gesundheitssystem der Welt geht in die Knie, weil jemand vergessen hat, rechtzeitig genug Schutzmasken zur Seite zu legen.

Es ist nicht so, dass man nicht hätte gewarnt sein können. Regelmäßig werden in Deutschland Katastrophenschutzübungen abgehalten. In den Innen- und Gesundheitsministerien sind ganze Stäbe damit betraut, für den Ernstfall zu planen. Im Jahr 2010 spielten 3000 Experten durch, was passiert, wenn Deutschland von einer verheerenden Grippewelle getroffen wird. „Wir gehen davon aus, dass diese Pandemie früher oder später kommt“, sagte damals der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, Christoph Unger.

Was haben die Verantwortlichen in der Regierung gedacht, wie eine Pandemie verläuft? Dass sich immer nur so viele Menschen anstecken, wie es die Bestände erlauben? Oder dass es ein Land nach dem anderen trifft, sodass man jederzeit genug in China nachbestellen kann? Einige meinen, jetzt zeige sich, wie kaputtgespart das Gesundheitssystem sei. Die Gesundheitsausgaben haben sich seit 1992 von 159 Milliarden Euro auf 387 Milliarden im Jahr 2018 verdoppelt, das sind mehr als eine Milliarde Euro am Tag. Kaputtsparen stelle ich mir anders vor.

Man kann auch nicht erwarten, dass ein Land Tausende Intensivbetten nur für den Fall bereithält, dass man es mit einem Virus zu tun bekommt, bei dem sich die Zahl der Infizierten alle drei Tage verdoppelt. Aber dass genug Kleidung für das medizinische Personal auf Lager ist: Darauf sollte man eigentlich vertrauen können. Wir schreiben jedem Kreditinstitut vor, wie viel Eigenkapital es bereithalten muss, um für eine Krise gewappnet zu sein. Ist es zu viel verlangt, Krankenhäuser aufzufordern, sich einen Vorrat an Schutzmaterial anzulegen, der über zwei Wochen hinausreicht?

Die Bettelbriefe der Ärztekammern schwanken zwischen Wut und Verzweiflung. In Spanien sind sie jetzt dazu übergegangen, sich aus Müllsäcken Schutzkittel zu schneidern. In Italien wird geprobt, ob man OP-Masken mehrfach benutzen kann, wenn man sie desinfiziert. Man kann einen Trost darin sehen, wenn man will, dass es anderen nicht anders geht. Aber ich hatte ehrlich gesagt gedacht, dass wir besser gerüstet seien. Hieß es nicht immer, die Lage bei uns sei mit der in Italien und Spanien nicht zu vergleichen?

Wenn man nach einem Symbol der Krise sucht, dann ist es der Mundschutz. Ich habe mich ausführlicher mit dem Thema beschäftigt, seit ich vor drei Wochen eine Empfehlung des Robert Koch-Instituts sah, in der vom Tragen abgeraten wurde. Erstens würden Masken bei Nichterkrankten nichts bringen, stand da, und zweitens bräuchte man sie im Krankenhaus, wo Pfleger und Ärzte engen Kontakt mit Infizierten hätten. Meine Frau, der ich davon erzählte, fand das einen seltsamen Widerspruch. Ihre Reaktion war, im Internet zu schauen, ob man nicht noch etwas bestellen könne.

Ein anderes Argument lautete, Masken würden im Alltag nicht funktionieren, weil die meisten Menschen nicht wüssten, wie man sie richtig aufsetzt. Auch das ist nicht besonders überzeugend, wenn man darüber nachdenkt. Die meisten Menschen wissen augenscheinlich auch nicht genau, wie man sich gescheit die Hände wäscht. Trotzdem kommt niemand auf die Idee zu sagen: Okay, dann lasst es doch. Stattdessen stellt man überall Hinweisschilder auf und erklärt den Leuten, wie sie unter dem zweifachen Absingen von Kinderliedern befriedigende Waschergebnisse erzielen.

Auch die Masken-Forschung macht Fortschritte, wenn ich es richtig sehe. Der neueste Kenntnisstand sagt: Ja, ein einfacher Mundschutz hilft nicht zuverlässig, aber etwas Schutz ist immer noch besser als keiner. Noch zwei Wochen, und auch wir stehen vor der Entscheidung, ob man Maskentragen in der Öffentlichkeit nicht zur Pflicht machen sollte. Leider wird es eine weitgehend akademische Diskussion sein, wenn es nicht gelingt, die Heimproduktion anzukurbeln. Kleiner Tipp: Offenbar eignen sich Kaffeefilter ganz hervorragend, wenn man sie mit einem Gummiband am Kopf befestigt.

Wir haben im Bundestag schon aus den nichtigsten Gründen Untersuchungsausschüsse eingesetzt. Wir haben einen Untersuchungsausschuss mit der Klärung der Frage betraut, warum unter Rot-Grün in der deutschen Botschaft in Kiew zu viele Visa ausgegeben wurden. Wir beschäftigen seit Monaten einen Untersuchungsausschuss, weil man im Verteidigungsministerium bei der Vergabe von Beratungsaufträgen die Ausschreibungsrichtlinien nicht ganz korrekt eingehalten hat. Damit verglichen, wäre ein Untersuchungsausschuss zur Corona-Krise eine lohnende Sache.

Ein Untersuchungsausschuss gibt auch Gelegenheit, Missverständnisse aufzuklären. Man könnte zum Beispiel Außenminister Heiko Maas befragen, warum er im Februar 14 Tonnen an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln nach China liefern ließ, ohne vorher einmal in den Keller zu gucken, was dann noch übrig sein würde. Auf eine Anfrage des Recherchenetzwerks „Correctiv“, wie sich dies auf die Lagerbestände in Deutschland ausgewirkt habe, teilte das Auswärtige Amt Anfang März mit, dass die Bundesregierung grundsätzlich dafür Sorge trage, „dass Spenden im humanitären Bereich keinen negativen Einfluss auf die Versorgungssituation in Deutschland haben“.

Diese Erklärung darf man als überholt betrachten.

Die Politik der Epidemiologie

Die Medizin empfiehlt der Gesellschaft die Selbstabschließung, nur so ließe sich Leben retten. Aber auch der Kollaps des wirtschaftlichen Lebens fordert Tausende Tote. Man sieht sie nur nicht gleich

Jede Krise hat ihre Priester. Nach 9/11 waren es die Terror-Experten, die in den Talkshows die Zuschauer in die Geheimnisse der islamischen Netzwerke einführten. Nach der Finanzkrise kam die große Stunde der Bankenkritiker, die einem erklärten, wie aus harmlosen Immobilienkrediten finanzielle Massenvernichtungswaffen werden konnten. Jetzt gehört die ganze Aufmerksamkeit den Epidemiologen. Was sie sagen, ist Gesetz, im wahrsten Sinne des Wortes.

Der bayerische Ministerpräsident spricht vom „Primat der Medizin“, wenn er immer weiter reichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigt. „Der Maßstab ist nicht das, was wir glauben, sondern der Maßstab ist, was uns die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen“, erklärt die Bundeskanzlerin.

Der Epidemiologe empfiehlt die Abschließung der Gesellschaft, was soll er auch anderes empfehlen? Wo Menschen sich begegnen, zirkuliert das Virus. Also sorgt man dafür, dass jeder Kontakt unterbleibt, dann kommt die Pandemie zum Erliegen. Welche Folgen die Selbstabschließung für das soziale und ökonomische Gefüge hat, liegt außerhalb seines Fachgebiets, das müssen andere beurteilen.

Wir wissen über Covid-19 furchtbar wenig. Wie tödlich das Virus ist, ist zum Beispiel noch immer unklar. Liegt die Letalität bei neun Prozent wie in Italien (was eine Albtraumzahl ist)? Oder pendelt sie sich eher bei 0,5 Prozent ein, so wie es bislang aus Deutschland gemeldet wird? 0,5 Prozent sind immer noch schrecklich, aber eben auch nicht dramatisch viel höher als die Sterblichkeit bei einer außergewöhnlich schwer verlaufenden Grippewelle.

Da sich ohne Datengrundlage keine Entscheidungen treffen lassen, werden Verläufe simuliert. Ich habe mir viele der Modelle angesehen, die derzeit im Umlauf sind. Die Studie der Stunde stammt von Wissenschaftlern des Imperial College in London, die für Großbritannien drei Pandemie-Szenarien durchgerechnet haben.

Die Politik lässt das Virus laufen, die Seuche kommt nach vier Monaten zum Erliegen. Tote: 550 000. Die Politik versucht, das Ansteckungstempo zu verlangsamen: 250 000 Tote. Die Politik versucht, den Ausbruch so weit wie möglich zu unterdrücken, indem sie das Wirtschaftsleben einfriert: mehrere Tausend Tote, alle anderen gerettet. Wenn Sie sich fragen, was das für Deutschland bedeutet: Schlagen Sie auf die Schätzungen einfach 25 Prozent drauf.

Welche Regierung will es verantworten, eine halbe oder vielleicht sogar eine Million Tote in Kauf zu nehmen? Das sind Zahlen, bei denen sich jede weitere Diskussion erübrigt. Es drängen sich natürlich Fragen auf. Man müsste eigentlich darüber reden, ob es vorstellbar ist, dass man eine freie Gesellschaft im Lockdown hält. Was wäre in einem solchen Fall das Ergebnis für Sozialstaat und Demokratie? Aber wer solche Fragen stellt, gilt schnell als Mensch ohne Herz und Moral.

Der Verleger Jakob Augstein hat es versucht. Er hat in den vergangenen Wochen mehrfach darauf hingewiesen, dass ein Kollaps des öffentlichen Lebens möglicherweise noch schlimmere Auswirkungen hätte als die befürchtete Überlastung der Krankenhäuser. Es hieß dazu, er wolle Menschenleben gegen Wirtschaftszahlen aufwiegen, was insofern eine gewisse Komik hat, als Augstein nun wirklich der Letzte ist, dem man Marktgläubigkeit vorwerfen kann.

Dem Ökonomen Thomas Straubhaar erging es nicht besser, als er in der „Welt“ den Versuch unternahm, für einen Strategiewechsel zu werben. Statt alle Deutschen in Quarantäne zu nehmen, solle man es bei den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen belassen und damit die Immunisierung der Mehrheit vorantreiben, lautete Straubhaars Vorschlag. Das sei zynisch und verantwortungslos, erhielt er zur Antwort, eine Zeitung, die so etwas publiziere, sei ein Schundblatt. Auch so erledigt man eine Debatte. Man unterstellt denjenigen, die auf die unerwünschten Folgen politischer Entscheidungen hinweisen, niedere Motive.

Weil selbst die Epidemiologen wissen, dass man eine entwickelte Volks-wirtschaft nicht einfach für zwei Jahre ins Koma versetzen kann, jedenfalls dann nicht, wenn man anschließend noch etwas vorfinden will, was einem modernen Gesundheitssystem ähnelt, schlagen sie eine Vorgehensweise vor, die unter dem Begriff „der Tanz“ Verbreitung gefunden hat.

Was nach einem Vormittag in der Waldorfschule klingt, bedeutet Koma in Raten. Man öffnet die Schulen, die Geschäfte, die Restaurants für einen Monat. Dann wird alles wieder eingefroren, bis man nach zwei, drei Monaten erneut ein wenig Leben zulässt. Auf und zu, auf und zu: In diesem Rhythmus geht es weiter, bis endlich ein Mittel gefunden ist, welches das Virus in Schach hält, oder ein Impfstoff, der uns von der Seuche erlöst.

Reden wir nicht von den sozialen Verwerfungen, die ein solches Leben im Ausnahmezustand bedeuten würde. Den Verzicht auf Begegnung und Austausch, die prolongierte Einschränkung der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, die inzwischen selbst Leuten, die sonst bei jeder Polizeikontrolle einen Anschlag auf den Rechtsstaat wittern, als Quantité négligeable gilt. Bleiben wir bei den Folgen für die Gesundheit.

Auch die Politik der Epidemiologie produziert Tote. Man sieht diese Toten nur nicht gleich. Der Finanzexperte Leonhard Fischer hat auf das Beispiel von Griechenland verwiesen, an dem sich exemplarisch studieren lässt, wie der Absturz einer Gesellschaft erst die kollektive Verarmung und dann auch die Sterblichkeit nach oben treibt. Eine „Lancet“-Studie, die Fischer zitiert, beziffert den

Anstieg der Mortalitätsrate in Griechenland zwischen 2010 und 2016 auf 17,8 Prozent. Das wären, auf Deutschland übertragen, 100 000 Todesfälle mehr – pro Jahr.

Die Ersten tragen an die Kanzlerin die Aufforderung heran, sie müsse über eine „Exit-Strategie“ nachdenken, einen Ausstieg aus dem Ausnahmezustand. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Wie findet man den Ausstieg? Die Todeszahlen aus den Intensivstationen sind real, und sie werden weiter steigen. Die Kosten jedes weiteren Tages ohne wirtschaftliche Tätigkeit sind hingegen schwer zu bilanzieren. Wer kann seriös abschätzen, wie viele Menschen sich das Leben genommen haben, weil sie die Einsamkeit nicht länger ertrugen? Wie will man beurteilen, was ein Einbruch des Wohlstands für die Behandlung Krebskranker bedeutet oder für Menschen, die auf teure Medikamente angewiesen sind? Es ist wie mit dem Klimawandel: Je weiter der Tod in der Zukunft liegt, desto schwieriger wird es für die Politik, Entscheidungen zu begründen, die künftiges Leben schützen.

„Whatever it takes“, so lautet die Maximalposition: Niemand solle an Corona sterben, weil es kein Bett für ihn gebe. Das ist ein Anspruch, den wir in Wahrheit schon zu normalen Zeiten nicht erfüllen. Bevorratung gehört zum medizinischen Geschäft. Wir nehmen an anderer Stelle bewusst Engpässe in Kauf, wie jeder weiß, der auf ein lebenswichtiges Organ wartet. Wir haben uns als Gesellschaft gerade gegen ein Organspendegesetz entschieden, dass diesen Mangel gelindert hätte. Haben wir denjenigen, die gegen eine Änderung der geltenden Regeln waren, niedere Motive unterstellt, obwohl die Entscheidung dazu führt, dass Tausende weiterhin früher sterben, als medizinisch notwendig wäre?

Ich möchte jetzt kein Politiker sein. Auch das, was heute moralisch geboten scheint, kann übermorgen unmoralische Folgen haben. Das ist eine Lage, in der es unendlich schwer ist, das Richtige zu tun.

Wissen sie, was sie tun?

Die Regierung macht die Grenze zu Frankreich dicht, aber aus dem Iran konnte man weiter ungehindert einreisen. Lauter hustende Ägypten-Urlauber im Heimatflieger, doch bei der Ankunft verzichtet man auf jede Gesundheitskontrolle

Ich kann genau sagen, wann mein Vertrauen in die Regierung einen schweren Dämpfer erhalten hat. Es war am Montagmorgen, kurz vor zehn Uhr, als Iran Air 721 Kurs auf Frankfurt nahm. Eine Bekannte, die ARD-Journalistin Natalie Amiri, hatte einen Screenshot des Fluges gepostet, man konnte über FlightStats die Route in Echtzeit verfolgen. IR 721 war um 7.40 Uhr auf dem Imam Khomeini Airport in Teheran gestartet. Um 10.06 Uhr landete der Airbus in Deutschland, 14 Minuten früher als vorgesehen.

Iran ist ein Hotspot der Corona-Krise. Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort infiziert sind, weil die Regierung den Ausbruch lange heruntergespielt hat. Den offiziellen Zahlen zufolge, die Natalie Amiri am Montag nannte, zeigten von 7,5 Millionen Iranern, die binnen drei Tagen getestet wurden, 175 000 Symptome, 2200 wurden zum Arzt geschickt, 1077 gleich ins Krankenhaus.

Das war also der Stand Anfang der Woche: Die Bundesregierung verfügt Grenzkontrollen zu allen Nachbarländern. An den Grenzen zu Frankreich, Österreich, der Schweiz beziehen Bundespolizisten Posten, um jeden Wagen anzuhalten und gegebenenfalls zurückzuweisen. Der europäische Grenzverkehr kommt praktisch zum Erliegen. Aber aus einem der am höchsten durchseuchten Länder der Welt können Menschen ohne jeden Gesundheits-Check einreisen.

Es gab weder eine Temperaturmessung bei der Passvorlage, noch nahm man die Reisenden in Quarantäne, wie es medizinisch geboten gewesen wäre. Erst am Dienstag, nach heftigem Protest, fiel dann die Entscheidung, die EU-Außengrenze zu schließen. Das ist wiederum eine sehr viel drastischere Maßnahme als die Verordnung einer vierzehntägigen Quarantäne für alle, die nach Deutschland einreisen wollen. Niemand kann erklären, warum man binnen 48 Stunden von einem Extrem ins andere fällt. Aber es hat auch niemand gefragt.

Wissen sie in der Regierung, was sie tun? Das wäre meine Frage. Es gehe nicht darum, den Ausbruch zu verhindern, dazu sei es längst zu spät, lautet das Mantra. Es gehe darum, den Infektionsanstieg zu verzögern. Jeder kennt inzwischen das Schaubild, das zwei Kurven zeigt: eine Kurve, die steil nach oben ragt und dann ebenso schnell wieder abfällt – und eine lang gestreckte, die eher einem sanften Hügel als einem Berg gleicht.

Im unteren Drittel des Schaubildes verläuft horizontal ein Strich, der die Zahl der Intensivbetten in Deutschland symbolisiert. Beruhigenderweise bleibt die Kurve der Ansteckungen im Fall des Hügelverlaufs exakt unterhalb dieser Linie. „Flatten the curve“, lautet die Botschaft, die es zu einer Art politischem Heilsversprechen gebracht hat: Wenn es uns gelingt, die Infektionsrate zu verlangsamen, gibt es für jeden, der es braucht, ein Bett.

Ich bin ein skeptischer Mensch. Ich habe angefangen zu rechnen. Wenn es stimmt, was die Bundeskanzlerin sagt, dann werden sich 60 Prozent der Deutschen mit dem Virus anstecken. Das wären 50 Millionen Bundesbürger. Selbst wenn es uns g elänge, die Übertragung auf zwei Jahre zu strecken, würde das immer noch zwei Millionen Infizierte pro Monat bedeuten.

Bei 80 Prozent der Infizierten verläuft die Corona-Grippe harmlos, das ist die gute Nachricht. Aber fünf Prozent benötigen intensivmedizinische Betreuung. Fünf Prozent von zwei Millionen macht 100 000 Intensivpatienten, also das Vierfache dessen, was unser Gesundheitssystem bewältigen kann. Wahrscheinlich habe ich irgendwo einen Rechenfehler gemacht. Trotzdem hat mich das Zahlenexperiment beunruhigt.

Die gute Nachricht ist, man kann das Virus in den Griff bekommen, daran hat auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier gerade erinnert. In Singapur, Hongkong, Taiwan und auch Südkorea sind die Fallzahlen heruntergegangen. Was Altmaier nicht sagt, ist, dass sie in all diesen Ländern sehr viel mehr getan haben, als an die Menschen zu appellieren, sich von anderen fernzuhalten.

Wie sieht eine erfolgreiche Anti- Corona-Strategie aus? Es fängt damit an, dass man seine Bevölkerung wieder und wieder testet, um diejenigen zu identifizieren, die das Virus in sich tragen. Dann muss man sie isolieren, und zwar konsequent. In Südkorea überwachen sie die Bewegungen infizierter Personen per App. Wer sich angesteckt hat, ist über GPS als Corona-Träger sichtbar, damit alle, die gesund sind, Abstand halten können.

Ich höre schon die Datenschützer rufen, das gehe nicht, weil das einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre darstelle. Nun ja, würde ich sagen, das Infektionsschutzgesetz lässt auch ansonsten massive Einschränkungen zu. Wenn ich die Wahl habe zwischen der Isolierung Einzelner und einem dauernden Hausarrest für alle, dann bin ich für die strikte Isolierung.

Ich habe mich oft über die asiatischen Touristen mokiert, die mit einer OP-Maske vor dem Gesicht Münchner Sehenswürdigkeiten in Augenschein nahmen. Das war bis vor vier Wochen bei einem Deutschland-Besuch sicher übertrieben, aber man konnte daran sehen, dass es in asiatischen Ländern aufgrund der Erfahrung mit tödlichen Grippen eine deutlich ausgeprägtere Ansteckungsangst gibt. Deshalb wussten sie dort auch sofort, was auf sie zukommen würde, als die ersten Nachrichten aus der chinesischen Stadt Wuhan eintrafen.

Eine Atemmaske ist ein relativ einfaches Produkt. Ein bisschen Zellstoff, dazu ein Band, mit dem man das Ganze am Kopf befestigen kann – nichts, was eine Industrienation überfordern sollte. Dennoch scheint die Politik auch im dritten Monat seit Ausbruch der Corona-Epidemie nur mit großer Mühe im Stande, die Ausrüstung des medizinischen Personals mit Masken sicherzustellen, von d er Versorgung normaler Bürger gar nicht zu reden.

Auf allen Kanälen ist jetzt zu hören, dass ein Mundschutz nicht vor Ansteckung schütze. Das mag sein, aber er hilft, die Zahl der Neuansteckungen zu reduzieren. Wenn sich das Virus vor allem über Sprechatem und Husten überträgt, wie die Virologen nicht müde werden zu betonen, dann kann schon ein Tuch vor dem Gesicht Leben retten.

Der China-Korrespondent Georg Fahrion beschrieb anlässlich s eines Heimatbesuchs di e Verwunderung üb er die Nachlässigkeit der Deutschen. Natürlich trug er eine Maske, als er das Flughafengebäude verließ und ins Taxi stieg. Niemand würde in Peking auf die Idee kommen, sich mit nacktem Gesicht an einen Ort zu begeben, wo viele Leute aufeinandertreffen. Man würde auch gar nicht weit kommen.

Vielleicht sollten wir anfangen, von den Asiaten zu lernen. Am Dienstag setzte der „Bild“-Redakteur Michael Sauerbier auf Twitter folgenden Eintrag ab: „Aus Ägypten in Berlin-Schönefeld gelandet. 200 Urlauber ohne Mundschutz und Handschuhe, viele huste ten. Sie waren ein bis zwei Wochen mit Italienern, Franzosen, Engländern, Niederländern, Polen, Russen in All-inclusive- Hotels, wo alle am Büfett dieselben Löffel anfassen, 300 zeitgleich im Restaurant. Null Kontrolle bei Abflug und Ankunft, laufen jetzt durch Berlin.“

Man ist in der Politik bereit, den Einzelhandel zu zerstören, indem man Geschäften für Wochen die Existenzgrundlage entzieht. „Fair enough“, wie der Brite sagen würde. Harte Zeiten erfordern manchmal harte Maßnahmen. Aber gleichzeitig sind die Verantwortlichen nicht willens, hustende Urlauber für 14 Tage in Quarantäne zu nehmen, weil das die Laune der Urlauber beeinträchtigen würde? Das verstehe, wer will. Ich verstehe es nicht.

Was uns das Virus über uns selbst sagt

Wir hören gerne, wie aufgeklärt wir sind. Aber können wir uns selbst trauen? Ein Blick auf die leeren Nudelregale im Supermarkt zeigt, dass die Frage in einer Krise nicht so leicht zu beantworten ist

In der Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ habe ich die Meldung gelesen, dass aus mehreren Kliniken der Stadt Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Handschuhe entwendet wurden. Zu den Stationen, zu denen sich die Diebe Zugang verschafften, gehört auch eine Intensivstation der Charité, auf der Neugeborene und Kinder mit Leukämie liegen. Krebsstationen verbrauchen große Mengen an sogenanntem Sterilgut. Da bei der Behandlung das Immunsystem heruntergefahren wird, sind Krebspatienten darauf angewiesen, dass sie gut gegen Keime und Viren geschützt sind. Das gilt erst recht für Babys und kleine Kinder.

Zu meinen bevorzugten TV-Serien gehörte eine Zeit lang „The Walking Dead“, in der der Überlebenskampf einer Gruppe von Menschen nach der Zombie-Apokalypse geschildert wird. Der Reiz der Serie liegt nicht in der Wahrscheinlichkeit einer Zombie-Attacke. Wir können uns schnell darauf einigen, dass die Wiederkehr der Toten zu den Ereignissen gehört, vor denen wir ausnahmsweise keine Angst haben müssen. Was einen bei „The Walking Dead“ vor dem Fernseher hält, ist die Plausibilität der Veränderung menschlichen Verhaltens nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Der Zombie ist ja nur das Symbol für eine Katastrophe, die alles auf den Kopf stellt. Es könnte auch ein Meteoriteneinschlag sein. Oder ein Virus.

Wir beschwören gerne, wie aufgeklärt wir sind. Institutionen wie die EU bauen auf der Vorstellung auf, dass wir den Egoismus überwunden und in größeren Zusammenhängen zu denken gelernt haben. In der Krise zeigt sich, dass Blut doch dicker ist als Wasser, wie es so schön heißt. Der Kreis derjenigen, für die man sich verantwortlich fühlt, schrumpft dramatisch. Der Ehemann gehört dazu (in der Regel jedenfalls). Die Eltern, die Kinder. Deren Kinder.

Schon der Nachbar ist im Zweifel außen vor. Mit dem Arbeitskollegen, mit dem man seit Jahren zu Mittag gegessen hat, teilt man nicht einmal das auf der Firmentoilette entwendete Sterilium. „Erst die Hygiene, dann die Moral“, hat ein Kollege die Meldung aus Berlin kommentiert. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn die Krankenhäuser nur noch Menschen einlassen, die aufgrund ihrer Konstitution und ihres Alters eine gute Überlebenschance haben.

Eine der philosophischen Grundfragen ist, wo der Sitz der Moral sei: im Menschen oder, und das wäre die konservative Antwort, in den Institutionen, also den von ihm geschaffenen Ordnungsinstanzen. Die sonnige Antwortet lautet, dass der Mensch von Natur aus gut sei, ein friedliebendes Geschöpf, das im Einklang mit sich und seiner Umwelt lebte, wenn man ihn nicht ständig verbiegen würde. Demgegenüber steht das Konzept vom Menschen als einem selbstsüchtigen Wesen, das jederzeit zu verblüffender Gemeinheit in der Lage ist und sich nur dann zusammenreißt, wenn Strafe droht.

In der Philosophiegeschichte wurden die beiden Sichtweisen exemplarisch durch den französischen Theaterautor Jean-Jacques Rousseau vertreten, auf den die Idee von der Unschuld des Menschen im Naturzustand zurückgeht – und dem englischen Mathematiker Thomas Hobbes, dessen Weltsicht in dem einprägsamen Satz zusammengefasst ist, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei.

Dass Rousseau ein schlechter Vertreter der Auffassung von der prinzipiellen Gutherzigkeit des Menschen war, hat der Anziehungskraft seiner Idee keinen Abbruch getan (um seine intellektuelle Arbeit frei von Störungen zu halten, ließ der Autor seine fünf Kinder allesamt ins Findelhaus bringen, wo sie nacheinander elendig zugrunde gingen). Bis heute ist der Franzose dennoch populärer als sein düsterer Gegenspieler von der Insel.

Wie wir auf den Menschen sehen, hat für die politische Planung erhebliche Auswirkungen. Alle sozialistischen Utopien beruhen auf der Annahme, dass Menschen sich am wohlsten fühlten, wenn alle gleich viel besäßen und es daher keinen Grund für Neid, Gier oder Gewalt mehr gäbe, hätte man endlich diesen Idealzustand wieder hergestellt. Auch der Sozialismus kennt Fehlverhalten, klar, aber das ist ein Übergangsphänomen, das sich leicht durch Umerziehung oder Liquidierung in den Griff bekommen lässt. Wenn erst einmal das eine Prozent der Reichen erschossen ist, fügt sich alles Weitere wie von selbst. Den Rest erledigen Steuern.

Menschen sind durchaus zu kooperativem Verhalten in der Lage. Sie können sogar erstaunlich selbstlos und großherzig sein. Aus Italien wird von Nachbarschaftsinitiativen berichtet, die sich in rührender Weise um die Alten und Kranken kümmern, die nicht mehr das Haus verlassen können. Man sollte sich nur nicht zu sehr auf den Großmut verlassen.

Kann man sich selbst trauen? Ein Gang durch den Supermarkt zeigt, dass die Frage nicht so leicht zu beantworten ist. Obwohl jeder weiß, dass es vernünftiger wäre, wenn alle es beim normalen Wocheneinkauf beließen, denken manche Leute, sie sollten auf Nummer sicher gehen. Die Unvernunft der einen hat die Unvernunft der anderen zur Folge. Es braucht einen starken Charakter (oder viel Gottvertrauen), um dem Impuls zu widerstehen, sich den Wagen mit Nudeln vollzuladen, wenn man sieht, dass die Barilla zur Neige gehen.

Es gibt die Theorie, dass die Religion in dem Moment entstand, als sich der Mensch aus der Kleingruppe emanzipierte und im Zuge der Sesshaftwerdung zu größeren Verbänden zusammenschloss. Mit der Entwicklung komplexer Gesellschaften steigt die Gefahr der Trittbrettfahrerei. Die Erfindung eines Gottes, dem nichts entgeht, wäre so gesehen die Antwort auf die gelockerte Sozialkontrolle. „Beobachtete Leute sind nette Leute“, schreibt der führende Vertreter dieses Ansatzes, der Psychologe Ara Norenzayan.

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat ein Psychotherapeut angeregt, die Angst zu bekämpfen, indem man den Egoismus überwinde. Wer die Atemmasken, die er gehortet habe, in der nächsten Hausarztpraxis oder Klinik abgebe, sollte sozial belohnt werden. Das wäre der Rousseau’sche Weg, wenn man so will.

Erfolg versprechender scheint mir sein Rat, den Humor zu bewahren. Lachen ist nicht nur ansteckend, es ist offenbar auch gesund. Wer viel lacht, sorgt für eine bessere Durchblutung des lymphatischen Rachenringes, also des Immunsystems im Mundraum, wo viele Erkältungserreger ankommen. Außerdem schafft es Abstand zu sich selbst und stärkt so das Gemeinschaftsgefühl, sagt der Therapeut: „Wenn wir aber das Gefühl haben, Teil von etwas Größerem zu sein, dann sind wir viel stärker und mutiger.“ Das wäre dann die Kreuzung von Rousseau und Woody Allen.

Woran erkennt man einen Nazi?

Die Zahl der Nazis wächst mit Abstand zum Dritten Reich. Inzwischen gilt schon als Faschist, wer seiner Tochter Zöpfe flicht und den Sohn zur Leibesertüchtigung anhält. Kein Wunder, dass wir immer neue Programme gegen rechts brauchen

Die Vorsitzende der Linkspartei in Thüringen, Susanne Hennig-Wellsow, hat in der Fernsehsendung „Markus Lanz“ erklärt, woran man Nazis erkennen kann. Eine Methode von Faschisten sei, dass sie im Fahrstuhl dicht mit dem Gesicht an einen heranrückten und dann die ganze Zeit grinsten. Es gebe aber auch das extreme Gegenbeispiel: Nazis würden einen auf ein Getränk einladen oder ihre Hilfe in Alltagssituationen anbieten. „Gehen Sie doch mit uns Kaffee trinken“, würden sie sagen, „sollen wir Sie nicht da- und dorthin mitnehmen“, solche Sachen. Auch das sei eine Methode der Nazis, erklärte Frau Hennig-Wellsow: übertriebene Freundlichkeit.

Vielleicht bin ich zu naiv, aber ich hatte mir Nazis immer anders vorgestellt. Eher so wie den Rapper Fler, der auf Frauen, die seine Texte frauenverachtend finden, ein Kopfgeld aussetzt, damit sie nicht mehr sagen, er sei frauenverachtend. Andererseits soll ja auch Adolf Hitler im persönlichen Kontakt sehr umgänglich gewesen sein. Es gibt Berichte von Zeitzeugen, die sich erstaunt äußerten, wie normal Hitler im Gespräch gewirkt habe, gar nicht wie der Schreihals aus den Parteiveranstaltungen.

Die Frage, woran man einen Nazi erkennt, ist spätestens seit Thüringen wieder aktuell. Manchmal tarnt er sich und bringt die Vertreter der demokratischen Parteien durch seine Hinterlistigkeit in Bedrängnis, wenn man den Berichten glauben darf.

Ich habe vergangene Woche einen Test gemacht. Nachdem ich bei Twitter auf einen Beitrag gestoßen war, in dem ein Journalistenkollege unter der Überschrift „Nazis raus“ eine kurze Filmsequenz von Friedrich Merz beim Biertrinken gepostet hatte, habe ich meine Leser gefragt, was ihnen zu dem Thema Nazi einfällt. Ich bekam folgende Antworten, in ungeordneter Reihenfolge: Zöpfe. Seitenscheitel. Dass man seinen Teller aufisst und beim Essen gerade sitzt. Pünktlichkeit. Doppelhaushälfte. Beim Chinesen Nasigoreng bestellen. Morgens immer Orangensaft trinken. Im Wanderverein sein.

Das mit den Zöpfen ist nicht so weit hergeholt. Die Amadeu Antonio Stiftung in Berlin hat vor Monaten eine Broschüre herausgegeben, in der sie Erziehern und Erzieherinnen Tipps gibt, wie sie sich besser gegen rechte Gesinnung im Kindergarten wehren können. Da nicht immer unmittelbar ersichtlich ist, dass ein Kind aus einem völkischen Elternhaus kommt, braucht es Spürsinn.

Ein rechtes Kind erkenne man zum Beispiel daran, dass es im Morgenkreis schweigsam und passiv sei, da rechte Eltern viel Wert auf Gehorsam legten, heißt es in der Broschüre. Außerdem seien „traditionelle Geschlechterrollen“ im Erziehungsstil erkennbar: Die Mädchen trügen Zöpfe und Kleider, die Jungs hingegen würden „stark körperlich gefordert“. Meine Tochter ist blond und heißt Greta. Sie singt glücklicherweise laut im Morgenkreis und hasst Zöpfe und Kleider.

Der Punkt ist, es gibt nach wie vor echte Nazis, also Leute, die finden, dass der Nationalsozialismus seine guten Seiten hatte und Hitler alles in allem ein famoser Politiker war. Der Verfassungsschutzbericht schätzt die rechtsextreme Anhängerschaft auf 24000 Personen. Selbst wenn man die Leute hinzurechnet, die ihre Hitler-Liebe still ausleben und deshalb nicht im Verfassungsschutzbericht auftauchen, kommen die wirklichen Nazis in Deutschland kaum über den Promillebereich hinaus.

Zu einer respektablen Größe bringen sie es erst, weil ihnen der Einfachheit halber auch alle Menschen zugeschlagen werden, die im Verdacht stehen, etwas gegen Fremde, Schwule oder die Gleichberechtigung von Frauen zu haben. Wenn von Nazis die Rede ist, sind in der Regel Rassisten und Sexisten gemeint beziehungsweise diejenigen, die man dafür hält.

Das Problem, das ich bei dieser Art von Nazi-Hochrechnerei sehe, ist, dass man die Zahl der Nazis damit groß macht, ohne dass die Nazis etwas tun müssen. Wäre ich Nazi, wäre es mir ganz recht, dass man mich überschätzt.

Interessanterweise schwankt man auch bei der versammelten Antifa, was die Gefährlichkeit des Faschismus angeht. Einerseits lebt man in ständiger Furcht, dass die braunen Horden morgen wieder durchs Brandenburger Tor ziehen. Jede Äußerung eines AfD-Politikers gilt als Beleg, dass es demnächst wieder so weit ist. Andererseits möchte man dem Gegner auch nicht zu viel an Bedeutung zugestehen. Als der „Spiegel“ vor vier Wochen den AfD-Führer Björn Höcke als „Dämokrat“ auf den Titel hob, regte sich sofort Protest. Man dürfe Höcke nicht so groß machen, hieß es. In Wirklichkeit sei er doch eine lächerliche Figur, bestenfalls ein Führerlein.

Ich bin ein praktisch veranlagter Mensch. Wenn Leute neben ihren Namen „Nazis raus“ schreiben, frage ich mich, was daraus folgen soll. Ich bin sehr für ein nazifreies Deutschland. Auf Leute, die Andersdenkenden am liebsten den Schädel einschlagen würden, kann ich gerne verzichten. Da in einer Demokratie Zwangsmaßnahmen wie die Verschickung in Strafkolonien ausscheiden, bleibt es allerdings meist beim frommen Wunsch. Wie man sieht, ist es ja noch nicht einmal möglich, Leute wie Björn Höcke daran zu hindern, mit ihrer Stimme die Wahl eines Ministerpräsidenten zum Spektakel zu machen.

Tatsächlich beschränken sich die Vorschläge gegen rechts im Wesentlichen auf die Forderung nach Auftrittsverboten im Fernsehen. Sie werden von mir nur Gutes über die Bedeutung von Talkshows hören, aber dass die AfD nun verschwindet, weil man sie nicht mehr zu „Anne Will“ einlädt, daran mag ich nicht glauben.

Das andere, was helfen soll, sind neue Anti-Extremismus-Programme. Grüne und SPD fordern ein „Demokratiefördergesetz“, das noch einmal knapp 100 Millionen Euro bereitstellen soll, zusätzlich zu den 115 Millionen Euro, die das Familienministerium schon jetzt jedes Jahr für den Kampf gegen rechts ausgibt. Auch da habe ich Zweifel, was die Wirksamkeit angeht.

Ich halte die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unter beschäftigungslosen Politologen für ein gesellschaftlich wichtiges Anliegen. Ich fürchte nur, es wird nicht helfen, Fanatiker vom Fanatismus abzuhalten. Oder meint jemand ernsthaft, dass sich der Attentäter von Halle besonnen hätte, wenn ihm der „Verein Neue deutsche Medienmacher*innen“ beizeiten erklärt hätte, wie man Menschen mit Migrationshintergrund angemessen anredet?

Deutschland hatte schon einmal ein Problem mit Nazis, 70 Jahre zurück. Damals waren die echten Nazis noch so zahlreich vertreten, dass man über eine breit angelegte Entnazifizierung nachdenken musste. Das Programm, das man auflegte, funktionierte im Grunde nach dem Prinzip „Nazis rein“: Statt die Leute an den Rand zu drängen, eröffnete man ihnen die Möglichkeit zur Rückkehr ins normale Leben. Wer bereit war, sich als guter Demokrat zu erweisen, bei dem sah man über sein Vorleben hinweg. An der weiteren Entwicklung der Bundesrepublik gemessen, war es wahrscheinlich das erfolgreichste Anti-Extremismus-Programm der Welt, und das ganz ohne Geld des Familienministeriums.

Heute gehen wir den anderen Weg. Selbst die FDP gilt nach Thüringen als quasiextremistische Partei. Die FDP sei nicht mehr Teil der politischen Mitte, hat der Generalsekretär der SPD, Lars Klingbeil, vergangene Woche bei einer Diskussion auf „Bild TV“ verkündet. Der chinesische Künstler Ai Weiwei, so etwas wie der Lars Klingbeil der Kunstwelt, hat in einem Interview die Deutschen jetzt insgesamt zu Nazis erklärt. Das ist, wenn man so will, die Maximalposition.

Wenn alle Nazis sind, dann ist es irgendwann keiner mehr.

Können Worte töten?

Was in der Debatte um Amokläufe die Videospiele sind, das sind nach der Tat von Hanau die Texte bestimmter Autoren. Wer den Terror von rechts bekämpfen wolle, müsse auch gegen die Stichwortgeber vorgehen, heißt es jetzt. Ist es so einfach?

Im Frühjahr 1972, nachdem die erste Generation der RAF längst den Weg in den Untergrund gefunden hatte, betrat ein neuer Tätertypus die politische Bühne: der Sympathisant. Sympathie ist eigentlich etwas Positives. Wer mit anderen mitfühlt, gilt normalerweise als guter Christenmensch. Nun fielen unter den Begriff alle, bei denen eine ideologische Nähe zum Terrorismus vermutet werden konnte. Dazu reichte es schon, dass man das Vorgehen des Staates kritisierte.

Der Sympathisant war vor allem in der Szene der Intellektuellen zu finden, unter Schriftstellern, Journalisten und Hochschulprofessoren. Wenn der Terroristenjäger Horst Herold davon sprach, dass man den Sympathisantensumpf trockenlegen müsse, waren Leute wie Heinrich Böll oder Günter Wallraff gemeint.

Der Sympathisant ist zurück – und mit ihm die Gesinnungsjagd. Die Bölls von heute heißen Tichy, Broder oder Sarrazin. Sie sind es, die der Gewalt den Weg bereiten, die sich dann in Taten wie in Hanau entlädt – jedenfalls wenn man den aufgeklärten Zeitgenossen glauben darf. Wer den Terror von rechts bekämpfen wolle, müsse nicht nur Waffengesetze verschärfen und den Fahndungsdruck erhöhen, heißt es, er müsse auch gegen die Anstifter an den Schreibtischen vorgehen. „Wir müssen die Stichwortgeber benennen“, forderte der Fernsehmoderator Jan Böhmermann vergangene Woche.

Es ist Mode geworden, Deutschland im Jahr 2020 mit der Weimarer Republik der zwanziger Jahre zu vergleichen, jenem fiebrigen Jahrzehnt, das in der Raserei des Nationalsozialismus endete. Ich habe das immer für Unsinn gehalten. Weder durchlebt Deutschland eine Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, noch gibt es einen Versailler Vertrag, der die Nation beschwert. Wenn man nach Referenzpunkten in der Geschichte suchen will, liegt der Vergleich mit den siebziger Jahren sehr viel näher. Das ist das Jahrzehnt, das sich als historische Parallele anbietet.

Alles ist wieder da: das Gefühl, dass freiheitliche Ordnung und Rechtsstaat in Gefahr sind; die Erschütterung der politischen Elite, die nicht weiß, wie sie reagieren soll; die Unversöhnlichkeit, mit der sich Linke und Rechte gegenüberstehen. Auch der Terror ist zurück und mit ihm die Frage, welche Verantwortung Leute tragen, die von aufmerksamen Zeitgenossen als Stichwortgeber identifiziert wurden. Sogar die alte Sprache feiert ein Comeback. Erstmals seit Längerem ist in den Leitartikeln wieder vom „Sumpf“ die Rede, den es auszutrocknen gelte.

Glaubt man den Sympathisantenjägern von heute, ist die Sache denkbar einfach: Erst redet eine AfD-Politikerin im Bundestag über „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“. Dann schreibt es ein Journalist auf, nicht in diesen Worten, aber dem Sinn nach. Anschließend nimmt jemand in Hanau oder anderswo sein Gewehr aus dem Schrank, weil er sich ermuntert fühlt, in die Tat umzusetzen, was andere nur denken. Was in der Debatte um Amokläufe an Schulen die Videospiele sind, sind jetzt die Texte rechter Blogger und Autoren. Seht her, heißt, es, so etwas kommt von so was. Oder wie der „Spiegel“ vor 40 Jahren schrieb: „Mord beginnt beim bösen Wort.“

Aber ist es so einfach? Natürlich haben Worte Folgen, manchmal sogar dramatische. Sprache ist gelenktes Denken, wie man in Abwandlung eines Wortes von Jean-Paul Sartre sagen könnte. Deshalb sollte man sich jeder aufpeitschenden und hetzerischen Sprache enthalten, wenn man nicht will, dass die Welt um einen herum aufgepeitschter und hetzerischer wird. Diese Zurückhaltung ist erst recht Journalisten zu empfehlen. Wer in den Schützengraben steigt, verliert schnell den Überblick – egal, auf welche Seite er sich stellt.

Ich weiß allerdings aus Erfahrung, wie flüchtig Menschen Texte lesen und auf welche absurden Deutungen sie manchmal kommen. Müsste ich bei jedem Satz abwägen, ob die Gefahr besteht, dass ihn jemand falsch versteht, könnte ich meinen Beruf an den Nagel hängen. Wer einen Autor für die Handlungen seines Publikums in Haftung nimmt, inklusive des Teils, der verrückt ist, bürdet ihm eine Verantwortung auf, die beängstigend ist. Aber vielleicht soll sie das ja auch sein?

Dass der Schütze von Hanau unter einer Störung litt, die eine Behandlung hätte angezeigt sein lassen, ist inzwischen hinreichend etabliert. In gewisser Weise ist jeder Attentäter psychisch lädiert, wäre es anders, würde er nicht zum Attentäter. Trotzdem ist die Frage der Zurechnungsfähigkeit für die Klärung der Schuldfrage wesentlich.

Wo die Grenze zwischen Krankheit und Extremismus verläuft, vermag die forensische Psychiatrie ziemlich genau zu sagen. Es deutet viel darauf hin, dass der Täter von Hanau kein fanatisierter Ideologe war, den seine Überzeugungen immer tiefer in seine Wahnwelt führten, sondern dass der Wahn der Ideologie vorgelagert war, sich die psychische Störung also nachträglich politisierte.

Der Psychotiker füllt seinen Wahn durch radikale Inhalte auf, wie das die Psychiaterin Nahlah Saimeh beschrieben hat. Manche Zwangsvorstellungen eignen sich dafür besser als andere. Dass die Bundesregierung insgeheim daran arbeite, das deutsche Staatsvolk auszutauschen, ist als Zwangsidee anschlussfähiger als der Glaube an den Tod der Biene und ein dadurch ausgelöstes Massensterben der Menschheit. Grundsätzlich sind allerdings alle Ängste als Themen in den Wahn einbaubar. Es würde sie nicht wundern, wenn demnächst der Klimawandel in das psychotische Denken eingebaut würde und Menschen mit einer akuten Psychose bizarre Dinge tun würden, um den Klimawandel aufzuhalten, hat Saimeh vor Monaten zu Protokoll gegeben.

Vielleicht ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein radikalisierter Psychotiker zur Waffe greift, also eine der Opportunität. Wer der Meinung ist, dass die Ausländer unser Unglück seien, kann eine Shisha-Bar aufsuchen und jeden erschießen, der irgendwie anders als er selbst aussieht. Wer ein Fanal gegen den Klimawandel setzen will, hat es da schwerer. Gegen wen soll sich der Anschlag richten: Gegen Lufthansa-Piloten? Oder die Vorstände großer Tourismuskonzerne?

Ich glaube, wir wären ein großes Stück weiter, wenn man sich darauf verständigen könnte, dass man nicht laufend die Maßstäbe verändert, nur weil es einem opportun erscheint. Wer bei jedem Anschlag, bei dem der Täter „Allahu akbar“ schreit, darauf besteht, dass der Attentäter kein Islamist, sondern lediglich ein verwirrter Geist sei, ist in einer schlechten Ausgangsposition, um jetzt alle psychologischen Erklärungen vom Tisch zu wischen. Das gilt selbstverständlich auch umgekehrt. Wenn das führende AfD-Personal meint, dass die Morde in Hanau nichts mit Ideologie zu tun haben, muss die Frage erlaubt sein, warum sie dann bei jedem Muslim die Religion ins Schaufenster stellen.

Ausgerechnet der damalige Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau erinnerte 1977 in einem „Spiegel“-Beitrag an den Unterschied zwischen dem Radikalismus der Tat und dem Radikalismus im Denken: „Das Strafrecht kennt den Begriff des Sympathisanten nicht. Es unterscheidet ‚Täter‘, ‚Gehilfen‘, ‚Begünstiger‘. Da wird nicht mit Vermutungen operiert. Da müssen Tatsachen bewiesen werden, Tatsachen, aus denen hervorgeht, welchen Beitrag einer zur Tat geleistet hat.“ Auch das sind Sätze, an die zu erinnern sich wieder lohnt.

Der Sozialist als Wutbürger

Bodo Ramelow gilt als Vorzeigedemokrat, der erst ans Land und dann an die Partei denkt. Dabei gibt es kaum einen Politiker, der so mit sich selbst beschäftigt ist wie der Mann aus Thüringen. Schon die leiseste Kritik führt ihn an seine Belastungsgrenze

Er sei das Bürgerlichste, was in Thüringen herumlaufe, hat der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. Das hat mir zu denken gegeben.

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, in der es als Stigma galt, als bürgerlich zu gelten. Heute wollen alle bürgerlich sein – die AfD, die Sozialdemokraten, die Grünen ohnehin. Jetzt also auch die Leute von der Linkspartei. Was früher ein Zeichen von Langeweile und Spießigkeit war, steht nun für Verlässlichkeit und Solidität. Bürgerlich zu sein ist die Zusicherung, dass man als Politiker keinen Quatsch macht, wenn man an die Regierung kommt. Seht her, ihr könnt mir vertrauen, lautet das Versprechen.

Wenn man sich Ramelow ansieht, muss man sagen: Bürgerlicher geht’s nicht. Er verlässt nie ohne Anzug und Krawatte das Haus. Sein Hund, ein Jack-Russell-Terrier namens „Attila“, ist fast so berühmt wie er selbst. Allerdings sieht auch Björn Höcke sehr bürgerlich aus. Auch Herr Höcke legt Wert auf eine gepflegte Erscheinung und trägt immer Anzug, wenn er vor die Tür tritt.

Der äußere Schein kann trügen, weshalb in den vergangenen Wochen verschiedentlich darauf hingewiesen wurde, dass Bürgerlichkeit vor allem eine Frage der inneren Haltung ist, die mit Selbstbeherrschung, politischer Reife und einer freundlichen Gelassenheit angesichts der Zumutungen der Welt einhergeht.

Gelassenheit ist nicht Ramelows stärkste Seite. Schon die einfachsten Fragen führen ihn an seine Grenzen. Ich spreche hier aus Erfahrung. Ramelow ist der einzige Politiker, den ich getroffen habe, der ein Interview abbrach, weil ihm die Zielrichtung nicht passte.

Ich weiß nicht mehr genau, wie wir darauf kamen, aber während eines Gesprächs in seinem Büro beklagte er sich bei mir, dass er jahrelang vom Verfassungsschutz beobachtet worden sei, worauf ich erwiderte, dass ich vollstes Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden hätte und deshalb selbstverständlich davon ausginge, dass der Verfassungsschutz seine Gründe gehabt habe. Das reichte, um mich des Zimmers zu verweisen. Ein Kollege hat dann das Interview ohne mich zu Ende geführt.

Ramelow hat auch schon Interviews mit dem MDR oder dem Video-Blogger Tilo Jung zwischendurch abgebrochen. Vergangene Woche saß er bei Sandra Maischberger. Als sie ihn als „sozialistischen Ministerpräsidenten“ ansprach, war es fast wieder so weit, dass er aufgestanden und gegangen wäre. Gleich im ersten Satz des Parteiprogramms der Linkspartei steht, dass sie eine „sozialistische Partei“ sei. Ich kann mir den Widerspruch nur so erklären, dass Ramelow wie viele autoritär veranlagte Menschen an einem Übermaß an Ichbezug leidet. Wer alles auf sich bezieht, verliert irgendwann den Kontakt zur Realität.

Wie sehr ihn der Verlust seines Amtes getroffen hat, offenbarte er in der Sendung bei „Maischberger“, als er über die „schweren Zeiten“ sprach, die er durchlitten habe. Er habe das Massaker am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erlebt und den Hungerstreik der Kalikumpel in Bischofferode, sagte er, „aber so was, was ich seit Mittwoch erlebe, was meine Familie erlebt, das haben wir noch nicht erlebt“.

Ich glaube gern, dass eine Wahlniederlage für einen Politiker eine traumatische Erfahrung sein kann. Demokratie ist manchmal einfach Mist. Aber so tragisch wie ein Amoklauf? Hoffen wir, dass die Überlebenden des Schulmassakers am Gutenberg-Gymnasium um 22.45 Uhr nicht mehr vor dem Fernseher sitzen. Ich denke, sie würden Herrn Ramelow sonst gern darüber aufklären, dass es sicher schlimm ist, wenn sich die eigenen Karrierepläne zerschlagen, aber das es deutlich schlimmer ist, wenn man Mitschüler im Kugelhagel verliert.

Überall kann man jetzt lesen, dass die Linkspartei eine Partei wie alle andern sei (ausgenommen die AfD selbstverständlich, mit der will niemand verglichen werden). Die Digital-Intellektuelle Marina Weisband brachte diese Einschätzung vorbildhaft auf den Punkt, als sie zum Vergleich von AfD und Linkspartei schrieb, dass man Faschismus und kostenlose Kitaplätze nicht gleichsetzen könne.

Ich vermute, dass vielen Menschen bei SED mehr einfällt als kostenlose Kitaplätze, korrigieren Sie mich, wenn ich falschliegen sollte. Außerdem kann eine Partei trotz sozialer Wohltaten ein Verein sein, den man besser nicht wählt. Was den Ausbau des Sozialstaats angeht, kann man auch den Nationalsozialisten keinen Vorwurf machen. Eine Reihe von sozialen Errungenschaften, auf die wir bis heute stolz sind, verdanken wir dem „Führer“, angefangen beim Kindergeld oder dem Mieterschutz.

Jede Partei hat ihren Narrensaum, bei der Linken ist der Saum allerdings besonders reich verziert. Zwei Namen: Die Vizechefin der Fraktion der Linken im Bundestag, Heike Hänsel, ist ein so glühender Fan des venezolanischen Diktators Maduro, dass der „Spiegel“ sie neulich als „Vertreterin einer verrückten Sekte“ einstufte. Über die stellvertretende Parteivorsitzende Janine Wissler kann man auf ihrer Wikipedia-Seite lesen: „Janine Wissler lehnt den Kapitalismus als ‚unmenschliches, grausames System‘ ab. Das Einführen einer ‚klassenlosen Gesellschaft’ könne nicht durch ‚Parlamente und Regierungen‘ geschehen.“

Mag sein, dass Leute wie Hänsel oder Wissler in der Linkspartei nicht viel zu sagen haben. Ich will trotzdem nicht von Politikern regiert werden, die auf Pilgerfahrt nach Caracas gehen oder darüber nachsinnen, wie man das parlamentarische System aushebeln könne. Nennen Sie mich altmodisch: Ich habe es einfach lieber, wenn an der Regierung Parteien beteiligt sind, die kein Fall für den Verfassungsschutz sind.

Eine gewisse Doppelbödigkeit gehört zum politischen Geschäft. Aber wer die Toten von Buchenwald exhumiert, um sich gegenüber dem politischen Gegner in Szene zu setzen, muss sich strengere Maßstäbe an moralische Konsistenz gefallen lassen. Ausgerechnet bei der Vergangenheitsbewältigung nimmt es die Linkspartei selbst nicht so genau. Die DDR ein Unrechtsstaat? Das könne man so nicht sagen, findet Ramelow. Schießbefehl an der Grenze? Nicht wirklich bewiesen, sagt er. Wer weiß, vielleicht lernen wir demnächst, dass die Mauer eigentlich gar keine Mauer war.

Ich habe für solche Verrenkungen sogar Verständnis. Wer viele Ehemalige in den eigenen Reihen hat, tut gut daran, sie nicht zu verärgern. Das war bei der CDU bis in die siebziger Jahre nicht anders, weshalb man auch dort verlässlich die schützende Hand über die alten Kameraden hielt. Nur sollte man sich dann vielleicht nicht zu sehr ins Zeug legen, wenn es um die Verfehlungen bei anderen geht.

Im Netz machte über das Wochenende ein kurzer Videoclip Karriere, in dem zu sehen ist, wie Ramelows Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff wenige Tage vor der Ministerpräsidentenwahl erklärte, weshalb es kein Beinbruch sei, wenn eine rot-grüne Minderheitsregierung ihre Gesetze mithilfe von Stimmen aus der AfD durchbringe. Zwei Wochen später gilt jede Unterstützung durch die AfD als unentschuldbarer Tabubruch.

Ich glaube, dass Ramelow in China ein sehr glücklicher Mensch wäre. In China gibt es weder freche Journalisten noch eine Öffentlichkeit, die einen mit alten Äußerungen oder Ankündigungen in Verlegenheit bringen könnte.

Die Demokratie der anderen

Bei der Korrektur der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen geht es um viel mehr als das Verhältnis der bürgerlichen Parteien zur AfD. Tatsächlich erleben wir nicht weniger als eine Neudefinition der politischen Mitte

Anfang der sechziger Jahre entwickelten amerikanische Politikwissenschaftler eine Idee, die als „Realignment Theory“ Bekanntheit erlangte. Sie besagte, dass es Wahlen gibt, die in der Geschichte einer Nation herausragen, weil mit ihnen eine dramatische Neuordnung der politischen Landschaft einhergeht. Programme, Wählerbindung, mögliche Allianzen – alles muss anschließend neu bewertet werden.

Der Begriff „Realignment“ ist schwer zu übersetzen, es gibt kein richtiges deutsches Äquivalent. Vielleicht „Neuausrichtung“ – aber das ist zu schwach, weil es den gewaltsamen Aspekt des Vorgangs verkennt. Bis heute gilt das Realignment als eine Art Heiliger Gral der Politik. Wem es gelingt, die Polit-Geografie in seinem Sinne zu formen, kann seine Gegner auf Jahre in die Defensive bringen.

Auch wir werden gerade Zeuge eines Realignments. Zu glauben, bei der Korrektur der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen gehe es um das Verhältnis der bürgerlichen Parteien zur AfD, hieße, die Dinge zu unterschätzen. Tatsächlich erleben wir nicht weniger als eine Neudefinition der politischen Mitte und damit eine grundlegende Transformation der Statik, auf der das politische System seit 70 Jahren ruht.

Die Definition, wer zur Mitte gehört und wer nicht, ist weit mehr als ein semantischer Akt. Es ist eine Verständigung darüber, wer ins Zentrum der Macht vorstoßen kann und darf. Bislang gab es in der Bundesrepublik die Übereinkunft, dass die Mitte zwischen den politischen Lagern liege, also zwischen ganz links und ganz rechts. Das entspricht auch dem Gefühl der Wähler.

Wer sich zu weit nach außen entfernte, dem traute man vielleicht die Beteiligung an einer Landesregierung zu, aber der Weg ins Kanzleramt blieb versperrt. Voraussetzung für den Eintritt in die Bundesregierung war eine Entradikalisierung, erst des Programms und dann des Personals. Das galt für die SPD, die erst den Kanzler zu stellen vermochte, nachdem sie sich in Bad Godesberg vom Sozialismus losgesagt hatte. Und das galt auch für die Grünen bei ihrem Marsch durch die Institutionen.

Wie die neue Mitte aussieht, ist bislang nur in Umrissen erkennbar. Aber schon jetzt lässt sich sagen, dass ihre Demarkationslinien durch unerschlossenes Territorium verlaufen. Die Vorsitzende der Linkspartei in Thüringen hat eine erste Grenze abgesteckt, als sie davon sprach, dass CDU und FDP die Chance hätten, die „Reihen der Demokraten wieder zu schließen“, indem sie sich hinter Bodo Ramelow versammelten.

Die Reihe der Demokraten beginnt nach diesem Verständnis beim Marxistischen Forum beziehungsweise den Maduro-Fans, die das Loblied des venezolanischen Diktators singen, und endet bei den fortschrittlich gesinnten Kräften im bürgerlichen Lager, die nach dem Debakel von Erfurt bereit sind, jeden Schwur zu leisten, damit man ihnen vergibt. Alles, was jenseits liegt, angefangen bei Unions-Politikern, die der Linkspartei genauso misstrauen wie der AfD, ist Teil des dunklen Deutschlands.

Wie alle abrupten Verschiebungen, vollzieht sich auch das Realignment nicht ohne Fissuren. Man sieht es zuerst im Sprachgebrauch. Sprache gibt Bahnen vor. Wenn die Leute plötzlich neue Brücken oder Abzweigungen einbauen, gerät man manchmal an Ziele, die man gar nicht erreichen wollte. Man nennt das Demagogie, könnte man in Verwendung eines Gedankens von Frank Schirrmacher sagen.

Eine demokratische, verfassungsrechtlich einwandfreie Wahl wird zum „Zivilisationsbruch“ und gerät damit sprachlich in die Nähe des Holocaust. Ein Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nimmt den Ball auf und spricht in einem Fernsehkommentar von „Endstation Buchenwald“. Ein abgewählter Ministerpräsident verschickt Bildchen, auf denen er den FDP-Vorsitzenden im Landtag mit Hindenburg vergleicht und den AfD-Vorsitzenden mit Hitler.

Dann folgen die personellen Erschütterungen. Wer nicht schnell genug Gefolgschaft gelobt oder sich für Gesinnungsfehler entschuldigt, findet sich im Abseits wieder. Im Zweifelsfall reicht ein zu früh abgesetzter Gratulationsgruß, um seinen Posten zu verlieren. Und das ist immer nur der Anfang. „Ihm werden viele folgen müssen“, schrieb der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert nach der Entlassung des Ostbeauftragten der Bundesregierung im Stil eines Mini-Danton, während sich der Mob vor den FDP-Parteibüros austobte.

Am Ende steht der Bruch formaler oder rechtlicher Prinzipien. Die Kanzlerin agiert so, als ob sie weiterhin Parteivorsitzende wäre, was die Demission der eigentlichen Parteivorsitzenden zur Folge hat. In Thüringen überlegt man, vor der nächsten geheimen Ministerpräsidentenwahl eine Dokumentationspflicht einzuführen, damit man sicher sein kann, dass Bodo Ramelow nicht mit Stimmen der AfD ins Amt zurückgehievt wurde.

Die CDU zur dominanten Kraft im linken Lager zu machen ist eine Strategie, die Angela Merkel seit Langem beharrlich verfolgt. Die große Koalition war bei ihren Vorgängern immer als Ausnahme gedacht, bevor man zur natürlichen Ordnung zurückkehren konnte, worunter die Koalition mit den Freidemokraten verstanden wurde. Merkel hat es nie so ausgesprochen, aber für sie war das Bündnis mit der SPD eine politische Heimatfindung.

Dass man Rot-Grün jetzt in der Union ganz neu denkt, also als Pakt mit den Grünen und, wenn es die Lage erfordern sollte, dann auch mit der Linkspartei, ist so gesehen nur konsequent. Man darf sich nicht täuschen: Der Unvereinbarkeitsbeschluss, der jede Zusammenarbeit mit der Linken verbietet, ist bestenfalls das Papier wert, auf dem er steht.

Die Wähler empfinden noch anders. Dieses Realignment ist ja nicht Ausdruck des Volkswillens, sondern eines von oben verordneten Kulturkampfs. Auch deshalb wird mit großem rhetorischem Aufwand versucht, dem Vorgang eine nachträgliche Legitimation zu verschaffen.

Kaum etwas hat die Linke immer schon so gehasst wie die Totalitarismusthese, wonach Nationalsozialismus und Kommunismus neben großen Unterschieden eben auch frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Es sei die Hufeisentheorie, die ins Unglück geführt habe, heißt es jetzt, also die Vorstellung, dass sich die Extreme berühren würden.

Genau besehen ist schon der Begriff „Mitte“ verdächtig, weil er ja insinuiert, dass es zwei Ränder gibt, also einen linken und einen rechten Rand. Dass es genau dieses Denken sei, das den Aufstieg der AfD erst möglich gemacht habe und das, wenn man nicht aufpasse, in Buchenwald ende, ist das Mantra der Stunde.

Unter den Bedingungen der Demokratie ist es wahnsinnig schwer, 30 bis 40 Prozent der Wähler von der Einflussnahme auf parlamentarische Prozesse auszuschließen. Und auf 30 bis 40 Prozent kommt man, wenn man zur AfD die Teile von CDU und FDP hinzuzählt, die nun unter Faschismusverdacht geraten sind. Man muss sich also etwas einfallen lassen.

In Nordrhein-Westfalen hat die SPD jetzt ein Gesetz vorbereitet, das verhindern soll, dass Gesetze den Landtag passieren, an denen sich die parlamentarische Rechte beteiligt hat. Wie sich dieses Anti-AfD-Dokumentationspflicht-Gesetz mit der Gewissensfreiheit des Abgeordneten verträgt, ist ein Rätsel. Aber wer weiß, vielleicht hat jemand ja noch eine gute Idee.

Rot-grüner Mainstream: Die zwei Gründe, weshalb Journalisten viel linker als das Land sind

Journalisten sehen sich gern als mutige Streiter wider den Mainstream. Leider legen die Zahlen nahe, dass es mit dem Widerspruchsgeist nicht so weit her ist. Die meisten Medienmenschen bewegen sich in einem Umfeld, in dem fast alle so denken wie sie selbst.

Ein typischer Tag beim Deutschlandfunk verläuft so: Eine Mode-Bloggerin erklärt anlässlich der Berlin Fashion Week, warum sie gegen Mode sei – weil Mode den Klimawandel befördere.

Ein junger Sprachwissenschaftler berichtet über die neuesten Initiativen, mithilfe gendergerechter Sprache zu einem besseren Verhältnis der Geschlechter zu kommen. Lehrer heißen bei dem in Köln beheimateten Sender nicht länger „Lehrer“, sondern „Lehrende“, wie man bei der Gelegenheit erfährt.

Es folgt ein Beitrag über „rassistische Elemente“ im Werk des berühmten „Brücke“-Malers Otto Müller. Das Bild „Zwei Zigeunerinnen mit Katze“ zeige Frauen als „exotische Verführerinnen“ und tradiere so Klischees über Sinti und Roma, weshalb sich das Museum entschlossen habe, das Bild nur noch in Verbindung mit einem Dokumentarfilm zu zeigen.

Sie denken, ich übertreibe? Dann haben Sie seit Längerem nicht mehr Deutschlandfunk gehört. Weil auch anderen Hörern aufgefallen ist, dass weite Teile des Programms so klingen, als führten Annalena Baerbock und Robert Habeck die Oberaufsicht, hat sich ein Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ neulich einem Selbstversuch unterzogen. Sein Fazit: Früher hätten Konservative die öffentlich-rechtlichen Anstalten als „Rotfunk“ geschmäht, heute müsste man von einem „Grünfunk“ reden.

Insofern war ich doch überrascht, auf der Seite des Senders einen langen Text zu finden, warum es gar nicht wahr sei, dass das Herz des deutschen Journalisten links schlage. Tatsächlich sei es ein Vorurteil zu glauben, die Mehrheit in den Medien tendiere zu Rot-Grün.

Insbesondere linke Journalisten hören es nicht gern, wenn man sie links nennt, die Erfahrung habe ich schon öfter gemacht. Ich glaube, das hängt mit dem Selbstbild zusammen. Journalisten sehen sich gern als mutige Streiter wider den Mainstream. Wenn man sagt, dass sie in einem Umfeld arbeiten, indem die meisten so denken wie sie, schmälert das ein wenig den Heroismus. Wer gilt schon gern als Mitläufer?

Leider legen die Zahlen nahe, dass es mit dem Widerspruchsgeist nicht so weit her ist. Es gibt nicht viele Studien zu den politischen Vorlieben von Medienmenschen. Eine der größten stammt von 2005 und kommt vom Hamburger Institut für Journalistik. Danach verteilte sich die politische Sympathie wie folgt: Grüne 35,5 Prozent, SPD 26 Prozent, CDU 8,7 Prozent, FDP 6,3 Prozent, sonstige 4 Prozent, keine Partei 19,6 Prozent.

Jüngere Studien kommen zu einem ähnlichen Befund. Mal ist die Zahl derjenigen größer, die sich politisch nicht zuordnen wollen. Mal liegen die Sozialdemokraten besser, mal liegen sie schlechter. Aber am Trend ändert sich nichts: Wenn deutsche Journalisten den Bundeskanzler stellen könnten, käme der nicht aus dem bürgerlichen Lager.

Selbst in Redaktionen, in denen man es nicht erwarten sollte, gibt es eine klare Mehrheit für Rot-Grün. Bei der „Welt“, dem konservativen Flaggschiff des Springer-Konzerns, weiß man es genau, seit die Redaktion vor ein paar Jahren anlässlich einer Bundestagswahl eine Testwahl unter den Kollegen durchführte. Das Ergebnis hing dann zwei Wochen am schwarzen Brett des Springer-Hochhauses in Berlin, bis der Vorstand es abnehmen ließ, weil man nicht jedem Besucher auf die Nase binden wollte, dass der heimliche Lebenstraum eines „Welt“-Redakteurs ein Platz bei der „Süddeutschen“ ist.

Linke Medienkritiker weisen gern darauf hin, dass die Chefredakteure oft sehr viel konservativer sind als die Mannschaft. Das mag stimmen, aber es hat im Redaktionsalltag weniger Auswirkungen, als man annehmen sollte (oder sich der Chefredakteur einbildet). Es gibt viele Möglichkeiten, die Anweisung von oben zu unterlaufen – ich spreche aus Erfahrung. Themenvorschläge werden ignoriert, oder der Chefredakteur bekommt zu hören, dass sich leider keine Belege für seine These finden ließen.

Warum sind so viele Journalisten links eingestellt? Ein Grund ist das, was die Soziologie Selektionsverzerrung nennt. Der typische Journalist hat Germanistik, Geschichte oder Politik studiert. Jura oder Ingenieurwissenschaften, also Studiengänge, in denen man linken Gedanken abwartend gegenübersteht, kommen eher selten vor. Weshalb tendieren Geisteswissenschaftler so stark nach links? Die Betroffenen würden vermutlich sagen, weil ihnen die Gerechtigkeit besonders am Herzen liegt. Meine Antwort wäre, dass es sich um eine Art Kompensationshandlung handelt.

Mein Freund Roger Köppel, heute Chefredakteur der „Weltwoche“, hat das einmal so beschrieben: Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Bill Gates zur Schule gegangen. Jetzt sitzen Sie vor dem Fernseher, während eine Dokumentation über Ihren ehemaligen Klassenkameraden läuft. Der Kopf Ihrer Frau dreht sich, sie spüren schon den unausgesprochenen Vorwurf: „Bill Gates hat 50 Milliarden, du hast es nur zum Redakteur einer mittelgroßen Zeitung gebracht, was ist schiefgelaufen?“ Da haben Sie nur eine Chance, wie Sie sich herauswinden können. Sie sagen: „Das stimmt schon, Bill Gates ist viel reicher als ich. Aber ich habe mich nicht korrumpieren lassen. Ich bin nicht zum Kapitalistenschwein geworden.“

Ist es schlimm, dass die Mehrheit der Journalisten mit linken Ideen sympathisiert? Konservative klagen oft über die Voreingenommenheit der Medien. Was die Ungleichbehandlung der politischen Lager angeht, haben sie zweifellos Recht. Als Grüner kann man anstellen, was man will, ohne dass man schlechte Presse fürchten muss. Selbst der größte Unsinn wird mit Nachsicht quittiert. Wenn sich die bayerische Spitzengrüne Katharina Schulze bei „Markus Lanz“ um Kopf und Kragen redet, heißt es anschließend: Okay, der Auftritt war nicht optimal, aber sie ist eine so nette Person, da muss man doch nicht gleich draufhauen.

Die tröstliche Nachricht ist: Die Voreingenommenheit spielt für die Wahlentscheidung eine weit geringere Rolle, als man vermuten sollte. Wäre es anders, hätte Helmut Kohl nie Bundeskanzler werden können. Was wurde der Mann nicht verspottet, als Gimpel, als Tor, als Birne: Trotzdem wählten ihn die Deutschen mit so schöner Regelmäßigkeit, dass sich am Ende kaum noch jemand an eine Zeit ohne ihn erinnern konnte. Woran man erkennen kann, dass sich die Leute eine eigene Meinung erlauben, allen Kommentaren oder auch Kolumnen zum Trotz.

Es wird übrigens nicht besser werden, was die politische Einseitigkeit angeht, das lässt sich schon jetzt sagen. Als ich auf der Journalistenschule war, gab es wenigstens noch ein paar Leute, die nicht Germanistik studiert hatten. Die sind heute alle verschwunden, in die Kanzleien oder in die Wirtschaftswelt.

Wer heute Journalist wird, muss entweder finanziell unabhängig sein – oder er ist sehr intrinsisch motiviert, also von einem starken Missionsgeist erfüllt. Es ist im Prinzip schön, wenn Menschen von ihrer Sache sehr überzeugt sind. Es kann leider nur furchtbar nerven, wenn sie alle ständig daran teilhaben lassen.

Wann sind wir bloß alle so empfindlich geworden?

Wir sind eine Gesellschaft unter permanentem Entschuldigungszwang. Irgendjemand fühlt sich immer beleidigt. Niemand sagt: „Reiß dich zusammen! Weine woanders!“ Dabei würde genau das helfen

Ein Bekannter erzählte mir beim Abendessen eine Geschichte. Sein Vater traf bei einem Empfang in München auf Gerhard Schröder. Der Abschied aus dem Kanzleramt lag zu diesem Zeitpunkt vier Monate zurück, über die Anschlussverwendung bei Gasprom hatten die Medien breit berichtet. Alle tranken Bier, nur Schröder hielt ein Glas Rotwein in der Hand.

„Na, das hat wohl Gasprom bezahlt“, sagte der Vater, in der Absicht, Schröder zu provozieren. Der erwiderte leichthin: „Wenn Gasprom bezahlt hätte, wäre das Glas deutlich größer.“

Manchmal wünsche ich mir Schröder zurück. Nicht unbedingt seine Politik, obwohl auch die ihre Vorzüge hatte. In jedem Fall aber die Coolness im Umgang mit Vorhaltungen und Kritik an seinem Lebensstil. Uns wird heute gesagt, so wie Schröder dürfe man nicht mehr auftreten. Ich höre schon das Stöhnen derjenigen, die sagen, einer wie Schröder sei völlig aus der Zeit gefallen. Das mag sein, der Mann ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Aber die Nonchalance, mit der er es ablehnte, sich für sein Verhalten oder seine Ansichten zu entschuldigen, finde ich vorbildlich.

Wir sind eine Gesellschaft unter permanentem Entschuldigungszwang. Irgendjemand fühlt sich immer beleidigt, sodass man aller Welt versichern muss, wie sehr es einem leidtue, welches Unrecht ihm und seinesgleichen widerfahren sei. Niemand sagt: „Reiß dich zusammen! Deal with it! Weine woanders!“ So etwas zu sagen gilt als unschicklich und schrecklich unsensibel.

Der Hang zur Empfindlichkeit ist keine Sache der politischen Präferenz. Was die Kränkungsbereitschaft angeht, hat die Rechte zur Linken aufgeschlossen. Man kann die Empfindlichkeit aber geografisch einengen. Wenn es so etwas wie einen Hotspot des eruptiven Beleidigtseins gibt, dann ist es die Universität. Nirgendwo ist die Wahrscheinlichkeit, einem Menschen mit fragilem Gemüt zu begegnen, größer als auf einem Campus.

Kaum eine Woche, in der nicht irgendwo Studenten die Fassung verlieren, weil entweder jemand auftritt, der nach ihrer Meinung nicht auftreten sollte. Oder weil ein Thema behandelt wird, von dem sie finden, dass es besser unbehandelt bliebe. Vorletzte Woche war es Frankfurt, wo eine Diskussion über das Kopftuch so aus dem Ruder lief, dass die Polizei kommen musste. Davor machte die Hamburger Uni mit Getobe rund um die Vorlesungsreihe des Wirtschaftsprofessors Bernd Lucke Schlagzeilen.

Es wird auch immer bizarrer. Zum Jahreswechsel kündigte die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch den Besuch einer Veranstaltung zu „Klimawandel und Gender“ an der Freien Universität Berlin an. Sie interessiere brennend, was der Klimawandel mit dem Geschlechterverhältnis zu tun habe und ob Männer und Frauen unterschiedlich betroffen seien, schrieb sie. Das war erkennbar ironisch gemeint. Anderseits: Soll man nicht froh sein, wenn eine AfD-Abgeordnete ihr Milieu verlässt, um Neues zu erfahren? Wer weiß, vielleicht hört sie ja Dinge, die sie ins Nachdenken bringen. Man könnte es auf einen Versuch ankommen lassen.

Aber nein, kaum hatte Frau von Storch ihre Ankündigung verbreitet, forderte die Studentenvertretung von der Universitätsleitung ein „klares Zeichen gegen rechte Hetze“ und verlangte ein Hausverbot. Weil selbst in Berlin ein Unipräsident nicht einfach Leute aussperren kann, wie er lustig ist, wurde die Veranstaltung kurzerhand von den Organisatoren abgesagt. Selbstauflösung aus Angst vor der Seminarteilnahme einer bald 50-jährigen Politikerin: Das hat es in der deutschen Universitätsgeschichte noch nicht gegeben, würde ich vermuten.

Wir haben noch nicht amerikanische Zustände, wo sich die Studenten in spezielle Sicherheitszonen flüchten, wenn sie fürchten müssen, mit Gedanken oder Meinungen konfrontiert zu werden, die sie erschüttern könnten. Aber wir sind nicht mehr weit davon entfernt. Aus dem nichtigsten Anlass fallen junge Menschen von einer Ohnmacht in die andere. Wenn nicht gerade irgendwelche Gleichstellungsaktivisten aufschreien, dass man über ihre Gefühle getrampelt sei, findet sich sicher eine feministisch bewegte Person, die geltend macht, dass man sich sexistisch oder rassistisch geäußert habe.

Es nützt einem auch nichts, wenn man zuvor als Kämpfer für die gute Sache hervorgetreten ist. Der Dekan der juristischen Fakultät der Leipziger Universität, Tim Drygala, gilt als aufrechter Mann, seit er sich gegen einen Kollegen stellte, der mit islamfeindlichen Bemerkungen aufgefallen war. Als Drygala Anfang der Woche auf Twitter einen Witz riss, der als unsensibel empfunden wurde, gab es trotzdem kein Pardon.

Der Witz lautete: „In der Revisionsklausur müssten die Frauen eigentlich besser abschneiden. Sie sind geübt darin, anderer Leute Fehler zu finden.“ Das reichte, um den Professor vor den Fakultätsrat zu zerren. Drygala hat jetzt alle Twitter-Aktivitäten eingestellt. Wenn man auf sein Profil geht, erscheint der Hinweis, dass man einem Nutzer zu folgen versuche, den es nicht mehr gebe.

Was ist da los? Eine Erklärung wäre, dass wir es mit einer Generation von Studenten zu tun haben, die durch die Hände sogenannter Helikoptereltern gegangen sind, also Eltern, die überall Gefahren sehen und von morgens bis abends über das Wohlergehen ihrer Kleinen wachen. Dass sich die Überbehütung nachteilig auf die Psyche auswirkt, haben Erziehungswissenschaftler schon länger vermutet. Jetzt ist der Beweis erbracht, würde ich sagen.

Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt hat darauf hingewiesen, dass der Versuch, Kinder vor Nussallergien zu bewahren, indem man Nüsse grundsätzlich von ihnen fernhält, das Gegenteil von dem bewirkt, was man erreichen wollte. Das Immunsystem lernt nicht, dass Nüsse harmlos sind, was wiederum die Zahl der Allergien in die Höhe treibt.

So geht es auch mit Ideen, sagt Haidt. Wer Kinder vor bösen Gedanken schützen will, verhindert, dass sie eine Abwehr aufbauen, die ihnen erlaubt, den Kontakt mit fremden Ideen unbeschadet zu überstehen. Wenn sie dann tatsächlich einmal einer als anstößig empfundenen Meinung ausgesetzt sind, erleiden sie einen Schock. Anstatt ruhig und gefasst Gegenargumente zu sammeln, sind sie nur noch fähig, um Hilfe zu rufen, bis die Polizei kommt.

Was kann man tun? Die naheliegendste Lösung ist, die Frustrationstoleranz zu erhöhen. Wenn sich Kinder auf den Boden werfen und mit den Händen auf den Teppich trommeln, weil man ihnen einen Wunsch versagt hat, soll man ihnen Trost spenden, aber nicht nachgeben. Erwachsenwerden bedeutet zu lernen, sein seelisches Gleichgewicht auch unter widrigen Umständen zu behalten.

Gerhard Schröder hatte übrigens keine einfache Kindheit, er musste sich nach oben durchboxen. Vielleicht ist er deshalb heute von solch heiterer Gelassenheit.

Sieg des Sentimentalismus

Harry und Meghan als Hoffnungsträger aller Opfer von Diskriminierung? Die politische Bewertung des Rückzugs des britischen Adelspaars zeigt, dass es mit den richtigen Sätzen selbst der Multimillionär zum linken Emanzipationssymbol bringen kann.

Eine feste Größe in der Berichterstattung der bunten Blätter ist die reiche, aber unglückliche Frau, die unter den Umständen leidet. Sie mag Millionen auf dem Konto haben und mehr Adelstitel besitzen als andere Leute Unterhemden: Wenn es ums Lebensglück beziehungsweise -unglück geht, ist sie nicht besser dran als du und ich, also ganz nah bei den Lesern.

Das ist selbstredend Quatsch, wie alles, was auf Sentimentalität beruht. Aber es ist tröstlicher Quatsch, deshalb verkauft er sich. Meine linken Professoren hätten gesagt, dass die Regenbogenpresse den Leuten ihre bunten Geschichten unterjubele, damit sie die Machtverhältnisse nicht infrage stellten. Das war vielleicht etwas zu marxistisch gedacht. Sie können sich trotzdem mein Erstaunen vorstellen, als ich jetzt ausgerechnet beim „Spiegel“ auf die linke Version der Herzblatt-Geschichte stieß.

Für jeden klarsichtigen Menschen ist der Privatisierungsentschluss des Herzogs und der Herzogin von Sussex die Folge einer Fehlkalkulation bei der Eheschließung. Für den „Spiegel“-Redakteur Jonas Schaible ist der Rückzug der beiden nach Kanada eine „Botschaft der Selbstfindung, Emanzipation, aber auch der nicht-weißen Vielfalt“, wie es im schönsten Proseminar-Jargon in einer „Analyse“ hieß, die vergangene Woche online ging.

Bündnispartner bei dem Ausbruchsversuch seien nicht die traditionellen Fans des Königshauses, von denen wenig Verständnis zu erwarten sei, ließ der Autor seine Leser wissen. Alliierte seien vielmehr alle, „die nicht in die alten Strukturen der britischen Gesellschaft passen“: Schwarze, Muslime, Frauen, Einwanderer, kurzum diejenigen, die „die Selbstermächtigung eines jeden und einer jeden über das Anspruchsdenken der anderen stellen, die sich von den auferlegten Lebenswelten emanzipieren wollen, die für Antirassismus und Feminismus eintreten“.

Ich bin vor Lachen fast vom Stuhl gekippt, als ich das las. Harry und Meghan als Hoffnungsträger aller Diskriminie- rungsopfer? Wenn es jemanden gibt, der sich vor Bewun- derung nicht retten kann, dann das britische Adelspaar. Es gibt auch nicht viel, was Meghan und Harry mit, sagen wir, einer polnischen Putzfrau oder einem rumänischen Klemp- ner verbindet, außer dass die einen die Steuern zahlen, von denen die andern ihre Häuser renovieren lassen. Aber so nüchtern können selbst linke Journalisten die Dinge im Meghan-Rausch nicht sehen.

In Wahrheit ist der Megxit die Geschichte eines Missverständnisses. Eine junge Frau aus Hollywood verliebt sich in einen Prinzen. Als er ihr die Ehe anträgt, glaubt sie, Disney würde wahr. Dass das Leben als Royal eine endlose Abfolge von Repräsentationsterminen bedeutet, das hat ihr keiner gesagt – oder sie wollte es nicht hören. Morgens Altenheim, mittags Veteranenverband, danach Besuch im Krankenhaus, um den Moribunden Zuspruch zu spenden: So zieht es sich dahin. Dazu eine Presse, die jeden Protokollverstoß hämisch kommentiert. Kein Wunder, dass man da als Hollywood-Aktrice schlecht drauf kommt.

Der Text im „Spiegel“ weist auf ein grundsätzliches Problem hin, deshalb habe ich ihn ausführlicher zitiert. Ich habe die Linke immer für ihren klaren ökonomischen Blick auf die Welt geschätzt. Wer in Interessenlagen denkt, ist relativ immun gegen Sentimentalismus und falsche Solidarität. Leider gibt es die marxistisch geschulte Linke, die in Interessengegensätzen zu denken vermochte, kaum noch. An ihre Stelle ist eine akademische Linke getreten, der die Frage nach der Zugehörigkeit wichtiger ist als jede Klassenfrage.

Was heute unter dem Begriff „Identitätspolitik“ läuft, ist die Aufgabe ökonomischer Kategorien zugunsten von psychologischen. Statt danach zu fragen, wie man für materiellen Ausgleich sorgen kann, kümmert man sich lieber darum, dass jeder sich wertgeschätzt und anerkannt fühlt. Das hat kurzfristig politisch durchaus Vorteile. Anerkennung ist leichter zu organisieren als materieller Aufstieg. Es reicht, dass man die richtigen Worte findet oder Anteilnahme zeigt, wenn jemand es schwer im Leben hat. Billiger ist Fortschritt nicht zu haben, würde ich sagen. Mit den entsprechenden Postings bei Facebook oder Instagram wird selbst die millionenschwere Glamour-Amsel zum Emanzipationssymbol – oder wie es heute heißt: zu einer Botschafterin der „Selbstermächtigung“ und „Selbstverortung“.

Der Nachteil des Strategiewechsels ist allerdings ebenfalls evident. Den Erfolg klassischer Sozialpolitik konnte man am Haushaltseinkommen ablesen und, wenn es gut lief, an den Studienabschlüssen der Kinder. Kultureller Fortschritt ist sehr viel schwerer zu ermessen. Wann kann die schwarze, lesbische Frau muslimischen Glaubens von sich sagen, dass sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist? Wenn niemand sie mehr fragt, wo sie herkommt? Oder wenn die Zahl schwarzer, lesbischer Musliminnen in Vorstandsetagen dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht.

Gleichberechtigung ist als politisches Programm unendlich, deshalb wächst der Bedarf ja auch mit dem Bemühen um mehr Gerechtigkeit. Es ist kein Zufall, dass noch nie so viel über Benachteiligung geklagt wurde, obwohl sich die Lage von Minderheiten über die letzten 30 Jahre entscheidend verbessert hat.

Vermutlich ist die Vernachlässigung der Klassenfrage der zentrale strategische Fehler der Linken, weil Identitätspolitik ein Gefühl der Solidarität annimmt, das so nicht existiert. Die traditionelle Klientel mag in Wahrheit nicht einsehen, warum sie Mitleid mit Leuten haben soll, deren Lebenswirklichkeit himmelweit von der eigenen entfernt ist.

Nicht jede Verkäuferin zerfließt in Tränen, wenn sie vom Schicksal einer migrantisch bewegten Soziologiestudentin hört, deren größtes Problem im Leben es ist, dass sie öfter danach gefragt wird, woher sie denn stamme. Manche würde gerne mal auf ihren Namen oder ihre vermutete Herkunft angesprochen. Es wäre eine nette Abwechslung in einem ansonsten relativ monotonen Arbeitsalltag.

Ich bin erklärtermaßen Fan des britischen Komikers Ricky Gervais. Bei einer seiner Golden-Globe- Moderationen hat er die Schauspielerin Jennifer Lawrence aufs Korn genommen, die gerade mit der Forderung nach „Equal Pay“ die Herzen der Presse erobert hatte. „Sie bekam Unterstützung von Leuten von überallher“, sagte Gervais. „Es gab Demonstrationen von Krankenschwestern und Fabrikarbeitern, die sich fragten: Wie, in Gottes Namen, kann eine 25-Jährige nur von 52 Millionen Dollar im Jahr leben?“

Als er Anfang des Monats wieder an der Reihe war, endete Gervais seine Moderation mit der Bitte an die Gäste, sich ihre Preise abzuholen und dem Fernsehpublikum ansonsten Kommentare oder politische Statements zu ersparen. „Ich mache mich nicht über Hollywoods Millionäre her, weil sie ein Haufen Linker sind. Ich bin selbst ein Linker“, erklärte er im Anschluss. „Ich habe sie mir vorgenommen, weil sie ihre linken Überzeugungen wie Orden vor sich hertragen.“

Wie rechts darf man als Schriftsteller sein?

Der Schriftsteller als Mahner und kritische Instanz hat in Deutschland eine lange Tradition. Heinrich Böll und Günter Grass haben diese Rolle in Vollzeit bekleidet. Warum reagiert das Feuilleton also so allergisch, wenn der Erfolgsautor Uwe Tellkamp die Tradition wiederbelebt?

Das Lingnerschloss am Dresdner Elbhang ist eine der prachtvollsten Villen in der an Villenpracht reichen Stadt. Von der Terrasse hat man einen imposanten Blick über das Elbtal, entsprechend beliebt ist das zwischen 1850 und 1853 errichtete Palais bei Hochzeitspaaren und Festgesellschaften.

Im Januar sollte hier eine neue, von der Kulturzeitschrift „Tumult“ ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe beginnen. Für die Auftaktveranstaltung hatte man den Autor Uwe Tellkamp verpflichten können, mit einer Lesung aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Roman. Doch daraus wurde nichts, und es wird auch nichts daraus werden. Überraschend zog das Lingnerschloss seine Zusage zurück. Die Veranstaltungsreihe und mithin der Auftritt Tellkamps widerspreche dem Neutralitätsgebot, dem man sich verpflichtet fühle, erklärte der zuständige Förderverein.

Das ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Vorgang. Tellkamp ist nicht irgendein Autor, sondern der bekannteste Autor der Stadt. Was Günter Grass für Lübeck und Heinrich Böll für Köln, das ist der ausgebildete Chirurg für Dresden. Große Teile seines Erfolgsromans „Der Turm“, der es nach seinem Erscheinen 2008 zu einer schwindelerregenden Auflage brachte, spielen hier. Tellkamp selbst hat von den Tantiemen im Stadtteil Weißer Hirsch eine Souterrainwohnung gekauft, in der er seitdem am Nachfolgebuch arbeitet.

Der Verweis auf ein Neutralitätsgebot, das es zu achten gelte, ist auch deshalb eigenartig, weil der Veranstalter nicht eine politische Veranstaltung, sondern eine Lesung angekündigt hatte. Die Rolle, in der Tellkamp seinem Publikum gegenübertritt, ist die des Schriftstellers, dafür wird er verehrt; dass er sich hin und wieder politisch äußert, ist eher der Gelegenheit geschuldet. Seine politischen Einlassungen sind auch nicht außergewöhnlich. Ausweislich der Umfragen (und der Wahlergebnisse der AfD) teilen über 25 Prozent der Bürger in Sachsen seine Meinung. Außergewöhnlich ist, dass ein Suhrkamp-Autor sich kritisch zur Flüchtlings- oder Europapolitik der Regierung äußert.

Ich habe Tellkamp in den vergangenen zwei Jahren mehrfach getroffen. Das erste Mal sahen wir uns anlässlich einer Lesung in Weimar. Es war Tellkamps erster öffentlicher Auftritt, nachdem er ein paar Monate zuvor bei einer Diskussionsveranstaltung im Dresdner Kulturpalast sein Debüt als Kritiker des Zeitgeschehens gegeben hatte. Tellkamp hatte bei einer Diskussion mit dem Schriftstellerkollegen Durs Grünbein unvorsichtigerweise seine Sympathie für den Teil des ostdeutschen Publikums zu erkennen gegeben, der grundsätzlich mit der Regierungspolitik hadert. Ich meine mich an einen Artikel in einer führenden Zeitung zu erinnern, in dem stand, dass man von nun an keine Tellkamp-Bücher mehr lesen könne.

Der Schriftsteller als Seismograf und gesellschaftlicher Mahner hat in der Bundesrepublik Tradition, so ist es nicht. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob Autoren notwendigerweise auch politisch weitsichtige Menschen sind. Nur weil jemand großartig über innere Vorgänge oder menschliche Verwicklungen schreiben kann, ist er nicht automatisch ein besonders scharfsinniger Denker. Doch die Öffentlichkeit billigt dem Autoren eine besondere moralische Kompetenz zu. Vielleicht ist es die Sensibilität, die man Künstlern unterstellt, oder die Leser denken, dass der eher meditative Lebensstil tiefere Einsicht begünstigt.

Im Grunde knüpft Tellkamp also nur an eine Rolle an, die Leute wie Grass und Böll als Vollzeitstelle bekleidet haben. Aber so einfach lässt man ihn nicht davonkommen. Es macht eben einen gewaltigen Unterschied, ob der kritische Geist von links oder rechts weht.

Ich würde auch immer einwenden, dass es das Privileg des Schriftstellers sei, Unsinn zu verzapfen. Böll hat als Kommentator hanebüchenes Zeug von sich gegeben, ohne dass dieses seinem Ruf als moralischer Instanz Abbruch getan hätte. Unvergessen ist der „Spiegel“-Essay, in dem Böll die erste Generation von RAF-Terroristen als fehlgeleitete Idealisten gezeichnet hatte, die vom Staat in den Untergrund getrieben worden seien. Auch Grass war von erstaunlicher Eigenwilligkeit im Umgang mit Fakten. Erst als er auf seine alten Tage sein Engagement bei der Waffen-SS allzu salopp der eigenen Biografie einzugliedern versuchte, merkten diejenigen im Feuilleton auf, die bis dato jede seiner Einlassungen als gottgleich hingenommen hatten.

Tellkamp ist ein scheuer Mensch. Ihm fehlen das Selbstbewusstsein und die Robustheit des von einer politischen Mission überzeugten Großschriftstellers. Wenn er sich zu Fragen der Einwanderung äußert, dann eher aus Verbitterung über die Hochnäsigkeit, mit der im Westen über die Landsleute geurteilt wird, denen er sich zugehörig fühlt. Dass man den Menschen aus Sachsen and Thüringen den politischen Verstand abspricht, weil sie sich anders äußern, als man es in München oder Hamburg erwartet, erzeugt bei ihm eine Gereiztheit, die sich in impulsiven Gelegenheitsauftritten entlädt.

Als wir im Herbst das letzte Mal sprachen, saß er an der Endfassung seines neues Romans. Die Arbeit sei im Wesentlichen abgeschlossen, sagte er, aber das muss bei ihm nichts heißen. Wer seine Arbeitsweise mit dem von Dombaumeistern vergleicht, denkt in anderen Zeiträumen. Tellkamp las dann aus einem Kapitel, das in einer Außenstelle der „Tausendundeine Nacht“-Abteilung des Verkehrsministeriums spielte, dem der Held zugeordnet ist. Von der Leyen tauchte auf, camoufliert als „Flintenbrigitte“, die Kanzlerin sowie eine Reihe ihrer Vasallen. Wenn man nach den Seiten, die er vortrug, auf das Buch schließen müsste, das dem „Turm“ folgen soll, erwartet den Leser eine ins Dystopische gewendete Vision der Merkel-Jahre.

Bei Suhrkamp lebt man in banger Erwartung des Buchs. Tellkamp gehört zu den wenigen Schriftstellern, die man nicht ins Weihnachtsgeschäft hieven muss, um Auflage zu machen. Die Wahrheit ist, dass viele der Suhrkamp-Autoren Tellkamp ihre Vorschüsse verdanken. Die Geschäftsgrundlage von Buchverlagen beruht auf einer Mischkalkulation, wo die Einnahmen des einen die Honorare der anderen subventionieren. Jemand wie Durs Grünbein, der Tellkamp als „Heimatautor“ verhöhnt, könnte ohne dessen Heimatschriftstellerei niemals von seinen eigenen anämischen Auflagen leben.

Selbstverständlich schlägt der Erfolg nicht zugunsten des Mannes aus Dresden aus. Tellkamp berichtete mir von der Begegnung mit einem Kollegen, der ihm nach dem Auftritt im Kulturpalast damit drohte, man werde dafür sorgen, dass Suhrkamp nichts mehr von ihm drucke, wenn sich so ein Vorgang wiederhole. Eine Art Orwell von rechts ist nicht das, was in der Suhrkamp-Welt geschätzt würde. Man darf vermuten, dass es da noch einen Tanz geben wird.

Der Förderverein des Lingnerschlosses hat jetzt angekündigt, selbstverständlich könne Tellkamp auftreten. Die Ausladung habe sich gegen die Zeitschrift „Tumult“ gerichtet, die die Veranstaltungsreihe ersonnen hatte, nicht gegen den Schriftsteller selbst. Der „Tumult“-Herausgeber Frank Böckelmann kommt übrigens von ganz links. Er hat mit Leuten wie Rudi Dutschke die Studentenrevolte angeführt, bevor er in die Kommunikationswissenschaft abbog. Böckelmann würde vermutlich sagen, dass er sich in seinem politischen Engagement treu geblieben sei. 

Kann uns nur noch die Kernenergie retten?

Die Strahlenangst gehört zur deutschen Identität. So wie die Liebe zum Auto. Leider gibt es nach Lage der Dinge nur eine Energiequelle, die verlässlich ist und gleichzeitig klimaneutral, und das ist die Atomenergie

Bei einem Besuch in London habe ich vor einigen Jahren ein Buch mit dem schönen Titel „Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia“ erstanden. Der Autor Francis Wheen beschreibt darin die seltsam fiebrige Stimmungslage Mitte der siebziger Jahre, als die eine Hälfte im Westen den Untergang der Zivilisation wegen der Hippie-Kultur für unausweichlich hielt und die andere Hälfte die Menschheit den Atomtod sterben sah. Auf dem Rückumschlag ist ein Mann abgebildet, der an einem Strand an lauter Badenden mit einem Schild vorbeiläuft, auf dem „The End Is Near“ steht.

Die Untergangsangst ist zurück. Selbst kluge Köpfe sind von der Überzeugung befallen, dass das Ende der Menschheit kurz bevorstehe, diesmal nicht wegen der Atom-, sondern wegen der Klimakatastrophe. Sie könne weinen, wenn sie daran denke, wie gering die Chancen ihrer Tochter seien, anno 2076 60 Jahre alt zu werden, schrieb neulich Marina Weisband, eine durchaus nachdenkliche Frau, die sich nach ihrem Ausscheiden bei den Piraten als Digitalexpertin einen Namen gemacht hat.

Lassen Sie uns nicht darüber diskutieren, wie berechtigt oder unberechtigt Ängste sind. Ich selbst halte es für extrem unwahrscheinlich, dass die menschliche Rasse ab dem Jahr 2076 nicht mehr existieren wird. Menschen neigen nun einmal zu Zwangsvorstellungen. Eine Freundin von mir kann über keine Brücke fahren. Sie ist von der Angst geplagt, dass die Brücke in dem Moment, in dem sie darüberfahren würde, einstürzen könnte, deshalb nimmt sie bei Reisen entsprechende Umwege in Kauf. Es ist völlig sinnlos, sie auf die Unwahrscheinlichkeit des von ihr befürchteten Ereignisses hinzuweisen.

Nehmen wir also an, wir alle seien dem Hitzetod geweiht. Wäre es dann nicht an der Zeit, über die einzige Maßnahme nachzudenken, die geeignet ist, das Schicksal abzuwenden? Nach Lage der Dinge gibt es nur eine Energiequelle, die verlässlich ist und gleichzeitig klimaneutral, und das ist die Atomenergie. Was die CO2-Bilanz angeht, ist die Kernkraft sogar der Solarenergie überlegen. Nur Windenergie und Wasserkraft können klimapolitisch mithalten.

Wo ich mit den Apokalyptikern übereinstimme, ist der Pessimismus, die Erderwärmung ließe sich durch Selbstdisziplin begrenzen. Ich glaube, Leute wie Marina Weisband haben zu 100 Prozent Recht, wenn sie der Politik die Fähigkeit absprechen, das Ruder noch rechtzeitig herumzureißen. Bis wir so weit sind, dass wir den Laden mit Sonne und Wind am Laufen halten, sind die Eisberge längst geschmolzen.

Ich kenne alle Argumente gegen die Nutzung der Kernenergie. Die Frage der Müllentsorgung ist nicht hinreichend geklärt. Es gab in der Vergangenheit mehrere schwere Unfälle. Aber wenn ich davon ausgehe, dass nur wenige Monate bleiben, um zu verhindern, dass die Erde unbewohnbar wird, ist es dann nicht klüger, auf eine Technologie zu setzen, bei der nur ein theoretisches Risiko besteht, dass sie uns im Stich lässt?

Bislang hieß es: Ja, sicher, dass sich Tschernobyl oder Fukushima wiederholen, ist extrem unwahrscheinlich – aber ein Atomunfall reicht, um einen ganzen Landstrich zu verwüsten. Dieses Argument hat sich erledigt. Wenn wir weitermachen wie bisher, so sagen uns die CO2-Experten, dann ist nicht nur ein Landstrich verwüstet, sondern der ganze Globus.

Auch an der Kernkraft ist der Fortschritt nicht vorbeigegangen, das kommt hinzu. Die neuen Meiler haben mit den alten AKWs, von denen bei uns die letzten 2022 außer Betrieb gehen, kaum etwas gemein. Moderne Reaktoren, die auf flüssiges Natrium als Kühlmittel setzen, wären in der Lage, aus abgebrannten Brennelementen Energie zu gewinnen, was auch den Blick auf das Problem mit dem Atommüll schlagartig ändert.

Tatsächlich kommt eine ganze Reihe von Experten zu dem Schluss, dass nur eine Renaissance der Atomenergie uns vor einem globalen Anstieg der Temperaturen bewahren kann. Selbst Greta Thunberg hat in einem unbedachten Moment zu erkennen gegeben, dass sie in der Kernkraft einen positiven Beitrag sieht. „Atomkraft kann laut Weltklimarat IPCC ein kleiner Teil einer großen neuen, kohlenstofffreien Energielösung sein“, postete sie auf Facebook. Sie hat das dann mit Rücksicht auf die Befindlichkeit der „Fridays for Future“-Aktivisten relativiert, indem sie ein paar Tage später hinzusetzte, sie persönlich sei natürlich gegen die Kernkraft. Aber das war eher ein taktisches Manöver.

Es ist mitnichten so, dass die Kernenergie tot ist. Sie spielt nur in Deutschland keine Rolle mehr. Schon ein paar Kilometer jenseits der deutschen Grenze, in Frankreich, stehen die ersten von insgesamt 58 Reaktorblöcken, von deren Stromerzeugung wir übrigens unmittelbar abhängen, wenn bei uns der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Auf der anderen Seite, in Tschechien, verrichten insgesamt sechs Atommeiler ihren Dienst, ohne dass jemand daran denkt, sie abzuschalten.

So kann man fortfahren: Schweiz fünf Meiler, Belgien und Spanien je sieben. Selbst das wegen seiner Klimaneutralität gelobte Schweden mag nicht auf die Kernenergie verzichten. In Finnland, das bereits über vier Reaktoren verfügt, wird gerade um einen Neubau gerungen.

Ich habe Angela Merkel vor ein paar Jahren einmal gefragt, was sie dazu bewogen habe, über Nacht die deutsche Energiepolitik umzustoßen. Im Nachhinein ist die Entscheidung, das Land vom Atomstrom abzukoppeln, möglicherweise der schwerwiegendste Fehler ihrer Regierungszeit.

Auch sie habe es mit der Angst zu tun bekommen, als sie die Bilder aus Fukushima gesehen habe, gab die Kanzlerin als Antwort. Das fand ich für eine Frau, der man nachsagt, kühl kalkulierend auf die Welt zu sehen, eine bemerkenswerte Aussage. Es wurde dann im weiteren Verlauf der Diskussion noch etwas hitzig, weil ich erwiderte, dass ich nicht gedacht hätte, dass eine CDU-Kanzlerin einmal wie Claudia Roth reden würde.

Vielleicht hat Angela Merkel mit ihrer Entscheidung auch einfach der deutschen Gemütslage Rechnung getragen. Die Wahrheit ist ja, dass von den Unionsanhängern unter dem Eindruck von Fukushima ebenfalls eine Mehrheit für die Sofortabschaltung aller hiesigen Kernkraftwerke war. Es ist in Japan kein Anwohner wegen Strahlen gestorben, die Toten waren alle Opfer des Tsunamis. Aber was zählen schon Zahlen, wenn das Gefühl regiert?

Die Strahlenangst gehört zur deutschen Identität. So wie die Liebe zum Auto, der Widerwille gegen das Tempolimit und die besondere Wertschätzung von schön dicht schließenden Fenstern. Man kann das auch politisch einordnen. Je weiter jemand nach links tendiert, desto größer seine Strahlenangst, weshalb schon die Anschaffung einer Mikrowelle in jedem sozialdemokratischen Haushalt eine große Sache war, wie ich aus eigenem Erleben weiß.

Vielleicht sollten wir die Klimakrise nutzen, an uns selbst zu arbeiten. Manchmal führt eine Krise ja dazu, dass man über sich selbst hinauswächst. Das gilt auch für Nationen.

Das Ende der Biologie

Wie viele Geschlechter gibt es? Sind es drei, fünf oder sogar 60? In jedem Fall haben Mann und Frau als Kategorien ausgedient. Wer heute noch an die Biologie glaubt, ist ein Hinterweltler, Düber den man nur den Kopf schütteln kann 

Die Kinderbuchautorin Joanne K. Rowling hat sich zu Fragen der Biologie geäußert. Rowling ist Mutter dreier Kinder, außerdem die Erfinderin der Harry-Potter-Welt. Dass sie drei Kinder großgezogen hat, erwähne ich, weil niemand, der Kinder hat, an den Grundfragen des Lebens vorbeikommt, wie erfolgreich er oder sie auch sein mag. Rowling hat geschrieben, dass sie nach wie vor davon ausgehe, dass es Männer und Frauen gebe und dass für sie das biologische Geschlecht nichts Erfundenes sei, sondern real.

Ich wurde darauf aufmerksam, weil sich augenblicklich ein Sturm der Entrüstung erhob. Wer wie die britische Autorin behaupte, dass es nur zwei Geschlechter gebe, werte Transmenschen ab, hieß es. Ihre Äußerung sei diskriminierend und perfide. Es folgte der Aufruf zum Boykott ihrer Bücher.

Frau Rowling wird den Aufruf, ihre Bücher zu meiden, verschmerzen können. Ich finde den Fall bemerkenswert, weil er zeigt, wie selbstverständlich in einem Teil der akademischen Linken die Vorstellung geworden ist, die Unterscheidung in Mann und Frau sei eine rückständige, um nicht zu sagen repressive Idee, die kein aufgeklärter Mensch mehr vertreten könne.

Die Frage, ob es mehr als Mann und Frau gibt, beschäftigt die akademische Öffentlichkeit schon seit Längerem. Der Theorie zufolge, die Einzug in die Seminarräume gehalten hat, ist Geschlecht nichts, was man vorfindet, so wie Gene oder Hormone, sondern Definitionssache und damit eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft. Wie viele Geschlechter es gibt – ob es drei sind, fünf oder wie bei Facebook 60 –, das ist Teil der akademischen Debatte. Aber dass die sogenannte binäre Ordnung der Vergangenheit angehöre, darüber besteht Einigkeit.

Man darf sich nicht täuschen: Nur weil etwas absonderlich wirkt, heißt das nicht, dass es nicht Wirkung entfalten kann. Tatsächlich hat kaum eine Disziplin eine solche Karriere hingelegt wie die Gender-Wissenschaften, wobei man von Wissenschaften im engeren Sinne eigentlich nicht sprechen kann. Keine der vorgetragenen Thesen hält einer Überprüfung durch die Biologie oder die Neurowissenschaften stand.

Im Grunde funktionieren die „Gender Studies“ wie Homöopathie. Es existiert eine Reihe von Hypothesen und Annahmen, die nicht durch das Prinzip von Bestätigung oder Falsifikation, sondern allein durch Wiederholung Wahrheitskraft erlangen. Dennoch gibt es inzwischen in Deutschland über 150 Lehrstühle.

Wie bei allen Theorien, die lange genug im Umlauf sind, verselbstständigt sich die Sache irgendwann. Aus Lübeck erreicht uns zum Jahreswechsel die Nachricht, dass die Stadtverwaltung einen Leitfaden zur „gendersensiblen Sprache“ verfasst hat, damit sich alle Bürger angesprochen fühlen, auch jene, „die sich nicht als Frau oder Mann beschreiben“. Bevor Mitarbeiter der Stadt in näheren Kontakt mit einem Lübecker treten, sollen sie zuerst ermitteln, welches Geschlecht der oder diejenige bevorzugt. Die Empfehlung zur Ansprache lautet: „Guten Tag Name Vorname, wie darf ich Sie in Zukunft ansprechen?“

Selbst in bayerischen Gemeinden wird inzwischen überlegt, ob man in Grundschulen nicht Toiletten für das dritte Geschlecht einführen sollte, also für Kinder, die angeblich nicht genau sagen können, ob sie nun Jungen oder Mädchen sind oder das nicht sagen wollen.

Wenn ich im Gemeinderat von Taufkirchen säße, würde ich mir die Frage stellen, ob es ein einziges Kind gibt, das durch den Toilettengang dokumentieren will, dass es grundsätzlich anders ist als alle anderen. Der sicherste Weg, zum Mobbing-Opfer zu werden, besteht doch darin, sich als Außenseiter zu outen. Aber solche Überlegungen spielen keine Rolle, wenn es darum geht, sich als aufgeschlossen und aufgeklärt zu beweisen. Vermutlich kämen die Gemeindemitglieder arg ins Schwimmen, wenn sie sagen sollten, was genau sie unter dem drittem Geschlecht verstehen. Sind Intersexuelle gemeint, also Menschen, die beide Geschlechtsmerkmale besitzen und deshalb wirklich nicht sagen können, ob sie Mädchen oder Junge beziehungsweise Frau oder Mann sind? Die Zahl ist allerdings sehr gering. Der Prozentsatz von Kindern, die als Zwitter geboren werden, liegt deutlich unter 0,1 Prozent.

Oder sind vielmehr Transsexuelle das Ziel der Baumaßnahme? Dann allerdings wäre die Investition in gesonderte Toiletten für die Katz. Der Transsexuelle besteht ja gerade darauf, ein Mann oder eine Frau zu sein, nur unglücklicherweise im falschen Körper beheimatet. Dass die Krankenkasse die Kosten für eine Geschlechtsumwandlung übernimmt, lässt sich nur damit begründen, dass Geschlecht eben keine Frage der Definition, sondern eine der Hormone ist. Wäre es anders, könnte man sich die Kosten für die Behandlung sparen. Dann müsste man dem Transsexuellen lediglich sagen, dass die binäre Ordnung ohnehin passé sei.

Je ausführlicher man sich mit der Materie beschäftigt, desto verwirrender wird es. In Kanada ist eine Gender-Aktivistin vor Gericht gezogen, weil sich die Mitarbeiterinnen mehrerer Schönheitsstudios geweigert hatten, ihr die Hoden zu wachsen. Die Aktivistin machte geltend, die Weigerung stelle eine Diskriminierung als Frau dar. Der Komiker Ricky Gervais hat die Geschichte zum Teil seines Stand-up-Programms gemacht, womit er sich augenblicklich den Vorwurf der Minderheitenfeindlichkeit einhandelte.

Manchmal lohnt es sich, ein wenig Abstand zu gewinnen. Ich bin seit zwei Wochen in Kenia und Tansania unterwegs. Ich kann natürlich nicht genau einschätzen, wie viele Menschen hier der Meinung sind, dass eine Romanautorin verdammt gehört, weil sie nach wie vor an die Biologie glaubt. Meine Vermutung wäre: Es sind weniger als 0,1 Prozent. Die meisten Menschen, die in Afrika leben, wissen noch nicht mal, was ein Gender-Stern ist. Würde man ihnen sagen, dass sich Frau und Mann als Geschlechter überholt haben, würden sie nur den Kopf über den verrückten Weißen schütteln.

In Wahrheit lassen sich die Zentren der neuen Geschlechtertheorie auf einer Weltkarte relativ gut eingrenzen. Es sind die amerikanischen Hochschulen an den beiden Küsten der USA sowie die europäischen Universitätsstädte, wobei Deutschland als Verbreitungsgebiet besonders hervorsticht. Was zu einer interessanten Frage führt: Wenn die Gender-Theorie den Anspruch erhebt, für alle Menschen zu gelten, muss man dann nicht unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass die Bewohner Afrikas besonders rückständig sind?

Vielleicht sollten die Vertreter der „Gender Studies“ mal mit den Kollegen von den „Kolonialismusstudien“ reden. Eine Tür weiter könnte man ihnen sagen, warum die Zeiten, als man im Westen glaubte, dem Rest der Welt überlegen zu sein, eigentlich vorbei sind.

Deutschland, deine Nervensägen

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wer ist dem Kolumnisten 2019 besonders aufgefallen, wer gehört zu den Auf- oder Absteigern?

Das Stadtmagazin „tip Berlin“ veröffentlicht einmal im Jahr eine Liste der „100 peinlichsten Berliner“. Wer es auf die Liste geschafft hat, der gilt in der Hauptstadt etwas, und sei es als Ärgernis. Diese Kolumne nimmt die Idee auf und präsentiert zum Jahresausklang fünf Menschen, die im Ruf stehen, besonders klug oder sympathisch zu sein, in Wahrheit aber furchtbare Nervensägen sind.

Heiko Maas, Außenminister

Gerade eben war er noch der Jogi Löw der Sozialdemokratie: der nette Junge aus dem Saarland mit der feschen Freundin und den etwas zu eng geschnittenen Hemden. Dann gab er plötzlich den Bad-Boy-Maas. Flog nach Ankara und posierte mit dem türkischen Außenminister, um klarzumachen, dass er die Richtlinien der Außenpolitik bestimmt und nicht etwa die Verteidigungsministerin. Schrieb Beiträge zum Mauerfall, in denen er aller Welt für das Geschenk der Einheit dankte, aber die Amerikaner bewusst ausließ. „Was kommt als Nächstes?“, fragte man sich. Sauna-Abende mit Xi Jinping? Ein Aufsichtsratsposten in einem chinesischen Staatsunternehmen?

Offenbar sieht Heiko Maas seine Zukunft doch eher als die Margot Käßmann der deutschen Außenpolitik. „Militärisch Frieden schaffen hat noch nie funktioniert“, erklärte er jetzt, was nicht nur mehrfach widerlegt ist, sondern auch eine erstaunliche Unkenntnis der deutschen Geschichte beweist. Aber wie das so ist mit dem EKD-Pazifismus: Wichtiger als das, was stimmt, ist das, was stimmen sollte.

Rezo, Berufsjugendlicher

Es gibt in der Musik das Phänomen des „One Hit Wonders“: ein Sommer lang ein Song, den alle mitsummen. Dann tingelt man 20 Jahre durch die Lande, und bei jedem Auftritt sagen die Leute: „Mensch, das ist doch ,Mambo Number 5‘, wie hieß noch mal der Sänger?“

Der Lou Bega des Journalismus heißt Rezo. „Die Zerstörung der CDU“ war nicht nur das meistgeklickte YouTube-Video des Jahres 2019: Es machte den Mann mit der blauen Haartolle über Nacht zur politischen Instanz, die zu allem um Auskunft gebeten wurde, was eine Stimme der YouTube-Generation verlangte – die Zukunft der Medien, die Krise der Demokratie, den Generationenkonflikt.

Auch Rezo ist mit 27 Jahren nicht mehr exakt der Jüngste, aber für die Redaktion der „Zeit“ verkörpert er die deutsche Jugend, weshalb sie ihm dort eine Kolumne antrugen. Dafür, dass er ihnen in Hamburg die Online-Welt erklärt, sehen sie auch über gewisse stilistische Schwächen hinweg. Wem zu Innenminister Horst Seehofer vor allem einfällt, dass er „Scheiße labert“, bekommt in der Redaktion am Speersort normalerweise nicht mal einen Praktikumsplatz. Weil Rezo alles zu sein scheint, was die „Zeit“ gern wäre, findet man „Scheiße labern“ als Ausdruck plötzlich cool und frech, also irgendwie heutig. Hoffen wir, dass der Zwang zur Jugendlichkeit nicht die Chefredaktion erreicht. Wenn demnächst auch Giovanni di Lorenzo wie Rezo reden sollte, wäre das selbst für die treuesten Leser ein Schock, da bin ich mir als „Zeit“-Abonnent fast sicher.

Robert Habeck, Grünen-Vorsitzender

Erinnern Sie sich noch an Björn Engholm? Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Herausgeber von Büchern mit Titeln wie „Die Zukunft der Freizeit“? Kanzlerkandidat der SPD 1993, dessen Reden immer so klangen, als habe Hermann van Veen sie geschrieben, und der sich gern auf die „sensiblen Potenziale“ im Lande berief?

Engholm heißt jetzt Robert Habeck. Niemand versteht es besser, den Gefühlssprech so klingen zu lassen, als habe er gerade etwas furchtbar Bedeutendes gesagt, auch wenn man später erkennt, dass es leider nur Gefühltes war. Dafür liegt ihm das Publikum zu Füßen, insbesondere das weibliche. Könnte ich einen Wunsch äußern, dann wäre es der, dass vorerst keine Journalistinnen mehr über den Parteivorsitzenden der Grünen berichten dürfen. Dann wäre immerhin ausgeschlossen, dass jedes Porträt mit einer Würdigung des jeweiligen Wuschelzustands seiner Haare beginnt. Männer sind, was Frisuren angeht, weniger zu beeindrucken.

Richard David Precht, Fernsehphilosoph

Dass man mit einem geisteswissenschaftlichen Studium im Rücken keine großen Sprünge macht, gehört zu den Wahrheiten, die einem bei Studienanfang leider nicht gesagt werden. Wäre es anders, hätte sich die Klage über den Gender Pay Gap erledigt. Der einzige Mensch, den ich kenne, der es mit einem Philosophiestudium zu Ruhm und Reichtum gebracht hat, ist Richard David Precht.

Precht kann man zu jedem Thema befragen, er hat garantiert eine Meinung, die in den Redaktionen auf Zustimmung stößt. Precht ist der kleinste gemeinsame Nenner der Debattenrepublik, das philosophische Ground Zero der „Titel, Thesen, Temperamente“-Welt: entschieden gegen den Klimawandel und für das Tierwohl, dezidiert gegen Ungleichheit und für mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Interessanter wäre es, schon aus Gründen der geistigen Beweglichkeit, mal andersherum. Aber diese Übung würde seinen Status als Mann, der immer die offen stehende Tür findet, in Gefahr bringen. Also bleibt Precht lieber bei den erprobten Nummern. Auch Richard Clayderman erschreckt das Publikum, wenn er sich abends ans Klavier setzt, nicht plötzlich mit Heavy Metal.

Daniel Günther, Nordlicht

Wie heißt der amtierende Ministerpräsident von Schleswig-Holstein? Nein, nicht Ralf Stegner. Der wäre es gern geworden, ist aber in der falschen Partei. Der aktuelle Ministerpräsident von Schleswig-Holstein heißt Daniel Günther. Sie müssen sich nicht grämen, wenn Ihnen der Name auf Anhieb nichts sagt. Kiel ist wirklich weit weg. Ich war mal da. Viel Wasser. Deshalb gibt es einmal im Jahr die Kieler Woche, laut Wikipedia eines der größten Segelsportereignisse der Welt. Damit wäre auch schon das Wichtigste über Kiel gesagt.

Vielleicht ist es die meditative Abgeschiedenheit des Nordens, die Herrn Günther beflügelt, sich mit einem guten Rat zu melden, kaum wurde irgendwo gewählt. Der CSU empfahl er nach der Wahl in Bayern, sich neue Leute an der Spitze zu suchen, die alten hätten versagt. Am Abend der Hessenwahl war er mit dem Vorschlag zu vernehmen, die Bundesregierung müsse sich härter in die Riemen legen: „Am Riemen reißen ist das Gebot der Stunde.“ Nach der Wahl in Thüringen wurden die „älteren Männer“ zurechtgewiesen, die Kritik an der Bundeskanzlerin geübt hatten. Das sei die Debatte von Leuten, die „ihre Karriereziele nicht erreicht“ hätten.

Ich weiß nicht, wie die weiteren Karriereziele von Herrn Günther aussehen. Die Wege vom Weisen aus dem Watt ins Kanzleramt sind jedenfalls steinig, die Erfahrung musste schon Björn Engholm machen, der Mann, der wie Habeck redete, als es Habeck noch gar nicht gab.

Huch, nur Männer? Können Frauen nicht nerven? Das kann ja gar nicht sein, eine Liste, auf der Frauen keine Rolle spielen. Deshalb demnächst am selben Ort zur selben Zeit die peinlichsten Prominentinnen. Nicht, dass noch jemand sagt, „Der schwarze Kanal“ benachteilige Frauen. Vielleicht haben Sie ja Favoriten. Wenn Sie Vorschläge haben, schreiben Sie uns.